Der Fund - Bernhard Aichner - ebook

Der Fund ebook

Bernhard Aichner

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Opis

Warum musste Rita sterben? Wer hat die Supermarktverkäuferin, die doch nie jemand etwas zuleide getan hat, auf dem Gewissen? Hat die 53-jährige wirklich ihr Todesurteil unterschrieben, als sie eines Tages etwas mit nach Hause genommen hat, was sie besser im Laden gelassen hätte? Offiziell ist der Fall abgeschlossen – aber da ist einer, der nicht aufgibt. Ein Polizist, der scheinbar wie besessen Fragen stellt – und Ritas Tod bis zum Ende nicht akzeptieren will…

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Zum Buch

Warum musste Rita sterben? Wer hat die Supermarktverkäuferin, die doch nie jemand etwas zuleide getan hat, auf dem Gewissen? Hat die 53-jährige wirklich ihr Todesurteil unterschrieben, als sie eines Tages etwas mit nach Hause genommen hat, was sie besser im Laden gelassen hätte? Offiziell ist der Fall abgeschlossen – aber da ist einer, der nicht aufgibt. Ein Polizist, der scheinbar wie besessen Fragen stellt – und Ritas Tod bis zum Ende nicht akzeptieren will …

Zum Autor

BERNHARD AICHNER (1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck. Er schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet, zuletzt mit dem Burgdorfer Krimipreis 2014, dem Crime Cologne Award 2015 und dem Friedrich Glauser Preis 2017.

Die Thriller seiner Totenfrau-Trilogie standen monatelang an der Spitze der Bestsellerlisten. Die Romane wurden in 16 Länder verkauft, u.a. auch nach USA und England. Mit BÖSLAND schloss er 2018 an seine internationalen Erfolge an.

BERNHARD AICHNER

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Copyright © 2019 by btb Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: semper smile, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-641-22507-0V002

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

Es ist der Moment, der alles verändert.

Das neue Leben, von dem sie schon so lange geträumt hat.

Es beginnt genau in diesem Augenblick.

Rita steht im Lager. Sie öffnet den Karton und schlägt die Plastikfolie zurück. Sie wünscht sich, genau dort zu sein, wo die Bananen herkommen. So lange träumt sie schon davon. Rita möchte die Sonne auf sich spüren, irgendwo in Südamerika am Strand liegen, stundenlang in den Himmel schauen. Sie möchte, dass ihr Leben laut ist und bunt und wild.

Doch das ist es nicht. Noch nicht.

Rita macht ihre Arbeit. Sie ist Verkäuferin in einem Supermarkt. Dreiundfünfzig Jahre ist sie alt. Schon seit einer Ewigkeit packt sie Waren aus, schichtet sie in Regale, sitzt an der Kasse.

Alles scheint wie immer.

Noch hat Rita keine Ahnung davon, was in den nächsten drei Wochen passieren wird. Sie weiß noch nicht, dass sie sich verlieben und beinahe den Verstand verlieren wird. Dass sie Dinge tun wird, die sie nie für möglich gehalten hätte.

Rita wird jemanden töten.

Und dann wird jemand sie töten.

Weil sie diesen Karton geöffnet hat, wird Rita sterben.

Bald schon.

Elfriede Wallner (53), Landwirtin

– Was Sie mir da erzählen, schockiert mich.

– tut mir alles sehr leid, Frau Wallner. Trotzdem bitte ich Sie darum, mir weiterzuhelfen. Ich will verstehen, wer Rita Dalek war. Ich möchte wissen, wie sie aufgewachsen ist, wie ihre Kindheit war, ihre Jugend. Für die Ermittlungen ist es wichtig, dass ich ein Bild vom großen Ganzen bekomme.

– Ich kann es nicht glauben, dass sie tot ist.

– Es wundert mich, dass Sie es von mir erfahren haben. Ehrlich gesagt dachte ich, es hätte sich hier im Dorf bereits herumgesprochen, dass sie ermordet wurde.

– Nein. Wir hatten keinen Kontakt mehr zu Rita. Sie war nie wieder hier seit damals. Wenn Sie nicht aufgetaucht wären bei uns, hätten wir es wahrscheinlich nie erfahren. Oder in ein paar Monaten erst. Traurig ist das. Weil ich wirklich dachte, dass es ihr gut geht. Dass Rita es geschafft hat. Sie war so ein lieber Mensch. Wer kann ihr das nur angetan haben? Und warum?

– Genau das möchte ich herausfinden.

– Das hat sie nicht verdient.

– So ein Ende hat niemand verdient.

– Rita hat nie etwas Falsches gemacht. Sie war eine von den Guten.

– Ich kann auch ein anderes Mal wiederkommen, wenn Ihnen das lieber ist.

– Nein.

– Brauchen Sie ein Taschentuch?

– Geht schon. Es ist nur so, dass mich das alles sehr betroffen macht. Ich finde es schade, dass ich sie nie besucht habe in der Stadt. Obwohl sie mich mehrmals eingeladen hat.

– Das ist der Lauf der Dinge. Freundschaften enden irgendwann. Lebenswege trennen sich. Sie sollten sich keine Vorwürfe machen.

– Trotzdem tut es weh.

– Lassen Sie sich Zeit. Mir läuft nichts davon.

– Sollten Sie nicht Ritas Mörder suchen, anstatt hier Ihre Zeit zu vergeuden? Bei uns werden Sie garantiert nichts erfahren, das Ihnen weiterhilft.

– Sagen Sie das nicht. Oft ergeben sich die entscheidenden Hinweise genau aus solchen Gesprächen. Deshalb erzählen Sie mir doch bitte einfach, was Ihnen in den Sinn kommt. Erinnerungen, die Sie haben. Wie war Rita Daleks Kindheit?

– So wie man sich eine gute Kindheit auf dem Land eben so vorstellt.

– Sie waren Nachbarn. Beste Freundinnen, nicht wahr? Man sagte mir, Sie hätten jede freie Minute miteinander verbracht.

– Ja, das haben wir.

– Der Hof der Daleks stand dort drüben, ist das richtig?

– Ja, dort, wo jetzt das Einfamilienhaus ist. Rita und ich sind zusammen zur Schule gegangen, wir haben Kartoffeln geerntet und die Äpfel von den Bäumen geholt. Wir haben unseren Eltern geholfen. Barfuß zusammen auf dem Feld, bei den Kühen im Stall, unbeschwert war alles. Wir haben uns nie Gedanken darüber gemacht, was einmal passieren könnte. Es war eine heile Welt, in der wir lebten. Wir haben fest daran geglaubt, dass es für immer so bleibt. Dass dieses Glück nie aufhören wird. Wir haben nicht daran gedacht, dass jemand sterben könnte.

– Sie sprechen von Rita Daleks Eltern, oder?

– Ja.

– Wie war das Verhältnis zu ihnen? Haben sie sich gut verstanden?

– Sehr sogar. Ich habe Rita darum beneidet, dass ihre Eltern so anders waren als meine. Dass sie sie ernst genommen haben. Die Daleks waren überzeugt davon, dass aus ihrer Tochter mehr werden kann als nur eine Bäuerin. Sie haben daran geglaubt, dass Rita sich ihre Träume erfüllen kann.

– Welche Träume?

– Rita wollte Schauspielerin werden.

– Schauspielerin?

– Mit fünfzehn hat sie sich das in den Kopf gesetzt, und eine ganze Zeit lang hat sie sich nicht davon abbringen lassen. Obwohl es ein unmöglicher Berufswunsch war, hat sie daran festgehalten. Anfang der Achtzigerjahre auf dem Land. Sie können sich ja vorstellen, dass das nicht einfach war. Als junge Frau hatte man damals keine große Wahl.

– Sie beide haben bei Ihren Eltern auf dem Hof mitgearbeitet?

– Ja. Aber Rita ist ausgebrochen, sie wollte sich nicht damit zufriedengeben. Weil ihre Eltern sie dazu ermuntert haben. Dir stehenalle Türen offen, hat der alte Dalek zu ihr gesagt. Sie solle einen Beruf ergreifen, der ihr Freude macht, hat er gesagt. Keine Sekunde lang hat er an sich und den Hof gedacht. Daran, dass niemand mehr da sein würde, um ihn weiterzuführen, wenn Rita weg ist. Sie hatte wirklich großes Glück. Zumindest, was das betrifft.

– Sie wissen, dass Rita Dalek in den letzten achtzehn Jahren als einfache Verkäuferin in einem Supermarkt gearbeitet hat?

– Ja, davon habe ich gehört. Trotzdem hätte sie die Möglichkeit gehabt, ein anderes Leben zu führen, im Gegensatz zu mir. Alles hat danach ausgesehen, dass sie es schaffen würde. Ihr Vater hat sie sogar persönlich an der Schauspielschule angemeldet, er hat alles bezahlt. Obwohl das Geld bei den Daleks genauso knapp war wie bei uns.

– Haben sich Rita Daleks Erwartungen erfüllt? Hat sie sich wohlgefühlt an der Schauspielschule?

– Sie hat mir stundenlang davon vorgeschwärmt, wenn sie am Wochenende nach Hause kam. In einer völlig anderen Welt hat sie plötzlich gelebt. Von Romeo und Julia hat sie mir erzählt. Sie war so aufgeregt, so voller Freude. Während sie den Stall ausgemistet hat, hat sie den Kühen ihre Texte vorgetragen. Tag und Nacht ging es nur um das Theater. Ich denke, sie wäre wirklich glücklich geworden in diesem Beruf.

– Warum hat es nicht geklappt?

– Weil sie die Ausbildung abgebrochen hat, noch bevor das erste Jahr um war. Der Tod ihrer Eltern hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Sie hat damals aufgehört, an Wunder zu glauben.

– Erzählen Sie mir, was passiert ist.

– Ein Erdrutsch hat den Hof der Daleks weggewischt. Ich war damals zufällig hier in der Stube und habe aus dem Fenster gesehen. Im einen Moment war der Hof noch da, im anderen war er plötzlich weg. Das Wirtschaftsgebäude, die Kühe auf der Wiese, das Wohnhaus. Und Ritas Eltern. Alles wurde von den Erdmassen und dem Geröll begraben.

– Sie haben das tatsächlich mitansehen müssen?

– Ja. Ich habe lange davon geträumt. Schrecklich war das alles. Man hat ewig gebraucht, um sie zu bergen. Das ganze Dorf hat mitgeholfen.

– Ihr Hof war nicht betroffen?

– Nein. Alle anderen Häuser sind stehen geblieben. Wir wurden verschont, nur Ritas Eltern nicht.

– Das ist tragisch.

– Und ungerecht.

– Wie hat Frau Dalek es aufgenommen?

– Es muss furchtbar für sie gewesen sein. Sie saß gerade in ihrer Küche in der Wohnung und hat Kuchen gegessen, als ich sie angerufen habe. Sie hat mich zuerst gar nicht zu Wort kommen lassen. Dass sie gerade gebacken hat, hat sie gesagt. Und dass ich endlich in die Stadt kommen müsse, weil sie mir so vieles zeigen möchte. Sie hat sich so über meinen Anruf gefreut. Ich konnte es ihr zuerst nicht sagen. Es ging einfach nicht. Ich wollte ihr nicht wehtun, verstehen Sie. Du musst nach Hause kommen, habe ich irgendwann gemeint. So schnell du kannst, Rita. Es ist etwas passiert.

– Sie erinnern sich noch so genau daran?

– Das werde ich nie vergessen. Wie sich Ritas Träume mit einem Schlag in Luft aufgelöst haben. Es waren nur ein paar Worte, die alles kaputt gemacht haben.

– Welche Worte waren das?

– Sie sind tot.

– Sie ist nach dem Telefonat sofort nach Hause gekommen?

– Ja. Sie stand da und starrte vor sich hin. Dort, wo sie früher zu Hause war, da war überall nur noch Schutt und Asche. Sie hörte mich nicht mehr, ließ sich nicht davon abhalten, selbst beim Suchen mitzuhelfen. Drei Tage lang. Dann erst hat man ihre Eltern gefunden. Zumindest das, was noch von ihnen übrig war.

– Sie hat dann bei Ihnen gewohnt in diesen Tagen?

– Meine Eltern haben ihr gesagt, dass sie bleiben kann, solange sie will. Wir haben versucht, uns um sie zu kümmern. Aber irgendwie funktionierte es nicht. Rita hat schon damals aufgehört, da zu sein.

– Wie meinen Sie das?

– Etwas in ihr war gestorben. Sie hat nicht mehr an die Zukunft geglaubt. Diejenigen, die ihr immer Mut gemacht hatten, waren nicht mehr am Leben. Sie hat das mit der Schauspielschule bleiben lassen und wurde Krankenschwester.

– Der Kontakt zwischen Ihnen ist damals abgebrochen?

– Ja. Nach der Beerdigung ist sie verschwunden und nie wieder zurückgekommen.

– Das tut mir leid.

– Mir auch.

Bis zu diesem Moment hat Rita nicht geatmet.

Es fühlt sich plötzlich so an, als wäre in den letzten zwanzig Jahren alles stillgestanden, als wäre sie wie ferngesteuert durch die Welt gerannt. Als hätte ihr Leben nichts mit ihr zu tun gehabt. Einen Schicksalsschlag nach dem anderen hat sie ertragen. Sie hat es hingenommen, dass das Glück in ihrem Leben immer ein Ablaufdatum hatte.

Alles Schöne endete irgendwann.

Rita hat irgendwann damit aufgehört, sich danach zu sehnen.

Sie funktionierte einfach. Wie eine Puppe aus Plastik gab sie Geräusche von sich, bewegte sich, tat, was man von ihr erwartete. Arbeit, Ehe, Haushalt, sie hat kaum Luft bekommen.

Jetzt aber atmet sie.

Tief ein und aus.

Ritas Herz rast.

Weil sie sofort begreift, was da in diesem Karton ist.

Versteckt unter den Bananen aus Kolumbien, in Plastik eingeschweißte Päckchen. Der erste Blick auf ihren Fund ist wie ein Blitz, der Rita trifft. Etwas in ihr brennt plötzlich. Gedanken schießen ihr durch ihren Kopf.

Sofort erinnert sie sich an diesen Zeitungsartikel, den sie vor ein paar Monaten gelesen hat. Über den sie mit ihren Kolleginnen gesprochen hat während einer Rauchpause.

Warum passiert so etwas Spannendes nicht in unserem Supermarkt?

So viel Glück haben wir nicht.

Ich will auch mal in die Zeitung.

Verkäuferinnen finden Koks.

Das ist so, als würde man im Lotto gewinnen.

Was man damit alles anstellen könnte.

Was würdest du tun, wenn dir das passieren würde, Rita?

Rita hat geschwiegen damals. So wie sie auch jetzt wieder schweigt. Weil sie die Antwort noch nicht kennt. Weil sie noch damit beschäftigt ist zu begreifen, was sie gefunden hat. Dass das alles wirklich passiert.

Kokain aus Südamerika.

Geschmuggelt in Bananenkartons.

Eine Lieferung, die nicht dort angekommen ist, wo sie hätte ankommen sollen. Drogen, die nicht rechtzeitig abgefangen wurden.

Etwas Außergewöhnliches passiert. Rita weiß es. Sie ist ganz allein im Lager. Nur sie sieht es. Etwas, das da nicht sein sollte.

Sie dreht sich um. Schaut in alle Richtungen. Jeden Moment könnte jemand kommen. Sie dabei beobachten, wie sie die Bananen zur Seite schiebt und eines der Päckchen in die Hand nimmt.

Rita starrt es an.

Sie hat Angst.

Legt es wieder zurück.

Weil ihr Herz immer lauter schlägt.

Rita überlegt. Sie muss es dem Geschäftsführer sagen. Kamal. Sie muss ihn holen, die Polizei rufen, sie muss Alarm schlagen.

Doch Rita rührt sich nicht. Sie weiß, dass sie eine Entscheidung treffen muss. Dass sie das Richtige tun muss. Aber sie weiß plötzlich nicht mehr, was richtig ist und was falsch. Sie weiß nicht, was mit ihr passiert, warum sie zögert.

Kurz noch steht alles still.

Dann schließt Rita den Karton und stellt ihn in eine Ecke. Sie darf sich nicht in Schwierigkeiten bringen. Pflichtbewusst wird sie alle Fragen beantworten, wenn die Polizisten kommen. Sie wird die brave und zuverlässige Mitarbeiterin sein, die sie schon seit achtzehn Jahren ist.

Ich habe nur gemacht, was ich immer gemacht habe.

Viele Tausende Male vorher.

Ich habe mir nichts dabei gedacht.

Ich habe den Karton geöffnet und es zufällig gesehen.

Natürlich habe ich es sofort gemeldet.

Was hätte ich auch sonst tun sollen?

Rita hört sich reden.

Sie kann jetzt wieder tun, was man sich von ihr erwartet. Doch aus irgendeinem Grund tut sie es nicht. Diesmal nicht. Sie wird es nicht melden. Zumindest nicht sofort, später erst. Sie braucht mehr Zeit. Sie muss zuerst die anderen Kartons durchsuchen, überprüfen, ob da noch mehr ist, noch mehr Päckchen unter den Bananen. Einen Karton nach dem anderen öffnet sie, durchwühlt alles. Und sie redet in Gedanken weiter auf sich ein.

Bist du wahnsinnig, Rita, lass die Finger davon.

Die Leute, die das hier reingepackt haben, sind gefährlich.

Das ist kein Spiel, Rita.

Du musst jetzt endlich die Polizei rufen.

Bring dich nicht in Schwierigkeiten.

Beeil dich, Rita.

Es kann doch nicht sein, dass es nur ein Karton ist.

Nur einer.

Doch sie ist sich sicher. Da sind keine weiteren Päckchen. In den anderen Kartons sind nur Bananen, die nach der langen Reise endlich wieder Luft bekommen. Nur in einem Karton sind Drogen. Nur in dem Karton, den sie in die Ecke gestellt hat.

Und nur sie weiß davon.

Es ist ihr Geheimnis.

Ganz leise flüstert sie es vor sich hin.

Du wirst jetzt einfach deinen Mund halten, Rita.

Du wirst so tun, als wäre nichts passiert.

Du wirst jetzt die anderen Kartons raus in den Laden bringen.

Und dann wirst du weiter deine Arbeit tun.

Dieser Karton wird in der Ecke stehen bleiben.

Bis du weißt, was du machen wirst.

Reiß dich zusammen, Rita.

Kurz hält sie die Luft an.

Dann rollt sie die Bananenkartons aus dem Lager in die Obstabteilung.

So als wäre nichts passiert.

Ihr Herz pocht.

Manuela Reiner (57), Krankenschwester

– Und wie sind Sie auf mich gekommen?

– Ich habe auf der Station nachgefragt, auf der Rita Dalek gearbeitet hat. Ich wollte wissen, ob da noch jemand ist, der sie gekannt hat. Jemand, der mir mehr über sie erzählen kann. Eine Kollegin von damals, die immer noch im Dienst ist.

– Und man hat Sie zu mir geschickt?

– Man sagte mir, dass Sie die Ausbildung zusammen gemacht haben, ist das richtig? Dass Sie viel Zeit miteinander verbracht hätten.

– Ja. Obwohl ich vier Jahre älter war als Rita. Trotzdem haben wir uns gut verstanden.

– Sie haben aber nicht mit ihr gearbeitet?

– Nein, Rita wollte auf die Trauma-Intensiv, ich an die Kinderklinik. Aber wir haben uns mittags in der Kantine getroffen, oft nach der Arbeit etwas zusammen unternommen. Ich mochte sie.

– Sie waren sich vertraut?

– Ja.

– Dann wussten sie auch, dass ihre Eltern verunglückt sind?

– Natürlich wusste ich das. Das war kurz, bevor wir uns kennengelernt haben. Es ging ihr nicht besonders gut in der Zeit. Über ein halbes Jahr lang hat Rita getrauert, sie hat niemanden von uns an sich herangelassen. Erst als sie Manfred kennenlernte, ging es ihr langsam wieder besser.

– Woher kannte sie ihn?

– Aus der Kneipe um die Ecke. Wir haben öfter mal das eine oder andere Glas Wein dort getrunken. Manfred hat sie angesprochen irgendwann, sie kamen sofort ins Gespräch. Ohne Umwege haben sich die beiden ineinander verliebt. Man konnte ihnen förmlich dabei zusehen. Es war wie in Zeitlupe. Schön war das.

– Haben Sie heute noch Kontakt zu ihm?

– Nein. Ich habe dann auch Rita nicht mehr gesehen. Nachdem das mit Theo passiert ist, ist sie wieder aus meinem Leben verschwunden. Sie wollte keinen Kontakt mehr. Oder besser, sie konnte es nicht. Mich sehen. Das mit Theo hat sie endgültig fertiggemacht. Noch mehr als das mit ihren Eltern.

– Theo. Rita Daleks Sohn, richtig?

– Ja.

– Wären Sie so freundlich, mir noch ein wenig mehr über Manfred Dalek zu erzählen, bevor wir über Theo reden?

– Was wollen Sie wissen?

– Das, was nicht im Protokoll steht. Gab es Geheimnisse? Dinge, die er mir verschweigen würde? Wie war er so?

– Am Anfang war er ein Engel, aber dann wurde aus dem Engel ein Arschloch. Anders kann ich es leider nicht sagen.

– Können Sie das ein bisschen genauer ausführen?

– Als er und Rita sich kennenlernten, hat er ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen, er hat sie glücklich gemacht, es geschafft, dass sie nicht mehr den ganzen Tag an ihre Eltern gedacht hat. Er hat ihr ein Lachen ins Gesicht gezaubert. Sie waren das perfekte Paar, haben schnell geheiratet. Er war selbstständiger Bodenleger, sie machte die Ausbildung zur Krankenschwester. Rita sah wieder eine Zukunft. Gemeinsame Wohnung, gemeinsame Freizeit und dann das Kind, das sie sich gewünscht hatten.

– Was war mit dem Leben, das sie vorher hatte?

– Wie meinen Sie das?

– Hat sie Ihnen von ihrer Kindheit erzählt, vom Leben auf dem Land, von ihren Eltern?

– Nein. Sie hatte alle Brücken zu ihrer Vergangenheit abgebrochen.

– Warum?

– Das weiß ich nicht. Sie hat nur ihren Namen behalten, alles andere hat sie abgestreift. Es war auch niemand von früher auf ihrer Hochzeit. Keine alten Bekannten, keine Jugendfreunde. Rita und Manfred haben ganz von vorne begonnen.

– Sie wollte seinen Namen nicht annehmen?

– Sie wollte ihren eigenen nicht aufgeben. Ich nehme an, wegen ihren Eltern. Aber das war kein Problem für Manfred. Er hat einfach ihren angenommen. Für die damalige Zeit war das etwas Besonderes.

– Wussten Sie, dass Rita Dalek ursprünglich Schauspielerin hatte werden wollen?

– Nein, das wusste ich nicht.

– Hat sie das wirklich nie erwähnt? Dass sie davon geträumt hatte, auf der Bühne zu stehen und in irgendwelche Rollen zu schlüpfen? Dass sie es anscheinend geliebt hatte, eine andere zu sein?

– Das höre ich zum ersten Mal. Mir gegenüber hat sie immer davon gesprochen, dass es ihr darum gehe, ein sicheres Einkommen zu haben. Ein ganz normales Leben wollte sie führen, keine Experimente, keine waghalsigen Aktionen. Rita war keine Draufgängerin. Deshalb hat sie ja auch so früh geheiratet. Sie war gerade mal zwanzig damals.

– Man sagt, dass sie Talent hatte. Der Leiter der Schauspielschule, auf der sie war, hat von ihr geschwärmt. Er hat sich noch gut an Rita Dalek erinnert, er meinte, dass er selten jemanden kennengelernt hätte, der von Anfang an so für diesen Beruf gebrannt hat. Als ich ihm erzählt habe, dass sich Rita nach ihrem Abgang von der Schauspielschule dazu entschlossen hatte, Krankenschwester zu werden, hat er das sehr bedauert. Er meinte, sie hätte es bis ganz nach oben schaffen können.

– So wie es aussieht, hat sie das aber leider nicht.

– Ein wirklich tragisches Schicksal. Auch dass sie das mit Theo durchmachen musste.

– Ja.

– Würden Sie so freundlich sein und mir nun von ihm erzählen?

– Er war ein sehr netter Junge, er hat das Glück der Daleks perfekt gemacht.

– Wie hat das funktioniert, die Ausbildung und das Baby?

– Ihre Schwiegermutter hat sich um das Kind gekümmert, solange Rita auf der Schule war. Manfreds Mutter und seine Schwester. Sie haben Theo vergöttert. War für Rita nicht immer einfach mit den beiden, aber es hat funktioniert. Dann hat sie ihr Diplom gemacht und sich als Mutter wirklich Mühe gegeben. Dreizehn Jahre lang war alles in bester Ordnung. Theo, Manfred und Rita. Die große Liebe war das. So habe ich mir immer die perfekte Familie vorgestellt. Wäre Theo nicht gestorben, gäbe es dieses Bilderbuchglück wahrscheinlich immer noch. Rita wäre nicht depressiv geworden, und Manfred hätte nicht mit dem Saufen angefangen.

– Was genau ist mit Theo passiert?

– Ein Unfall. Er ist mit dem Skateboard die Straße hinunter, hat kurz nicht aufgepasst, ein Auto hat ihn überfahren. Knochenbrüche, innere Verletzungen, Schädel-Hirn-Trauma. Wochenlang saß Rita an seinem Bett und hat gebetet. Sie und Manfred hielten Theos Hand, sie wollten an ein Wunder glauben. Doch genützt hat es nichts.

– Theo lag auf der Station, auf der sie auch gearbeitet hat? Die Trauma-Intensiv im siebten Stock, ist das richtig?

– Ja. Das Schicksal hat sich ordentlich ausgetobt. Zuerst das mit ihren Eltern, dann Theo. Ich denke, das ist mehr, als man ertragen kann.

– Wie lange hat er noch gelebt?

– Vier Tage. Dann hat man den Hirntod festgestellt und die Geräte abgeschaltet. Sie haben Theo in einen Sarg gelegt, und Rita ist zusammengebrochen auf dem Friedhof vor all den Leuten. Sie hat geschrien, um sich geschlagen, der Krankenwagen musste kommen, man stopfte sie mit Beruhigungsmitteln voll.

– Das klingt alles sehr grausam. So etwas sollte niemand auf der Welt durchmachen müssen.

– Und trotzdem ist es ihr passiert.

– Es heißt, dass sie sich lange nicht davon erholt hat.

– Rita ist nicht mehr aus dem Bett herausgekommen. Sie hat die Wand angestarrt, sie hat geweint, vor sich hin geflüstert wie eine Irre. Und Manfred hat mit dem Schnaps angefangen. Er wollte es nicht akzeptieren, dass sein Junge in einem Loch am Friedhof verschwunden ist. Und er ertrug es nicht, dass Rita nicht mehr mit ihm sprach. Da war nichts Gutes mehr. Keine Hoffnung. Jedes Mal, wenn ich sie besucht habe, waren die beiden noch ein Stück tiefer gesunken. Ich dachte, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, aber da hatte ich mich getäuscht.

– Sie sprechen von Manfred Daleks Sucht?

– Ja. Sie haben ihn doch sicher schon gesprochen. Ich wette, dass er sich in den letzten Jahren nicht groß verändert hat. Er säuft bestimmt immer noch, oder?

– Ja.

– Bis zum Umfallen hat der Kerl den Schnaps in sich hineingeschüttet. Und als ob das nicht genug wäre, hat er auch noch mit dem Spielen angefangen. Jeden Euro, den er verdient hat, hat er in irgendwelche Automaten geworfen, während Rita sich alles vom Mund absparen musste. Kein Entzug und keine Motivation, etwas an der Situation zu ändern. Er hat sich gehen lassen, hat nichts getan, um es aufzuhalten, er hat es nicht einmal versucht. Ich konnte da irgendwann nicht mehr zusehen, dass Rita sich nicht gewehrt hat, dass sie ihn nicht gezwungen hat, mit dem Saufen aufzuhören.

– Wie lange hatten Sie schon keinen Kontakt mehr zu ihr?

– Keine Ahnung, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre.

– Sie haben sie nie wieder getroffen?

– Nein.

– Auch nicht zufällig irgendwo in der Stadt?

– Warum fragen Sie mich das?

– Haben Sie nie dort eingekauft, wo sie gearbeitet hat?

– Doch, natürlich, am Anfang. Weil ich mich gefreut habe, dass sie sich wieder erholt hat. Dass sie diesen Job im Supermarkt angenommen hat, war ein Hoffnungsschimmer. Wobei ich es nie wirklich verstanden habe.

– Was meinen Sie?

– Rita war Krankenschwester und keine Verkäuferin. Sie war eine von den besten, verstehen Sie? Sie hat diesen Beruf ernst genommen.

– Warum hat sie dann achtzehn Jahre lang im Supermarkt gearbeitet?

– Sie wollte wahrscheinlich keine Verantwortung mehr tragen. Und sie wollte niemandem mehr zusehen, wie er stirbt. Kein Leid mehr, hat sie gesagt. Sie dachte wirklich, dass es besser wird, aber in Wahrheit wurde alles noch schlimmer. Sie hat sich nur noch um dieses Arschloch gekümmert. Ich weiß nicht, wie oft ich ihr gesagt habe, dass sie ihn verlassen soll. Aber sie wollte es nicht hören. Hat es nicht fertiggebracht. Wir haben uns doch geliebt, hat sie immer gesagt. Rührend hat sie für ihn gesorgt, obwohl er sie behandelt hat wie Dreck. Ich denke, Rita hat sich aufgegeben damals. Sich und alles andere auch. Ich konnte ihr nicht mehr helfen. Sie nicht vor ihm beschützen.

– Hätte man sie beschützen müssen?

– Ja. Manfred war ein Geschwür, er hat Rita ausgesaugt, ihr alles genommen. Wenn Sie mich fragen, hat er sie auf dem Gewissen.

– Trauen Sie ihm einen Mord zu?

– Der Mann ist unberechenbar.

– Denken Sie, dass er zu so etwas fähig wäre?

– Keine Ahnung. Aber es würde mich nicht wundern.

Früher hätte sie Manfred angerufen.

Bevor Theo aus ihrem Leben verschwunden ist. Sie hätte ihren Mann gefragt, was sie machen soll. Rita denkt daran, dass er Antworten für sie gehabt hätte, dass sie gemeinsam einen Weg gefunden hätten, das Richtige zu tun. Der Manfred von damals hätte es verhindert, dass Rita sich in Gefahr bringt. Liebevoll hätte er ins Telefon geflüstert.

Sag es Kamal, hätte er gesagt.

Warum überlegst du überhaupt? Bist du verrückt geworden?

Das sind Drogen, Rita. Damit haben wir nichts zu tun.

Hör auf, darüber nachzudenken, und ruf endlich die Polizei.

Er hätte ihr geraten, das Richtige zu tun.

Jetzt aber sagt er nichts mehr. Rita kann ihn nicht mehr hören.

Während sie die Waren über die Scannerkasse schiebt, verlegt Manfred vierhundert Kilometer weiter nördlich einen Nussholzfußboden und wartet wie jeden Tag darauf, bis es dunkel wird und er sich in irgendeiner Kneipe betrinken kann. Manfred macht, was er immer macht. Während Rita nur noch an diesen Bananenkarton im Lager denkt. Ununterbrochen. Weil sie plötzlich Licht sieht.

Rita wird ihr Geheimnis behüten.

Sie wird schweigen. Sie wird es vor ihrem Mann geheim halten. Weil er alles verderben würde, noch bevor es begonnen hat. Er würde sich gierig auf das Gefundene stürzen, es zu Geld machen und es aus dem Fenster werfen. Manfred würde nichts davon übrig lassen, er würde Ritas Träume einfach ausradieren. Diese Träume von einem anderen Leben. Von einem Leben ohne ihn. Rita stellt es sich vor.

Wie es wäre. Einfach zu gehen.

Weg von Manfred.

Weg von seiner Mutter und seiner Schwester.

Auch sie werden nichts von alldem erfahren. Weil sie nur zugesehen haben all die Jahre. Wie Manfred von der Straße abgekommen, wie er die Böschung hinuntergerast und in einen Abgrund gestürzt ist.

Wie gut, dass du dich um ihn kümmerst, haben sie gesagt.

Sie haben Rita die Verantwortung übertragen und sich zurückgezogen.

Wenn ihn jemand retten kann, dann du, Rita.

Sie haben so getan, als wäre alles in bester Ordnung. Sie haben ignoriert, dass er spielt. Sie wollten es nicht sehen, dass Rita diejenige ist, die alle Rechnungen bezahlt. Dass Manfred lügt, wenn er den Mund aufmacht, dass er süchtig ist. Süchtig nach allem, was dieses gemeinsame Leben kaputt macht.

Rita weiß es.

Nichts wird sich jemals ändern.

Manfred wird weitertrinken. Weiterspielen. Münzen in Automaten werfen. Rita wird weiter die Regale im Supermarkt befüllen, sie wird an der Kasse sitzen, und sie wird nach Dienstschluss weiterhin putzen gehen. Frühmorgens, noch bevor sie im Supermarkt anfängt. Oder nach Dienstschluss. Damit sie die Miete bezahlen können, den Strom, das Essen. Nie wird sie damit aufhören, diese deprimierte Frau zu sein, die vor zwanzig Jahren ihr Kind verloren hat.

Für immer wird alles so bleiben, wenn sie jetzt Alarm schlägt.

Wenn sie jetzt sagt, was sie gefunden hat.

Das ist meine letzte Chance, denkt sie.

Rita schaut sich um. Sie fragt sich, ob jemand anders den Karton entdecken könnte, ihn vielleicht gerade in diesem Moment hochnimmt und öffnet, während sie weiter an der Kasse sitzt. Jeden Augenblick rechnet sie damit, dass ein Schrei durch den Supermarkt hallt, dass alle aufgeregt zusammenlaufen, dass man den Laden schließen wird.

Aber nichts passiert.

Der Karton ruht an seinem Platz. Unberührt.

In der Mittagspause wirft Rita unauffällige Blicke darauf. Kurz vor fünfzehn Uhr ist es immer noch ihr Geheimnis.

Und so soll es auch bleiben, das wünscht sie sich den ganzen Nachmittag lang. Rita träumt davon. Und sie denkt an Theo. Daran, dass er jetzt dreißig Jahre alt wäre, dass er ihr bestimmt helfen könnte. Dass er ihr die Angst nehmen würde.

Freu dich doch, Mama, würde er sagen.

Aber es gibt keinen Grund zur Freude, würde Rita sagen.

Doch, sagt Theo in ihrem Kopf. Doch, den gibt es.

Seine Stimme hat sich verändert. Der Junge von damals ist erwachsen geworden, er klingt selbstsicher jetzt. In Ritas Vorstellung ermutigt er sie, er will sie überreden, etwas Unvernünftiges zu tun. Etwas Verbotenes.

Was er sagt, ist verrückt.

Du hast doch nichts zu verlieren, oder?

Hör endlich auf, dich so gehen zu lassen.

Mach endlich etwas aus deinem Leben.

Raff dich auf, verdammt noch mal.

Du hast es in der Hand.

Theo schreit sie an.

Und plötzlich schämt sie sich.

Dafür, dass sie hier ist.

Dass sie die Schauspielschule abgebrochen hat.

Dass sie Manfred nie verlassen hat.

Ihre Träume begraben hat.

Und in diesem Moment fällt es ihr wieder ein. Etwas vom Schönsten, das sie je erlebt hat. Rita muss lächeln. Weil sie wieder alles genau vor Augen hat, weil sie sich erinnert. An der Schauspielschule hatten sie dieses wunderbare Stück geprobt, Rita in der Hauptrolle. Zum Abschluss des ersten Semesters schlüpfte sie in die Rolle der Johanna von Orleans. Sie war Heerführerin, Ketzerin, ein Engel, von Gott geleitet. Rita zog in die Schlacht, besiegte Engländer und Burgunder. Für ein paar Wochen war Rita Jeanne d’Arc, diese leidenschaftliche Wahnsinnige, die Stimmen hörte. Johanna, die Kämpferin, geplagt und getrieben von ihren Visionen, eine Märtyrerin, die am Ende auf dem Scheiterhaufen brannte.

Rita hatte es geliebt.

Groß und weit war damals alles gewesen. Sie hatte sich ausgemalt, was sie noch alles spielen würde, ein Stück nach dem anderen hatte sie gelesen, Hunderte Seiten von Text auswendig gelernt. Für kurze Zeit hatte sie daran geglaubt, dass alles möglich wäre.

Doch sie hatte sich geirrt.

Seit langer Zeit schon stellte sie nichts mehr in Frage. Sie hatte keine Ambitionen, mehr zu sein als eine einfache Verkäuferin. Die Filialleitung, die man ihr anbot, hatte sie ausgeschlagen.

Nur mehr die nötigsten Gedanken wollte sie denken. Über Wasser bleiben, nur nicht untergehen. Überleben. Auch wenn sie ganz oft nicht weiß, warum. Und ob sie das alles überhaupt noch einen einzigen Tag länger ertragen kann. Die Arbeit im Supermarkt. Den Putzjob im Haus eines reichen Mannes.

Seit so vielen Jahren immer das Gleiche.

Alles steht am selben Platz. Obst und Gemüse beim Eingang, dann Wurst und Fleisch, die Milchprodukte, Säfte, Tiefkühlwaren, Dauerwaren, dazwischen Katzen- und Hundefutter, Putzmittel, Alkohol, Süßigkeiten, Kaugummi. Und die Zeitschriften neben Kasse drei, an der sie jetzt sitzt und die Minuten zählt, bis endlich Feierabend ist. Hundertzwanzig sind es. Zwei lange Stunden noch.

Rita scannt weiter.

Dann geht sie rauchen.

Und kommt vom Rauchen wieder zurück. Kamal winkt sie zu sich. Er will mit ihr sprechen. Der gebürtige Inder, der an ihrer Stelle Geschäftsführer geworden ist. Hat er etwas gemerkt? Ist es jetzt vorbei? Doch nein, er fragt sie nur, ob sie heute den Schlussdienst übernehmen kann.

Das mach ich gerne für dich, sagt sie. Weil sie froh ist, dass die anderen gehen und sie alleine zurückbleiben kann. Weil der Moment immer näherkommt, vor dem sie sich den ganzen Tag gefürchtet hat. Aber an den sie sich auch klammert wie an einen Strohhalm.

Da ist plötzlich etwas, an das sie glauben will.

Ein Neuanfang in einem Bananenkarton.

Und niemand ahnt etwas.

Keiner denkt, was Rita denkt.

Niemand malt sich aus, was sie sich ausmalt.

Bis morgen, sagt sie schließlich zu Kamal und ihren Kolleginnen. Sie macht den Abschluss, legt das Geld aus den Kassen in den Tresor, schaltet das Licht aus und geht ins Lager.

In den letzten Stunden hat sie sich eingeredet, dass sie nicht weiß, was sie tun wird, doch in Wirklichkeit hat sie sich längst entschieden.

Rita aktiviert die Alarmanlage. Nimmt den Karton. Sperrt ab.

Sie ist ganz allein auf dem Parkplatz. Niemand sieht, wie sie mit dem Karton zu ihrem Auto geht. Wie sie ihn in den Kofferraum stellt, einsteigt und losfährt. Vom Parkplatz auf die Umgehungsstraße.

Rita schwitzt. Jeden Moment rechnet sie damit, dass jemand sie aufhält. Sie betet dafür, dass sie keinen Unfall haben, dass keine Verkehrskontrolle sie stoppen wird. Sie hält sich an alle Regeln, geht kein Risiko ein. Sie will niemandem begegnen, kein Wort sagen müssen. Weil man es ihr sofort anmerken würde, dass etwas nicht stimmt. Man würde hören, wie ihr Herz schlägt, sie würde es nicht verbergen können, dass sie etwas verheimlicht. Man würde Drogen in ihrem Wagen finden. Man würde sie einsperren.

Doch nichts passiert.

Nur noch fünfzehn Minuten sind es, bis sie zu Hause ist. Bis sie den Wagen vor dem schäbigen Hochhaus parken wird, in dem sie wohnt.

Ruhig bleiben, denkt sie.

Du bist bald in Sicherheit, Rita.

Du schaffst das.

Alles wird gut.

An einer roten Ampel bleibt sie stehen. Dann wird es grün, sie schaut nach links, nach rechts, gibt wieder Gas. Noch sechs Minuten, bis sie in Sicherheit ist. Sie versucht sich zu beruhigen. Noch nie ist sie angehalten worden. Warum also heute? Keiner weiß, was sie im Kofferraum hat. Rita ist völlig harmlos, eine unbescholtene Bürgerin von der Arbeit auf dem Weg nach Hause. Nur zwei Strafzettel für falsches Parken hat sie bekommen in dreißig Jahren. Niemand rechnet damit, dass sie etwas so Verrücktes tut. Dass sie alles aufs Spiel setzt, was sie noch hat.

Rita fährt weiter.

Zwei Minuten noch.

Ihr ist übel.

Sie kommt an.

Parkt den Wagen.

Steigt aus.

Holt den Karton aus dem Kofferraum, öffnet die Haustür, schaut zu Boden, weil ihr jemand entgegenkommt. Günther, der Hausmeister. Sie wird sich heute nicht mit ihm unterhalten. Kurz angebunden wird sie sein, sich nicht auf ein Gespräch mit ihm einlassen. Günther wird sie nicht aufhalten. Sie wird nicht kurz vor dem Ziel scheitern.

Was für ein Tag, sagt sie und lächelt ihn an. Ich bin hundemüde. Muss ins Bett.

Günther nickt mitfühlend. Er ist freundlich und zuvorkommend wie immer. Weil er Rita mag. Er will ihr helfen, ihr den Karton mit den Lebensmitteln abnehmen. Ihn für sie nach oben tragen.

Lass mich das machen, sagt er.

Doch Rita wehrt ab. Sie bemüht sich, freundlich zu bleiben, sie verbirgt ihre Panik, sie will, dass er geht, sie in Ruhe lässt.

Nicht nötig, Günther.

Bin ja keine alte Frau.

Aber lieb von dir. Wünsch dir noch einen schönen Abend.

Dann steigt sie in den Lift.

Drückt auf den Knopf.

Fährt nach oben.

Elfter Stock.

Der Schweiß steht ihr auf der Stirn.

Sie steigt aus.

Und endlich fällt die Wohnungstür ins Schloss. Rita ist in Sicherheit.

Den Bananenkarton stellt sie auf den Küchentisch. Leise geht sie durch die Wohnung, vergewissert sich, dass Manfred nicht da ist. Er ist auf Montage, das weiß sie, und kommt erst in ein paar Tagen zurück, aber sie will auf Nummer sicher gehen.

Manfred, ruft sie.

Doch Manfred kann sie nicht hören und auch nicht fragen, was sie mit all den Bananen will. Er ist weit weg. Kennt ihr Geheimnis nicht.

Rita entspannt sich. Sie hat es geschafft. Ist in Sicherheit.

Sie macht sich einen Kaffee.

Dann nimmt sie die Bananen aus dem Karton und legt sie auf den Tisch. Dann die Päckchen. Zwölf Stück sind es.

Rita holt eine Flasche von Manfreds Schnaps aus dem Schrank und leert ein bisschen davon in die Kaffeetasse. Weil sie nicht glauben kann, was sie getan hat. Weil sie es plötzlich vor sich sieht, wie ein Sondereinsatzkommando die Tür aufbricht, weil sie Drogenhunde bellen hört. Rita fürchtet sich. Vor der Polizei. Und vor den Männern, denen die Drogen gehören. In Gedanken schreit sie vor Angst.

Doch in ihrer Wohnung ist es still.

Nur das leise Ticken der Küchenuhr ist zu hören.

Rita trinkt. Obwohl sie sonst nie trinkt.

Schnaps aus der Tasse.

Sie versucht nachzudenken, sich abzulenken, sie holt die Küchenwaage aus der Vorratskammer. Ein Geschenk, das ihr Manfred vor mehr als fünfundzwanzig Jahren zum Geburtstag gemacht hat. Ein Päckchen nach dem anderen nimmt sie hoch und legt es auf die Waage.

Weißes Pulver. Eingeschweißt in Plastikfolie.

Sie will wissen, wie viel es ist.

Wiegt es ab. Addiert.

Ganz leise spricht sie es aus.

Zwölfkommafünfundsiebzig Kilogramm.

Rita nimmt ihr Handy und tippt die Fragen in die Suchmaschine, die sich plötzlich aufdrängen. Schlagwörter. Dinge, die sie unbedingt wissen will. Jetzt sofort.

Drogen in Bananenkartons.

Kokain.

Was kostet ein Gramm Kokain?

Was ist reines Kokain?

Wie wird es gestreckt?

Schwarzmarktpreis für ein Kilo im Großhandelsverkauf.

Einzelverkauf pro Gramm.

Aus welchen Ländern kommen die Drogen?

Containerschiffe, Kaffeelieferungen, Bananen aus Südamerika. Über riesige Kokainplantagen liest sie, über Kartelle, Mafia, Drogenhandel, Dealer, Vertriebswege. Es klingt so unwirklich. Das alles hat nichts mit ihr zu tun, es passiert alles in einer anderen Welt, nicht in ihrer.

Rita nimmt noch einen Schluck. Liest weiter.

Langsam begreift sie wirklich, was da auf ihrem Küchentisch liegt.

Kokain. Hergestellt aus der Kokapflanze. In Laboren werden die Blätter zu einer Paste verarbeitet, vermengt mit Kalk, Dünger, Benzin und anderen Chemikalien. Kokainhydrochlorid, verpackt und verschifft. Importiert aus Bolivien, Ecuador, Kolumbien oder Peru.

Reines, unverschnittenes Kokain. Zu neunundneunzig Prozent. Noch kein Zwischenhändler hat die Ware gestreckt. Vom Großhändler kam die Ware direkt zu ihr. Ein Missgeschick muss es gewesen sein, ein Millionenverlust für die Händler, ein Wink des Schicksals für Rita.

Noch sieht sie es so.

Zwölfkommafünfundsiebzig Kilogramm.

Eineinhalb Millionen schätzt sie, wenn man es streckt.

Aus einem Kilo reinem Kokain werden durchschnittlich zweieinhalb Kilogramm für den Verkauf. Drogenlatein. Rita hat alles in sich aufgesogen. Und sie liest weiter, über ähnliche Fälle, über pflichtbewusste Verkäuferinnen in Supermärkten, die die Funde gemeldet haben. Über Menschen, die verurteilt wurden, weil sie es nicht getan haben.

Rita trinkt.

Aus der Flasche jetzt.

Sie hat Angst, dass ihr Herz platzt. Dass es kaputtgeht. Noch mehr, als es ohnehin schon ist. Aber noch ist sie in Sicherheit. Rita redet es sich ein. Rita will daran glauben, dass das hier alles ein Ausweg aus ihrem traurigen Leben ist. Eine Fahrkarte ins Glück vielleicht, die einzige Chance, die sie in diesem Leben noch bekommen wird.

Rita malt es sich schön.

Verdrängt die Angst.

Noch glaubt sie an ein gutes Ende.

Deshalb nimmt sie die Päckchen und die Bananen und packt alles wieder in den Karton. Weil sie jetzt weiß, was sie als Nächstes tun wird. Rita wird nicht mehr zurückschauen.

Nur noch nach vorn.

Angelika Sicheritz (78), Pensionistin

– Ich weiß gar nicht, was Sie von mir wollen. Warum sprechen Sie nicht mit meinem Sohn?

– Das habe ich schon. Trotzdem denke ich, dass es sehr aufschlussreich für mich sein könnte, mit Ihnen zu reden.

– Worüber denn? Über seine jämmerliche Ehe vielleicht? Darüber kann ich Ihnen gerne etwas erzählen.

– Das wäre sehr freundlich von Ihnen.

– Erwarten Sie nicht, dass ich hier die trauernde Schwiegermutter spiele. Ich sage Ihnen gerade heraus, was ich denke.

– Deshalb bin ich hier.

– Rita hat meinem Sohn nicht gutgetan. Ich habe von Anfang an gewusst, dass er mit dieser labilen Person nicht glücklich wird.

– Aber wie ich gehört habe, war es über viele Jahre doch eine gute Beziehung. Eine ehemalige Arbeitskollegin von Rita Dalek hat von einem perfekten Paar gesprochen, sie sollen sehr gut miteinander harmoniert haben.

– Das kann schon sein. Aber am Ende zählt doch nur, ob man zusammenhält oder nicht. Ob man auch die schwierigen Zeiten miteinander übersteht. Ob man dazu charakterlich überhaupt im Stande ist. Und das war Rita nicht, glauben Sie mir. Sie hat meinen Sohn kaputt gemacht.

– Das Kind, das sie dann bekommen haben, soll sie sogar zu einer Vorzeigefamilie gemacht haben.

– Ach, hören Sie mir doch endlich auf damit. Ein Desaster war das. Alles. Sie war noch in der Ausbildung, hatte keine Zeit für ein Kind. Ich war es, die sich Tag und Nacht um Theo kümmern musste. Unverantwortlich, so schnell ein Kind zu bekommen. Rita hat meinem Jungen den Kopf verdreht und ihn am Ende ins Unglück gestürzt.

– Wenn ich richtig gerechnet habe, waren die beiden dreizehn Jahre glücklich zusammen.

– Theo war das Glück, von dem Sie vielleicht reden. Ganz allein er hat diese Ehe zusammengehalten. Und als er gestorben ist, hat sich gezeigt, was diese Frau wirklich wert ist. Gar nichts nämlich. Sie hat sich völlig gehen lassen, ist monatelang im Bett herumgelegen. Sie hat meinen Manfred im Stich gelassen, hat sich ihrem Selbstmitleid hingegeben.

– Ich würde in diesem Fall eher von einer Depression sprechen.

– Na, Sie machen mir ja Spaß. Depression, wenn ich das schon höre. Einfach zusammenreißen hätte sie sich sollen. Wir waren alle traurig, sehr traurig sogar. Wir haben Theo geliebt. Aber wir haben nicht so getan, als wäre es das Ende der Welt. Menschen sterben nun mal. Das Leben geht weiter.

– Für manche vielleicht nicht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man keinen Sinn mehr sieht, wenn einem das Liebste im Leben genommen wird.

– Sind Sie Polizist, oder arbeiten Sie bei irgendeiner dieser Frauenzeitschriften? Was Sie da sagen, klingt jämmerlich. Sie und meine Schwiegertochter hätten sich bestimmt sehr gut verstanden.

– Vielleicht hätten wir das, ja.

– Drei Jahre lang ist sie nicht mehr auf die Beine gekommen. Und als hätte sie nicht ohnehin alles schon ruiniert, hat sie dann auch noch in diesem verdammten Supermarkt angefangen. Anstatt etwas Ordentliches zu arbeiten und Geld nach Hause zu bringen, hat sie für einen Hungerlohn Regale befüllt. Wenn ich daran denke, was sie früher in der Klinik verdient hat, wird mir ganz schlecht. Mit all den Nachtdiensten ist da ganz schön was zusammengekommen. Sie aber hat auf alles geschissen. Verzeihen Sie mir die Ausdrucksweise. Aber das alles macht mich immer noch wütend.

– Ihr Sohn ist Alkoholiker, oder?

– Wie bitte?

– Er hat zu trinken begonnen damals. Und bis heute nicht damit aufgehört. Das war ganz bestimmt nicht immer leicht für Ihre Schwiegertochter. Sie hat einiges mitgemacht mit Ihrem Sohn. Das größere Problem war, dass er auch noch spielsüchtig geworden ist und alles, was er verdiente, verspielt hat.

– Wer hat Ihnen das erzählt? Das ist eine bodenlose Frechheit. Manfred war immer ein guter Ehemann, er hat sich nichts zuschulden kommen lassen.

– Als Mutter will man das wahrscheinlich nicht wahrhaben, oder? Tut bestimmt weh, zuzusehen, wie das eigene Kind den Boden unter den Füßen verliert.