Der zugeteilte Rentner - Ralf Schulte - ebook

Der zugeteilte Rentner ebook

Ralf Schulte

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Opis

„Ich bin ihr zugeteilter Rentner!“ Die Studentin Clara ist völlig verwirrt, als der Rentner Maximilian vor ihrer Tür steht. Er reicht ihr ein paar amtliche Dokumente und behauptet, er sei ihr zugewiesen worden. Der Grund: Mit dem Zusammenbruch der Rentenkasse ist jeder Deutsche unter 40 verpflichtet, einen Rentner aufzunehmen. Dazu kommt noch, dass Maximilian nicht unbedingt ein netter Gast ist, den man gerne in seiner Wohnung hat. Er ist vielmehr ein Querulant aller bester Sorte. Und schon nach wenigen Stunden hat er Claras Leben völlig auf den Kopf gestellt. Pressestimmen: „Der zugeteilte Rentner von Ralf Schulte ist eine amüsante Geschichte, die zum Nachdenken anregt." ebookninja.de „Dieses Buch hat mich auf den ersten Seiten gefangen genommen.“ xtme.de – gute ebooks „Die Idee von Ralf Schulte in seinem Roman einer jungen Frau einen vollkommen fremden Rentner zuzuteilen, mit dem sie fortan in einer WG zusammenleben muss, fand ich genial …" Literatur-Blog: Unkraut vergeht nicht

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EPUB
MOBI

Liczba stron: 305




Inhalt

Beginn

Ständige Arbeiten unter Tage

Haushaltshilfe

Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben

Persönliche Entgeltpunkte

Zuständigkeit

Irrtümliche Pflichtbeitragszahlung

Ersatzzeiten

Anrechnungszeiten

Umlageverfahren

Freiwillig Versicherte

Vermögensanlagen

Grundsatz

Liquiditätssicherung

Allgemeine Berechnungsgrundsätze

Aufgabe der Rehabilitation

Zusatzleistungen

Fälligkeit der Beiträge und Aufschub

Rentenartfaktor

Beitragszeiten und Berücksichtigungszeiten wegen Kindererziehung

Nachzahlung bei Nachversicherung

Grundsätze

Befristung und Tod

Erziehungsrente

Beschäftigte

Übergangsgeld

Änderung und Ende

Kinderzuschuss

Zuschläge oder Abschläge bei Versorgungsausgleich

Kindererziehungszeiten

Reisekosten

Minderung der Erwerbsfähigkeit bei einer Straftat

Rentenversicherungsbericht

Beitragszeiten

Tötung eines Angehörigen

Durchführung

Versicherungsfreiheit

Aktueller Rentenwert

Getrennte Abrechnung

Beginn und Ende

Danksagung

Der zugeteilte Rentner

Roman

Ralf Schulte

Impressum

Ralf Schulte – Der zugeteilte Rentner 3. Auflage, illustriert Copyright © 2013 by Omolollo Omolollo UG (haftungsbeschränkt) Erich-Ollenhauer-Str. 231c 65199 Wiesbaden [email protected] www.omolollo.com Umschlaggestaltung & Illustrationen: Ralf Schulte

Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-00-041737-5 Wenn Ihnen unser Buch gefallen hat, würden wir uns freuen, Sie auch auf unserer Facebook Seite begrüßen zu dürfen: Omolollo auf Facebook oder besuchen Sie doch einfach mal auf unserer Verlagsseite: Omolollo.com

Beginn

„Guten Tag!“, ein alter Mann grinste sie an. „Ich bin ihr zugeteilter Rentner!“

„Was?“

Clara verstand nicht, was passierte. Vor ihr stand ein kleiner, alter Mann. Dicker Mantel, Bogart-Hut, einen großen schäbigen Koffer in der Linken und mit der Rechten hielt er die Hundeleine, die tief nach unten führte und an einem winzigen Dackel endete.

„Ich bin ihr zugeteilter Rentner!“

Die Stimme des Mannes klang rau und kehlig. Tiefe Denkfalten durchzogen sein Gesicht, so als würde er sich ständig über etwas ärgern. Kurz gesagt: Ihm fehlte das freundliche Äußere für das Rentner im Allgemeinen bekannt waren. „Was soll das sein? Hat der Hausmeister Sie geschickt?“

Der Mann zögerte.

„Nein, ich bin Ihr Rentner!“

„Mein Rentner?“

„Ich wurde Ihnen zugeteilt! Maximilian Himmel ist mein Name.“

„Zugeteilt?“

„Um bei ihnen zu wohnen!“

Ein alter Mann in ihrer Wohnung? Die fünfzig Quadratmeter reichten noch nicht einmal für sie. Das musste ein Scherz sein – das konnte nur einer sein. Sie studierte, besaß kaum Geld und sah sich auch sonst nicht in der Lage, für einen Menschen zu sorgen. Außerdem würde ihr keiner einen Menschen anvertrauen.

Sie blickte sich um. Rechts war niemand im Flur, links auch nicht. Eine versteckte Kamera vielleicht? Irgendjemand spielte ihr Streiche, bestimmt einer vom Studium.

„Netter Versuch! Aber ich falle nicht drauf rein!“

Mit diesen Worten warf sie die Tür zu.

„Sagen Sie denen“, fuhr Clara hinter der Tür fort, „dass es nicht geklappt hat. Das war nicht lustig.“

Maximilian blieb einfach stehen und starrte auf den weiß-grauen Lack der Tür, in dem sich sein Gesicht widerspiegelte.

„Ich hab’ dir doch gesagt, benimm dich“, sagte er zu seinem Dackel und zog einmal kurz an der Leine. Doch der Hund blickte nur nach oben, blinzelte zweimal und ließ danach die Zunge raushängen. Am Ende des Ganges machte es ein lautes Klack; danach ging das Licht im Flur aus.

Clara lag schon wieder auf ihrem Sofa. Den ganzen Morgen hatte sie die Wohnung geputzt. Anschließend wurde der Berg unbezahlter Rechnungen nach „Sofort-bezahlen“, „Hat-noch-eine-Woche-Zeit“ und „Kann-noch-nächsten-Monat-bezahlt-werden“ sortiert. Außerdem hatte sie wieder drei Kapitel im Medizinbuch „Biochemie des Menschen“ geschafft. Jetzt folgte die Belohnung: links ein Kaffee, rechts die neue Zeitschrift über Single-Frauen, die Extremsportarten betrieben und als Nachschlag gab es „Heim & Wohnung“ mit einem Spezial über Düfte. Vor allem die Tipps für keimfreie, lang anhaltende Frische interessierten sie. Am liebsten mochte Clara es, wenn eine feine Duftspur aus Zitronen-Allee und Kaffeehaus durch die Wohnung wanderte, so entspannte sie sich noch besser, die Klatschspalten in der Illustrierte halfen zusätzlich. Außerdem gab es viel Wissenswertes zu Karriere, Mode und Kochen – eben für jede Stimmung etwas. Meistens las sie aber die Diättipps von Hollywood-Stars: „In drei Wochen zehn Kilo verlieren“ oder „Ich esse gern – und nehme trotzdem ab“. Komischerweise funktionierten diese Diäten nur bei übermenschlichen Prominenten, die mindestens ein Haus in London, eins in Malibu und eins auf Mallorca besaßen. Vielleicht verbarg sich dahinter ihr Erfolgsgeheimnis. Diese Menschen reisten soviel durch die Welt, dass sie dadurch ihr Gewicht verloren. Reich sein musste man, inklusive Traumfigur. Dann war alles einfacher. Dann wurde man liebevoll vom Personal-Trainer mit einem Müsli-Shake geweckt – nicht wie bei ihr von den lauten Nachbarn. Das sorgte nur für Stress und half wenig bei Figurproblemen. Auch den ganzen Tag auf dem Uni-Campus umherzurennen, brachte ihre Fettverbrennung nicht in Schwung. Von der Mensa ins Studentensekretariat, dann zum BAföG-Amt, anschließend ins Anatomische Institut, die nächste Vorlesung, zwei Stunden stehen, dann in den Präp-Kurs, anschließend in die überfüllte Cafeteria, der nächste Sprechstunden-Termin, drei Stockwerke höher ins Physiologische Institut, in die Reihe anstellen, wieder warten; eine Stunde später sitzt sie dann im Schweiße aufgelöst vor ihrem Prof, der nur zwei Minuten für sie erübrigt, das Histologie-Praktikum fängt bereits an, wieder rennen, wieder schwitzen. Und wofür das alles? Um am nächsten Morgen festzustellen, dass sie zweihundert Gramm mehr wog, obwohl sie nur einen Apfel gegessen hatte? Wo blieb da die Gerechtigkeit?

Aber sie fühlte sich gar nicht dick. Sie fand sogar, dass sie klasse aussah – eben ein kleiner Rubens. Die Skepsis ergab sich erst mit dem Wort „eigentlich“. Nach Sex mit ihrem Freund Finn hüpfte sie meistens vor dem Spiegel auf und ab. Sie fühlte sich gut, schließlich stellte sie ihm meist die Frage, bei der sie mit einer netten Antwort rechnete: „Findest du mich dick?“ Die ersten Reaktionen auf diese Frage: ein verzerrtes Gesicht, aufgerissene Augen, ein Blick zur Seite, dann gar nichts. Mindestens eine Minute Schweigen. Sechzig lange Sekunden nichts als ein unverständliches Brummen. Dann folgte ein: „Eigentlich nicht!“

Es war dieses „eigentlich“. Klein und niedlich platzierte es sich in die Kommunikation der Mitmenschen und bildete ein Hintertürchen, durch das man sich leicht hinauswinden konnte. „Bist du satt? Eigentlich nicht! Willst du verreisen? Eigentlich nicht!“ Es bedeutete einfach: „Nein, aber jetzt wo du es sagst, sollte ich meine Meinung vielleicht ändern. Es ist gut, dass du mich darauf hinweist. Allein wäre mir das nie aufgefallen. Vielen Dank!“

Finn fand sie dick. Und es brannte sich in ihre Haut. Jedes Mal, wenn sie ihre Hüften, den Bauch oder die Beine betrachtete, sah sie das Brandzeichen: Fett! Fett, das sich rollt. Fett, das hängt. Fett, das schwingt. Fett, das sich wölbt. Dabei gehörte er selbst nicht zu den dünnen und sportlichen Typen. Überall an seinem Körper hingen kleine, wenn auch niedliche, Speckfalten. Nur sein Bauch bekam immer mehr die Form eines Fußballs. Aber darüber mochte er nicht sprechen, er brummte dann Unverständliches und verwandelte sich in eine lebende Brennesel. Clara wusste, dass er heimlich in eine Diät-Selbsthilfegruppe ging, um sich dort Rat zu holen – nur darauf ansprechen, durfte sie ihn nicht.

Finn war kein leichter Fall. Des Öfteren ärgerte sie sich über ihn. Aber trotz allen Schwierigkeiten liebte sie ihn. Am Wochenende wollten sie sogar zusammenziehen – extra hierfür räumte sie ein Regal leer. Und wenn er sie wieder ärgerte, gab es eben das Notprogramm: Sie schlüpfte in ihren Jogging-Anzug, in dem sie wie eine DDR-Sportlerin aussah, zog sich Socken Größe XXL an, postierte ihre Kuscheltiere, machte eine Flasche Rotwein sowie eine Tüte Chips auf und setzte sich ans Fenster. Ihr Nachbar gegenüber machte in seinem Wohnzimmer jeden Abend Sport. Nichts Außergewöhnliches, sah man von der Tatsache ab, dass er dies nackt ausübte. Und da er wie der Coca-Cola-Light-Mann aussah, wollte sie keine Folge von „Nackt am Fenster“ verpassen. Vor allem die Springseil-Übungen liebte sie – wenn sich dabei alles so schön drehte und hüpfte und drehte und hüpfte. Manchmal lud sie auch ihre Freundin Zoe ein. Doch diese stand mehr auf Rumpfbeugen.

Wenn selbst das ihre Stimmung nicht verbesserte, setzte sie sich vor ihren riesigen Spiegel und suchte nach abstehenden Härchen. Fand sie eins, nahm sie eine Pinzette und rupfte es mit einem wohlklingenden und langen Seufzer heraus. Ansonsten fand sie sich sehr umgänglich, menschlich-kompetent. Sie randalierte nicht, hörte keine laute Musik und tat auch sonst nichts, was ihre Nachbarn gegen sie aufbrachte. „Die Frau Januszewski, des is ja so ein guter Mensch!“, sagten immer die Nachbarn. Und das erfüllte sie mit Stolz; schließlich gab es nur wenige in diesem Haus, die dieses Prädikat erhielten. Claras Ärzte waren da ganz anderer Meinung. Als Medizin-Studentin endete man meist als Hypochonder: „Ich hab da so ein Jucken, könnte es Neurodermitis sein?“ Oder: „Könnten sie mich noch einmal röntgen, ich glaube, an der Aorta haben sie was übersehen.“

Es klingelte wieder. Hoffentlich nicht die Nachbarn von Gegenüber, die den ganzen Tag lärmten. Manchmal kamen sie zu ihr, wenn sie Zigaretten brauchten oder einen Euro, um sich welche zu kaufen. Da diese Nachbarn nie auszogen, wurden es immer mehr, entsprechend oft klingelte es. Außerdem schrien, kreischten und ab und zu hämmerten sie mit Kochtöpfen gegen die Wände. Clara wäre dann am liebsten rübergegangen und hätte ihre Köpfe so lange zusammengeschlagen, bis endlich Ruhe einkehrt wäre.

Es klingelte wieder. Diesmal marschierte sie zur Tür, blickte durch den Türspion und stellte fest, dass dieses Gesicht nicht ihren Nachbarn gehörte – Maximilian Himmel stand davor.

„Was soll das? Gehen Sie endlich!“

„Und wohin, bitte schön?“, brummte der Rentner. „Ich soll doch bei ihnen wohnen!“

„Ich habe Ihnen doch gesagt, das geht nicht!“

Clara lief zurück zum Sofa und ließ sich in die Kissen fallen. Links die Illustrierte, rechts der Kaffee.

„Das Licht ist wieder ausgegangen“, erklang es aus dem Flur. Kurze Zeit später: „Hey, wenn ich meinen Arm bewege, geht es wieder an.“

Sie versuchte, ihn zu ignorieren. Ihre kleine Stereo-Anlage half dabei, Robbie Williams ebenfalls. Maximilian klingelte zwar noch ein- oder zweimal, doch das war jetzt kaum zu hören. Gegen Robbies Aura kam kein Störenfried an.

Dann schlief sie ein – es musste wohl zwischen der Photoreihe über Brad Pitt und dem Artikel über künstliche Befruchtung für Single-Frauen Ende dreißig gewesen sein. Erst als Brad Pitt sich aus ihrer Umklammerung löste, über ihren Bauch nach unten rutschte und auf dem Boden zusammenklappte, wachte sie auf. Das war einer dieser Freitage, die man für gewöhnlich im Dämmerzustand verbrachte. An der Uni passierte sowieso nichts mehr, da die meisten Studenten bereits nach Hause fuhren. Somit konnte sie in Ruhe die Woche ausklingen lassen.

Und dieser Rentner? Dingsbums Himmel? Vermutlich nur ein Streich oder einer dieser herumirrenden Alten, die sich über die Jahre vermehrten. Wahrscheinlich hatte sein Pfleger ihn längst gefunden, ihn nach Hause gefahren, ihm ein Bad gemacht und ihm eine heiße Tasse Tee mit Honig serviert. Ständig liefen verwirrte Menschen in ihrem Viertel umher, meistens sammelte die Polizei sie ein oder irgendein gemeinschaftlicher Dienst, der im Namen irgendeiner Kirche irgendetwas Gutes tat. Jedenfalls ging sie das alles nichts an.

Vor ihrer Tür herrschte Stille. Zumindest, wenn man von der alltäglichen Geräuschkulisse absah, die dieses Haus umklammerte: eine Baustelle vor der Tür, Renovierungsarbeiten im Dritten, die kreischenden Nachbarn, der Fernseher der Rentnerin am Ende des Ganges und natürlich die zwei Pudel des Architekten von gegenüber, die sich ständig jagten.

Clara blickte zur Tür. War der Rentner weg? Was, wenn sie jetzt die Tür öffnete? Er musste fort sein. Weshalb hätte er warten sollen?

Zuerst machte sie sich noch einen Kaffee, dann blätterte sie in der Fernsehillustrierten – vielleicht gab es an diesem Abend einen guten Film, den sie bisher nur zwei- oder dreimal gesehen hatte. Da war diese Tür. Dunkelbraun. Groß. Wuchtig. Und mittendrin zielte dieser winzige Türspion auf sie. Einfach nur mal durchschauen. Bestimmt war er weg. Und wenn nicht: Er würde es nicht merken.

Sie schlenderte eine Weile durch den Raum, stellte ein paar Sachen um, räumte für Finn ein Regal leer, verschnürte eine Tüte mit Müll und kam dabei zufällig an der Haustür vorbei.

Sie schaute durch.

„Mir ist kalt! Ich friere. Ich will jetzt rein!“, hämmerte es an die Tür. Clara erschrak und schnappte nach Luft. Wie konnte er sie sehen? Hatte er einen Röntgenblick? Dann riss sie die Tür auf.

„Was wollen Sie?“

Der Rentner kramte in der Innentasche seines Mantels, immer tiefer, bis er schließlich einen zerknitterten Brief empor zog.

„Hier, bitte!“

Sie nahm das Papier, das aus mindestens zwanzig kleinbeschriebenen Seiten bestand. Überall prangten Stempel drauf und Paragraphen und Rechtsbehelfsbelehrungen und Unterschriften und Namen und Sachverständige und Anwälte und Pädagogen, die alle wieder Logos und Stempel und sonst was hatten – rechts oben stand ihr Name: „Clara Januszewski. Zugeteilt: Maximilan Himmel“.

„Sehen Sie“, lächelte der Rentner, „da steht’s: zugeteilt! Kann ich mal vorbei? Der Hund braucht Wasser!“

„Was wollen Sie?“

„Die Rente! Sie haben es sicherlich gehört, ist nicht mehr finanzierbar. Also muss jetzt jeder unter vierzig einen Rentner aufnehmen und sich um ihn kümmern.“

„Sie können hier nicht wohnen. Schauen Sie sich meine Wohnung an. Die ist selbst für mich zu klein.“

„Machen Sie sich keine Sorgen. In meinem Alter braucht man nicht viel Platz. Das geht schon.“

„Ich will aber nicht.“

Der Rentner zeigte wieder auf das Schriftstück und hämmerte mit seinem Zeigefinger auf die Stelle mit dem Stempel.

„Wollen Sie sich gegen das Gesetz stellen?“

Dann nahm er seinen Hund und spazierte in Claras Wohnung, drehte ein paar Runden in der Raummitte und musterte dabei die Decke.

„Sie sollten streichen.“

Dann schnupperte er, nahm ihre Kaffeetasse in die Hand, roch dran und verzog das Gesicht.

„So was kriegen Sie runter? Furchtbar!“

Clara versuchte noch immer, das Schreiben für sich zu interpretieren. Das alles ergab keinen Sinn.

„Das ist mein Zimmer, nehme ich an!“, sagte Maximilian und holte einen Zollstock heraus, dann vermaß er Couch und Tisch. „Wir werden auf den Tisch verzichten müssen!“

„Was?“

„Wir müssen ein wenig umräumen. Nicht viel. Nur ein paar Möbelstücke.“ „Das ist ein Zweizimmerwohnung! Hier gibt es nur mein Schlafzimmer und diesen Raum. Und der bleibt unverändert.“

Maximilian schlenderte durch das Wohnzimmer. Als er an ihr vorbeistrich, erhaschte sie einen Geruch muffiger Motte und Speck-Pfanne; eine Kombination, die sie bisher für unmöglich gehalten hatte.

Maximilian schlich durch die Wohnung. Ab und zu blieb er an einem Regal stehen, zog ein Buch hervor, überflog den Text auf dem Rücken und drückte es mit einem langen Seufzer zurück. Clara stand im Raum und starrte auf den Brief. Man konnte ihr doch nicht einfach einen Menschen zuteilen. Sie studierte – wie sollte sie ihn ernähren? Das konnte nur ein Fehler sein, bestimmt gab es noch eine andere Clara Januszewski. Vermutlich lebten in dieser Stadt Hunderte mit ihrem Namen: Ärztinnen, Diplom-Biologinnen, Schriftstellerinnen, Frauen von Millionären und viele andere. Die hatten bestimmt Geld. Die konnten sich sogar ein Dutzend Rentner halten.

„Ich denke, dass Sie hier falsch sind. Das muss eine andere Clara Januszewski sein.“

„Sie glauben, die haben einen Fehler gemacht? Die haben mir doch ihre Adresse gegeben. Hier: Fortunaplatz 2. Clara Januszewski.“

Er reichte ihr einen kleinen Zettel, der ihre komplette Anschrift enthielt, selbst ihre Telefonnummer.

„Hören Sie zu“, sagte sie. „Setzen Sie sich, ich rufe jetzt dort an und werde das Missverständnis aus der Welt räumen.“

„Wir dürfen bleiben“, lächelte Maximilian und tätschelte den Kopf seines Hundes.

„Nein! Sie dürfen … warten. Das ist ein Unterschied.“

„Wie Sie meinen. Könnte ich vielleicht in der Zwischenzeit einen Tee haben?“ „Ich hab’ nur Kaffee.“

„Sie sollten gleich als nächstes Tee besorgen. Bei Kaffee bekomme ich Ausschlag und werde unausstehlich.“

„Noch unausstehlicher?“

Doch Maximilian überging ihren Zynismus. Clara schenkte ihm etwas Kaffee in einen Pappbecher und knallte diesen so stark auf den Tisch, dass sich die Hälfte des heißen Getränks über seine Hand ergoss und er zusammenzuckte. Dem Hund stellte sie eine kleine Schüssel mit Wasser hin, Raumtemperatur.

„Wie heißt der Kleine denn?“

„Hund!“

„Hat er keinen Namen.“

„Den hat er mir nicht verraten. Er ist ein sehr eigenartiger Kerl.“

Der alte Mann entpuppte sich als menschlicher Igel, alles an ihm stach und piekste die Umgebung. Am liebsten hätte sie ihn aus der Tür gerollt oder auf der Autobahn ausgesetzt. Aber wollte sie nicht Ärztin werden, Menschen Gutes tun? Da konnte sie nicht ausflippen, Ärzte verhielten sich ruhig, allwissend standen sie über ihre Mitmenschen, über alles erhaben, weiße Götter. Das gefiel ihr.

Clara ging an ihren Computer, klickte sich durch ein paar Internetseiten und kam kurz darauf mit einer Telefonnummer wieder. Dann schnappte sie sich das Telefon und wählte die Service-Nummer der Auskunfts- und Beratungsstelle der Deutschen Rentenversicherung.

„Guten Tag!“, erklang eine freundliche Stimme von Band. „Wir begrüßen Sie bei der Deutschen Rentenversicherung. Bevor ich Sie weiterleite noch der Hinweis unseres Sponsoren: Sichern Sie sich Ihre Zukunft mit Privatvorsorge Alter Plus. Die Rentenversicherung wurde unter zweihundert Versicherungen zur Nummer eins gewählt. Wollen Sie mehr dazu wissen, wählen Sie jetzt die Null.“

Kurze Pause.

„Dies war ein Hinweis unseres Sponsoren Alter Plus. Damit wir Sie noch schneller verbinden können, haben Sie jetzt die Möglichkeit, unter folgenden Optionen zu wählen: die Eins für generelle Fragen zur Rentenvorsorge. Die Zwei: für gezielte Fragen zur Rente. Die Drei: für Fragen zur eingezahlten Rentensumme. Die Vier: falls Sie einen Nachbarn oder einen Bekannten wegen unversteuerten Nebeneinkünften anzeigen möchten. Die Fünf: für Bankfragen. Die Sechs: für Fragen zur Witwenrente. Die Sieben: für Fragen zur Kostenübernahme durch Familienmitglieder. Die Acht: für Fragen zur Anrechnung weiterer Einkommen. Die Neun: für alle anderen Fragen.

Bitte beachten Sie: Durch wirtschaftliche Unwägbarkeiten kann es zu einer verspäteten Zahlung ihrer Rente kommen. Wir werden dieses Problem so schnell wie möglich beheben. Bitte rufen Sie nicht an.

Sie haben die Neun gewählt. Der nächste freie Platz ist für Sie reserviert. Danke für ihren Anruf. Mit diesem Service-Call spenden Sie automatisch fünf Euro in die Rentenkasse.“

Eine beruhigende, fast tranceartige Musik setzte ein: lange, zarte Töne, vermutlich ein Streicher-Quartett im Hintergrund, das Rauschen eines Gebirgsbaches. Dann erklang die Stimme vom Band wieder: „Alle Leitungen sind derzeit belegt, bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal. Auf Wiederhören.“

Clara atmete langsam aus, legte den Hörer beiseite und rieb sich den Nasenrücken. Maximilian saß auf seinem Koffer und spielte mit seinen Fingern, vielmehr spielte er mit einem Ring, den er immer wieder drehte, so als wäre es ein Wunschring, der irgendetwas verzaubern könnte.

„Passen Sie auf: Sie gehen jetzt dorthin und sagen denen, dass sie ein Fehler gemacht haben. O. k.?“

„Und wenn die mich wieder zu ihnen schicken? Darf ich dann bei Ihnen wohnen?“

Maximilian grinste wie Mephisto höchstpersönlich, seine Lachfalten verzerrten sein Gesicht, die Augen leuchteten, die weißen Haare auf seinem Kopf richteten sich auf.

„Ich denke, es ist besser, wenn wir zusammen dort hingehen.“

„Es ist Freitag. Alle Ämter schließen um zwei.“

„Dann beeilen wir uns.“

„Ich warte einfach hier!“

„Sie kommen mit!“

Ständige Arbeiten unter Tage

Die Fahrt durch die Innenstadt dauerte eine Ewigkeit. Polizei- und Feuerwehrwagen quälten sich durch den Stau, den Sturm und Regen verursachten. Wie Honig schleppte sich der Regen an den Fassaden herunter; Schilder von Gesundheits-, Anti-Aging- und Bio-Geschäften glitzernden im Nass. Vorbeihuschende Autos warfen Wasserfontänen gegen die Scheiben der Straßenbahn. Ein Konzert aus Sirenen und Hupgeräuschen begleitete die Schreie eines Mannes, der einen anderen beschimpfte. Alles wirkte wie in Zeitlupe, die Stadt schleppte sich dahin, selbst die Bäume ließen ihre Arme hängen, kaum noch Kraft sich aufzuraffen, die Blätter zogen alles nach unten. Die Straßenbahnen und Busse, die sich durch die Staus schoben, erstickten vor Menschen. Die Stadt stank nach nassem Hund: in den U-Bahnen, in den Geschäften, in den Wohnhäusern – einfach überall.

Clara und Maximilian warteten, bis sie eine Straßenbahn fanden, die ihnen Platz bot. Aber auch hier gab es kaum freie Sitze, überall standen die Leute und eine Haltestelle später stürmte ein Dutzend Beamter herein. Clara explodierte innerlich. Sie hasste es, mit so vielen Menschen in einem engen Raum eingepfercht zu sein. Sie redeten und telefonierten so laut, dass sie alles mitbekam, ob sie wollte oder nicht. Zum Glück hörten die meisten Fahrgäste Musik. Die gleiche Mimik, die gleiche Körperhaltung, die gleichen Kopfhörer verbanden sie miteinander. Wie an ein riesiges Netzwerk angeschlossen wirkten sie. Die Kabel versorgten sie mit lebenswichtiger Energie. Hätte man die Stöpsel aus den Ohren gezogen, wären sie vermutlich in sich zusammengesackt.

Clara überprüfte den Sitz ihrer Lederhandschuhe. Bloß nichts anfassen. Straßenbahnen verhielten sich wie lebende Bakterien – ein Bazillus kam, ein anderer ging; eigentlich müsste man die Bahn vor jedem Einstieg desinfizieren.

Dann erschienen die Kontrolleure. Sieben Männer, alle älter als Maximilian, sie mussten erst ihre Brillen aufsetzen, um die Fahrkarten lesen zu können. Sie arbeiteten in einem der vielen 60er-Jobs – Arbeit, die hauptsächlich von Rentnern gemacht wurde, weil sie schlecht bezahlt wurde. Dazu zählten Berufe wie Busfahrer, Straßenbahnfahrer, Reinigungspersonal, Ordnungshüter und viele andere Tätigkeiten im Öffentlichen Dienst.

Maximilian kümmerte das nicht. Clara hatte ihm nach langer Diskussion eine Fahrkarte spendiert. Außerdem erkämpfte er sich einen Behindertensitzplatz auf dem er sofort einschlief. Die Menschen in der Bahn unterhielten sich, stritten miteinander, pöbelten herum und einige brüllten – doch Maximilian störte sich nicht einmal daran, wenn sie ihn anrempelten. Er träumte in aller Ruhe, ließ seinen Mund etwas offen stehen und lehnte mit seinem Kopf an der Fensterscheibe. Als Clara ihn daraufhin anstieß und ihm mitteilte, dass er eingeschlafen wäre, bestritt er das. Er hätte nur nachgedacht, meinte er. Dann rieb er sich die Augen und keine drei Sekunden später übernahm das Traumreich wieder die Kontrolle.

Clara freute sich, als sie die Auskunfts- und Beratungsstelle der Deutschen Rentenversicherung erreichten. Es war kurz vor eins. Genug Zeit noch, das Missverständnis aufzuklären und den alten Mann loszuwerden. Schließlich wollte sie noch aufräumen, bevor Finn am Wochenende einzog.

Der Eingang wirkte freundlich. Große Glastüren, die blitzschnell und geräuschlos auf- und zuschwangen – auch, wenn keiner rein- oder rausging; wie bei Raumschiff Enterprise. Ein kleiner Springbrunnen stand ebenfalls im Eingangsbereich. Eigentlich war es eher eine Skulptur, die wie der Glöckner von Notre Dame aussah. Aus seinen abstrakten Taschen plätscherte das Wasser, aus seinen abstrakten Ohren quoll es heraus und um seinen abstrakten Bauch versammelte es sich, um die Reise wieder von vorne zu beginnen.

Als Clara und Maximilian das Haus betraten, änderte sich der Eindruck. Die Flure waren grau-beige mit einem dezenten warmen Grauton, überlagert von einem gelblichen 60er-Jahre-Schleier. Clara gefiel es hier, was aber vielmehr am Geruch lag. Der Duft einer tödlichen Sauberkeit schwebte um sie herum, bereit, alle Bakterien zu vernichten. Welches Mittel das wohl war? Sie spürte den ätzenden Effekt in ihrer Nase. So was überlebte keine Bakterie.

Für einen Augenblick standen sie in der Gegend herum und suchten nach Hinweisen, was wo zu finden sei. Eine alte Tafel mit allerlei aufgespickten Buchstaben wies ihnen schließlich den Weg: „REN E AUSKÜ TE ZI. 0 0-039 EG“ Oder sollten sie lieber zu „RE NTEN USK NF ZI. 040-079 1. S CK“ gehen? Direkt daneben hing ein roter Zettel: „Melden Sie auffällige Gepäckstücke bitte sofort der Polizei!“ Da es hier weder eine Information, noch einen Empfang gab, einigten sie sich darauf, ihre Suche im Erdgeschoss anzufangen – immer wachsam für auffällige Gepäckstücke.

Doch sie waren nicht die einzigen, die Hilfe und Auskunft suchten. Viele alte Menschen bevölkerten den Flur: auf Stühlen, auf dem Boden, auf Koffern, Kisten und Camping-Stühlen saßen und warteten sie. Nur ein paar vereinzelte Leuchtstoffröhren erhellten die Gänge, machten aus den Menschen Schatten, Umrisse, die mit dem Grau der Umgebung verschmolzen.

Hin und wieder öffnete sich eine Tür im Flur. Ein Lichtstrahl durchbrach die Dunkelheit. Eine junge Frau rannte heraus und verschwand sogleich im nächsten Zimmer. Dann folgte ein älterer Mann quer über den Gang, stolperte über eine alte Frau und ging durch eine Tür in einen Raum, der als „Kaffee-Zimmer“ gekennzeichnet war. Sobald eine der Türen aufging, strömten die Wartenden herbei und blickten mit großen Augen herein; wie Kinder an Weihnachten. Obwohl drinnen nichts Besonderes passierte, schauten sie dennoch jedes Mal rein, ob sie eine Veränderung entdecken würden. Meist folgte ein „Sie sind noch nicht dran!“, dann ging die Tür wie von alleine zu. Kein Christkind, kein Weihnachtsmann.

Wieder Düsternis. Minuten später erschien der nächste Beamte mit einer Liste in der Hand. Er rief: „H-e 217, K-l 311, N-o 345, R-a 222, Z-u 97!“ Sofort richteten sich ein paar Alte auf, standen sich kurz im Weg und liefen dann in getrennte Richtungen. Nacheinander verschwanden sie hinter irgendwelchen Türen. Ein paar Stimmen erklangen, dann Stille.

„Sollen wir uns eine Wartenummer für J wie Januszewski oder für H wie Himmel ziehen?“

Maximilian zuckte mit den Schultern. „Wie Sie möchten, Sie können auch beides.“

„Dann gehen wir erst mal zu H. Da stehen weniger an.“

„Ich hätte J gewählt!“

„Na, gut! Dann: J!“

„Aber bei H stehen weniger an!“

„Himmel! Entscheiden Sie sich!“

„Dann: H!“

Tatsächlich wartete hier nur eine alte Frau, die ihre Einkäufe mit beiden Händen umklammerte. Eine ihrer Plastiktüten war undicht. Etwas, das wie Eis aussah, tropfte heraus und sammelte sich auf dem grünen Flurboden. Die Frau blickte Clara an. Ihre Augen glänzten. Die Plastiktaschen zogen die Frau mit ihrem Inhalt nach unten, machten die Arme länger als sie waren. Die Hände so blau, das Plastik schnitt in die Hautfalten. Dicke Wurmadern krochen und zuckten über ihren Handrücken. Weiße Haare richteten sich auf. Ein leichter Saum auf ihrer Oberlippe, ein eckiger Zahn zwischen den dünnen Lippen.

Für einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke. Obwohl die alte Frau schwieg, konnte Clara förmlich ihre Gedanken lesen: „Bald bist auch du dran.“

Das extreme Gegenteil saß neben dieser Frau. Ein alter Mann mit großen Augen. Er wirkte abwesend, schaukelte ein bisschen von links nach rechts und anschließend nach vorne und zurück, außerdem summte er dabei und lächelte. Ganz gleich, wo er sich gerade geistig befand, es schien ihm dort zu gefallen. Kein Wunder: Seine Kleidung bestand aus einem abgetragenen blauen Anzug, der früher einmal teuer gewesen sein musste. Auf dem Kopf des Mannes wuchsen nur noch vereinzelte Haare. Wie kleine Inseln, die im Glatzenmeer herausragten und schiffbrüchigen Läusen ein neues Zuhause gaben.

Die meisten der Wartenden waren jedoch Frauen, fast alle um die sechzig. Viele trugen Uniformen, die sie als Teilzeitjobber auswiesen, die in der Mittagspause zum Rentenamt kamen: Fastfood-Verkäuferinnen, Schul-Aufsichten, Putzfrauen, Ordnungshüterinnen und viele andere. Sie waren das Rückgrat der Gesellschaft. Da ihre Rente nicht ausreichte, mussten sie einen Job anzunehmen – fast immer einen, der unterbezahlt war und den niemand wollte. So wurde die Wirtschaft mit billigen Arbeitskräften versorgt, die man zu diesen Preisen nicht einmal mehr in Indien oder China fand. Clara und Maximilian reihten sich ein. Sofort richteten sich die großen Augen der Wartenden auf sie. Damit sie nicht angesprochen wurde, holte sie Maximilians Zustellungsbescheid heraus und tat so, als würde sie ihn lesen. Doch aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse gelang ihr das kaum.

„Lesen Sie das nicht“, grummelte er. „Das verstehen Sie sowieso nicht.“

„Ich könnte es aber versuchen.“

„Wenn Sie ihre Zeit verschwenden möchten, bitte! An diesen Formularen sind schon andere gescheitert.“ Dann widmete Maximilian sich seinem Hund. Der kleine Dackel sprang empor, hüpfte zwischen seinen Beinen umher und leckte ihm die Finger ab.

„Ein Hund müsste man sein!“

„Ich will kein Hund sein!“, sagte Clara.

„Weil Sie nichts davon verstehen!“

„Wovon verstehe ich nichts?“

„Vom Hund sein! Sie sind viel zu unruhig und aufgedreht. Sie würden keinen guten Hund abgeben. Eher ein Hamster oder so was.“

In diesem Augenblick ging die Tür auf. Eine Beamtin rief „456 783 211“ und die alte Frau trottete ins Zimmer.

„So ein Quatsch. Ich wäre ein toller Hund.“

„Wenn Sie meinen!“

„Zum Hund-Sein braucht man gar nicht so viel. Man bekommt sein Fressen, wird ausgeführt und hinterlässt kleine Häufchen, die andere wegräumen.“

„Da sehen Sie’s: Sie haben nichts verstanden. Es geht um die Einstellung. Auch wenn Sie ein Hund wären, Sie wären kein Guter.“

„Können wir mit dem Hunde-Thema aufhören?“

„Sicher. Wenn Sie es nicht hören wollen. Ich kann auch schweigen. Ich bleibe hier einfach still und stumm stehen und warte. Ich bin ein nutzloser alter Mann, ich habe sowieso nichts Besseres zu tun.“

„Und gleich sind Sie ein nutzloser, toter, alter Mann!“

„Natürlich – rohe Gewalt!“

Maximilian tätschelte seinen Hund und murmelte ihm was zu. Der Dackel sprang empor, rannte um seine Beine und leckte ihm die Finger ab. Maximilian musste die Beine heben, um sich von der Hundeleine zu befreien, die sich um ihn gewickelt hatte. Eine ganze Weile ging das so, bis die Tür sich endlich öffnete.

„Nächster Bitte!“

Diesmal folgte der alte Mann mit dem teilnahmslosen Blick. Die Tür schloss sich hinter ihm und er verschwand im Licht.

„Gleich sind wir dran!“

„Dann sind Sie mich los! Zufrieden?“

„Was wollen Sie überhaupt? Ich habe doch gar keinen Platz für Sie. Wo wollen Sie schlafen?“

„Ich hätte auch auf der Couch geschlafen, wenn Sie mich höflich gefragt hätten.“

„Ich“, motzte Clara, „habe“, und holte tief Luft, „keinen Platz für Sie. Und ich will auch nicht, dass Sie bei mir wohnen. Warum verstehen Sie das nicht?“

„Es ist in Ordnung. Sie müssen sich nicht rechtfertigen. Wenn Sie nicht wollen. Das ist ihr Leben. Das hier ist meins. Wir passen nicht zusammen. Allein schon der Altersunterschied. Ich könnte ihr Großvater sein. Hatten Sie einen Großvater?“

„Nein!“

„Das merkt man. Sie sind ungeduldig und verständnislos. Aber keine Angst, daran können wir arbeiten.“

„Sie reden die ganze Zeit so, als wollten Sie immer noch bei mir einziehen. Aber das sollten Sie vergessen. Haben Sie mich verstanden? Ganz egal, was die hier sagen, Sie ziehen nicht bei mir ein.“

Aber Maximilian zuckte nur mit den Schultern und deutete an, dass ihm alles egal sei. Dann öffnete sich die Tür.

„Der nächste bitte!“

Clara zögerte. Wo steckte der Mann, der vor ihr reingegangen war?

„Der nächste! 213 223 566, bitte!“

Clara schaute ins Zimmer. Der andere Mann war fort, einfach verschwunden. Nur eine junge Frau, kaum älter als sie selbst, saß hinter ihrem Schreibtisch und sah sie an. Ein eigenartiger Geruch von süßem Parfüm und kaltem Raum schlug ihr entgegen. Clara betrat das Zimmer.

„Womit kann ich ihnen helfen?“, lächelte die Beamtin. „Lassen Sie mich raten, es geht um die Rente ihres Großvaters.“

Die Frau am Schreibtisch sah jung aus und doch irgendwie alt: schwarze Haare, dunkle Augen. Gelbe Zähne blitzten sie an – Haizähne.

„Er ist nicht mein Großvater.“

„Dann machen Sie das ehrenamtlich.“

Diese Zähne, diese verfluchten Zähne, sie starrte ständig drauf.

„Nein!“

Clara reichte ihr das zwanzigseitige Schriftstück. Die Beamtin nahm es zögerlich entgegen, wie ein Schmutzlappen, den man, wenn überhaupt, am besten nur an den Rändern anpackte. Eigentlich beleidigend, denn kurz bevor Clara die Wohnung verlassen hatte, besprühte sie die ersten Seite mit Desinfektionsmittel.

„Dieser Mann stand heute vor meiner Tür und behauptete, dass er mir zugestellt worden sei.“

„Zuerst brauche ich Ihren Ausweis!“

Clara reichte ihn der Frau.

„Und wer ist er?“

„Bis zum 60. Lebensjahr war ich Maximilian Himmel, jetzt bin ich 14 95 13 11 44 – meine Sozialversicherungsnummer.“

Die Frau tippte den Namen ein, dann die Nummer. Sie wiederholte das Ganze ein-, zweimal.

„Da haben wir ihn. Maximilian Himmel. Hier steht, Sie sind tot!“

„Das erklärt so einiges. In letzter Zeit fühle ich mich immer so schlapp!“

„Vermutlich nur ein Buchungsfehler. Und wie kann ich ihnen helfen?“

Clara versuchte mit der größtmöglichen Ruhe, der Beamtin die ganze Geschichte zu erzählen. Sie erwähnte, dass sie studieren würde und dass sie kein Geld und auch keinen Platz besaß, um überhaupt jemanden bei sich aufzunehmen. Die Frau nahm noch einmal das Schreiben in die Hand und blätterte es durch. Seite für Seite, so schnell, als ob sie es scannen könnte. Das machte sie eine Weile, dann blätterte sie wieder zurück, wieder vor, wieder zurück.

„Das scheint alles seine Richtigkeit zu haben.“

„Aber wieso habe ich nichts davon gehört? Weder im Fernsehen noch im Radio haben die was gesagt, auch nicht im Internet – und informiert worden bin ich auch nicht.“

„Sie wissen ja: Ständig ändert sich etwas in der Politik. Meistens werden selbst wir als letzte darüber informiert. Dass jetzt Rentner zugeteilt werden, darüber habe ich auch noch nichts gehört.“

Die Beamtin nahm den Telefonhörer, wählte eine Nummer und bestellte einen Kollegen inklusive Ordner. Kaum zwei Sekunden später ging die Nebenzimmertür auf und ein vollbärtiger Beamter stapfte herein. Er sah aus wie ein Lehrer oder ein Sozialpädagoge – diese lustige Art, wie er sich bewegte und dabei wackelte.

„Hier sind die EU-Anweisungen der letzten zwei Tage!“

Mit diesen Worten warf er den Ordner auf den Schreibtisch.

„Willst du auch die von letzter Woche?“

„Danke, das reicht!“

Er grinste einmal Clara und Maximilian an, dann trottete er ins Nebenzimmer. Die Beamtin nahm den Ordner und blätterte blitzschnell durch Hunderte von Seiten, wieder vor und wieder zurück.

„Sie müssen wissen“, sagte die Beamtin und hob den Zeigefinger, „wir bekommen jeden Tag einhundert neue Richtlinien und Gesetze aus Brüssel. Da kann es schon vorkommen, dass wir etwas übersehen. Vermutlich ist die Zuweisung aufgrund eines Gesetzes erfolgt, das in Brüssel verabschiedet wurde.“

„Und was soll ich jetzt machen?“

„Lassen Sie mich sehen“, mit diesen Worten las die Beamtin noch einmal die Zustellungspapiere. Ihr Finger strich über das Papier und zerknitterte es ein wenig. „Aha! Widerspruchsrecht. Den Paragraphen kenne ich noch gar nicht. Innerhalb von zwei Wochen. Das war letzten Monat. Da sind Sie wohl etwas zu spät. Der Zustellungsbescheid ist rechtsgültig.“

„Nein! Ich habe dieses Schreiben erst vor zwei Stunden zum ersten Mal gesehen. Und es ist mir egal, welche Paragraphen und sonst was da drauf stehen. Einer muss das doch ausgefüllt und veranlasst haben. Und der soll das auch rückgängig machen.“

„Gehen Sie doch einfach mal in den siebten Stock, Zimmer 703. Dort sitzt Frau Gerber. Vielleicht weiß sie mehr darüber.“

Clara packte den Zettel und stampfte kommentarlos aus dem Büro. Maximilian und sein Dackel folgten: den Flur runter, rein in die Eingangshalle, warten auf den Aufzug, hoch in den siebten Stock und klopfen. Als niemand antwortete, versuchte sie die Tür zu öffnen. Abgeschlossen. Keiner da. Vermutlich gerade in der Mittagspause oder sonst wo. Auf dem Flur lief auch niemand, Klopfen zwecklos, alle Türen verschlossen. Also: Zurück zum Aufzug, warten, runter ins Erdgeschoss, bei „H“ anstellen und nach dem „Nächster bitte!“ eintreten.

„Da sind Sie wieder! Und konnte sie ihnen weiterhelfen?“

„Sie war nicht da!“

„Sie müsste aber da sein!“

„Sie war es nicht!“

„Vermutlich ist sie nur auf der Toilette und kommt gleich wieder.“

„Ich lauf’ nicht noch mal“, bemerkte Maximilian und setzte sich auf einen freien Stuhl. „Meine Beine!“

„Gibt es noch jemand anderen, der mir weiterhelfen könnte?“

Die Beamtin nahm einen Block und schrieb einen Namen und eine Telefonnummer drauf, dann reichte sie ihr den Zettel.

„Am Montag ist Herr Osler wieder da. Am besten wenden Sie sich an ihn, er wird wissen, was zu tun ist.“

„Am Montag? Und was soll ich so lange mit ihm anfangen?“

„Da kann ich ihnen leider nicht helfen. Lassen Sie ihn doch einfach bis Montag bei ihnen übernachten. Sind doch nur zwei Tage.“

Die Beamtin fand ihre Bemerkung so lustig, dass sie kichern musste. Ihre gelben Zähne blitzten zwischen den Lippen hervor. Am liebsten hätte Clara zu Zahnbürste und Schleifpapier gegriffen und der Frau die Zähne poliert – natürlich mit Handschuhen.

Clara nahm das Schreiben und marschierte zur Tür heraus. Maximilian hatte Schwierigkeiten, ihr zu folgen. So schnell es ihm möglich war, trippelte er hinter ihr her. Aber erst auf der Straße hielt sie an und drehte sich um. Maximilian und sein Dackel befanden sich zwanzig Meter hinter ihr. Der alte Mann und der Hund kamen nur langsam voran. Am liebsten wäre sie davongelaufen, vielleicht hätte er nicht einmal zu ihr zurückgefunden. Doch das wäre gemein, Maximilian konnte für all das nichts. Er war ein Opfer der Gesellschaft, ein alter Mann, der herumgeschoben wurde.

„Hören Sie! Es tut mir leid, aber Sie können nicht bei mir wohnen. Das geht nicht. Schon allein deswegen, weil mein Freund am Wochenende bei mir einzieht. Verstehen Sie das?“

Maximilian holte erst einmal Luft, dann folgte ein Röcheln, ein kurzes Husten, dann ein kleineres Röcheln: „Setzen Sie mich ruhig vor die Tür. Kümmern Sie sich nicht um mich. Ich komme schon zurecht. Ich bin über 60 Jahre allein zurechtgekommen.“

„Können Sie vielleicht irgendwo anders übernachten? Bei Freunden oder Bekannten? Zumindest bis Montag?“

„Ich könnte vielleicht ins Hotel“, flüsterte Maximilian. „Ich habe aber kein Geld und Hunde nehmen die auch nicht. Aber das soll nicht ihre Sorge sein. Gehen Sie ruhig nach Hause ins Warme. Ich melde mich am Montag. Hätten Sie vielleicht noch ein paar Zeitungen mit denen ich mich heute Nacht zudecken könnte?“

Clara starrte ihn an, wie er mit Koffer und Dackel an ihr vorbei trottete.

„Wo wollen Sie jetzt übernachten?“

Aber Maximilian reagierte nicht. Er winkte nur kurz zum Abschied und folgte dann der Straße, vorbei an einem leer stehenden Kindergarten. Wind und Regen spielten mit den Schaukeln. Ein kleines Karussell drehte sich und ächzte mit jeder Drehung.