Die Anschauung der Welt - Tilman Steiner - ebook

Die Anschauung der Welt ebook

Tilman Steiner

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Opis

"Seit Menschengedenken suchen Naturwissenschaftler, Theologen, Künstler und Philosophen nach der "Formel aller Formeln", die erklärt, wie die Welt entstanden ist und was sie im Größten und im Kleinsten zusammenhält. In Die Anschauung der Welt wagt Tilman Steiner ein fesselndes Gedankenexperiment an den Schnittstellen der Disziplinen und entwirft mit seiner Attraktivitätstheorie ein faszinierend neues Modell der Evolution. In seiner Betrachtung geht es ihm um einen Gegenentwurf zu unserem rationalen Weltbild und um ein neues Denken und Handeln, damit die Schönheit der Welt auch für die nachfolgenden Generationen erhalten bleibt. Immer tiefer dringen Physiker und Biologen, Astronomen und Atomforscher in die Geheimnisse des Universums ein, immer mehr Erkenntnisse führen zu einem immer detaillierteren Bild von der Entstehung unseres Planeten. Doch je mehr wir die Welt zu verstehen glauben, desto mehr neue Fragen tun sich auf, denen vor allem die Geistes- und Kulturwissenschaften nachspüren. Tilman Steiner wagt in seinem Buch eine Zusammenschau der Disziplinen und entwirft dabei ein faszinierend neues Modell zur Entstehung unserer Existenz. Er sieht die Antwort auf die großen Fragen der Evolution in vier einander bedingenden Grundprinzipien, ohne die diese nicht möglich gewesen wäre: Kreativität, Polarität, Attraktivität und Reflexion. In diesem Zusammenspiel erkennt Tilman Steiner die "Vernunft der Schönheit". Mit unserer Zivilisation kommt schließlich die Rationalität ins Spiel, die die Ausgewogenheit dieser Grundprinzipien zerstört und die Menschheit an den Scheideweg bringt, an dem sie heute steht. In diesem Buch geht es um einen ganzheitlichen Blick auf das Wunder der Evolution und darum, dem Leser die Schönheit, aber auch die Verletzbarkeit unseres Planeten nahezubringen."

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1. eBook-Ausgabe 2016© 2016 Europa Verlag GmbH & Co. KG,Berlin • München • Zürich • WienUmschlaggestaltung und Motiv:Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich,Layout & Satz: BuchHaus Robert Gigler, München

Konvertierung: Brockhaus/CommissionePub-ISBN: 978-3-95890-092-9ePDF-ISBN: 978-3-95890-093-6

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte Vorbehalten.www.europa-verlag.com

INHALT

ATTRAKTIVITÄT ALS CODE DES UNIVERSUMS

Das Wort als Formel

I. AUF DER SUCHE

Arten des Sehen

1. Der Zauber

Im Anfang war das Geheimnis

2. Der Impuls, oder: Schönheit, was ist das?

3. Natur und Geist und der Cartesianische Irrtum

4. Auf der Suche nach der Weltformel

Die Welttheorien kombinieren?

Helfen Subtheorien?

Mathematik oder Sprache?

Die fraktale Welt

5. Entdeckerlust, oder: Cupido – ergo sum

6. Rationalisiertes und musisches Denken

Das Labyrinth der Ismen, Isten und Ianer

7. Die Unvernunft der Rationalität

8. Die Reduktion

9. Der Bogen also dieses Buchs

II. DAS KREATIVITÄTSPRINZIP

Schöpfungsmythen, Wissenschaft und wir

1. Das Rätsel der Kraft

»Weder Sein noch Nicht-Sein«

2. Am Anfang war das Gesetz

Physik vor Metaphysik

Ursprung

Die swingenden Saiten

Verständnis durch Einblick

2.1. Die Entstehung der Materie

Das erste Atom

Welle oder Teilchen?

Masse zieht: Gravitation und die Entstehung der Elemente

Gibt es überhaupt Materie?

Vom Urknall zur Erde

2.2. Die Geburt des Lebens

Das Geheimnis

Die Welt als Wille?

Die Geburt

Licht als Lebenshauch

2.3. Von der Einfalt zur Vielfalt

Aus dem Wasser ans Land und in die Luft /

Was unterscheidet die Lebensformen von Pflanze und Tier?

Die Explosion der Arten

Emergenz

Mutation und Selektion

Lamarck, Darwin und der Neodarwinismus

Endstationen

Endpunkte der Natur

Wie die Erde denkt

2.4. Die Naturgesetzlichkeit des »Zufalls«

Zufall in der Evolution

Und im Chaos?

Einflüsse, Zufall oder Absicht

2.5. Bionik: Lehrmeisterin Natur

3. Menschliche Kreativität

3.1. Persönliche Voraussetzungen menschlicher Kreativität

Neugier, Wissen und Verknüpfungen

Analyse, Synthese und odysseisches Suchen

Führerschein für Politiker: Denken und Handeln in komplexen Systemen

Kreativität nach innen

Kreativität durch Kommunikation

3.2. Gesellschaftliche Bedingungen der Kreativität: Rechtsrahmen und kulturelles Umfeld

Wirkungen der Bedrohung von Kreativität auf die Gesellschaft

3.3. Menschliche Kreativität und ihr Zugriff auf unseren Planeten

4. Kreativität – und dann?

III. DAS POLARITÄTSPRINZIP

Evolution ist Spannung

1. Polarität als Widerspruch

Polarität ist komplementär

2. Polarität als Dualismus

3. Polarität als Bauprinzip

3.1. Effekte der Polarität: Anziehung und Widerstand

3.2. Anziehung und Widerstand im sozialen Kontext

Widerstand und Naturrecht

3.3. Anziehung und Widerstand im Kosmos

Das gleiche Muster in Kosmos und Zelle

3.4. Polarität in der Biologie

Polaritätsstrukturen auf Zellebene

Nahrung und Stoffwechsel als Polarität

Evolution ist beides: Wettrüsten und Schönheitskonkurrenz

Die Jäger-Beute-Polarität

Gift oder Nahrung

3.5. Polarität der Weisheit

Yin und Yang

3.6. Werden und Vergehen

4. Polarität und Scheinpolarität

Welle-Teilchen-Dualismus

Polarität und Dialektik

5. Polarität – und dann?

IV. DAS ATTRAKTIVITÄTSPRINZIP

Beide Seiten der Medaille

1. Attraktivität und Attraktion

Anziehung als Halt

2. Chemische Attraktion

Ionische Bindung

Kovalente Bindung

3. Attraktivität in der Biologie

Attraktivität in der Zelle

Das Zusammenspiel von Flora und Fauna

Lustspiele

Superorganismen

Die Attraktivität des Jägers für die Beute

Die optimale Größe einer Population

Schwingung, Anziehung, Einheit

4. Attraktivität ist Schönheit

4.1. Schönheit als Botschaft

4.2. Die Schönheit der Natur

Schönheit und Vernunft

Naturschönheit als Erotik

Schönheit als Heimat

Schönheit in der Naturwissenschaft

Symmetrien und Goldener Schnitt /

Die Tyrannei der Attraktivität

4.3. Die Schönheit der Kunst

Das Maß der Schönheit

Aber: Laster Reinheit

Aber: Laster Schwulst

Kunst ist.

Ursprung und Zeugnisse von Kunst

Der Code der Zeiten

Schönheit als Qualität

Struktur

Rhythmus

Redundanz – rational und emotional

Zur Funktion des Hässlichen

5. Attraktivität in der Philosophie

5.1. Attraktivität als Dynamik

Wir sind es, und wir sind es nicht

5.2. Attraktivität als Ästhetik

Vernunft und Sinnlichkeit

5.3. Attraktivität als Glück

6. Die Vernunft der Schönheit

7. Der Dreiklang der drei Prinzipien

Das evolutionäre Muster – Grundgesetz der Evolution

V. DAS REFLEXIONSPRINZIP

oder: Die Anschauung der Welt

1. Was können wir schon wissen?

Unendlichkeit trifft Ewigkeit

Wissen und Glauben

Religionen

Aufklärung

2. Das Bewusstsein als Spiegel

Wahrnehmung und Bewusstsein

Archaische Positionen

Die Veden

Das Rätsel der Bibel

2.1. Wissenschaftliche Positionen

Lernen ohne Bewusstsein

Was unser Hirn über sich weiß und was nicht

Der Geist und seine »Module«

Neurobiologie

Das Freiheitsproblem

Spiegelneuronen

Was ist nun das Bewusstsein?

Doping für den Alltag

Zwischenstopp

Geist und »Geister«

Denken und Reflektieren

Einfluss auf die Wirklichkeit?

Logik oder der trügerische Boden der Tatsachen

Algorithmus für tiefere Einblicke?

2.2. Wer also sind wir?

Wissen und Gewissen

Bewusstsein, Seele, Menschenbild

Statements der Anthropologie

Statement der Psychologie

2.3. Menschwerdung: Der Beginn des Reflektierens

Spurensuche

Zum Beitrag der Archäo- oder Paläobiologie

Die molekulare Uhr

Der Beitrag der Linguistik

Wann und wie kam also das Bewusstsein in die Welt?

Haben Tiere Bewusstsein?

Keine Mensch-Tier-Grauschattierung?

Wie geht es weiter?

3. Das Weltbild im Spiegel

3.1. Formen des Spiegels

3.2. Ein neues Weltbild

3.3. Der ungreifbare Gott

Kann man Wunder wahr-nehmen?

3.4. Reflexionen der Kulturen

Religiös fundiert

Areligiöse Haltungen

Kulturen und Moral

3.5. Ziel der Reflexion

VI. DIE UNVERNUNFT DER RATIONALITÄT

oder: Die Brechung des Attraktivitätsprinzips

1. Die Rationalität als missratene Tochter der Vernunft

Vernunft und Verstand

Bedeutungen und Deutungen

Philosophische Positionen

Rationalität ist instrumentalisierte Vernunft

Verlust der Sinnlichkeit

Die Vernunft der Irrationalität

2. Unvernunft in Wissenschaft und deren Anwendung

Die Herausforderung: Beispiel Weltbild

Mal ehrlich: Beispiel Sozialwissenschaften

Kuhhandel: Beispiel Wirtschaftswissenschaften

Der Geruch des Geldes: Beispiel Forschung

Doktorspiele: Beispiel Medizin

Blinde Justitia: Beispiel Recht

Tunnelblick: Beispiel Bildungspolitik

3. Das »Anthropozän«

3.1. Zurück zur Natur, zu welcher?

Unsere Domestizierung: Ethik

Simulation Wildnis

Wildnis nur im Reservat?

3.2. Der Umgang mit dem Erdboden

Regenwald – bald ohne Regen

Agroindustrie

Massentierhaltung

Düngung der Ozeane

4. Vermeintliche Rationalität heute als Entropie morgen

Klimawandel oder wie sich die Erderwärmung selbst befeuert

»Volksverdämmung«

5. Unvernunft in der Politik

Beispiel Europa

5.1. Nutzloser Kontrollwahn außer Kontrolle

Systemimmanente Gier: der Fall Snowden

5.2. Der Umgang der Macht mit Geld und mit Not

Bescheuert: diese Steuer

Fliehkräfte der Flucht

5.3. Was will der Staat im Markt?

5.4. Was bedeutet »Wert« überhaupt?

5.5. Der Sachzwang als Regent

6. Wie Wirtschaft wirtschaftet

6.1. Die Paradigmen des Wirtschaftens und des Lebens

6.2. Marktmechanismen

Konzentration

Marktpositionen, oder: Industrie kontra Pionier

Konsum – Zwang zur Entscheidung

6.3. Big Data: Goldgräber und ihre Schutthalde

6.4. Misswirtschaft: Beispiel Atomenergie

6.5. Der Wert im Geld – zum Abheben

6.6. Spieltheorie und die Grenzen der Rationalität

6.7. Der Output, oder: Was hinten rauskommt

In der Rationalitätsfalle

7. Die Rolle der Medien

7.1. Die Erhitzung des psychischen Weltklimas

7.2. Von der öffentlichen Meinung zur öffentlichen Stimmung

7.3. Verantwortung

8. Eigentlich wollten wir doch glücklich sein

Anmerkungen

Bildnachweis

ATTRAKTIVITÄT ALS CODE DES UNIVERSUMS

Das Wort als Formel

Haben Sie eine Weltanschauung? Es ist zu vermuten, denn viele andere haben auch eine. Sie wäre aus Traditionen erwachsen, aus einer persönlichen Lebensperspektive in einem kulturell und materiell geprägten Umfeld. Sie ist dann aufgeladen mit bestimmten Werten, die auch dogmatische Vorstellungen nicht ausschließen. So sind Weltanschauungen oft Abgrenzungen und entwickeln sich in Begegnung mit anderen Weltanschauungen immer wieder zu Ausgrenzungen, verhärten dabei innerlich bis zu fundamentalistischen Positionen und haben in Geschichte und Gegenwart oft zum Wahn von Verfolgung, Krieg, Terror und Tod geführt. Dennoch entspricht es der menschlichen Natur, eine eigene Sicht von einem gesicherten Standpunkt aus zu gewinnen.

Probieren wir es doch damit, diese »Welt-Anschauung« zu durchtrennen, sie um 180 Grad zu drehen und der Anschauung die Priorität einzuräumen. So ist dieser Begriff nicht belastet und der Blick erst einmal frei auf die Welt gerichtet, wie wir sie alle unverstellt sehen können. Das lässt uns dann staunen über das, was rund um uns aufscheint in seiner Attraktivität, im glitzernden Tautropfen wie im Glanz der Sterne, und über das, was hinter allem Sichtbaren und Spürbaren wohl wirkt. Es sind die Gesetze der Natur.

Sie zu entschlüsseln trachten seit jeher alle Wissenschaften. Physik und Mathematik wollen die eine, allumfassende Formel finden. Doch die Relativitätstheorie und die Theorie der Quantenmechanik passen nicht zusammen, können also beide nicht gleichzeitig richtig sein, obwohl jede ihre innere Schlüssigkeit aufweist, stellt die Wissenschaft heute fest. Eine in mathematischer Logik und Form dargestellte Weltformel, die schon Dr. Faust und seine Vorgänger ersehnten, ist vermutlich in unserem zwischen Chaos und Ordnung oszillierenden Universum, wo alles mit allem zusammenhängt, kaum zu finden. Und wenn wir diese Formel fänden, was würde sie uns wirklich sagen? Würde sie unser Leben verändern oder unser Verhalten?

Lässt sich eine »Weltformel« für die Gesamtheit der Naturgesetze statt in der Sprache der Mathematik vielleicht in Worten ausdrücken, um sich dem Grundgesetz der Natur anzunähern, in Begriffen mit dennoch hoher Reduktion, gar nur in vier zu bewundernden, ineinandergreifenden Prinzipien als den Artikeln dieses Grundgesetzes? Das uns dann auch in die Pflicht nimmt?

Diesem Buch liegt nicht der Anspruch zugrunde, Welträtsel zu lösen, an denen sich größte Geister schon versucht haben, vielmehr spürte ich intensiv einer begrenzten Fragestellung nach, und zwar jener nach der Funktion der Schönheit für alles Lebendige – und es erschloss sich ein ganzer Kosmos wie von selbst. Die Attraktivität im Universum lässt sich wie eine Medaille mit ihren zwei Seiten anschauen – als Attraktion, die alles zusammenhält, und als Schönheit, die so anziehend lockt und zusammenführt. Sensationelle naturwissenschaftliche Entdeckungen genauso wie altes Wissen leiten hin zu überraschenden Verknüpfungen, zu einem Muster, das der Evolution zugrunde liegt.

Die vorgelegte Betrachtung entspringt einer jahrzehntelangen persönlichen Reflexion in Verbindung mit einschlägigen wissenschaftlichen Quellen, keinem Forschungsprojekt. Doch sind die Denkergebnisse den heutigen Erkenntnissen entsprechend abgestützt. Eine rein wissenschaftliche Vorgehensweise mit dem Abwägen aller wichtigen Positionen in jeder Fachrichtung wäre schon als Versuch unangemessen und hätte den Blick auf die weiten Horizonte der Evolution und auf eine Zusammenschau der Disziplinen verhindert. Was sich aus diesen Perspektiven ergab, ist das hier vorgestellte Attraktivitätsprinzip für die Evolution und dessen Gefährdung durch einen Missbrauch der Vernunft in unserer Zivilisation.

Bei der Erhärtung und wissenschaftlichen Fundierung dieser Attraktivitätstheorie habe ich besondere Dankesschuld gerne einzulösen bei:

Kunstprofessor Hans Daucher †, der meine Neigung zur Schönheit strengen Regeln unterwarf und mich veranlasste, hierüber tiefer zu reflektieren; dem Physiknobelpreisträger Gerd Binnig, dessen metaphysische Fraktaltheorie mir aufgegangen und dann in Fleisch und Blut übergegangen ist, und der mich schon vor Jahren zu tieferem Einstieg sehr ermutigte; dem Mikrobiologen Karl Forchhammer für die Vermittlung seiner Einsichten ins kleinste Lebendige und seine Bestärkung für die hier gefundene, grundlegende Dreistufigkeit im evolutionären Muster; dem Volkswirt und Finanzexperten Hans-Peter Burghof für die auch spieltheoretisch aufzeigbaren Abgründe des Wirtschaftens; nicht zuletzt fühle ich mich den vielen Anregern verpflichtet, denen ich in Jahrzehnten als Wissenschaftsjournalist begegnen konnte; Dank auch dem Schwabinger Gesprächskreis in seiner bunten Mischung von Frauen und Männern aus Kunst und Wissenschaft für stets frischen Diskurs und all jenen, denen ich einfach als Neugieriger begegnete, der vor dem Stoff Respekt hatte, und auch als Müßiggänger, der sich Zeit lässt und dann immer wieder die Abkürzungen sucht.

Als ich mich dann endlich aufgeschwungen hatte, war es eine Lust zu schreiben, denn es war offenbar die Vergewisserung von Erlebtem, Erfahrenem, Erlesenem, Erdachtem und Erfühltem. Gemäß dem fraktalen Prinzip ergab es sich so, dass trotz logischer Abfolge in dieser »Anschauung der Welt« jeder, auch kleine, Abschnitt für sich stehen und ein Gespür fürs Ganze vermitteln könnte – für die in der Evolution liegende Vernunft der Schönheit und für die in unserer Zivilisation um sich greifende Unvernunft der Rationalität. Das sollte auch die Sprache des Journalisten und Zeitzeugen leisten für den Stoff, in dem die Spannung dieser Pole steckt.

Angesichts der universellen Thematik war auf ein notwendigerweise lückenhaftes und damit willkürliches Literaturverzeichnis zu verzichten, nicht allerdings auf die Angaben von wesentlichen Quellen.

Ein besonderer Dank gilt dem Europa Verlag, dem neue konstruktive Ansätze und ein notwendiger Wandel des Denkens wichtig sind: Christian Strasser hatte als Verleger den Mut, dieses Werk mit großem Engagement deutlich herauszustellen; mit seinen Mitarbeiterinnen Sibylle Auer als gründlicher und einfühlsamer Lektorin und mit Dagmar Olzog und Julia Krug-Zickgraf als Kompetenz im Verlag war die Kooperation so vortrefflich, dass Sie jetzt dieses Buch in Händen halten.

Für dieses Ihr Interesse auch Ihnen mein Dank.

München, Juni 2016Tilman Steiner

I.AUF DER SUCHE

Arten des Sehens

1. DER ZAUBER

Was Du auch siehst, Du siehst nie alles. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum? Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt, einen Schleier, den nicht einmal alle Gewalt der Welt zerreißen kann. Nur Glaube und Poesie und Liebe können ihn lüften. Dann werden die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen sein.

Francis P. Church, leitender Redakteur bei der New York Sun, im Jahr 1897 auf der ersten Seite des Journals in seiner Antwort auf die Frage der achtjährigen Virginia an die Zeitung, ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt.

Im Anfang war das Geheimnis

Diese Antwort, welche die Zeitung jedes Jahr bis zum Tod von Francis P. Church an Weihnachten veröffentlichte, steht auch für die Frage nach allem, was unsere Sinne nicht erfassen können. Aber hinter den Schleier, der die wahre Welt verhüllt und den auch nichts öffnen kann, will nicht nur das Mädchen Virginia schauen; es sind die Naturwissenschaften, die versuchen, ihn zu zerreißen. Sie brechen das Kaleidoskop auf, sehen sich dann Material, Bewegung, Farben und Licht an und analysieren diese auf ihre Weise. Die Disziplin der Optik untersucht also das Licht und seine Brechung in die bunten Farben, die Physik das Fallen und Konfigurieren der Splitter beim Drehen des Kaleidoskops und damit die in der Welt wirkenden Kräfte; die Mathematik sucht die in Zahlen ausdrückbare Logik dahinter. Die Chemie konzentriert sich auf die Stofflichkeit des Glases und aller Materie, die Biologie auf das Licht als die Quelle der Lebensenergie, und die Philosophie reibt sich seit je an der Zusammenschau der bunten Scherben auf. Doch schon Plato wusste: »Nichtwissen schaut auf viele Teile in der Welt, Weisheit sieht die Vielfalt als Teile innerhalb der Einheit.«

Wissen und Weisheit – es sind wohl unterschiedliche Wege dorthin. Denn die Ziele können auch weit auseinanderliegen, vor allem, wenn Erkanntes nicht weise umgesetzt und so die Vernunft das Opfer einer Rationalität wird, die schnell an Vorteile gelangen will.

Nach der alten Philosophenweisung wäre es also der falsche Weg, die Teile, und davon möglichst viele, zu betrachten, um zur Weisheit zu gelangen. Dennoch scheint es ratsam, sich mit den Teilen genauer zu befassen, wenn man ihren Kontext nur nicht aus den Augen verliert. In diesem Sinn, um die Welt zu verstehen, sucht heute die Wissenschaft nach der Gesamtheit aller Gesetze, sozusagen nach einem Urgesetz. Der Astrophysiker Stephen Hawking kommentiert das so: »Das tief verwurzelte Verlangen der Menschheit nach Erkenntnis ist Rechtfertigung genug für unsere fortwährende Suche.«1 Dieses Verlangen, diese existenzielle Begierde, zu wissen, ist also zutiefst menschlich. Allerdings müssen wir wohl anerkennen, dass »fortwährende Suche« bedeutet: Wir kommen an kein Ende. Auch Hawking teilt inzwischen diese Zweifel. Kein Grund zur Resignation, aber ein Grund, Mut zu haben, die Neugier auf unser Hier- und Sosein in uns wirken zu lassen, Hypothesen zu formulieren und deshalb auch Widersprüche zuzulassen.

Zunächst drängt sich der Gedanke auf: Wer nach den Gesetzen fragt, dem legt die Vernunft nahe, dass die Quelle aller Gesetze, also allen Seins, jenseits der Physik und vor ihr liegt.

Um dann die physische Welt zu erkennen, benötigen wir bestimmte Methoden und Werkzeuge. Für diese Recherche hier verwende ich ein ungewöhnliches Instrument. Es sind nicht Glaube, Poesie und Liebe, wie sie der weise Journalist dem Mädchen empfahl. Das könnte ich nicht leisten. Es ist aber vielleicht ein gemeinsamer Nenner dieser drei Eigenschaften: Es ist die Schönheit, die sich als Geheimnis hinter diesem Schleier verbirgt. Ihn möchte ich mit den Mitteln der Vernunft und gerne mit Ihnen etwas lüften, wenn Sie den Untertitel Die Vernunft der Schönheit und die Unvernunft der Rationalität als Herausforderung empfunden haben.

Aber ist nicht der Titel in sich widersprüchlich, enthält er nicht ein doppeltes Paradoxon? Kann die Schönheit wirklich in das kühle Bett der Vernunft gezwängt werden? Und wie kann Rationalität unvernünftig sein? Es ist keine Vergewaltigung der Schönheit, sie einfach zu genießen. Denn Genuss, Verlangen, Begierde sind Bedingung und Zweck allen Lebens. In diesem Sinn ist Schönheit nicht zweckfrei. In ihr steckt Logik – die Logik der Evolution. Zudem ist die Schönheit eine Erfindung des Menschen, wie er geworden ist: gefühls- und vernunftbegabt, zur Reflexion befähigt.

Mit unserer Rationalität ist es ganz ähnlich. Auch in ihr steckt ein Zweck: der Zweck des Handelnden. Auch sie ist eine Erfindung des Homo sapiens als vernunft- und gefühlsbegabtes Wesen. Der Mensch bestimmt den Zweck. Der Pluralismus der Zwecke ist auf jeweils erlebbare Ergebnisse, also auf die schnelle Erfüllung gerichtet. In der Summe ergibt sich daraus unsere Zivilisation als Fortführung und Erweiterung der Evolution.

Man kann das wunderliche Geschehen der Evolution aus streng naturwissenschaftlichem Blickwinkel analysieren und kommt dabei doch an kein Ende. Das gerade ist aber Ansporn, die immer neu sichtbaren Türen, vor denen man mit jedem Erkenntnisschritt steht, empirisch und systematisch mit überwölbenden Erklärungen und mit Subtheorien zu öffnen.

Ein anderes Hemmnis ist die der logischen Unterscheidung. Was ist das überhaupt, was ich da betrachte? Die alte Frage: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wie real ist Wirklichkeit und wie objektiv fassbar?

So könnten wir nun also versuchen, nach allgemeineren, der Evolution zugrunde liegenden Prinzipien zu fahnden, um in ihnen eine Struktur zu erkennen. Dabei sollten uns die bekannten Daten und erkannten Zusammenhänge unterstützen. Für ein solches Vorgehen ist aber Unbefangenheit über die Fachdisziplinen hinweg notwendig. An den Schnittstellen von Physik und Metaphysik ist bei allem Hintergrundwissen letztlich naives Herangehen, Beobachten, Fragen und Suchen angebracht. Nietzsche drückt es so aus: »Das Leben ist wert, gelebt zu werden, sagt die Kunst, die schönste Verführerin; das Leben ist wert, erkannt zu werden, sagt die Wissenschaft.«

Alle Philosophen, Naturforscher und Denker, die bis an die Grenzen des Vorstellbaren gingen, haben die Welt durchschritten und vermessen. Warum ist es dann sinnvoll, dass noch einmal einer versucht, sich auf den Weg durch die »Wirklichkeit« aufzumachen, und sich erneut einen Pfad schlägt durch das Dickicht von Strünken, Ästen und Gezweig unterschiedlichster fachlicher Provenienzen mit ihren bunten Früchten von Erkenntnissen, Theorien und Meinungen? Und der aus Respekt vor diesen Früchten hier nur von einer neuen synoptischen Zuordnung sprechen will, in der er aber doch einen Schlüssel entdeckt?

Es ist über das Empfinden von Schönheit der Code der Attraktivität, der sich ihm plötzlich aufdrängt. Und so wie in der Evolution der Druck nach einem immer Mehr und immer Vielfältiger zum »Aus-Druck« kommt, entsteht mit diesem Schlüssel der Attraktivität möglicherweise eine Mutante zu allen anderen Reflexionen, die sich der Konkurrenz des survival of the fittest stellen muss. Eine Mutante, die untergeht oder mit der Information in ihrem Zellkern besteht und fortwirkt.

Natürlich stellten sich im Zuge der Arbeit an dieser Anschauung immer wieder bohrende Fragen Neugieriger: Hast du den Sowieso denn überhaupt berücksichtigt? Nein, hab ich nicht. Aber die Sowiesa hast du doch gelesen? Nicht direkt persönlich. Tausende großer Geister könnten mich entmutigen, diesen Themenumgriff zu wagen. Doch die schlichte Botschaft einer Logik, welche die Bedeutung der Schönheit für alles Lebendige aufzeigt und damit auch die Funktion der Attraktivität für die Evolution, will hier ihren Ausdruck finden und dabei weder totes Lexikon noch Ausweis von Gelehrsamkeit sein.

2. DER IMPULS, ODER: SCHÖNHEIT, WAS IST DAS?

Es war während einer Malphase auf Capri. Immer wieder kam ich an diesen Ort, zunächst zur Erholung nach dem Juraexamen, in eine kleine Casetta auf einer Felskante, 200 Meter senkrecht über der Brandung, mit Blick auf den Vesuv. Der kleine, weiß gekalkte, arabisch anmutende Kubus mit der Kuppel und der Zisterne obendrauf, hinter dem Johannisbrotbaum-Hain und dem Kakteenwald nicht leicht zu finden vor dem Abgrund, gehörte einer Urenkelin des Dichters Theodor Storm. Auch Sprache kennt die Dimension von Schönheit. Schönheit, was ist das? Die Novemberstürme zu spüren, das Tosen des Meeres zu hören und den Gewittern ausgesetzt zu sein – auch das sind Reize, in ihrer Dramatik schön.

Später führte mich das Malen und Filmemachen in die Casa Malaparte, einen majestätisch von der Südküste Capris übers glitzernde Meer strebenden Bau, den eine amerikanische Architekturzeitschrift einmal als »Rampe der Kreativität« bezeichnet hat. Mit seiner sich nach oben weitenden Freitreppe zum Flachdach, das der Schriftsteller und Freigeist Curzio Malaparte mit seinem Rennrad befuhr, steht das Objekt – irgendwo zwischen Bauhaus- und Pharaonenarchitektur – in der Einsamkeit der Felsen und der Pinien wie eine Sprungschanze hoch über dem von unten leuchtenden Blau, zur Sonne und nach Afrika ausgerichtet. Malaparte hatte diesen Traum einst für sich gebaut. In der großen Halle konnte er nicht nur durch weite, sprossenlose Fenster, sondern auch durch den Kamin und die Glasscheibe hinter der Feuerstelle direkt auf die hoch aufragenden Klippen der Faraglioni, eines Wahrzeichens der Insel, blicken. Gibt es eine Steigerung des Schönen?

Kunsttherapie war eines der Themen, die der Münchner Kunstprofessor Hans Daucher hier auf Capri anbieten konnte. Zwei Jahrzehnte lang fuhr er jedes Jahr für mehrere Sommerwochen mit seinen Studenten, vorwiegend weiblichen, und mit einigen die Kosten übernehmenden Gästen in dieses betörende Ambiente. Die Villa Malaparte gehörte damals einer Stiftung von Vasco Ronchi, dem Erforscher der Optik, also des Lichts und seiner Brechung. So kam es auch einmal zu einem kleinen, sehr intensiven Symposion zum Thema »Lux et lumen« über Licht und Sehen, und zwar zum neuronalen Zusammenspiel des Augenlichts mit dem Hirnforscher Wolf Singer, zur Emotionalität des Schauens mit dem klinischen Psychologen Dieter Vaitl, zum Bild-Gedächtnis mit dem Kreativgeist Mario Lazzeroni, mit dem Gastgeber Hans Daucher zu Bild und Abbild, mein Thema war Film und Fernsehen als Manipulation der Realität.

Als die Villa Malaparte für kunsthistorisch-literarische Archivarbeiten an eine Stiftung anderweitig langfristig vermietet wurde, gelang Hans Daucher mit seinem Lehrstuhl für Kunstdidaktik von der Uni München das Malen und Reflektieren schließlich weiter in der schlossartigen Villa Lysis, nach ihrem Erbauer auch »Villa Fersen« benannt. Über dem obersten Absatz der tempelartigen Freitreppe prangte in goldenen Lettern wie ein Fries die Inschrift: AMORI ET DOLORI SACRUM, »Der Liebe und dem Schmerz geweiht«. Hier lebte, liebte und litt sein Gestalter, ein junger Graf schwedisch-französischer Abstammung, bis zu seinem Freitod 1923 in der Grotte dieses steinernen Traums. Dieses Gebäude mit Blick auf den Vesuv und in den Golf von Amalfi liegt unterhalb der Villa Jovis, der mächtigen Sommerresidenz römischer Kaiser, und war als »Spukschloss« in der Folgezeit verfallen, bis sich die Gemeinde Capri zum Wiederaufbau entschieden hatte, um es für kulturelle Zwecke zu nutzen.

Unten an der Marina Piccola, abseits der Trubels auf einer Steinplatte liegend, meditierte ich eines Tages ins Meer, in die auf die Klippen aufschlagende Brandung und in die sinkende Spätnachmittagssonne, während meine Gedanken wieder und wieder um das Phänomen kreisten: Schönheit – was ist das? Woher kommt sie? Brauchen wir sie?

Da dämmerte in mir beim ungerichteten Schweifenlassen der Gedanken etwas Vielschichtiges über Werden und Vergehen, über Sein und Wahrnehmen. Vielleicht hatte auch etwas in den Tiefen meines Unterbewusstseins in den vielen Jahren als Wissenschaftsjournalist Form angenommen, hatte zu blinken begonnen im Gegenlicht am Mittelmeer und wollte gefischt werden. Ich empfand jedenfalls ein wohliges Heureka, ein »Ich hab’s«: Nachdenken über die Schönheit ist wie das gleißende und tanzende Licht in der Spiegelung des Wassers, ist Reflexion. Schönheit ist anziehend, ist harmonisierend, ist ein Gleichklang eigener Empfindung mit dem Klang des Gesehenen oder Empfundenen.

Schönheit ist das Dazwischen, sie ist Kommunikation, sie ist die Botschaft zwischen Sender und Empfänger, sie ist die Attraktivität, die eine Beziehung zwischen Beobachter und seinem wahrgenommenen Gegenüber voraussetzt. Die Polarität zweier Subjekte oder eine Subjekt-Objekt-Beziehung, auch die zwischen zwei Objekten, ist, wie wir sehen werden, die Vorbedingung. Es gibt keine Attraktivität ohne eine Dualität, ohne eine gerichtete Polarität. Diese beiden wechselwirkenden Antagonismen müssen existieren, jeweils entstanden durch eine rätselhafte Kraft, die alles antreibt: die Kreativität.

Ich kramte nach einem Stück Malkreide in meiner Westentasche und skizzierte auf einem Stück Karton meine Gedanken in umgekehrter Reihenfolge:

KREATIVITÄT – POLARITÄT – ATTRAKTIVITÄT

Das Wort – REFLEXION – setzte ich sogleich noch dahinter, denn ohne das tanzende Licht auf dem Wasser und seine Spiegelung in meinen Gedanken wäre es nicht zur Reflexion dieses Dreisprungs gekommen. Das war vor 15 Jahren und ließ mich seitdem nicht mehr los.

In einem Kurzfilm für meine TV-Reihe Perspektive. Das Gesellschaftsmagazin setzte ich bald darauf bildlich und textlich um, was ich mir damals darunter vorstellen konnte. Aber das Thema gärte weiter und verlangte nach gründlicherer Analyse. Die lange Zeit des Wartens war auch eine des Wägens, ob der Ansatz fruchtbar sei, gedanklich spielte ich ihn immer wieder durch und probierte ihn aus. So ist, was ich jetzt darzulegen versuche, eine persönliche Sicht zum Verhältnis von Entwicklung und Schönheit, vielleicht ist sogar eine vereinfachte Vorstellung von einem Grundgesetz der Evolution entstanden, wie man sie nicht errechnen, aber empfinden kann.

Dieses Grundgesetz lässt sich auf nur vier Artikel reduzieren: die Prinzipien von Kreativität, Polarität, Attraktivität und unserer Reflexion hierüber. Sie differenzieren sich aus dem Evolutionsgeschehen heraus. Das hier wirksame Beziehungsgeflecht ist natürlich ein weites Feld, für das hier schon im Interesse angenehmer Lesbarkeit eine enge Begrenzung der Darstellung gefunden werden will. Allerdings: Wenn die Argumentationslinie den Gedankenstrang mit der logischen Abfolge der vier Grundprinzipien deutlich herauszuheben hat, müssen die Naturwissenschaften diesen auf die Probe stellen und härten, das jedoch ohne belästigende Belehrung, die mir ohnehin nicht zukommt. Und schließlich werden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, spüren, dass mich in diesem Rahmen auch ein paar Steckenpferde reiten, in den Regenwald Amazoniens, in das dort und überall untergehende Weltwissen, in die Entstehung von Bewusstsein, also die Menschwerdung, oder in die Gefahren vermeintlicher Mainstream-Wissenschaft und die Notwendigkeit eines Umdenkens.

Und um ein Missverständnis von vornherein auszuschließen: Gesetzmäßigkeit bedeutet nicht eine umfassende Kausalität und folglich Festlegung der Abläufe, sondern sie findet sich in Kausalitätsketten ohne Zahl in Wechselwirkungsprozessen, die sich auf Grundmuster zurückführen lassen. Diese eröffnen Freiheiten und Freiräume für Natur und Mensch, öffnen die Zukunft und fordern unsere Reflexion heraus, die Neugier und den Forscherdrang. Sich dem Wesen der Natur zu nähern erhebt das Staunen zum Bewundern und verrät doch etwas Fundamentales, nämlich: dass Muster wiederkehren.

Ausgangspunkt für dieses Buch war also das Nachdenken über Schönheit. Sie ist in ihrer Eigenschaft als Attraktivität der Schlüssel zum Erschließen verwirrender Komplexität. So ist also die hier eingeschlagene Richtung nicht, »das Schöne« in allen Facetten auszuleuchten und in ihren Tiefen auszuloten, wie das Philosophen, Kunsthistoriker, Künstler und Literaten seit zweieinhalb Jahrtausenden unternehmen. Hier soll die Funktion der Schönheit und diese, weiter gefasst, als Attraktivität innerhalb der Evolution erkennbar werden. Es soll also um unsere Wahrnehmung gehen und darum, welche Schlüsse wir daraus ziehen. So wie uns das Friedrich Nietzsche bereits riet: Die Kunst verführe, den Wert des Lebens auch zu leben, die Wissenschaft mahne, das Leben zu erkennen.

Das Ergebnis dieser Betrachtung versteht sich also nicht als Resultat eines streng wissenschaftlichen Prozedere, sondern ist aus einer Mischung aus Denken, Fühlen, Empfinden und Intuition gefunden, den vier Erkenntnisquellen, die uns Carl Gustav Jung einzusetzen empfiehlt. Schon gar nicht kann und will die Präsentation im streng formalen Sinn eine wissenschaftliche Arbeit sein. Dazu müssten wenigstens zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Die Literatur eines relativ begrenzten Gebiets müsste einigermaßen umfassend ausgewertet und dann nach spezifischen Ordnungskriterien zur Gewinnung einer neuen Aussage aufbereitet werden. Bei der Spannweite des Themas ist das erste Kriterium seriös nicht zu leisten, doch ist diese Anschauung der Welt in enger Verknüpfung mit wissenschaftlichen Quellen und wissenschaftlichen Vertretern unterschiedlicher Disziplinen erarbeitet worden.

Ein anderer Hinweis betrifft ein generelles Problem: Wir alle unterliegen unseren Vorurteilen. Quer durch sämtliche Forschungsrichtungen zeigt die Erfahrung, dass Wissenschaftler im Durchschnitt nicht weniger voreingenommen sind als etwa Richter, Lehrer oder Berufskritiker. Die Interpretation von Forschungsergebnissen ist – neben den meist ökonomischen Interessen – abhängig von weltanschaulichen Stereotypen. Letzteres muss, bei allem Bewusstsein um diese Gefahr, auch die vorliegende Arbeit gegen sich gelten lassen. Ich meine, so viel dazu sagen zu können, dass sich das vorgeschlagene Betrachtungsmodell im offenen Suchen eingestellt hat und dass für das Erkennen und die nachfolgende Verifizierung die Faktenlage maßgeblich war: Die Bestätigung dieses Modells als Ergebnis der Anschauung der Welt muss den Erkenntnissen der Naturwissenschaften entsprechen. Nur dadurch wird es auch gehärtet. Ganz so, wie das Immanuel Kant zu Recht einfordert: Philosophie ohne den »Widerhalt« in der physischen Welt bringe den Verstand nicht von der Stelle. Das vertiefen wir im nächsten Kapitel.

Als akademische Disziplin betreibt die Philosophie Wissenschaft im formalen Sinn mit möglichst viel an verarbeiteten, vor allem historischen Quellen und trägt die Lehren der Philosophen, auch im Vergleich zueinander, weiter. Die Philosophen selbst haben »lediglich« beobachtet, reflektiert und logisch abgeleitet. Sie haben gespürt, was der Naturwissenschaftler und Philosoph René Descartes (1596–1650) in seinen berühmten Leitspruch fasst: »Cogito, ergo sum« – »Ich denke, wäge ab, zweifle, also bin ich«. Das ist Selbstvergewisserung und Selbstverwirklichung. Gönnen wir uns deshalb einen kurzen Blick auf einige Denkmodelle.

3. NATUR UND GEIST UND DER CARTESIANISCHE IRRTUM

Descartes’ rationalistisches Denken, als »Cartesianismus« bezeichnet, bildete die Grundlage seiner Philosophie. Neben der Selbstvergewisserung durch das Denken hat er originär auch seine Idee, den sogenannten »Cartesianischen Dualismus«, in die Metaphysik eingebracht: Mit der Materie und dem Geist, mit dem Menschen als bewusstem Wesen und »denkendem Ding« einerseits und der anderen, nicht denkenden Welt andererseits, stehen sich zwei voneinander verschiedene »Substanzen« gegenüber. Mit der Isolierung des Geistes aus der Natur, in die der Mensch ja mit dem ganzen Körper eingebunden ist, verliert jedoch Descartes’ Idee die Bodenhaftung. Diese scharfe Trennung wirkt mit ihrer Unterscheidung von Natur und Geist und den dazugehörigen abgeschotteten wissenschaftlichen Disziplinen bis in die Gegenwart nach. Schlimmer noch: Sie suggeriert unterschwellig die Verschiedenartigkeit von Natur und Mensch und hat damit auch Anteil an einem vermeintlichen Gegensatz beider – ein Missverständnis, bei dem mit der Natur auch wir Schaden nehmen.

Isaac Newton (1643–1727) vertrat eine andere Art von Dualismus, den er in der Natur allein fand: die aktiven immateriellen »Kräfte der Natur« stehen für ihn in Wechselwirkung mit der »passiven Materie«. Bei der Frage, ob das wirklich Materie ist, was ich anfassen kann, oder etwa »nur« ein Kräftefeld, ob die Bestimmung und Benennung vielleicht von meiner Versuchsanordnung abhängt, ob das Beobachtete ein Teilchen ist oder eine Welle, erweist sich auch die Newton’sche Trennung als obsolet. Solch scharfe Unterscheidungen in Kräfte und Materie oder – noch gravierender – in Geist und Natur wie bei Descartes haben das Denken und das Forschen fatal in solche Aspekte aufgespaltet, die bis heute die Wissenschaftslandschaft prägen.

Arthur Schopenhauer (1782–1860) sah demgegenüber in der Welt als Wille und Vorstellung eine äußere Kraft, die ständig antreibt und die doch nicht von unserem Geist losgelöst ist. Der von Schopenhauer geschmähte Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770–1831) reduziert alles Existierende auf diesen Geist, ohne die Fülle des Erfahrbaren zu missachten. Damit steht er ganz nahe bei denjenigen unter den modernen Naturwissenschaftlern, die das Vorhandensein von Materie überhaupt leugnen (um vorwegzunehmen, was wir zur Materie später überlegen werden). Wer so denkt, denkt, dass im Urgrund eine Form des Denkens ist – als Geist oder Wille oder Gesetz der Natur oder schlicht als Information. Bei dieser Sicht erweist sich die Wirklichkeit als immateriell. Der Raum der Vorstellung verschränkt sich mit der Realität. Das Reflexionsprinzip holt sich selbst ein.

4. AUF DER SUCHE NACH DER WELTFORMEL

Gibt es eine Formel, nach der alles funktioniert? Wie sollte man vorgehen, um sie zu finden?

Unsere Werkzeuge, alle Technik und jedes stimmige Sozialverhalten sind das Ergebnis des Ziehens von Schlüssen aus Beobachtungen, die wir verallgemeinern können. Im Lebensalltag leistet dies auch das, was wir »Erfahrung« nennen. Dem ganz entsprechend ist Ziel aller Wissenschaft die Beobachtung und Analyse der vielfältigsten Zusammenhänge, die Bewertung der Bedeutung ihres jeweiligen Wirkmechanismus und daraus folgend die Klassifizierung in einem System. Weil es dabei immer auf eine angemessene, das heißt auch repräsentative Reduzierung der beobachteten Phänomene ankommt, auf zulässige Verallgemeinerung, verhilft solche Reduktion der Komplexität zu Verständnis und zu Nutzanwendung.

Auf der Suche nach der Weltformel sind ganze Bibliotheken entstanden, obwohl das Ergebnis doch immer sehr prägnant ausfallen sollte. Aber da gibt es Skeptiker. Paulo Coelho, ein Mystiker unter den modernen Schriftstellern, lässt den Begleiter und Berater seines Pilgers auf dem Jakobsweg für diejenigen beten, die den Kosmos auf eine Erklärung reduzieren und den Menschen zu einem Wesen mit Grundbedürfnissen machen, welche befriedigt werden müssen. Solche Pragmatiker würden nie die Sphärenmusik hören, lässt der Dichter den Begleiter sagen. Zugang zum wahren Wissen gelinge nicht nur gelehrten Menschen, die über die Zeit und das Geld verfügen, um teure Bücher zu kaufen. Das wäre sonst ungerecht eingerichtet. Den wahren Weg zur Weisheit erkenne man an drei Dingen: an Agape, also der Nächsten- und der Gottesliebe, an praktischer Anwendbarkeit des Erfahrenen und schließlich an der Möglichkeit für jeden, den Weg zur wahren Weisheit zu gehen.2 Wo allerdings der Weg zur Weisheit »Philosophie« heißt, kennt diese Strecke, wie jede wissenschaftliche Disziplin, Methoden des Voranschreitens, Orientierung und Richtung, Traditionen und Schulen. Der Philosoph Martin Heidegger wollte sich nach seinem großen Wurf von Sein und Zeit (1927) mit der Selbstbezeichnung als »Denker« während des »Dritten Reichs« über die Philosophen erheben. Doch das »Denken« kann er nicht in dieser exklusiven Weise besetzen, denn es ist ein Jedermannsrecht und eigentlich auch eine solche Pflicht. Der Weg des Denkens und des Gewinnens von Weisheit beginnt gewissermaßen bei Kilometer Null. Man darf nur nicht dorthin zurückkehren. Diese Gefahr besteht aber, wenn unsere »Rationalität« statt der Vernunft der Wegweiser ist, wie unser letztes Kapitel aufzeigen wird. Das wäre nicht weise.

Die Welttheorien kombinieren?

Gelehrten Menschen ist der Weg der Weisheit nicht versperrt. Auch Stephen Hawking sieht die Chancen für eine Weltformel skeptisch, aber aus einem anderen Grund als der Begleiter des Pilgers: Die Physiker würden das Problem in einzelne Segmente zerlegen und Teiltheorien ausarbeiten. Jede dieser Teiltheorien beschreibe eine eingeschränkte Klasse von Beobachtungen und treffe jeweils nur über sie Vorhersagen, wobei die Einflüsse anderer Größen vernachlässigt würden. »Vielleicht ist dieser Ansatz völlig falsch«, meint Hawking. »Wenn im Universum grundsätzlich alles von allem abhängt, könnte es unmöglich sein, einer Gesamtlösung näher zu kommen, indem man Teile des Problems isoliert untersucht.«3

Dabei hat er auf dem Weg zu der großen, vereinheitlichten »Grand Unified Theory« (GUT) drei Teiltheorien im Auge, die durchaus gewisse Fortschritte der Erkenntnis erbracht haben: die Newton’sche Schwerkrafttheorie, die Quantenmechanik mit ihren Aussagen zur atomaren und subatomaren Ebene und die allgemeine Relativitätstheorie, welche die Gravitation als Verwerfung der Raumzeit durch die in ihr enthaltene Masse und Energie beschreibt und sich auf große Distanzen bezieht. Leider seien Quantenmechanik und Relativitätstheorie nicht miteinander in Einklang zu bringen, meint Hawking. »Sie können nicht beide richtig sein.« Hawkings Suche gilt dennoch einer Verbindung in einer »Quantentheorie der Gravitation«. Wenn man der Meinung sei, das Universum werde nicht vom Zufall, sondern von bestimmten Gesetzen regiert, müsse man die Teiltheorien zu einer vereinheitlichten und vollständigen Theorie zusammenfassen. Den Weg zu dieser Formel über die notwendige »Quantifizierung von Feldtheorien« nennt der Quantenphysiker Thomas Thiemann »Suche nach dem Heiligen Gral« und scheut wie andere Physiker auch keineswegs die mystische Metapher.4

Ob diese Suche je erfolgreich sein wird, ist höchst fraglich. Unser Denken stößt schon bei der Unterscheidung von Geist und Materie, von Welle oder Teilchen auf unüberwindbar scheinende Schwierigkeiten. Und es geschehen um und mit uns Dinge, die wir nicht fassen können. Unsere Hardware mit ihren fünf Sinnen und dem dazugehörigen Verarbeitungsorgan Gehirn lässt nur eine beschränkte Wahrnehmung zu. Unsere Antennen sind für die Erkenntnis und für die geistige Durchdringung des Weltgeschehens zu grob. Uns sind schon viele Tierarten in ihrer sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit weit überlegen.

Helfen Subtheorien?

Der weltweit agierende österreichische Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend schreibt im Vorwort zu Die Selbstorganisation des Universums, dem Buch seines Landsmanns, des Astrophysikers Erich Jantsch, den Wissenschaften liege der »Rationalismus« zugrunde, der durch sein Zerlegen nicht nur die Einheit des so Getrennten verkenne, sondern auch die Gesetze von den Elementen trenne: »Nicht die innere Natur der Elemente, sondern ein ihnen von außen auferlegter Zwang bestimmt damit ihr Verhalten.«5 So ist es. Doch um die Wissenschaft einmal vor dem berechtigten, aber auch wohlfeilen Vorwurf des engen Blicks in Schutz zu nehmen: Wie soll sie denn anders vorgehen, als zunächst unter dem Mikroskop herumzustochern, zu versuchen, die Umrisse der Puzzleteile zu erkennen und sie schließlich passgenau zusammenzufügen?

Mit großem Aufwand und persönlichen Anstrengungen suchen Makroökologen in der Klimaforschung und in den Biosystemen von Regenwald, Gewässern oder Bergwiesen nach einer einheitlichen Theorie für ihre schier unendlichen Beobachtungen, die sich dann auf eine mathematische Formel zurückführen lassen sollte. Die Biologen nehmen an, dass sie bislang weniger als ein Fünftel aller Lebewesen entdeckt haben. »Man kann ein ganzes Leben mit einer Entdeckungsreise um einen Baumstamm herum verbringen«, sagt E. O. Wilson, dem wir als Evolutionsbiologen noch begegnen werden. Einige Mathematiker sind optimistisch und glauben, dass man auch ohne Kenntnis von letztlich allen Variablen der Biosphäre Prognosen für Wetter und sogar Klima errechnen könnte. Man bekommt eine Ahnung, wie weit der Weg von der Empirie zur Mathematik noch ist. Vordenken im großen Raster vor dem Hintergrund ausgewählter, weil erkannter Fakten en détail – geht das?

Mathematik oder Sprache?

Wenn zu konstatieren ist, dass sich die beiden großen Naturformeln der Einstein’schen Relativitätstheorie und der Quantenphysik gegenseitig ausschließen und man eine Verbindung zwischen beiden suchen müsse, obwohl nicht beide richtig sein können, und ein sensibel philosophierender Literat wie Coelho solches Vorgehen überhaupt ablehnt, kann sich doch eine Frage aufdrängen: Lässt sich eine »Weltformel« statt in der Sprache der Mathematik vielleicht nur in Worten ausdrücken, in bewundernden Begriffen mit dennoch hoher Reduktion? Und was hätte eine solche »verbale Weltformel« dann mit Schönheit und Vernunft zu tun?

Es wird sich im Verständnis der Attraktivität (IV.), der Reflexion (V.) und der Rationalität (VI.) erweisen. Und auch darin: Unser Empfinden und Denken wird durch die Gesetzmäßigkeiten des Überlebens determiniert. An dieser Stelle kommt die Darwin’sche Formel zum Zug: Das Überleben der am besten Angepassten bedeute, dass einige besser als andere in der Lage seien, die richtigen Schlussfolgerungen über die sie umgebende Welt zu ziehen und danach zu handeln. Diese Fähigkeit hat die Menschen aus der übrigen Fauna herausgehoben und den Globus erobern lassen, sie enthält in ihrer gnadenlosen Logik aber auch den Kern der Selbstzerstörung.

Ebenso kann uns die Vernunft mit den richtigen Schlussfolgerungen vor diesem Szenario der Selbstzerstörung bewahren. Ein Schlüssel hierzu liegt in der Erkenntnis, dass wir in die uns umfassende Gesetzmäßigkeit eingebettet sind, ob wir nun in der Lage sind, sie als physikalische Weltformel zu finden oder nicht. Das ist Bescheidung. Das wäre vernünftig, und es wäre schlicht schön.

Und wer mehr will, den holt Francis Bacon auf den Boden zurück: »Wir können die Natur nur dadurch beherrschen, dass wir uns ihren Gesetzen unterwerfen.« Doch dazu müssen wir sie erkennen.

So schließen sich Bescheidung und Entdeckerlust nicht aus. Die Wissenschaften finden viele und immer mehr individuelle Gesetzmäßigkeiten in ihren Disziplinen, dennoch zeichnen sich aufschlussreiche gemeinsame Konturen und Strukturen von Zusammenhängen des Werdens und Vergehens deutlich ab. Eine zentrale Gesetzmäßigkeit findet sich im strukturellen Aufbau des Universums, in Materie, leblos wie lebendig, und sogar in zeitlichen Verläufen, etwa kreativen Prozessen – eine Vorstellung, die unsere Suche nach dem Gemeinsamen beflügelt.

Die fraktale Welt

Der Blick durchs Mikroskop ergibt Kenntnisse im Detail, der Blick durchs Teleskop lässt uns staunen über unseren Ort im All. Beide Sichtweisen vermitteln Überblick mit der Möglichkeit von Einordnung und Bewertung. Dabei sind strukturelle Ähnlichkeiten von Mikro- und Makrokosmos überdeutlich. Das Kleine steckt im Großen.

Dass die Welt fraktal aufgebaut und von »Selbstähnlichkeit« großer und kleiner Strukturen geprägt ist, stellt der Physiknobelpreisträger Gerd Binnig in den Mittelpunkt seiner metaphysischen Überlegungen.6 Grundlage ist bei ihm die in mathematischen Formeln ausdrückbare Fraktaltheorie der Geometrie von Benoît Mandelbrot, die zunächst auf zeitlose Strukturen blickt in der uns umgebenden Welt: »Fraktal« bedeutet das »Gebrochene«, »Ausgefranste«. Die Kurvigkeit oder »Rauheit« einer Küstenlinie aus der Satellitenperspektive findet sich im Verlauf des Strandes und im Rand des Sandkorns wieder. Man kann als Riese einen Küstenabschnitt mit wenigen Schritten grob abschreiten. Auch als Schwimmer, der alle Buchten entlangkrault, kommt man irgendwann ans Ziel. Will man sich als Ameise um jeden Stein, ja als Kleinstlebewesen um jedes Sandkorn herumbewegen, um irgendwann zum Endpunkt zu gelangen, ist man verloren, denn diese Linie tendiert gegen unendlich; das gilt selbst bei kurzen Entfernungen.

Mandelbrot wandte diese Beobachtung auf immer komplexere Strukturen wie Wolken oder das Gehirn an. Seine Algorithmen ermöglichten auf Heimcomputern wunderlich verschlungene Grafiken mit unendlich oft wiederholter Regelmäßigkeit, so etwa sein berühmtes Muster eines Apfelmännchens. Mandelbrot sagte dazu: »Jeder Teil des Ganzen sieht selbst aus wie das Ganze, nur kleiner.«

Binnig übertrug diese mathematische Idee auf räumliche Strukturen, auf zeitliche, ja letztlich auf die gesamte uns umgebende Natur. Der Eigenbeobachtung dieses Phänomens sind kaum Grenzen gesetzt, wenn man sich dafür einmal sensibilisiert hat. Ein Moos, mit der Makrolinse aufgenommen, könnte man für Urwald halten, einen kantigen Stein im Foto könnte man sich als Felswand vorstellen. Der kanadische Physiker Hubert Reeves sieht die Natur strukturiert wie die geschriebene Sprache: Buchstaben stecken in Wörtern, diese in Geschichten, die in Büchern, die wiederum in Bibliotheken.

Indem Binnig nun seine fraktale Sicht der Selbstähnlichkeit von Strukturen der Materie in zeitliche Strukturen einbringt, findet er die Selbstähnlichkeit in der evolutionären Abfolge, in deren physikalischen und chemischen Prozessen, ja auch in den sozialen Systemen, ebenso in Sprache oder in Entscheidungen. »Materie, Leben und Intelligenz waren und sind offenbar fähig zur Evolution. Das jedenfalls haben sie gemeinsam. Und wenn man nach weiteren Gemeinsamkeiten sucht, fragt man sich nach kurzer Zeit, ob es nicht mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede gibt und ob diese Ähnlichkeiten nicht in Wahrheit Selbstähnlichkeiten darstellen«, schreibt er in Aus dem Nichts. Über die Kreativität von Natur und Mensch.

Diesem Erkenntnisansatz begegnen wir auch gleich bei den einzelnen Evolutionsschritten in einer von Binnig dargestellten Evolutionspyramide: Der Raum als untere Ebene hat sich zur Materie verdichtet, ohne dass aller Raum Materie geworden wäre. Die Materie hat auf höherer Ebene dieser Stufenpyramide das Leben entlassen und dieses wiederum, eingeengt auf die Menschheit, die Intelligenz hervorgebracht. Binnigs Pyramide ist nach oben offen, denn die Evolution bleibt nicht stehen. Der Kern der Idee: In jeder evolutionären Stufe stecken alle Elemente der vorhergehenden.

Die Vision des Philosophen und Theologen Teilhard de Chardin über die Weiterentwicklung dieser Pyramide hin zum Endpunkt Omega werden wir beim Reflexionsprinzip erörtern. Dieser Stufenpyramide der Evolution möchte ich unter die Ebene des Raums noch als Basis die Energie schieben, die den Urknall ausgelöst hat. Und mit ihr die Naturgesetze?

Der Wiener Ludwig Wittgenstein betrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst technische und mathematische Studien, dann philosophische. In seinem Tractatus, erstmals veröffentlicht 1921, stellt er die Frage nach der Realität und kommt zur Antwort: »Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen.« Sachverhalte und Tatsachen bilden die Substanz der Welt, dabei lassen sich alle komplexen Sachverhalte auf einfache zurückführen. Obwohl er so metaphysisch denkt, bezieht Wittgenstein diese Idee nur auf die Tatsachen der Natur und hält Fragen über philosophische Sachverhalte für Unsinn. Aber ist er nicht ein Vertreter der fraktalen Welt und Philosoph?

Schon Aristoteles hat auf Platon fußend den Baum, die Äste und die Zweige auf ähnliche Weise verglichen. Weil ein griechischer Gelehrter, ein gewisser Herr Porphyrios, im dritten vorchristlichen Jahrhundert diesen Gedanken überlieferte, steht der »porphyrische Baum« wie folgt da: Der Baum verkörpert die Welt, und der Stamm dabei das Sein. Dieses teilt sich in den Ästen in Materielles und Nichtmaterielles, das Materielle dann in Fühlendes und Nichtfühlendes, und das Fühlende verzweigt sich in Denkendes und Nichtdenkendes, Mensch und sonstige Fauna. In Ansätzen hat die Philosophie offenbar alles schon einmal angedacht. Binnig referiert die Vorstellung dieses Baums unter bescheidener Bezugnahme auf seinen ihn inspirierenden Lateinlehrer und verknüpft beide Denkweisen, die vom Baum und die der fraktalen Regelmäßigkeit der Geometrie, auf der Höhe seiner Erfahrung kreativ.

Dass ein renommierter Physiker vor dem Hintergrund seines Wissens und seiner Erfahrung unbeschwert darauflos denkt, hat ihm mancher in der Zunft übel genommen. Der wissenschaftliche »Betrieb« setzt nämlich aufs Reproduzieren von Bekanntem, aufs Zitieren, Umwälzen und massenhafte Publizieren – und dabei auf abgrenzende Fachsprache –, aber zu wenig auf Ausprobieren und neugierige, mutige geistige Expedition. Das wirkt dann bis auf Erziehung und Schule zurück und auf den Spaß am Lernen. Auch so viel vorab zum Thema Kreativität. Bei der Darstellung von Binnigs Fraktaltheorie im Film musste sich der Filmemacher den Vorwurf redaktioneller Konkurrenz anhören: »Wir zeigen, wofür er den Nobelpreis erhielt, aber der filmt dessen Privatphilosophie.« Doch das mit seinen Erfindern ausgezeichnete Rastertunnelmikroskop, das erstmals Atome sichtbar machte, war ein Produkt auf der Basis höherrangiger Erkenntnis und entsprechend kreativer Verfahren.

Alles Kleine steckt im Großen, stellt der Physiker fest. Wir werden noch darstellen, wie auch alles Große ohne Zauberei bereits im Kleinen steckt. So ist die Fraktaltheorie ein fruchtbarer Boden für die hier vertretene Theorie von der Attraktivität, die die Welt vom Kleinsten bis zum Größten zusammenhält.

5. ENTDECKERLUST, ODER: CUPIDO – ERGO SUM

»Entwicklung« ist das Zauberwort unserer Welt. Wir erleben seine Umsetzung in jedem Frühling mit allen Sinnen. Entwicklung gebiert Neues. Wir nennen das Kreativität. Dieser Begriff ist für uns verbunden mit der physikalischen, chemischen und dann der biologischen Evolution, schließlich auch mit unserer sozialen Entwicklung und unserem geistigen Potenzial. »Mit Natur und Geist« ist man verführt fortzufahren, doch der Geist ist Teil der Natur. Und was noch viel aufregender ist: Die Natur mit ihren Bausteinen Materie und Energie ist ein Teil des Geistes.

Wie aber kommt der Geist in die Welt? Er war schon da, als Materie und Energie ihre Wirkung entfalteten. Er hatte die Gestalt der Naturgesetze. Diese sind weder Materie noch Energie, jedoch unbestreitbar informationell von Anbeginn vorhanden. Vielleicht nur als Nukleus, der sich entwickelt hat wie die Elemente und die Kräfte. Aber der Geist war da. Der Geist, der sich in Materie, Energie und daraus entstehendem Leben konkretisiert.

Dahinter liegt eine Matrize. Oder sagen wir vielleicht besser: Davor steht als Auslöser des Urknalls, wenn es ihn als singuläres Ereignis überhaupt gegeben hat, ein Grundgesetz der Evolution. Wird eine mathematische Weltformel diese Komplexität je fassen können? Ich vermute: nein. Man darf, man muss aber versuchen, Prinzipien dieser Evolution schon in deren Schoß zu erkennen.

Alle drei – Geist, Materie und Energie – haben sich wechselwirkend zu dem vorgearbeitet, was wir heute er-leben dürfen. Das nennen wir die Kreativität der Evolution. Und ihr Motor? Die Lust. Es liegt die Lust unserer Eltern unserem Leben ja zugrunde, es ist die Lust, die durch Mutationen die Vielfalt der Arten der Pflanzen und Tiere hervorbrachte, ja, es ist auch die Lust der Atome, als Elemente sich zu Molekülen zu verbinden oder zu immer neuen Arten von Elementen zu mutieren. Binnig sagt: »In einem Stein sind alle Wunder dieser Welt.«

Auch ich bin nicht nur, weil ich denke, sondern vor allem, weil ich Lust darauf habe zu sein. Und auch weil alle meine Ahnen Lust hatten, mich werden zu lassen. Und ich tue – mit den lebensbegleitenden Einschränkungen –, was die Lust mir sagt. Auch als Substantiv ist die Begierde wirksam: Cupido – ergo sum.

6. RATIONALISIERTES UND MUSISCHES DENKEN

Schönheit hat viele Dimensionen und spricht unser neuronales System vielfältig positiv an. Ließe sie sich ohne Weiteres begreifen, gäbe es nicht so viele Definitionen und Abhandlungen über sie. In den meisten Sprachen ist die Schönheit übrigens weiblich.

Sprache setzt Denken voraus. Denken ist aber lediglich eine Funktion des Gehirns. Wissenschaft legitimiert meist nur diese Funktion, obwohl sich sensible Mathematiker und Naturwissenschaftler auch an der Ästhetik einer gefundenen Formel berauschen können. Der Zwang aber, alles auf Begriffe zu reduzieren, verengt unsere Kommunikation und verzerrt die Wirklichkeit. Vermutlich ein Grund, warum Wissenschaft überall an Grenzen stößt. Auf jeden Fall aber eine Ursache dafür, dass unsere Welt ästhetisch und emotional verarmt in Ansicht und Handeln.

So stellt der Zwang zur Begrifflichkeit generell einen Hemmschuh für die sprachliche Kommunikation dar. Tonfall, Mimik, Bewegung, Tanz, Berührung, Gestaltung in Spiel, Schauspiel, Musik, Malerei, Architektur, Design … So viele Kommunikationsformen gibt es, wie unser Gehirn an Funktionen bereithält.

Der erwähnte Freund und Kunstprofessor Hans Daucher, der mich zu fast einem Dutzend kleiner und größerer Filmbeiträge inspirierte, hat sich ein Berufsleben lang zur Spaltung der Hirnaktivität und der unterschiedlichen Mitteilungsmöglichkeiten kritisch geäußert: »Worte teilen Wörter mit und nicht die Sache.« Wenn Wissenschaft Gefühle und Eindrücke wegrationalisiert, wird aus frisch sprudelndem, perlenfunkelndem Wasser eben H2O. Hans Daucher unterschied deshalb zwischen künstlerischem und rationalisiertem Sehen. Denken dürfe nicht nur als inneres Sprechen geschult werden. Der Unterschied von rationalem und bildhaftem Denken müsse in der Bildungspolitik erst einmal ankommen, um die Chancen beider für die Kreativität zu nutzen. Stattdessen imitiere der reduzierte Kunstunterricht oft wissenschaftliche Fächer.7 Dauchers letztes, noch unveröffentlichtes Buch Laster Reinheit weist konsequent auf die Verarmung und Verödung durch diese Vorgaben unserer Zivilisation hin.

Wir werden im Folgenden auch so bedeutenden Naturwissenschaftlern wie Johannes Kepler, Wolfgang Pauli, Max Planck oder Werner Heisenberg begegnen, die wichtige Erkenntnisse von Zusammenhängen nicht einer rein verstandesmäßigen Tätigkeit zuschreiben, sondern der Imagination, vergleichenden Analogien, ja »künstlerischem Schauen und Ahnen« (vor allem in Teil V).

Da sprachliche Begrifflichkeit zur Reduktion von Hochkomplexem, sinnlich Erfahrbarem zwingt, bleibt beim Gebrauch der Worthülse einiges auf der Strecke. Das muss der Autor natürlich auch gegen den Versuch dieser Reduktion auf vier Prinzipien der Evolution gelten lassen. Aber Anstöße hält er nicht für anstößig.

Das Labyrinth der Ismen, Isten und Ianer

Weil nur die Kombination aus logisch deduktivem und musischem Reflektieren, dem Einbeziehen also von Denken, Fühlen, Empfinden und Intuition, unserer physiologischen und psychischen Struktur entspricht, geht die vorliegende Untersuchung auch einen eigenen Weg durch den Irrgarten der Ismen und ihrer Repräsentanten, der »Isten«. Sie sieht sich diese an und versucht dabei, sich nicht von ihren Verlockungen verführen oder in ihren Fallen oder ihrem Gestrüpp verfangen zu lassen. Die Rede ist von den Naturalisten, Humanisten, Theisten, Atheisten, Monisten, Dualisten, Marxisten, Kapitalisten, Liberalisten, Evolutionisten, Neodarwinisten, Kreationisten, Funktionalisten, Strukturalisten, Relativisten, Positivisten, Idealisten, Fundamentalisten, Moralisten, Scientisten, Rationalisten oder gar Realisten, die auch alle innerhalb ihrer Gruppierungen in unterschiedlichen Farben schillern.

Ähnlich verhält es sich mit den »Ianern« als Jüngern jeweils benannter Philosophen oder Psychologen. Radikaler ausgedrückt:

Kampf dem Ismus, Denkschubladen zu Brennholz! Damit setzt sich der Autor natürlich der Gefahr aus, vor allem von Metaphysikern jeglicher Couleur angegangen zu werden. Das Risiko muss es ihm wert sein. An dieses entstehende Anschauungsmodell können Spezialisten anknüpfen und Forschungsergebnisse hinzufügen; insofern ist es offen und lädt zur Weiterentwicklung ein.

Die Abhandlung muss sich überdies den Fragen der »Ismen« stellen, wo sie den Weg kreuzen. Wir tun dies zum Beispiel bei Kapitalismus, Liberalismus und Kommunismus, bei Humanismus, Traditionalismus oder Rationalismus. Sie will dabei auch der zweiten Frage von Gretchen an Faust, der nach Gott, nicht ausweichen. Ist Gott nur Lückenbüßer für Unerforschliches oder Platzhalter für die dunklen Löcher oder weißen Flecken von Biologie, Physik und Kosmologie, bis Antworten gefunden werden, also für die heute noch unbeantworteten Fragen nach dem Wie oder für die unbeantwortbaren Fragen nach dem Warum?

Damit stellt sich auch der Sinn der Sinnfrage. Für die vorliegende Betrachtung ist Gott nicht konstituierend, denn wir versuchen, den evolutionären Ansatz zu beschreiben, ohne Gott zu bemühen. Diese »Anschauung der Welt« lädt allerdings zu persönlichen Schlüssen ein.

Denken ist nicht immer ergebnisoffen, freies Denken wäre es. Denken ist eine weiche Angelegenheit, wenn nicht ideologisch gefesselt. Naturwissenschaft kann ihre Ergebnisse durch vielfältigste empirische Methoden härten, Geisteswissenschaft hat hierfür nur eine Währung, die Logik. Die Naturwissenschaft hat die geistige Führung übernommen, weil ihr Kind, die Technik, den zivilisatorischen Prozess voranbringt. Das ist mit ein Grund, warum sich die Sozialwissenschaften abspalten und immer stärker naturwissenschaftlich gerieren; ihrem Messen und Zählen geht aber stets eine perspektivische Aufgabenstellung mit Einordnung und Wertung voraus, die leider mehr und mehr vernachlässigt wird. Die vermeintliche Überlegenheit der Naturwissenschaften verleitet oft zu einer positivistischen, zu einer Justament-Betrachtungsweise.

Beim notwendigen Versuch, Denkergebnisse mithilfe der Naturwissenschaften auf die Probe zu stellen, erweist sich jedoch nach dem Durchdringen der harten naturwissenschaftlichen Schale ein weicher Kern in nahezu allen Grundfragen – vom Urknall bis zur Materie oder von der Dunklen Energie bis zum menschlichen Gehirn und seinen Entscheidungen. Das ist so, weil es gar nicht anders geht, als sich in diesen Grundfragen geistvoll mit dem Geist auszusöhnen, der alles umfasst.

7. DIE UNVERNUNFT DER RATIONALITÄT

Menschlicher Geist spaltet sich derzeit auf in soziale Teilhabe an einem universellen, jederzeit für alle verfügbaren Wissen im weltweiten Netz und einen Akt der immer stärkeren Individualisierung und Egozentrierung durch eine vermeintliche Rationalität des Denkens und Handelns. Beides treibt die Evolution voran in eine Zivilisation, die mit dem menschengemachten Erdzeitalter des »Anthropozän« gekennzeichnet wird, weil es nun der Mensch ist, der die Umgestaltung der Welt antreibt.

Wir werden sehen, dass unsere so gepriesene Rationalität sich als missratene Tochter der Vernunft erweist. Diese individuelle wie auch strukturelle Rationalität ist unvernünftig, weil sie das Schöne jetzt und gleich haben will und damit die Grundlagen der Schönheit der Evolution zerstört. Ja, das ist Kritik am Kapitalismus, soweit dieser ungebändigt den Menschen zum Marktteilnehmer degradiert und dessen Würde aushöhlt, wie das »Die Unvernunft der Rationalität« am Ende dieser Betrachtung aufzeigt. Der Marktmensch verliert schleichend seine Freiheit, und er wirkt daran noch mit in Punktesystemen und sozialen Netzwerken. Er lässt sich entkernen und merkt irgendwann – jedenfalls zu spät –, dass er sich Individualität gar nicht mehr leisten kann. Monotonie und Konformität aber sind das Gegenteil von Schönheit.

Die Rationalität als missratene Tochter der Vernunft gebiert Missbildungen in nahezu allen Bereichen des sozialen Gefüges, in Politik und Recht, Ökonomie und Infrastruktur, Agrar- und Energiewirtschaft, selbst in Bildung und Wissenschaft, und sie nimmt uneinlösbare Anleihen bei der Zukunft. Wo die Attraktivität der Evolution im Mittelpunkt der Anschauung steht, muss zwangsläufig ihre Gefährdung durch unsere Zivilisation Teil der Betrachtung sein.

So ist der Bogen weit zu spannen und dennoch kurz zu fassen. Die Unvernunft der Rationalität ist süchtig nach Glück und vertreibt es dabei, so wie sie gleichzeitig der Schönheit der Evolution zusetzt.

8. DIE REDUKTION

Beobachtet man den ersten Wimpernschlag der Evolution, so liegt im Urknall ohne Zweifel eine Ur-Kreativität, in der Ladung der Abstoßung oder Anziehung eine deutliche Polarität und in jeder molekularen Verschmelzung oder kosmischen Stabilisierung für alle Beteiligten eine gewisse Attraktivität.

Begriffe dienen der Verständigung. Sie sind Arbeitsinstrumente der Kommunikation. Um die Facetten des Gemeinten abdecken zu können, müssen sie eine doppelte Aufgabe erfüllen: Treffend sollen sie den Gegenstand in den Griff nehmen und auch umfassend. So tut es die »Kreativität« im materiellen und im ideellen Raum, die »Polarität« in ihrer Widersprüchlichkeit von Anziehung und Abstoßung, die »Attraktivität« in Physis und Psyche und die »Reflexion« als Widerspiegelung der Wirklichkeit im Denken und dabei der Schaffung neuer Wirklichkeit. Wir müssen uns unserer vielen blinden Flecken bewusst sein und auch des zur intellektuellen Bescheidenheit mahnenden Gedankens Immanuel Kants, wonach das Erkennen wesentliche Zutaten des erkennenden Subjekts birgt, in allen Wissenschaften, in allen Lebenssituationen. Mit solch selbstkritischer Offenheit darf und kann man dann auch zu Überzeugungen gelangen.

Diese Prinzipien der Kreativität, Polarität und Attraktivität, die im Augenblick des Urknalls schon wirksam waren, bergen in ihrem Zusammenwirken den Geist der Natur als die Fülle der Naturgesetze. Wir werden sehen, dass es gar nicht so viele gibt und sich diese letztlich zurückführen lassen auf die hier gefundenen Prinzipien. Sie sind vermutlich mit den drei Begriffen im Kern und als grobes Raster schon umschrieben. Sie mögen sich ausdifferenziert haben mit der fortschreitenden Evolution. Ob sie schon vor dem Urknall existierten? Ihr Nukleus jedenfalls muss da gewesen sein – zumindest eine logische Sekunde vorher, selbst wenn man annehmen sollte, dass der Geist ein Aspekt der Materie ist. Auch die Beständigkeit der kreativen Entwicklung deutet auf die Schlüsselfunktion des Musters der drei Prinzipien hin.

In dieser Position liegt weder eine utilitaristische noch eine teleologische Vorstellung. Sie schließt sie aber auch nicht aus. Da es kein »Vor« im Rahmen von Zeit gab, dauerte die logische Sekunde eine Ewigkeit. Denn während unendliche Zeit ein Verlauf ist, ist Ewigkeit ein Zustand. Für Gläubige übrigens tröstlich.

Die Fähigkeit der Evolution, sich in uns und durch uns zu reflektieren, bringt es ganz natürlich mit sich, dass wir unseren Platz darin suchen, erkennen und anerkennen.

9. DER BOGEN ALSO DIESES BUCHS

Bei der Suche nach Bedeutung und Funktion der Schönheit für die Welt richtet sich zwangsläufig der Blick auf den Entstehungsprozess des Universums und auf uns mittendrin: Die Attraktivität schafft es, sich aus Gegenkonstellationen zu entwickeln (Teil IV). Jeder noch so kleine kreative Schritt (Teil II) findet sofort seine Gegenbewegung (Teil III), wie beim Tanz eines Paares, das erst als harmonisches Ganzes seine Attraktivität zur Geltung bringt. Diese Entwicklung vom ersten Atom bis zum tanzenden Menschenpaar dauerte 13820 Millionen Jahre, wie auf den Urknall zurückgerechnet wird, genauer drei Millionen Jahre weniger, denn da erst traten wir Menschen plötzlich in die Welt ein. Unser Kennzeichen, das uns aus der übrigen Tierwelt heraushebt: Bewusstsein. Die Gefahr, die wir für den Planeten darstellen: der Missbrauch dieses Bewusstseins durch eine vordergründige Vernunft, die wir für Rationalität ausgeben, aber für eigennützige Zwecke instrumentalisieren.

Damit dieser hier geschlagene Bogen hält und trägt, war es erforderlich, die Brocken zu verbinden und auszusteifen mit dem Stützmaterial aus Natur- und Geisteswissenschaften, ohne akribische Details oder in deren zelebrierter, exkludierender Fachsprache. Ein wissenschaftlichen Ansprüchen formal genügendes Werk könnte einen solchen Brückenschlag nicht leisten, müsste sich auf Bruchstücke beschränken und würde dem Erbauer Mut und Schwung nehmen. In diesem Bogen erweist sich unser Reflexionsvermögen als Link zwischen den drei Maximen der Evolution von Kreativität, Polarität und Attraktivität einerseits und unserer Zivilisation andererseits mit all den Auswirkungen vernunftgemäßen Denkens und widersprüchlichen Handelns.

Den Nachweis der Tragfähigkeit können Sie, verehrte Leserinnen und Leser, durchaus auch mit eigenen Sprüngen über den Bogen nachvollziehen und mit dem roten Faden des Inhaltsverzeichnisses jeweils zu der Position hinfinden, die Sie klären möchten. Ich mag dicke Bücher auch nur bedingt und meine, dass Sie in jedem Sie interessierenden Bogensegment das Ganze erahnen können. Das fraktale Prinzip sollte auch hier wirken.

II.DAS KREATIVITÄTSPRINZIP

Schöpfungsmythen, Wissenschaft und wir

1. DAS RÄTSEL DER KRAFT

Nichts in der Welt ist unbedeutend.

Friedrich Schiller, Die Piccolomini

In wirklich allem, und sei es noch so klein, steckt der Keim von Wachstum oder von Veränderung oder von Anstoß. Diese in der Natur ruhende Kraft, die schon vom Allerkleinsten ausgeht, die Neues hervorbringen muss und jeweils zu höheren Entwicklungsstufen ansetzt, nennen wir Kreativität. »Meine Liebe gehört dem Unscheinbaren«, sagt der Schriftsteller Werner Bergengruen, »und ich bin des Glaubens, dass es ein gänzlich Unwichtiges nicht geben kann, denn jedes Geringe steht für ein Größeres. … Das Tageslicht spiegelt sich in jedem Wassertropfen … und aus dem unbedeutendsten Detail kann etwas abgelesen werden. Das alte Wort ›pars pro toto‹ scheint mir eine wesentliche Einsicht zu verkünden, und die Stufenleiter vom Staubkorn bis zum Herrn der Welten ist für mich die wahre Jakobsleiter …«1

Mit seinem »Teil fürs Ganze« schon im Unscheinbaren ahnt auch Bergengruen das fraktale Strukturprinzip der Evolution und die Konsequenz, wonach es uns und alle anderen großen Tiere ohne das Gewimmel der unsichtbar kleinen Mikroorganismen gar nicht geben könnte. Die Vielfältigkeit ist in diesem Bild ebenfalls schon angelegt.

Nach der Naturgesetzlichkeit ist Energie Masse mal Beschleunigung. Das sagt etwas über ihre Zusammensetzung aus, aber nichts über den Ursprung der beiden Faktoren Masse und Schubkraft. Masse birgt in sich die Schwerkraft. So kann Masse als Energie aufgefasst werden und Energie als Masse. Beide können in die jeweils andere Form umgewandelt werden. So wird Masse in der Physik auch bildlich als »gefrorene« Energie gesehen, obwohl alles in Schwingung und Schwingung alles ist. Entsprechend wird Energie als »verdampfte« Masse betrachtet. Beider Anstoß ist die Kreativität, die letztlich aus dem Urknall kommt. Da soll sie »einfach« entstanden sein.

Fälschlicherweise wird Kreativität fast überall nur als Eigenschaft der Menschen benutzt und erkannt. Aber Kreativität steckt schon in aller Kreatur.

»Weder Sein noch Nicht-Sein«

In den Schöpfungsgeschichten der Kulturen und Religionen ist ein kollektives Gedächtnis der Menschheit gespeichert. Zwar kann der Vorgang der Geburt der Menschheit, also ihrer Selbstvergewisserung, ihrer ersten Manifestation als Reflektierende, ihr nicht bewusst werden, so wenig wie sich das Individuum an seine Geburt erinnert. Wenn man aber von einem Geburtstrauma spricht, erkennt man immerhin an, dass sich eine Ahnung von der Geburt der Welt eingelagert haben kann, die aus den Mythen und den Reflexionen der Weisen spricht.