Das verbotene Evangelium - Stephanie Parris - ebook

Das verbotene Evangelium ebook

Stephanie Parris

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Opis

Ein gefährlicher Auftrag, ein mysteriöser Todesfall – Giordano Bruno ist einem Verräter auf der Spur ...

England 1585: Giordano Bruno reist mit seinem Freund, Sir Philip Sidney, in die englische Hafenstadt Plymouth, wo die Flotte des berühmten Weltumseglers und Freibeuters Sir Francis Drake vor Anker liegt. Drake bereitet einen großen Angriff gegen die Spanier vor, doch durch einen plötzlichen Todesfall an Bord ist er gezwungen, das Auslaufen der Flotte zu verschieben. Philip Sidney drängt Bruno, den angeblichen Suizid zu untersuchen, und beide hoffen, durch diese Gefälligkeit die Gunst der englischen Königin zu erlangen. Doch dann stirbt ein weiterer Mann, und nicht nur Giordano Bruno schwebt auf einmal in großer Gefahr, sondern die gesamte Flotte …

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Buch

England 1585: Giordano Bruno reist mit seinem Freund, Sir Philip Sidney, in die englische Hafenstadt Plymouth, wo die Flotte des berühmten Weltumseglers und Freibeuters Sir Francis Drake vor Anker liegt. Drake bereitet einen großen Angriff gegen die Spanier vor, doch durch einen plötzlichen Todesfall an Bord ist er gezwungen, das Auslaufen der Flotte zu verschieben. Philip Sidney drängt Bruno, den angeblichen Suizid zu untersuchen, und beide hoffen, durch diese Gefälligkeit die Gunst der englischen Königin zu erlangen. Doch dann stirbt ein weiterer Mann, und nicht nur Giordano Bruno schwebt auf einmal in großer Gefahr, sondern die gesamte Flotte …

Autorin

Das Pseudonym Stephanie Parris verwendet die Journalistin Stephanie Merritt immer dann, wenn sie einen Roman veröffentlicht. Unter ihrem bürgerlichen Namen publizierte sie Literaturkritiken in so angesehenen Zeitungen wie The Times, Daily Telegraph, New Statesman oder Die Welt. Derzeit schreibt sie für den Guardian und den Observer. Sie lebt mit ihrem Sohn in Südengland. Das verbotene Evangelium ist bereits ihr vierter Roman um den ehemaligen Dominikanermönch Giordano Bruno.

Von Stephanie Merritt bei Blanvalet und Limes bereits erschienen

Ketzer

Frevel

Das letzte Sakrileg

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Stephanie Parris

Das verbotene

Evangelium

Roman

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1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Stephanie Merritt © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by Limes in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkterstr. 28, 81673 München

Redaktion: Martina Czekalla

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotive: © www.buerosued.de; Ranken: Gutenberg Bibel / AKG Images

JvN · Herstellung: sto

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-19439-0V001

www.limes-verlag.de

Verfasst an Bord des stolzen Schiffes Ihrer Majestät, der Elizabeth Bonaventure, Plymouth, an diesem Sonntag, dem zweiundzwanzigsten August 1585

Euer Hochwohlgeboren Sir Francis Walsingham,

zunächst möchte ich Euch, Master Staatssekretär, meine höflichsten Empfehlungen übermitteln. Schweren Herzens greife ich zu meiner Feder, um die folgenden Worte niederzuschreiben. Zweifellos habt Ihr zu diesem Zeitpunkt mit guten Nachrichten bezüglich des Ablegens meiner Flotte gerechnet. Es bekümmert mich, Euch mitteilen zu müssen, dass wir vorerst weiterhin im Plymouth Sound vor Anker liegen, da wir zunächst durch die üblichen Probleme hinsichtlich der Ausrüstung und des Proviants aufgehalten wurden und ferner immer noch auf die Ankunft der Galleon Leicester warten, die (und mit ihr Euer Schwiegersohn) jeden Tag eintreffen muss, um die Anzahl unserer Besatzungsmitglieder zu vervollständigen. Bei einem Unternehmen dieser Größe sind derartige kleinere Verzögerungen natürlich unvermeidlich.

Aber was mir derzeit auf der Seele liegt, ist eine weitaus ernstere Angelegenheit, und ich betrachte es als meine Pflicht, Euer Ehren davon in Kenntnis zu setzen – obwohl ich Euch gleichzeitig bitten muss, jene traurigen Umstände Ihrer Majestät vorerst zu verschweigen, da ich hoffe, all dies in Kürze klären zu können, um ihr keine unnötigen Sorgen zu bereiten.

Euer Gnaden kennen vielleicht – zumindest vom Hörensagen – Master Robert Dunne, einen Gentleman aus Devon, der manchmal bei Hof anzutreffen ist. Dieser hatte sich während meiner Weltreise vor sieben Jahren als wertvoller Offizier und Gefährte erwiesen, und er wurde deshalb für seine Verdienste im Rahmen dieses Unterfangens angemessen belohnt. Für unsere jetzt anstehende Reise nach Spanien und in die Neue Welt lud ich Dunne ein, sich wieder meiner Besatzung anzuschließen, wenngleich es unter meinen engsten Beratern einige gab, die mir angesichts der persönlichen Probleme des Mannes und dessen, was über ihn gemunkelt wird – worauf ich hier nicht weiter eingehen muss –, davon abrieten. Doch da ich mir nicht aufgrund von Gerüchten ein Urteil über einen Mann bilde, sondern anhand seiner Taten, war ich entschlossen, Dunne die Chance zu geben, im Dienst für sein Land seine Ehre wiederherzustellen. Womöglich hätte ich gut daran getan, auf die mahnenden Stimmen zu hören – was jetzt freilich nicht mehr von Belang ist.

Von Anfang an verhielt Dunne sich merkwürdig; er wirkte sehr in sich gekehrt und auf der Hut, als hätte er Angst, von jemandem verfolgt zu werden, und glich in keiner Hinsicht mehr dem Mann, an den ich mich erinnerte. Dies schrieb ich der nervösen Furcht vor der bevorstehenden Reise zu; sein Heim und seine Familie zu verlassen, um an das andere Ende der Welt zu segeln, ist nichts, worauf man sich leichtfertig einlässt, und Dunne wusste nur zu gut, was ihn erwarten mochte. Am gestrigen Abend war er mit einigen der anderen Gentlemen an Land. Während wir hier im Hafen liegen, halte ich es für klug, ihnen zu gestatten, den normalen Vergnügungen junger Männer nachzugehen und die Zerstreuungen zu genießen, die Plymouth den Seeleuten bietet – sowie wir den Anker gelichtet haben, sind sie dann lange genug unter Deck zusammengepfercht und der an Bord eines Schiffes herrschenden strengen Disziplin unterworfen. Genau wie meine Mitkapitäne mache ich ihnen ohne Frage klar, dass sie sich jederzeit so zu benehmen haben, dass die Flotte nicht in Verruf gerät.

Dunne wurde letzte Nacht sturzbetrunken zum Schiff zurückgebracht, was ebenfalls ungewöhnlich war; der Himmel weiß, dass der Mann etliche Laster hatte, aber ich war sicher, dass die Trunksucht nicht dazugehörte, denn sonst hätte ich ihn nicht aufgefordert, zusammen mit mir Dienst auf dem Flaggschiff Ihrer Majestät zu versehen. Er befand sich in Begleitung unseres Pfarrers, Padre Pettifer. Dieser hatte Dunne im Zustand der Volltrunkenheit durch die Straßen wankend angetroffen und es für das Beste gehalten, ihn direkt zurück zum Schiff zu schaffen – eine Entscheidung, die ich an seiner Stelle nicht getroffen hätte, denn wie ich hörte, hatte er seine liebe Not damit, Dunne zuerst in das Ruderboot und danach die Leiter hoch auf das Deck der Elizabeth zu hieven. Dort begegneten sie meinem Bruder Thomas, der mit mir an Bord zu Abend gegessen hatte und gerade auf dem Rückweg zu seinem eigenen Schiff war. Da er wusste, dass ich in meinem Quartier mit dem jungen Gilbert an meinen Seekarten arbeitete, und er die Angelegenheit nicht für wichtig genug hielt, um mich zu stören, führte mein Bruder Dunne gemeinsam mit dem Pfarrer in seine Kabine, damit er sich erholen konnte. Thomas sagte später, Dunne hätte währenddessen total verstört gewirkt, er hätte wild um sich geschlagen, als würde er für andere unsichtbare Feinde sehen, und er hätte Leute angesprochen, die gar nicht da waren – kurzum, er verhielt sich so, als hätte er noch etwas anderes als Wein zu sich genommen. Laut Padre Pettifer fiel er jedoch fast im selben Moment, wo er in seiner Koje lag, in eine tiefe Benommenheit, aus der er nicht geweckt werden konnte, daher ließen die beiden Männer ihn allein, damit er seinen Rausch ausschlafen und am nächsten Morgen dafür büßen konnte.

Was zwischen diesem Zeitpunkt und dem nächsten Morgen geschah, wissen nur Gott und, wie ich zu meinem Bedauern sagen muss, des Weiteren eine Person. Das Wetter war schlecht, es regnete, und ein starker Wind wehte, und bis auf die beiden, die die Wache hielten, waren fast alle Männer unter Deck. Beim ersten Tageslicht klopfte mein spanischer Steuermann Jonas von Furcht erfüllt heftig an meine Tür. Er hatte versucht, Robert Dunne irgendeinen Trank zu bringen, der die Folgen seiner nächtlichen Exzesse lindern sollte, aber die Kabine war verschlossen, und Dunne ließ sich nicht zum Aufstehen bewegen, um sie von innen zu entriegeln. Ich verstand Jonas’ Besorgnis – wir haben alle schon betrunkene Männer an ihrem eigenen Erbrochenen ersticken sehen, wenn niemand ihnen zu Hilfe kam. Deswegen ging ich mit ihm, um mir ein Bild von der Situation zu machen. Ich besitze einen Zweitschlüssel für die Privatkabinen, und gemeinsam öffneten wir Dunnes Tür. Aber auf den Anblick, der sich uns bot, war ich nicht gefasst.

Zuerst kehrte er uns den Rücken zu, doch als das Schiff schlingerte, schwang er langsam herum, und da sah ich es – aber ich greife meiner Geschichte vor. Dunne baumelte am Hals aufgehängt vom Laternenhaken, eine Schlinge spannte sich straff um seine Kehle. Jonas schrie auf und verschüttete etwas von der Arznei, die er bei sich trug. Ich gebot ihm rasch Schweigen, da ich die Männer nicht aufschrecken wollte. Nachdem wir die Tür hinter uns geschlossen hatten, nahmen Jonas und ich Dunne von dem Haken und legten ihn in die Koje. Sein Körper war bereits steif, er musste also schon einige Stunden tot gewesen sein. Ich blieb bei dem Leichnam und schickte Jonas los, um meinen Bruder von seinem Schiff herüberzuholen.

Stirbt ein Mann von eigener Hand, so muss dies in jedem Fall nicht nur als betrübliches Ereignis, sondern auch als große Sünde gegenüber Gott und der Natur gewertet werden. Ich gestehe, dass kurzfristig Zorn darüber in mir aufwallte, dass Dunne ausgerechnet diesen Moment für seinen Freitod gewählt hatte: Wie Ihr wohl wisst, sind Seeleute gleichermaßen fromm wie abergläubisch – nicht anders als alle anderen Menschen auf Gottes Erden –, und dies würde gewiss als böses Omen gewertet werden, als Schatten, der über unserer Reise läge. Ich bezweifle nicht, dass einige Männer desertieren und behaupten würden, Gott hätte Sein Antlitz von uns abgewandt, wenn sie von einem solchen Todesfall an Bord erführen. Und dann tadelte ich mich dafür, dass ich zuallererst an die Reise dachte, obwohl ein Mann in unserer Mitte zu einer derartigen Verzweiflungstat getrieben worden war.

Während ich auf meinen Bruder wartete, betrachtete ich den Leichnam eingehender, und mein Zorn wich einer weit größeren Furcht, da ich erkannte, was hier nicht stimmte. Ich benötigte keinen Arzt, der mir sagte, dass es sich mit diesem Tod nicht so verhielt, wie es zunächst den Anschein hatte. So werden Euer Gnaden verstehen, warum ich mich Euch anvertraue und gleichzeitig meinen Verdacht für mich behalten muss, bis ich mehr weiß. Wenn ein Schiff schon wegen eines Selbstmordes an Bord als verflucht gilt, um wie viel schwerer wiegt dann eine noch größere Sünde?

Aus diesem Grund bitte ich Euch, den Vorfall vorerst für Euch zu behalten. Seid versichert, dass ich Euch über alle neuen Erkenntnisse auf dem Laufenden halten werde. Ich wollte, dass Euer Gnaden diese Neuigkeit von mir persönlich erfährt – Gerüchte werden durch jede Ritze sickern und in wesentlichen Einzelheiten verzerrt weitergegeben werden. Da ich weiß, dass Ihr hier Augen und Ohren habt, möchte ich nicht, dass sie Euch falsche Informationen liefern. Der Besatzung wurde lediglich mitgeteilt, dass es sich um einen Todesfall handelt und die Todesursache noch von einem Coroner untersucht werden müsse. Ihr seht, dass ich mich nicht auf eine solche Reise begeben und angemessene Sorge für meine Männer und die Investitionen so vieler namhafter Edelleute, Euer Gnaden und Ihre Majestät miteingeschlossen, tragen kann, solange ich davon ausgehen muss, dass sich vermutlich ein Mörder unter meiner Besatzung befindet. Sollte Ihre Majestät von der Verzögerung erfahren, bitte ich Euch, jedwede Ängste bezüglich des Erfolges des Unternehmens zu zerstreuen und ihr zu versichern, dass wir ablegen werden, sowie die Umstände es erlauben. Ich schicke dies mit einem berittenen Eilboten.

Stets zu Euren Diensten verbleibe ich Euer sehr ergebener

Francis Drake

1

»Da! Ist das kein Anblick, der dein Blut in Wallung bringt, Bruno? Stimmt sie dich nicht froh, am Leben zu sein?«

Sir Philip Sidney erhebt sich halb, als er voller Stolz auf den Fluss vor sich deutet, sodass sich das kleine Skullboot mit einem gewaltigen Platschen nach links neigt, der Bootsmann lautstark flucht und ein Ruder hebt, um uns im Gleichgewicht zu halten. Ich kralle mich an meiner Bank fest und spähe durch den feinen Nebel zu dem Objekt von Sidneys Begeisterung hinüber. Die Galeone ragt wie eine Hauswand vor uns auf, drei hohe Masten heben sich vom Morgenhimmel ab, und das Spiel von Seilen und Takelage zwischen ihnen verwandelt den Wolkenhintergrund in geometrische Muster.

»Es ist beeindruckend«, räume ich ein.

»Sag nicht ›es‹ und stelle so deine Unkenntnis unter Beweis, Bruno.« Sidney lässt sich schwer auf die Bank fallen, woraufhin das Boot erneut gefährlich zu schwanken beginnt. »Sondern ›sie‹ für ein Schiff. Willst du, dass Francis Drake denkt, wir verstünden nicht mehr von der Seefahrerei als ein paar Mädchen? Du kannst uns hier an den Stufen absetzen«, fügt er, an den Bootsmann gewandt, hinzu. »Bring das Gepäck hoch und stell es so nah wie möglich bei dem Schiff auf den Kai. Braver Bursche.« Er lässt zum Zeichen, dass der Mann für seine Mühe belohnt würde, den Inhalt seiner Börse klirren.

Als wir näher herankommen und das Woolwich-Dock aus dem Nebel auftaucht, sehe ich, dass rund um das große Schiff geschäftiges Treiben herrscht: Männer rollen Fässer vor sich her, schleppen in Öltuch gehüllte schwere Bündel, legen Taue in Ringen übereinander, ziehen Karren und brüllen sich Befehle zu, die zusammen mit den Schreien der um die Mastspitzen kreisenden Möwen über die Themse hallen.

»Es stört mich nicht sonderlich, wenn Sir Francis Drake erfährt, dass ich das eine Ende eines Bootes nicht vom anderen unterscheiden kann.« Ich wappne mich, als das Skullboot gegen die Dockstufen prallt. »Zuzugeben, wie viel er nicht weiß, zeichnet einen weisen Mann aus. Außerdem ist das doch nicht weiter wichtig. Er wird kaum von uns erwarten, dass wir auf seinem Boot anheuern, oder?«

Sidney reißt den Blick von dem Schiff los und funkelt mich böse an.

»Es ist ein Schiff, kein Boot. Und du hast wirklich keine Ahnung, Bruno. Drake ist dafür bekannt, dass er seine adligen Offiziere dieselben Arbeiten wie seine Seeleute verrichten lässt. Alle seine Männer können Taue aufschießen oder an der Seite ihrer Kameraden das Deck schrubben, egal wie ihr Titel lautet – das ist Drakes Stil, ein Schiff zu führen. Es heißt, dass er, als er die Welt umsegelt hat …«

»Aber wir gehören nicht zu seinen Offizieren, Philip. Wir sind nur Gäste an Bord.«

Eine Pause entsteht, dann bricht Sidney in Gelächter aus und klopft mir auf die Schulter.

»Natürlich. Alles andere wäre ja eine lächerliche Vorstellung.«

»Ich verstehe ja, dass du ihn beeindrucken willst …«

»Ihn beeindrucken? Ha!« Sidney steht auf und springt aus dem Boot auf die Stufen, während der Bootsmann einen eisernen Ring an der Mauer umklammert, um uns im Gleichgewicht zu halten. Die Stufen sind glitschig vom grünen Tang, und Sidney rutscht beinahe aus, fängt sich aber ab, bevor er sich mit blitzenden Augen umdreht. »Hör zu. Francis Drake mag die Königin dazu gebracht haben, ihn zum Ritter zu schlagen, aber er bleibt trotzdem der Sohn eines Bauern. Meine Mutter ist die Tochter eines Herzogs.« Er zeigt mit einem Daumen auf die Brust. »Meine Schwester ist die Countess of Pembroke, mein Onkel der Earl of Leicester und Günstling der Königin von England. Warum sollte ich einen Mann wie Drake beeindrucken wollen?«

Weil du tief in deinem Herzen so sein möchtest wie er, mein Freund, denke ich, doch ich behalte diesen Gedanken für mich und lächle in mich hinein. Vor nicht allzu langer Zeit hat es Sidney am Hof versäumt, einem älteren Edelmann den ihm gebührenden Respekt zu erweisen, woraufhin ihn dieser in einem Raum voller Adeliger als Schoßhündchen der Königin bezeichnet hat. Jetzt schwört Sidney, dass er jedes Mal, wenn er durch die Galerien oder Gärten geht, sarkastisches Kläffen und ihm hinterherhallende Pfiffe hören kann. Zu gern würde er als Abenteurer Ruhm ernten statt als Elisabeths Schoßhund; manchmal empfinde ich deshalb fast Mitleid mit ihm. Seit Anfang des Sommers, als die Königin endlich entschied, englische Truppen zu entsenden, um die in den Niederlanden gegen die Spanier kämpfenden Protestanten zu unterstützen, war er kaum imstande, seine freudige Erregung angesichts der Aussicht zu unterdrücken, in den Krieg zu ziehen. Sein Onkel, der Earl of Leicester, sollte die Armee anführen, und Sidney wurde in dem Glauben gelassen, dass er die bei Flushing stationierten Truppen befehligen würde. Dann wankte die Königin aus Angst, zwei ihrer Favoriten zugleich zu verlieren, in ihrem Entschluss. Anfang August zog sie das Angebot bezüglich Flushing zurück, ernannte einen anderen Kommandanten und bestand darauf, dass Sidney bei Hof in ihrer Nähe blieb. Er flehte sie an, an seine Ehre zu denken, doch sie tat seine eindringlichen Bitten mit einem Lachen ab, als würden sie sie erheitern; als wäre er ein Kind, das mit den größeren Jungen Soldaten spielen will. Sein Stolz ist seither verletzt. Mit dreißig spürt er, dass seine besten Jahre dahinschwinden, während er aufgrund einer Laune der Königin in einer Frauenwelt voller Wandbehänge und Samtkissen gefangen ist. Jetzt schickt sie ihn als Abgesandten nach Plymouth; das ist zwar von einem Garnisonskommando meilenweit entfernt, aber sogar diese kurze Flucht vom Hof zu einer Galeone und die damit verbundene Aussicht auf Freiheit hat ihn ganz zappelig vor Freude werden lassen.

Ich bin nicht ganz so begeistert, versuche aber, mir Sidney zuliebe nichts anmerken zu lassen. Das Boot ist nah genug, um auf die Stufen zu springen, überlege ich, als ich stolpere und nach dem Seil greife, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Meine Stiefel gleiten auf jeder Stufe aus, und ich versuche, nicht zu dem schmierigen braunen Fluss unter mir hinunterzuschauen. Ich schwimme ziemlich gut, aber ich bin einmal versehentlich in die Themse gestürzt, und der Gestank des Wassers kann einem Mann das Bewusstsein rauben, bevor er das Ufer erreicht, und über das, was unter der Oberfläche treibt, denkt man besser nicht eingehender nach.

Auf der obersten Stufe bleibe ich einen Moment stehen, während unser Bootsmann sein Boot vertäut und mit unserem Gepäck mühsam die Treppe erklimmt. Hauptsächlich mit Sidneys Gepäck, um genau zu sein, ich habe nur eine Tasche mit Wäsche zum Wechseln und etwas Schreibmaterial mitgebracht. Er hat mir versichert, dass wir nicht länger als zwei, höchstens drei Wochen fort sein werden, um die Galeone die Südküste Englands entlang zum Hafen von Plymouth zu begleiten, wo sie sich dem Rest von Sir Francis Drakes Flotte anschließen wird. Trotzdem scheint Sidney für eine Reise an das andere Ende der Welt gepackt zu haben; seine Diener folgen uns in einem anderen Boot mit dem Rest seines Gepäcks. Ich habe keine Bemerkung darüber gemacht. Stattdessen mustere ich meinen Freund nun mit zusammengekniffenen Augen, als er ein Besatzungsmitglied mit einem fröhlichen Hallo begrüßt und den Mann in ein Gespräch verstrickt. Der Seemann deutet zum Schiff hoch. Die Arme verschränkt, nickt Sidney ernst. Führt er etwas im Schilde?, frage ich mich. Er hat sich seit seiner Auseinandersetzung mit der Königin äußerst seltsam verhalten, und ich weiß, dass er nicht darüber hinwegsehen kann, wenn sein Stolz verletzt wird. Doch vorerst bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

»Komm schon, Bruno«, ruft er so gebieterisch wie immer und winkt mit einem spitzengesäumten Ärmel in Richtung der Gangplanke des Schiffs. Ich verbeiße mir ein Lächeln. Sidney meint, sich für die Reise weniger herausgeputzt zu haben als sonst; die üblichen Puffärmel, die Kniebundhosen und das pompöse Wams, in dem alle modebewussten Engländer aussehen, als würden sie ein Kind erwarten, sind verschwunden, doch die Jacke aus mit zarter Goldstickerei und winzigen Staubperlen verzierter elfenbeinfarbener Seide, die er jetzt trägt, ist auch nicht passender. Seine Halskrause ist zwar nicht so ausladend wie üblich, aber makellos weiß und gestärkt, und auf dem Kopf trägt er eine schwarze Samtkappe mit einer juwelenbesetzten Brosche und einer Pfauenfeder, die über seinem Nacken wippt und sich ab und an in seinem goldenen Ohrring verfängt. Ich schließe mit mir selbst Wetten ab, wie lange die Feder eine raue Brise auf See übersteht.

Ein Gentleman, dessen Kleider ihn von den Männern unterscheiden, die auf Deck die Vorräte verladen, kommt die Gangplanke herunter und hebt grüßend eine Hand. Er muss ungefähr in Sidneys Alter sein, hat rötliches, aus der hohen Stirn zurückgestrichenes Haar und einen beeindruckenden Bart, der aussieht, als wäre er von einem Barbier frisch gelockt worden. Er steigt zum Kai hinunter und verbeugt sich knapp vor Sidney; als er den Kopf wieder hebt und lächelt, erscheinen Fältchen in seinen Augenwinkeln, die ihn herzlich und warmherzig wirken lassen.

»Willkommen auf der Galleon Leicester.« Er breitet die Arme aus.

»Schön, dich zu sehen, Vetter.« Sidney umarmt ihn mit viel Gewese und Schlägen auf den Rücken. »Sind wir so weit?«

»Sie bringen gerade die letzte Munition an Bord.« Er deutet hinter sich zu einer Gruppe von Seeleuten, die mittels eines Systems aus Seilen und Winden und unter viel Gebrüll Kisten auf das Schiff laden. Dann wendet er sich mit einem kurzen, abschätzenden Blick an mich. »Und Ihr müsst der Italiener sein. Euer Ruf eilt Euch voraus.«

Er kräuselt nicht so abfällig die Lippe, wie es die meisten Engländer tun, wenn sie einen Ausländer treffen, besonders einen aus dem katholischen Europa, weswegen er mir gleich noch sympathischer ist. Vielleicht betrachtet ein Mann, der über den halben Globus gesegelt ist, andere Nationen mit toleranteren Augen. Ich frage mich, welcher meiner Rufe ihm zu Ohren gekommen ist. Ich erfreue mich mehrerer.

»Giordano Bruno aus Nola, zu Euren Diensten, Sir.« Ich verbeuge mich tief, um dem Rangunterschied zwischen uns Respekt zu zollen.

Sidney legt dem Mann eine Hand auf die Schulter und dreht sich zu mir.

»Darf ich dir Sir Francis Knollys vorstellen, den Schwager meines Onkels, des Earls of Leicester, und für unsere Reise Kapitän dieses Schiffes?«

»Es ist mir eine Ehre, Sir. Sehr freundlich, dass Ihr uns an Bord genommen habt.«

Knollys grinst. »Ich weiß. Ich habe Philip eingeschärft, nicht im Weg zu stehen. Das Letzte, was ich auf meinem Schiff gebrauchen kann, sind zwei Dichter, die uns vor den Füßen herumlaufen und bei dem leichtesten Seegang wie kleine Kinder kotzen.« Er blinzelt zum Himmel hoch. »Ich hatte gehofft, beim ersten Tageslicht abzulegen. Aber der Wind steht günstig, und wir können Zeit aufholen, wenn wir auf dem offenen Meer sind. Seid Ihr seefest, Master Bruno, oder werdet Ihr auf dem ganzen Weg nach Plymouth kopfüber über einem Eimer hängen?«

»Ich habe einen Magen aus Eisen.« Ich lächele, als ich das sage, sodass er weiß, dass es nicht ganz der Wahrheit entspricht. Weder mir noch Sidney ist die in dem Wort »Dichter« mitschwingende Verachtung entgangen; mich stört das weniger, aber ich würde es begrüßen, mich vor diesem aristokratischen Seemann nicht allzu sehr zu blamieren. In einen Eimer zu spucken ist in seinen Augen eindeutig der sicherste Weg, Zweifel an meiner Männlichkeit aufkommen zu lassen.

»Freut mich zu hören.« Er nickt anerkennend. »Ich lasse Eure Taschen an Bord bringen. Kommt und seht Euch Eure Unterkunft an. Sie ist nicht sonderlich luxuriös, fürchte ich – nichts, was dem Geschützmeister der Königin zustehen würde, aber es muss reichen.« Er verneigt sich spöttisch vor Sidney.

»Spotte du nur, Vetter, aber wenn wir in der Karibik sind und der geballten Macht von König Philips Garnisonen gegenüberstehen, wirst du froh sein, wenn ein kompetenter Mann sich um die Beschaffung von Munition kümmert«, versetzt Sidney hochmütig.

»Ein kompetenter Mann? Wer soll das sein?« Knollys lacht über seinen eigenen Scherz. »Wen meinst du übrigens mit ›wir‹?«

»Wie bitte?«

»Du sagtest, wenn wir in der Karibik sind. Aber ich dachte, du und dein Freund, ihr kommt nur bis Plymouth mit?«

Sidney saugt die Wangen ein. »Wir Engländer, meinte ich. Ein Ausdruck der Solidarität, Vetter.«

Mir fällt auf, dass er dem anderen Mann nicht offen in die Augen sieht. Ich betrachte das Gesicht meines Freundes, und in meinem Hinterkopf beginnt sich ein Verdacht zu erhärten.

Knollys führt uns die Gangplanke hoch und an Bord der Leicester. Die Besatzung dreht sich um, als wir vorbeigehen, um uns anzustarren, obwohl ihre Hände nicht mit ihren Tätigkeiten innehalten. Ich frage mich, was sie von uns halten. Sidney – hochgewachsen, schlaksig, kostspielig gekleidet, mit einem trotz des Bartes, den er sich seit Kurzem stehen lässt, jungenhaft strahlenden Gesicht, mit dem er seine Umgebung in sich aufsaugt – verkörpert mehr oder weniger denjenigen, der er ist: einen Aristokraten mit Abenteuergeist. Mich verwechseln sie aufgrund meiner schwarzen Kleidung möglicherweise mit einem Kaplan.

Wir folgen Knollys durch eine Tür unter das Heck des Schiffes, wo wir eine schmale Kabine betreten, in der wir drei gemeinsam kaum bequem stehen können. An der Trennwand befinden sich zwei Kojen übereinander. Es riecht wenig überraschend nach Feuchtigkeit, Salz, Fisch und Seetang. Wenn sich Sidney an den kargen Wohnverhältnissen stört, lässt er es sich nicht anmerken, er äußert sich vielmehr begeistert über die beschränkten Schlafgelegenheiten, also entschließe ich mich, eine stoische Miene zur Schau zu tragen. Doch hinter meinem Rücken balle und öffne ich die Fäuste und zwinge mich, ruhig und gleichmäßig zu atmen; seit meiner Kindheit versetzen mich geschlossene Räume in Panik, und hier eingepfercht zu sein erscheint mir wie eine Strafe. Ich schwöre mir, dass ich während der Reise so viel Zeit wie möglich an Deck verbringen und den Blick auf den Himmel und die weite Fläche des Wassers heften werde.

»Macht es euch gemütlich.« Knollys winkt fröhlich mit einer Hand; kostet den Vorteil aus, den ihm seine Erfahrung über seinen kultivierteren Verwandten verschafft. »Ich hoffe, ihr habt beide dicke Umhänge mitgebracht – der Wind auf dem Meer wird ziemlich rau werden, obwohl wir angeblich Sommer haben. Ich lasse euch jetzt allein, damit ihr euch häuslich einrichten könnt; ich habe noch viel zu tun, bevor wir ablegen. Kommt an Deck, wenn ihr fertig seid, und verabschiedet euch von London.«

»Ich denke, ich nehme die untere Koje«, verkündet Sidney, nachdem Knollys gegangen ist, und wirft seinen Hut auf das Kopfkissen. »Dann falle ich nicht so tief, wenn das Meer stürmisch ist.«

Ich lehne mich gegen den Türpfosten. »Danke. Und du solltest ihm besser sagen, dass du allein für deine Kleider noch eine Extrakabine benötigen wirst.«

Sidney legt sich in seine Koje und versucht, seine langen Beine auszustrecken. Das gelingt ihm nicht, sodass er gezwungen ist, die Knie anzuziehen wie eine gebärende Frau. »Weißt du, Bruno, eines Tages wirst du lernen, mir den Respekt entgegenzubringen, den ein Mann von deiner Geburt einem von der meinigen schuldet. Natürlich habe ich mir dieses Verhalten selbst zuzuschreiben«, fährt er fort, dabei verändert er seine Position und stößt seinen Hut zu Boden. »Ich habe diese Anmaßung provoziert, indem ich dich wie einen Gleichgestellten behandelt habe. Das muss aufhören. Wie in Gottes Namen soll ich in diesem Ding schlafen? Ich kann ja noch nicht einmal flach liegen. Wurde das für einen Zwerg gebaut? Himmelherrgott, da ist man ja im Fleet-Gefängnis komfortabler untergebracht.«

Ich hebe seinen Hut auf und setze ihn mir in einem verwegenen Winkel auf.

»Was hast du erwartet, Federbetten und Seidendecken? Du warst derjenige, der unbedingt den Abenteurer spielen wollte.«

Plötzlich ernst geworden, setzt er sich auf. »Wir spielen hier nicht, Bruno. Ich bin der Geschützmeister der Königin, und dies ist eine königliche Mission. Nein, ich scherze jetzt nicht. Und du wirst mir dafür dankbar sein, warte es nur ab. Was hättest du denn sonst mit diesem Sommer angefangen, außer über deine Situation nachzugrübeln?«

»An meiner Situation, wie du es ausdrückst, wird sich auch nichts geändert haben, wenn ich zurückkehre. Wenn es mir nicht gelingt, einen Weg zu finden, in England zu bleiben, ohne von der französischen Botschaft abhängig zu sein, wird mir nichts anderes übrig bleiben, als im September mit dem Botschafter nach Paris zurückzukehren. Es ist schwierig, da nicht ins Grübeln zu geraten.«

Ich versuche, nicht allzu gereizt zu klingen, aber der beiläufige Ton, mit dem er über meine ganze Zukunft und vielleicht mein Leben spricht, ärgert mich.

Er winkt ab. »Du machst dir zu viele Sorgen. Der neue Botschafter – wie heißt er doch gleich, Châteauneuf? – kann dich nicht wirklich auf die Straße setzen, oder? Nicht, solange der französische König dich unterstützt und für deinen Aufenthalt in der Botschaft aufkommt. Er versucht nur, dich einzuschüchtern.«

»Nun, damit hat er ja Erfolg gehabt.« Ich schlinge die Arme um meine Brust. »König Henri hat mein Stipendium seit Monaten nicht mehr bezahlt; er muss sich an seinem eigenen Hof um mehr kümmern als um einen verbannten Philosophen. Der frühere Botschafter hat es selbst aus den Truhen der Botschaft finanziert – ich habe davon und von dem gelebt, was mir meine Tätigkeit für …« Ich breche ab, und wir wechseln einen bedeutsamen Blick. »Und da liegt das nächste Problem«, fahre ich mit gedämpfter Stimme fort. »Châteauneuf hat mich praktisch beschuldigt, für den Kronrat zu spionieren.«

»Aus welchen Gründen?«

»Beweise hat er keine. Aber sie vermuten, dass die Botschaftskorrespondenz abgefangen wird. Und da ich in der Residenz der einzige bekannte Gegner der katholischen Kirche bin, hat er seine eigenen Schlüsse gezogen.«

»Hm.« Er zieht die Knie an. »Dann sind sie nicht so dumm, wie sie erscheinen. Aber du wirst in Zukunft vorsichtig sein müssen.«

»Ich fürchte, es wird mir nahezu unmöglich sein, weiter so für Walsingham zu arbeiten, wie ich es bisher getan habe. Der ehemalige Botschafter hat mir vertraut. Châteauneuf ist entschlossen, mich mit allergrößtem Argwohn zu betrachten, er wird jeden meiner Schritte überwachen. Er gehört zu der dogmatischsten Sorte von Katholiken – denen, die Toleranz für das schlimmste Vergehen überhaupt halten. Er wird jemanden wie mich nicht unter seinem Dach dulden. So lauteten seine Worte.«

Sidney lächelt. »Ein wegen Ketzerei exkommunizierter ehemaliger Mönch. Ja, ich verstehe, dass er in dir eine Gefahr sieht. Aber ich dachte, du wärst so erpicht darauf, nach Paris zurückzukehren?«

Die Anspielung entgeht mir nicht.

»Ich habe letzten Herbst an König Henri geschrieben, um ihn zu fragen, ob ich für kurze Zeit zurückkommen könnte. Er meinte, er könne mich im Moment am Hof nicht gebrauchen, das würde nur die katholische Liga gegen ihn aufbringen. Außerdem«, ich lehne mich gegen die Wand und verschränke die Arme vor der Brust, »wird sie schon längst wieder fort sein. Falls sie überhaupt je dort war.«

Er nickt langsam. Sidney versteht, was es heißt, eine Frau zu lieben, die man nicht haben kann. Mehr braucht dazu nicht gesagt zu werden.

»Nun, du kannst aufhören zu grübeln. Ich habe die Lösung für deine Probleme.« Das Glitzern in seinen Augen ist nicht unbedingt vertrauenerweckend. Sidney meint es gut, handelt aber impulsiv, seine Pläne lassen sich selten in die Tat umsetzen, trotzdem kann ich einen Hauch aufkeimender Hoffnung nicht unterdrücken. Vielleicht hat er vor, sich bei Walsingham oder gar bei der Königin für mich einzusetzen. Nur ein Amt bei Hof würde es mir ermöglichen, mich im Exil durchzuschlagen. Obwohl sie es nicht öffentlich zugeben kann, weiß ich, dass Walsingham der Königin berichtet hat, dass ich im Lauf der letzten zwei Jahre in ihren Diensten mein Leben riskiert habe. Sie wird sicherlich einsehen, dass ich in einem katholischen Land nie wieder in Sicherheit leben oder schreiben kann, wenn mich die Inquisition wegen Ketzerei verfolgt.

»Wirst du mit der Königin sprechen?«

»Warte nur ab«, erwidert er mit einem kryptischen Zwinkern, von dem er weiß, dass es mich zur Weißglut bringt.

Sidney wurde Anfang des Frühlings zum Geschützmeister ernannt – eine politische Entscheidung und ein Trostpflaster von der Königin und keine Anerkennung seiner militärischen oder die Marine betreffenden Fähigkeiten, die bislang ohnehin nur in seinem Kopf existieren. Den Sommer über war er damit beschäftigt, die Bereitstellung der Munition für Francis Drakes neuestes Unternehmen zu überwachen. So kam es, dass Sidney sich, als die Königin erfuhr, dass der portugiesische Thronprätendent Dom Antonio, um sie zu besuchen, nach England segeln und in Plymouth anzulegen beabsichtigte, sofort erbot, ihn dort zu treffen und nach London zu eskortieren, was es ihm zugleich ermöglichen würde, Drakes Flotte mit eigenen Augen zu sehen.

Der Plan sieht vor, dass wir mit der Galleon Leicester bis Plymouth segeln, wo die Schiffe sich versammeln, und dort ein paar Tage unter Seeleuten und abenteuerlustigen Kaufleuten verbringen, während wir auf den Portugiesen und sein Gefolge warten. Das erlaubt es Sidney herumzustolzieren, sich über Kanonen und die Seefahrt auszulassen und sich allgemein wichtigzumachen, bis wir dann Ende des Monats, wenn der Hof nach einem Sommer auf dem Land in die Stadt zurückgekehrt ist, mit unserem königlichen Gast über den Landweg nach London reisen. Ich bin für die Abwechslung dankbar, kann aber nicht umhin, mir über die Rechnung Gedanken zu machen, die ich nach unserer Rückkehr zahlen muss. Wenn es Sidney gelingt, einen Weg zu finden, der es mir ermöglicht, in London zu bleiben, werde ich mein Leben lang in seiner Schuld stehen.

Die Sonne ist fast vollständig aufgegangen, als Knollys uns wieder auf das Deck hochruft, wo das Licht von einem dünnen weißen Wolkenschleier gefiltert wird. Ich denke mit einem leichten Stich von Wehmut an eine sizilianische Zitrone in einem Musselinbeutel.

»So Gott will, haben wir heute klares Wetter«, sagt er, dabei nickt er gen Himmel. »Obwohl es nichts schaden würde, um ein bisschen mehr Wind zu beten.«

»Da fragst du den falschen Mann.« Sidney stößt mich an. »Bruno betet nicht.«

Knollys betrachtet mich belustigt. »Er wird. Warte, bis wir auf dem offenen Meer sind.«

Das Schiff löst sich sacht von seiner Anlegestelle. Befehle werden gebrüllt, Seile eingeholt, und über uns ertönt ein lautes Knarren und Flattern, als sich die Segel blähen und wieder schlaff werden wie Blasebälge. Zum ersten Mal, seit wir an Bord gegangen sind, wird mir wirklich bewusst, dass sich das Deck unter meinen Füßen bewegt; ein leises Schlingern vor und zurück auf der Dünung, als die Leicester vom Dock weggleitet und die Kinder, die sich mit dem Verladen von Fracht und mit Botengängen Pennys verdient haben, uns jubelnd verabschieden und so weit wie möglich am Kai entlanglaufen, um uns nachzuwinken. Knollys lacht und winkt zurück, also folgen Sidney und ich seinem Beispiel, als die Sonne plötzlich durch die Wolken bricht und die Messingteile und das warme Holz vergoldet und hunderttausend kleine Lichtpunkte auf dem Wasser glitzern lässt, und ich denke, dass ich vielleicht doch Vergnügen an der Reise finde. Doch jedes Mal, wenn ich mich bewege, werde ich daran erinnert, dass ich keinen festen Boden mehr unter den Füßen habe.

»Beschäftigt euch jetzt erst einmal selbst«, meint Knollys. »Achtet nur darauf, niemandem im Weg zu sein.«

»Ich bin bereit, meinen Anteil Arbeit zu leisten, Vetter. Sag mir nur, was ich tun soll. Ich habe gehört, wie Drake die Besatzung herannimmt, und wir sind nicht hier, um ehrlichen Männern beim Schuften zuzuschauen, während wir in der Sonne sitzen und französischen Wein trinken.« Sidney strahlt und spreizt die Hände, wie um zu sagen: Hier bin ich.

Ich sehe ihn erschrocken an; bei seiner Einladung war davon keine Rede gewesen. Dann spähe ich zur Spitze des Hauptmastes hoch, wo über der Ausguckplattform ein Wimpel mit einem goldenen Wappen weht. Hoffentlich hat er sich nicht gerade erboten, dass wir die Takelage hochklettern oder die Decks schrubben.

Knollys mustert ihn von Kopf bis Fuß, registriert das Seidenwams, die Spitzenmanschetten, die Verzierungen. Er lächelt, aber mit einem Anflug von Schärfe.

»Gut – der Wein ist nämlich streng rationiert. Ich muss sagen, Philip, es wundert mich, dass Ihre Majestät dir gestattet hat, den Hof so lange zu verlassen. Unter diesen Umständen …«

Sidney wendet den Blick ab. »Irgendjemand muss Dom Antonio ja nach London bringen. Allein würde er nie in einem Stück dort ankommen. Du weißt, dass Philip von Spanien ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hat.«

»Eben. In Anbetracht der Tatsache, dass du im Moment nicht auf bestem Fuß mit ihr stehst, erstaunt es mich, dass sie darauf vertraut, dass du auch wirklich zurückkommst.« Knollys lacht in der Erwartung, dass Sidney mit einstimmt.

Eine Pause tritt ein, die mit zunehmender Länge immer unbehaglicher wird. Sidney studiert mit angestrengter Konzentration den Horizont.

»Sagt mir«, werfe ich ein, um das Schweigen zu brechen, »was für eine Art von Mann ist Francis Drake?«

»Halsstarrig«, entgegnet Sidney ohne Zögern.

»Ein Mann von echtem Schrot und Korn«, meint Knollys nach einiger Überlegung.

»Ich habe im Laufe der letzten paar Jahre mit ihm in einigen Parlamentskomitees gesessen«, versetzt Sidney, »und er ist so zielstrebig wie ein Jagdhund, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Außerdem ist er ein Pragmatiker, und er arbeitet verdammt hart – wie man es von einem seit der Jugend an körperliche Arbeit gewöhnten Mann erwarten würde«, fügt er, seine Fingernägel betrachtend, hinzu.

»Er verfügt auch über eine gehörige Portion Kampfgeist und starken Ehrgeiz, aber nicht aus persönlicher Eitelkeit, denke ich«, sagt Knollys nachdenklich. »Es ist eher so, dass er Vergnügen daran findet, es mit dem Unmöglichen aufzunehmen. Er kann ein Ausbund von Höflichkeit sein – ich habe ihn Gefangene von gekaperten Schiffen mit ebensolchem Respekt behandeln sehen wie seine eigenen Männer. Aber er hat einen Kern aus Stahl. Wenn du ihm in die Quere kommst, dann wird er dich bei Gott dafür büßen lassen.« Knollys zieht scharf den Atem ein und scheint geneigt, noch weiter darauf einzugehen, besinnt sich dann aber eines Besseren.

»Ist er ein gebildeter Mann?«, frage ich.

»Nicht im herkömmlichen Sinn, obwohl er natürlich viel über das Meer und die Seefahrt weiß«, erwidert Knollys. »Aber in seiner Kabine hat er eine englische Bibel und eine Kopie von Foxes Buch der Märtyrer sowie die Schriften von Magellan und französische und spanische Abhandlungen über die Navigationskunst. Er ist ein großer Musikliebhaber und achtet darauf, Männer an Bord zu haben, die ein Instrument beherrschen. Warum fragt Ihr?«

»Nur weil er Europas berühmtester Seefahrer ist«, entgegne ich. »Ich finde es faszinierend, ihn kennenzulernen – er hat unser Verständnis von der Welt verändert. Ich könnte mir vorstellen, dass er über außergewöhnliche Eigenschaften verfügen muss.«

Knollys nickt lächelnd. »Ihr werdet nicht enttäuscht sein. Jetzt könnt ihr zwei die Aussicht genießen, während ich meine Arbeit erledige. So Gott will, haben wir ruhiges Wasser und guten Wind und werden in zwei Tagen in Plymouth sein.«

Er scheucht uns mit einer vagen Handbewegung in den vorderen Teil des Schiffs. Ich folge Sidney ein paar fast vertikale Treppen zum Hochdeck empor. Sowie Knollys ihm den Rücken zugekehrt hat, missachtet Sidney schon dessen Befehl, er begrüßt den nächstbesten Seemann herzlich und bombardiert ihn mit Fragen über seinen Beruf – warum verknotet er dieses Seil so, was hat es zu bedeuten, dass die Toppsegel noch aufgerollt sind, welche Hierarchie herrscht unter den Besatzungsmitgliedern, welches war der am weitesten von England entfernte Punkt, an dem er sich je befunden hat – und hält kaum inne, um Atem zu schöpfen, bis der arme Kerl sich verzweifelt nach jemandem umblickt, der ihn vor diesem Verhör bewahrt.

Ich überlasse ihn lächelnd seiner Unterhaltung und suche mir ein stilles Fleckchen direkt am Bug. Entgegen meiner früheren Behauptung kann ich ein Ende des Schiffes durchaus vom anderen unterscheiden – ich habe einen Teil meiner Jugend am Golf von Neapel verbracht –, aber ich denke mir, je nutzloser ich erscheine, desto mehr wird man mich in Ruhe lassen. Was hier mein Interesse weckt, ist die Navigationskunst; ich bekäme gern eine Gelegenheit, mich mit Knollys über seine Karten und Instrumente zu unterhalten, wenn er es mir gestattet. Da Seeleute seit Jahrhunderten mit immer genaueren Kalibrierungen ihre Position anhand der Sterne berechnen und da seit derselben Zeit alle unsere Himmelskarten auf irrtümlichen Ansichten bezüglich der Bewegungen der Sterne und Planeten in ihren Sphären basiert haben, bin ich neugierig darauf, wie Steuermänner und Kartografen sich jetzt, wo wir wissen, dass die Sonne und nicht die Erde den Mittelpunkt des Universums bildet und die Sterne weder fest am Himmel stehen noch ihre Sphären die Außengrenze des Kosmos darstellen, an die neuen Erkenntnisse anpassen. Ich frage mich, ob dies Ideen sind, über die ich mit einem erfahrenen Seefahrer wie Knollys diskutieren kann. Laut Sidney hat er 1577 mit Drake den Globus umsegelt, eine Reise, die beide reich und berühmt gemacht hat. Die Berechnungen, die sie im Lauf eines solchen Unternehmens angestellt haben, müssen doch sicherlich weitere Bestätigungen dafür geliefert haben, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Die Königin hat aus Furcht, die Aufzeichnungen könnten den Spaniern in die Hände fallen, Drake und den Männern, die mit ihm gesegelt sind, verboten, Berichte oder Karten von ihrer Reise zu veröffentlichen, aber vielleicht lässt Knollys sich überzeugen, mit mir im Vertrauen über die wissenschaftlichen Entdeckungen zu sprechen, die diese Reise gebracht hat – von Gelehrtem zu Gelehrtem.

Vor uns schimmert die Themse wie gehämmertes Metall, Wolken ziehen über das Antlitz der Sonne hinweg, und ihre Schatten folgen ihnen über das Wasser; in diesem Licht könnte man fast vergessen, dass die Themse eine Brühe aus menschlichem Unrat ist. Ich stütze die Unterarme auf den hölzernen Handlauf und blicke nach unten. Ich muss mich zurückhalten; da meine Lage so heikel ist, tue ich gut daran, darauf zu achten, was ich in der Öffentlichkeit sage, bis ich weiß, wie es aufgenommen wird. Knollys steht wie sein Schwager Leicester und Sidney in dem Ruf, ein guter Protestant zu sein, aber es wäre töricht von mir, mir einzubilden, dass die Ideen des Polen Kopernikus von mehr als nur einer Handvoll Männern akzeptiert worden sind. Erst zwei Jahre zuvor bin ich an der Universität von Oxford dem Gespött preisgegeben worden, weil ich seine Ansichten in einer öffentlichen Debatte vertreten habe. Nur weil die Inquisition in Elizabeths Herrschaftsgebiet nicht an mich herankommt, heißt das noch lange nicht, dass alle Engländer aufgeklärt sind.

Wir gleiten mit gleichmäßiger Geschwindigkeit den Fluss entlang, der sich in Richtung der Mündung verbreitert, und passieren hier und da eine Ansammlung kleiner Gebäude, besserer Hütten, vor denen Fischerboote an provisorischen Anlegestellen festgemacht sind. Das Land ist zu beiden Seiten flach, sumpfig und mit Tümpeln übersät, in denen sich der fahle Himmel widerspiegelt. London verleiht einem das Gefühl, eingeengt, zu allen Seiten eingepfercht zu sein; dort ist der Himmel ein schmutziges Band, das man zwischen den Traufen der hohen Häuser, die sich über die schmalen Gassen hinweg zueinanderneigen und das Licht verdecken, nur sehen kann, wenn man sich den Hals verrenkt. Als wir die Stadt hinter uns lassen, spüre ich, wie sich meine Schultern entspannen; die Luft wird frischer und beginnt nach Salz zu riechen; ich atme tief durch und koste dieses neue Gefühl des weiten Raumes aus. Die Geräusche werden mir allmählich vertraut: das scharfe Flattern von Segeltuch, das Knarren und Stöhnen sich bewegenden Holzes, das rhythmische Brechen der Wellen am Bug, während das Schiff sich hebt und senkt, und die endlosen Rufe der Möwen.

Nach dem Abendessen setzt sich Sidney mit Knollys und seinen Offizieren zu einem Kartenspiel hin, und ich entschuldige mich und kehre an Deck zurück. Der Wind ist noch frischer geworden, und ich muss mich zum Schutz vor der Kälte fester in meinen Umhang wickeln, aber ich fühle mich hier in der Salzluft wohler als in der von Tabakrauch und dem Geruch süßen Weins erfüllten engen Kapitänskajüte. Direkt vor mir ist die Sonne fast im Wasser versunken und hinterlässt orange- und rosafarbene Streifen am Himmel. Zu unserer Rechten oder der Seite, von der Sidney darauf besteht, dass ich sie mit Steuerbord bezeichne, gleicht die englische Küste einem dunklen Fleck. Zur Linken, auf der anderen Seite des unablässig wogenden Wassers, liegt Frankreich, und ich blicke mit zusammengekniffenen Augen zu den Wolken in der Ferne hinüber, als könnte ich das Land sehen.

Die Planken hinter mir knarren, und Sidney taucht mit einer Tonpfeife zwischen den Zähnen neben mir auf. Er holt eine Zunderbüchse aus dem Beutel an seinem Gürtel und hat Mühe, die Pfeife in dem Wind anzuzünden.

»Denkst du wieder nach, Bruno?«

»Damit verdiene ich gewissermaßen meinen Lebensunterhalt.«

Er grunzt, nimmt die Pfeife aus dem Mund, stößt eine Rauchwolke aus, breitet die Arme weit aus und hebt die Brust dem aufgehenden Mond entgegen.

»Es geht doch nichts über frische Seeluft.«

»Sie war frisch, bevor du gekommen bist.«

Er lehnt sich mit dem Rücken gegen die Reling und grinst. »Hör auf, du klingst wie meine Frau. Sie beschwert sich ständig über den Pfeifengeruch. Vor allem jetzt.« Er seufzt und dreht sich wieder zum Meer um. »Bei Gott, es ist wirklich eine Erleichterung, diesem Haus entronnen zu sein. Frauen sind noch widerborstiger als sonst, wenn sie ein Kind erwarten. Warum wird man eigentlich nicht vorgewarnt, möchte ich wissen?«

»Letztes Jahr um diese Zeit hast du dir noch Sorgen gemacht, dass es dir überhaupt nicht gelingen könnte, einen Erben zu zeugen. Ich hätte doch gedacht, dass du dich freust.«

»Es geht allein darum, andere Leute zufriedenzustellen, Bruno. Von einem Mann meines Standes werden gewisse Dinge einfach erwartet. Sie entspringen nicht unbedingt den eigenen Wünschen.«

»Willst du denn nicht Vater werden?«

»Ich würde gerne Vater werden, wenn ich mich imstande sehen würde, selbst für den Unterhalt von Söhnen und Töchtern aufzukommen, statt immer noch im Haus meines Schwiegervaters zu leben. Aber … nun gut.« Er verschränkt seine Hände miteinander und lässt die Knöchel knacken. »Solange ich keinen Erben habe, werden sie mich nicht in den Krieg ziehen lassen, weil es ja sein könnte, dass ich nicht zurückkomme. Also sollte ich mich vermutlich freuen.«

Die Segel blähen sich geräuschvoll über uns, das Schiff gleitet ruhig und majestätisch über das Wasser. Nach langem Schweigen klopft Sidney seine Pfeife an der Reling vor ihm aus.

»Ich habe vor zwei Tagen eine Gruppe bewaffneter Männer und Diener auf die Straße nach Plymouth geschickt. Sie werden uns dort treffen und Dom Antonio nach London zurückbegleiten.«

Meine früheren bösen Vorahnungen erwachen schlagartig wieder zum Leben.

»Zusammen mit uns«, betone ich.

Sidney dreht sich mit einem triumphierenden Lächeln zu mir um. Seine Augen glänzen in dem schwindenden Licht. Er packt mich am Ärmel. »Wir kehren nicht nach London zurück, mein Freund. Wenn Dom Antonio sich in Whitehall die Stiefel am Feuer wärmt, haben du und ich schon den halben Atlantik überquert.«

Ich starre ihn lange an, warte – hoffe – auf ein Zeichen dafür, dass dies wieder einer seiner Scherze ist. Doch das wilde Licht in seinen Augen lässt auf das Gegenteil schließen.

»Was sollen wir machen, uns irgendwo an Bord verstecken? Vielleicht hinter dem Gepäck?«

»Ich sagte doch, ich hätte einen Plan für dich, oder nicht?« Überaus zufrieden mit sich selbst, lehnt er sich zurück.

»Ich dachte, es könnte sich um etwas Realistisches handeln.«

»Verdammt, sei nicht so ein Schwarzseher, Bruno. Hör mir zu. Welches große Problem vereint uns beide?«

»Der Drang, Gedichte zu verfassen, und eine Vorliebe für schwierige Frauen.«

»Und noch etwas anderes.« Er sieht mich an; ich warte ab. »Wir sind nicht unabhängig, weil es uns an Geld fehlt.«

»Ah. Das.«

»Ganz genau! Und wie lösen wir dieses Problem? Wir müssen jemanden finden, der uns mit Geld versieht, oder wir müssen es selbst verdienen. Und da mir niemand einfällt, der zurzeit bereit sein könnte, uns mit Geld auszuhelfen, gibt es keinen besseren Weg, als es uns von den Spaniern zu holen, nicht wahr? Ruhmreich heimkehren und noch dazu mit reicher Beute – das Gesicht, das sie dann machen würde, wäre wirklich sehenswert.«

Einen Moment lang denke ich, er meint seine Frau, bis ich begreife.

»Das dient also alles dem Zweck, es der Königin heimzuzahlen? Weil sie dich nicht in die Niederlande geschickt hat? Du beabsichtigst, ohne ihre Erlaubnis an das andere Ende der Welt zu segeln?«

Er antwortet nicht sofort. Stattdessen blickt er über das Wasser hinweg und atmet tief durch.

»Weißt du, wie viel Gold Francis Drake von seiner Reise um die Welt zurückgebracht hat? Spanische Schätze im Wert von über einer halben Million Pfund. Zehntausend davon hat die Königin ihm für seine eigenen Zwecke zugebilligt, dazu noch eine große Summe, die er unter seinen Männern verteilt hat. Und das ist nur das, was er offiziell angegeben hat.« Sidney hält inne und schüttelt den Kopf. »Er hat sich ein Herrenhaus in Devon gekauft, eine ehemalige Abtei mit all dem dazugehörigen Land, und ein eigenes Wappen. Der Sohn eines Freisassen! Und ich kann mir noch nicht einmal ein kleines Landhaus für meine Familie leisten. Mein Sohn wird in dem Wissen aufwachsen, dass jeder Bissen, den er sich in den Mund schiebt, von seinem Großvater bezahlt wurde, während sein Vater untätig und abhängig wie eine Frau danebengesessen hat. Was glaubst du, wie ich mich dabei fühle?«

»Ich verstehe, dass du frustriert und wütend auf die Königin bist.«

»Der Bursche, dem sie das Kommando in Flushing zu übertragen gedenkt, steht in jeder Hinsicht unter mir. Es ist eine öffentliche Demütigung. Ich kann nicht in dem Bewusstsein, dass der gesamte Hof sich auf meine Kosten amüsiert, durch die Galerien von Whitehall gehen. An jeder Ecke werde ich insgeheim als unmännlich verspottet.« Die auf der Reling ruhende Hand ballt sich zu einer Faust.

»Also musst du als strahlender Held nach Hause kommen.«

»Was kann ein Engländer denn sonst tun, als gegen die Spanier zu kämpfen?« Als er sich zu mir dreht, sehe ich, dass er vor Wut blass geworden ist. »Es ist nicht mehr als meine Pflicht, und sie hindert mich daran, sie zu erfüllen, weil sie Angst hat, ihre Favoriten aus den Augen zu lassen – sie will, dass wir uns alle an ihre Röcke klammern, weil sie das Alleinsein fürchtet. Aber ich bin zu Höherem berufen als dazu, den Schoßhund einer alternden Jungfer zu spielen, Bruno.« Er blickt sich hastig um, um sicherzugehen, dass niemand die letzte Bemerkung gehört hat. »Stell es dir doch einmal bildlich vor, ja, den Nervenkitzel, dem König von Spanien in seinem eigenen Reich entgegenzutreten und als reiche Männer nach England zurückzusegeln. Die Königin wird gar nicht genug Geschenke auftreiben können, um sich erkenntlich zu zeigen.«

Ich möchte am liebsten lachen, so ernst ist es ihm. Stattdessen reibe ich mir über die Bartstoppeln auf dem Kinn und halte dann die Hand über den Mund gelegt, bis ich mit unbewegtem Gesicht sprechen kann.

»Hast du das wirklich ernsthaft vor? Mit Drake in die Karibik zu segeln? Weiß er das überhaupt schon?«

Er zuckt die Achseln, als wäre das eine unbedeutende Kleinigkeit. »Ich habe es mehrfach angedeutet, als ich ihm diesen Sommer bei den Vorbereitungen zur Hand gegangen bin. Ich bin nicht sicher, ob er mich ernst genommen hat, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er Einwände erhebt.«

»Das wird er ganz sicher, wenn er erfährt, dass du ohne Zustimmung der Königin und gegen ihren Willen mitreist. Er wird ihre Gunst nicht verlieren wollen.« Aber ich denke nicht an Drake und seinen Vorteil, sondern nur an mich selbst. Die Königin wird vor Wut schäumen, wenn Sidney sich über ihren Befehl hinwegsetzt, und wenn ich mich an diesem Unternehmen beteilige, werde auch ich ihren Zorn zu spüren bekommen. Sidney wird wieder nach ganz oben gelangen, weil er ist, wer er ist, aber ich könnte bei ihr endgültig verspielt haben. Und das wäre noch das Beste, was dabei herauskommt, denn es setzt voraus, dass wir alle zurückkehren.

»Francis Drake wäre ohne mich gar nicht in der Lage, diese Reise überhaupt anzutreten«, erwidert Sidney eindringlich. »Die Hälfte der Schiffe in der Flotte und ein guter Teil des zusammengebrachten Geldes stammt von privaten Investoren, die ich aufgetan habe; Gentlemen, die ich überredet habe, zur Finanzierung dieses Unterfangens beizutragen.« Er drückt seinen Daumen auf die Brust, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Er kann mich ja schwerlich am Kai wegschicken.«

Ich schüttele den Kopf und schaue über die Wellen. Er übertreibt, was seine Rolle bei diesem Unternehmen betrifft, da bin ich sicher, aber man kann nicht vernünftig mit ihm reden, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Wenn er keine Einwände der Königin von England gelten lässt, wird er erst recht nicht auf mich hören.

»Ich habe keine militärische Erfahrung, Philip, ich bin kein Kämpfer. Das ist nichts für mich.«

Er schnaubt. »Wie kannst du so etwas sagen? Ich habe dich kämpfen sehen, Bruno, und du bist mit Männern fertiggeworden, die doppelt so groß waren wie du. Für einen Philosophen kannst du erstaunlich beherzt auftreten.« Er bedenkt mich plötzlich mit einem Grinsen, und mich durchströmt Erleichterung; ich fürchtete nämlich, dass wir kurz davorstehen, uns zu entzweien.

»Ich kann mich in einer Schenkenschlägerei behaupten, wenn es sein muss. Das lässt sich nicht unbedingt mit dem Kapern eines Schiffes oder der Einnahme eines Hafens vergleichen. Von welchem Nutzen wäre ich denn auf See?«

»Von welchem Nutzen bist du denn jetzt in London, wo der Botschafter jeden deiner Schritte überwachen lassen oder dich gleich ganz hinauswerfen will? Wem nutzt du in Paris, der katholischen Liga zum Fraß vorgeworfen, die dich ausbeuten würde, um König Henri zu stürzen? Im Moment nutzt du überhaupt niemandem, Bruno, nicht ohne einen einflussreichen Gönner.«

Ich wende mich mit einem Ruck ab und schweige, bis ich mich darauf verlassen kann, sprechen zu können, ohne dass meine Stimme meinen Ärger verrät. Ich spüre, wie es in Sidney brodelt; er klopft mit dem Stiel der Tonpfeife hart gegen den hölzernen Handlauf, bis die Pfeife zerbricht und er sie fluchend ins Meer schleudert.

»Danke, dass Ihr mich an meine untergeordnete Stellung erinnert habt, Sir Philip«, sage ich endlich gepresst.

»Oh, um der Liebe Christi willen, Bruno! Ich wollte nur sagen, dass du im Moment auf dieser Reise nützlicher sein kannst als irgendwo sonst. Außerdem hat er eigens nach dir verlangt.«

»Wer?«

»Francis Drake. Deswegen habe ich dich eingeladen.«

»Drake kennt mich gar nicht. Warum sollte er mich brauchen können?«

»Nun, er kennt dich nicht namentlich. Aber diesen Sommer hat er mich in London gefragt, ob ich einen Gelehrten für ihn ausfindig machen kann, der ihm in irgendeiner Angelegenheit behilflich sein soll. Es war ihm sehr wichtig, obwohl er den Grund dafür nicht verraten wollte.«

»Aber du bist ein Gelehrter. Das weiß er doch sicherlich?«

»Ich bin anscheinend nicht geeignet. Er sucht jemanden, der sich mit alten Sprachen und alten Texten auskennt. Einen gebildeten und diskreten Mann für eine heikle Aufgabe, sagt er. Ich versicherte ihm, genau den Richtigen zu kennen.« Sidney strahlt, jetzt wieder die verkörperte Herzlichkeit, und legt mir einen Arm um die Schulter. »Er wies mich an, dich nach Plymouth mitzubringen, wenn ich dorthin reise. Denk nur, Bruno – ich weiß nicht, was er will, aber wenn du ihm irgendeinen Dienst erweisen kannst, könnte uns das den Weg zu einer Kabine auf seinem Schiff ebnen.«

Ich erwidere nichts darauf. Als er mich zu dieser Reise nach Plymouth eingeladen hat, hat er mich mit Schmeicheleien überschüttet: Er würde nicht im Traum daran denken, ohne mich zu gehen, sagte er; er würde die Gespräche mit mir vermissen; es gäbe niemanden aus seinem Kreis am Hof, mit dem er lieber reisen würde, niemanden, dessen Gesellschaft er mehr schätzen würde. Jetzt geht mir auf, dass er mich als Handelsware einsetzen will; als etwas, das er benutzen kann, um mit Drake zu feilschen. Wie ein törichtes Mädchen habe ich mich zu dem Glauben verleiten lassen, dass er mich um meiner Eigenschaften und Fähigkeiten willen mitnehmen wollte. Ich weiß auch, dass es absurd ist, sich deswegen gekränkt zu fühlen, und das steigert meinen Zorn auf ihn und auf mich selbst noch. Ich schüttele seinen Arm ab.

»Ah, komm schon, Bruno, ich kann mir nicht vorstellen, ohne dich zu reisen – willst du mich monatelang am Stück der Gesellschaft graubärtiger alter Seebären aussetzen, die nur über Käfer im Essen, Tauwerk und das Trinken ihrer eigenen Pisse reden? Einem solchen Schicksal würdest du mich doch nicht ausliefern?« Er sinkt auf ein Knie und presst flehend die Hände gegeneinander.

Ich ringe mir zögernd ein Lächeln ab. »Käfer und unsere eigene Pisse trinken? Also schön, du hast es mir schmackhaft gemacht.«

»Siehst du? Ich wusste, dass du nicht widerstehen können würdest.« Er springt wieder auf die Füße und klopft sich ab.

Unsere Freundschaft hat sich schon immer durch gutmütige Neckereien ausgezeichnet, aber seine Worte von vorhin haben mir einen Stich versetzt. Vielleicht entsprachen sie wirklich dem Bild, das er von mir hat. Ohne einen einflussreichen Gönner bin ich ein Nichts.

»Ernsthaft, Philip.« Ich drehe mich um, um ihm in die Augen zu sehen. »So offen das Missfallen der Königin zu riskieren – bist du wirklich dazu bereit? Was mich betrifft, bin ich mir nicht so sicher.«

»Ich schwöre dir, Bruno, wenn wir heimkommen, wird der Anblick der Reichtümer, die wir ihr für ihre Schatzkammer bringen, sie alles andere augenblicklich vergessen lassen.« Als ich keine Antwort gebe, beugt er sich vor und dämpft seine Stimme zu einem Flüstern. »Dir ist schon klar, dass Walsingham dich nicht aus Wohltätigkeit bezahlt. Er entlohnt dich für Informationen. Und wenn Baron de Châteauneuf dich so gut wie verbannt hat, wie kannst du ihm dann weiterhin welche liefern?«

»Ich werde einen Weg finden. Das habe ich bislang immer getan. Walsingham weiß, dass ich ihn nicht im Stich lasse.«

»Ach komm, Bruno!« Er schüttelt mich leicht, um mich bei Laune zu halten. »Sehnst du dich nicht danach, die Neue Welt zu sehen? Was nutzt es, von Welten hinter Fixsternen zu träumen, wenn du es noch nicht einmal wagst, deinen eigenen Globus zu bereisen?« Er fährt sich mit der Hand durch das Haar, sodass es vorne in Büscheln hochsteht, eine unbewusste Geste, die er immer vollführt, wenn er aufgeregt ist. »Du bist siebenunddreißig Jahre alt. Wenn du nicht mehr vom Leben verlangst, als mit einem Buch in einem Raum zu sitzen, dann weiß ich nicht, warum du eigentlich je dein Kloster verlassen hast.«

»Weil ich von der Inquisition zum Tode verurteilt worden wäre«, gebe ich ruhig zurück. Was er sehr wohl weiß. Aber wie erklärt man einem Mann wie Sidney die Realität eines Lebens im Exil? »Und was ist mit deiner Frau und deinem Kind?«, füge ich hinzu, als er sich erneut reckt und sich wie zum Gehen abwendet.

Er sieht mich an, als würde er die Frage nicht verstehen. »Was soll mit ihnen sein?«

»Dein erstes Kind soll in … was … drei Monaten zur Welt kommen? Und du willst dich zu diesem Zeitpunkt mitten auf einem Ozean befinden?« Mit nicht allzu großen Chancen auf eine Rückkehr, aber das sage ich nicht laut. Selbst ich weiß, dass Francis Drake von seiner berühmten Weltumschiffung mit nur einem Schiff von sechsen und einem Drittel seiner Männer zurückgekommen ist. Aber Sidney ist unbelehrbar wie ein kleiner Junge, der sein Herz an etwas gehängt hat; er glaubt felsenfest daran, dass wir glorreich und mit Warenladungen spanischen Goldes zurückkehren werden.

Er runzelt die Stirn. »Ich habe meinen Teil der Aufgabe erfüllt. Sie wird das Kind bekommen, ob ich nun da bin oder nicht, und sie hat genug Hebammen, die sich um sie kümmern. Herrgott, Bruno, ich habe getan, was sie von mir verlangt haben, ich habe einen Erben gezeugt. Zu diesem Zweck haben sie mich ja die letzten beiden Jahre in Barn Elms eingesperrt. Steht mir jetzt nicht ein bisschen Freiheit zu?«

Ich bin versucht anzumerken, dass er möglicherweise den Sinn der Ehe falsch versteht, aber ich halte mich zurück; ich bin schwerlich qualifiziert, ihm in puncto Frauen Ratschläge zu erteilen. Außerdem bringt es nichts, ihn noch weiter zu reizen. Sein Zorn richtet sich, wie ich jetzt sehe, nicht gegen mich, sondern gegen jeden, der dieselben Einwände vorbringen würde: seine Frau, sein Schwiegervater, Francis Drake, die Königin. Er probt seine Rechtfertigung. Ich hege große Zuneigung für Sidney, und er hat viele Eigenschaften, die ich bewundere, aber er kann sich wie ein verzogenes Kind benehmen und nimmt es übel, wenn seine Pläne durchkreuzt werden.

»Es könnte auch ein Mädchen werden«, versetze ich.

Er gibt einen unwirschen Laut von sich. »Ich gehe wieder nach unten, einen Schluck trinken. Kommst du mit?«

»Ich denke, ich werde noch eine Weile hierbleiben.«

»Wie du willst.« Oben auf den Stufen des Hauptdecks dreht er sich um und stützt eine Hand auf das Geländer. »Du weißt, dass ich versuche, einen Weg zu finden, um dir zu helfen, Bruno. Ich dachte, du würdest dich ein bisschen dankbarer zeigen.« Er klingt gekränkt. In meiner Verblüffung über seinen verrückten Plan ist es mir nicht in den Sinn gekommen, dass ich seine Gefühle verletzt haben könnte.

»Entschuldige. Ich bin dir für deine Bemühungen dankbar – glaub es mir.«

»Dann kommst du also mit? In die Neue Welt?« Sein Gesicht hellt sich auf.

»Lass mir Zeit, um mich an die Idee zu gewöhnen.«

Er verschwindet Richtung Unterdeck, und ich richte meine Aufmerksamkeit wieder auf das unruhige schwarze Wasser ringsum. Zwei Wochen auf einem Schiff hatten eine Abwechslung verheißen; Monate am Stück sind eine ganz andere Aussicht. Im Sonnenlicht hatte das Meer freundlich und friedlich gewirkt; jetzt überwältigt mich seine unendliche Weite. Es herauszufordern, zu versuchen, es mit einem so kleinen Schiff zu bezwingen, erscheint mir auf eine groteske Weise vermessen. Aber vielleicht wirken alle Heldentaten am Anfang wie Narreteien. Die Brise weht mir das Haar aus dem Gesicht, und mir wird bewusst, dass die Sonne vollständig untergegangen und der Horizont zu beiden Seiten nicht mehr zu sehen ist. Es gibt keine Trennlinie zwischen Meer und Himmel mehr, nur noch endlose Dunkelheit und die gleichmütigen Sterne.

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