Die Insel Usedom - Hermann Heinz Wille - ebook

Die Insel Usedom ebook

Hermann Heinz Wille

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Opis

In seinem 1953 erstmals erschienenen Erzählband zeichnet Hermann Heinz Wille ein anschauliches und lebensvolles Bild von einem Stück »Heimaterde«, stellt die Insel Use- dom und ihre Menschen so dar, wie sie sind und wie sie geworden sind. Vergangenheit und Gegenwert reichen sich in seinen Geschichten die Hand und weisen den Blick auf die Zukunft. Neben dem Historischen, das uns zeigt, wie das Land gewachsen ist und durch welche Ereignisse die Bevölkerung geprägt wurde, stehen gleichberechtigt die Schilderungen des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens. Hermann Heinz Wille schrieb seine Erzählungen aus Heimatliebe im besten Sinne: »Wer das Land kennt, in dem er lebt, dem bildet sich der Blick für das Große und Weite.« Der Band entstand nach zahl- reichen Urlaubswochen auf dem »gesegneten Fleckchen Erde, dem ich meine schönsten Sommer verdanke«, so Wille im Geleitwort.

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Die Insel Usedom

Hermann Heinz Wille

DieInsel Usedom

Mit Zeichnungen von Otto Manigk

HINSTORFF

Inhaltsverzeichnis

Ein Wort zum Geleit

Land am Meer

Mit Steinbeil, Hakenpflug und Streitaxt

Das Rätsel um Vineta

Der weiße Greif auf rotem Feld

Rings um das alte Schloß von Mellenthin

Aus gärender Zeit

Vom „Wigwam“ zum „Kaiserhof“

Lachend triumphiert das Leben

Unkel Kollett un annere Lüd

Brot des Meeres

Unerschöpfliche Natur

Aus einer alten Truhe

Das Flüsterbook

Als Gorki in Heringsdorf weilte …

Sturmflut

Swante Wostrossna – Helgoland der Ostsee

Vorwort zum photomechanischen Nachdruck der Ausgabe von 1953

Für den Autor ist es ein eigenartiges Gefühl, eines seiner ersten Bücher – geschrieben vor fast fünf Jahrzehnten für den Carl Hinstorff Verlag – als originäre Reprintausgabe mit den Illustrationen von Otto Manigk-Ückeritz in den Händen zu halten.

Was in den Wirrnissen der ersten Nachkriegsjahre, als Hunderttausende Menschen, die ihre Heimat verloren hatten, fern von ihr – so auch auf der noch vom Kriegsgeschehen gezeichneten Insel Usedom – eine neue Heimat suchten und zu finden hofften, eine Verlegerpersönlichkeit wie Peter E. Erichson bewog, einen jungen Autor zu ermutigen, ein Heimatbuch über die Insel zu sehreiben, ist im Geleitwort zur Erstauflage gesagt.

Ihr folgten mehrere Nachauflagen, ständig ergänzt, thematisch erweitert und buchkünstlerich neugestaltet, um den Lesern das neu Gewordene und das Werdende aufzuzeigen. So erscheint mir, im Rückblick betrachtet, der photomechanische Nachdruck der Erstauflage, für dessen Edition ich dem Verlag dankbar bin, als ein interessantes Zeitdokument.

Rostock, im November 1998Hermann Heinz Wille

Ein Wort zum Geleit

Auf Usedom hat sich im Laufe der Jahrhunderte ein starkes, heimatverbundenes Menschengeschlecht entwickelt. Hunderttausende Schaffender verleben alljährlich ihren Urlaub auf der Insel. Hier haben seit 1945 Tausende Neubürger eine zweite Heimat gefunden. Ihnen allen ist das schmale Inselland zwischen Ostsee und Achterwasser ans Herz gewachsen. Seiner Schönheit und Eigenart gehören ihre Anhänglichkeit und Liebe.

Heimatliebe hat nichts mit geistiger Enge zu tun; sie gehört im Gegenteil zu den edelsten und stärksten Gefühlen, deren das Menschenherz fähig ist. Wer das Land kennt, in dem er lebt, dem bildet sich der Blick auch für das Große und Weite. Wer seine Heimat liebt und innerlich besitzt, der wird sie auch behüten.

Aus solchen Erwägungen heraus entstand das Heimatbuch „Die Insel Usedom“. Liebe und Dankbarkeit verbinden mich diesem in so vielgestaltiger Weise gesegneten Fleckchen Erde, dem ich meine schönsten Sommer verdanke; sie führten auch dem Buch die Feder.

Als „Binnenländer“, der alljährlich nur wenige Wochen Zeit zum Verweilen auf Usedom findet, erschien es mir anfangs ebenso wagt wie als Schriftsteller, der sich der Schaffung einer neuen Jugendliteratur fest verbunden fühlt, ein solch andersartiges Thema zu gestalten. Je eingehender ich mich jedoch mit dem Stoff beschäftigte, desto klarer erkannte ich, daß das Wissen um Zusammenhang und Werden der Dinge, ein offener Blick und ein übervolles Herz die wichtigsten Aussageberechtigungen sind.

Als ich dann im Jubiläumsjahr des Ostseebades Zinnowitz den Auftrag erhielt, dem „Land am Meer“ ein historisches Festspiel zu schreiben, zerstreute die Freude an der Arbeit meine letzten Bedenken. So wurde schon damals die Herausgabe einer Heimatkunde der Insel Usedom vorbereitet.

In beiden Fällen waren mir die Aufzeichnungen, die ich seit vielen Sommern gemacht hatte, von großem Nutzen. Da ein Heimatbild nur dann über den Tag hinaus seine frischen Farben behält, wenn es die gesellschaftliche Entwicklung widerspiegelt, studierte ich besonders sorgfältig und nicht immer ohne Schwierigkeiten die alten, oft schon ausgeschöpften Quellen, um sie unter einer neuen Sicht auszuwerten. Dabei fand sich manche Kostbarkeit, die bisher im Verborgenen schlummerte, und es zeigte sich, daß die Vergangenheit durch unzählige Fäden mit der Gegenwart und ihren Fragen verknüpft ist.

Das Wertvollste jedoch fand ich auf Streifzügen und Wanderungen durch das Land und im Gespräch mit dessen Menschen. Immer wieder standen mir Fischer, Bauern und Lehrer im Interesse der guten Sache mit Rat und Tat zur Seite. An manchen Türen klopfte ich aber vergebens. Das soll nicht verschwiegen werden.

In dem nun vorliegenden Buch habe ich versucht, ein anschauliches und lebensvolles Bild von einem Stück Heimaterde zu gestalten, die Insel und ihre Menschen so darzustellen, wie sie sind und wie sie geworden sind. Vergangenheit und Gegenwart reichen sich darin die Hand und weisen den Blick auf die Zukunft. Neben dem Historischen, das uns zeigt, wie das Land gewachsen ist und durch welche Schicksale die Bevölkerung geprägt wurde, stehen gleichberechtigt die Schilderungen des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens.

Ohne nach lexikalischer Vollkommenheit zu streben, will das Heimatbuch ein zuverlässiger Wegweiser sein und einen tieferen Einblick in die Lebensverhältnisse und besonderen Lebensbedingungen der Inselbewohner gewähren. Für die Besucher Usedoms, die Werktätigen aus Fabriken und Kontoren, die gleich mir als Erholungssuchende am sommerlichen Strand Freude und Entspannung, aber auch Kraft zu neuem Schaffen suchen, ist das Buch zunächst bestimmt.

Sollte meine Arbeit darüber hinaus auch Heimatfreunde und volkskundliche Arbeitsgemeinschaften anregen, die in Zukunft dazu berufen sind, die alten Chroniken zu durchforschen, die Sagen der Heimat zu sammeln, Brauchtum und Volkskunst neu zu erwecken, dann hat das Heimatbuch „Die Insel Usedom“ die Aufgabe erfüllt, die ihm Autor und Verlag stellten.

Möge die Liebe, mit der der Verleger und ich an dem Buch arbeiteten, im Gemüt seiner Leser widerklingen.

Hermann Heinz Wille.

Land am Meer

Von ferne schon hörst du sein Lied; sein zorniges Stöhnen und kraftvolles Brausen; und die silberweißen Möwen, die mit lautlosem Flügelschlag über die flachen Kämme der Sanddünen streichen, tragen dir seinen Gruß entgegen.

Später, wenn du am schroff abfallenden Rand der von Buchen beschatteten Steilküste stehst, liegt es dir zu Füßen. Endlos dehnt es sich bis zum fernen Horizont, wo es weich und silbrig, wie flüssiges Blei, in den tiefblauen Himmel verrinnt. Das ist das Meer, in unbekümmert freier Größe und nie entweihter Ewigkeit …

Jahrtausende alt und dennoch jeden Tag mit einem neuen, jungen Gesichte grüßend. Lachend heiter in fließender Bläue zur Sommerszeit; grau und wild im Herbst, wenn der Nordwest die Wellen peitscht; grün und zutraulich am Morgen, wenn die Sonne steigt; rot wie geschmolzenes Erz, wenn sie am Abend untergeht …

Und dort hinter den kupfergelben Hügeln des Strandes leuchten, lachenden Gesichtern gleich, die weißen Häuser am Meer, in deren breiten Fenstern die Sonne sich spiegelt. Weiter nach Südwesten zu glitzert ein Streifen blendendhelles Wasser, das Haff, der breite Peenestrom und das Achterwasser mit schilfumstandenen Buchten, in denen Wildvögel horsten; Moore und Sümpfe von geheimnisvoller Tiefe …

Wie Kinderspielzeug stehen die Fischerhütten mit ihren grün bemoosten Walmdächern in den Hügelmulden. Inmitten dunkler Buchenwälder haben verträumte Seen ihre hellen Augen aufgetan. Griesgrämig hocken auf niedrigen Lehmkuppen halbzerfallene Windmühlen. In feierlichem Sinnen stehen die kleinen mittelalterlichen Kirchen. Zwischendurch wellen sich weite, goldene Ährenfelder unterm Sommerwind.

Der Tag ist so klar, daß man den Leuchtturm auf der fernen Oie, der nachts seine Lichtbänder in die Dunkelheit flicht, die weißen Kreidefelsen und den kleinen Turm des Jagdschlosses bei Binz auf Rügen sehen kann. Ein paar Fischerboote mit rostbraunen Segeln tuckern langsam ihrem Fangplatz zu. Hinter ihnen raucht in der Ferne ein weißer Dampfer auf …

Das ist das eigenartige, abwechslungsreiche, von Wind und Wellen in jahrtausendewährender Arbeit geformte Bild der Landschaft von Usedom, das alle Schönheiten der deutschen Ostseeküste in sich vereinigt.

Durch die aus der Gegend südlich Malchin kommende Peene und das Kleine Haff, einen mächtigen, von den Wassern der Oder gespeisten Süßwassersee, vom Festland getrennt, durch den Swinestrom von ihrer Nachbarinsel Wollin geschieden, erstreckt sich Usedom wie eine kurze, gedrungene Hantel zwischen Ueckermünde und Kröslin vor der mecklenburgischen Küste.

Mit einer Länge von 55 Kilometern und einer Breite, die durch die Zerrissenheit der Insel zwischen einem halben und fünfundzwanzig Kilometern schwankt, ist Usedom mit einer Gesamtfläche von 408 qkm nach Rügen (mit 926 qkm) die zweitgrößte deutsche Ostseeinsel. Im Nordosten wird sie von den Wellen der Ostsee bespült, im Südwesten durch das Achterwasser, eine haffartige Ausbuchtung der Peene, in zwei große Abschnitte geteilt, welche die beiden Kugeln der Hantel bilden. Zwischen Zempin und Koserow ist der Usedom-Ahlbecker Südteil mit dem kleineren Zinnowitz-Peenemünder Nordteil durch eine schmale Landbrücke, die an der versandeten Mündung des kleinen Flusses Ryck kaum mehr als 330 Meter breit ist, nicht besonders fest verbunden.

Über diese Landbrücke führt die Inselbahn, die von Wolgast-Fähre aus in weitem Bogen den Nordteil der Insel, den Wolgaster Ort, durchzieht und bei Zinnowitz die Richtung nach Ahlbeck einschlägt. Parallel zur Wolgast-Ahlbecker Chaussee, einer modernen Autostraße, die seit einem halben Jahrhundert an Stelle der mittelalterlichen, versandeten Landstraße getreten ist, fährt die Eisenbahn hinter Zinnowitz am Rande des schmalen Waldstreifens entlang, der die Seeküste begleitet. Der Blick aus dem Abteilfenster gleitet im Südwesten immer wieder über das Achterwasser, in dessen weite, wellige Wasserfläche sich die Ufer mit ihren vielen großen und kleinen Buchten schieben.

Die Namen auf den Stationsschildern sind seit langem weithin bekannt. Wie auf einer Perlenschnur reiht sich ein Badeort an den anderen. In Karlshagen-Trassenheide verlassen die ersten Urlauber mit ihrem umfangreichen Gepäck erwartungsvoll den Zug. Nicht anders ist das Bild in Zinnowitz, Zempin, Koserow und Ückeritz. Beim Haltepunkt Schmollensee erreicht die Bahnlinie den Südteil der Insel. Durch das lichte Grün der Buchen schimmern der Schmollensee, der Große Krebssee bei Bansin und der Gothensee. Dicht aufeinander folgen die Bahnhöfe der drei weltbekannten Seebäder Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck. Hier verlassen die letzten Reisenden den Zug und haben es eilig, möglichst am gleichen Tage noch der See Guten Tag zu sagen.

Unwillkürlich drängt sich die Frage auf: Wer von den vielen Menschen, die jedes Jahr ihren Urlaub auf der Insel verbringen, weiß denn Näheres von Usedom, von seinen verborgenen Schönheiten, die abseits der lärmenden Straßen liegen? Wer kennt die Vielfalt und Fülle des Lebens, das hier wächst? Wer weiß von dem Kampf, den Land und Meer seit undenklichen Zeiten gegeneinander führen und der auch den Inselbewohnern seinen Stempel aufdrückte?

Die alten Fischer, die schweigend im warmen Sonnenschein des späten Sommertages vor ihren Hütten sitzen und ihre oder ihrer Kinder Netze flicken, können mancherlei erzählen. Erzählen vom Kampf mit dem Meer, das ihnen Heimat ist, von seiner ungestümen und zerstörenden, aber auch von seiner aufbauenden Kraft. Gelingt es dir nicht, ihre Zungen zu lösen, dann achte ihre Schweigsamkeit, zu der das Meer und ein hartes Tagewerk sie erzogen, und wende dich beredteren Zeugen zu.

Gleicht die Natur nicht selbst einem großen Buch, in dem ihr Werden und Vergehen geschrieben steht? Sie will nur mit offenen Augen durchwandert und auf ihre Weise verstanden sein.

Der Streckelberg bei Koserow, die höchste Erhebung der Insel, mit seiner unter dem Ansturm der Wellen geborstenen Mauer, das Kliff der Kalkberge bei Heringsdorf, die orgelpfeifenartigen, aus der Eiszeit stammenden Strudellöcher bei dem südlich Zinnowitz gelegenen Dörfchen Krummin, die sagenumwobenen Teufels- und Riesensteine im Lieper Winkel, einer kleinen Halbinsel, die trotzig wie eine geballte Faust in das Achterwasser ragt, im Balmer See und bei Koserow, sie alle künden vom erdgeschichtlichen Werden des meerverbundenen Landes. So begegnet der Naturfreund auf Usedom überall den Zeugen längst vergangener Zeiten.

Nicht selten hat sich dieser Dinge die Sage bemächtigt, die z. B. von einem Riesenstein im Balmer See zu berichten weiß: „In ollen Tiden, as de Riesen hier tau Lann west sin, dei hätt, as dat Kloster tau Pudogla bugt was, einen groten Stein namen un hätt den – man wet nich, is et von Lassan oder vamern Höfter Barg bei Loddin west – nat Kloster dal smeten. Averst de Stein is em ute Fingers utplitzt un is uppen Kamker Barg bi Pudogla dal fallen un is dünn von baben runner trüelt un int Water liggen blewen, wo hei noch tau seihn is. Wil dumm averst de Stein noch wassen deen, is de Stein so weik west, dat de fif Fingers van den Riesen sik indrückt hebben, un dat is hütendags noch tau seihn.“

Wer jedoch erlebt hat, wie an stürmischen Herbsttagen der Nordost mit voller Wucht von weither über die See heranbraust, Sand und Wasser miteinander mischt und die Schaumköpfe der Wellen gierig gegen die Ufer schlägt, kann der Sage keinen Glauben schenken. Der weiß, daß es andere Kräfte als die der Riesen und Teufel gewesen sind, die schon Jahrtausende vor der Erbauung des Pudaglaer Klosters die eigenartigen Granitblöcke, die sich über die ganze Insel verstreut finden, ins Land schleuderten und daß in jenen fernen Zeiten die Umrisse Usedoms anders geprägt waren als heute.

Während unsere Kinder schon in der Schule die Entstehung des Norddeutschen Tieflands kennen lernen, schrieb vor kaum hundert Jahren der um die Erforschung der Geschichte der Insel verdiente Chronist Wilhelm Ferdinand Gadebusch über die Entstehung des, Landes Usedom‘: „Ihr Ursprung verliert sich in dem Dunkel der Vergangenheit, auf welches kein Lichtstrahl fällt … Wie es gewesen, wie lange diese Bildung gedauert, wer kann es ergründen?“

Bestrebt, der Natur hinter die Kulissen zu schauen, gelang es erst der modernen, geologischen Forschung, in das, die alten Sagen und Ursprungsmärchen umkleidende, „mittelalterliche Dunkel“ Licht zu bringen.

Die auffallend weiße Kreide an der Steilküste von Rügen gab in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Anlaß zur ersten erdgeschichtlichen Durchforschung Norddeutschlands. Dabei stellte man fest, daß die Insel Usedom – wie die gesamte norddeutsche Tiefebene und die Ostsee mit ihren jetzigen Umrissen und Tiefen – ihre heutige Oberfläche im wesentlichen der Eiszeit, auch Diluvium genannt, der jüngsten Stufe der vor rund sechzig Millionen Jahren beginnenden „Neuzeit“ der Erdgeschichte verdankt.

Das ist so unvorstellbar lange her, daß wir uns von jenen fernen Ereignissen kaum einen rechten Begriff zu machen vermögen. Für den aber, der die „Usedomer Schweiz“, die Umgebung von Bansin und dem Gothensee durchwandert, schrumpfen die ungewohnten, Jahrmillionen umfassenden Zeiträume zusammen. In der aus nordischem Geschiebemergel bestehenden „Buckligen Welt“, die mit den kleinen, zwischen niedrigen Kuppen eingebetteten Seen für das Küstenland der Ostsee und den nördlichen Landrücken charakteristisch ist, erblickt er eines jener vorzeitlichen Landschaftsbilder.

Mindestens dreimal hintereinander wälzten sich damals die gewaltigen Gletscher des skandinavischen Inlandeises strahlenförmig über riesige Landflächen und bedeckten Norddeutschland mit einer bis zu eintausend Meter hohen Eisdecke. Sie erstreckten sich im Osten bis zum Mittellauf des Dnepr und dem Oberlauf des Don, im Westen bis weit über den Rhein und kamen im Süden in der Gegend von Chemnitz, am Fuße des „Silbernen Erzgebirges“, zum Stehen. Alles, was sich der unaufhaltsam vorwärtsschiebenden Eisdecke auf ihrem Wege entgegenstellte, besonders in den südschwedischen Granitgebirgen, wurde von dem Druck des Gletschereises abgehobelt, zermahlen und als Felsblöcke und Gesteinsschutt weit nach dem Süden getragen.

Unter der Eisdecke brausten in weitverzweigten Urstromtälern gewaltige Schmelzwasserströme. Auch die Oder, die damals vermutlich nach Süden floß, da das Eis ihren Abfluß nach dem Norden blockierte, bildete ein solches Urstromtal. Erst viel später, vor etwa 18 000 Jahren, zog sich das Eis etappenweise aus Deutschland zurück. Nach dem Abschmelzen des Eises bedeckte das von den Gletschern südwärts transportierte Gestein die eisfrei gewordenen Gebiete als Grundmoränen.

Auch die Hochebene, die sich vom Ufer des Schmollensees bis zum Kleinen Haff erstreckt, der sagenumwobene Golm und die Mellenthiner Heide südlich der von Usedom nach Swinoujscie (Swinemünde) führenden Chaussee sind beredte Zeugen der Vergangenheit. Hier, am Rande der Gletscher, wo das Eis zuerst abschmolz, bildeten sich die stärksten Schuttablagerungen, die Endmoränen. In dieser Gegend finden sich die Geschiebe von oft umfangreichen Granitsteinen am häufigsten. So ist unsere heimische Landschaft ein getreues Abbild des großen Eises in seiner Sterbestunde geblieben.

Leider sind die meisten der unersetzlichen Naturdenkmäler der Eiszeit von unseren baulustigen Vorfahren zerstört, vernichtet und realeren Verwendungszwecken zugeführt worden. Da es auf der Insel keine Steinbrüche gibt, fanden die Findlinge als wertvolles Baumaterial beim Häuser- und Straßenbau willkommene Verwendung. Im Südteil der Insel, besonders in der Umgebung der kleinen Dörfer Benz, Neppermin, Mellenthin und Morgenitz, wurden sie zu Hunderten zu den Mauern um Kirchhöfe, Gärten und Gehöfte aufgebaut oder in das Packlager der Straßen versenkt. Ein solcher Findlingsbau des 16. Jahrhunderts ist die turmlose Kirche in Garz. –

Mit dem endgültigen Rückzug gab das Eis nicht nur das Land, sondern auch die weiter nördlich gelegene große Einsenkung frei, in die nun das Meerwasser eindrang und die Oder und andere Flüsse ihre Schmelzwasserströme ergossen. Das war die Geburtsstunde des „Mare Balticum“, des Mittelmeers des Nordens, wie es die Alten nannten, die Geburtsstunde unserer Ostsee. Freilich zeigte sie damals ein anderes Gesicht als heute, und mehr als einmal veränderten sich während ihrer Entwicklung ihre Züge.

Im vergangenen Sommer zeigte mir ein alter Zinnowitzer Heimatforscher einen 1945 bei Zinnowitz gefundenen Mammutbackenzahn von der Größe und dem Gewicht eines Ziegelsteines. Mammutknochen fand man um die Jahrhundertwende auch am Streckelberg und in der Wolgaster Gegend. Diese Fossilien beweisen, daß dort, wo heute in den Sommermonaten wimpelgeschmückte Strandkörbe stehen und lachende Kinder ihre Burgen bauen, dereinst Mammuts und Nashörner, Polarrentiere und Höhlenbären hausten.

Während jenes ersten Ostseestadiums, etwa um 8 000 v. d. Ztw. (nach dem Leitfossil dieses Stadiums „Yoldiazeit“ genannt), lag ihre Südgrenze bedeutend nördlicher als heute. Rügen, Usedom-Wollin und die kleine Insel Oie bildeten bis zur Oderbank festes Land. Im Westen führte über die dänischen Inseln und Bornholm eine feste Landbrücke von der deutschen Küste nach Skandinavien hinüber. Durch die mittelschwedische Senke in der Nähe des Mälarsees stand das Yoldiameer, auf dem die Gletscherreste des Inlandeises als Eisberge trieben, mit dem Atlantischen Ozean und durch die Niederung zwischen Ladoga- und Onegasee mit dem heutigen Barentsmeer in Verbindung und trug völlig polaren Charakter. Das und manch anderes mehr könnte der Mammutzahn erzählen.

Etwa zweitausend Jahre später hob sich das nördliche Ostseegebiet, die Verbindung mit dem Ozean wurde unterbrochen, und es entstand, durch Zuflüsse aus dem europäischen Binnenlande gespeist, ein völlig veränderter Süßwassersee, die Ancylus-Ostsee. Zwischen diesen beiden Perioden vollzog sich vermutlich die Bildung der Haffe an unserer Ostseeküste. Aber die Naturkräfte gaben sich auch mit dieser Umgestaltung des Landes noch nicht zufrieden.

Einer Waagschale gleich, begann sich im weiteren Verlauf der Niveau-Veränderungen der Ostsee das südliche Küstengebiet langsam, aber unaufhörlich zu senken, so daß das Meer weit ins Land vordringen konnte. Die Landbrücke, die Norddeutschland mit Skandinavien verband, verschwand, und es entstand mit dem Kattegat zwischen Nord- und Ostsee jene tiefe, noch heute bestehende Verbindung, die dem Meerwasser abermals den Weg in das Ostseebecken öffnete. Der Süßwasser-Binnensee verwandelte sich in ein Salzwassermeer zurück.

Nach einer kleinen Nordseeschneckenart, die sich mit dem eindringenden Meerwasser weithin verbreitete, wird dieses Stadium als Litorinazeit und die bis zu fünfzig Metern betragende Senkung als Litorinasenkung bezeichnet. Für die geologische Gestaltung Usedoms ist diese Periode von größter Bedeutung gewesen, und noch heute sind ihre Spuren überall auf der Insel zu finden.

Vom Litorinameer überschwemmt, verwandelte sich alles Tiefland in Meeresboden, aus dem sich die höheren Landteile als Inselkerne erhoben. Damals glichen die Odermündungen einem wildzerklüfteten Inselarchipel. Den größten Inselkern bildete der Südteil der Insel mit dem Langen Berg bei Bansin, dem Kulm und der Neuen Welt bei Heringsdorf, den Zirowbergen und den Kalkbergen südöstlich Ahlbeck, dem Golm und den zahlreichen niedrigen Kuppen des halbinselförmigen Usedomer und Lieper Winkels.

Von diesen Höhenzügen umgeben, glich das im 18. Jahrhundert trockengelegte Thurbruchbecken einem einzigen, großen See.

Der Streckelberg, die Pagelunsberge bei Ückeritz und das von der Sage erwähnte Loddiner Höft mit dem Galgenberg, das seine kräftige Nase kühn ins Achterwasser streckt, gehörten zum mittleren Inselkern. Der Zis- und Glienberg bei Zinnowitz, die südlich davon gelegene Halbinsel Gnitz und der Wolgaster Ort, die den nordwestlichen Teil der Insel gliedern, bildeten das dritte Kernarchipel. Dazwischen brauste mit wilder Gewalt das Meer. Kleinere Erhebungen, die der ungestümen Brandung zum Opfer fielen wie die Oderbank, das Zinnowitzer und Koserower Riff, gelten bis heute als gefährliche Untiefen für die Schiffahrt und beliebte Laichplätze für die Fische.

Die Überreste der drei größten Meerespforten, der Zinnowitzer, Pudagla- und Swinepforte sind ebenfalls noch feststellbar, am deutlichsten bei der schmalen Landbrücke südöstlich Zempin. Außer dem kleinen von den Fischern als Hafen benutzten Ryck, bezeichnete hier ein bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts sichtbarer flacher Teich die Lage der ehemaligen Meerespforte.

Als der Wasserspiegel zu steigen aufhörte, begann in allen abgeschlossenen Wasserflächen des Hochlandes und in den geschützten Buchten am Achterwasser, am Haff und an der Peene die pflanzliche Verlandung. Durch das sich ansetzende alluviale (neuzeitliche) Schwemmland wurden die diluvialen (eiszeitlichen) Inselkerne miteinander verbunden. In der gleichen Zeit entstanden auf der Seeseite der Insel die Ausgleichsküste und die Dünen. Das vom Meer dem Land entrissene Erdreich spülte es an anderer Stelle als Dünen wieder an die Küste. So erwiesen sich Wind und Wellen als die großen Baumeister, die der Insel ihren herrlichen breiten Badestrand und das uns vertraute Profil gaben.

Ein solcher Landstrich, der vom angetriebenen Sand geformt wurde, ist der flache Peenemünder Haken, die äußerste Nordwestspitze der Insel Usedom. Er reicht nördlich fast bis zur Insel Rüden heran, die ebenfalls einer großen Sandbank gleicht. Auch der flache Küstenstreifen zwischen Ahlbeck und Swinoujscie ist deutlich als Schwemmland-Bildung zu erkennen.

Der jahrmillionenwährende Bildungsprozeß vollzog sich nur langsam und unauffällig. Selbst für den Menschen war er kaum wahrnehmbar, und er ist heute noch nicht abgeschlossen. In jedem Augenblick, mit jeder Welle, die gegen die Ufer schlägt, ändert sich das Landschaftsbild, und so wird es immer sein. Das läßt sich an gegenwärtigen Beispielen sichtbar verfolgen.

Der namenlose See bei Usedom im südlichsten Winkel der Insel, ein stiller, verträumter und früher sehr fischreicher Waldweiher, verlandet immer mehr. Eines Tages wird er ganz von der Karte verschwunden sein. Nicht anders mag es dem Wolgastsee bei Korswandt dicht an der deutsch-polnischen Grenze ergehen, der in alten Zeiten noch ein breiter Wasserarm zwischen der Swinepforte und dem Thurbruch war. An Stelle der Parchenwiesen bei Heringsdorf breitete sich früher die dunkelgrüne Wasserfläche des Parchensees. Heute sind die Parchenwiesen saftiges Weideland.

In den vergilbten Urkunden des 13. Jahrhunderts wird wiederholt die „insula Gniz“ erwähnt. Der Große Strummin, ein schmaler Wasserarm der Peene, der bis ins 13. Jahrhundert in der Nähe der heutigen Zinnowitzer Seebrücke in „das Salzwasser floß“ und den Gniz von Usedom trennte, ist längst versandet. Nur noch der Flurname „Bollbrücke“ erinnert auf dem Wege zwischen Zinnowitz und Neuendorf an die alte Zeit, während der Gniz mit seinen zahlreichen Hügelkuppen längst zur Halbinsel geworden ist.

Trotzdem wäre es voreilig, aus all dem, was über das Werden, besonders aber über die Verlandung der Insel gesagt wurde, anzunehmen, daß Usedom mit Ausnahme der Inselkerne „auf Sand gebaut“ ist. Geologische Untersuchungen in Verbindung mit Tiefenbohrungen haben ergeben, daß das Fundament der Insel, gleich Rügen, auf einem teilweise bis zu einhundert Metern tiefen Kreidelager ruht, das von mächtigen Ton-, Mergel- und Kalkschichten bedeckt ist, die stellenweise von rotem, eisenhaltigem Sandstein durchbrochen werden. Außerdem erstreckt sich durch die ganze Insel eine Soleschicht, deren Solegehalt bis zu 5 % beträgt. In Heringsdorf und Swinoujscie hat man die Solelager mit gutem Erfolg zu Kurzwecken erbohrt.

Auf dem Gnitz, im Wolgaster Ort und im Usedomer Winkel ziehen im Frühjahr die Traktoren der MTS Mölchow und Stolpe den Motorpflug über die ehemaligen Kloster- und Herrenfelder, die seit 1946 den Neubauern gehören, und fahren fruchtbare, schwarze Erde auf. Hier gedeihen nicht nur Roggen und Hafer wie bei Koserow, Zinnowitz und Ahlbeck, sondern auch Weizen und Zukkerrüben.

Die drei charakteristischen Hauptlandschaften der Insel sind die buchenbestandene Steilküste mit ihrem reizvollen Höhenweg, der mit kurzen Unterbrechungen von Bansin bis Zinnowitz führt, das flache Verlandungsgebiet mit seinen harzigen, windzerzausten Kiefernwäldern und die Moore und Wiesen auf der Haff- und Achterwasserseite. Jedes einzelne dieser Landschaftsbilder ist von eigenem Reiz, der es lohnt, dem bunten Gewimmel am lachenden Strand, und wenn auch nur für einen Tag, den Rücken zu wenden, um den weniger bekannten Teil der Insel zu durchwandern. Die Schönheiten der Natur versprechen reichen Gewinn, und das Auge des Wanderers wird des Schauens nicht müde.

Eigenartig schön ist das alte Klosterdorf Krummin südlich Zinnowitz, an einer breiten Ausbuchtung der Peene, der Krumminer Wiek gelegen. Selten nur verirrt sich ein Auto in die stille Abgeschiedenheit dieser Gegend, die im frühen Mittelalter ein bedeutendes politisches Zentrum Usedoms bildete. Auch Pudagla am Fuße des Glaubensberges läßt ein Stück Geschichte der Insel lebendig werden. Am Ufer des Schmollensees entlang führt die sanft ansteigende Pappelallee zu jenem Ort, der nahezu drei Jahrhunderte den Prämonstratenser-Mönchen als Wohnplatz diente. Bekannter ist schon das Forsthaus Fangel am Rande des Großen Krebssees bei Bansin. Die zwanzig Minuten südlich von Fangel sich erhebende Viktoriahöhe gewährt einen der ausgedehntesten Überblicke auf das Innere der Insel. Einer Landkarte gleich liegt das von tiefblauen Gewässern durchzogene Land von der Ostsee bis zum Haff zu Füßen des Berges ausgebreitet.

Weiter führt der Weg durch schattige Wälder, Wiesen und Moore nach Benz und Mellenthin mit seinem sehenswerten Herrenhaus, einem kleinen Wasserschloß. Dann und wann taucht ein Dorf auf und säumt die Straße, hier und da liegen ein einzelnes Gehöft, ein stiller Weiher oder eine halbzerfallene Windmühle am Wegrand. Südlich davon breitet sich die Mellenthiner Heide und der Usedomer Forst mit der Försterei Waschensee, dem alten Kiebitzkrug und anderen stillverborgenen Plätzen. Das ist für die meisten schon eine andere, eine fremde Welt. In dieser stillen Abgeschiedenheit hat manches Dorf sein heimliches Gesicht bis auf den heutigen Tag bewahrt.

Dort aber, wo der Wald sich öffnet, fällt der Blick auf das mittelalterliche Usedom mit seinen Türmen und halbzerfallenen Mauern. Es wächst mit seinen niedrigen Häusern unvermittelt aus dem ebenen Lande. Spiegelgleich leuchtet hinter den alten Amtsmühlen der Usedomer See, während die tief im Westen stehende Sonne das Haff wie mit Feuer übergießt. –

Unterschiedlich wie die Bodenformen der Insel sind die Tiefen der See. In allen Badeorten zwischen Trassenheide und Ahlbeck, in denen Fischer und Künstler während der Sommermonate Vorträge über „Land und Leute auf Usedom“ halten, werden sie von den Badegästen immer wieder danach gefragt.

Die größte Tiefe der Ostsee wird in dem nördlich der Insel Gotland gelegenen Landorttief mit 427 m gemessen, ihre durchschnittliche Tiefe beträgt 70 m. Zwischen Rügen und Usedom erstreckt sich ein flacher als 20 m gelegenes Gebiet, das die bis 7 m aufsteigende Oderbank trägt. Am Ostausgang des Greifswalder Boddens ist die Ostsee nur 1 m tief, und nur durch jährliche Baggerungen kann hier die Fahrtrinne nach Stralsund offen gehalten werden.

Die Untiefen erinnern daran, daß Usedom in fernen Zeiten mit dem Mönchsgut von Rügen in Verbindung stand, die erst im Jahre 1309 von der „Allerheiligenflut“ unterbrochen wurde.

Im Vergleich zu den Weltmeeren, deren Durchschnittstiefe nahezu 2 m beträgt, und zu der größten Meerestiefe, die erst vor kurzer Zeit im Mindanograben bei den Philippinen auf 14 400 m festgestellt wurde, gleicht die Ostsee einer flachen Schüssel. Bedenken wir aber, daß selbst ein mit den modernsten Apparaten ausgerüsteter Taucher nicht tiefer als 200 m unter Wasser gehen kann, so bekommen wir doch Achtung vor den Küstenfischern, die sich und ihr Boot tagtäglich furchtlos dem Meere anvertrauen und bei Wind und Wetter ihr schweres Tagewerk vollbringen.

So bestimmt das weite, unendlich scheinende Meer, dessen jenseitiges Ufer von Usedom aus nirgends zu sehen ist, seit jeher den Pulsschlag des Lebens auf der Insel und wird ihn auch in Zukunft mitbestimmen. Mit gutem Recht haben unsere slawischen Vorfahren diesem schönen Stück Land den Namen „Po morze“ – Land am Meer – gegeben. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß dieser Name ebenso wie der daraus hervorgegangene Volksname Pomoranen (später Pommern) zuerst in polnischen Quellen auftritt. Immer wieder und immer aufs neue begeistert uns der Anblick der See und zieht uns unwiderstehlich an. Es ist, als fühle man seinen Wellenschlag im Pulsschlag des eigenen Blutes.

Mit Steinbeil, Hakenpflug und Streitaxt

Im zeitigen Frühjahr, wenn der stählerne Pflug des Bauern den Acker furcht, stößt er häufig klirrend gegen etwas Hartes und fördert einen eigenwillig geformten Feuerstein, verzierte Tonscherben, ein mit dem Rost der Jahre bedecktes Eisenstück oder einen bronzenen Armreif zutage. Nicht selten hat auf Usedom der Bau einer Straße, einer Bahnlinie oder eines Schulhauses zur Entdeckung und Freilegung wertvoller prähistorischer Fundstätten geführt.

Die zahlreichen Steinzeitfunde auf den Fluren um Benz, die Bronzefunde von Balm und Morgenitz, die in Labömitz gefundenen Bernsteinperlen und der Peenemünder Goldfund zeugen ebenso wie die über die ganze Insel verstreuten Gräberfelder verschiedener Epochen für die große historische und kulturgeschichtliche Vergangenheit des Landes. Die der „jüngeren Steinzeit“ entstammenden Steinwerkzeuge und Waffen, die man bei Baggerungen zur Freihaltung der Fahrtrinnen im Greifswalder Bodden und in den Rügenschen Gewässern vielfach gefunden hat, beweisen, daß die mecklenburgische Küste bereits vor Beginn der Litorina-Senkung bewohnt gewesen ist.

Als die ersten sicheren Anzeichen von der Gegenwart des Menschen auf Usedom gelten die im früheren Heimatmuseum in Swinoujscie ausgestellten Trichterbecher, die bei Mellenthin gefunden wurden. Sie entstammen der Zeit um 3 000 v. d. Ztw. Doch nichts spricht dagegen, daß der Mensch, der sich in den eisfrei gebliebenen Gegenden Süddeutschlands und Frankreichs aufgehalten hatte und nun dem zurückweichenden Gletschereis folgte, schon einige Jahrhunderte vorher nach dem Norden vordrang und auf der Insel Fuß faßte. In jenen grauen Tagen der Vorzeit bildete das in der Niederung des Schmollensees gelegene Dörfchen Benz, das von fischreichen Seen und wildreichen Wäldern, von saftigen Viehweiden und gutem Ackerland umgeben war, einen politischen und wirtschaftlichen Mittelpunkt.

Die Fischer und Jäger, die hier, unter den veränderten, milderen klimatischen Bedingungen die ersten Niederlassungen gründeten, beherrschten bereits eine vielseitige, erstaunlich erscheinende Produktionstechnik. Sie verstanden es, den Stein nicht nur zu formen, sondern auch seine Oberfläche zu bearbeiten, und ihn dadurch wirksamer zu machen. Wurfspieß, Pfeil und Bogen ermöglichten es, die Jagd auf Wildschwein, Luchs und Auerochs im größeren Umfange durchzuführen, als es den Menschen auf der Stufe der Wildheit möglich gewesen war. Beim Fischfang fanden neben Fischspeer, Harpune und Angelhaken die ersten aus Pflanzenbast geflochtenen Netze Verwendung. In ihrem „Einbaum“, der einem schwimmenden Baumstamm glich, wagten sich die Fischer sogar aufs Meer hinaus.

Der sich auf der gleichen Stufe vollziehende Übergang vom Beerensammeln zum Anbau der ersten Getreidepflanzen, wobei zur Bodenbearbeitung der Steinpflugkeil, zur Mehlbereitung die häufig gefundenen Mahlsteine dienten, machte Jäger und Sammler zu Pflanzern und Zähmern. Mit gutem Recht erhielt einer der ersten germanischen Stämme, der Norddeutschland besiedelte, den bis in unsere Zeit in der Insel Rügen fortlebenden Namen „Rugier“. Das bedeutet nichts anderes als „Roggenbauer“ oder „Roggenesser“. Zweifellos verstanden diese Menschen auch schon zu weben; denn häufiger noch als Steinwerkzeuge findet man auf Usedom die kleinen durchbohrten Steinkugeln, die als Spinnwirtel zum Straffen der Kettenfäden dienten. Seltener – wohl mehr Zierde als Arbeitsgerät – sind Spinnwirtel aus Bernstein. Einen solchen zeigte mir ein alter Lehrer in Liepe. Lebendiger als anderswo kann hier den Schülern die Frühgeschichte ihrer Heimat erklärt werden; denn hierfür mangelt es nicht an Anschauungsmaterial.

Wie sich aus Waffen und Werkzeugen Rückschlüsse auf die Lebensweise der frühesten Bewohner Usedoms ziehen lassen, so ermöglichen uns die der gleichen Zeit entstammenden Steingräber einen Einblick in ihre Sitten und Gebräuche. Die Steinzeitmenschen glaubten an gute und böse Geister und – wie die Grabbeigaben von Waffen, Werkzeugen, Schmuck und Nahrung beweisen – an ein Weiterleben nach dem Tode.

Dutzende solcher steinzeitlicher Grabstätten sind auf der Insel vernichtet worden und das einsichtsvollere Walten der Heutigen vermag sie nicht zu ersetzen. Nur durch Zufall trifft der Wanderer unserer Tage, der diesen Dingen liebevoll nachspürt, auf einige verstreute Steinblöcke. Bei dem Dörfchen Lütow, auf dem Gnitz, wurden 1907 zwei große Steinkistengräber gesprengt und ihre Steine zum Neubau des Netzelkower Pfarrhauses verwendet. Nur wenig ist von dem was war zurückgeblieben. Eines der größten und schönsten Steinzeitgräber mit neun Grabkammern beutete man bei Görke am Südrande des Thurbruchs aus.

Doch das Rad der Geschichte drehte sich weiter. Später als im südlichen Europa – es mag um das Jahr 1800 v. d. Ztw. gewesen sein – hielt die Bronzezeit auf den Oderinseln ihren Einzug. Die 1856 bei Morgenitz gefundenen Armringe und Brustplatten, die Bronzefibeln von Mellenthin und Balm offenbaren eine hohe Kunstfertigkeit und eine sorgfältige Beachtung des Gebrauchszweckes. Sie lassen durch die Eigenart ihres Stiles vermuten, daß auf Usedom ein eigenes Bronzegewerbe, in dem die ersten Ursprünge des Handwerks gesucht werden müssen, bestand. Die ersten Handwerker waren demnach Bronzegießer und Schmiede.