Der Handlanger der Macht - Pawel A. Sudoplatow - ebook

Der Handlanger der Macht ebook

Pawel A. Sudoplatow

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Opis

»Mein Name ist Pawel Anatoljewitsch Sudoplatow, aber ich erwarte nicht, dass Sie diesen Namen kennen, denn er gehörte 58 Jahre lang zu den bestgehüteten Geheimnissen der Sowjetunion … Ich war verantwortlich für die Ermordung Trotzkijs, und während des Zweiten Weltkrieges leitete ich die Partisanen-Kriegführung sowie die Aktionen zur Täuschung und Desinformation des Gegners in Deutschland und den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten. Nach dem Krieg führte ich weiter verdeckte Agentennetze im Ausland mit dem Ziel, Einrichtungen der Amerikaner und der NATO zu sabotieren, falls Kriegshandlungen ausbrechen sollten. Ebenfalls leitete ich die sowjetische Atomspionage, um hinter die Geheimnisse der amerikanischen und britischen Atomlabors zu kommen. Ich baute ein Netz von Agenten um Robert Oppenheimer, Enrico Fermi, Leo Szilard, Bruno Pontecorvo, Alan Nunn May, Klaus Fuchs und andere Wissenschaftler auf, die die einzelnen Wissenschaftler dazu bewegten, uns atomare Geheimnisse mitzuteilen. Es ist befremdend, fünfzig Jahre zurückzublicken und sich an die Mentalität zu erinnern, die uns kaltblütige, selbstherrliche Rache an unseren Feinden nehmen ließ …« Der Handlanger der Macht stellt ein herausragendes historisches Dokument dar.

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Pawel A. Sudoplatow

Der Handlanger der Macht

Sudoplatow

Enthüllungen eines KGB-Generals

edition berolina

eISBN 978-3-95841-532-4

1. Auflage dieser Ausgabe 2016

Alexanderstraße 1

10178 Berlin

Tel. 01805/30 99 99

FAX 01805/35 35 42

(0,14 €/Min., Mobil max. 0,42 €/Min.)

© 2016 by BEBUG mbH / edition berolina, Berlin

Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel Special Tasks. The Memoirs of an Unwanted Witness – A Soviet Spymaster bei Little, Brown and Company.

Umschlaggestaltung: BEBUG mbH, Berlin

www.buchredaktion.de

Aus dem Amerikanischen von Sonja Schumacher, Petra Hrabak, Heinz Tophinke, Blanca Dahms, Barbara Steckhan.

Vorwort

Beim vorliegenden Werk handelt es sich um die sensationellste, erschütterndste und in vielerlei Hinsicht informativste Autobiographie, die je aus dem stalinistischen Milieu hervorgekommen ist – unseres Wissens womöglich der wichtigste Einzelbeitrag seit Chruschtschows Geheimrede.

Daß der Name Pawel Sudoplatow eher unbekannt ge­wesen sei, entspricht nicht ganz den Tatsachen; zumindest unter Historikern ist er ein Begriff. Sudoplatows Rolle als Organisator der Ermordung Trotzkijs* steht seit einigen Jahren unbestritten fest. Doch selbst über diese Operation fehlten umfassende Informationen; und der Rest seiner facettenreichen Karriere lag lange Zeit im dunkeln. Vor etlichen Jahren hat die Moskauer Presse einige seiner Briefe aus dem Gefängnis veröffentlicht, in denen er die Begleitumstände der vergleichsweise geringfügigen Straftaten schildert, für die er unter Stalins Nachfolgern verurteilt worden war und um Begnadigung nachsuchte. Später wurden mehrere Versuche unternommen, ihn für ein Interview zu gewinnen, doch er lehnte derlei Ansinnen stets ab.

Einer derjenigen, die Sudoplatow interviewen wollten, war General Dmitrij Wolkogonow. Über seine Bemühungen veröffentlichte er einen Bericht in der Moskauer Presse, wobei er jedoch statt Sudoplatows Namen lediglich die Initiale »S« angab (darauf wurde seitens einer italienischen Zeitung ein weniger zaghafter, doch ebenfalls erfolgloser Versuch unternommen).

* Abweichend von der sonst hier geübten Regel wird die weitgehend übliche Schreibweise, Sluzkij, Trotzkij, Balizkij u.a., für diese Namen beibehalten. Wir folgen in diesen Fällen der besseren Lesbarkeit, nicht der wissenschaftlich exakteren Schreibweise, Sluckij, Trockij, Balickij u.a.m. (Anm. d. Red.)

Auch wenn kein Interview zustande kam, so hatte Wolkogonow Sudoplatow doch den – zunächst abgelehnten – Vorschlag gemacht, er solle seine Memoiren schreiben: eine Anregung, die nun unerwartet Früchte getragen hat.

Sudoplatow handelte selbstverständlich zumeist als ver­-brech­erischer Handlanger eines verbrecherischen Regimes. Seine ursprüngliche Rechtfertigung basierte auf der kommunistischen Lehre – auf Lenins Thesen, daß »unsere Moral sich vollständig den Interessen des proletarischen Klassenkampfes unterordnet« und daß »alles, was der proletarischen Sache dient, ehrenhaft« sei. Dies wurde natürlich von Anfang an so gedeutet, daß »alles«, was den Interessen der Kommunistischen Partei diente, gerechtfertigt war.

Zwar ist Sudoplatow zu der Einsicht gelangt, daß sich alles – insbesondere der Grundsatz, alle Nichtkommunisten seien als Feinde zu betrachten, die ihr Recht auf Leben verwirkt hatten – als falsch und zerstörerisch erwiesen hat. Doch auch nach seiner Haftentlassung hat er gezögert, es seinen früheren Terrorkameraden wie dem bemerkenswerten »Leonid« Eitingon gleichzutun und das System als Ganzes zu verurteilen.

Es dürfte kaum nötig sein, in diesem Vorwort generell über die von Sudoplatow beschriebenen Aktivitäten den Stab zu brechen. Sie sprechen für sich. Heutzutage finden sich nur wenige, die nicht begriffen hätten, daß solche Taten und das stalinistische System, in dem sie entstanden, insgesamt verurteilenswert sind. In diesem Zusammenhang ist es entscheidend, die historische Lehre daraus zu ziehen und möglichst viel über die Begleitumstände in Erfahrung zu bringen. Sudoplatow hat seine Schilderung weder durch Ausflüchte noch durch Äußerungen der Reue verwässert. Vielleicht kann es nur einem solchen Naturell gelingen, uns einen derart unterkühlten Bericht über die entsetzlichen, verbrecherischen, oftmals auch schändlichen und absurden Taten des Regimes zu geben, dem er diente.

Das Spektrum von Sudoplatows Aktivitäten ist, bei aller Vereinbarkeit mit seiner ab 1938 erreichten Position als verantwortlichem NKWD- beziehungsweise später MGB-Offizier für Sonderaufgaben und Spionage, beachtlich. Die Organisation des Mordes an Trotzkij und die Leitung der Atomspionageringe in Amerika machen nur einen Bruchteil seiner Aufgaben aus. Aus seiner knapp zwanzig Jahre währenden Laufbahn auf diesem Posten, die mit seiner Inhaftierung im Alter von Mitte Vierzig endete, gibt er uns auch Aufschluß über die Operationen hinter der deutschen Front während des Krieges, über die Aktionen gegen die nationalistischen ukrainischen Partisanen, die sowohl gegen die Nazis als auch (bis 1950) gegen die Kommunisten kämpften, über den Spionagering »Rote Kapelle« in Berlin, über eine Reihe von Morden an Einzelpersonen in der UdSSR, über die Judenverfolgung innerhalb der Geheimpolizei, über Berijas Sturz und Prozeß und noch vieles andere mehr. Aus eigener Erfahrung oder aus berufener Quelle liefert er darüber hinaus bisher unbekannte Informationen zu den sonstigen wichtigen Operationen jener Zeit: der Leningrader Affäre, dem Sturz Abakumows, antisemitischen Aktionen im allgemeinen – nicht nur der sogenannten Ärzteverschwörung, sondern beispielsweise auch dem Mord an dem großen jiddischen Schauspieler und Regisseur Michoels (erstmals wird hierüber ausführlich berichtet).

Sudoplatow stand zudem in direktem Kontakt mit den meisten führenden Personen des Stalin-Regimes. Mit Jeshow traf er noch kurz vor dessen Sturz zusammen, mit Berija pflegte er regen Umgang. Stalin selbst begegnete er mehrmals und erhielt von ihm die Befehle zur Ermordung von Konowalec und Trotzkij sowie später einen Plan zur Liquidierung Titos. Viele hochgestellte Persönlichkeiten lernte er persönlich kennen, darunter Chruschtschow und Molotow.

Seine Ausführungen über die Ermordung Trotzkijs stellen bei weitem den vollständigsten Bericht dar, der je zu diesem Thema veröffentlicht wurde, nennt er doch beispielsweise die Gründe für das Scheitern des ersten Anschlags und auch für die Ermordung von Trotzkijs amerikanischem Leibwächter Harte.

Viele Leser werden das Kapitel über Atomspionage als das eindrucksvollste und aufschlußreichste empfinden. Der ursprünglich zur Unterstützung der Operation Trotzkij aufgebaute Agentenring unterwanderte das Labor in Berkeley und später – noch entscheidender – sogar Los Alamos. Im Detail beschrieben werden die Aktivitäten der Physiker, die ihre Geheimnisse, wissentlich oder unwissentlich, Stalin zugänglich machten: mancher Leser dürfte peinlich berührt oder zumindest erstaunt sein (fast die einzige rühmliche Ausnahme stellt hier der häufig geschmähte Edward Teller dar).

Sudoplatow besaß keinerlei Verbindung zu den Operationen des GRU (des militärischen Geheimdienstes). Doch berichtet er in diesem Zusammenhang über ein Gespräch mit einem älteren Kollegen aus dieser Organisation, dessen Auskünfte hochinteressant sind. Sein Bericht über die eigene Verhaftung, die Verhöre und die Haftzeit, natürlich aus seiner persönlichen Sicht geschildert, gibt bemerkenswertes Zeugnis über die fortdauernden kleinlichen Paragraphenreitereien und politischen Verzerrungen, welche die ersten Versuche der Entstalinisierung begleiteten. Wenn auch die Verhältnisse naturgemäß nicht mehr ganz so erschreckend waren wie in der Stalin-Ära selbst, so ist es doch sehr aufschlußreich zu lesen, wie Sudoplatow mundtot gemacht wurde, als er die Beteiligung führender Persönlichkeiten der Zeit nach Stalin (und nach Berija) – insbesondere der Chruschtschows – an den ihm zur Last gelegten Verbrechen ansprach; und wie die Vernehmungsbeamten, die zuvor jede Erwähnung von Molotow und Malenkow verhindert hatten, die beiden nach ihrer Entmachtung plötzlich mit dem Fall in Verbindung brachten.

Außerdem vermittelt uns Sudoplatow fast beiläufig einen erhellenden Einblick in das Wesen der sowjetischen Gesellschaft. So berichtet er, als sei es das Natürlichste der Welt, Geheimdienstler seien für gute Leistungen unter anderem damit ausgezeichnet worden, daß ihre Kinder ohne die erforderlichen Aufnahmeprüfungen höhere Schulen besuchen durften. Dies war keine Frage von Beziehungen oder Bestechung, wie man es in anderen Gesellschaftssystemen – und auf niedrigerer Ebene übrigens auch in der Sowjetgesellschaft – antrifft. Nein, hier haben wir es mit einer offiziellen (wenn auch nicht öffentlich propagierten) Auszeichnung durch die Regierung zu tun. Solche Verfahren untermauern zur Genüge die Auffassung des französischen Geisteswissenschaftlers Emmanuel Todd, die Sowjetunion sei als Feudalgesellschaft einzuschätzen, in der es anstelle einer Neuen Klasse eine Neue Kaste gab: eine Priviligenzija, die – fragwürdigerweise sogar erbliche – Vergünstigungen erhielt, und zwar nicht aufgrund ihres wirtschaftlichen, sondern aufgrund ihres hierarchischen Status. Wie der Schriftsteller Konstantin Leontjew es Rußland vor über hundert Jahren prophezeit hat, ist in der Tat der »Sozialismus der Feudalismus der Zukunft«.

Seit einigen Jahren herrscht in bestimmten, schematischeren akademischen Kreisen die Tendenz, persönliche Erinnerungen wie die hier vorliegenden schon quasi per Definition als minderwertig gegenüber sogenannten »Dokumenten« abzuqualifizieren. Als diese Theorie erstmals in den dreißiger Jahren und später wieder Mitte der achtziger Jahre aufgestellt wurde, waren jedoch offizielle sowjetische Dokumente in der Regel höchst unzuverlässig, während zumindest manche der Autobiographien wahrhaft waren oder glaubwürdige Elemente enthielten. Die westliche Geschichtsforschung über die UdSSR – sofern sie überhaupt von Bedeutung war – basierte weitgehend auf persönlichen Memoiren von Überläufern und anderen, deren Wahrheitsgehalt sich zum Großteil bestätigte, als nach 1989 zahllose vormals geheime sowjetische Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.

Inzwischen ist eine Menge solcher Dokumente bekannt. Dennoch gilt weiterhin, daß erstens auch die geheimsten Dokumente der Stalin-Ära oftmals grobe Verfälschungen enthalten; zweitens, daß die höchste Geheimhaltungsstufe – »ausschließlich mündlich« – naturgemäß nicht dokumentiert wurde; drittens, daß wichtige Unterlagen fehlen (Sudoplatow erwähnt mehrere, von deren früherer Existenz er unterrichtet ist).

Persönliche Erinnerungen müssen kritisch betrachtet werden – offizielle Dokumente allerdings nicht minder. Bei beidem handelt es sich schlicht um Zeugnisse der Geschichte, die niemals fehlerlos und vollständig sind. Berücksichtigt man diese Einschränkung, so sind Zeugnisse von Einzelpersonen zumindest ebenso bedeutsam wie die meisten offiziellen Schriftstücke, sei es in ihrer Gesamtheit als gemeinsame Erfahrung vieler Menschen oder einzeln im Falle hoher oder höchster Funktionäre. Trotz der Flut von Dokumenten, die in Rußland ans Licht gekommen sind, ist Sudoplatows Zeugnis in hohem Maße aussagekräftig für entscheidende, jedoch – zumindest bislang – nicht dokumentierte Bereiche. Ergänzend muß gesagt werden, daß Sudoplatow aufgrund seiner Kompetenz in Sicherheitsfragen Zugang zu wichtigen Dokumenten hatte – und sein besonderes Wissen hat es ihm ermöglicht, in riesigen, oftmals unübersichtlichen Archiven Material aufzuspüren, das niemand sonst gefunden hätte.

Es liegt in der Natur von Autobiographien – wie hoch ihr Wahrheitsgehalt generell auch sein mag –, daß hier unterschiedlich relevante Informationen aus direkten, sich gegenseitig bestätigenden Quellen der unmittelbaren Umgebung des Verfassers gegeben werden (ein Beispiel ist Sudoplatows langjährige Inhaftierung mit Berijas engsten Mitarbeitern, darunter dessen Sekretär Ludwigow). Ferner beruhen sie häufig auf indirekterem Material aus Bereichen, deren Kenntnis sich dem Autor und seinen unmittelbaren Informanten entzieht, und entspringen überdies der Grauzone von Erinnerungen, Gerüchten und Spekulationen von unterschiedlicher Verläßlichkeit. Um Sudoplatows Werk in der richtigen Perspektive zu sehen, sollten wir die Grenzen seiner Kenntnisse berücksichtigen. Erstens spielte er bis 1938 nur eine untergeordnete Rolle im NKWD und besaß lediglich beschränkten Zugang und keine vertraulichen Beziehungen zu höheren Rängen beziehungsweise zur politischen Welt. Als kleiner Agent wurde er mit der Mission betraut, die ukrainischen Nationalistenorganisationen im Ausland zu unterwandern. Für die erfolgreiche Ausführung wurde er von Stalin belobigt und erhielt den Auftrag zur Ermordung des ukrainischen Emigrantenführers Konowalec. Bei seiner Rückkehr im Jahre 1938 wieder beglückwünscht, fand er den alten NKWD scharfen Säuberungen unterworfen, zwischen denen die einstweilig Überlebenden nicht kommunikationswillig waren – die Internationale Abteilung, in der er selbst diente, war einer nahezu vollständigen Säuberung in den oberen und mittleren Dienstgraden unterworfen. Daher kam Sudoplatow niemals mit den geheimen Machenschaften der Jadoga-Jeshow-Ära in Berührung.

Zu Beginn des Jahres 1939, als sämtliche seiner Kollegen in höheren und auch niedrigeren Rängen in Ungnade fielen und hingerichtet wurden, war auch Sudoplatow von der Verhaftung bedroht, und mehrere Monate schnitten ihn die Nachfolger der Geschaßten. Als Stellvertretender Leiter der Auslandsabteilung wurde er dann zu Stalin bestellt und erhielt den Auftrag zur Ermordung Trotzkijs. Im Verlauf der folgenden fünfzehn Jahre wurde er bei vielen, doch nicht allen der geheimsten Aktionen Stalins ins Vertrauen gezogen (später sollte er allerdings mehr darüber erfahren). So kommt es, daß er über zwei Perioden nicht umfassend informiert war: über die Zeit vor 1939 sowie – allerdings in weit geringerem Umfang – über bestimmte Geheimpläne der späteren Zeit. Daß es ihm in den früheren Jahren an aussagewilligen Kontakten in exponierten Positionen fehlte, wird in seinen Ausführungen zur Ermordung Kirows deutlich. Hier macht sich Sudoplatow eines der diversen, lange Zeit als Gerücht gehandelten Mordmotive zu eigen (es habe sich um ein Verbrechen aus Leidenschaft gehandelt), zieht daraus aber den Schluß, es sei lediglich die Tat eines einzelnen gewesen. Doch stand nie in Zweifel, daß der Mörder aus eigenem Antrieb handelte. Die Frage ist jedoch, ob und wie Stalin und weitere Personen Anteil daran hatten, daß der Mörder eine Gelegenheit erhielt, seine Tat auszuführen. Davon kann mit großer Wahrscheinlichkeit ausgegangen werden – und das Fehlen von »Dokumenten« ist, ebenso wie bei Hitler und dem Holocaust, nicht von Belang, wenn die Angelegenheit als »ausschließlich mündlich« klassifiziert ist. Und wenn Sudoplatow schreibt, das Eifersuchtsmotiv sei unterdrückt worden, weil man darauf bedacht war, Kirows Ruf zu schützen, so ist anzumerken, daß dieses Argument bereits seit mehreren Jahren widerlegt ist.

Aufgrund seiner lückenhaften Kenntnisse und seiner Fehleinschätzungen aus der von ihm miterlebten Zeit wußte er zum Beispiel nichts über die geheimen Zusatzprotokolle zum Hitler-Stalin-Pakt. Nur zur Kenntnis nehmen können wir seine Behauptung, es habe 1953 keine Pläne zur Deportierung von Juden gegeben. Dies schließt er aus dem offensichtlichen Fehlen von Transportplänen, die für eine solche Operation erforderlich gewesen wären. Doch ist der unter massivem Druck entstandene Brief führender Vertreter des jüdischen Volkes an Stalin, in dem sie um die Umsiedlung ihres Volkes baten, durchaus belegt; man kann lediglich mit Sicherheit davon ausgehen, daß kein Befehl zur Durchführung der Maßnahme erteilt wurde.

Derartige Punkte haben zweifellos Aufmerksamkeit verdient. Doch muß berücksichtigt werden, daß sie angesichts der Fülle der von Sudoplatow gelieferten Informationen nur von geringer Bedeutung sind. Es ist ein Glücksfall, daß Sudoplatow sich entschlossen hatte, doch eingehend über seine Laufbahn zu berichten: das Ergebnis ist ein einzigartiges Dokument. Sudoplatow erweist sich in wichtigen Fragen der gesamten Zeit des Hochstalinismus als eine der wertvollsten aller möglichen Quellen.

Robert Conquest

Die Entwicklung des sowjetischen Sicherheits- und Nachrichtendienstsystems

von Jerrold L. und Leona P. Schecter

Die Zentrale des russischen Sicherheitsdienstes in der Lubjankastraße 2 trägt den Namen Lubjanka oder Dom Dwa (Haus Nr. 2). Vor langer Zeit waren dort die Büroräume der Rossija-Versicherungsgesellschaft untergebracht. Von 1917 bis zum gescheiterten Putschversuch im August 1991 diente das Gebäude der Zentrale des Staatlichen Sicherheitsdienstes der Sowjetunion. Das Haus blickt auf einen Platz, der nach Felix Edmundowitsch Dserschinskij benannt worden war, einem polnischen Intellektuellen und ersten Chef der Tscheka (Außerordentliche Kommission gegen Konterrevolution und Sabotage). Im Jahre 1991 ließ man Dserschinskijs Statue entfernen, und der Platz erhielt den Namen Lubjanka-Platz.

Die Tscheka war der erste sowjetische Sicherheitsdienst; sie existierte von 1917 bis 1922 und wurde durch das GPU (Staatliche Politische Verwaltung) ersetzt, das später in OGPU (Vereinigte Politische Verwaltung) umbenannt wurde. 1934 erhielt die Sicherheitspolizei die Bezeichnung GUGB (Hauptverwaltung für Staatssicherheit) und wurde dem NKWD (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) einverleibt. Zur Durchführung der Säuberungen unter Josef Stalin wurde der NKWD erweitert, und es wurde ihm die Kontrolle der zahlreichen Arbeitslager übertragen.

In den dreißiger Jahren gab es innerhalb des GUGB/NKWD parallel arbeitende Geheimdienste: der Auslandsnachrichtendienst INO (Inostrannyj Otdel) und die Verwaltungsabteilung für Sonderaufgaben. Der INO war für die Arbeit der Residenturen (Agentenstützpunkte) im Ausland zuständig. Er stand zunächst unter der Leitung von Michail Abramowitsch Trilisser (1921 bis 1929) und anschließend unter Artur Christjanowitsch Artusow (1929 bis 1934), dem Helden der Operation, bei der Mitglieder der Weißen (anti-bolschewistischen) Truppen angegriffen wurden, die schließlich ins Ausland emigrierten und eine Opposition zum kommunistischen Regime organisierten.

Die Abteilung für Sonderaufgaben wurde von Wjatscheslaw R. Menschinskij eingerichtet, der 1926 auf Dserschinskij folgte. Diese gesonderte Agentenzentrale war in erster Linie verantwortlich für Diversionsoperationen (Sabotage) sowie für die umfassende Infiltration des Westens mit Agenten. Sie arbeitete unter der Prämisse, daß Krieg unvermeidlich sei. In den zwanziger und dreißiger Jahren war diese Abteilung klein, ihre Bedeutung wuchs jedoch im Zweiten Weltkrieg zusehends, nachdem ihr die Aufgabe übertragen worden war, sowjetische ›Illegale‹ für militärische Operationen in Deutschland und den Ländern Osteuropas vorzubereiten. Mit dem Begriff ›Illegale‹ werden Spione bezeichnet, die ohne diplomatische Immunität operieren und unter falscher Identität im Ausland leben.

Während des Zweiten Weltkriegs erlebte der Sicherheitsdienst einige bürokratische Umorganisationen. Einmal wurde er als selbständige Dienststelle geführt wie der NKGB (Volkskommissariat für Staatssicherheit), ein anderes Mal als Abteilung innerhalb des größeren NKWD. Nach dem Krieg erhielt er als MGB (Ministerium für Staatssicherheit) den Status eines Ministeriums. Nach Stalins Tod im März 1953 wurden die Sicherheitsorgane unter Lawrentij Berija in einem vergrößerten Ministerium für Innere Angelegenheiten (MWD) zusammengefaßt. Dieses Ministerium leitete Berija bis zu seiner Inhaftierung im Juni 1953. 1954 wurde der Sicherheitsapparat zu einem gesonderten Komitee unter dem Ministerrat umgewandelt, dem KGB (Komitee für Staatssicherheit).

Auf den versuchten Sturz der Regierung Michail Gorbatschows im August 1991 folgte die Umstrukturierung des KGB. Das erste Hauptdirektorat, verantwortlich für die Agententätigkeit im Ausland, wurde als selbständige Dienststelle eingerichtet und erhielt die Bezeichnung Abteilung für Auslandsaufklärung. Das zweite Hauptdirektorat mit dem Schwerpunkt Spionageabwehr wurde zum Ministerium für Staatssicherheit. In ihm wurden die Direktorate Transport, Wirtschaftskriminalität, Betrug und Korruption zusammengefaßt.

Im Dezember 1993 schaffte Präsident Boris Jelzin das Ministerium für Staatssicherheit ab und ersetzte es durch den Spionageabwehrdienst, um seine Kontrolle über die interne Sicherheit zu verstärken.

1917–1922 Tscheka Außerordentliche Kommission zum Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage (Tschrezvytschajnaja Kommissija po Borbe s Kontrrevoljuciej Spekuljaciej i Sabotashem)

1922–1923 GPU/ Staatliches Politisches Direktorium

NKWD (Gosudarstwennoje Politicheskoje Upravleni- je) im Volkskommissariat für Innere Angele genheiten

(Narodnyi Kommissariat Wnutrennich Del)

1923–1934 OGPU Vereinigtes Staatliches Politisches Direktori um (Objedinjonnoje Gosudarstwennoje Poli- ticheskoje Uprawlenije)

1934–1941 GUGB/ Volkskommissariat für Staatssicherheit

NKGB (Glawnoje Uprawlenije Gosudarstwennoj Besopasnosti) im NKWD

Febr.–Juli NKGB Volkskommissariat für Staatssicherheit

1941 (Narodnyi Kommissariat Gosudarstwennoj Besopastnosti)

Juli GUGB/

1941–1943 NKWD

1943–1946 NKGB

1946–1953 MGB Ministerium für Staatssicherheit (Ministerswo Gosudarstwennoj Besopasnosti)

1953–1954 MWD Ministerium für Inneres (Ministerswo Wnut- rennich Del)

1954–1991 KGB Komitee für Staatssicherheit

(Komitet Gosudarstwennoj Besopasnosti)

1991–1993 MB Ministerium für Staatssicherheit

(Ministerstwo Besopasnosti)

1991– SWR Auslandsnachrichtendienst

(Slushba Wneschnej Raswedki)

1993 FSK Spionageabwehrdienst

(Slushba Kontrazwedki)

1995 FSB Föderaler Sicherheitsdienst (Federalnaja Slushba Besopasnosti), praktisch Inlandsge- heimdienst, übernimmt auch Aufgaben

des FSK

Prolog

Ein Geheimnis wird gelüftet

Mein Name ist Pawel Anatoljewitsch Sudoplatow. Ich erwarte nicht, daß Sie diesen Namen kennen, denn er war 58 Jahre lang eines der bestgehüteten Geheimnisse in der Sowjetunion. Vielleicht meinen Sie mich unter anderen Namen zu kennen: die Zentrale, der Direktor oder der Kopf von SMERSCH, dem Akronym für die Liquidierung von Spionen, mit der ich im Westen fälschlicherweise identifiziert wurde. Meine Abteilung für Sonderaufgaben war zuständig für Sabotage, Entführung und Ermordung unserer Feinde außerhalb der Landesgrenzen; sie gehörte zum sowjetischen Geheimdienst. Ich war verantwortlich für die Ermordung Trotzkijs, und während des Zweiten Weltkrieges oblag mir die Leitung des Partisanenkriegs sowie die Steuerung der Desinformation in Deutschland und den von den Deutschen besetzten Gebieten. Nach dem Krieg führte ich weiterhin im Ausland Agentennetze, die zum Ziel hatten, im Falle des Ausbruchs von Feindseligkeiten Einrichtungen der USA und der NATO zu sabotieren. Darüber hinaus leitete ich die Spionagetätigkeiten, mit denen die Sowjetunion versuchte, den USA und Großbritannien geheime Informationen über die Atombombe zu entreißen. Ich installierte ein Agentennetz, das von Robert Oppenheimer, Enrico Fermi, Leo Szilard, Bruno Pontecorvo, Alan Nunn May, Klaus Fuchs und anderen Kernforschern in den USA und Großbritannien geheime Informationen über den Stand der atomaren Entwicklung sammelte.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, fünfzig Jahre zurückzublicken und sich noch einmal die Geistesverfassung zu vergegenwärtigen, mit der wir uns in kaltblütiger Selbstsicherheit an unseren Feinden zu rächen begannen. Wir betrachteten es nicht als eine Frage der Moral, Trotzkij oder irgendeinen anderen unserer früheren Genossen, die sich von uns abgewandt hatten, zu töten. Vielmehr sahen wir uns in einem Kampf auf Leben und Tod, um Erfolg oder Scheitern unseres großen Experiments – der Schaffung eines neuen sozialen Systems, das die Würde aller arbeitenden Menschen wahren und schützen sowie die dem kapitalistischen System immanente Habsucht und Unterdrückung eliminieren sollte.

Wir waren davon überzeugt, daß jedes westliche Land uns haßte und unseren Untergang wünschte, und deshalb war jeder, der nicht für uns war, unser Feind. Der Große Vaterländische Krieg gegen Hitler wurde zum Kampf zwischen Gut und Böse vereinfacht. Alle Nazigegner wußten, daß nur wir die Hoffnung auf die Zerstörung des Faschismus verkörperten. Gute Männer und Frauen aus allen Ländern dachten prokommunistisch und kämpften mit ganzem Einsatz für die Sache der Freiheit. Niemand zweifelte daran, daß wir die Atombombe vor den Deutschen bauen mußten. Voller Groll sahen wir die Amerikaner auf diesem Gebiet im Alleingang vorausmarschieren, obwohl sie im Krieg unsere Verbündeten gegen Deutschland gewesen waren. Aus diesem Grunde betrachteten wir jeden Diebstahl eines Atomgeheimnisses als eine heroische Tat. Jeder Wissenschaftler, der uns Pläne oder Formeln für den Bau der Bombe verschaffte, galt als Held der Sowjetunion, der für den Weltfrieden arbeitete.

Nachdem Hitler besiegt war, fiel die Unterscheidung zwischen Gegnern und bloßen Kritikern unserer Methoden nicht mehr so leicht. Wir hatten für derlei Differenzierungen weder Zeit noch Geduld. Menschen, die im Widerstand gegen die Nazis ihr Leben riskiert hatten und gefoltert worden waren, verbrachten Jahre in den Zellen der Lubjanka, nur weil sie daran zu zweifeln wagten, daß wir immer recht hatten. Dies brachte uns eine innere Schwäche bei, die wir nie überwinden konnten. Wir waren nicht imstande, uns Vielgestaltigkeit anzueignen und zunutze zu machen. Zwar hat auch der Westen wohl seine Schwächen. Die große nationale Vielfalt Amerikas, das Übermaß an im Ausland geborenen Einwanderern sind der Stolz des Landes. Für uns war der Vorteil dieses Schmelztiegels, daß wir mühelos Tausende von Agenten einschleusen konnten, die bereit waren, diesen Staat im Falle eines Krieges zwischen unseren Ländern zu zerstören.

Mehr als neunzig Prozent der im Zweiten Weltkrieg über ganz Europa verteilten Einzelkämpfer, die uns wichtige Informationen für Aufhalten und Zurückschlagen der deutschen Invasion lieferten, waren Juden, deren Haß auf Hitler sie motivierte, ihr Leben sowie das ihrer Familien aufs Spiel zu setzen. Doch als sich der Westen nach dem Krieg gegen die Sowjetunion wandte und uns interne Konflikte in unserer Führung schwächten, kehrten wir uns gegen die Juden, die sich so treu für uns eingesetzt hatten.

Meine Frau Emma, eine Jüdin, hatte voller Stolz als Oberstleutnant im KGB gedient. Sie verließ ihren Posten 1949 – gerade noch rechtzeitig, um einer neuerlichen, auf die Entfernung der Juden hinzielenden Säuberungswelle innerhalb der Geheimdienste zu entgehen, die nicht etwa durch illoyales Verhalten begründet, sondern lediglich auf ihre Identität als Jüdin im Geheimdienst zurückzuführen war.

Ich war Zeuge der Säuberungen der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre und konnte verfolgen, wie sie sich in der Entwicklung und Geschichte meines Landes niederschlugen. Die Wahrheit über die letzten fünfzig Jahre wird auch heute noch einer Interpretation der Ereignisse untergeordnet, die eigenen politischen Interessen Vorrang einräumt. Wer unsere Geschichte aufzuzeichnen versucht, kann nicht das Zarenreich und Lenin rehabilitieren, nur um Stalin als einen Kriminellen darzustellen. Damit wird man dessen Charakter und Persönlichkeit nicht gerecht. Siegreiche russische Machthaber haben von jeher die Eigenschaften von Verbrechern und Staatsmännern in sich vereinigt. Diese Betrachtungsweise unterschlägt, daß Stalin und Berija, die beide tragische wie verbrecherische Rollen in unserer Geschichte einnehmen, auch sehr konstruktiv wirkten, etwa indem sie der Sowjetunion zum Status einer atomaren Supermacht verhalfen – eine Leistung, die den Werdegang der globalen Ereignisse entscheidend mitbestimmte. Wie gingen diese beiden Männer politisch vor? Was waren die Spielregeln und wie die innere Entwicklung des sowjetischen Superstaates von den dreißiger Jahren bis zum Tode Stalins 1953 und danach, unter der Regierung seiner Erben?

Meine Schlußfolgerungen beruhen auf eigenen Erfahrungen mit diesen Männern. Unglücklicherweise wird dieses Buch aufgrund politischer Sensibilitäten zuerst im Westen veröffentlicht, um sicherzustellen, daß es auch russischen Lesern zugänglich werden kann. Ich hoffe, daß die Ereignisse und Erklärungen, die ich aufzähle, für Historiker hilfreich sein werden. Ich will niemanden rehabilitieren, und ich rechtfertige mich nicht für meine Tätigkeit bei der Abteilung für besondere geheimdienstliche Aufgaben von den dreißiger bis zum Beginn der fünfziger Jahre. Ich beabsichtige auch nicht, die damaligen Geschehnisse zu rechtfertigen. Sie fanden statt in einer anderen Zeit, einer anderen historischen Epoche. Was wir heute brauchen, ist das Verständnis der Mechanismen des Machtkampfes und ihrer Entwicklung bis hin zum Rußland von heute.

I. Die Anfänge

Ich wurde im Jahre 1907 in der ukrainischen Stadt Melitopol geboren, die inmitten eines landwirtschaftlich ertragreichen Gebietes liegt und damals etwa 20 000 Einwohner zählte. Meine Mutter war Russin; mein Vater, ein Ukrainer, übte den Beruf eines Müllers aus. Wie meine vier Geschwister wurde auch ich russisch-orthodox getauft. Schon früh wurde ich im Alten und Neuen Testament und in den Grundkenntnissen der russischen Sprache unterwiesen – im zaristischen Rußland war es verboten, Ukrainisch in der Schule zu unterrichten; es wurde nur im privaten Rahmen gesprochen. Meine Kindheit verlief normal, bis ich zehn Jahre alt war. Doch dann starb mein Vater, und wir waren auf die Unterstützung von Verwandten angewiesen. Im selben Jahr begann die Revolution. Zunächst änderte sich wenig, aber als die Vorräte an Grundnahrungsmitteln ausgingen, verfiel die Stadt in Chaos und Terror. Meine Einstellung war typisch für alle, die aus bedürftigen Familien kamen. Wir besaßen kein Eigentum – abgesehen von unserem einstöckigen Häuschen. Wir hatten nichts zu verlieren, und so war es nur natürlich, daß ich Bucharin1 glaubte, was er über den Kommunismus schrieb: Verstaatlichung werde die Errichtung einer gerechten Gesellschaft bedeuten, in der alle untereinander gleich seien, und die Vertreter der Arbeiter und Bauern würden das Land zum Wohl der arbeitenden Klassen regieren, nicht zum Wohl der Herren.

1918 ging mein älterer Bruder Nikolaj zur Roten Armee, und zwei Jahre später trat er einem Tscheka-Bataillon bei.2 1919, im Alter von zwölf Jahren, rannte ich von zu Hause weg und schloß mich einem Regiment der Roten Armee an, das sich wegen einer Offensive der Weißen Truppen gerade aus Melitopol zurückzog.3 Unser Regiment wurde besiegt, aber einige seiner Soldaten schafften es, sich bei Kiew den Truppen der 44. Infanteriedivision der Roten Armee anzuschließen.

Da ich zur Grundschule gegangen war und lesen und schreiben konnte, wurde ich der Fernmeldetruppe zugeteilt, und später kämpfte ich in der Schlacht um Kiew. 1921, als ich vierzehn Jahre alt war, erlitt die Sonderabteilung der Division, nämlich die Abteilung des Sicherheitsdienstes, schwere Verluste durch einen Überfall von Streitkräften ukrainischer Nationalisten. Wir bekämpften zu diesem Zeitpunkt nicht die Weißen, sondern die Armee der ukrainischen Nationalisten, die befehligt wurde von Simon W. Petljura und Jewgen Konowalec, dem Kommandeur einer Infanteriedivision, den sogenannten Sitschevyje strelcy.4 Als der Bürgerkrieg ausbrach, erklärten die ukrainischen Nationalisten ihr Land zur unabhängigen Republik und gleichzeitig damit Rußland und der ukrainischen bolschewistischen Führung den Krieg. In diesem Krieg kämpfte ich in den dreißiger und vierziger Jahren noch einmal. Er wurde formell erst im Januar 1992 beendet, als die ukrainische Exilregierung Präsident Leonid Krawtschuk als Chef der legitimen Regierung der Ukraine anerkannte.

Wegen der schweren Verluste bei dem erwähnten Überfall wurde beim Nachrichtendienst der Division ein Telefonist und Dechiffrierer gebraucht. Man schickte mich dorthin – das war der Beginn meiner Geheimdienstkarriere.

Unserer Division hatten sich auch Polen, Österreicher, Deutsche, Serben und sogar Chinesen angeschlossen. Die Chinesen waren sehr diszipliniert, sie kämpften bis zum letzten Mann. Der Kampf wurde mit äußerster Heftigkeit geführt; die ukrainischen Nationalisten zerstörten ganze Dörfer, und über eine Million Menschen fand den Tod. Doch meine Generation nahm die Greuel des Bürgerkrieges als gegeben und unabänderlich hin. Das Land war bereits seit 1914 vom Krieg heimgesucht, und die Bevölkerung gewöhnte sich allmählich an harte Zeiten und Entbehrungen. Es gehört zur Tragödie Rußlands, daß es sich bis zum Ende des Bürgerkrieges 1922 mehr oder weniger permanent im Kriegszustand befand, was die Entstehung einer traditionellen stabilen Gesellschaftsstruktur verhinderte. Zudem wurde damals mit großer Brutalität gekämpft, und die Bevölkerung betrachtete die Rote Armee als Retter, der ein gewisses Maß an Ordnung versprach.

Meine Aufgaben als Telefonist und später als Dechiffrierer waren sehr nutzbringend für meine spätere Karriere. Ich tippte geheime Dokumente, die an das militärische Oberkommando geschickt wurden, und dechiffrierte Telegramme, die direkt von Dserschinskij aus Moskau kamen.

Das Jahr 1921 markiert einen Wendepunkt in meinem Leben. Unsere Division wurde in die Stadt Schitomir, etwa 130 Kilometer westlich von Kiew, verlegt. Die vordringliche Aufgabe unserer Sonderabteilung bestand darin, die Tscheka-Dienststelle am Ort bei der Unterwanderung der von Petljura und Konowalec geführten Partisaneneinheiten der ukrainischen Nationalisten zu unterstützen, deren bewaffnete Widerstandsgruppen die sowjetische Verwaltung sabotierten. Der ortsansässigen Tscheka gelang es, einen Dialog mit den dortigen Partisanenführern herzustellen und informelle Gespräche aufzunehmen. Wir trafen die Chefs der Nationalisten in Schitomir in einem sicheren Haus der Tscheka. Ich wurde als junger Techniker beauftragt, in diesem Haus zu wohnen und dafür zu sorgen, daß es während der Gespräche nicht zu Gewalttätigkeiten kam. Die hierbei gesammelten Erfahrungen mit Partisanenführern, die sich in manchen Gegenden wie Diktatoren gebärdeten, halfen mir bei meiner späteren Arbeit als Führungsoffizier. Durch diese Treffen mit den ukrainischen nationalistischen Verbrechern entwickelte ich ein Gespür für den Umgang mit Verschwörern und im Untergrund geführten Operationen.

Der Krieg gegen die Partisanen dauerte fast zwei Jahre lang an und endete schließlich mit einem Kompromiß, als deren Führer eine Amnestie der ukrainischen Sowjetregierung annahmen. Dazu kam es jedoch erst, nachdem zweitausend von Konowalec nach Schitomir geschickte Kavalleristen von Truppen der Roten Armee eingekesselt worden waren und sich ergeben hatten. Einige der Partisanen konnten zwar entkommen, doch Konowalec war geschlagen. Bei diesen Zusammenstößen kam mein älterer Bruder Nikolaj ums Leben, der bei den Tscheka-Truppen an der polnischen Grenze diente. Ich bat daraufhin um eine Versetzung nach Melitopol, damit ich meiner Familie näher sein und sie unterstützen konnte.

Die folgenden drei Jahre leitete ich als junger Führungs­offizier in Melitopol ein Netz von Informanten, die in den griechischen und deutschen Siedlungen unseres Bezirks arbeiteten. 1927 übernahm ich einen Posten bei der Geheimen Politischen Abteilung der Staatspolitischen Verwaltung des ukrainischen OGPUS in Charkow, der damaligen Hauptstadt der Ukraine. Im Alter von zwanzig Jahren lernte ich meine spätere Frau, die um zwei Jahre ältere Emma Kaganowa kennen, die aus einer jüdischen Gemeinde der Stadt Gomel in Weißrußland stammte.

Emma war eine der wenigen Jüdinnen, die bei der Quote von zwei Prozent das Gymnasium hatten besuchen dürfen, und sie war eine gute Schülerin gewesen. Nach dem Abschluß wurde sie Schreibkraft bei Mendel M. Chatajewitsch, dem Sekretär der bolschewistischen Bezirksorganisation in Gomel. Als ihr Chef später nach Odessa versetzt wurde, um dort einen gleichen Posten zu bekleiden, ging Emma mit ihm. Dort wurde sie auch vom OGPU angeworben. Ihr blondes Haar und die blauen Augen verliehen ihr das Aussehen einer Deutschen, und ihr Jiddisch half ihr, Deutsch zu verstehen. Aus diesem Grunde wurde sie beauftragt, mit den deutschen Volksgruppen um Odessa zu arbeiten.

Emma war ein Jahr vor mir nach Charkow gekommen, weshalb sie im OGPU über weit mehr Einfluß verfügte als ich. Zudem war sie eine gebildete und attraktive junge Frau, und so wurde ihr die Leitung der Informanten in der ukrainischen Schriftstellergewerkschaft und am Theater übertragen. Wir lernten uns durch die Arbeit kennen, und ihre Intelligenz und Schönheit beeindruckten mich. Sie war sehr belesen und selbstbewußt und konnte ungezwungen mit Dichtern und Intellektuellen verkehren. Doch wir hatten auch viele Gemeinsamkeiten – nicht zuletzt mußten wir beide allein unsere Familien versorgen. Emmas Vater war gestorben, als sie zehn Jahre alt war, und jetzt verfügte sie als einziges Mitglied einer neunköpfigen Familie über ein Einkommen.

Wir hatten beide sehr viel zu tun, aber nichtsdestotrotz ermutigte mich Emma, an der Universität von Charkow ein Jurastudium zu beginnen. Doch wegen meines vollen Arbeitspensums schaffte ich lediglich den Besuch von zehn Vorlesungen und konnte nur ein Examen in Wirtschaftsgeographie ablegen. Mein Arbeitstag begann um 10 Uhr und dauerte mit einer Essenspause zunächst bis 18 Uhr. Um 19.30 Uhr setzten wir die Arbeit fort mit Treffen von Informanten in konspirativen Wohnungen, und gegen 23 Uhr kam ich in mein Büro zurück, um die gesammelten Informationen und weiteres Einsatzmaterial an unsere Vorgesetzten zu übergeben.

Nach Lenins Dekret von 1922 war das GPU die hauptsächliche Quelle von Informationen über jeden Teil der sowjetischen Gesellschaft. Noch heute erstellen statistische Ämter und Regierungsagenturen für die politische Führung einen monatlichen Bericht über die neuesten Strömungen im Lande. Dieser beruht auf den Aussagen von Informanten und enthält unter anderem eine Zusammenfassung von internen Problemen und Fehlleistungen verschiedener Institutionen und Unternehmungen. Unter Stalin war es nahezu unmöglich, einen Informanten tagsüber zu treffen, weswegen wir mit diesen Leuten fast jeden Abend zusammenkommen mußten. Stalin arbeitete bis tief in die Nacht, und natürlich folgten wir alle seinem Beispiel.

Ironischerweise war der Chef der Informanten Stanislaw Koselskij, ein ehemaliger Offizier der zaristischen Armee, der aus einer Familie des niederen polnisch-russischen Adels stammte. Obwohl er der zaristischen Armee angehört hatte, machte er sich während der Revolution für uns verdient. Als ihm im Rahmen der Säuberungen des Jahres 1937 die Verhaftung drohte, beging er Selbstmord.

Emma war für mich die Traumfrau. Wir heirateten 1928, ließen unsere Eheschließung aber erst im Jahre 1951 offiziell registrieren. Damit folgten wir dem Beispiel vieler unserer Kollegen. Ich bekam im OGPU eine ebenso bedeutende wie ungewöhnliche Aufgabe zugewiesen, bei der ich direkt der Partei- und OGPU-Leitung unterstellt war: Ich wurde zum Kommissar einer Kolonie für obdachlose Kinder ernannt. Diese Kolonien wurden nach dem Bürgerkrieg errichtet im Rahmen der Bemühungen, verwaisten Jugendlichen zu helfen, die in den Städten leicht mit Kriminalität und Vandalismus in Berührung kamen. Alle Tschekisten mußten zehn Prozent ihres Einkommens für den Unterhalt der Kolonien abführen, die dieses Geld in Arbeitsplätze und Ausbildungsstätten investierten. Dieser Arbeit wurde oberste Priorität eingeräumt. Es gelang mir, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen und eine Schuhfabrik einzurichten, die bald profitabel arbeitete.

Dank der Position meiner Frau im ukrainischen Parteiapparat kam ich zweimal mit S. W. Kossior zusammen, dem damaligen Generalsekretär der Ukrainischen Kommunistischen Partei. Beide Treffen fanden in der Wohnung von Emmas Chef, Chatajewitsch, statt, wo wir als Gäste geladen waren. Ich war tief beeindruckt, weil sowohl Kossior als auch Chatajewitsch sehr gut durchdachte Zukunftsperspektiven für die Ukraine hatten. Die wirtschaftlichen Probleme und die Tragödie der Kollektivierung betrachteten sie als temporäre Hindernisse, die es unter allen Umständen zu überwinden galt. Sie vertraten die Ansicht, man müsse eine neue Generation von Menschen heranziehen, die dem Kommunismus zweifelsfrei ergeben und von den Zwängen der alten Gesellschaftsordnung völlig befreit sei. Besonderen Wert legten sie auf die Entwicklung einer neuen ukrainischen Intelligenzija, die nationalistisches Gedankengut ablehnte.

Erst heute kann ich verstehen, daß die Revolution keine absolute moralische Grundlage haben konnte und daß der ukrainische Nationalismus, wenngleich er für weitere fünfzig Jahre bis zum Untergang der Sowjetunion zum Scheitern verurteilt war, zumindest Sympathie und Verständnis verdient hätte. Damals jedoch waren beide Seiten entschlossen, den Gegner auszulöschen, und ich fühlte mich geschmeichelt, als uns Kossior und Chatajewitsch als Revolutionäre ansprachen. Emma und ich waren damals noch im Komsomol, dem Jugendverband der KPdSU. 1928 wurden wir Kandidaten für die Aufnahme in die Partei.

1933 wurde W. A. Balizkij, der Direktor des ukrainischen OGPU, zum Stellvertretenden Direktor des OGPU der Allunion ernannt. Als er nach Moskau ging, um seinen neuen Posten anzutreten, nahm er einige seiner Mitarbeiter mit, darunter auch mich. Ich wurde Oberinspektor und bekam die Aufgabe, Beförderungen und die Besetzung freier Stellen in der Auslandsabteilung der Hauptverwaltung der Staatssicherheit zu überwachen – jener Behörde, die später das Erste Direktorium des NKWD werden sollte.

In meinem neuen Posten als Oberinspektor traf ich mich regelmäßig mit Arthur Artusow, dem damaligen Direktor der Auslandsabteilung, und seinem Stellvertreter Abram Sluzkij. 1933 bat der Führungsoffizier, der für die Überwachung und das Vorgehen gegen ukrainische Exilanten im Westen zuständig war, aus gesundheitlichen Gründen um seine Versetzung in den Ruhestand. Als Ariusow hörte, daß ich Ukrainer sei, schlug er mich als Nachfolger vor. Auch Emma wurde nach Moskau beordert, um bei der Politischen Abteilung der Informanten in der Schriftstellergewerkschaft und der Intelligenzija zu arbeiten.

Ein Jahr später, 1934, berichtete das ukrainische OGPU über seinen Erfolg bei der Unterwanderung des inneren Kreises der ukrainischen Militärorganisation im Exil. Das war ein Durchbruch für uns, denn die im selben Jahr erfolgte Ermordung eines sowjetischen Diplomaten in Lwow/Lemberg durch einen ukrainischen Terroristen machte uns gerade schwer zu schaffen. Der Chef des OGPU erteilte den Auftrag, einen Plan zur Neutralisierung der terroristischen Aktivitäten der ukrainischen Nationalisten auszuarbeiten.

Abram Sluzkij, der Leiter der Auslandsabteilung des Dienstes, teilte mir die neue Direktive mit und bat mich, als Agent im Ausland6 zu arbeiten. Zunächst erschien mir das als abwegig, da ich keine Erfahrungen mit Ausländern besaß und vom Leben im Westen nichts wußte. Ich konnte kein Deutsch, dessen Beherrschung bei einem geplanten Einsatz in Deutschland und Polen unumgänglich war, aber – je mehr ich über das Ganze nachdachte, desto faszinierender und herausfordernder erschien es mir. Ich akzeptierte das Angebot, bekam fünf Tage pro Woche in einer sicheren Wohnung Deutschunterricht und ließ mich im Nahkampf und im Umgang mit Waffen ausbilden. Von größter Bedeutung waren meine Treffen mit Sergej Schpiegelglas, dem damaligen Stellvertretenden Direktor der Auslandsabteilung des NKWD. Schpiegelglas hatte reiche Auslandserfahrung; er war als Agent in China und Westeuropa gewesen. Noch Anfang der dreißiger Jahre hatte er in Paris in der Nähe des Boulevard Montmartre einen auf Hummer spezialisierten Fischladen betrieben, der zur Tarnung seiner Operationen diente.

Nach acht Monaten intensiver Ausbildung war ich bereit für meinen ersten Auftrag im Ausland. Ich wurde begleitet von Wassilij Lebed, dem obersten Repräsentanten der ukrainischen Nationalisten, der in Wahrheit jedoch dreizehn Jahre lang einer unserer Agenten war. Lebed hatte die Jahre 1915 bis 1918 zusammen mit Jewgen Konowalec in einem russischen Kriegsgefangenenlager in der Nähe von Zarizin verbracht. Er wurde Konowalecs Stellvertreter und kommandierte eine Schützendivision, die in der Ukraine gegen die Rote Armee kämpfte. Als sich Konowalecs Truppen 1920 nach Polen zurückzogen, schickte er Lebed in die Ukraine mit dem Auftrag, dort ein Agentennetz aufzubauen. Doch dabei wurde Lebed gefangengenommen. Er hatte nur die Wahl, sich uns anzuschließen oder zu sterben.

In den zwanziger Jahren gewann Lebed für uns große Bedeutung durch seine Bekämpfung des Banditenunwesens in der Ukraine. Doch dessenungeachtet blieb seine nationalistische Reputation im Ausland hoch, denn für Konowalec war er der Mann, der die Machtübernahme der Ukrainischen Nationalistischen Organisation (OUN) von den Sowjets vorbereiten konnte. Von Lebed, dem wir in den zwanziger und dreißiger Jahren erlaubten, illegal in den Westen zu reisen, wußten wir, daß Konowalec Pläne hegte, die Ukraine in einem künftigen Krieg zurückzuerobern. In Berlin traf sich Lebed mit Oberst Alexander, der in den frühen dreißiger Jahren Admiral Canaris’ Vorgänger als Leiter der deutschen Abwehr gewesen war. Dabei erfuhr er, daß sich Konowalec zweimal mit Hitler getroffen und dieser ihm angeboten hatte, einige seiner Leute in die Parteischule der Nazis nach Leipzig zu schicken.

Ich gab mich als Lebeds Neffe aus, der ihn bei seiner Arbeit unterstützte. Meine Frau wurde in die Auslandsabteilung versetzt und sollte als mein Kurier zur Zentrale fungieren. Sie sollte als Studentin aus Genf auftreten und mich gelegentlich in Westeuropa treffen. Zu diesem Zweck erhielt sie eine spezielle Spionageausbildung.

Lebed war nicht bekannt, daß wir noch einen weiteren Agenten hatten, der Konowalecs wichtigster Repräsentant in Finnland war, nämlich Kondrat Poluwetko. Dieser lebte unter falschem Namen in Helsinki, wo er Kontakte zwischen den ukrainischen Nationalisten im Exil und ihren Agenten in Leningrad arrangierte. Die ukrainischen Nationalisten versteckten ihre Archive in der berühmten Schtschedrin-Bibliothek in Leningrad, und obwohl uns dies bekannt war, fanden wir diese Archive erst 1949, vier Jahre nach Kriegsende.

Ich wurde über Helsinki in den Westen geschickt, von wo aus Lebed sofort über Moskau nach Charkow zurückreiste. Ich wurde Poluwetko überstellt, der jedoch meine wahre Identität nicht kannte. Deshalb erstattete er regelmäßig Bericht über mich an seinen NKWD-Führungsoffizier, Soja Woskressenskaja Rybkina. Einmal machte er den Vorschlag, mich zu eliminieren, doch zu meinem Glück lag diese Entscheidung nicht in seinem Ermessen. Mein Lebensstandard in Finnland (und später in Deutschland) war äußerst niedrig. Ich hatte überhaupt kein Taschengeld und mußte ständig hungern. Poluwetko betrachtete mich als Feind und genehmigte mir nur zehn Finnmark pro Tag – gerade genug für ein Essen und eine Münze für den Gasometer, um mein Zimmer zu heizen. Bei heimlichen Treffen mit Soja Rybkina, für die bereits vor meiner Abreise aus Moskau ein Zeitplan erstellt worden war, brachten sie und ihr Mann – die beiden waren unsere Residenten in Finnland – mir belegte Brote und Schokolade mit. Danach durchsuchten sie meine Taschen, um sicherzustellen, daß ich nichts Eßbares mitnahm, denn dadurch wäre das Spiel aufgeflogen. Um der Zentrale mitzuteilen, daß ich wohlauf war, schrieb ich einen an meine Freundin adressierten Zettel, zerriß ihn und warf die Schnipsel in einen Abfallkorb. Poluwetko sammelte sie ein und übergab sie Soja. Nachdem ich zwei Monate in Helsinki gewartet hatte, trafen Konowalecs Kuriere ein.

Wir nahmen ein Schiff nach Stockholm, auf dem ich einen falschen litauischen Paß bekam. Als wir in Stockholm eintrafen, weigerte sich der Kellner im Speisesaal des Schiffes, wo wir uns zur Rückgabe der Pässe aufgestellt hatten, mir den meinigen auszuhändigen. Er behauptete, das Foto stimme nicht mit meiner Person überein. Damit hatte er recht – man hatte mir den Paß eines ukrainischen Aktivisten gegeben. Poluwetko fuhr entrüstet dazwischen und schüchterte den Kellner ein, der mir den Paß daraufhin gab. Nach einer Woche in Stockholm nahmen wir ein Schiff nach Deutschland. Dieses Mal hatte ich mit meinem Paß kein Problem. Wir fuhren weiter nach Berlin, wo ich mich in einer zum Museum für Völkerkunde gehörenden Wohnung mit Konowalec traf. Sie war ihm vom deutschen Geheimdienst zur Verfügung gestellt worden. Man schickte mich für drei Monate in die Nazi-Parteischule in Leipzig, und dort traf ich die Elite der Ukrainischen Nationalistischen Organisation. Natürlich waren alle diese Leute brennend daran interessiert, meine wahre Identität aufzudecken. Ich hatte mit meiner Legende jedoch keine Probleme.

Allmählich wurden meine Diskussionen mit Konowalec ernst. Er wollte ein Netz zur Verwaltung der in naher Zukunft von den Nationalisten und ihren deutschen Verbündeten befreiten Gebiete der Ukraine aufbauen. Ich erfuhr, daß sie bereits zwei Brigaden mit insgesamt etwa 2000 Mann zur Verfügung hatten, die in Galizien, der momentan noch von den Polen besetzten westlichen Ukraine und in Deutschland als Polizeitruppe vorgesehen waren.

Die Ukrainer versuchten, mich in den internen Machtkampf zwischen ihren beiden wichtigsten Gruppierungen hinein­zuziehen, nämlich jener der alten Generation unter Konowalec und dessen Stellvertreter Andrej Melnik und den Jungen, die von Stepan Bandera und Kosterew geführt wurden. Meine vordringlichste Aufgabe bestand darin, sie davon zu überzeugen, daß die Erfolgsaussichten für Attentate in der Ukraine gleich Null waren, weil der NKWD kleine Widerstandsnester sofort zerschlagen würde. Ich empfahl, unsere Truppen und unser Agentennetz für den Fall eines Krieges mit der Sowjetunion in Reserve zu halten. Die terroristischen Verbindungen dieser Organisation waren äußerst beunruhigend. Sie hatte sich kroatischen Nationalisten gegenüber vertraglich verpflichtet, Attentate gegen König Alexander von Jugoslawien und den französischen Außenminister Bartu zu verüben. Es war eine Offenbarung für mich zu erfahren, daß alle diese Terroristen von der deutschen Abwehr finanziert wurden, der dem Oberkommando der deutschen Wehrmacht unterstellten Nachrichten- und Spionageabwehrorganisation. Eine vollkommene Überraschung war für mich auch, daß die Ermordung des polnischen Ministers General Bronislaw Pieracki durch den ukrainischen Terroristen Macekow entgegen der Anordnung Konowalecs auf Befehl von dessen Rivalen Bandera ausgeführt wurde. Pieracki war für die Unterdrückung der ukrainischen Minderheit in Polen verantwortlich, und die daraus resultierende natürliche Feindschaft der Ukrainer gegen ihn versuchte sich Bandera bei seinem Versuch, die Führung der Organisation an sich zu reißen, zunutze zu machen. Konowalec erzählte mir, Deutschland und Polen hätten soeben einen Freundschaftsvertrag unterzeichnet, und die Deutschen seien derzeit an Maßnahmen gegen Polen absolut nicht interessiert. Die Deutschen waren über Pierackis Ermordung so empört, daß sie Bandera und seine Leute an Polen auslieferten, doch Macekow, der Attentäter, konnte entkommen.

Macekow hatte geplant, Pieracki mit einer Granate zu töten. Sie explodierte jedoch nicht, und deshalb erschoß er ihn. Man setzte ihm nach, aber mit der Hilfe einer gerade vorbeifahrenden Straßenbahn, die den Verfolgern Sicht und Weg versperrte, konnte er entkommen. Er schaffte es, in einen Hauseingang zu flüchten und die Treppe hinaufzurennen. Oben legte er Revolver, Hut und Regenmantel ab und verließ das Haus unerkannt. Der polnische Geheimdienst Okrana durchkämmte alle konspirativen Wohnungen der ukrainischen Nationalisten in Warschau, doch Macekow ging nicht zu jener, die er laut Befehl hätte aufsuchen sollen, sondern verbrachte die Nacht bei seiner Freundin, einer ukrainischen Terroristin, die seine Flucht über die Karpaten in die Tschechoslowakei arrangierte. Dort bekam er einen falschen tschechischen Paß, mit dem er nach Paris und Le Havre weiterreiste. In Frankreich schiffte er sich schließlich nach Argentinien ein, wo er 1950 starb.

Obwohl Bandera bei seiner Gerichtsverhandlung die Sache der Ukraine vehement verfocht, wurde er zum Tod durch den Strang verurteilt. Letztlich rettete ihn der deutsche Druck auf die polnischen Behörden; das Urteil wurde in eine Gefängnisstrafe umgewandelt. Nach der deutschen Invasion in Polen wurde er sogleich aus der Haft entlassen. Doch nun entwickelte sich zwischen den beiden ukrainischen Gruppen ein blutiger Bruderkrieg.

Für meine Kollegen in der Nazi-Parteischule war ich eine höhere Instanz und absolut vertrauenswürdig. Sie vermuteten, ich sei der Kopf ihres Agentennetzes in der Ukraine, während sie sich selbst lediglich als Emigranten sahen, die von deutscher Unterstützung lebten. Ich hatte das Recht, gegen ihre Vorschläge ein Veto einzulegen, da ich die Instruktionen meines Onkels und Führers Lebed befolgte. Wenn mir etwas nicht paßte, sagte ich nur: »Mein Onkel würde das nicht erlauben.«

So verfuhr ich auch mit dem Vorschlag, Oberst Vivrement-Lahousen vom Hauptquartier der deutschen Abwehr zu treffen. Mich direkt mit dem deutschen Geheimdienst einzulassen, wäre zu riskant gewesen, denn man hätte versucht, mich mit Gewalt als Agent zu rekrutieren. Ich inszenierte deshalb einen Streit mit meinen Kollegen, als sie einen Schnappschuß von mir und Konowalec auf einer Berliner Straße machten. Ein Fotograf war auf uns zugekommen, hatte eine Aufnahme gemacht und den Film Konowalec ausgehändigt, der ihm dafür zwei Mark bezahlte. Die ganze Sache war unverschämt. Sie waren entschlossen, ein Bild von mir für ihre Akten zu bekommen, damit sie mich gegebenenfalls identifizieren und aufspüren konnten. Ich protestierte an Ort und Stelle lauthals gegenüber Konowalec und sagte, es sei falsch, den Deutschen ein Foto von mir zukommen zu lassen, da ich glaubte, dies sei dabei sein eigentlicher Plan. Konowalec versuchte, mich zu beruhigen. Er meinte, es sei in Ordnung, wenn ein ganz normaler Fotograf, der nur seinem Lebensunterhalt nachgehe, in einer Berliner Straße ein Bild von uns mache. Später fand ich heraus, daß ich recht gehabt hatte: In den vierziger Jahren nahm SMERSCH in der westlichen Ukraine zwei Partisanen gefangen, von denen einer eben dieses Foto bei sich hatte. Als er nach dem Grund gefragt wurde, antwortete er: »Ich weiß nicht, warum, aber wir haben Befehl, diesen Mann zu liquidieren, wenn wir ihn finden.«

Ich gewann Konowalecs Zutrauen, indem ich ihm ein Geheimnis verriet. Kosterew und andere junge ukrainische Nationalisten an der Nazi-Parteischule waren der Ansicht, er sei für die Leitung der Organisation zu alt und solle lediglich als Galionsfigur dienen. Als sie mich diesbezüglich nach meiner Meinung fragten, antwortete ich ungeduldig: »Wer seid ihr, daß ihr glaubt, einen solchen Vorschlag machen zu können? Ich wußte nichts von euch, bis ich hierher kam. Unsere Organisation hat nicht nur volles Vertrauen zu Konowalec, sondern sie bekommt auch regelmäßig Unterstützung von ihm. Ihr dagegen habt das letzte Jahr nichts getan, als die Nazischule zu besuchen.« Als ich diese Worte Konowalec gegenüber wiederholte, wurde er kreidebleich, und daß Kosterew später eliminiert wurde, war sicher kein Zufall.

Die Zentrale hatte beschlossen, daß ich nach meiner Ankunft in Deutschland völlig auf mich gestellt sein und keinen Kontakt mit unserer Residentur oder unseren Agenten haben sollte. Ich blieb vier Monate in Deutschland. Nach meinem kurzen Aufenthalt in der Leipziger Nazi-Parteischule ging ich nach Berlin zurück, wo Konowalec mich unter seine Fittiche nahm. Ich mietete mir ein kleines Zimmer in der Nähe des Museums für Völkerkunde; zum Mittagessen ging ich gewöhnlich in die Museums-Kaffeestube. Konowalec besuchte mich häufig und nahm mich auf Spaziergänge in die Stadt mit. Einmal lud er mich sogar in die Oper ein, doch ansonsten war das Leben in Berlin hart. Die ukrainische Gemeinde war sehr arm; Luxus konnte sich niemand leisten. Wenn man beispielsweise zum Tee eingeladen wurde, mußte man seinen eigenen Zucker mitbringen. Die Ukrainer, die ich kennenlernte, waren entweder Söhne von Priestern der Unierten (griechisch-katholischen Kirche) oder kleine städtische Angestellte, die absurderweise glaubten, sie könnten die Organisation mit den Einnahmen einer Schuhcremefabrik finanzieren, die ihre Verwandten in Polen betrieben. Sie waren davon überzeugt, daß nur ein massiv geführter Krieg der Deutschen gegen Polen und die Sowjetunion ihrer Sache dienlich sein könne, und so warteten wir alle auf den Ausbruch des Krieges.

Konowalec und ich verstanden uns zusehends besser, und er schlug Anfang 1937 vor, ich solle ihn auf einer Inspektionsreise nach Wien und Paris begleiten. Er wollte Ukrainer besuchen, die ihn von dort aus unterstützten. In Paris stiegen wir in einem guten Hotel ab, da er von den Deutschen Geld erhalten hatte und als Führer einer mächtigen Organisation auftrat. Ich war von Paris überwältigt und finde diese Stadt auch heute noch zauberhaft. Sie ist voller Geschichte, und ich mußte daran denken, daß die Französische Revolution bis zur Pariser Kommune 1871 fast 100 Jahre gedauert hatte. Was die Franzosen im neunzehnten Jahrhundert durchmachten, müssen die Russen im zwanzigsten ertragen. Während meines Aufenthalts in Paris fand ein Generalstreik statt, und Konowalec und ich mußten zum Mittagessen bis nach Versailles fahren, weil alle Restaurants in Paris geschlossen waren und auch die Metro den Betrieb eingestellt hatte. Ich weiß noch, daß das Taxi sehr teuer war.

In der Zentrale war bekannt, daß Konowalec und ich uns drei Wochen in Paris aufhalten würden. Man nützte diese Gelegenheit, um ein Treffen mit meinem Kurier zu arrangieren. Meine Instruktionen aus Moskau sahen ein eventuelles Treffen in Paris und eines in Wien vor. Zweimal die Woche sollte ich mich zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags an der Ecke Place de Clichy und Boulevard de Clichy einfinden. Die Anweisungen besagten, daß der Kurier mir bekannt sein würde, doch gemäß den Regeln der Zunft enthielten sie keinen Namen. Als ich das erste Mal zu dem Treffpunkt ging, sah ich meine Frau in einem eleganten Kleid in einem Straßencafé sitzen. Dieser Anblick löste heftige, widersprüchliche Gefühle in mir aus. Bevor ich zu ihr ging, zwang ich mich, herauszufinden, ob ich möglicherweise überwacht wurde. Ich merkte auch bald, daß dieser Treffpunkt schlecht gewählt war – er bot keine Möglichkeit, eine eventuelle Überwachung aus der vorbeiflanierenden Menschenmenge auszuschließen.

Beim Spionageabwehrdienst in Charkow hatte ich die Erfahrung gemacht, daß Treffen fast immer deshalb aufflogen, weil der Treffpunkt schlecht gewählt war. Ich nahm mich also zusammen und fragte sie in schlechtem Deutsch, ob an ihrem Tisch noch frei sei. Wir waren beide sehr angespannt. Ich setzte mich, und sie äußerte die Vermutung, daß bei mir alles in Ordnung sei. »Du hast zwar etwas abgenommen, aber du siehst trotzdem gut aus«, fügte sie hinzu, und dann stellte sie mit einem Lächeln fest: »Du bist auch frisch rasiert.« In Rußland rasierte ich mich oft nur jeden zweiten Tag.

Das Café war für ein Treffen zu leicht einzusehen, und deshalb gingen wir bald. Als wir auf den Boulevard zuschlenderten, bemerkten wir zwei Polizisten, die auf uns zukamen. Instinktiv wechselten wir die Straßenseite, um ihnen nicht zu begegnen, was ich rückblickend nur als eine ausgesprochene Dummheit bezeichnen kann.

Emmas Hotel war ganz in der Nähe und, wie es sich für eine Studentin auf Ferien in Paris gehörte, wirklich billig. Aber sosehr ich mich auch freute, nach sechs Monaten Trennung wieder mit meiner Frau zusammenzusein, plagte mich auch die Angst, unser Treffen könnte sie in Gefahr bringen. Wir umarmten uns, und dann bedrängte ich sie, von der Zentrale zu fordern, daß sie auf keinerlei Art und Weise mit mir in Zusammenhang gebracht werden solle. Ich hatte schließlich keinen festen Aufenthaltsort im Westen; alle meine Kontakte wurden sowohl vom Geheimdienst der ukrainischen Nationalisten als auch von den Deutschen scharf überwacht, dessen war ich mir sicher. Wenn die deutsche oder auch nur die französische Spionageabwehr feststellte, daß sie sich mit mir traf, würde sie festgenommen und grausamen Verhören unterzogen werden. Deshalb gab ich ihr die Weisung, sofort in die Schweiz zurückzukehren und dann nach Hause zu fahren. Ich konnte nur sicher und ohne Angst um Emma sein, wenn ich sie von mir fernhielt. Sie versicherte mir, sobald wie möglich nach Bern zurückzufahren. Ich unterrichtete sie über die Lage der ukrainischen Emigrantengemeinde und deren starke Unterstützung durch die Deutschen. Emma interessierte sich insbesondere für die Konflikte in der ukrainischen Organisation. Dann sagte ich ihr noch, Konowalec und ich würden eine Reise nach Wien planen, und sie solle auf keinen Fall zu dem vereinbarten Treffpunkt in der Nähe von Schloß Schönbrunn kommen.

Während unseres Aufenthalts in Paris zeigte mir Konowalec das Grab seines Waffengefährten Petljura. Ich nahm eine Handvoll Erde davon mit und versprach, sie meinem Onkel Lebed zu bringen, zur Erinnerung an Petljura in der Ukraine.

In Paris teilte mir Konowalec auch die Vermutung seiner Leute mit, einer seiner Assistenten, nämlich Gribewskij, würde mit der tschechoslowakischen Spionageabwehr kooperieren, und trug mir auf, mich mit diesem zu treffen und meine Beurteilung über ihn abzugeben. Nachdem die Ukrainer in Warschau den polnischen General Pieracki ermordet hatten, schafften es die Tschechen, an einem einzigen Tag alle sicheren Häuser der ukrainischen Organisation in Prag ausfindig zu machen und viele der von Gribewskij verwahrten Akten sicherzustellen. Dann erzählte Konowalec mir eine Geschichte, die ich bereits kannte. Mein enger Freund und Kollege Iwan Kaminskij, der zwei Jahre vor mir als Agent in Deutschland gearbeitet hatte, hatte versucht, Gribewskij als Informanten anzuwerben, und zwar angeblich für die slowakische Polizei, in Wirklichkeit aber für uns. Gribewskij seinerseits hatte geplant, Kaminskij festzunehmen, doch dieser bemerkte, daß er beobachtet wurde und entkam mit einem Sprung auf eine Straßenbahn. Konowalec vermutete richtig, daß Kaminskij kein slowakischer, sondern ein bolschewistischer Agent sei. Ich lehnte es ab, Gribewskij zu treffen, mit dem Argument, er werde vielleicht von den Bolschewiki überwacht (schließlich hätte das Mißlingen seines Versuchs, Kaminskij festzunehmen, ja Vorsatz sein können) und könne meinen Auftrag vereiteln, indem er den Bolschewiki meine Identität preisgebe.

Nach unserer Ankunft in Wien ging ich zu dem vereinbarten Treffpunkt, wo Major Pjotr Subow auf mich wartete. Dieser Mann war ein Meisterspion und ein großes Vorbild für mich. Ich berichtete ihm das Neueste über Konowalecs Aktivitäten und erzählte, am folgenden Abend würden wir in die Oper gehen. Subow schaffte es, einen Platz genau hinter uns zu bekommen, und so konnte er meine Gespräche mit Konowalec mithören. Als wir das Opernhaus verließen, stolperte ich absichtlich über ihn, sorgte aber dafür, daß es wie ein Versehen wirkte und entschuldigte mich.

Nach dieser Reise fuhr ich nach Berlin zurück. Die nächsten Monate verstrichen mit fruchtlosen Gesprächen über den Einsatz unserer in der Ukraine im Untergrund arbeitenden Leute für den Fall eines Kriegsausbruchs. Zu dieser Zeit reiste ich auch zweimal von Deutschland nach Paris, wo ich mich mit führenden Politikern der ukrainischen Exilregierung traf. Konowalec warnte mich vor diesen Leuten; er nahm sie nicht ernst, da er glaubte, seine militärische Organisation würde die Richtlinien für jegliches Vorgehen diktieren, nicht aber diese Politiker in den Cafés von Paris, die sich in der Sicherheit des Exils sonnten.

Doch dann schickte im Sommer 1937 mein Onkel Lebed, unser Agent, über Finnland Instruktionen, um mich in die Ukraine zurückzuholen. Zusätzlich schlug er vor, ich solle als Funker an Bord eines sowjetischen Schiffs gehen, das häufig ausländische Häfen anlief. Damit würde ich regulär als Kurier zwischen der Ukraine und unserer Organisation im Ausland arbeiten. Konowalec gefiel dieser Vorschlag, und er war mit meiner Rückkehr in die Sowjetunion einverstanden.

Mit falschen Papieren und in Begleitung von Roman Suschko, einem führenden Kopf der ukrainischen Militärorganisation, fuhr ich zurück nach Finnland bis zur sowjetischen Grenze. Konowalec wollte meine unbeschadete Ankunft sicherstellen. Suschko begleitete mich bis zu einer Stelle, an der das Überschreiten der Grenze sicher schien, und dort ließ er mich allein im Wald zurück. Auf dem Weg zur Grenze wurde ich jedoch von einer finnischen Grenzpatrouille aufgegriffen, verhaftet und nach Helsinki ins Gefängnis gebracht. Dort wurde ich einen Monat lang verhört. Ich sagte, ich sei ukrainischer Nationalist und hätte von meiner Organisation den Auftrag, in die Sowjetunion zurückzukehren.

Diesen ganzen Monat herrschte in der Zentrale eine gespannte Atmosphäre, weil Soja Rybkina aus Helsinki berichtet hatte, ich sei bereits auf dem Rückweg. Da ich nicht auftauchte, fuhren Subow und Schpiegelglas an die Grenze, um nach Hinweisen über meinen Verbleib zu suchen.

Emma war meinetwegen so beunruhigt, daß sie fast fünfzehn Kilo abnahm. Alle glaubten, Suschko habe mich eliminiert. Doch nach drei Wochen nahmen die finnische Polizei und die deutsche Abwehr schließlich mit Poluwetko, dem offiziellen Gesandten der Ukraine in Helsinki, Kontakt auf und fragten nach einem Ukrainer, der versucht habe, in die Sowjetunion zu fliehen. Die Abwehr und der finnische Geheimdienst hatten ein Abkommen zur gemeinsamen Überwachung der finnisch-sowjetischen Grenze getroffen, um festzustellen, wer dort illegal in die Sowjetunion hinüberwechselte. Ich wurde an Poluwetko übergeben, und dieser begleitete mich bis nach Tallinn. Dort bekam ich einen anderen gefälschten litauischen Paß und im sowjetischen Konsulat ein sowjetisches Touristenvisum für einen Kurzbesuch in Leningrad. Damit konnte ich ohne Zwischenfall die Grenze zur Sowjetunion passieren und erhielt einen Stempel in meinen Paß. In Leningrad entwischte ich dem auf mich wartenden Intourist-Führer, was im dortigen Intourist-Büro sicher für erheblichen Aufruhr sorgte. Sogar die Miliz wurde in Alarmbereitschaft versetzt, um den verloren geglaubten litauischen Touristen ausfindig zu machen, der in Leningrad verschwunden war.

Meine erfolgreiche Westeuropareise veränderte meinen Status innerhalb des Geheimdienstes. Stalin und Kossior, der damalige Generalsekretär der Ukrainischen Kommunistischen Partei, sowie der Vorsitzende des Obersten Sowjet der Ukraine, Grigorij Iwanowitsch Petrowskij, wurden von meiner Mission in Kenntnis gesetzt. Ich wurde in Sluzkijs Büro zitiert, wo ich die Einzelheiten meiner Reise zwei Männern berichtete, die ich nicht kannte: Serebrjanskij, dem Direktor der Abteilung für Sonderaufgaben7, und Wasiljew, einem jungen Führungsoffizier in Stalins Sekretariat im Zentralkomitee. Präsident Kalinin verlieh mir den Rotbanner-Orden. Gleichzeitig mit mir erhielt Wassilij Sarubin, der ebenfalls gerade aus Westeuropa zurückgekehrt war, eine Auszeichnung. Bei dieser Gelegenheit trafen wir uns zum erstenmal. Später entstanden zwischen unseren beiden Familien anhaltende und enge Beziehungen, obwohl Sarubin wesentlich älter war als ich.

Auf einer Cocktailparty in Sluzkijs Wohnung, die für Sarubin und mich gegeben wurde, mußte ich zum zweiten Mal in meinem Leben ein Glas Wodka trinken. (Das erste Mal war es in Odessa gewesen, als ich siebzehn Jahre alt war – damals reagierte mein Körper äußerst empfindlich; ich bekam Kopfschmerzen und Brechreiz.) Ärzte hatten festgestellt, daß mein Körper auch bei völliger Gesundheit gegen jeglichen Alkohol mit einem Gehalt von über zwanzig Prozent allergisch reagierte. Sluzkij und Schpiegelglas befahlen mir trotzdem, ein Glas zu trinken, und am nächsten Tag war ich arbeitsunfähig.

Das ganze Jahr 1937 bis Anfang 1938 über reiste ich immer wieder als Funker getarnt auf einem Frachtschiff in den Westen. Bei einem der Treffen mit Konowalec packte mich das Entsetzen. Er sagte, seine Organisation habe den Deutschen berichtet, die Kommandeure der Roten Armee in der Ukraine würden mit der Sache der Ukraine sympathisieren, woraufhin Stalin sie exekutieren ließ. Konowalecs Leute hatten diese Geschichten erfunden, um die Deutschen zu beeindrucken und mehr Geld von ihnen zu bekommen. Später las ich in der ukrainischen Emigrantenpresse, die Loyalität von Dubowoj, Fedko und anderen Kommandeuren der Roten Armee sei zwischen den Sowjets und den ukrainischen Nationalisten gespalten gewesen. Konowalec beschloß, mir von dieser Verleumdung zu berichten, weil er wußte, daß ich als Organisator des ukrainischen Untergrunds von der Wahrheit Kenntnis hatte.

Als ich dies 1937 in Moskau Schpiegelglas mitteilte, meinte er, es sei nicht ausgeschlossen, daß Dubowoj und andere mit den ukrainischen Nationalisten und den Deutschen Kontakte gehabt hätten. Ich vermute, er wollte mich zu meinem eigenen Schutz nur davon abhalten, Informationen zu berichten, welche der politischen Führung – die das Schicksal dieser Kommandeure ja bereits besiegelt hatte – unter Umständen mißfallen hätten.

Im November 1937, nach den Feiern zu Oktoberrevolution, wurde ich in Begleitung Sluzkijs in das Büro des Chefs des NKWD, Nikolaj Iwanowitsch Jeshow, zitiert. Es war mein erstes Treffen mit dem Chef des NKWD, und sein farbloses Auftreten entsetzte mich. Er stellte zu elementaren nachrichtendienstlichen Problemen inkompetente Fragen und wußte nichts über grundsätzliche Techniken der Arbeit mit einer Informationsquelle. Spaltungen innerhalb der ukrainischen Emigrantenorganisation schienen ihn nicht einmal zu interessieren. Er hörte sich meinen Bericht über den Zeitplan künftiger Treffen mit der ukrainischen Führung an und schlug dann plötzlich vor, ich solle ihn ins Zentralkomitee begleiten. Jeshow war sowohl Volkskommissar für Inneres als auch Sekretär des Zentralkomitees. Ich konnte beim besten Willen nicht begreifen, welche intellektuellen Fähigkeiten ihn in solch hohe Ämter gebracht hatten.

Mittlerweile war ich zwar kein Berufsanfänger mehr, aber immer noch naiv, was Erwartungen an die politische Führung anbetraf. Kossior und Petrowskij, beide führende Persönlichkeiten der ukrainischen KP, die ich bisher kennengelernt hatte, waren intelligente und welterfahrene Leute. Als unser Wagen durch das nur wenigen vorbehaltene Borowizkijtor in den Kreml einfuhr und Jeshow ankündigte, der Genosse Stalin werde uns persönlich empfangen, staunte ich sehr. Dies war meine erste Begegnung mit Stalin. Ich war damals dreißig Jahre alt und hatte meine Gefühle noch immer nicht im Griff. Es überwältigte mich, daß der erste Mann des Staates einen einfachen Führungsoffizier empfangen wollte; ich konnte es einfach nicht glauben. Wie wir genau in Stalins Büro gelangten, weiß ich nicht mehr. Als er mir die Hand schüttelte, war ich derartig aus der Fassung, daß ich außerstande war, einen kurzen und prägnanten Bericht abzugeben. Stalin lächelte und meinte: »Junger Mann, regen Sie sich nicht so auf. Beschränken Sie sich auf das Wesentliche. Wir haben nur zwanzig Minuten Zeit.«