Der Briefwechsel - Marcel Reich-Ranicki - ebook

Der Briefwechsel ebook

Marcel Reich-Ranicki

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Opis

Der große Kritiker und der große Lyriker - ihre Briefe dokumentieren lebhaftes literarisches Leben. Die FAZ plant einen Vorabdruck. 287 Briefe schrieben sich Peter Rühmkorf und Marcel Reich-Ranicki. 1973 übernahm Reich-Ranicki das Ressort Literatur und literarisches Leben in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und rief ein Jahr später die Frankfurter Anthologie ins Leben, die er bis zu seinem Tode betreute. Damit setzte er Maßstäbe im deutschsprachigen Feuilleton. Zu den bedeutenden Autoren, die Reich-Ranicki für die Mitarbeit in der FAZ gewann, zählte Peter Rühmkorf - er schrieb für die Zeitung von 1974 bis 2006. Es geht in diesem Briefwechsel um die Arbeit - Arbeit mit Büchern, Themen, Texten. Und es geht um Literaturgeschichte und auch Politik der alten Bundesrepublik und ihres Wandels nach 1989. Rühmkorf kündigte krachend die Arbeitsbeziehung 1995 wegen Reich-Ranickis Umgang mit dem Roman »Ein weites Feld" von Günter Grass. Nach 5 Jahren versöhnten sie sich - sie wussten beide, was sie voneinander halten sollten und wollten. Beide sind glänzende Briefeschreiber, egal worüber sie sich gerade austauschen oder worüber sie sich beim jeweils anderen beschweren, beklagen, egal ob sie loben oder schimpfen.

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Marcel Reich-RanickiPeter Rühmkorf

Der Briefwechsel

Herausgegeben vonChristoph Hilse und Stephan Opitz

Eine Edition der Arno Schmidt Stiftungin Verbindung mit dem DeutschenLiteraturarchiv Marbach

Wallstein Verlag

Inhalt

Der Briefwechsel

Fünf Texte von Peter Rühmkorf für die FAZ

Nachwort

Dank

Abgekürzt zitierte Werke von Peter Rühmkorf

Lebensdaten von Marcel Reich-Ranicki

Lebensdaten von Peter Rühmkorf

Register der Werke Peter Rühmkorfs

Verzeichnis der in der FAZ publizierten Texte Peter Rühmkorfs

Personenregister

Impressum

Zur Edition

Die Nachlässe von Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf befinden sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar. Sie enthalten auch den hier vorgelegten Briefwechsel. Einzelne Briefe wurden aus dem Archiv der FAZ ergänzt. Die Briefe von und an Franz Josef Görtz, Ulrich Greiner, Volker Hage, Hannelore Müller und Dietrich Ratzke sind Bestandteile der Briefkonvolute in den beiden Nachlässen. Marcel Reich-Ranicki hat seine Briefe diktiert und die Typoskripte auf Kopfbogen der FAZ unterzeichnet. Peter Rühmkorfs Briefe sind ebenfalls weitgehend Typoskripte, die häufig mit handschriftlichen Korrekturen versehen wurden, die hier nicht eigens verzeichnet werden. Handschriftliche Ergänzungen oder Postskripta werden vermerkt, eindeutige Tippfehler stillschweigend korrigiert, orthographische Eigenheiten Peter Rühmkorfs wurden übernommen, Sperrungen im Typoskript werden wiedergegeben, Unterstreichungen kursiv gedruckt. Die Texte der Telegramme werden buchstabengetreu wiedergegeben. Biographische Daten der in den Briefen und Erläuterungen erwähnten Personen sind im Register nachzulesen.

1. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Hamburg, 9. Juni 1967

Mein Lieber,

aus Anlaß des bevorstehenden fünfzigsten Geburtstags von Heinrich Böll – am 21. Dezember 1967 – bereitet der Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, ein Sammelwerk vor, dessen Titel lauten soll: IN SACHEN BÖLL – ANSICHTEN UND EINSICHTEN. Da der außergewöhnliche Erfolg Bölls – die Gesamtauflage seiner Bücher beträgt in deutscher Sprache über 4 Millionen und zusammen mit den Übersetzungen 7 Millionen Exemplare – ein Phänomen ist, dessen Ursachen und Wirkungen weit über das Literarische hinausgehen, werden zur Mitarbeit neben Schriftstellern, Philologen und Kritikern auch Soziologen, Philosophen, Historiker, Psychologen, Theologen und politische Publizisten eingeladen.

Als Herausgeber des geplanten Bandes hoffe ich sehr, daß Sie diese Bitte um einen Beitrag nicht abschlagen werden. Um Mißverständnissen vorzubeugen, möchte ich sogleich betonen, daß es sich nicht etwa um eine Festschrift handelt. Und nicht Lobreden, Gratulationen oder Grußbotschaften sollen hier gesammelt werden, sondern Reflexionen, Stellungnahmen oder Untersuchungen, in denen selbstverständlich auch für kritische Äußerungen Platz ist.

Die Form des Beitrags, die von der wissenschaftlichen Abhandlung bis zur Glosse reichen kann, bleibt ganz und gar Ihnen überlassen. Dasselbe gilt für das Thema: Es kann sich auf einen bestimmten zeitgeschichtlichen, moralischen, künstlerischen oder religiösen Aspekt des Böllschen Werkes beziehen oder nur auf ein bestimmtes Buch oder auch auf eine seiner kleinen epischen oder essayistischen Arbeiten. Was die Länge betrifft, so haben wir an einen Umfang von etwa 4 bis 15 Maschinenseiten gedacht. Das Honorar beträgt für das 1. bis 20. Tausend des Buches DM 50,–– (fünfzig) für die Manuskriptseite (30 Zeilen). Als Ablieferungstermin wurde der 5. September festgesetzt.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie bei diesem editorischen Unternehmen mitwirken könnten. Und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie die Güte hätten, mich möglichst bald wissen zu lassen, ob ich mit einem Beitrag von Ihnen rechnen darf.

Mit bestem Gruß

Ihr Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen Marcel Reich-Ranicki, 1 S. A4

Ein Sammelwerk: In Sachen Böll – Ansichten und Aussichten, hg. von Marcel Reich-Ranicki, Köln 1968; ein Text von Peter Rühmkorf ist nicht enthalten.

2. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 5. August 1974 R.-R. / Kz

Mein Lieber,

Sie erhalten gleichzeitig:

1.  Joachim Ringelnatz »Kuttel-Daddeldu« für die »Frankfurter Anthologie«.

2.  »Denkspiele. Polnische Aphorismen«

3.  Ablichtungen aller bisher erschienenen Beiträge in unserer »Frankfurter Anthologie«.

Gleichzeitig reserviere ich für Sie für die »Frankfurter Anthologie« den Gedichtband »Gegen die symmetrische Welt« von Volker Braun (bei Suhrkamp).

Ich erinnere Sie an die Dimensionen: Gedichte für »Frankfurter Anthologie« bis zu 30 Zeilen, Kommentar bis zu 60 Maschinenzeilen.

Artikel über »Polnische Aphorismen«: Umfang ganz und gar von Ihnen abhängig, aber mehr als 6 Maschinenseiten (mit 30 Zeilen) werden Sie doch dafür nicht brauchen?

Lassen Sie bald von sich hören.

Sehr herzlich

Ihr Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

Kz: Kürzel von Monika Kunz, vgl. Brief 4

Kuttel-Daddeldu: Joachim Ringelnatz, Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid; Erstveröffentlichung München 1923

Denkspiele. Polnische Aphorismen: Antoni Marianowicz, Ryszard Marek Groński, Denkspiele. Polnische Aphorismen des 20. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1974; Peter Rühmkorf hat keine Rezension dieses Buches verfaßt.

Gegen die symmetrische Welt: Der Gedichtband von Volker Braun erschien 1974 in Halle an der Saale und Frankfurt a. M., vgl. Brief 14.

Marcel Reich: Auf den diktierten Briefen unterzeichnete Marcel Reich-Ranicki in der Regel handschriftlich mit »Marcel Reich« über einem maschinenschriftlichen »Marcel Reich-Ranicki«.

3. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 8. August, 74

Lieber Herr Ranicki,

Hier anbei der Ringel. Ihre übrigen Interpreten haben sich, scheint mir, so furchtbar viel Mühe nicht gemacht. Auch zeigen sie zu wenig Temperament und Subjektivität, harmonische oder verkantete, egal. Das Gedicht hab ich aus dem Buch herausgetrennt, schicken Sie mir die Seite doch gelegentlich wieder zu. Falls meine Laudatio zu lang ist, können wir kürzen, d. h. ich. Ein Verlust wär’s auf jeden Fall. Bitte mir meine Schreibeigentümlichkeiten belassen zu wollen! Nur unterlaufene Rechtschreibefehler korrigieren. »aufgetriebne«, »wechseltierig«, »gekuckt« »organiert« pp sind keine. Auch die doppelsinnige Überschrift bitte nicht verändern. –

Wann ich zu den Aphos komme, weiß ich noch nicht. Schöne schlagende Meteoriten dabei – aber: wie will man die besprechen?? Herzlich Ihr

Peter Rühmkorf

P. S. – pss

Habe eben den Schluß nochmal umgeschrieben, was bei meinen Bohrtiefen wieder einen ganzen Tag gedauert hat. Ich befürchte, die Länge müßte doch in Kauf genommen werden. In jederlei Sinn. So viel Spaß mir diese Art Arbeit macht, so viel Zeit kostet sie mich. Normalerweise laß ich Texte erst über Funk laufen, um wenigstens einigermaßen zum Äquivalent zu kommen. Ich möchte deswegen anregen, in diesem Ausnahmefall wie Rezension zu bezahlen. Es würde der weiteren Zusammenarbeit ein gutes Fundament einziehen helfen. Die Gerechtigkeit gegenüber den Kollegen bliebe in jedem Fall gewahrt, weil ich nie was hinwichse, immer Grundlagenforschung mitliefre. – Nochmals

herzlich

P. R.

Maschinenschriftlich, 2 S. A4

der Ringel: vgl. In flagranti gefaßt. Über Ringelnatz’ Gedicht »Vorm Brunnen in Wimpfen«, in: FAZ, 7. 9. 1974 (Frankfurter Anthologie). Vgl. auch Strömungslehre, S. 167ff.

4. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 23. August 1974 R.-R. / M. K.

Mein sehr lieber Herr Rühmkorf,

mehrfach habe ich versucht, Sie telefonisch zu erreichen, allein vergeblich. Für Ihre Ringelnatz-Interpretation danke ich bestens. Sie ist vorzüglich und wird, obwohl etwas lang, ungekürzt bei uns kommen.

Was das Finanzielle betrifft: Sie können sicher sein, daß ich Sie so gut behandeln werde, wie Sie es verdienen – und ich meine das nicht etwa ironisch.

Was macht der Artikel über die polnischen Aphorismen? Enttäuschen Sie mich nicht. Liefern sie etwas Schönes darüber, ob nun kurz oder lang.

Bei de Gruyter ist ein Buch von Walter Pape erschienen mit dem Titel: »Joachim Ringelnatz. Parodie und Selbstparodie in Leben und Werk«. Das ist natürlich ein sehr ernstes, wissenschaftliches Werk, 450 Seiten umfassend, doch davon sind etwa 150 Seiten eine Ringelnatz-Bibliographie sowie ein Verzeichnis seiner Briefe. Wäre das etwas für Sie? Es müßte nicht unbedingt eine ausführliche Auseinandersetzung mit dieser Monographie sein. Sie könnten ja einige Bemerkungen über das Buch mit Darlegungen über Ringelnatz verbinden.

Nächster Vorschlag: Wie stehen Sie zu Ihrem Hamburger Kollegen Matthias Claudius? Bei Vandenhoeck & Ruprecht ist ein Buch von Annelen Kranefuss »Die Gedichte des Wandsbecker Boten« erschienen (rund 230 Seiten). Auch hier geht es mir weniger um dieses Buch als um Claudius. Sie könnten vielleicht das Buch als Vorwand oder Aufhänger verwenden, um etwas über die Lyrik des M. C. zu sagen.

Lassen Sie bitte rasch von sich hören, denn beide Bücher reserviere ich vorerst für Sie.

In alter Herzlichkeit Ihr

Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

M. K.: Kürzel von Monika Kunz, langjähriger Mitarbeiterin von Marcel Reich-Ranicki bei der FAZ

5. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 26. August, 74

Lieber Herr Ranicki,

haben Sie Dank für Ihre freundliche Post. Ich glaube fast, daß ich Ihnen dankbar wäre, wenn Sie mich von den Aphos, zu denen von mir aus bisher nur Bedenken, keine Zustimmungen vorliegen, entlasten würden. Das ganze Genre ist fast unbesprechlich. Außerdem fehlen mir theoretische Grundlagen. Die gesamte Weltliteratur ist ein Steinbruch für Aphos – an Spezialitäten kenne ich nur Lichtenberg, Hiller und Lec – das gibt für mich noch keine geometrische Reihe. Überhaupt schon nicht mehr, wenn man noch die Romantiker mit ihren »Ideen«- und »Athenäumsfragmenten« hinzuzieht. Solche fast noch nicht einmal aphoristischen Kenntnisse vom Aphorismus mögen vielleicht gerade zu einem Aphorismus reichen –. Dann die sonderbare Beobachtung, daß der Brudzinski-Leit-Apho »Der Lorbeerkranz ist manchmal eine Augenbinde« fast wörtlich als Regie-Schlußanweisung zu meinem Volsinii-Stück fungiert: »Von der Seite heran tritt ein Liktor, der dem Konsul einen überdimensionalen vergoldeten Lorbeerkranz aufs Haupt drückt. Er verdeckt nahezu das Gesicht.« Frage, wo fängt der Apho an, wo ist er nur ein versprengtes Stück von einer anderen umfassenderen Welt? –

Ja, bitte, das Ringelnatz-Parodie-Buch, mit dem größten Vergnügen. Daraus läßt sich, selbst wenn es Wissenschaft darstellt, eine fröhliche machen. Ich habe den Parodisten Ringel schon lange im Visier; inzwischen haben ihn offensichtlich auch andere, sehr gut.

Zu Matthias Claudius weiß ich zu wenig zu sagen.

Vorschlag von mir: Klaus Kirchner »Flugblätter – Psychologische Kriegsführung im zweiten Weltkrieg« (Reihe Hanser). a.) kenn ich die Materie aus dem Ff, weil ich selbst Sammler in Kriegszeiten war (habe etwa die Hälfte der abgebildeten Exemplare in meiner Sammlung). b.) hab ich mit Kirchner mal getauscht und habe Einwände gegen sein neutralistisches Wedernoch. c.) ließe sich der Artikel natürlich auch hübsch bebildern, nicht nur vom Faksimile, sondern per Original.

Herzlich Ihr

Peter Rühmkorf

P. S. Tel. ist ein bißchen schwierig, weil ich es meist erst ab 16 Uhr reinstecke. Abends – nicht am Wochenende – ist fast immer jemand zuhause.

Maschinenschriftlich, 2 S. A4

»Ideen«- und »Athenäumsfragmenten«: Friedrich Schlegel, Fragmente, in: Athenäum, Berlin 1798, 1. Bd. 2. Stück; ders., Ideen, in: Athenäum, a. a. O., 3. Bd., 1. Stück

der Brudzinski-Leit-Apho: Der von Peter Rühmkorf erwähnte Aphorismus von Wiesław Brudziński ziert, in eine Illustration umgesetzt, das Titelblatt der Denkspiele und wird auf dem hinteren Einbandblatt zitiert.

Regie-Schlußanweisung zu meinem Volsinii-Stück:Was heißt hier Volsinii? Bewegte Szenen aus dem klassischen Wirtschaftsleben, Reinbek 1969

Sammler in Kriegszeiten: vgl. Jahre S. 10ff.

6. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 28. August 1974 R.-R. / M. K.

Mein lieber Peter Rühmkorf,

herzlichen Dank für ihren Brief vom 26. August.

Der Vorschlag Claudius ist also gestrichen. Papes Buch über Ringelnatz geht Ihnen beiliegend zu. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sich nicht in eine allzu detaillierte Auseinandersetzung mit dem Wissenschaftler Pape einließen, sondern eher die Gelegenheit verwerteten, um uns über Ringelnatz zu belehren. Ich dachte hier an einen Umfang von etwa 5 Maschinenseiten mit 30 Zeilen.

Was Sie zu dem Aphorismen-Band schreiben, überzeugt mich, wenngleich ich nach wie vor der Ansicht bin, daß Sie hierüber Wichtiges schreiben könnten. Wenn Sie es nun aber endgültig nicht wollen, dann seien Sie doch bitte so freundlich und schicken Sie uns das Büchlein zurück.

In Ihrem Brief erwähnen Sie Lichtenberg. Wie wäre es damit? Es ist gerade bei Hanser eine Auswahl der Aphorismen, Schriften und Briefe Lichtenbergs erschienen, ein stattlicher Band, herausgegeben von Wolfgang Promies. Auch in diesem Fall scheint es mir nicht so wichtig, die Auswahl zu beurteilen, als etwas über Lichtenberg zu sagen. Wer könnte dies besser tun als Sie? Lassen Sie mich bitte wissen, ob ich Ihnen diesen Band zuschicken darf.

Wegen Kirchner gebe ich Ihnen in den nächsten Tagen Bescheid.

Ihre Ringelnatz-Interpretation kommt in unserer »Frankfurter Anthologie« wahrscheinlich in der nächsten Woche.

Sehr herzlich

Ihr Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

eine Auswahl an Aphorismen: Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Schriften, Briefe, hg. von Wolfgang Promies, München, 1974

7. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 30. August 1974 R.-R. / M. K.

Lieber Peter Rühmkorf,

jawohl, eine Besprechung des Buches von Kirchner über Flugblätter möchten wir gerne von Ihnen haben. Hier wäre wohl ein Umfang von etwa 4–5 Maschinenseiten mit 30 Zeilen angebracht, aber bitte nicht mehr!

Ich warte auf Ihre Manuskripte und grüße Sie bestens

Ihr Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

8. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 4. 10. 74

Lieber Herr Ranicki,

nur in Eile Dank für den Anruf, ich bin sonst nie vor 4 oder 5 Uhr im Bett. Drehe im Augenblick aber HH.Jahnn-Feature und stabilisiere einen Zeh im Rezessions-Fernsehen. Lebensentscheidungen. Muß auch leider anschließend sofort an eine Funksendung für NDR III – »Politik als Alibi«, worauf ich mich wenig freue, was aber auch zu modus pervivendi gehört. Ab Mitte November bin ich aber wieder frei für Sie und kann schaffen. Was leicht wie flinkes Geldverdienen aussieht, ist das krasse Gegenteil. Habe in bisher drei Theaterstücke soviel Jahre investiert und ergo soviel Geld geschossen, daß ich im Hemd steh. Auch FAZ zahlt mit spröder Langfristigkeit.

Herzlich und bitte keine Ungeduld

Ihr Peter Rühmkorf

Maschinenschriftlich, 1 S. A4

HH.Jahnn-Feature:Ein Mann ohne Ufer. Hans Henny Jahnn; der Film von Paul Kersten und Peter Rühmkorf wurde am 14. 12. 1975 auf NDR 3 gezeigt.

Politik als Alibi: die Rundfunksendung mit dem Titel Protest als Alibi. Literatur und Politik in der Bundesrepublik lief am 12. 11. 1974 von 21:00 bis 21:45 Uhr auf NDR 3.

modus pervivendi: lat. etwa »Überlebenstechnik«

drei Theaterstücke:Was heißt hier Volsinii? Bewegte Szenen aus dem klassischen Wirtschaftsleben (1969), Lombard gibt den Letzten. Ein Schauspiel (Berlin, 1972) und Die Handwerker kommen. Ein Familiendrama (Berlin, 1974)

9. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 19. 11. 74

Lieber Herr Ranicki,

anbei die »Tintenfisch«-Rezension. Alles weitere wie abgesprochen. Telegramm – und, falls schon besetzt, bitte gleich zurück den Durchschlag. Ich glaube allerdings schon, so abgewogen – salomonisch kriegen Sie den Tintenfisch sonst nicht so leicht rezensiert. a) er hat es verdient und b) er hat es nötig: auch die Einwendungen. Ein markanter Schlußsatz steht noch aus.

Herzlich wie immer Ihr

Peter Rühmkorf

Maschinenschriftlich, 1 S. A4

Tintenfisch-Rezension:Ströme unterhalb der Strömung. Ein Jahrbuch für Literatur: Der Tintenfisch, in: FAZ, 14. 12. 1974. Das literarische Jahrbuch Der Tintenfisch erschien von 1968 bis 1987 im Verlag Klaus Wagenbach; neben einer Jahresbibliographie der Werke der deutschsprachigen Verlags-Autoren enthielt jeder Band literarische Kurzprosa deutschsprachiger Autorinnen und Autoren.

10. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

herrn peter ruehmkorf 2 hamburg oevelgoenne 50 =

herzlichst reich-ranicki +

faz 22. 11. 1974 14.30

Telegramm

11. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 28. November 1974 R.-R. / M. K.

Mein Lieber,

gewiß haben Sie mein Telegramm erhalten. Wir nehmen also Ihre Tintenfisch-Besprechung gern und bringen sie bald.

Den vorletzten Gedichtband von Volker Braun dürften Sie inzwischen auch bekommen haben. Hingegen ist die Arno Holz-Ausgabe leider vergriffen. Ich hoffe aber sehr, daß Sie dennoch ein Arno Holz-Gedicht für uns interpretieren werden. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn ich rasch einen Beitrag für die »Frankfurter Anthologie« von Ihnen erhalten könnte, also entweder Volker Braun oder Arno Holz, wobei mir eigentlich der Braun doch etwas eiliger ist.

Und wie schaut es aus mit dem Buch über die Märchen? Damit die Kritik vor Weihnachten kommt, müßte sie jetzt sehr bald in unseren Händen sein.

Lassen Sie von sich hören und seien Sie sehr herzlich gegrüßt

von Ihrem

Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

vorletzten Gedichtband von Volker Braun: vgl. Briefe 2 und 14

Arno Holz-Ausgabe: wohl Arno Holz, Werke, 7 Bde., Neuwied / Berlin 1961–1964

Arno Holz-Gedicht: Peter Rühmkorf hat keine Interpretation eines Gedichtes von Arno Holz für die Frankfurter Anthologie verfaßt.

Buch über die Märchen: Jochen Jung (Hg.), Märchen, Sagen und Abenteuergeschichten auf alten Bilderbogen. Neu erzählt von Autoren unserer Zeit, Gräfelfing 1974

12. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 10. Dez. 74

Lieber Herr Ranicki,

Dank für Brief und Telegramm! Ich wäre sehr froh, wenn sich die neu angebahnte Beziehung aufrecht erhalten ließe – auch wenn ich Ihnen sagen muß, daß ich im Moment in der gröbsten Terminklemme meines Lebens sitze und vor Weihnachten nicht mehr liefern kann. Ich hatte ja schon bevor wir unsern neuen Rezensionskontakt aufnahmen noch einige Aufträge auf Lager (Rundfunksachen), und der zunächst einmal definitiv letzte muß in diesem Jahr noch abgeschlossen werden. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen sagte, daß ich ein Vogelweide-feature mache – nun, jedenfalls hat mich die Arbeit schlimmer als je erahnt in die Mangel gekriegt. Mußte noch mal wieder neu Mittelhochdeutsch lernen, die gesamte Walther-Forschung sondieren pp, kurz, alles nahm viel mehr Zeit in Anspruch als veranschlagt. Bitte also noch einmal etwas Geduld! Ab Januar bin ich aller Auftragslasten ledig und ein freier Mann, d. h. voll lieferfähig und bereit, Sie termingerecht mit Kritiken zu versorgen. Um das Märchenbuch ist es mir natürlich besonders leid – wenn es irgend geht, nehme ich es mir trotz allem noch vor, aber der bloße Gedanke, die laufende Arbeit durch eine Rezension unterbrechen zu müssen, macht mich im Moment völlig konfus.

Sehr herzlich und mit untertänigster Bitte um diesen letzten Aufschub

Ihr Peter Rühmkorf

Maschinenschriftlich, 2 S. A4

einige Aufträge auf Lager: Im zeitlichen Umfeld wurden für den Rundfunk folgende Sendungen von und mit Peter Rühmkorf produziert: Protest als Alibi (gesendet am 12. 11. 1974 auf NDR 3), Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich. Ein Gespräch mit Peter Rühmkorf (gesendet am 31. 1. 1975 auf SDR 2), Reichssänger und Hausierer. Das Leben Walthers von der Vogelweide (gesendet am 22. 2. 1975 auf WDR 3) und Ein wirtschaftliches Interesse liegt nicht vor (gesendet am 20. 4. 1975 auf SFB 1).

13. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 12. Dezember 1974 R.-R. / M. K.

Mein lieber Herr Rühmkorf,

besten Dank für Ihren Brief vom 10. Dezember. Für Ihre Schwierigkeiten und Nöte habe ich volles Verständnis, und so sei Ihnen noch der erwünschte Aufschub zugebilligt. Aber nun hoffe ich, daß Sie wirklich Wort halten werden und uns rasch die einzelnen Kritiken senden. Natürlich sind alle Bücher, die sich bei Ihnen befinden, für uns auch nach Neujahr aktuell und wichtig.

Da Sie nun ein Vogelweide-Feature machen – könnte bei dieser Gelegenheit nicht auch etwas für uns abfallen? Also vielleicht ein Artikel über Walther aus heutiger Sicht? Oder vielleicht ein Beitrag für die »Frankfurter Anthologie«? Da hat schon Wapnewski für uns ein Walther-Gedicht gemacht (nämlich: »Müeste ich noch geleben daz ich die rosen …«), doch sind inzwischen schon mehrere Wochen vergangen, und man könnte natürlich wieder einmal Walthers in der Anthologie gedenken.

Ihre Tintenfisch-Besprechung ist in unserer Nummer vom 14. Dezember. In finanzieller Hinsicht tue ich für Sie, was in meiner Macht ist und sogar etwas mehr. Für den Tintenfisch werden 330,– DM überwiesen.

Sehr herzlich, auch für die gnädige Frau,

Ihr Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

hat schon Wapnewski: Peter Wapnewski, Die große Absage, in: FAZ, 2. 11. 1974

die gnädige Frau: Eva Rühmkorf, seit 1964 mit Peter Rühmkorf verheiratet

14. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 9. Jan. 75

Lieber Herr Ranicki,

hier jetzt keine Ankündigung neuer Verzögerungen, sondern nur Nachricht, daß die Arbeit läuft. Sitze am Braun, und die übrigen Sachen kommen gleich hinterher durch die endlich frei gewordne Mangel. Zum Arno Holz: gibt es da nicht wenigstens eine Taschenbuch-Auswahl, auf die wir uns berufen könnten. Ich habe hier, glaube ich, nur den »Schäffer Dafnis« in der Datscha, muß aber Sonntag mal nachgucken. Für Überweisungen geben Sie doch bitte folgende Nummer an Ihre Finanzstelle:

Commerzbank Hamburg 40/19709.

Herzlich und triefend vor Fleiß

Ihr Peter Rühmkorf

P. S. Das Walther-Feature will ich Ihnen gern mal zuschicken, es muß aber erst durch den Funk-Wolf, vielleicht sogar mit Übernahmen hier oder dort.

Maschinenschriftlich, 1 S. A4

Sitze am Braun: Peter Rühmkorf, Ein Poet mit viel Puste. Über Volker Brauns Gedicht »Durchgearbeitete Landschaft«, in: FAZ, 12. 4. 1975 (Frankfurter Anthologie), vgl. auch Widersprüche, S. 42

»Schäffer Dafnis«: Arno Holz, Dafnis. Lyrisches Portrait aus dem 17. Jahrhundert, München 1904; auf dem Einband der Erstausgabe lautet die Titelangabe: Des berühmbten Schäffers Dafnis sälbst verfärtigte / sämbtliche Freß- Sauff- & Venus-Lieder benebst angehänckten Auffrichtigen und Reuemüthigen Bußthränen.

in der Datscha: Reetdachkate in Roseburg (Kreis Herzogtum Lauenburg), die Peter Rühmkorf 1970 erwarb, renovierte und als Landsitz nutzte.

15. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 13. Januar 1975 R.-R. / M. K.

Lieber Herr Rühmkorf,

besten Dank für Ihren Brief vom 9. Januar. Ich erwarte nun Ihre Manuskripte, wobei Ringelnatz und der Märchenband besonders eilig sind.

Von Arno Holz gibt es als Reclam-Hefte den »Phantasus«, den »Papa Hamlet« und »Die Familie Selicke«, und damit wird Ihnen, befürchte ich, nicht gedient sein. Wir werden uns in der bibliographischen Notiz auf die vergriffene Luchterhand-Ausgabe berufen.

Herzlichst Ihr

Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

Ringelnatz:Von Kuttel Daddeldu kam er nicht los.Joachim Ringelnatz, das vervielfachte Original, in: FAZ, 28. 2. 1976

der Märchenband: Peter Rühmkorf, Das alte neue Alte oder: Unerwartete Verwandtschaften.Deutsche Schriftsteller erzählen Märchen, in: FAZ, 22. 2. 1975

»Phantasus«: Arno Holz, Phantasus, Stuttgart 1968

»Papa Hamlet«: Arno Holz und Johannes Schlaf, Papa Hamlet / Ein Tod, Stuttgart 1963

»Familie Selicke«: Arno Holz und Johannes Schlaf, Die Familie Selicke. Drama in 3 Aufzügen, Stuttgart 1966

16. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 19. 1. 75

Lieber Herr Ranicki,

hier der Volker Braun. Bißchen lang wieder, aber Sie brauchen ja nur den Strich etwas anzuheben. Eine ganz schnelle Frage: ich muß und will »Literaturmagazin III« (Rowohlt) für NDR III besprechen, könnte das ein gemeinsames Objekt sein. Sie wissen: ich muß sonst anderweitig disponieren.

Herzlich wie immer

Ihr Peter Rühmkorf

P. S. als nächstes kommt der Ringelnatz. Recht so?

Maschinenschriftlich, 1 S. A4

»Literaturmagazin III«: Das Literaturmagazin erschien im Rowohlt-Verlag von 1973 bis 2001 in 46 Ausgaben; Peter Rühmkorf bezieht sich auf den 3. Band mit dem Titel Die Phantasie an die Macht. Literatur als Utopie, den Nicolas Born 1975 herausgab. Rühmkorfs Besprechung dieses Bandes erschien in der Zeitschrift Das da (Heft 4, April 1975, S. 41–42) unter dem Titel Ein Drugstore für Literaritäten. Peter Rühmkorf über Rowohlts »Literaturmagazin III«. Sie wurde nicht für den NDR produziert.

17. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 24. Januar 1975 R.-R. / M. K.

Lieber Herr Rühmkorf,

in Ergänzung der heutigen Sendung noch ein Hacks-Buch: »Die Dinge in Buta« (Berliner Handpresse).

Herzlichst Ihr

Marcel Reich

Maschinenschriftlich, 1 S. A4

in Ergänzung der heutigen Sendung: nicht mehr zu ermitteln

»Hacks-Buch«: Peter Hacks, Die Dinge in Buta, Berlin 1974

18. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 30. Januar 1975 R.-R. / M. K.

Lieber Herr Rühmkorf,

der Ordnung halber sei nur kurz schriftlich bestätigt: Sie schreiben für uns einen kleinen Beitrag für unsere Umfrage aus Anlaß des 100. Geburtstags von Thomas Mann. Die Frage lautet:

»Was bedeutet Ihnen Thomas Mann, was verdanken Sie ihm?«

Die Antwort sollte 50 bis 100 Maschinenzeilen umfassen.

Sie deuteten an, daß Sie eine ganz und gar negative Antwort geben wollen. Dagegen ist von mir aus nichts einzuwenden, nur bitte ich in diesem Fall um eine möglichst überzeugende Begründung.

Ich warte nun auf Ihre Manuskripte über die Märchen und das Ringelnatz-Buch, und grüße Sie herzlichst Ihr

Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

einen kleinen Beitrag für unsere Umfrage: vgl. Thomas Mann. Zum hundertsten Geburtstag,Achtzehn Antworten auf die Fragen: Was bedeutet Ihnen Thomas Mann, was verdanken Sie ihm?, in: FAZ, 31. 5. 1975 (Beiträger: Tibor Déry, Hans Georg Gadamer, Graham Greene, Wolfgang Harich, Walter Jens, Wolfgang Koeppen, Arthur Koestler, Leszek Kołakowski, Günter Kunert, Siegfried Lenz, Golo Mann, Adolf Muschg, Hans Erich Nossack, Peter Rühmkorf, Manès Sperber, Friedrich Torberg, Hans Weigel, Angus Wilson)

19. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 3. 2. 75

Lieber Herr Ranicki,

anbei das Kleinod, das für den SPIEGEL wohl zu wenig auf Stromlinie lag. Dabei gehört es gezielt in die laufende Diskussion, nun, Sie werden sehen. Für Spiegel hatte ich übrigens gekürzte Fassung erstellt, was aber, bitte, nicht durchaus sein muß. Die Arbeit hat bei allen Wippchen strengsten methodischen Zusammenhang. 2/3/4 Ms-Seiten max. könnte ich, bei Bedarf und Wunsch, für Sie noch streichen – da geht es aber schon fast an die Substanz. SFB-Sendung ist am 20. April. Danach könnte dann gleich gedruckt werden. Im Nichtverwendungsfalle senden Sie es doch freundlicherweise gleich zurück, es haben sich in der Zwischenzeit noch einige ernsthafte Bewerber eingestellt. Ich habe sie – mit Hinweis auf Ihr Vorkaufsrecht! – an der längeren Leine gelassen.

Herzlich wie immer Ihr P. R.

Maschinenschriftlich, 1 S. A4, hs. Gruß

das Kleinod, das für den SPIEGEL: In Peter Rühmkorfs Briefwechsel mit dem SPIEGEL-Redakteur Walter Busse Ende 1974 werden der von Peter Rühmkorf angesprochene Text und dessen problematische Länge zwar erwähnt, aber ohne einen Titel oder einen inhaltlichen Bezug zu nennen. Eine Veröffentlichung des Aufsatzes kommt nicht zustande, Rühmkorf bittet Busse, den Essay anderweitig anbieten zu dürfen, ohne jedoch eine Möglichkeit zu sehen, das bereits erhaltene Honorar wieder zurückzahlen zu können. Das unveröffentlichte Tagebuch, 24. 9. 1974 (Typoskript), belegt, daß es sich um den Essay Kein Apollo-Programm für Lyrik, in: FAZ, 3. 5. 1975, handelt. Über SFB 1 wurde der Essay als Radiovortrag unter dem Titel Ein wirtschaftliches Interesse liegt nicht vor am 20. 4. 1975 gesendet.

20. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 10. 2. 75

Lieber Herr Ranicki,

in ganz großer Eile das vor der Eile mit viel Muße und Einfühlungskraft erarbeitete Skript. Thomas-Mann-Anmerkungen folgen noch in dieser Woche.

Herzlich wie immer

Ihr Peter Rühmkorf

Maschinenschriftlich, 1 S. A4

Skript:Kein Apollo-Programm für Lyrik

21. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 4. März 1975 R.-R. / M. K.

Mein lieber Herr Rühmkorf,

beiliegend sende ich Ihnen die Fahne Ihres Artikels. Sie werden sehen, daß wir nur eine kleine Kleinigkeit gestrichen haben. Sehr wahrscheinlich werden weitere Kürzungen, soweit sich dies schon jetzt beurteilen läßt, nicht nötig sein. Schauen Sie es sich bitte genau an.

Die Veröffentlichung wird ja erst, im Sinne Ihres Wunsches, gegen Ende April erfolgen.

Sehr herzlich

Ihr Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

22. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 27. 3. 75

Lieber Herr Ranicki,

anbei die »Apollo«-Korrektur und die Th-Mann-Expertise. Mit letzterer werden sie sich wenig befreunden können, und ich hör schon das Gejaule der Großgemeinde, es muß aber doch wohl eine abweichende Meinung noch möglich sein. Ich kann diesen Mann in meinen privaten Pluralismus einfach nicht einbauen, er erscheint mir feindlich und – im beschriebenen Sinn – »apollinisch«. Das goldne Vließ, das man ihm hingebreitet hat, ist anderen abgezogen worden, sein singulärer Ruhm wurde von all den zahllosen Vergeßnen mitbezahlt. Nun, lesen Sie selbst und schütteln sich.

Zum Ringelnatz bin ich noch nicht gekommen, weil ich gern auch mal wieder frei phantasieren wollte; Sie kriegen ihn aber in Bälde. Sagen Sie eines: ich würde so sehr gern für den Briefwechsel Jahnn-Huchel etwas tun, wäre das bei Ihnen möglich? Oder ist er schon vergeben? Das Buch ist – mit vielen Anmerkungen bereits – in meiner Hand.

Sehr herzlich Ihr Peter Rühmkorf

Maschinenschriftlich, 1 S. A4

Briefwechsel Jahnn-Huchel: Bernd Goldmann (Hg.), Hans Henny Jahnn / Peter Huchel: Ein Briefwechsel (1951–1959), Mainz 1974

das Buch … mit vielen Anmerkungen: Peter Rühmkorfs Exemplar des Jahnn-Huchel-Briefwechsels enthält auf zahlreichen Seiten Unterstreichungen und Markierungen; handschriftliche Anmerkungen befinden sich als Einlage auf separaten Notizzetteln hinten im Buch (vgl. Bibliothek Peter Rühmkorf im DLA).

23. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 7. April 1975 M. R.-R. / M. K.

Mein lieber Peter Rühmkorf,

Ihre Volker-Braun-Interpretation erscheint in dieser Woche. Ihr Aufsatz über die Situation der Lyrik kommt höchstwahrscheinlich am 26. April (wir hätten die Arbeit längst gebracht, wenn nicht Ihr besonderer Terminwunsch gewesen wäre). Für Ihren Beitrag zu Thomas Mann danke ich bestens, noch konnte ich ihn nicht lesen.

Aber wo bleiben denn Ihre Rezensionen? Sie sollten doch noch schreiben über:

1. Ringelnatz,

2. Kirchners »Flugblätter«,

3. Peter Hacks.

Das Leben ist zu kurz für Ihre Termine. Wir können nicht so spät mit Büchern aus dem Jahre 1974 kommen. Also bitte machen Sie die drei Sachen so bald wie möglich.

Sehr herzlich

Ihr Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

24. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 8. April 1975 M. R.-R. / M. K.

Lieber Peter Rühmkorf,

meinen gestrigen Brief haben Sie gewiß erhalten.

Inzwischen habe ich Ihr Thomas Mann-Manuskript gelesen. Ich finde jeden Satz, ja jedes Wort in Ihrem Manuskript ganz und gar falsch. Aber ich habe Ihre Äußerungen mit großem Vergnügen gelesen und wir werden sie gern und mit Vergnügen publizieren.

Sie fragten am 27. März nach dem Briefwechsel Jahnn/Huchel. Es hat doch, mein Lieber, keinen Sinn, daß Sie immer mehr Bücher zur Besprechung nehmen und sie somit praktisch blockieren. Machen Sie doch erst einmal die drei Sachen, die bei Ihnen liegen. Im übrigen ist dieser Briefwechsel längst vergeben. Fröhlich wird ihn machen, und so wird Ihrem Jahnn ganz gewiß kein Unrecht geschehen.

In Erwartung Ihrer Manuskripte und mit einem sehr herzlichen Gruß,

Ihr Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

Fröhlich wird ihn machen: Hans Jürgen Fröhlich, Es ist nicht umsonst gewesen.Der Briefwechsel zwischen Hans Henny Jahnn und Peter Huchel, in: FAZ, 7. 6. 1975

25. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 4. Mai 75

Lieber Herr Ranicki,

in allergrößter Eile eine kleine Post. Daß Sie mein »Apolloprogramm« ohne jeglichen! Druckfehler gebracht haben, ermutigt zu manchem. Auch die Zwischenüberschriften waren hervorragend erwählt. Habe ich in meinem Thomas-Mann-Statement eigentlich das Wort Allfanzereien zu Alfanzereien verbessert – mein Durchschlag verzeichnet hier nichts. Es kommt zwar vom italienischen all avanza, aber hat doch dann ein »L« im Deutschen fahrenlassen. – Daß Sie weitere Rezensionen von mir bisher nicht bekommen haben, hat nichts mit Faulheit und nichts mit Entfremdung zu tun. Ich muß vielmehr bis Ende Juni ein neues Buchmanuskript abliefern und bin bis dahin ziemlich verplombt. Der erste Teil handelt – wir sprachen schon mal darüber – von Walther von der Vogelweide und gibt eine Art Lebensbild nebst eingestreuten Gedichtübersetzungen, die Wapnewski, dem Sie nicht trauen, für die besten je geleisteten hält. Da die Konkurrenz auf diesem Feld nicht so groß ist, mag das wenig besagen – auch objektiv wenig – aber: ich glaube schon, daß ich einen ganz neuen Walther (der immer und in jeder Hinsicht eine Übersetzungsfrage ist) zum Leben erweckt habe; und wir sollten uns rechtzeitig über Vorabdruck unterhalten. – Ich fahre jetzt für etwa zehn Tage nach Italien und bin erst Mitte Mai wieder richtig greifbar. Bis dahin in alter Herzlichkeit

Ihr Peter Rühmkorf

P. S. Aber: Den Holthusen und mich auf eine Seite zu zwängen, das zeugt doch bereits wieder von apollinischer Tücke. – Abgesehen davon: Ihr Samstagsfeuilleton, das mich hier immer prompt erreicht, ist in D-Land unübertroffen. Gottseidank bleibe ich von der Umgebung sonstso verschont; manches kommt mir zu Ohren, aber ich lasse es unbesehen vorbeifliegen.

Maschinenschriftlich, 2 S. A4

Alfanzereien: Schwindelei, Possenreißerei, Gaukelei

ein neues Buchmanuskript:WKI

Vorabdruck:Das Bettellied vom Minnesang. Walther von der Vogelweide als Bittsteller und Polemiker, in: FAZ, 1. 11. 1975

etwa zehn Tage nach Italien: Peter Rühmkorf flog noch am selben Tag nach Rom, um bis zum 15. 5. 1975 einige Tage in der Villa Romana und mit Besichtigungstouren, u. a. nach Pisa und Siena, zu verbringen.

Holthusen: Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Hans Egon Holthusen war langjähriges SS-Mitglied gewesen.

26. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 30. Juni 1975 M. R.-R. / M. K.

Mein lieber Herr Rühmkorf,

die Zusammenarbeit mit Ihnen ist qualvoll. Seit Monaten warte ich auf vereinbarte Manuskripte von Ihnen und erhalte nichts. Sie wollten über Peter Hacks schreiben, Sie wollten sich zu den »Flugblättern« von Kirchner äußern. Das Buch von Kirchner ist 1974 erschienen. Noch ist es nicht zu spät, aber doch schon allerhöchste Zeit. Sie wollten über Papes Ringelnatz-Monographie etwas sagen.

Nun höre ich, daß in den nächsten Wochen ein Bändchen von Ringelnatz bei Rowohlt erscheinen wird. Die beiden Bücher könnte man doch gewiß miteinander verbinden und zum Gegenstand einer schönen Kritik von 4–5 Maschinenseiten machen.

Ferner: Wollen Sie nicht wieder einmal eine »Frankfurter Anthologie« für uns schreiben? Ein Klopstock-Gedicht (aber nicht ein langes, höchstens 30 Zeilen) wäre mir sehr recht. Sie dachten in diesem Zusammenhang auch an Arno Holz.

Im »Faust« heißt es, glaube ich: »Der Worte sind genug gewechselt, laßt endlich mich nun Taten sehen«. Mit anderen Worten: Ich warte auf eine Nachricht von Ihnen und vor allem auf Ihre Manuskripte.

Grüßen Sie bestens die Dame aus dem Knast und seien Sie selber herzlichst gegrüßt

von Ihrem

Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

ein Bändchen von Ringelnatz: Joachim Ringelnatz, Es wippt eine Lampe durch die Nacht.Gedichte u. Zeichnungen, Reinbek 1975

im »Faust« heißt es: »Der Worte sind genug gewechselt, / Laßt mich auch endlich Taten sehn«, vgl. Johann Wolfgang Goethe, Faust. Eine Tragödie, Vorspiel auf dem Theater, in: Sämtliche Werke Bd. 6.1., München 2006, S. 540

die Dame aus dem Knast: Eva Rühmkorf war von 1973 bis 1979 Direktorin der Hamburger Jugendstrafanstalt Vierlande.

27. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 3. Juli 75

Lieber Herr Ranicki,

halten Sie mich um Gotteswillen nicht für den, der ich Ihnen scheine! Ich schreibe ein Buch zu Ende, bin tief in Klosterzucht und Schweigegelübde eingesiegelt, kann aber bald wieder die Augen von der Schreibtischplatte gen Himmel heben, auch gen Süden richten, auch in den Ringelnatz senken – bitte noch ganz etwas Geduld! Zwei Wochen nur. Auch an den Klopstock will ich liebend gern denken. Es gibt da ja immerhin noch Epigramme, schöne, schneidende. Falls die Botschaft Sie bereits erreicht hat: ich habe ja auch selbst einige hübsche neue Gedichte zum Angebot, sowohl Walther-Übersetzungen als auch höchstpersönlich-eigne: da könnte man der armen Innung doch vielleicht mal ein Vorzugsplätzchen einräumen, und sei es nur einen Seitenriemen. Aber überlegen und entscheiden Sie nach Belieben. Noch ist alles feucht-frisch, nur einiges erst über Funk gegangen, und – was vielleicht interessieren dürfte – alles ganz unverfänglich, reine schöne Kunst und gerade das Rechte für kluge Köpfe, die sich hinter was verbergen.

Sehr herzlich

Ihr Peter Rühmkorf

Maschinenschriftlich, 2 S. A4

28. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 7. Juli 1975 M. R.-R. / M. K.

Lieber Herr Rühmkorf,

Ihren Brief vom 3. Juli habe ich mit großer Herzlichkeit gelesen und mit einiger Verärgerung. Sie bestätigen das alte deutsche Vorurteil, daß ein Gespräch mit Lyrikern eigentlich gar nicht möglich ist.

Natürlich werde ich gern oder ungern noch etwas Geduld haben, natürlich kann ich die zwei Wochen noch warten. Und es freut mich, daß Sie dann endlich sich des Ringelnatz annehmen wollen und auch des Klopstock. Aber was sollen Ihre Hinweise auf Ihre neuen Gedichte, auf Ihre Walther-Übersetzungen? Was soll das ganze Angebot? Ich brauche nicht Ihre Ausführungen, sondern Ihre Manuskripte.

Wie oft soll ich Ihnen mitteilen – was ich schon mündlich und schriftlich getan habe –, daß wir Ihre Gedichte gern drucken werden. Dies können wir aber, lieber Herr Rühmkorf, nicht tun, wenn wir sie nicht haben. Natürlich will ich gern Walther-Übersetzungen von Ihnen bringen, vielleicht zusammen mit einigen Erklärungen von Ihnen, warum und wie und weshalb Sie sich damit befaßt haben. Aber wie soll ich das denn eigentlich machen, wenn ich von Ihnen nichts kriege?

Wie gesagt: Ich lese Ihre Briefe sehr gern, aber druckbare Manuskripte wären mir noch lieber. Also schicken Sie mir endlich den Ringelnatz und den Walther, den Klopstock und Ihre eigenen Produkte.

Und grüßen Sie bestens Ihre Frau, mit der es sich ungleich besser verhandeln läßt.

Sehr herzlich

Ihr Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

29. Peter Rühmkorf an Ulrich Greiner

Hamburg, den 28. 8. 75

Lieber Herr Greiner,

Dank für rasche Zumittlung des Seewald-Buches; es warf leider meine Besprechung des Hanser-Büchleins noch einmal ganz durcheinander. Ich lege Ihnen zur Illustration vier Flugblätter aus Privatbesitz zu; es sind Raritäten, und ich bitte sehr, sie bestens zu hüten. Nr. 492 bezieht sich auf Ms-S. 2 unten, Nr. 530 auf MS-S. 3, Nr. G 51 dito auf 3. Die Nr. 294, eine Seltenheit ersten Ranges, böte sich vielleicht auch an, obwohl es nicht ausdrücklich genannt wird. Für Hinweis: aus Privatbesitz des Autors o. ä. wäre ich dankbar. Da ich ab 15. Sept. wieder in Hamburg bin, bitte die Blätter bis dahin in Gewahrsam (sicherstem!) zu halten; ich forder sie dann ab.

Bei lege ich Ihnen außerdem ein unkorrigiertes Umbruchexemplar meines neuen Buches; ich hatte es Herrn Ranicki schon angekündigt. Noch haben Sie völlig freie Hand, Sie müßten sich nur ganz schnell – im Groben – entscheiden, auf was Sie wertlegen würden. Ich würde Ihnen gern einen größeren Komplex daraus überlassen – seien es mehrere eigne Gedichte, seien es einige Walther-Übersetzungen (die dann freilich durch sagen wir mal etwas balladeske Zwischentexte verbunden und/oder erklärt werden müßten). Der Klopstock-Teil ist Überarbeitung einer früheren Darstellung, entfällt also für Vorabdruck.

Soviel für den Moment. Hoffentlich ist Herr Ranicki in absehbarer Zeit wieder im Hause, damit wir disponieren können. Ich muß nämlich (das Buch erscheint Ende Oktober / Anfang November) alle Möglichkeiten des Vorabdruckes wahrnehmen; wollte Ihnen aus alter Geschäftsverbindlichkeit nur das Recht der ersten Hand einräumen. Definitive Nachricht erbitte ich besonders im Hinblick auf meine eignen neuen Poeme eiligst, d. h., bei Bedarf, mit genauen Titelbenennungen. Ich wäre sehr dankbar, wenn ich bei Rückkehr vom Urlaub einen kleinen Bescheid vorfände.

Freundlichst Ihr

Peter Rühmkorf

Maschinenschriftlich, 2 S. A4

Lieber Herr Greiner: Ulrich Greiner war von 1970 bis 1980 Feuilleton-Redakteur bei der FAZ, ab 1980 bei der ZEIT.

des Seewald-Buches: Ortwin Buchbender und Horst Schuh (Hg.), Heil Beil! Flugblattpropaganda im II. Weltkrieg. Dokumentation und Analyse, Stuttgart: Seewald-Verlag 1974

meine Besprechung des Hanser-Büchleins:Enthüllungsstrips im Halbdunkel. Flugblätter aus dem 2. Weltkrieg, in: FAZ, 13. 9. 1975, vgl. Briefe 5 und 7

vier Flugblätter aus Privatbesitz: Peter Rühmkorf sammelte in seiner Jugend Flugblätter der Alliierten; der überlieferte Teil der Sammlung befindet sich im Nachlaß im DLA Marbach.

Der Klopstock-Teil: vgl. Friedrich Gottlieb Klopstock, Gedichte. Ausgewählt von Peter Rühmkorf, Frankfurt a. M. / Hamburg 1969; das Vorwort der Gedichtsammlung (S. 7–28) bildete die Basis für das Kapitel Friedrich Gottlieb Klopstock.Ein empfindsamer Revolutionär in WKI.

eignen neuen Poeme: vgl. Einundzwanzig Gedichte, in: WKI (S. 149–180)

Rückkehr vom Urlaub: Eva und Peter Rühmkorf fuhren am 30. 8. 1975 mit dem Auto nach Italien, wo sie sich u. a. in der Gegend um Bolsena (ursprünglich Volsinii Novi), Tarquinia und Cecina (Toskana) aufhielten; von dort kehrten sie vor dem 16. 9. 1975 wieder nach Hamburg zurück.

30. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 15. Sept. 1975 M. R.-R. / M. K.

Mein Lieber,

besten Dank für Ihren Brief vom 28. August. Ihre Flugblatt-Kritik ist, wie Sie gesehen haben, mit drei Abbildungen erschienen, was auf dieser Seite ganz und gar ungewöhnlich ist. Sie sollten dem entnehmen, daß wir Sie besonders gut behandeln.

Einen Abschnitt aus Ihrem Walther von der Vogelweide-Essay bringen wir gern, und zwar so schnell wie möglich. Ich halte es aber für dringend notwendig, daß Sie selber einen solchen Abschnitt auswählen und entsprechend zurechtmachen. Es versteht sich, daß für uns die erzählenden Passagen dieser Arbeit geeigneter sind als die philologischen Darlegungen. Wir möchten das in großer Aufmachung bringen und können maximal 12–13, höchstens 14 Maschinenseiten mit 2000 Anschlägen unterbringen. Sehen Sie Möglichkeiten, die Arbeit zu illustrieren? Das Walther von der Vogelweide-Bild aus der Manesseschen Liederhandschrift ist nicht mehr verwendbar, da es mittlerweile allen zum Halse hinaushängt.

Was Ihre eigenen Gedichte betrifft, so werde ich Sie morgen, spätestens übermorgen informieren.

Wann bekomme ich endlich die versprochenen Rezensionen über Peter Hacks und Ringelnatz? Von Ringelnatz erscheint jetzt bei Rowohlt noch ein Bändchen. Dies könnte man zu der Monographie hinzunehmen, wodurch die Sache abgerundeter wäre.

Überdies habe ich für Sie noch einen weiteren Vorschlag, nämlich »Das große Liederbuch« bei Diogenes. Den Prospekt dieses Buches lege ich bei. Erbitte rasche Antwort und grüße ergebenst und herzlichst

Ihr Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

Das Walther von der Vogelweide-Bild aus der Manesseschen Liederhandschrift: Gemeint ist die Abbildung Walthers auf S. 124 im Codex Manesse (auch Manessische Liederhandschrift oder Manessische Handschrift), Universitätsbibliothek Heidelberg. Zur Illustration des Rühmkorf-Textes wurde die Walther-Miniatur auf S. 147 der Weingartner Liederhandschrift verwendet (Weingartner Liederhandschrift, auch Stuttgarter Liederhandschrift, Württembergische Landesbibliothek).

Das Große Liederbuch bei Diogenes:Das große Liederbuch.204 deutsche Volks- u. Kinderlieder, gesammelt von Anne Diekmann, unter Mitwirkung von Willi Gohl. Mit 156 bunten Bildern von Tomi Ungerer, Zürich 1975

31. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, d. 17./18. 9. 75

Lieber Herr Ranicki,

Dank für Ihr promptes Freundliches vom 15. September. Ihren Anschlagbedarf betr. Walther habe ich versucht, in Druckzeilen zu übersetzen, wobei ich auf die beigefügte Menge gekommen bin. Ob es zu viel ist, ob möglicherweise viel zu wenig? ich weiß es nicht; Sie können es aber von Ihrer Satzabteilung schnell prüfen lassen, es gibt da ja diese praktischen Drehscheiben. In jedem der beiden Fälle kann postwendend Abhilfe geschaffen werden. Das Stück selbst ist gut herauslösbar und gibt in der Fazette doch den ganzen Walther, bzw. meine neumoderne Sicht von ihm. Worauf es mir ankommt, ist ja die Klassenunsicherheit, die kommt hier so oder so – erzählerisch/berichterisch oder interpretativ – deutlichst heraus.

Zur Illustration bietet sich gerade in diesem Fall vieles an. 1.) Wartburgbilder. 2.) Sängerkrieg auf der Wartburg; es gibt da zeitgenössische Illustrationen, die mir allerdings nur in der ohnmächtigen Nachkrakelung des alten »König« zur Hand sind. 3.) Das schöne Bilderbuch »Lustgarten der Äbtissin Herrad von Landsberg«, in dem sich u. a. ein hübsch-naiver »Troßknecht mit Pferd und Maultier« abgebildet findet (Bezug auf Walthers Pferd und »Atze«). Nun schnell zu weiterem. »Das große Liederbuch« – normalerweise hätte ich gern zugegriffen; ich befürchte aber, hier in ein altes Besprechungsmuster zurückzufallen (siehe den Moos-Märchenband). Hinzu kommt, daß ich ja immer noch mit Hacks und Ringelnatz in Ihrer Schuld bin und mir neue Schulden ungern aufsacke. Schwierigkeiten machen mir vor allem die beiden Hackse. Ich gewinne keinen rechten Zugang. So ist es leider oft, wenn man von ferne über die Katze im Sack verhandelt; man spitzt bereits interessiert die Augen, und dann ist es doch nichts rechtes. Ich möchte auch mal wieder lauthals loben – das kann ich im Moment nur beim Ringel. Gern würde ich mal wieder ein kleines Gedicht besprechen, aber was? »Die frühen Gräber« hat Wap mir weggeschaufelt, Trakl und Benn sind auch gerade dran gewesen, also wen? Hardekopf würde mich interessieren, auch Lichtenstein, überhaupt Expressionismus. An »neuer Subjektivität« wäre vielleicht Nicolas Born interessant, er hat manchmal diese schönen schrägen Flöten. Biermann soll ja wohl ein Büchlein (oder Platte?) mit Liebesliedern in der Mache/Plane haben – ist da schon etwas heraus? Seit ich keinen eignen Lektorats-, bzw. Redaktionsstuhl mehr habe, sehe ich Neuerscheinungen immer nur in flagranti. Peter Wapnewskis »Waz ist minne« – auch das wäre natürlich ein Gegenstand. Er hat mich hinsichtlich meines Walther freundschaftlichst beraten; aber ich glaube, wir denken im Hinblick auf Minnesang und ergo Minne ziemlich divergent. Er zunächst vom Überbau her und ich von der plan/platten Basis aus. Vermutlich hält er mich für einen Einbrecher in die Zunft, einen Bönhasen, ich ihn für einen Domänen-Verwalter, der manchmal einfach nicht sieht, wie unten (bei den literarischen Produzenten!) der Boden bearbeitet wird. Bei der Frage »Waz ist minne«? fängt jedenfalls das Problem für mich nicht bei Schachspiel und Falkenbeize an, sondern bei, siehe Text: Kreuzeszug und Heiratsökonomie.

So. Wieder mal vier Uhr morgens, und die Post muß raus. Zu den Gedichten meines Doppelgängers/Namensvetters kann ich von mir aus nichts sagen; außer, daß hier noch zahlreiche Druckfehler vorliegen; auch haben sich einige Strophen noch ein wenig bei der Schlußkorrektur verändert. Dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie mir das vorläufige Umbruchexemplar wieder zusenden könnten und möglicherweise interessierende Gedichte benennen würden.

in alter Herzlichkeit

Ihr Peter Rühmkorf

Maschinenschriftlich, 3 S. A4

des alten »König«: vgl. Robert Koenig, Deutsche Literaturgeschichte, Bielefeld und Leipzig 1910. In der Bibliothek Peter Rühmkorf im DLA befindet sich die 32. Auflage, vgl. dort Bd. 1, S. 129.

»Lustgarten der Äbtissin Herrad von Landsberg«: Gemeint ist eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert mit dem lateinischen Titel Hortus deliciarum. Auf Tafel VII der Ausgabe von Christian Moritz Engelhardt, Stuttgart und Tübingen 1818, findet sich »Troßknecht mit Pferd und Maultier«.

Walthers Pferd: vgl. sog. Atze-Spruch, Walter von der Vogelweide, Gedichte.Mittelhochdeutscher Text und Übertragung, hg. von Peter Wapnewski, Frankfurt a. M. 1962ff., Nr. 68; ebenso WKI, S. 39

den Moos-Märchenband: vgl. Brief 15

die beiden Hackse: welches andere Buch von Peter Hacks neben Die Dinge in Buta (vgl. Brief 17) Marcel Reich-Ranicki Peter Rühmkorf zukommen ließ, ist nicht bekannt.

»Die frühen Gräber«: Friedrich Gottlieb Klopstock, Die frühen Gräber; Gedicht, entstanden 1764, zuerst abgedruckt in Friedrich Gottlieb Klopstock, Oden (Bd. 1), Hamburg 1771, S. 155

hat Wap mir weggeschaufelt: Peter Wapnewski, Der Naturhymnus ein Grabgesang. Über Friedrich Gottlieb Klopstocks Gedicht »Die frühen Gräber«, in: FAZ, 23. 8. 1976 (Frankfurter Anthologie)

Biermann … ein Büchlein (oder Platte) mit Liebesliedern: Wolf Biermann, Liebeslieder. LP, CBS (1975), vgl. Peter Rühmkorf, Du, laß Dich nicht verzärteln. Kritisch-solidarische Anmerkungen zu einer neuen Biermann-Platte, in: FAZ, 29. 5. 1976. Vgl. auch Strömungslehre, S. 99f.

Peter Wapnewskis »Waz ist Minne«: Peter Wapnewski, Waz ist Minne. Studien zur mittelhochdeutschen Lyrik, München 1975

hinsichtlich meines Walther … beraten: Peter Rühmkorf und Peter Wapnewski führten in der Entstehungsphase von WKI eine umfangreiche Korrespondenz, vgl. Nachlaß Peter Rühmkorf im DLA

einen Bönhasen: norddt. etwa »Pfuscher«

Gedichten meines Doppelgängers: Selbstironie

32. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 17. Oktober 1975

Lieber Herr Rühmkorf,

Die »Frankfurter Anthologie« wird im nächsten Frühjahr im Insel Verlag erscheinen. Sie haben gewiß nichts dagegen, daß auch Ihre Beiträge in diesen Band aufgenommen werden. Es versteht sich übrigens, daß der Verlag sich noch an Sie direkt wenden wird.

Vorerst aber bitte ich Sie, den Text Ihrer Kommentare zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Abgesehen von sachlichen Korrekturen, sind auch geringfügige Änderungen Ihrer Texte, falls Sie sie für nötig halten, noch möglich, doch bitte ich, derartige Änderungen in Grenzen zu halten.

Ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar, wenn Sie die Güte hätten, auch den Text der Gedichte durchsehen und etwaige Druckfehler korrigieren zu wollen.

Schließlich wäre ich für die möglichst baldige Rücksendung sehr dankbar.

Mit einem sehr freundlichen Gruß

Ihr Marcel Reich

Anlagen: 2

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4, Rundbrief mit hs. eingefügter Anrede

den Text Ihrer Kommentare: Der 1. Band der Frankfurter Anthologie (Frankfurt a. M. 1976) enthält zwei Interpretationen von Peter Rühmkorf: In flagranti gefasst (über Joachim Ringelnatz, Vorm Brunnen in Wimpfen, S. 101–105) und Ein Poet mit viel Puste (über Volker Braun, Durchgearbeitete Landschaft, S. 265–269).

33. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 21. Oktober 1975 M. R.-R. / M. K.

Lieber Peter Rühmkorf,

1.  In Sachen Rilke haben wir ja schon telefonisch gesprochen. Ich sende Ihnen heute beiliegend die Thesen von Egon Schwarz und bitte Sie um eine Stellungnahme, wobei es natürlich Ihnen überlassen bleibt, ob Sie über den von Schwarz skizzierten Themenkreis hinausgehen. Die Stellungnahme sollte etwa 3 Maschinenseiten (mit 30 Zeilen) umfassen. Es wäre schön, wenn ich Ihren Beitrag Anfang, spätestens Mitte November erhalten könnte.

2.  Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn ich jetzt Ihre Besprechung des Buches von Wapnewski bekommen könnte.

3.  Wie schaut es mit der versprochenen »Frankfurter Anthologie« aus?

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 1 S. A4

In Sachen Rilke … die Thesen von Egon Schwarz: Vermutlich gemeint ist Egon Schwarz, Das verschluckte Schluchzen. Poesie und Politik bei Rainer Maria Rilke. Frankfurt a. M. 1972.

Besprechung des Buches von Wapnewski:Der Forscher und der Falkner. Peter Wapnewskis Studien zur mittelhochdeutschen Lyrik »Waz ist Minne«, in: FAZ, 22. 11. 1975

34. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 28. 10. 75

Lieber Herr Ranicki,

hier schnell die korrigierten Anthologie-Beiträge. Der Wap ist in Arbeit, Sie haben ihn bis Ende nächster Woche. Obwohl ich die meisten Texte kannte, türmten sich vor einer Rezension doch gewaltige formale Schwierigkeiten auf; das ist ja pure Wissenschaft, die hier besprochen werden will, und die man, soll’s unterhaltsam werden, von ungewohnter Seite her mit der Zuckerzange packen muß. Ich glaube, ich habe einen hübschen Trick gefunden.

Herzlich wie immer

Ihr Peter Rühmkorf

P. S. Mir wurde von allen möglichen Seiten her bekannt, Sie hätten meiner neulich auf Frontseite Erwähnung getan; würden Sie mir – ich habe das Exemplar nicht – einen kleinen Beleg zustellen? Freundlicherweise?!

Maschinenschriftlich, 1 S. A4

Sie hätten meiner neulich auf Frontseite Erwähnung getan: vgl. Marcel Reich-Ranicki, Schriftsteller am stillen Herd, in: FAZ, 18. 10. 1975 (Titelseite): »Dem einst kämpferischen Peter Rühmkorf, der freilich nie seine individuelle Gangart verleugnet hat, machen Demonstrationen jetzt keinen Spaß mehr: Am stillen Herd in Winterszeit sinnt er über Herrn Walther von der Vogelweid’.«

35. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 8. Nov. 75

Lieber Herr Ranicki,

so! nun aber in Eile ab die Post. Ein wenig lang ist der Wap vielleicht, aber die Altgermanistik! Es ging nicht anders. Es war in der Originalfassung doppelt so umfangreich, und ich habe mich schon mächtig selbst beschnitten. Sehr schwierig war für mich die Gratwanderung. Ein schönes Buch, von dem mich so vieles trennt. Ein wichtiger Wissenschaftler, aber als Mann von Fach und Würden doch auch ein Teil der Schamanengilde. Nun, ich denke, so ist es für alle Beteiligten nützlich und ehrenwert. Ob ich den Rilke schaffe, weiß ich nicht. Die Fragen besitzen schon so viel an Antwort, daß man schlecht weiß, wie variieren. Oder: wo die Fragen anders stellen. Rechnen Sie hier bitte nicht ganz fest mit mir.

Herzlich wie immer

Ihr Peter Rühmkorf

Maschinenschriftlich, 1 S. A4

ob ich den Rilke schaffe: Am 29. 11. 1975 erschien in der FAZ der Artikel Selbstbefriedigung im Büßerhemdchen. Rainer Maria Rilke zum 100. Geburtstag, den Peter Rühmkorf unter dem Titel In unseren Händen hängt der Hammer schwer. R. M. Rilke, zum 100. Geburtstag im Essay-Band Strömungslehre ebenfalls veröffentlichte.

36. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

11. XI. 75 FRANKFURT AM MAIN

PETER RUHMKOPF OEVELGOENNE 50 2HAMBURG52

BIN BEGEISTERT VON IHREM WAPNEWSKI-AUFSATZ DANKE HERZLICHST STOP WIRD NAECHSTEN SONNABEND VEROEFFENTLICHT STOP VERZICHTE AUF KEINENE AUF IHRE AEUSSERUNG ZU RILKE STOP SCHWARZ-THESEN SOLLEN NUR AUSGANGSPUNKT SEIN STOP WICHTIGER IHR HEUTIGES VERHAELTNIS ZU RILKE STOP MUSS IHREN BEITRAG SPAETESTENS ZWANZIGSTEN NOVEMBER ERHALTEN ANDERENFALLS HABEN SIE MIT FURCHTBARSTEM STRAFMASSNAHMEN ZU RECHNEN HERZLICHST IHR REICH-RANICKE

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Telegramm

37. Marcel Reich-Ranicki an Peter Rühmkorf

Frankfurt am Main, 27. November 1975 M. R.-R. / M. K.

Mein lieber Peter Rühmkorf,

es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen in Hamburg zu dinieren. Nun sollte, was wir verabredet haben, auch aktenkundig werden.

Wir haben also vereinbart: Sie werden (wie bisher) exklusiv für uns schreiben. Damit ist gemeint: für keine andere Tages- oder Wochenzeitung. Sie haben den (etwas verwunderlichen) Wunsch geäußert, eventuell mal für ein Hamburger Nachrichtenmagazin etwas zu schreiben. Das sehen wir sehr ungern, aber wir meinen, daß überaus seltene Ausnahmen die Regel bestätigen können. Mit anderen Worten: Sollten Sie jemals das überaus dringende Bedürfnis verspüren, etwas für den »Spiegel« zu schreiben, dann werden Sie sich vorher in dieser Sache mit dem Unterzeichneten ins Benehmen setzen.

Auf ein Pauschalhonorar werden wir auf Ihren ausdrücklichen Wunsch verzichten. Stattdessen verpflichten wir uns, Ihnen für jeden Beitrag ein denkbar hohes Honorar zu überweisen. Sie können damit rechnen, daß Sie immer (abgesehen von kurzen Äußerungen zu Umfragen oder Beiträgen für die »Frankfurter Anthologie« und anderen Kurzartikeln) für jede Kritik im Umfang von etwa 4 Maschinenseiten mindestens 500,– DM erhalten werden. Daß Sie für die größeren Beiträge entsprechend mehr erhalten, versteht sich von selbst. Für Ihren Aufsatz über Wapnewski haben wir Ihnen 750,– DM überwiesen, für die Äußerung in Sachen Rilke 350,– DM. Sie werden zugeben, daß die Vokabel Ausbeutung in diesem Fall übertrieben wäre. Wir werden uns also Mühe geben, Sie in finanzieller Hinsicht zufriedenzustellen, erwarten aber andererseits, daß Sie nach wie vor Handarbeit liefern werden, etwa von dem Niveau des Artikels über Wapnewski.

Der Gedichtband von Adolf Endler dürfte inzwischen in Ihren Händen sein. Sie haben fest versprochen, rasch eine »Frankfurter Anthologie« zu machen. Ich bitte Sie aber dringend, nicht mehr als 60 Zeilen (freilich mit 60 bis 65 Anschlägen) zu schreiben. Zwar können Ihre Artikel nicht lang genug sein, aber Sie verstehen, daß ich Schwierigkeiten mit anderen Autoren der »Frankfurter Anthologie« vermeiden muß und die Rubrik ihren Charakter nur bewahrt, wenn man sich streng an die Dimensionen hält.

Nach dem Endler sollte nun endlich der Ringelnatz-Artikel kommen. In diesem Herbst sollte ja irgend etwas von Ringelnatz bei Rowohlt erscheinen. Da Sie mit dem Verlag direkte Beziehungen haben, bedürfen Sie nicht unserer Vermittlung. Sie verstehen meine Intention: wenn man in der bibliographischen Notiz neben der Monographie von Pape auch ein Büchlein mit Primärtexten nennt, wird die Tatsache, daß Sie, wie ich vermute, mehr über Ringelnatz als über Pape schreiben (und darauf kommt es schließlich an), voll gerechtfertigt.

Und nach dem Ringelnatz dann also der Benn. Schließlich: Hacks ist nicht vergessen.

Das wärs für heute. Bitte, bestätigen Sie mir den Erhalt dieses Briefes, und sagen Sie mir, daß Sie die Zusammenarbeit mit uns so schätzen, wie wir selbige mit Ihnen.

Es grüßt Sie sehr herzlich

Ihr Marcel Reich

Maschinenschriftlich auf Kopfbogen FAZ, 2 S. A4

mit Ihnen in Hamburg zu dinieren: Laut dem unveröffentlichten Tagebuch von Peter Rühmkorf fand das gemeinsame Essen am 24. 11. 1975 im Grill-Room des Hotels »Vier Jahreszeiten« in Hamburg statt.

Gedichtband von Adolf Endler: Adolf Endler, Nackt mit Brille, Berlin 1975

eine »Frankfurter Anthologie zu machen«: vgl. Eine Ballade vom Schnee und vom Schnaps. Über Adolf Endlers Gedicht »Des Freundes Wettlauf mit dem Schneemann«, in: FAZ, 7. 2. 1976 (Frankfurter Anthologie), vgl. auch Strömungslehre, S. 96ff.

38. Peter Rühmkorf an Marcel Reich-Ranicki

Hamburg, den 20. 12. 75

Lieber Herr Ranicki,

sehr herzlichen Dank für Ihren freundlich/erfreulichen Brief vom 27. November. Die Verspätung meiner Antwort rührt, wie Sie wohl von Eva erfahren haben, weniger aus eigenem Verschulden her als aus diesmal sehr technischen Gründen: längerer Lesereise ohne Beziehung zur extralokalen Außenwelt. Die mir von Ihnen auferlegten Ausschließlichkeitsklauseln erkenne ich hiermit förmlich an, in der Hoffnung, daß sich auch die monetären Folgelasten Ihrerseits weiterhin zu schönem Sängerlohn verfestigen. Ihre Honoraranweisungen für die letzten drei Artikel habe ich gern zur Kenntnis genommen – insbesondere den hübschen Aviso »Selbstbefriedigung – 350.– DM«. Eventuelle »Spiegel«-Rezensionen, die ohnehin nur das Ausmaß von zwei Jahresbeiträgen umfassen werden, werde ich Ihnen rechtzeitig vorankündigen.