CRIME DAY - Stories 2020 - Bernhard Aichner - darmowy ebook

CRIME DAY - Stories 2020 ebook

Bernhard Aichner

0,0
0,00 zł

Opis

Sie mögen Nervenkitzel? Gänsehaut im Lesesessel? Eiskalte Spannung im Kerzenschein? Dann entdecken Sie jetzt dunkle Geheimnisse und ungesühnte Verbrechen! Begegnen Sie charmanten Serienkillern zwischen True Crime und Fiction. Lesen Sie rein!



Alle Leseproben zum Crime Day 2020 von:

Bernhard Aichner, Karsten Dusse, Marc Elsberg, Andreas Gruber, Elisabeth Herrmann, Charlotte Link, Melanie Raabe, Alfred Riepertinger, Ellen Sandberg, Sabine Thiesler, Josef Wilfing

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi lub dowolnej aplikacji obsługującej format:

EPUB
MOBI

Liczba stron: 476




Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalt keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2019 Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: © Christian Held unter Verwendung eines Motivs von Gruner + Jahr

ISBN 978-3-641-26685-1V001

Besuchen Sie uns auch auf www.crimeday.de

www.randomhouse.de

Geschichten über Verbrechen und deren Hintergründe, ob fiktiv oder real, ziehen viele Menschen in ihren Bann. Das True Crime-Magazin STERN CRIME und die Verlagsgruppe Random House bieten Fans mit einem neuen Eventformat im Februar 2020 die Möglichkeit, noch tiefer in die Materie von True Crime und Kriminalromanen einzutauchen.

Der CRIME DAY findet am 1. Februar 2020 im Hamburger St. Pauli Theater und am 9. Februar 2020 in der Alten Kongresshalle München statt und versammelt namhafte Krimi-Autoren, renommierte Kriminalisten und die True Crime-Experten von STERN CRIME, die ihre Erfahrungen und Erlebnisse aus ihrer Arbeit in Talkrunden, Workshops und Vorträgen mit dem Publikum teilen.

Einen ganzen Tag lang dreht sich alles um das Verbrechen. Der CRIME DAY bietet für alle Fans der Spannung die ideale Gelegenheit, um mit Crime-Autoren, -Experten und Gleichgesinnten ins Gespräch zu kommen und einen Blick hinter die Kulissen der diversen Experten zu werfen. Abgerundet wird das Event mit einer inszenierten Lesung der Schauspieler Ulrich Tukur und Christian Redl über ein wahres Verbrechen.

Die Autoren und True-Crime-Experten

Auf dem CRIME DAY diskutieren Bestseller-Autoren wie Charlotte Link, Marc Elsberg, Melanie Raabe oder Karsten Dusse kriminalistische Fragestellungen. Mordermittler Josef Wilfling, der Profiler Alexander Horn, die Stalking-Expertin Sandra Cegla, der Rechtsmediziner Klaus Püschel und andere True Crime-Experten geben in Workshops Einblicke in ihren außergewöhnlichen Berufsalltag. Und die Krimi-Autoren Bernhard Aichner, Andreas Gruber, Elisabeth Herrmann, Ellen Sandberg und Sabine Thiesler gewähren den Besuchern einen persönlichen Blick in ihre Arbeit. Darüber hinaus berichten STERN CRIME-Reporter, wie sie für ihre Magazingeschichten recherchieren.

Unsere Empfehlungen für Sie…

LeseprobeBernhard AichnerDer FundThrillerbtb VerlagHier geht’s zum Shop

Zum Buch

Warum musste Rita sterben? Wer hat die Supermarktverkäuferin, die doch nie jemand etwas zuleide getan hat, auf dem Gewissen? Hat die 53-jährige wirklich ihr Todesurteil unterschrieben, als sie eines Tages etwas mit nach Hause genommen hat, was sie besser im Laden gelassen hätte? Offiziell ist der Fall abgeschlossen – aber da ist einer, der nicht aufgibt. Ein Polizist, der scheinbar wie besessen Fragen stellt – und Ritas Tod bis zum Ende nicht akzeptieren will …

Zum Autor

BERNHARD AICHNER (1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck. Er schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet, zuletzt mit dem Burgdorfer Krimipreis 2014, dem Crime Cologne Award 2015 und dem Friedrich Glauser Preis 2017.

Die Thriller seiner Totenfrau-Trilogie standen monatelang an der Spitze der Bestsellerlisten. Die Romane wurden in 16 Länder verkauft, u.a. auch nach USA und England. Mit BÖSLAND schloss er 2018 an seine internationalen Erfolge an.

BERNHARD AICHNER

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2019 by btb Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: semper smile, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-641-22507-0V002

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

Es ist der Moment, der alles verändert.

Das neue Leben, von dem sie schon so lange geträumt hat.

Es beginnt genau in diesem Augenblick.

Rita steht im Lager. Sie öffnet den Karton und schlägt die Plastikfolie zurück. Sie wünscht sich, genau dort zu sein, wo die Bananen herkommen. So lange träumt sie schon davon. Rita möchte die Sonne auf sich spüren, irgendwo in Südamerika am Strand liegen, stundenlang in den Himmel schauen. Sie möchte, dass ihr Leben laut ist und bunt und wild.

Doch das ist es nicht. Noch nicht.

Rita macht ihre Arbeit. Sie ist Verkäuferin in einem Supermarkt. Dreiundfünfzig Jahre ist sie alt. Schon seit einer Ewigkeit packt sie Waren aus, schichtet sie in Regale, sitzt an der Kasse.

Alles scheint wie immer.

Noch hat Rita keine Ahnung davon, was in den nächsten drei Wochen passieren wird. Sie weiß noch nicht, dass sie sich verlieben und beinahe den Verstand verlieren wird. Dass sie Dinge tun wird, die sie nie für möglich gehalten hätte.

Rita wird jemanden töten.

Und dann wird jemand sie töten.

Weil sie diesen Karton geöffnet hat, wird Rita sterben.

Bald schon.

Elfriede Wallner (53), Landwirtin

– Was Sie mir da erzählen, schockiert mich.

– tut mir alles sehr leid, Frau Wallner. Trotzdem bitte ich Sie darum, mir weiterzuhelfen. Ich will verstehen, wer Rita Dalek war. Ich möchte wissen, wie sie aufgewachsen ist, wie ihre Kindheit war, ihre Jugend. Für die Ermittlungen ist es wichtig, dass ich ein Bild vom großen Ganzen bekomme.

– Ich kann es nicht glauben, dass sie tot ist.

– Es wundert mich, dass Sie es von mir erfahren haben. Ehrlich gesagt dachte ich, es hätte sich hier im Dorf bereits herumgesprochen, dass sie ermordet wurde.

– Nein. Wir hatten keinen Kontakt mehr zu Rita. Sie war nie wieder hier seit damals. Wenn Sie nicht aufgetaucht wären bei uns, hätten wir es wahrscheinlich nie erfahren. Oder in ein paar Monaten erst. Traurig ist das. Weil ich wirklich dachte, dass es ihr gut geht. Dass Rita es geschafft hat. Sie war so ein lieber Mensch. Wer kann ihr das nur angetan haben? Und warum?

– Genau das möchte ich herausfinden.

– Das hat sie nicht verdient.

– So ein Ende hat niemand verdient.

– Rita hat nie etwas Falsches gemacht. Sie war eine von den Guten.

– Ich kann auch ein anderes Mal wiederkommen, wenn Ihnen das lieber ist.

– Nein.

– Brauchen Sie ein Taschentuch?

– Geht schon. Es ist nur so, dass mich das alles sehr betroffen macht. Ich finde es schade, dass ich sie nie besucht habe in der Stadt. Obwohl sie mich mehrmals eingeladen hat.

– Das ist der Lauf der Dinge. Freundschaften enden irgendwann. Lebenswege trennen sich. Sie sollten sich keine Vorwürfe machen.

– Trotzdem tut es weh.

– Lassen Sie sich Zeit. Mir läuft nichts davon.

– Sollten Sie nicht Ritas Mörder suchen, anstatt hier Ihre Zeit zu vergeuden? Bei uns werden Sie garantiert nichts erfahren, das Ihnen weiterhilft.

– Sagen Sie das nicht. Oft ergeben sich die entscheidenden Hinweise genau aus solchen Gesprächen. Deshalb erzählen Sie mir doch bitte einfach, was Ihnen in den Sinn kommt. Erinnerungen, die Sie haben. Wie war Rita Daleks Kindheit?

– So wie man sich eine gute Kindheit auf dem Land eben so vorstellt.

– Sie waren Nachbarn. Beste Freundinnen, nicht wahr? Man sagte mir, Sie hätten jede freie Minute miteinander verbracht.

– Ja, das haben wir.

– Der Hof der Daleks stand dort drüben, ist das richtig?

– Ja, dort, wo jetzt das Einfamilienhaus ist. Rita und ich sind zusammen zur Schule gegangen, wir haben Kartoffeln geerntet und die Äpfel von den Bäumen geholt. Wir haben unseren Eltern geholfen. Barfuß zusammen auf dem Feld, bei den Kühen im Stall, unbeschwert war alles. Wir haben uns nie Gedanken darüber gemacht, was einmal passieren könnte. Es war eine heile Welt, in der wir lebten. Wir haben fest daran geglaubt, dass es für immer so bleibt. Dass dieses Glück nie aufhören wird. Wir haben nicht daran gedacht, dass jemand sterben könnte.

– Sie sprechen von Rita Daleks Eltern, oder?

– Ja.

– Wie war das Verhältnis zu ihnen? Haben sie sich gut verstanden?

– Sehr sogar. Ich habe Rita darum beneidet, dass ihre Eltern so anders waren als meine. Dass sie sie ernst genommen haben. Die Daleks waren überzeugt davon, dass aus ihrer Tochter mehr werden kann als nur eine Bäuerin. Sie haben daran geglaubt, dass Rita sich ihre Träume erfüllen kann.

– Welche Träume?

– Rita wollte Schauspielerin werden.

– Schauspielerin?

– Mit fünfzehn hat sie sich das in den Kopf gesetzt, und eine ganze Zeit lang hat sie sich nicht davon abbringen lassen. Obwohl es ein unmöglicher Berufswunsch war, hat sie daran festgehalten. Anfang der Achtzigerjahre auf dem Land. Sie können sich ja vorstellen, dass das nicht einfach war. Als junge Frau hatte man damals keine große Wahl.

– Sie beide haben bei Ihren Eltern auf dem Hof mitgearbeitet?

– Ja. Aber Rita ist ausgebrochen, sie wollte sich nicht damit zufriedengeben. Weil ihre Eltern sie dazu ermuntert haben. Dir stehenalle Türen offen, hat der alte Dalek zu ihr gesagt. Sie solle einen Beruf ergreifen, der ihr Freude macht, hat er gesagt. Keine Sekunde lang hat er an sich und den Hof gedacht. Daran, dass niemand mehr da sein würde, um ihn weiterzuführen, wenn Rita weg ist. Sie hatte wirklich großes Glück. Zumindest, was das betrifft.

– Sie wissen, dass Rita Dalek in den letzten achtzehn Jahren als einfache Verkäuferin in einem Supermarkt gearbeitet hat?

– Ja, davon habe ich gehört. Trotzdem hätte sie die Möglichkeit gehabt, ein anderes Leben zu führen, im Gegensatz zu mir. Alles hat danach ausgesehen, dass sie es schaffen würde. Ihr Vater hat sie sogar persönlich an der Schauspielschule angemeldet, er hat alles bezahlt. Obwohl das Geld bei den Daleks genauso knapp war wie bei uns.

– Haben sich Rita Daleks Erwartungen erfüllt? Hat sie sich wohlgefühlt an der Schauspielschule?

– Sie hat mir stundenlang davon vorgeschwärmt, wenn sie am Wochenende nach Hause kam. In einer völlig anderen Welt hat sie plötzlich gelebt. Von Romeo und Julia hat sie mir erzählt. Sie war so aufgeregt, so voller Freude. Während sie den Stall ausgemistet hat, hat sie den Kühen ihre Texte vorgetragen. Tag und Nacht ging es nur um das Theater. Ich denke, sie wäre wirklich glücklich geworden in diesem Beruf.

– Warum hat es nicht geklappt?

– Weil sie die Ausbildung abgebrochen hat, noch bevor das erste Jahr um war. Der Tod ihrer Eltern hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Sie hat damals aufgehört, an Wunder zu glauben.

– Erzählen Sie mir, was passiert ist.

– Ein Erdrutsch hat den Hof der Daleks weggewischt. Ich war damals zufällig hier in der Stube und habe aus dem Fenster gesehen. Im einen Moment war der Hof noch da, im anderen war er plötzlich weg. Das Wirtschaftsgebäude, die Kühe auf der Wiese, das Wohnhaus. Und Ritas Eltern. Alles wurde von den Erdmassen und dem Geröll begraben.

– Sie haben das tatsächlich mitansehen müssen?

– Ja. Ich habe lange davon geträumt. Schrecklich war das alles. Man hat ewig gebraucht, um sie zu bergen. Das ganze Dorf hat mitgeholfen.

– Ihr Hof war nicht betroffen?

– Nein. Alle anderen Häuser sind stehen geblieben. Wir wurden verschont, nur Ritas Eltern nicht.

– Das ist tragisch.

– Und ungerecht.

– Wie hat Frau Dalek es aufgenommen?

– Es muss furchtbar für sie gewesen sein. Sie saß gerade in ihrer Küche in der Wohnung und hat Kuchen gegessen, als ich sie angerufen habe. Sie hat mich zuerst gar nicht zu Wort kommen lassen. Dass sie gerade gebacken hat, hat sie gesagt. Und dass ich endlich in die Stadt kommen müsse, weil sie mir so vieles zeigen möchte. Sie hat sich so über meinen Anruf gefreut. Ich konnte es ihr zuerst nicht sagen. Es ging einfach nicht. Ich wollte ihr nicht wehtun, verstehen Sie. Du musst nach Hause kommen, habe ich irgendwann gemeint. So schnell du kannst, Rita. Es ist etwas passiert.

– Sie erinnern sich noch so genau daran?

– Das werde ich nie vergessen. Wie sich Ritas Träume mit einem Schlag in Luft aufgelöst haben. Es waren nur ein paar Worte, die alles kaputt gemacht haben.

– Welche Worte waren das?

– Sie sind tot.

– Sie ist nach dem Telefonat sofort nach Hause gekommen?

– Ja. Sie stand da und starrte vor sich hin. Dort, wo sie früher zu Hause war, da war überall nur noch Schutt und Asche. Sie hörte mich nicht mehr, ließ sich nicht davon abhalten, selbst beim Suchen mitzuhelfen. Drei Tage lang. Dann erst hat man ihre Eltern gefunden. Zumindest das, was noch von ihnen übrig war.

– Sie hat dann bei Ihnen gewohnt in diesen Tagen?

– Meine Eltern haben ihr gesagt, dass sie bleiben kann, solange sie will. Wir haben versucht, uns um sie zu kümmern. Aber irgendwie funktionierte es nicht. Rita hat schon damals aufgehört, da zu sein.

– Wie meinen Sie das?

– Etwas in ihr war gestorben. Sie hat nicht mehr an die Zukunft geglaubt. Diejenigen, die ihr immer Mut gemacht hatten, waren nicht mehr am Leben. Sie hat das mit der Schauspielschule bleiben lassen und wurde Krankenschwester.

– Der Kontakt zwischen Ihnen ist damals abgebrochen?

– Ja. Nach der Beerdigung ist sie verschwunden und nie wieder zurückgekommen.

– Das tut mir leid.

– Mir auch.

Bis zu diesem Moment hat Rita nicht geatmet.

Es fühlt sich plötzlich so an, als wäre in den letzten zwanzig Jahren alles stillgestanden, als wäre sie wie ferngesteuert durch die Welt gerannt. Als hätte ihr Leben nichts mit ihr zu tun gehabt. Einen Schicksalsschlag nach dem anderen hat sie ertragen. Sie hat es hingenommen, dass das Glück in ihrem Leben immer ein Ablaufdatum hatte.

Alles Schöne endete irgendwann.

Rita hat irgendwann damit aufgehört, sich danach zu sehnen.

Sie funktionierte einfach. Wie eine Puppe aus Plastik gab sie Geräusche von sich, bewegte sich, tat, was man von ihr erwartete. Arbeit, Ehe, Haushalt, sie hat kaum Luft bekommen.

Jetzt aber atmet sie.

Tief ein und aus.

Ritas Herz rast.

Weil sie sofort begreift, was da in diesem Karton ist.

Versteckt unter den Bananen aus Kolumbien, in Plastik eingeschweißte Päckchen. Der erste Blick auf ihren Fund ist wie ein Blitz, der Rita trifft. Etwas in ihr brennt plötzlich. Gedanken schießen ihr durch ihren Kopf.

Sofort erinnert sie sich an diesen Zeitungsartikel, den sie vor ein paar Monaten gelesen hat. Über den sie mit ihren Kolleginnen gesprochen hat während einer Rauchpause.

Warum passiert so etwas Spannendes nicht in unserem Supermarkt?

So viel Glück haben wir nicht.

Ich will auch mal in die Zeitung.

Verkäuferinnen finden Koks.

Das ist so, als würde man im Lotto gewinnen.

Was man damit alles anstellen könnte.

Was würdest du tun, wenn dir das passieren würde, Rita?

Rita hat geschwiegen damals. So wie sie auch jetzt wieder schweigt. Weil sie die Antwort noch nicht kennt. Weil sie noch damit beschäftigt ist zu begreifen, was sie gefunden hat. Dass das alles wirklich passiert.

Kokain aus Südamerika.

Geschmuggelt in Bananenkartons.

Eine Lieferung, die nicht dort angekommen ist, wo sie hätte ankommen sollen. Drogen, die nicht rechtzeitig abgefangen wurden.

Etwas Außergewöhnliches passiert. Rita weiß es. Sie ist ganz allein im Lager. Nur sie sieht es. Etwas, das da nicht sein sollte.

Sie dreht sich um. Schaut in alle Richtungen. Jeden Moment könnte jemand kommen. Sie dabei beobachten, wie sie die Bananen zur Seite schiebt und eines der Päckchen in die Hand nimmt.

Rita starrt es an.

Sie hat Angst.

Legt es wieder zurück.

Weil ihr Herz immer lauter schlägt.

Rita überlegt. Sie muss es dem Geschäftsführer sagen. Kamal. Sie muss ihn holen, die Polizei rufen, sie muss Alarm schlagen.

Doch Rita rührt sich nicht. Sie weiß, dass sie eine Entscheidung treffen muss. Dass sie das Richtige tun muss. Aber sie weiß plötzlich nicht mehr, was richtig ist und was falsch. Sie weiß nicht, was mit ihr passiert, warum sie zögert.

Kurz noch steht alles still.

Dann schließt Rita den Karton und stellt ihn in eine Ecke. Sie darf sich nicht in Schwierigkeiten bringen. Pflichtbewusst wird sie alle Fragen beantworten, wenn die Polizisten kommen. Sie wird die brave und zuverlässige Mitarbeiterin sein, die sie schon seit achtzehn Jahren ist.

Ich habe nur gemacht, was ich immer gemacht habe.

Viele Tausende Male vorher.

Ich habe mir nichts dabei gedacht.

Ich habe den Karton geöffnet und es zufällig gesehen.

Natürlich habe ich es sofort gemeldet.

Was hätte ich auch sonst tun sollen?

Rita hört sich reden.

Sie kann jetzt wieder tun, was man sich von ihr erwartet. Doch aus irgendeinem Grund tut sie es nicht. Diesmal nicht. Sie wird es nicht melden. Zumindest nicht sofort, später erst. Sie braucht mehr Zeit. Sie muss zuerst die anderen Kartons durchsuchen, überprüfen, ob da noch mehr ist, noch mehr Päckchen unter den Bananen. Einen Karton nach dem anderen öffnet sie, durchwühlt alles. Und sie redet in Gedanken weiter auf sich ein.

Bist du wahnsinnig, Rita, lass die Finger davon.

Die Leute, die das hier reingepackt haben, sind gefährlich.

Das ist kein Spiel, Rita.

Du musst jetzt endlich die Polizei rufen.

Bring dich nicht in Schwierigkeiten.

Beeil dich, Rita.

Es kann doch nicht sein, dass es nur ein Karton ist.

Nur einer.

Doch sie ist sich sicher. Da sind keine weiteren Päckchen. In den anderen Kartons sind nur Bananen, die nach der langen Reise endlich wieder Luft bekommen. Nur in einem Karton sind Drogen. Nur in dem Karton, den sie in die Ecke gestellt hat.

Und nur sie weiß davon.

Es ist ihr Geheimnis.

Ganz leise flüstert sie es vor sich hin.

Du wirst jetzt einfach deinen Mund halten, Rita.

Du wirst so tun, als wäre nichts passiert.

Du wirst jetzt die anderen Kartons raus in den Laden bringen.

Und dann wirst du weiter deine Arbeit tun.

Dieser Karton wird in der Ecke stehen bleiben.

Bis du weißt, was du machen wirst.

Reiß dich zusammen, Rita.

Kurz hält sie die Luft an.

Dann rollt sie die Bananenkartons aus dem Lager in die Obstabteilung.

So als wäre nichts passiert.

Ihr Herz pocht.

Manuela Reiner (57), Krankenschwester

– Und wie sind Sie auf mich gekommen?

– Ich habe auf der Station nachgefragt, auf der Rita Dalek gearbeitet hat. Ich wollte wissen, ob da noch jemand ist, der sie gekannt hat. Jemand, der mir mehr über sie erzählen kann. Eine Kollegin von damals, die immer noch im Dienst ist.

– Und man hat Sie zu mir geschickt?

– Man sagte mir, dass Sie die Ausbildung zusammen gemacht haben, ist das richtig? Dass Sie viel Zeit miteinander verbracht hätten.

– Ja. Obwohl ich vier Jahre älter war als Rita. Trotzdem haben wir uns gut verstanden.

– Sie haben aber nicht mit ihr gearbeitet?

– Nein, Rita wollte auf die Trauma-Intensiv, ich an die Kinderklinik. Aber wir haben uns mittags in der Kantine getroffen, oft nach der Arbeit etwas zusammen unternommen. Ich mochte sie.

– Sie waren sich vertraut?

– Ja.

– Dann wussten sie auch, dass ihre Eltern verunglückt sind?

– Natürlich wusste ich das. Das war kurz, bevor wir uns kennengelernt haben. Es ging ihr nicht besonders gut in der Zeit. Über ein halbes Jahr lang hat Rita getrauert, sie hat niemanden von uns an sich herangelassen. Erst als sie Manfred kennenlernte, ging es ihr langsam wieder besser.

– Woher kannte sie ihn?

– Aus der Kneipe um die Ecke. Wir haben öfter mal das eine oder andere Glas Wein dort getrunken. Manfred hat sie angesprochen irgendwann, sie kamen sofort ins Gespräch. Ohne Umwege haben sich die beiden ineinander verliebt. Man konnte ihnen förmlich dabei zusehen. Es war wie in Zeitlupe. Schön war das.

– Haben Sie heute noch Kontakt zu ihm?

– Nein. Ich habe dann auch Rita nicht mehr gesehen. Nachdem das mit Theo passiert ist, ist sie wieder aus meinem Leben verschwunden. Sie wollte keinen Kontakt mehr. Oder besser, sie konnte es nicht. Mich sehen. Das mit Theo hat sie endgültig fertiggemacht. Noch mehr als das mit ihren Eltern.

– Theo. Rita Daleks Sohn, richtig?

– Ja.

– Wären Sie so freundlich, mir noch ein wenig mehr über Manfred Dalek zu erzählen, bevor wir über Theo reden?

– Was wollen Sie wissen?

– Das, was nicht im Protokoll steht. Gab es Geheimnisse? Dinge, die er mir verschweigen würde? Wie war er so?

– Am Anfang war er ein Engel, aber dann wurde aus dem Engel ein Arschloch. Anders kann ich es leider nicht sagen.

– Können Sie das ein bisschen genauer ausführen?

– Als er und Rita sich kennenlernten, hat er ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen, er hat sie glücklich gemacht, es geschafft, dass sie nicht mehr den ganzen Tag an ihre Eltern gedacht hat. Er hat ihr ein Lachen ins Gesicht gezaubert. Sie waren das perfekte Paar, haben schnell geheiratet. Er war selbstständiger Bodenleger, sie machte die Ausbildung zur Krankenschwester. Rita sah wieder eine Zukunft. Gemeinsame Wohnung, gemeinsame Freizeit und dann das Kind, das sie sich gewünscht hatten.

– Was war mit dem Leben, das sie vorher hatte?

– Wie meinen Sie das?

– Hat sie Ihnen von ihrer Kindheit erzählt, vom Leben auf dem Land, von ihren Eltern?

– Nein. Sie hatte alle Brücken zu ihrer Vergangenheit abgebrochen.

– Warum?

– Das weiß ich nicht. Sie hat nur ihren Namen behalten, alles andere hat sie abgestreift. Es war auch niemand von früher auf ihrer Hochzeit. Keine alten Bekannten, keine Jugendfreunde. Rita und Manfred haben ganz von vorne begonnen.

– Sie wollte seinen Namen nicht annehmen?

– Sie wollte ihren eigenen nicht aufgeben. Ich nehme an, wegen ihren Eltern. Aber das war kein Problem für Manfred. Er hat einfach ihren angenommen. Für die damalige Zeit war das etwas Besonderes.

– Wussten Sie, dass Rita Dalek ursprünglich Schauspielerin hatte werden wollen?

– Nein, das wusste ich nicht.

– Hat sie das wirklich nie erwähnt? Dass sie davon geträumt hatte, auf der Bühne zu stehen und in irgendwelche Rollen zu schlüpfen? Dass sie es anscheinend geliebt hatte, eine andere zu sein?

– Das höre ich zum ersten Mal. Mir gegenüber hat sie immer davon gesprochen, dass es ihr darum gehe, ein sicheres Einkommen zu haben. Ein ganz normales Leben wollte sie führen, keine Experimente, keine waghalsigen Aktionen. Rita war keine Draufgängerin. Deshalb hat sie ja auch so früh geheiratet. Sie war gerade mal zwanzig damals.

– Man sagt, dass sie Talent hatte. Der Leiter der Schauspielschule, auf der sie war, hat von ihr geschwärmt. Er hat sich noch gut an Rita Dalek erinnert, er meinte, dass er selten jemanden kennengelernt hätte, der von Anfang an so für diesen Beruf gebrannt hat. Als ich ihm erzählt habe, dass sich Rita nach ihrem Abgang von der Schauspielschule dazu entschlossen hatte, Krankenschwester zu werden, hat er das sehr bedauert. Er meinte, sie hätte es bis ganz nach oben schaffen können.

– So wie es aussieht, hat sie das aber leider nicht.

– Ein wirklich tragisches Schicksal. Auch dass sie das mit Theo durchmachen musste.

– Ja.

– Würden Sie so freundlich sein und mir nun von ihm erzählen?

– Er war ein sehr netter Junge, er hat das Glück der Daleks perfekt gemacht.

– Wie hat das funktioniert, die Ausbildung und das Baby?

– Ihre Schwiegermutter hat sich um das Kind gekümmert, solange Rita auf der Schule war. Manfreds Mutter und seine Schwester. Sie haben Theo vergöttert. War für Rita nicht immer einfach mit den beiden, aber es hat funktioniert. Dann hat sie ihr Diplom gemacht und sich als Mutter wirklich Mühe gegeben. Dreizehn Jahre lang war alles in bester Ordnung. Theo, Manfred und Rita. Die große Liebe war das. So habe ich mir immer die perfekte Familie vorgestellt. Wäre Theo nicht gestorben, gäbe es dieses Bilderbuchglück wahrscheinlich immer noch. Rita wäre nicht depressiv geworden, und Manfred hätte nicht mit dem Saufen angefangen.

– Was genau ist mit Theo passiert?

– Ein Unfall. Er ist mit dem Skateboard die Straße hinunter, hat kurz nicht aufgepasst, ein Auto hat ihn überfahren. Knochenbrüche, innere Verletzungen, Schädel-Hirn-Trauma. Wochenlang saß Rita an seinem Bett und hat gebetet. Sie und Manfred hielten Theos Hand, sie wollten an ein Wunder glauben. Doch genützt hat es nichts.

– Theo lag auf der Station, auf der sie auch gearbeitet hat? Die Trauma-Intensiv im siebten Stock, ist das richtig?

– Ja. Das Schicksal hat sich ordentlich ausgetobt. Zuerst das mit ihren Eltern, dann Theo. Ich denke, das ist mehr, als man ertragen kann.

– Wie lange hat er noch gelebt?

– Vier Tage. Dann hat man den Hirntod festgestellt und die Geräte abgeschaltet. Sie haben Theo in einen Sarg gelegt, und Rita ist zusammengebrochen auf dem Friedhof vor all den Leuten. Sie hat geschrien, um sich geschlagen, der Krankenwagen musste kommen, man stopfte sie mit Beruhigungsmitteln voll.

– Das klingt alles sehr grausam. So etwas sollte niemand auf der Welt durchmachen müssen.

– Und trotzdem ist es ihr passiert.

– Es heißt, dass sie sich lange nicht davon erholt hat.

– Rita ist nicht mehr aus dem Bett herausgekommen. Sie hat die Wand angestarrt, sie hat geweint, vor sich hin geflüstert wie eine Irre. Und Manfred hat mit dem Schnaps angefangen. Er wollte es nicht akzeptieren, dass sein Junge in einem Loch am Friedhof verschwunden ist. Und er ertrug es nicht, dass Rita nicht mehr mit ihm sprach. Da war nichts Gutes mehr. Keine Hoffnung. Jedes Mal, wenn ich sie besucht habe, waren die beiden noch ein Stück tiefer gesunken. Ich dachte, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, aber da hatte ich mich getäuscht.

– Sie sprechen von Manfred Daleks Sucht?

– Ja. Sie haben ihn doch sicher schon gesprochen. Ich wette, dass er sich in den letzten Jahren nicht groß verändert hat. Er säuft bestimmt immer noch, oder?

– Ja.

– Bis zum Umfallen hat der Kerl den Schnaps in sich hineingeschüttet. Und als ob das nicht genug wäre, hat er auch noch mit dem Spielen angefangen. Jeden Euro, den er verdient hat, hat er in irgendwelche Automaten geworfen, während Rita sich alles vom Mund absparen musste. Kein Entzug und keine Motivation, etwas an der Situation zu ändern. Er hat sich gehen lassen, hat nichts getan, um es aufzuhalten, er hat es nicht einmal versucht. Ich konnte da irgendwann nicht mehr zusehen, dass Rita sich nicht gewehrt hat, dass sie ihn nicht gezwungen hat, mit dem Saufen aufzuhören.

– Wie lange hatten Sie schon keinen Kontakt mehr zu ihr?

– Keine Ahnung, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre.

– Sie haben sie nie wieder getroffen?

– Nein.

– Auch nicht zufällig irgendwo in der Stadt?

– Warum fragen Sie mich das?

– Haben Sie nie dort eingekauft, wo sie gearbeitet hat?

– Doch, natürlich, am Anfang. Weil ich mich gefreut habe, dass sie sich wieder erholt hat. Dass sie diesen Job im Supermarkt angenommen hat, war ein Hoffnungsschimmer. Wobei ich es nie wirklich verstanden habe.

– Was meinen Sie?

– Rita war Krankenschwester und keine Verkäuferin. Sie war eine von den besten, verstehen Sie? Sie hat diesen Beruf ernst genommen.

– Warum hat sie dann achtzehn Jahre lang im Supermarkt gearbeitet?

– Sie wollte wahrscheinlich keine Verantwortung mehr tragen. Und sie wollte niemandem mehr zusehen, wie er stirbt. Kein Leid mehr, hat sie gesagt. Sie dachte wirklich, dass es besser wird, aber in Wahrheit wurde alles noch schlimmer. Sie hat sich nur noch um dieses Arschloch gekümmert. Ich weiß nicht, wie oft ich ihr gesagt habe, dass sie ihn verlassen soll. Aber sie wollte es nicht hören. Hat es nicht fertiggebracht. Wir haben uns doch geliebt, hat sie immer gesagt. Rührend hat sie für ihn gesorgt, obwohl er sie behandelt hat wie Dreck. Ich denke, Rita hat sich aufgegeben damals. Sich und alles andere auch. Ich konnte ihr nicht mehr helfen. Sie nicht vor ihm beschützen.

– Hätte man sie beschützen müssen?

– Ja. Manfred war ein Geschwür, er hat Rita ausgesaugt, ihr alles genommen. Wenn Sie mich fragen, hat er sie auf dem Gewissen.

– Trauen Sie ihm einen Mord zu?

– Der Mann ist unberechenbar.

– Denken Sie, dass er zu so etwas fähig wäre?

– Keine Ahnung. Aber es würde mich nicht wundern.

Früher hätte sie Manfred angerufen.

Bevor Theo aus ihrem Leben verschwunden ist. Sie hätte ihren Mann gefragt, was sie machen soll. Rita denkt daran, dass er Antworten für sie gehabt hätte, dass sie gemeinsam einen Weg gefunden hätten, das Richtige zu tun. Der Manfred von damals hätte es verhindert, dass Rita sich in Gefahr bringt. Liebevoll hätte er ins Telefon geflüstert.

Sag es Kamal, hätte er gesagt.

Warum überlegst du überhaupt? Bist du verrückt geworden?

Das sind Drogen, Rita. Damit haben wir nichts zu tun.

Hör auf, darüber nachzudenken, und ruf endlich die Polizei.

Er hätte ihr geraten, das Richtige zu tun.

Jetzt aber sagt er nichts mehr. Rita kann ihn nicht mehr hören.

Während sie die Waren über die Scannerkasse schiebt, verlegt Manfred vierhundert Kilometer weiter nördlich einen Nussholzfußboden und wartet wie jeden Tag darauf, bis es dunkel wird und er sich in irgendeiner Kneipe betrinken kann. Manfred macht, was er immer macht. Während Rita nur noch an diesen Bananenkarton im Lager denkt. Ununterbrochen. Weil sie plötzlich Licht sieht.

Rita wird ihr Geheimnis behüten.

Sie wird schweigen. Sie wird es vor ihrem Mann geheim halten. Weil er alles verderben würde, noch bevor es begonnen hat. Er würde sich gierig auf das Gefundene stürzen, es zu Geld machen und es aus dem Fenster werfen. Manfred würde nichts davon übrig lassen, er würde Ritas Träume einfach ausradieren. Diese Träume von einem anderen Leben. Von einem Leben ohne ihn. Rita stellt es sich vor.

Wie es wäre. Einfach zu gehen.

Weg von Manfred.

Weg von seiner Mutter und seiner Schwester.

Auch sie werden nichts von alldem erfahren. Weil sie nur zugesehen haben all die Jahre. Wie Manfred von der Straße abgekommen, wie er die Böschung hinuntergerast und in einen Abgrund gestürzt ist.

Wie gut, dass du dich um ihn kümmerst, haben sie gesagt.

Sie haben Rita die Verantwortung übertragen und sich zurückgezogen.

Wenn ihn jemand retten kann, dann du, Rita.

Sie haben so getan, als wäre alles in bester Ordnung. Sie haben ignoriert, dass er spielt. Sie wollten es nicht sehen, dass Rita diejenige ist, die alle Rechnungen bezahlt. Dass Manfred lügt, wenn er den Mund aufmacht, dass er süchtig ist. Süchtig nach allem, was dieses gemeinsame Leben kaputt macht.

Rita weiß es.

Nichts wird sich jemals ändern.

Manfred wird weitertrinken. Weiterspielen. Münzen in Automaten werfen. Rita wird weiter die Regale im Supermarkt befüllen, sie wird an der Kasse sitzen, und sie wird nach Dienstschluss weiterhin putzen gehen. Frühmorgens, noch bevor sie im Supermarkt anfängt. Oder nach Dienstschluss. Damit sie die Miete bezahlen können, den Strom, das Essen. Nie wird sie damit aufhören, diese deprimierte Frau zu sein, die vor zwanzig Jahren ihr Kind verloren hat.

Für immer wird alles so bleiben, wenn sie jetzt Alarm schlägt.

Wenn sie jetzt sagt, was sie gefunden hat.

Das ist meine letzte Chance, denkt sie.

Rita schaut sich um. Sie fragt sich, ob jemand anders den Karton entdecken könnte, ihn vielleicht gerade in diesem Moment hochnimmt und öffnet, während sie weiter an der Kasse sitzt. Jeden Augenblick rechnet sie damit, dass ein Schrei durch den Supermarkt hallt, dass alle aufgeregt zusammenlaufen, dass man den Laden schließen wird.

Aber nichts passiert.

Der Karton ruht an seinem Platz. Unberührt.

In der Mittagspause wirft Rita unauffällige Blicke darauf. Kurz vor fünfzehn Uhr ist es immer noch ihr Geheimnis.

Und so soll es auch bleiben, das wünscht sie sich den ganzen Nachmittag lang. Rita träumt davon. Und sie denkt an Theo. Daran, dass er jetzt dreißig Jahre alt wäre, dass er ihr bestimmt helfen könnte. Dass er ihr die Angst nehmen würde.

Freu dich doch, Mama, würde er sagen.

Aber es gibt keinen Grund zur Freude, würde Rita sagen.

Doch, sagt Theo in ihrem Kopf. Doch, den gibt es.

Seine Stimme hat sich verändert. Der Junge von damals ist erwachsen geworden, er klingt selbstsicher jetzt. In Ritas Vorstellung ermutigt er sie, er will sie überreden, etwas Unvernünftiges zu tun. Etwas Verbotenes.

...Ende der Leseprobe
Hat Ihnen dieser Auszug gefallen?Hier geht's zum Shop
LeseprobeKarsten DusseAchtsam mordenRomanAchtsam morden-ReiheHeyne VerlagHier geht’s zum Shop

Das Buch

Björn Diemel – erfolgreicher Strafverteidiger, gescheiterter Ehemann, bemühter Vater – wird von seiner Frau zu einem Achtsamkeits-Coaching gezwungen, um Work und Life endlich wieder in Balance zu bringen. Es ist seine letzte Chance, die Ehe und seiner innig geliebten Tochter Emily das intakte Zuhause zu retten.

Und die Sache mit dem bewussten Atmen und den Zeitinseln funktioniert sogar! Allerdings hat Dragan, Kopf eines Verbrechersyndikats und Björns wichtigster Mandant, keine Muße, Rücksicht auf solcherlei Befindlichkeiten zu nehmen. Er wurde nämlich gerade dabei gefilmt, wie er den engsten Vertrauten eines anderen Clanoberhauptes ins Nirwana befördert hat. Nun sind ihm Konkurrenz und Polizei auf den Fersen.

Natürlich ist es Björn, der wie immer alles in Ordnung bringen muss. Als Ausweg bleibt ihm nur die Flucht in die extremsten Prinzipien der Achtsamkeit. 48 Stunden später hat er Dragan getötet und blickt zurück auf ein traumhaftes Wochenende mit Emily. Den nun anstehenden Problemen mit der Kanzlei, der Polizei, seiner Frau und der Mafia sieht er mit wertungsfreier Wahrnehmung gelassen entgegen.

Wer hätte gedacht, dass sich die Prinzipien der Achtsamkeit wunderbar dazu eignen, ein Verbrechersyndikat zu führen?

Der Autor

Karsten Dusse ist Rechtsanwalt und seit Jahren als Autor für Fernsehformate tätig. Seine Arbeit wurde mit dem Deutschen Fernsehpreis und mehrfach mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet sowie für den Grimmepreis nominiert, außerdem hat er mehrere juristische Sachbücher veröffentlicht. Achtsam morden ist sein erster Roman.

KARSTEN DUSSE

ACHTSAM

MORDEN

EIN ENTSCHLEUNIGTER KRIMINALROMAN

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Für Lina

Copyright © 2019 by Karsten Dusse by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Heiko Arntz

Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (Evgeny Haritonov, Big Foot Productions, Julia Lemba, MILKXT2)

Satz: Leingärtner, Nabburg

ISBN: 978-3-641-23897-1V012

www.heyne.de

INHALT

1   ACHTSAMKEIT

2   FREIHEIT

3   ATMEN

4   ZEITINSELN

5   DIGITALES FASTEN

6   DIE INNERE WELT DES GEGENÜBERS

7   WAHRNEHMUNG OHNE BEWERTUNG

8   ENTSPANNUNGSDREIKLANG

9   SINGLETASKING

10   GLÜCK

11   AUFWACHEN

12   ABSICHTSVOLLE ZENTRIERUNG

13   WOHLWOLLEN

14   ANGST

15   UNVOREINGENOMMENHEIT

16   UNGEDULD

17   UNSICHERHEIT

18   UNVERSCHÄMTHEITEN

19   ZEITDRUCK

20   GENUSSVOLL ESSEN

21   PANIK

22   VERBITTERUNG

23   AKTIONISMUS

24   KOMMUNIKATION

25   VERGEBUNG

26   INNERER WIDERSTAND

27   BRAINSTORMING

28   GEBEN UND NEHMEN

29   ÜBERZEUGEN

30   DELEGIEREN

31   DANKBARKEIT

32   EIFERSUCHT

33   LÜGEN

34   IN-SICH-HINEIN-LÄCHELN

35   SCHMERZ

36   MINIMALISMUS

37   TOD

1   ACHTSAMKEIT

»Wenn Sie vor einer Tür stehen und warten, stehen Sie vor einer Tür und warten.

Wenn Sie sich mit Ihrer Frau streiten, streiten Sie sich mit Ihrer Frau.

Das ist Achtsamkeit.

Wenn Sie vor einer Tür stehen und warten und die Wartezeit dazu nutzen, sich in Gedanken zusätzlich noch mit Ihrer Frau zu streiten – dann ist das nicht Achtsamkeit.

Dann ist das einfach nur blöde.«

JOSCHKA BREITNER, »ENTSCHLEUNIGT AUF DER ÜBERHOLSPUR – ACHTSAMKEIT FÜR FÜHRUNGSKRÄFTE«

EINS VORWEG: Ich bin kein gewalttätiger Mensch. Ganz im Gegenteil. Ich habe mich zum Beispiel in meinem ganzen Leben noch nie geprügelt. Und den ersten Menschen habe ich auch erst mit zweiundvierzig Jahren umgebracht. Was, wenn ich mich so in meinem heutigen beruflichen Umfeld umsehe, eher spät ist. Gut, in der Woche darauf hatte ich dann schon fast das halbe Dutzend voll.

Das klingt jetzt vielleicht erst einmal unschön. Aber alles, was ich getan habe, habe ich in bester Absicht getan. Es war das logische Ergebnis einer achtsamen Lebensumstellung. Um meinen Beruf und mein Familienleben in Einklang zu bringen.

Meine erste Begegnung mit der Achtsamkeit war purer Stress. Meine Frau, Katharina, wollte mich zur Entspannung zwingen. Um an meiner geringen Belastbarkeit, meiner fehlenden Verlässlichkeit, meiner verdrehten Wertewelt zu arbeiten. Um unserer Ehe noch eine Chance zu geben.

Sie wollte den ausgeglichenen, aufstrebenden jungen Mann voller Ideale zurückhaben, in den sie sich vor zehn Jahren verliebt hatte. Hätte ich meiner Frau zu irgendeinem Zeitpunkt gesagt, ich hätte auch gerne ihren Körper zurück, in den ich mich vor zehn Jahren verliebt hatte, dann wäre unsere Ehe bereits an dieser Stelle beendet gewesen. Völlig zu Recht. Am Körper einer Frau darf die Zeit selbstverständlich Spuren hinterlassen. Aber an der Seele eines Mannes offensichtlich nicht. Und deshalb ging nicht meine Frau mit ihrem Körper zum Schönheitschirurgen, sondern ich mit meiner Seele zum Achtsamkeitstraining.

Zu dem Zeitpunkt war Achtsamkeit für mich nur ein weiterer Aufguss des immer gleichen Esoterik-Tees, der den Leuten in jedem Jahrzehnt wieder aufgewärmt und unter einem anderen Begriff als neu verkauft wird. Achtsamkeit war autogenes Training ohne Hinlegen. Yoga ohne Verbiegen. Meditation ohne Schneidersitz. Oder, wie es in dem Artikel des Manager-Magazins hieß, den mir meine Frau eines Tages demonstrativ auf den Frühstückstisch legte: »Achtsamkeit ist die wertungsfreie und liebevolle Wahrnehmung des Augenblicks.« Eine Definition, die auf mich genauso konturlos wirkte wie die Kieselsteine, die bis zur völligen Belanglosigkeit entspannte Menschen gerne am Strand sinnfrei zu Türmen stapeln.

Ob ich bei dieser Achtsamkeitssache überhaupt mitgemacht hätte, wenn es nur um uns beide, meine Frau und mich, gegangen wäre? Ich weiß es nicht. Aber wir haben eine kleine Tochter, Emily, und für die hätte ich mich auch von Sodom nach Gomorrha schicken lassen, wenn es in einer dieser Städte eine Chance für uns als Familie gegeben hätte.

Deshalb war ich an einem Donnerstagabend im Januar mit meinem neuen Achtsamkeitscoach verabredet. Als ich an der schweren Holztür seiner »Praxis« klingelte, um unter anderem über mein Zeitmanagement zu reden, war ich bereits fünfundzwanzig Minuten zu spät.

Der Coach hatte seine Räumlichkeiten im Erdgeschoss eines aufwendig renovierten Altbaus in einer nobleren Gegend unserer Stadt. Seinen Flyer hatte ich im Wellnessbereich eines Fünf-Sterne-Hotels gesehen. Seine Preisliste kannte ich aus dem Internet. Jemand, der anderen Menschen einen Batzen Kohle aus der Tasche zieht, um ihnen beizubringen, gelassener zu sein, würde wohl dazu in der Lage sein, bezahlte Verspätungen locker wegzumeditieren. Dachte ich. Doch auf mein Klingeln hin geschah erst einmal gar nichts.

Bis zu dem Zeitpunkt, wo sich der Entspannungsguru weigerte, die Tür aufzumachen, war ich eigentlich ganz gelassen gewesen, denn meine Verspätung war völlig verzeihlich. Ich war Rechtsanwalt – Strafrecht – und hatte noch am späten Nachmittag einen Haftprüfungstermin reinbekommen. Ein Mitarbeiter meines Hauptmandanten Dragan Sergowicz war nachmittags in einem Juweliergeschäft angetroffen worden, als er sich gerade einen Verlobungsring aussuchen wollte. Statt Geld hatte er allerdings nur eine geladene Pistole dabei. Als ihm die vorgelegten Ringe nicht gefielen, schlug er dem Juwelier die Waffe gegen die Schläfe. Da der Juwelier zu diesem Zeitpunkt bereits den stillen Alarm ausgelöst hatte, fand die Polizei bei ihrem Eintreffen einen am Boden liegenden Juwelier und einen Mann vor, der beim Anblick zweier auf ihn gerichteter Maschinenpistolen keinerlei Widerstand leistete. Sie nahmen ihn mit aufs Präsidium und verständigten sowohl mich als auch den Haftrichter.

Mit meinen früheren Idealen als Jurastudent hätte ich es als völlig gerecht empfunden, wenn ein solcher Vollassi bis zur Gerichtsverhandlung in Untersuchungshaft geblieben und anschließend für mehrere Jahre im Bau verschwunden wäre.

Mit meiner jahrelangen Erfahrung als Strafverteidiger für Vollassis hatte ich den Idioten nach zwei Stunden wieder auf freiem Fuß.

Ich war also nicht einfach zu spät zum Coaching gekommen. Ich war erfolgreich zu spät gekommen. Und wenn dieser Entspannungsfuzzi den Rest der Stunde nicht mit Bockigsein verplempern wollte, könnte ich ihm auch erzählen, warum ich so erfolgreich war.

Der junge Mann mit dem Hang zu bewaffneten Einkäufen war fünfundzwanzig Jahre alt und wohnte noch bei seinen Eltern. Er war bislang nicht wegen Gewaltdelikten vorbestraft – nur wegen Drogendelikten. Es bestand weder Flucht- noch Wiederholungs- noch Verdunklungsgefahr. Und er teilte die gesellschaftlichen Wertvorstellungen von Ehe und Familie. Denn deshalb war er ja im Juweliergeschäft gewesen: Durch das Entwenden eines Ringes wollte er seiner Bereitschaft Ausdruck verleihen, eine familiäre Bindung einzugehen.

Okay, für den Juwelier im Krankenhaus und die Polizisten auf Streife war es sicherlich schwer zu verstehen, dass ein Mensch, der ohne jeden Zweifel ein Gewalttäter war, heute Abend schon wieder im Kreise seiner Freunde den Dicken geben und den Staat verhöhnen konnte. Selbst meine Frau fand meine Arbeit diesbezüglich gelegentlich recht fragwürdig. Aber es war nicht meine Aufgabe, anderen Menschen unser Rechtssystem zu erklären. Es war mein Job, dieses System nach allen Regeln der Kunst auszunutzen. Ich verdiente mein Geld, indem ich schlechten Menschen Gutes tat. Punkt. Und das beherrschte ich perfekt. Ich war ein hervorragender Strafverteidiger. Angestellt in einer der renommiertesten Wirtschaftskanzleien der Stadt. Rund um die Uhr einsatzbereit.

Das war Stress, klar. Und das war nicht immer mit dem Familienleben in Einklang zu bringen. Deshalb stand ich ja jetzt auch vor der Tür dieses Achtsamkeits-Typen. Der mich nicht reinließ … Mein Nacken fing an, sich zu verspannen.

Aber für den Stress bekam ich ja auch jede Menge: Dienstwagen. Maßanzüge. Teure Uhren. Ich hatte vorher nie viel auf Statussymbole gegeben. Aber wenn Sie als Anwalt das organisierte Verbrechen vertreten, müssen Sie sich Statussymbole zulegen. Allein schon, weil Sie als Anwalt selbst das Statussymbol ihres Mandanten sind.

Ich bekam ein großes Büro, einen Designerschreibtisch und ein fünfstelliges Monatsgehalt für meine Familie: meine traumhafte Tochter, meine tolle Frau und mich.

Gut – ein hoher vierstelliger Betrag davon ging schon mal für die Raten für das Haus drauf. Ein Haus, in dem ein traumhaftes Kind wohnte, das ich auf Grund meiner Arbeitszeiten nie sah. Bei einer liebenden Mutter, mit der ich mich, wenn ich sie sah, nur noch stritt. Ich, weil ich gereizt war vom Job, von dem ich meiner Frau nichts erzählen konnte, weil sie ihn hasste – und sie, weil sie den ganzen Tag allein auf unsere Kleine aufpassen musste und dafür ihren seriösen Job als Abteilungsleiterin bei einer Versicherung aufgegeben hatte. Wenn die Liebe zwischen uns beiden eine zarte Pflanze war, so hatten wir sie beim Umtopfen in den großen Familientopf offensichtlich zu wenig gepflegt. Kurz: Es ging uns wie so vielen erfolgreichen Jungfamilien – scheiße.

Um Job und Familie unter einen Hut zu bringen, und weil ich von uns beiden der einzige war, der über beides verfügte, hatte meine Frau mich dazu auserwählt, an mir zu arbeiten. Sie schickte mich zum Achtsamkeitscoach. Der nicht aufmachte. Idiot. Meine Nackenverspannungen begannen, sich bei jeder Kopfdrehung in leisen Knack-Geräuschen bemerkbar zu machen.

Ich klingelte erneut an der schweren Holztür. Sie schien frisch lasiert zu sein. Jedenfalls roch sie so.

Endlich wurde sie geöffnet. Ein Mann stand da, als hätte er die ganze Zeit lang hinter der Tür gelauert und auf das zweite Klingeln gewartet. Er war ein paar Jahre älter als ich, so Anfang fünfzig.

»Wir waren um zwanzig Uhr verabredet«, sagte er schlicht, bevor er sich umwandte und ohne ein weiteres Wort durch den kahlen Flur davonging. Ich folgte ihm in ein indirekt beleuchtetes, spärlich möbliertes Büro.

Der Mann wirkte asketisch. Kein Gramm Fett am sehnigen Körper. Der Typ von Mensch, bei dem eine Sahnetorte selbst dann keine Wesensveränderung bewirken könnte, wenn man sie ihm subkutan spritzen würde. Sein Äußeres wirkte gepflegt. Er trug eine ausgewaschene Jeans, eine grobgestrickte Wolljacke über einem schlichten, weißen Baumwollhemd und Pantoffeln an seinen ansonsten nackten Füßen. Keine Uhr. Kein Schmuck.

Der Kontrast hätte nicht größer sein können. Ich trug meinen dunkelblauen Maßanzug, weißes Hemd mit Manschettenknöpfen, blau-silberne Krawatte mit diamantbesetzter Krawattennadel, Breitling-Uhr, Ehering, schwarze Socken, Budapester Schuhe. Die Anzahl der Kleidungsstücke, die ich mehr anhatte als der Typ, überstieg die Anzahl der Möbelstücke in seinem Besprechungsraum. Zwei Sessel, ein Tisch. Ein Regal mit Büchern und ein Beistelltisch mit Getränken.

»Ja, sorry. War viel Verkehr.« Schon auf Grund seiner Nicht-Begrüßung hätte ich nicht übel Lust gehabt, sofort wieder zu gehen. Beruflich bedingte Verspätungen vorgeworfen zu bekommen konnte ich auch kostenlos von meiner Frau haben. Aber für den Stress, den Katharina mir gemacht hätte, wenn sie erfahren hätte, dass ich nicht nur zu spät zum Achtsamkeitskurs erschienen, sondern auch beleidigt sofort wieder gegangen war, hätte ich im Anschluss zwei weitere Entspannungscoaches gebraucht.

»Ich hatte noch einen kurzfristigen Haftprüfungstermin. Raub mit Körperverletzung. Da konnte ich nicht so einfach …« Warum redete ich eigentlich die ganze Zeit? Er war hier doch der Hausherr. Müsste er mir nicht wenigstens einen Stuhl anbieten? Oder sonst irgendetwas sagen? Doch der Typ schaute mich einfach nur an. Ungefähr so, wie meine Tochter schaut, wenn sie im Wald einen Käfer sieht. Während beim Käfer instinktiv Schreckstarre einsetzt, wenn er von einer unbekannten Spezies beobachtet wird, setzte bei mir ein Redereflex ein.

»Wir können ja einfach schneller machen … für das gleiche Geld«, versuchte ich den verpatzten Einstieg neu zu gestalten.

»Ein Weg wird nicht kürzer, wenn man rennt«, bekam ich als Antwort.

Ich hatte schon gehaltvollere Sinnsprüche auf den Kaffeetassen meiner Sekretärinnen gelesen. Und der Spruch von dem Typen wurde ja noch nicht einmal durch einen guten Kaffee wettgemacht. Ganz schlechter Start.

»Setzen Sie sich doch. Wollen Sie einen Tee?«

Na endlich. Ich setzte mich in einen der Sessel. Er sah aus, als hätte er in den letzten Siebzigerjahren des vergangenen Jahrtausends mal einen Designpreis gewonnen und bestand im Wesentlichen aus einem einzigen Chromrohr, an dem eine Polsterbespannung aus grobem, braunem Kord aufgehängt war. Der Sessel war erstaunlich bequem.

»Haben Sie auch einen Espresso?«

»Grüner Tee ist okay?«

Der Coach ignorierte meinen Espresso-Einwand und schenkte mir bereits aus einer Glaskanne ein. Man sah ihrem milchig gewordenen Glas an, dass sie seit Jahren täglich im Einsatz war.

»Bitte sehr. Lauwarm.«

»Also, ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob ich hier richtig bin …«, setzte ich an.

Ich hielt mich krampfhaft an meiner Teetasse fest. Ich hatte gehofft, unterbrochen zu werden. Wurde ich aber nicht. Mein Stammeln blieb unvollendet im Raum stehen. Dort begegnete es dem offenen Blick meines Gegenübers. Erst nachdem klar war, dass ich nicht mehr weiterreden würde, nahm auch der Coach einen Schluck von seinem Tee.

»Ich kenne Sie seit dreißig Minuten und denke, Sie könnten hier eine Menge für sich lernen.«

»Sie können mich gar nicht seit dreißig Minuten kennen. Ich bin ja erst seit knapp drei Minuten hier«, bemerkte ich scharfsinnig.