Der Bang-Bang Club - Greg Marinovich - ebook

Der Bang-Bang Club ebook

Greg Marinovich

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Opis

»Bang-Bang Paparazzi« nannte das südafrikanische Lifestyle-Magazin Living 1992 die Johannesburger Fotografengruppe um Kevin Carter, Greg Marinovich, Ken Oosterbroek und João Silva. Bang-Bang, weil die vier mit ihren Kameras immer vor Ort waren, als in den Jahren 1990 bis 1994, den Jahren zwischen der Abschaffung der Apartheid und den ersten freien Wahlen in Südafrika, die Auseinandersetzungen zwischen ANC und Inkatha Freedom Party gewaltsam eskalierten. Von den vier Gründern leben heute nur noch zwei. Oosterbroek starb 1994 in einem Kugelhagel, Marinovich wurde dabei schwer verletzt. Carter, der zu der Zeit den Pulitzer-Preis erhielt, setzte ein Vierteljahr später seinem Leben selbst ein Ende. Nun berichten Marinovich und Silva von sich und über einen »verborgenenKrieg«, wie ihr inzwischen verfilmtes Buch Der Bang-Bang Club im Untertitel heißt. Denn die Brutalität der Jahre 1990 bis 1994 blieb wegen der Euphorie über Nelson Mandelas Freilassung und die endlich erreichte Demokratie kaum im Gedächtnis der Öffentlichkeit haften. Marinovich und Silva schreiben aber auch über ihre Rolle als Kriegsfotografen und über Facetten der Demokratisierung, die im Stillen bis in die Gegenwart Südafrikas nachwirken.

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Reihe für zeitgenössische afrikanische LiteraturHerausgegeben von Indra Wussow

 

 

DER BANG-BANG CLUB

Schnappschüsse aus einemverborgenen Krieg

Greg Marinovich / João Silva

Mit einem Vorwort

von Erzbischof Desmond Tutu

Aus dem südafrikanischen Englisch

von Manfred Loimeier

AFRIKAWUNDERHORN

Titel der Originalausgabe:

The Bang-Bang Club

© 2000 Greg Marinovich & João Silva

Lektorat: Manfred Metzner

© 2015 Verlag Das Wunderhorn GmbH

Rohrbacher Strasse 18

D-69115 Heidelberg

www.wunderhorn.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert werden oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Gesamtgestaltung: sans serif, Berlin

Umschlagabbildung: Ken Oosterbroek / The Star

ISBN 978-3-88423-494-5

eISBN 978-3-88423-488-4

Dank

Wir wollen unseren endlos geduldigen und verständnisvollen Lektorinnen Elizabeth Burrows und Johanna McGeary, insbesondere Suzanne Daley, danken, die unsere Kapitel zusammengeschnürt haben.

Jonathan Diamond und Christine Tomasino, unseren Agenten und Freunden, die leidenschaftlich an das Buch glaubten, als es gerade mal ein Bündel von Notizen und Anekdoten war. Abner Stein in London. Den Lektoren Ravi Mirchandani von William Heinemann und Tim Bartlett von Basic Books.

Impimpi: Jerry, Joan, Julia und Mitchell Balich, Howard Burdett, David Brauchli, Kevin Carters Eltern – Jimmy und Roma, Tom Cohen, Gisella Cohen, Robin Comley, Kathy Davidson, Jude Domski, Horst Faas, Denis Farrel, Louise Gubb, Themba Hadebe, Joyce Jenetwa, Bafana Khumalo, Carolyn Lessard, Julia Lloyd, R & P, Nancy Lee, Scott MacLeod, Peter Magubane, Chris Marais, Judith Matloff, Brian Mkhize, Monty Montgomery, James Nachtwey, Juda Ngwenya, Mike Nicol, Patrick de Noirmont, Mike Persson, Gilles Peress, Rodney Pinder, die Rapoo Familie – Maki, Sandy und Reginald (Boytjie), Heidi Rinke, Vivian Silva, Tina Susman, Paul Velasco, John Wills, Chuck Zoeller.

Monica Hilton-Barber und The Star für die Erlaubnis, Kens Bilder zu verwenden, und Guy Adams für sein Foto von Kevin.

Jerry Marobyane für die Lieder aus einem Kampf und Dr. Onen von Gulu, Uganda, für die Acholi-Lieder.

Vorwort

von Desmond M. Tutu, emeritierter Erzbischof von Kapstadt, Südafrika

Vorwort

1 / Die Mauer

2 / »Ach, ein Pondo – er verdiente es zu sterben«

3 / »f5.6 sollte passen«

4 / Ruhm und Freundschaft

5 / Bang-Bang

6 / Eine Abkürzung zum Himmel

7 / Monster

8 / Bad Boys

9 / Intelezi

10 / Fliegen und hungrige Menschen

11 / »Es ist gut, dass einer von euch stirbt«

12 / Revolution

13 / Die Sünde des Sehens

14 / »Zeigt uns euren Toten«

15 / »Immerhin warst du da«

16 / Das Land aus Milch und Honig

17 / Auf und ab

18 / Leben sollte toben

19 / Ein neues Südafrika

20 / Abgeschlossenes Geschäft

Glossar

Zeitschiene Südafrikas

Bibliografie

Register

Vorwort

Fast jeder sagte Südafrika eine äußerst düstere Zukunft voraus. Man glaubte, das schöne Land würde vom schrecklichsten Blutbad überschwemmt werden, dass ein katastrophaler Rassenkrieg dieses Land verwüsten würde. Diese Vorhersagen schienen sich in der Tat zu erfüllen, als während der Zeit der Verhandlungen über einen Übergang von Unterdrückung zu Freiheit, von totalitärer Herrschaft zu Demokratie Gewalt ausbrach. Zu Beginn der 1990er schien das so schreckliche Blutvergießen zum Normalzustand zu werden. Anscheinend willkürliche Tötungen geschahen in Zügen. Massaker ereigneten sich, als die Bewohner der Townships mit den Bewohnern der Hostels aneinander gerieten, die in den nach Geschlechtern getrennten Hostels ein anormales Leben führten und vom stabileren Gemeinschaftsleben in den Townships ausgegrenzt blieben. Die Leute starben wie die Fliegen, und sie starben grausam, durch das berüchtigte Necklace, bei dem ein Reifen mit Benzin über den Kopf des Opfers gestreift und dann angezündet wurde. Immer wenn die täglichen Opferstatistiken veröffentlicht wurden und es hieß, fünf oder sechs Menschen wären in den vorangegangenen vierundzwanzig Stunden getötet worden, seufzten die meisten von uns vor Erleichterung und sagten: »Bloß fünf oder bloß sechs«. So schlimm war es.

Allgemein wurde dieses Blutvergießen der blutigen Rivalität zwischen Nelson Mandelas African National Congress (ANC) und der Inkatha Freedom Party (IFP) von Chief Mangosuthu Buthelezi zugeschrieben, die politisch an Boden gewinnen wollten, um eine unanfechtbare Vorherrschaft zu erringen. Das erschien als Erklärung schlüssig, bis man gewisse merkwürdige Auffälligkeiten in dieser ganzen mörderischen Rivalität ausmachte. Die Massaker schienen immer dann stattzufinden, wenn die Übergangsverhandlungen eine heikle Phase erreicht hatten, und es war ein sonderbarer Zufall, dass sie an einem kritischen Punkt in der Diskussion die weiteren Verhandlungen gefährdeten.

Es sah so aus, als ob das Töten in den Zügen Teil der Rivalität zwischen politischen Feinden wäre, aber diese Sicht wurde unhaltbar durch die Tatsache, dass die Mörder willkürlich auf Leute schossen und sie töteten. Sie sagten nichts, sie fragten die Passagiere nicht nach ihrer politischen Zugehörigkeit. Wie sollten sie daher wissen, nicht ihre eigenen Anhänger zu ermorden?

Die Rivalität konkurrierender politischer Parteien war als Erklärung für die Schüsse aus vorüberfahrenden Autos noch schwieriger aufrecht zu erhalten, die Kennzeichen der instabilen Zeit vor der Wahl waren. Überzeugender schien, es so zu sehen, dass alles darauf angelegt war, die Township-Bewohner in Panik zu versetzen und so weit zu bringen, zu sagen, der ANC sei unfähig, seine Mitglieder zu schützen, um hierdurch seinen beachtlichen Rückhalt in den Townships zu untergraben. Außerdem sprach mancher von uns von einer mysteriösen dritten Kraft, die irgendwie mit der Apartheidregierung und ihren Geheimdiensten verbunden zu sein schien und deren Absicht es war, die sogenannte schwarz gegen schwarz gerichtete Gewalt zu schüren, was es dieser Regierung und vielen Weißen erlaubte, damit aufzutrumpfen, die Schwarzen wären eindeutig noch nicht zu Demokratie und politischer Macht bereit. Mich hat diese Besessenheit von sogenannter schwarz gegen schwarz gerichteter Gewalt, gerade so, als ob schwarz gegen weiß gerichtete Gewalt irgendwie akzeptabler wäre, immer beschäftigt. Und warum hatte eigentlich niemand das, was in Nordirland oder in Bosnien, im Kosovo und andernorts an brutaler Gewalt geschah, als Beispiele für Gewalt weiß gegen weiß beschrieben? Dort war es einfach Gewalt, warum hier schwarz gegen schwarz?

Die Apartheidregierung und ihre Anhänger stritten jegliche Verwicklung in das Schüren dieser grausamen und mörderischen Gewalt ab. Sie wurden als Lügner überführt, zum Beispiel durch die Goldstone Kommission. Wie beim Puzzle fügte sich Stück für Stück zusammen, was zum Beispiel das Schweigen der Mörder in den Zügen erklärte. Die meisten von ihnen, sollte aufgedeckt werden, kamen von außerhalb Südafrikas – aus Angola, Namibia et zetera, und sie verstanden die lokalen Sprachen nicht. Sie hätten sich selbst verraten, sobald sie den Mund aufgemacht hätten. Das hatte in der Tat nichts zu tun mit politischer Rivalität, sondern allein mit Leuten, die um jeden Preis an der Macht bleiben wollten, selbst um den Preis mehrfachen schrecklichsten Blutvergießens.

Und der Welt musste diese Geschichte erzählt werden. Wir waren höchst gesegnet damit, einige der talentiertesten Journalisten und brillantesten Fotografen zu haben. Sie trugen dazu bei, Geschichte zu erzählen. Sie hielten einige der bewegendsten Momente auf Filmnegativen fest, etwa das grauenvolle Necklace, oder wie sich eine grölende Menge, sei es von der einen oder von der anderen Konfliktseite, barbarisch auf ein hilfloses Opfer stürzt. Einige dieser Profis erhielten für ihre Arbeit hohe Auszeichnungen wie den Pulitzer Preis, einer von ihnen für sein Bild aus dem Sudan, wo ein Geier einem hungerleidenden Kind auflauert. Es war ein Bild, das die irgendwie selbstzufriedene Welt bewegte. Wir waren oftmals erstaunt, wenn wir ihre Arbeit sahen. Wie hatten sie es nur fertiggebracht, solche Bilder inmitten derart entfesselter Gewaltexzesse aufzunehmen? Sie mussten, um mit so viel Unerschrockenheit und Professionalität in Todeszonen zu arbeiten, außerordentlich mutig gewesen sein. Und sie mussten bemerkenswert cool, nein, sogar kaltblütig gewesen sein, um das alles als Teil einer täglichen Arbeit zu betrachten.

Nun wissen wir ein bisschen mehr, da der Schleier darüber, wie dieser bemerkenswerte Kreis vorging, gelüftet wird, wie oft sie kaltschnäuzig sein mussten, bis dahin, über Leichen zu stolpern, ohne zu viel Gefühl zu zeigen, um dieses eine besondere Foto zu machen, das garantierte, dass die Agenturen ihre Arbeiten abnehmen würden. Nun wissen wir ein bisschen vom Preis, dem andauernden Spiel mit dem Tod, um zu verstehen, was mit makabrem Humor der Bang-Bang Club genannt wurde. Und wir wissen ein bisschen vom Preis, traumatisiert zu werden, was manchen in den Selbstmord trieb, und dass, ja, dass diese Leute Menschen waren, die unter den herausforderndsten Bedingungen arbeiteten. Ja, dies ist ein großartiges Buch, niederschmetternd, indem es das Ausmaß offenlegt, wozu wir bereit waren, um an die Macht zu gelangen oder sie zu behalten. Und schonungslos ehrlich über den hohen Preis, indem es öffentlich macht, was so lange außer Acht geblieben ist. Wir stehen tief in ihrer Schuld für diesen Beitrag zum fragilen Prozess des Übergangs von Unterdrückung zu Demokratie, von Ungerechtigkeit zu Freiheit.

Es ist die Arbeit von zwei herausragenden Künstlern; kein Wunder, dass einer von ihnen den Pulitzer Preis gewann für seine fotografische Darstellung des Krieges in den Hostels, über den dieses Buch berichtet.

Desmond M. Tutu,emeritierter Erzbischof von Kapstadt, Südafrika

Vorwort

Wir sahen uns beim Schreiben dieses Buchs einer Reihe von Schwierigkeiten gegenüber. Umwölkte Erinnerungen, unser Widerwille, wieder aufzugreifen, was eine sehr schwierige Zeit war, und wie wird man am besten der Vielschichtigkeit der Erzählung der Geschichte von vier Menschen gerecht, die, obwohl beruflich miteinander verbunden, sehr verschiedene Leben und Erfahrungen hatten. Zuletzt beschlossen wir, diese Geschichte mit nur einer Stimme zu erzählen, Gregs. Hätten wir nicht zusammengearbeitet, wäre dieses Buch nicht möglich gewesen. Eine Person allein sieht nie genug, um in der Lage zu sein, ein Buch dieser Art fertigzubringen, und sicherlich half uns das Recherchieren und Schreiben dieses Buchs, so viel mehr von unseren Freunden zu verstehen, von uns selbst und den Zeiten. Wir können niemals hoffen, zu wissen, was in den Gedanken selbst unserer nächsten Vertrauten vor sich geht, aber wir haben einen ehrlichen Versuch unternommen, den Nebel zu durchdringen, der unsere Freunde und uns selbst in dieser Zeit des Schmerzes umgab.

Wir hatten niemals beabsichtigt, ein Buch über diese Zeitspanne zu schreiben. Und als wir es schließlich 1997 zu schreiben anfingen, war es eher eine Entdeckungsreise als der fieberhafte Versuch, aufzuzeichnen, was wir als bereits bekannte Wahrheit betrachteten. Wir mussten entdecken, dass die Fragen nach dem, was wir taten und wie wir es machten, viel komplexer waren als die Art und Weise, in der wir die Angelegenheiten in unseren Köpfen strukturiert hatten. Da ist eine Menge an Zorn und Bitterkeit aus jenen Zeiten, die nicht verdrängt werden kann – das ist ein Teil von uns und des Landes. Aber da ist auch ein erstaunliches Maß an Vergebung, Gnade und Menschlichkeit herausgekommen. Diese Mischung an Gefühlen entspricht sehr dem Südafrika, das wir kennen.

Über den Bang-Bang Club südafrikanischer Fotojournalisten wurde in der Zeit der Gewalt, die das Ende des Apartheidregimes in Südafrika kennzeichnet, viel geschrieben. Der Name weckt in der Vorstellung das Bild einer Gruppe abenteuerlustiger Männer, die die meiste Zeit zusammen arbeiteten, spielten und herumhingen. Um es gleich klarzustellen: Es gab niemals einen solchen Verbund, es gab niemals einen Club, und es waren niemals nur wir vier in dieser wie von einer Art Heiligenschein umgebenen Vereinigung – Dutzende Journalisten begleiteten die Gewalt während der Zeitspanne von Nelson Mandelas Freilassung aus dem Gefängnis bis zur ersten vollkommen demokratischen Wahl.

Wir entdeckten, dass eine der stärksten Verbindungen unter uns die Frage nach der moralischen Berechtigung dessen war, was wir tun: Wann drückst du auf den Knopf des Auslösers und wann zögerst du, Fotograf zu sein? Wir entdeckten, dass die Kamera niemals ein Filter war, der uns vor dem Schlimmsten schützt, wovon wir Zeugen waren und das wir fotografierten. Eher das Gegenteil – es scheint, dass die Bilder genau so in unsere Hirne gebrannt wurden wie auf unsere Filmnegative.

Es waren Freundschaften, die uns vier verbanden, aber das war keine Art von gemeinsamer gegenseitiger Freundschaft, sondern vielmehr individuelle Verbundenheit, die sich manchmal überlagerte. Aber es gab gewiss einen kleinsten gemeinsamen Nenner – wir alle begleiteten die erschütternden Ereignisse der 90er mit einem Sinn für Geschichte und ihren Verlauf, und wir können von außen betrachtet beobachten, wie es geschah, dass aus einem nachlässigen Spitznamen ein Markenzeichen wurde.

Wir haben zahlreiche Begriffe verwendet, die es ausschließlich in Südafrika gibt, einige davon in einer Art Englisch, andere in einer der neun afrikanischen Sprachen sowie Afrikaans, und ebenso den Vorort-Slang, der Tsotsitaal genannt wird. Einige davon erklären wir innerhalb des Textes, andere sind selbsterklärend, aber es gibt auch ein Glossar am Ende des Buchs, das die besondere Bedeutung, die manche Begriffe bei Südafrikanern auslösen, erläutert – ebenso wie eine Zeitschiene historischer Ereignisse in Südafrika, von denen wir dachten, sie würden zum Verstehen dessen beitragen, was geschah, seit weiße Kolonisatoren sich erstmals auf der südlichen Spitze Afrikas niederließen.

Greg Marinovich, João Silva

1

DIE MAUER

Wenn ich nur erreichen könnte

Das Zuhause von des Todes Mutter

Oh, meine Tochter

Ich würde eine lange Fackel aus Gras machen …

Ich würde alles völlig zerstören, völlig …

Traditionelles Acholi-Beerdigungslied

Thokoza-Township, Südafrika, 18. April 1994

»Nicht ein Bild«, murmelte ich, als ich durch den Sucher meiner Kamera sah, wie Soldaten systematisch auf die Wohnanlage feuerten. Ich drehte mich um zu der Reihe schreckenerfüllter, zaudernder und schlecht ausgebildeter Soldaten, die direkt neben mir entlang der Mauer kauerten. Ihre Blicke huschten hin und her unter den Rändern ihrer Stahlhelme. Ich wollte diese Furcht einfangen. In der nächsten Minute traf mich ein Schlag – kräftig, hammerhart – in die Brust. Mir fehlt ein kurzer Moment, ein Herzschlag meines Lebens, aber dann fand ich mich auf dem Boden wieder, verdreht in den Beinen der anderen Fotografen, die neben mir arbeiteten. Schmerz durchzuckte meine linke Brust und breitete sich durch meinen Körper aus. Er ging weit über den Punkt hinaus, von dem ich dachte, dass Schmerz bis dahin reicht. »Mist! Ich bin getroffen, ich bin getroffen! Mist! Mist! Mist!«

Da das Maschinengewehrfeuer entlang der Mauer weiterging, zogen mich João und Jim an meiner Kamerajacke verzweifelt näher an die Mauer, suchten Schutz bei den Soldaten und außerhalb der Schusslinie. Dann durchdrang eine erregte Stimme die Geräuschkulisse: »Ken O ist getroffen!« Ich bemühte mich, meinen Kopf aus dem Gewirr der Kameras und Riemen um meinen Hals zu ziehen. Ein paar Meter rechts von mir konnte ich ein Paar langer, dünner Beine sehen, ohne Zweifel Kens Beine, die unter dem Unkraut hervorschauten, das an jener Betonmauer wuchs. Sie waren bewegungslos und standen in einem unmöglichen Winkel zueinander. Jim rannte rüber, wo Gary Ken schüttelte im Versuch, ein Lebenszeichen zu erhalten. Das unregelmäßige Krachen und Rattern des schnellen Maschinengewehrfeuers hallte durch die Luft um das Knäuel aus Journalisten und Soldaten, die versuchten, sich flach gegen die Mauer zu drücken.

Blut sickerte aus dem klaffenden Loch in meinem T-Shirt. Ich presste meine Hand auf das Loch, um das Bluten zu stoppen. Ich stellte mir die Austrittswunde der Kugel als ein tödliches, klaffendes Loch auf meinem Rücken vor. »Such nach einer Austrittswunde«, sagte ich zu João. Er nahm keine Notiz von mir. »Du wirst schon OK sein«, sagte er. Ich dachte mir, es müsste schlimm sein, wenn er erst gar nicht nachschauen wollte, und so, als würde das in einem blödsinnigen Kinofilm geschehen, bat ich ihn, meiner Freundin eine Nachricht zu übermitteln. »Sag Heidi, dass es mir leid tut … dass ich sie liebe«, sagte ich. »Sag’s ihr selbst«, schnauzte er zurück.

Plötzlich überkam mich ein Gefühl vollkommener Ruhe. Das war es. Ich hatte meine Schulden bezahlt. Ich hatte für ein Dutzend von Nahaufnahmen gebüßt, die immer jemanden verletzt oder tot zurückließen, während ich unversehrt mit Bildern in der Hand aus den Chaosszenen herauskam, jedes Mal das Verbrechen beging, ein glückvoller Voyeur zu sein.

Jim kam zurück, geduckt unter dem Schusswechsel, und flüsterte fürsorglich in mein Ohr: »Ken ist gestorben, aber du wirst OK sein«. João hörte das und stand auf, um rüber zu Ken zu rennen, aber andere waren schon bei ihm. Er hob seine Kamera. »Ken wird das später sehen wollen«, sagte er zu sich selbst. Er war ungehalten darüber, dass Kens Haare ins Gesicht hingen und das Bild ruinierten. João machte Fotos von uns beiden – zwei seiner engsten Freunde –, ich ausgestreckt auf dem zerbröselten Beton, meine Brust umklammernd; Ken, wie er von Gary und einem Soldaten unbeholfen hinten in ein Panzerfahrzeug gehievt wird, wobei sein Kopf wie der einer Stoffpuppe lose hin- und herbaumelt und seine Kameras nutzlos von seinem Hals hängen. Dann war ich dran, in den Panzerwagen geladen zu werden; Jim nahm meine Schultern und João meine Beine, aber ich bin groß, und Heidis Verwöhnung hatte noch mehr Kilos draufgelegt. »Du bist zu fett, Mann!«, witzelte João. »Ich kann gehen«, protestierte ich und versuchte zu lachen, aber seltsam eingeschnappt. Ich wollte sie auf das Gewicht der Kameras hinweisen.

Nach vier langen Jahren Gewaltbeobachtung hatten uns die Kugeln schließlich erwischt. Das Bang-Bang war gnädig gewesen, bis jetzt.

Früher an diesem Vormittag hatten wir auf den Seitenstraßen und in den Gassen des verwüsteten Niemandslandes im Thokoza-Township gearbeitet – Ken Oosterbroek, Kevin Carter, João und ich. Über die Jahre waren wir vertraut geworden mit den sich jagenden Auseinandersetzungen zwischen Polizei, Soldaten, modernen Zulu-Kämpfern und Kalaschnikows schleppenden Jugendlichen, als die Apartheid an ihr blutiges Ende kam.

Kevin war nicht bei uns, als die Schießerei stattfand. Er hatte Thokoza verlassen, um mit Lokaljournalisten über den Pulitzer Preis zu sprechen, den er für sein schockierendes Bild eines hungernden Kindes, das im Sudan von einem Geier bedrängt wird, bekommen hatte. Er war hin- und hergerissen, ob er gehen sollte. João hatte ihm geraten zu bleiben, denn obwohl gerade Kampfpause war, würden die Dinge bestimmt wieder hochkochen. Aber Kevin genoss seinen neugewonnenen Status als Berühmtheit und ging.

Beim Steak-Mittagessen in Johannesburg erzählte Kevin von seinem häufig knappen Entkommen. Nach dem Nachtisch sagte er den Journalisten, dass es diesen Morgen eine Menge Bang-Bang gegeben habe in Thokoza und dass er zurückfahren müsse. Während der Rückfahrt in das Township, etwa 16 Kilometer außerhalb von Johannesburg, hörte er in den Radionachrichten, dass Ken und ich angeschossen worden waren und dass Ken tot war. Er raste zum örtlichen Krankenhaus, in das wir gebracht worden waren. Kevin trug so gut wie nie Körperschutz, das tat keiner von uns, und João lehnte das rundweg ab. Aber am Eingang zum Township, bevor er das Krankenhaus erreichte, streifte sich Kevin seine kugelsichere Weste über den Kopf. Mit einem Mal spürte er Angst.

Die Jungs waren nicht länger unberührbar, und noch bevor die Blutspuren an der Betonmauer verblichen waren, sollte ein weiterer von uns tot sein.

2

»ACH, EIN PONDO – ER VERDIENTE ES ZU STERBEN«

Tod hat den Glücklichsten getötet

Tod hat den Glücklichsten getötet

Tod hat den Großartigen getötet, dem ich vertraute

Traditionelles Acholi-Beerdigungslied

17. August 1990

An einem sonnigen Frühlingsnachmittag 1990 mache ich im Alter von 27 Jahren die 25-Minuten-Fahrt nach Soweto, wo politisch motivierte Kämpfe ausgebrochen sind, und ich fühle, wie sich meine Kehle sachte zusammenzieht und ein Spannungsschauer von meinem Magen ausgeht und über meine Arme läuft, während ich das Lenkrad fester halte. Die Aufregung bereitet mir leichte Übelkeit; es ist wie von einem Albtraum aufzuwachen, dessen Einzelheiten man nicht mehr kennt, aber dessen Eindrücke noch nachwirken. Es ist eine unbestimmte Furcht: Ich bin irgendwie verängstigt, dass ich getötet werden könnte, erschrocken davor, was ich sehen könnte in dem Aufstand, der in den schwarzen Wohngettos explodiert ist, aber ich verstehe die Angst nicht recht. Ich habe auch keine Vorstellung davon, dass dies der Beginn eines neuen Lebens für mich ist.

Ich war – wie immer – in einem grünen, gut gepflegten Vorort des weißen Südafrika aufgewacht, hatte mich in einem weiß gefliesten Badezimmer gewaschen und mit heißem Wasser rasiert. Mein Haus wurde von einer schwarzen Frau saubergemacht, und an der Tankstelle war es ein schwarzer Mann, der mein Benzin nachfüllte und in der Hoffnung auf ein paar Cent Trinkgeld die Windschutzscheibe putzte. So war es schon mein ganzes Leben lang gewesen, trotz meiner intellektuellen Opposition zur Apartheid und meiner vorübergehenden Beteiligung an der Politik des Freiheitskampfs. Während ich aufwuchs, war mein Leben in den meisten Belangen typisch verlaufen für einen Englisch sprechenden weißen südafrikanischen Jungen.

Es gab in den 70ern eine sehr bekannte Werbemelodie, die gewissermaßen den Titelsong meiner Oberstufenjahre gab: »Wir lieben Grillpartys, Rugby, sonnige Himmel und Chevrolet / Sie gehören zusammen in der guten alten Republik Südafrika: Grillpartys, Rugby, sonnige Himmel und Chevrolet!« Dieses Liedchen brachte das Vertrauen der Weißen Südafrikas perfekt zum Ausdruck, geborgen in dem Paradies, das sie für sich selbst geschaffen hatten, trotz der internationalen Sanktionskampagnen, die unser Land isolieren und unsere Minderheitenregierung zwingen sollten, den Kurs der Apartheid zu widerrufen. Weiße Südafrikaner hatten sich zur Verteidigung in ein zurückgezogen, gaben hohe Summen für die Symbole der Selbstgenügsamkeit aus und genossen außergewöhnliche materielle Vergütungen dafür, willfährige Wähler zu sein.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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