Das letzte Sakrileg - Stephanie Parris - ebook

Das letzte Sakrileg ebook

Stephanie Parris

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Opis

Nichts ist heilig im Kampf um die Macht ...

London, 1584: Giordano Bruno steht im Dienste von Francis Walsingham, dem Spion von Königin Elisabeth. Als er bemerkt, dass er auf Schritt und Tritt beschattet wird, gelingt es ihm, seinen Verfolger zu stellen. Zu seiner Überraschung ist es ausgerechnet Sophia – die junge Frau, die Giordano einst den Kopf verdrehte. Sie ist aus ihrer Heimatstadt Canterbury geflohen, weil sie des Mordes an ihrem Mann verdächtigt wird und hingerichtet werden soll. Einzig Giordano kann ihr helfen, ihre Unschuld zu beweisen. Doch als er in Canterbury zu ermitteln beginnt, stößt er bei den Bewohnern auf eine Mauer von Misstrauen und unverhohlener Feindseligkeit. Und Giordano ahnt: Dahinter verbirgt sich ein brisantes Geheimnis …

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Stephanie Parris

Das letzte Sakrileg

Roman

Aus dem Englischen

von Nina Bader

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »Sacrilege«

bei HarperCollinsPublishers, London.

1. Auflage

© der Originalausgabe 2012 by Stephanie Merritt

© der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by Limes Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-11862-4

www.limes-verlag.de

1

Schon lange bevor ich die betreffende Person sah oder hörte, wusste ich, dass mir jemand folgte: Mein Instinkt, der im Laufe der Zeit durch Erfahrung geschärft worden war, verriet es mir – ein leichter Luftzug, die Gegenwart von jemandem, der seine Bewegungen wie ein unsichtbarer Schatten den meinen anpasste. Jemand beobachtete mich, und das schon seit Tagen: von Gasseneinmündungen aus, hinter Säulen und Mauern hervor, inmitten der Massen von Menschen, Karren und Tieren, die sich in den schmalen Straßen Londons drängten, oder von dem lebhaften Schiffsverkehr auf dem Fluss aus. Manchmal meinte ich sogar in der Abgeschiedenheit meiner Kammer in Salisbury Court Augen auf mir ruhen zu spüren, obwohl das eigentlich unmöglich war und es sich um pure Einbildung handeln musste.

Es war der dreiundzwanzigste Juli 1584, und ich hatte es eilig, mein Buch zu meinem Drucker zu bringen, ehe er London für den Rest des Sommers verließ. Vor Kurzem hatte ein Handelsschiff aus Portugal in Tilbury an der Themsemündung angelegt. In Lissabon grassierte die Pest, und die Besatzung war sofort zwangsweise unter Quarantäne gestellt worden; trotz dieser und anderer Schutzmaßnahmen verbreitete sich das Gerücht, die Seuche fordere bereits auch erste englische Opfer, schneller in der Stadt, als es der Krankheit je möglich gewesen wäre. In den Londoner Sommermonaten käme es gemeinhin immer wieder zu Pestausbrüchen, wie man mir gesagt hatte, und alle Londoner, die über die notwendigen Mittel verfügten, um in Gegenden mit gesünderer Luft zu reisen, packten so rasch wie möglich ihre Sachen. In der Französischen Botschaft, wo ich als Hausgast des Botschafters weilte, hatten die Klatschgeschichten über den Schwarzen Tod den gesamten Haushalt in einen Strudel eingebildeter Symptome gestürzt, sodass der Botschafter schließlich seinen Privatsekretär ausgeschickt hatte, um sich nach Landsitzen in der Nähe des Palace of Nonsuch zu erkundigen, der Sommerresidenz von Königin Elisabeth von England.

Die Furcht vor der Seuche hatte die in den letzten Tagen in der Botschaft herrschenden Spannungen noch verstärkt. Unser Seelenfrieden war in der Woche zuvor von der Nachricht aus den Niederlanden erschüttert worden, dass Wilhelm der Schweigsame, der Prinz von Oranien, ermordet worden war, erschossen auf den Stufen seines eigenen Hauses in Delft – von einem Mann, den er kannte und dem er vertraute. Vermutlich hatten in allen Vertretungen der katholischen sowie der protestantischen Kirche in den größeren Städten Europas die Männer und Frauen genauso erschrocken auf das Eintreffen der Boten reagiert; sprachlos angesichts einer Tat, deren Folgen die Welt, wie wir sie kannten, aus den Angeln heben würden. Der durch den Anschlag ausgelöste Schock und die Angst waren in den Straßen Londons noch immer fast greifbar zu spüren – die Engländer scherten sich zwar einen Dreck um Wilhelm selbst, aber es war allgemein bekannt, dass der katholische König Philipp II. von Spanien auf ihn ein Kopfgeld von fünfundzwanzigtausend Kronen ausgesetzt hatte. Und wenn ein protestantischer Herrscher so leicht niedergemäht werden konnte wie ein Grashalm, stand Königin Elisabeth von England zweifellos als Nächste auf der Liste des Spaniers. Die Vorahnung drohenden Unheils lag umso erdrückender über Salisbury Court, als Wilhelms Mörder ein Franzose gewesen war.

Mein Buchdrucker John Charlewood hatte sein Quartier im Half-Eagle and Key in der als Barbican bekannten Straße nördlich der Stadtmauer aufgeschlagen. Er besaß eine Druckerei in der Nähe des Charterhouse, des alten Kartäuserklosters, das in eine große Privatresidenz umgewandelt worden war, aber ich weigerte mich, seine Geschäftsräume zu betreten, denn das Charterhouse befand sich jetzt im Besitz von Thomas Howard, dem Halbbruder des jungen Earl of Arundel. Ich hatte mir die Howards – die mächtigste katholische Familie unter den englischen Adeligen – im letzten Herbst zu Feinden gemacht und war deshalb nicht besonders erpicht darauf, einem von ihnen über den Weg zu laufen. Das amüsierte Charlewood, aber er stellte mir nie Fragen; er war selbst exzentrisch genug, um die offenkundigen Grillen anderer zu tolerieren – oder eben klug genug, um zu erkennen, dass es in diesen Zeiten wirr verstrickter Loyalitäten oft sicherer war, seine Nase nicht in die Angelegenheiten anderer Leute zu stecken.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als ich Salisbury Court mit einem über die Schulter geworfenen Lederranzen verließ, der meine Manuskriptseiten enthielt. In den Fenstern der Gebäude, die die Fleet Street säumten, glitzerten die Lichtstrahlen wie geschliffene Diamanten. Hier in der Straße gab es hauptsächlich Druckereien und Schänken, die die Angehörigen der nahe gelegenen Gerichtshöfe versorgten. Meine Füße wirbelten beim Gehen kleine Staubwolken auf dem Pflaster auf; gelegentlich musste ich frischem Pferdemist ausweichen, aber an anderen Stellen hatte die Hitze die Dunghäufchen in trockene, mit Stroh durchsetzte Krusten verwandelt. Ein erstickender Geruch nach verrottendem Unrat und dem Abwassergestank der Themse hing schwer in der windstillen Luft. Ich hielt mir den Ärmel meines Leinenhemdes vor die Nase und versuchte, durch den Mund zu atmen. Die Sonne brannte erbarmungslos auf eine Straße hinab, die eigenartig ruhig dalag. Die Sitzungsperioden des Gerichts waren zu Ende, daher herrschte in der Fleet Street nicht mehr das geschäftige Treiben der Anwaltskammern; dennoch hätte man auf der Hauptstraße von Westminster zur Londoner Innenstadt mehr Betrieb erwartet. Ich blickte mich um. Vielleicht blieben die Leute aus Angst vor der Pest in ihren Häusern, oder vielleicht waren sie alle aufs Land gefahren, und die wenigen in der Botschaft verbliebenen Seelen lebten unwillentlich in einer Geisterstadt. Bei diesem Gedanken stieg Missmut in mir auf. Das Leben wimmelte nur so vor natürlichen Gefahren und solchen, die wir selbst auf unsere Häupter herabbeschworen, dass wir auf ewig in unseren Kammern gefangen wären, wenn wir versuchen würden, uns unser Leben lang vor jeglichen Schwierigkeiten zu verkriechen. Ich musste das wissen, ich hatte seit der Nacht, in der ich aus meinem Kloster in Neapel geflohen war, um den Fängen der Inquisition zu entkommen, die letzten acht Jahre damit verbracht, immer mit dem kalten Atem der Gefahr im Nacken, kreuz und quer durch Europa zu flüchten. Und dennoch war mein Leben während dieser acht Jahre, während derer ich mehr als einmal nah daran gewesen war, es zu verlieren, erfüllter, interessanter und mir eindeutig weit kostbarer gewesen als in den elf Jahren, die ich sicher innerhalb der Mauern von San Domenico Maggiore gelebt hatte.

Ich hatte gerade die Fleet Street überquert und war in die Shoe Lane eingebogen, als ich es sah: Es war wie eine Bewegung am Rand meines Blickfelds, flüchtig wie ein Augenzwinkern, und dann sogleich verschwunden. Ich wirbelte herum, meine Hand fuhr zum beinernen Griff meines Dolches, den ich vom Tag meiner Flucht an stets im Gürtel trug, aber die Straße war fast menschenleer. Nur eine alte Frau in einem verschlissenen Kittel kam, unter dem Gewicht des Korbes auf ihrem Rücken ächzend, gebeugt auf mich zu. Unseligerweise wählte sie just diesen Moment, um aufzublicken, sah, wie ich scheinbar nach meinem Messer griff, ließ ihre Einkäufe fallen und stieß einen Schrei aus, der über den Fluss bis nach Southwark und wieder zurück hallte.

»Nein, nein – keine Angst, gute Frau.« Ich hob die Hände und drehte die Handflächen nach außen, um sie von meinen friedlichen Absichten zu überzeugen, doch mein Akzent machte alles noch schlimmer; sie blieb wie angewurzelt stehen und kreischte aus vollem Hals etwas von mörderischen spanischen Papisten. Ich versuchte, sie mit beschwichtigenden Lauten zu beruhigen, aber ihre Schreie wurden immer gellender, bis die Tür eines Nachbarhauses geöffnet wurde, zwei Männer hinaustraten und in das gleißende Licht blinzelten.

»Was geht hier vor?« Der Größere funkelte mich unter buschigen Augenbrauen hervor finster an. »Hat er dir etwas getan, Frau?«

»Er hat sein Messer gezogen, der schmierige spanische Hund!«, keuchte die Alte, dabei presste sie eine Hand auf ihre Brust, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. »Wollte mir das Herz aus dem Leib schneiden und mich ausrauben, das schwöre ich!«

»Es tut mir leid, wenn ich Euch Angst eingejagt habe.« Ich hielt den Männern meine leeren Hände hin. »Ich dachte nur, ich würde verfolgt, das ist alles.« Mein Blick wanderte die Straße hinauf und hinunter, aber außer dem flirrenden Hitzeschleier über dem Pflaster regte sich nichts.

»Ach ja?« Er nickte mit dem Kinn in meine Richtung und gab sich noch etwas großspuriger als vorher. »Eine sehr glaubwürdige Geschichte. Was hast du hier verloren, du spanischer Hurensohn?«

»Tritt zurück, Gil, er könnte die Pest haben«, warnte sein Kamerad, der sich halb hinter der Schulter des größeren Mannes verbarg.

»Bist du hergekommen, um die Pest über uns zu bringen, du Schwein?«, wollte der Mann namens Gil wissen. Seine Stimme klang jetzt härter, aber er wich trotzdem einen Schritt zurück.

Ich seufzte. Die meisten Engländer kannten, wie ich herausgefunden hatte, nur zwei andere Nationen, Spanien und Frankreich, die ihre Mütter abwechselnd benutzt hatten, um ihren Kindern Angst damit einzujagen. Dieses Jahr waren die Spanier an der Reihe. Aufgrund meiner dunklen Haare und Augen sowie meines merkwürdigen Akzents wurde ich mehrmals pro Woche beschuldigt, im Namen des Papstes rechtschaffene englische Bürger in ihren Betten ermorden zu wollen, und zwar oft dann, wenn ich einfach nur die Straße entlangging. In mancher Hinsicht war London die toleranteste Stadt, die zu besuchen ich je das Glück hatte, aber wenn es um Ausländer ging, waren die Inselbewohner die misstrauischsten Menschen auf Gottes Erdboden.

»Ihr meint die Portugiesen. Ich bin weder Spanier noch Portugiese, sondern Italiener«, gab ich so würdevoll wie möglich zurück. »Giordano Bruno aus Nola, zu Euren Diensten.«

»Warum gehst du dann nicht dorthin zurück?«, zischte der rattengesichtige kleinere Bursche, dabei blickte er zustimmungsheischend zu seinem Freund auf.

»Aye. Warum bist du nach London gekommen – um uns zu ermorden und uns vor deinem Papst kriechen zu lassen?«

»Beides zugleich könnte ich schwerlich tun, selbst wenn ich es wollte«, versetzte ich, erkannte aber schnell, dass Humor nicht das richtige Mittel war, um ihn zu entwaffnen. »Hört zu, Gentlemen – ich hatte nicht die Absicht, irgendjemanden zu beleidigen. Könnten wir jetzt vielleicht alle unserer Wege gehen?«

Die beiden wechselten einen Blick.

»Aye, das können wir …«, erwiderte der größere Mann, und ich atmete einen Moment erleichtert auf. »… und zwar, nachdem wir dir eine Lektion erteilt haben.«

Er schlug eine fleischige Faust in die flache andere Hand. Sein Freund kicherte boshaft und ließ die Knöchel knacken. In einem blitzartigen Reflex zog ich erneut das Messer und richtete es auf die zwei, bevor auch nur einer von ihnen einen Schritt vortreten konnte. Schließlich hatte ich nicht drei Jahre in Italien auf der Straße verbracht, ohne mich verteidigen zu lernen.

»Meine Herren«, hob ich an und ließ die beiden nicht aus den Augen, während ich mein Gewicht auf meine Zehenspitzen verlagerte, um notfalls fluchtbereit zu sein. »Ich bin ein Resident der Französischen Botschaft – als solcher bin ich Gast Königin Elisabeths in Eurem Land und stehe unter ihrem ganz besonderen Schutz. Wenn Ihr mir auch nur ein Haar krümmt, werdet Ihr das unmittelbar den Ministern Ihrer Majestät verantworten müssen, die Euch ohne Zweifel aufzuspüren wissen werden.« Ich nickte in Richtung des Gebäudes hinter ihnen.

Die beiden Männer sahen sich unschlüssig an. Der kleinere schien auf die Entscheidung seines Kameraden zu warten. Endlich ließ der größere Bursche die Hände sinken und wich einen Schritt zurück.

»Dann verpiss dich und küss dem Papst den Arsch. Aber halte dich in Zukunft von dieser Straße fern, wenn dir etwas an deinem hübschen Gesicht liegt.«

Erleichtert schob ich mein Messer in die Scheide zurück, straffte die Schultern, ging weiter und verbeugte mich leicht vor der alten Frau, die sich gebückt hatte, um ihre heruntergefallenen Einkäufe aufzusammeln. Fast hätte ich angeboten, ihr zu helfen, aber ihr finsterer Blick reichte aus, um mich davon abzuhalten. Ich war kaum zehn Schritte weit gekommen, als etwas an meinem linken Ohr vorbeipfiff und auf dem Boden aufschlug. Ich sprang zur Seite – direkt vor mir rollte ein Stein von der Größe einer Männerhand und kam im Staub holpernd zum Stillstand. Als ich herumfuhr, sah ich meine beiden Widersacher breitbeinig und mit vor der Brust verschränkten Armen dastehen und feixen. Mit mehr Mut, als ich empfand, zückte ich wieder das Messer und tat so, als wollte ich auf sie losgehen, woraufhin sie einen Moment zögerten. Dann zupfte der Kleinere seinen Freund am Arm, und beide verschwanden hastig in ihrem Haus.

Ich steckte das Messer aufs Neue weg und wischte mir den Schweiß von der Oberlippe. Meine Hände zitterten, und ich spürte, wie mein Herz gegen meine Rippen hämmerte. Diese zwei Flegel hatten mich in Angst und Schrecken versetzen wollen, aber sie konnten nicht ahnen, wie gut ihnen das gelungen war. Letzten Herbst wäre ich beinahe bei einem solchen Angriff – mit einem ohne Vorwarnung aus dem Schutz der Nacht heraus in Richtung meines Kopfes geschleuderten Stein – ums Leben gekommen. Wenn ich seitdem nervöser geworden war, hatte dies also einen guten Grund. Immer noch von Angst erfüllt, sah ich mich, eine Hand schützend auf meine Tasche gelegt, nach allen Seiten um. Die alte Frau hatte fast das andere Ende der Straße erreicht, ansonsten war niemand zu entdecken. Aber ich meinte zu wissen, wer es war, der mich durch die Straßen von London verfolgte; halb erwartete ich ihn seit dem letzten Jahr sogar. Und wenn ich richtiglag, würde derjenige nicht ruhen, bis er mich getötet hatte.

»Giordano Bruno! Kommt herein, kommt herein. Was ist passiert, Mann? Ihr seht aus, als wärt Ihr dem Teufel persönlich begegnet.« Charlewood riss die Tür seiner Unterkunft auf, erfasste meine äußere Erscheinung mit einem geübten Blick und bedeutete mir einzutreten. »Hierhin bitte – meine Haushälterin soll uns etwas zu trinken bringen. Steckt Ihr in Schwierigkeiten?«

Ich wischte die Frage beiseite. Er rief etwas den Korridor hinunter, während ich in seine vordere Stube trat, mein Manuskript aus dem Ranzen nahm und es aus seiner Leinenhülle zu wickeln begann.

»Nun?« Er folgte mir und rieb sich voller Vorfreude die Hände. »Ist das Meisterwerk endlich fertig? Wir wollen ja Ihre Majestät nicht warten lassen, nicht wahr?« Grinsend strich er über seinen spitz zulaufenden Bart.

Was ich an Charlewood am meisten schätzte, war weder seine Bereitschaft, Bücher zu drucken und in Umlauf zu bringen, die radikale und teilweise aufrührerische Ideen enthielten, noch der Umstand, dass er weit gereist war, mehrere Sprachen sprach und liberalere Ansichten vertrat als die meisten Engländer, die ich kannte, sondern die Tatsache, dass er ein unbußfertiger Spitzbube war. Charlewood, ein schlank gebauter Mann Mitte vierzig mit rötlichem Haar und verschmitzt funkelnden Augen, vibrierte so vor rastloser Energie, dass er es kaum fertigbrachte, fünf Minuten lang still zu stehen. Ständig fuchtelte er mit den Händen, hüpfte von einem Fuß auf den anderen und zupfte an seinen Ärmeln, seinem Bart oder dem kleinen Goldring herum, den er im rechten Ohr trug. Er scherte sich nicht darum, was andere über ihn sagten, und war in Bezug auf sein Geschäft völlig skrupellos. Mehr als einmal war er in Schwierigkeiten geraten, weil er illegale Kopien von Büchern gedruckt hatte, ohne die Lizenz dafür zu besitzen, und er versah bedenkenlos jedes Buch mit erfundenen Empfehlungen, wenn er meinte, so den Verkauf steigern zu können. Doch seinen Autoren gegenüber verhielt er sich stets loyal, und er sprach sich entschieden gegen jede Art von Zensur aus – in diesem Punkt waren wir absolut einer Meinung. Seit einiger Zeit hatte er sich darauf spezialisiert, Werke italienischer Autoren für eine kleine aristokratische Leserelite in England zu veröffentlichen. Mein Freund Philip Sidney, der inoffizielle Kopf dieser Gruppe von Intellektuellen an Königin Elisabeths Hof, die sich regelmäßig trafen, um sich gegenseitig Gedichte vorzulesen und über Ideen zu diskutieren, die viele als unorthodox oder gar gefährlich betrachten würden, hatte mich ihm vorgestellt. Es war Sidney gewesen, der Charlewood erzählt hatte, dass die Königin sich sehr für das Buch interessierte, an dem ich arbeitete, und natürlich hatte der Drucker darin sofort eine Möglichkeit gesehen, davon zu profitieren, und war sogar so weit gegangen, ein fiktives venezianisches Impressum zu kreieren, damit das Ganze authentischer wirkte. Königin Elisabeth beherrschte das Italienische fließend, so wie viele andere europäische Sprachen, und es hieß, sie verfüge über außergewöhnliche Geistesgaben und zeige großes Interesse an neuen, experimentellen wissenschaftlichen und philosophischen Theorien, aber die Kühnheit meines neuen Werkes mochte sogar ihre Toleranz überstrapazieren. Ich betrachtete die sorgfältig beschriebenen Seiten in meinen Händen und fragte mich, ob sich Charlewood wirklich bewusst war, worauf er sich da eingelassen hatte.

Dann schob ich das Leinentuch zur Seite, in das ich das Manuskript eingewickelt hatte, und reichte ihm das von einem Seidenband zusammengehaltene Bündel. Er nahm es voller Ehrfurcht entgegen und strich den obersten Bogen mit der flachen Hand glatt.

»La Cena de le Ceneri. Das Aschermittwochsmahl.« Er blickte mit gerunzelter Stirn auf. »An dem Titel müssen wir noch etwas arbeiten, Bruno. Macht ihn ein bisschen …« Er beschrieb mit den Fingern einen unbestimmten Kreis.

»So lautet der Titel, und dabei bleibt es«, erwiderte ich fest.

Er grinste erneut, machte aber keine Zugeständnisse.

»Und ist es in höchstem Maße kontrovers? Wird es die Akademien in helle Aufregung versetzen?«

»Wie ich sehe, hofft Ihr, dass die Antwort ›Ja‹ lautet«, stellte ich lächelnd fest.

»Ja, natürlich.« Er löste das Band, das die Seiten zusammenhielt. »Die Menschen lieben die Vorstellung, etwas zu lesen, von dem die Behörden finden, dass es nicht für ihre Augen bestimmt ist. Andererseits würde die Billigung der Königin …«

»Sie hat nicht gesagt, dass sie sich meinen Ansichten anschließen wird«, unterbrach ich ihn rasch. »Sie hat nur Interesse daran bekundet, es zu lesen. Und sie kennt den Inhalt noch nicht.«

»Aber den kann sie erahnen, sie kennt ja Euren Ruf, Bruno. Die Gerüchte, die Euch aus Paris gefolgt sind …«

»Und was sind das für Gerüchte, John?«, fragte ich, Unschuld vortäuschend, denn ich wusste ganz genau, worauf er anspielte.

»Dass Ihr Euch mit Magie befasst. Dass Ihr weder Katholik noch Protestant seid, sondern Euch eine eigene Religion zurechtgeschmiedet habt, die auf der Weisheit der alten Ägypter basiert.«

»Nun, ich bin von der katholischen Kirche exkommuniziert und von den Calvinisten ins Gefängnis geworfen worden, also denke ich, dass das so weit zutrifft. Aber es bedarf schon einer außerordentlichen Arroganz, von der Schaffung einer eigenen Religion zu träumen, nicht wahr?« Ich hob eine Braue. Einer seiner Mundwinkel krümmte sich zu einem Lächeln.

»Genau deswegen traue ich Euch das zu, Bruno.« Er musterte mich lange forschend. Dann tippte er mit dem Handrücken auf die Seiten. »Ich werde das nach Suffolk mitnehmen, um es im Lauf der nächsten Wochen zu lesen. In London tut sich ohnehin nichts, bis diese verdammte Hitze nachlässt und die Bedrohung durch die Pest vorüber ist. Im Herbst dann – wenn Ihr einverstanden seid – werden wir allerdings ein Buch herausbringen, das den größten Aufruhr in Europa auslöst, seit der Pole Kopernikus zu behaupten gewagt hat, dass die Erde nicht der Mittelpunkt von Gottes Schöpfung ist. Wir können nur hoffen, dass in der Zwischenzeit niemand mehr ermordet wird und Euer Werk darüber in den Hintergrund tritt.«

Er streckte mir die Hand hin, die ich nach englischer Manier schüttelte. Die Tür wurde knarrend geöffnet, und seine Haushälterin erschien und stellte mit gesenktem Kopf ein Tablett mit einem irdenen Krug und zwei Holzbechern auf das Eichenholzschränkchen, das an der hinteren Wand des Raumes stand. Charlewood legte mein Manuskript auf einen Stuhl und ging zu dem Schrank hinüber.

»Hier, Bruno.« Er füllte einen Becher mit Dünnbier und reichte ihn mir. »Bei diesem Wetter bleibt einem der Staub in der Kehle kleben, nicht wahr? Für guten Wein ist es noch ein bisschen zu früh, aber lasst uns auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit trinken. Ich nehme an, dieses Manuskript ist nicht Euer einziges Exemplar?«

»Nein.« Dankbar trank ich einen Schluck Bier. Es war zwar warm, schmeckte aber zumindest frisch. »Ich habe noch eine Abschrift angefertigt, die ich zu Hause weggeschlossen habe.«

»Ausgezeichnet. Gebt gut darauf acht. Ich werde diese hier notfalls mit meinem Leben beschützen – da zurzeit so viele Leute London verlassen, wimmelt es auf den Straßen nur so von Banditen und Beutelschneidern. Ihr habt doch nicht etwa vor, in London zu bleiben?«

»Der Botschafter möchte den Haushalt gerne in die Nähe des Hofes verlegen, wenn er ein geeignetes Haus findet. Ich für meinen Teil habe es mit der Abreise nicht eilig.« Ich zuckte die Achseln. »Ich sehe keinerlei Anzeichen für einen drohenden Ausbruch der Pest.«

Charlewood schüttelte den Kopf.

»Wenn Ihr die Anzeichen dafür bemerkt, ist es zu spät. Hört auf meinen Rat – verlasst die Stadt. Wir können doch nicht zulassen, dass Ihr schon mit … wie alt seid Ihr jetzt eigentlich?«

»Sechsunddreißig.«

»Zu jung, um zu sterben. Ihr wollt doch der Königin dieses Buch persönlich überreichen, oder? Und das nächste und das nächste. Ein toter Autor nutzt mir nichts.«

Ich lachte, musste aber wieder an den zu meinen Füßen im Staub rollenden Stein und den unsichtbaren Schatten denken, der sich seit Tagen an meine Fersen heftete. Wenn mein Verfolger sein Ziel erreichte, konnte ich mich glücklich schätzen, wenn ich den Herbst ganz unabhängig von der Pest noch erlebte.

Ich verließ Charlewoods Haus wesentlich leichteren Herzens, seine Begeisterung hatte auf mich abgefärbt. Die Straßen rund um den Barbican lagen noch immer ungewöhnlich verlassen da, die grelle Sonne ließ die roten Ziegelhäuser, die sie säumten, fahl und farblos erscheinen. Hinter den Reihen von Schornsteinen leuchtete der wolkenlose Himmel kobaltblau, annähernd so blau wie der, an den ich mich von meiner Kindheit im Dorf Nola am Fuß des Monte Cicala her erinnerte. Ich hatte nicht gewusst, dass der Himmel in England so aussehen konnte. Mein Hemd klebte mir schweißgetränkt am Rücken; beim Gehen löste ich die Schnüre am Kragen, dankbar dafür, dass ich die Vorliebe der Engländer für riesige gestärkte Halskrausen nicht teilte. Die jungen Gecken am Hof mussten bei dieser Hitze wohl fast ersticken.

Als ich die Aldersgate Street überquerte und in die Long Lane einbiegen wollte, spürte ich es erneut: einen flüchtig auftauchenden Schatten, ein nahezu unhörbares Geräusch. Mit der Hand an meinem Messer fuhr ich herum, und zum ersten Mal erhaschte ich einen Blick auf ihn; er war vielleicht fünfzig Yards von mir entfernt und verschwand im nächsten Moment zwischen zwei Häusern. Mir blieb nicht genug Zeit, um mehr als eine hochgewachsene, schmale Gestalt zu erkennen, aber mein Blut rauschte heiß durch meine Adern, und ohne weiter über mögliche Folgen meines Tuns nachzudenken, setzte ich ihr nach. Meine Füße stampften durch den Staub. Wenn ich gezwungen wäre zu kämpfen, dann sollte es so sein – aber ich wollte nicht länger in Angst leben, ständig über meine Schulter spähen müssen und mich so verwundbar fühlen wie ein gehetztes Tier.

Ich huschte in die Gasse, in die der Mann verschwunden war, und sah ihn am anderen Ende hinausrennen und in nördlicher Richtung die Aldersgate Street hochstürmen. Ich verdoppelte meine Anstrengungen – ich mag ja nicht so übermäßig groß sein wie manche Engländer, doch ich bin schlank und drahtig und kann mich, wenn nötig, blitzschnell bewegen. Sobald ich mich aus dem Schatten der Häuser löste, konnte ich ihn deutlicher erkennen und stellte voller Unbehagen fest, dass er auf das Charterhouse zusteuerte. Aber ich war zu aufgebracht und zu entschlossen, dieser feigen Hinterherschleicherei ein Ende zu setzen, um mir jetzt Gedanken wegen der Howards zu machen.

Als ich ihm näher kam, schoss er um eine Ecke und hielt sich dicht bei der Grenzmauer, die das Labyrinth alter Gebäude umschloss. Ich hatte von ihm nur ausmachen können, dass er ein braunes Wams, Hosen und eine tief über die Ohren gezogene Kappe trug; selbst aus der Entfernung hatte seine Gestalt jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit dem Mann, mit dem ich gerechnet hatte und von dem ich fürchtete, dass er hinter mir her war – es sei denn, der Betreffende hätte seit dem letzten Herbst beträchtlich an Gewicht verloren.

Mir blieb allerdings keine Zeit für derartige Überlegungen, denn als ich ebenfalls um jene Ecke bog, versuchte meine Jagdbeute gerade schon, die niedrige Mauer zu überwinden, die diesen Weg vom Pardon Churchyard trennte, dem alten Pestfriedhof, der zu den Ländereien des Charterhouse gehörte. Der Kerl zog sich über die Mauer – ich tat es ihm nach, landete auf der anderen Seite und konnte ihn erstmals klar und deutlich wahrnehmen, da mir über den Friedhof hinweg keine Häuser die Sicht versperrten. Er bewegte sich geschmeidig und behände, wich Grasbüscheln und den zerbröckelten Überresten alter Grabsteine aus und lief auf die Mauer am anderen Ende des Friedhofs und die Rückseiten der Häuser der Wilderness Row zu. Grimmig entschlossen steigerte ich mein Tempo so weit, dass ich sein Wams zu fassen bekam, bevor er die Mauer erreichte. Er wand sich heraus, und das Leder entglitt meinen Fingern, ich geriet mit einem Fuß in einen Kaninchenbau und wäre beinahe zu Boden gestürzt – aber gerade als er dazu ansetzte, auf die Mauer zu springen, gelang es mir, mich auf ihn zu werfen, eines seiner Beine zu packen und ihn zu Fall zu bringen. Er setzte sich erbittert zur Wehr, schlug mit den Fäusten nach mir, aber ich war stärker als er. Nachdem ich erst einmal seine Handgelenke umschlossen hatte, kostete es mich anschließend keine große Mühe mehr, ihn mit dem Gesicht nach unten in das Gras zu drücken und mich über ihn zu knien, um ihn festzuhalten, bis sein Widerstand erlahmte und er still liegen blieb.

Während des Kampfes hatte er seine Kappe verloren, aber er presste nun das Gesicht fest in das Gras. Ich packte ihn grob an den Haaren und riss seinen Kopf hoch, damit ich ihn ansehen konnte. Und dann wusste ich nicht, wer von uns beiden lauter aufschrie.

»Gesù Cristo! Sophia?« Ich blickte ungläubig auf das Mädchen hinunter, das ich vor über einem Jahr in Oxford kennengelernt hatte. Damals hatte ich mir eingebildet, mich in sie verliebt zu haben. Ich erkannte sie kaum wieder, und das nicht nur, weil ihr Haar so kurz geschnitten war wie das eines Jungen. Sie war so mager geworden, dass ihre Züge viel schärfer als früher wirkten, und unter den großen gelbbraunen Augen, die mich so fasziniert hatten, lagen dunkle Schatten. Sie murmelte etwas, das ich nicht verstehen konnte, und ich beugte mich tiefer über sie.

»Was?«

»Lasst mein Haar los«, zischte sie durch die zusammengebissenen Zähne.

Verwirrt wurde mir bewusst, dass ich die Finger noch immer in ihr Haar krallte. Ich gab sie frei, und ihr Kopf sank auf das Gras zurück, als wäre er zu schwer, um ihn hochzuhalten.

»Sophia Underhill«, wiederholte ich flüsternd; wagte kaum, ihren Namen laut auszusprechen, weil ich fürchtete, sie könne sich plötzlich in Luft auflösen. »Was zum Teufel …?«

Sie drehte den Kopf, um zu mir aufzublicken, blinzelte traurig und sah dann zur Seite.

»Nein. Sophia Underhill ist tot.«

2

Wir gingen nebeneinander die Long Lane hinunter auf den Smithfield Market zu. Sie hatte sich ihre Jungenkappe erneut tief in die Stirn gezogen und sprach kein Wort, und ich bedrängte sie nicht. Sie schien sich so dramatisch verändert zu haben, seit ich sie zuletzt an einem Fenster im oberen Stock des Hauses ihres Vaters gesehen hatte, wo sie stand und mir zum Abschied zuwinkte, dass ich die Umstände nur erahnen konnte, die sie in dieser Verfassung nach London zurückgebracht hatten. Aber sie mit Fragen zu überschütten, war der sicherste Weg, sie dazu zu bringen, sich mir gegenüber wie eine Auster zu verschließen, das wusste ich. Während wir nach einer Schänke Ausschau hielten, musterte ich sie verstohlen. Ihre Magerkeit minderte ihre Schönheit nicht, sondern betonte sie eher noch, weil sie ihr eine Aura von Zerbrechlichkeit verlieh. Ich musste mich ermahnen, dass Sophia in Oxford meine Gefühle nicht erwidert hatte; ihr Herz war anderweitig vergeben gewesen. Trotzdem war sie nach London gekommen, um mich aufzusuchen, zumindest sah es so aus. Ich konnte nur geduldig darauf warten, ihre Geschichte zu hören, wenn sie denn geneigt war, sie mir zu erzählen.

Als wir uns dem Markt näherten, erfüllte das Blöken und Brüllen von Vieh die Luft, und der beißende Gestank von in der Hitze gärendem Tiermist stieg uns in die Nase. Die Angst vor der Pest hatte den lebhaften Handel hier nicht eingeschränkt, und wir mussten uns um Viehpferche herumschlängeln, in denen sich Schafe und Rinder drängten, sich gegen die Zäune pressten und verzweifelt mit den Mäulern dagegenstießen, während Bauern und Metzger um die Preise feilschten. Sophia bedeckte Mund und Nase mit ihrem Ärmel, als wir an den Tieren vorbeigingen; ich war mehr damit beschäftigt, darauf zu achten, wohin ich die Füße setzte. Am Eingang zur St. Sepulchre’s Lane, den die Markthändler Pie Corner nannten, hingen knallbunt bemalte Schänkenschilder an den Häusern, und ein paar Mädchen lungerten lustlos im Schatten herum, mit an ihren Hälsen baumelnden Tabletts, auf denen heiße Pasteten dampften. Ich deutete auf die Schänke an der Ecke, über deren Tür das Schild The Cross Keys prangte. Auf der Schwelle zögerte Sophia und legte mir eine Hand auf den Arm.

»Mein Name ist Kit«, flüsterte sie. »Ich bin nach London gekommen, um mir hier Arbeit zu suchen, falls jemand Fragen stellt.«

Ich hatte die Hand schon auf die Tür gelegt, hielt aber inne, starrte sie an und forschte in ihrem Gesicht. Das waren die ersten Worte, die sie sprach, seit sie auf dem Friedhof ihren eigenen Tod verkündet hatte. Ernst erwiderte sie meinen Blick – in diesem Moment erkannte ich, was ihr gehetzter Gesichtsausdruck zu bedeuten hatte, und ich verwünschte mich für meine Begriffsstutzigkeit: Sie war auf der Flucht vor irgendetwas oder irgendjemandem, deswegen hatte sie sich auch als Junge verkleidet. Diesen Ausdruck kannte ich nur zu gut, denn ich war selbst drei Jahre lang unter falschem Namen durch Italien gereist, und ich wusste, was es hieß, ein Flüchtling zu sein: Man blieb nirgendwo längere Zeit, vertraute niemandem und wusste nie, ob die nächste Stadt, in der man haltmachte, um etwas zu essen oder zu übernachten, nicht die sein würde, in der man seinen Verfolgern in die Hände fiel. Ich nickte kurz und hielt ihr die Tür auf.

»Dann komm, Kit. Du siehst aus, als müsstest du ein bisschen aufgepäppelt werden.«

Die Schänke war ausschließlich auf die Bedürfnisse der Markthändler ausgerichtet, der Schankraum roch so durchdringend nach Vieh wie der Platz draußen, aber ich fand eine freie Ecke auf einer Bank am Fenster. Nachdem ich Gerstenbrot und einen Krug Ale bestellt hatte, lehnte ich mich gegen die Wand und beobachtete, wie Sophia sich auf die Bank kauerte, ihre schmutzige Kappe noch tiefer in die Stirn zog und sich nervös nach allen Seiten umblickte. Als das Brot gebracht wurde, fiel sie so gierig darüber her, als habe sie schon längere Zeit nichts mehr gegessen. Ich nippte langsam an meinem Ale und wartete darauf, dass sie zu sprechen begann.

»Verzeiht mir«, entschuldigte sie sich mit vollem Mund, dabei wischte sie sich mit dem Handrücken ein paar Krümel ab. »Wie Ihr seht, habe ich alle meine Manieren vergessen. Was wohl mein Vater dazu sagen würde?«

Unverkennbare Bitterkeit schwang in ihrer Stimme mit. Ihr Vater, der Rektor des Lincoln College in Oxford, hatte sie verstoßen, als er erfahren hatte, dass sie ein Kind erwartete, und sie zu einer Tante nach Kent geschickt, das war das Letzte, was ich von ihr gehört hatte. Kurz vor meiner Abreise aus Oxford hatte sie mir die Adresse der Tante gegeben und mich gebeten, ihr zu schreiben, aber ich hatte auf meine Briefe nie eine Antwort erhalten.

»Ich habe Euch geschrieben«, sagte ich schließlich. Sie hob den Kopf und sah mich an.

»Ich habe mich des Öfteren gefragt, ob Ihr das getan habt. Ich habe keine Briefe erhalten. Vermutlich hat sie sie alle verbrannt.« Sie sprach so teilnahmslos, als ob dies nicht mehr von Bedeutung wäre.

»Eure Tante?«

Sie nickte.

»Habt Ihr etwas von Euren Eltern gehört?«

Sie starrte mich kurz an, dann lachte sie schnaubend auf.

»Ihr beliebt zu scherzen, nicht wahr?«

Ich wollte sie nach dem Kind fragen und scheute zugleich davor zurück. Es musste im November zur Welt gekommen und somit jetzt acht Monate alt sein. Wenn es am Leben geblieben war.

»Warum habt Ihr eben behauptet, Ihr wärt tot?«, erkundigte ich mich, als mir klar wurde, dass sie sich nicht weiter dazu äußern würde. Sie deutete auf ihre Kleider.

»Schaut mich an. Ich bin jetzt das, was Ihr hier seht. Das Mädchen, das Ihr als Sophia Underhill kanntet, existiert nicht mehr. Sie war ohnehin eine Närrin«, fügte sie giftig hinzu. »Eine naive Närrin, die sich eingebildet hat, Bücher und Liebe wären alles, was sie im Leben je brauchen würde. Ich bin froh, dass sie tot ist. Kit hegt keine derartigen Illusionen.«

Die Heftigkeit des Schmerzes und der Wut, die aus ihren Worten sprach, schockierte mich, obwohl sie bei näherer Betrachtung verständlich war. Sophia war erst zwanzig Jahre alt, und doch hatte das Leben ihr bereits schwere Schicksalsschläge zugefügt: Ihr geliebter Bruder war jung gestorben, der Vater ihres Kindes war gleichfalls tot, und ihre Familie hatte sich von ihr losgesagt. Vor meinem geistigen Auge nahm plötzlich ein Bild Gestalt an – Sophia rennt quer durch einen Garten in Oxford auf mich zu, lachend und mit leuchtenden Augen, ihr langes kastanienbraunes Haar weht hinter ihr her, beim Laufen die Röcke ihres blauen Kleides hochgerafft. Sie verfügte über eine wesentlich größere Bildung, als es für junge Frauen ihres Standes üblich war, und ihr Vater hatte sich eine gute Partie für sie erhofft. Doch ihr nach Unabhängigkeit strebender Geist und ihre feste Entschlossenheit, ihr Leben selbst zu gestalten, hatten sie letztendlich in ihre derzeitige heikle Lage gebracht.

»Ihr hättet mir nicht heimlich hinterherschleichen müssen, wisst Ihr?«, tadelte ich sie sanft, als sie sich ein weiteres Stück Brot abbrach. »Ihr hättet einfach an meine Tür klopfen können.«

»An die Tür der Französischen Botschaft? Glaubt Ihr, sie hätten mich dort mit offenen Armen empfangen? Mich vielleicht sogar zum Dinner eingeladen?« Sie schluckte den Bissen hinunter und heftete den Blick auf den Tisch. »Außerdem war ich mir nicht sicher, ob Ihr mich überhaupt sehen wolltet. Nach allem, was geschehen ist.« Sie sah mich nicht an; ihre Worte waren kaum zu vernehmen, und ihr Sarkasmus war verflogen. »Ich sagte doch, dass ich nicht einen einzigen Brief von Euch erhalten habe. Ich wollte mir ein Bild von Euren jetzigen Lebensumständen machen, bevor ich mich zu erkennen gebe. Ich … ich hatte Angst, Ihr würdet nichts mehr mit mir zu tun haben wollen.«

»Sophia …« Ich musste all meine Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht über den Tisch zu greifen und ihre Hand in die meine zu nehmen. Die Glut in ihrem warnenden Blick bestätigte mir, dass dies nicht erwünscht gewesen wäre. Es fiel mir schwer, im Hinterkopf zu behalten, dass sie sich als Junge ausgab. »Entschuldigung – Kit. Natürlich hätte ich Euch nicht weggeschickt. Wenn Ihr Hilfe braucht – ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um Euch …«

»Wenn Ihr die Wahrheit kennt, denkt Ihr vielleicht anders«, murmelte sie, dabei zupfte sie an einem Holzsplitter auf der Tischplatte herum.

Ich beugte mich vor.

»Und wie lautet die Wahrheit?«

Sie hob den Kopf. Etwas von ihrem alten Trotz flammte in ihren Augen auf.

»Ich werde wegen Mordes gesucht.«

Eine lange Stille trat ein, die nur vom Geklirr und dem Stimmengewirr im Schankraum sowie dem Lärm der Tiere und den Rufen draußen vor dem Fenster zerrissen wurde. Staubkörnchen tanzten in dem Sonnenlicht, das über unser Ende des Tisches fiel. Ich fuhr damit fort, Sophia anzustarren, und diesmal wandte sie den Blick nicht ab. Tatsächlich hätte ich schwören können, dass der Anflug eines Lächelns um ihre Mundwinkel spielte. Sie schien sich an der Wirkung ihrer Worte zu weiden.

»Wen habt Ihr denn ermordet?«, fragte ich, als ich das Schweigen nicht länger ertragen konnte.

»Meinen Mann«, antwortete sie, ohne zu zögern.

»Euren Mann?«

Ihr Lächeln erreichte ihre Augen nicht.

»Ja. Ihr wusstet sicher nicht, dass ich mir einen Ehemann zugelegt hatte, oder?«

Ich konnte sie nur weiter anstarren – fassungslos.

»Ihr denkt, dass ich keine Zeit verloren habe, nicht wahr? Kaum habe ich das Kind des einen Mannes zur Welt gebracht, da heirate ich auch schon den nächsten?«

»Aber nein«, protestierte ich voller Unbehagen, denn dieser Gedanke war mir in der Tat kurz durch den Kopf gegangen.

»Meine Tante hat mich wie ein Stück Vieh verkauft.« Sie deutete zum Fenster hinüber. »Wie eine der armen blökenden Kreaturen da draußen in den Pferchen.«

»Deshalb habt Ihr ihn ermordet?« Mein Bemühen, meine Stimme zu dämpfen, bewirkte, dass die Frage einem erstickten Quieken glich.

Sophia verdrehte die Augen.

»Nein, Bruno. Ich nicht. Aber jemand anderes hat es getan.«

»Wer denn dann?«

Dieses Mal konnte sie die Ungeduld in ihrer Stimme nicht verbergen.

»Woher soll ich das wissen? Genau das möchte ich ja herausfinden.«

Ich schüttelte den Kopf, wie um ihn frei zu bekommen. »Vielleicht solltet Ihr mir die ganze Geschichte von Anfang an erzählen.«

Sie nickte, dann leerte sie ihren Humpen und schob ihn mir hin. Das Ale war nicht stark, aber sie hatte es so schnell getrunken, dass ihre eingefallenen Wangen etwas Farbe bekommen hatten.

»Vorher brauche ich noch etwas zu trinken.«

»Es bringt nichts, auf all das einzugehen, was vor Eurer Abreise aus Oxford geschehen ist«, begann sie, als ein frischer Krug Ale vor ihr stand und sie ein zweites Stück Brot verzehrt hatte. Ich brummte zustimmend, konnte ihr aber nicht in die Augen sehen. Ich fragte mich, ob sie sich noch an die Nacht erinnerte, in der ich sie geküsst hatte, oder ob diese Erinnerung in all dem untergegangen war, was sich danach ereignet hatte. Ich entsann mich noch so genau daran, als läge es erst einen Moment zurück.

»Wie Ihr wisst, schickte mein Vater mich nach Kent zu meiner Tante. Meine Mutter weinte, als ich abreiste, und versprach, es wäre nur für eine begrenzte Zeit, bis niemand mehr von meiner Schande, wie sie es nannte, spräche. Aber ich sah meinem Vater an, dass sie sich etwas vormachte. Sein Ruf und sein Ansehen in der Stadt hatten gelitten, und das war mehr, als sein Stolz verkraften konnte. Ich glaube wirklich, es wäre ihm lieber gewesen, ich wäre gestorben, damit er sich nicht mit einem Bastardenkel hätte abfinden müssen.«

»Das hat er fast wörtlich zu mir gesagt«, räumte ich ein.

»Seht Ihr. Ich machte mir keine Illusionen, als ich in Begleitung eines der Diener meines Vaters nach Kent aufbrach. Meine Familie hatte mich unwiderruflich verstoßen, und ich hatte keine Ahnung, was mir die Zukunft bringen würde. Der Ritt dauerte mehrere Tage und war sehr anstrengend, und ich war damals fast schon im vierten Monat. Ich fühlte mich die ganze Zeit krank und elend, und ich fürchtete …« Sie blickte plötzlich verschämt auf den Tisch hinunter. »Ich wusste so wenig von diesen Dingen, und ich hatte Angst, die Strapazen der Reise könnten zu einer Fehlgeburt führen. Dumm von mir.« Verlegen schüttelte sie den Kopf.

»Ganz und gar nicht«, widersprach ich. »Es wäre unnatürlich, wenn eine Frau sich nicht um die Sicherheit ihres ungeborenen Kindes sorgte.«

»Diese kleinen Geschöpfe sind zäher, als man meinen sollte.« Sie gestattete sich ein weiches Lächeln. »Wie dem auch sei, ich kam wohlbehalten bei meiner Tante an – der älteren Schwester meines Vaters, daher könnt Ihr Euch sicher vorstellen, wie sehr sie sich diesen Fleck auf seiner Ehre zu Herzen nahm. Sie war Witwe und verfügte über ein bescheidenes Einkommen, und sie sorgte dafür, dass ich bis zur Niederkunft gut untergebracht und versorgt wurde. Aber das hatte natürlich seinen Preis. Ihr eigentliches Ziel war die Rettung meiner unsterblichen Seele.« Sie schnitt eine Grimasse und trank einen weiteren Schluck Ale. »Außer der Bibel und einem Gebetbuch waren sämtliche Bücher für mich verboten. Selbstverständlich durfte ich auch das Haus nicht verlassen – sie hatte den Nachbarn erzählt, ich wäre todkrank und sie würde mich während meiner letzten Monate pflegen. Ich weiß nicht, ob sie ihr glaubten, aber wenn jemand zu Besuch kam, wurde ich in meiner Kammer eingeschlossen.«

»Doch Ihr habt all der Bemühungen Eurer Tante zum Trotz nicht zur Religion zurückgefunden, schätze ich?«

Sie schnaubte und warf den Kopf auf eine Weise in den Nacken, die mich daran erinnerte, wie sie früher gewesen war, als sie noch langes Haar zum Zurückwerfen gehabt hatte.

»Ich habe es Euch doch gesagt, Bruno – ich will mit Religion, gleich welcher Art, nichts mehr zu tun haben. Wenn es einen Gott gibt, dann wird Er sicherlich voller Verzweiflung auf seine Geschöpfe blicken, die sich ständig wegen irgendwelcher Bagatellen streiten. Ich für meinen Teil kann gut ohne die Kirche leben.«

»Das macht Euch zu einer Ketzerin.« Ich unterdrückte ein Lächeln.

Sie zuckte die Achseln.

»Wenn Ihr das sagt. Euch scheint es jedenfalls nicht geschadet zu haben.«

»Ach, Sophia. Verzeihung – Kit. Wie könnt Ihr das behaupten? Nehmt Euch nicht mich zum Vorbild. Ich kann niemals mehr in meine Heimat zurückkehren, weil ich als Ketzer gebrandmarkt bin, das wisst Ihr.«

»Ich auch nicht«, versetzte sie nachdrücklich. »Wir sitzen im selben Boot, Ihr und ich, Bruno. Wir leben jetzt beide im Exil.«

Ich war versucht, ihr in allen Einzelheiten aufzulisten, warum sich unsere Situationen nicht vergleichen ließen, aber ich wollte den Rest ihrer Geschichte hören.

»Also war Eure Tante entschlossen, Euch für Eure Sünden büßen zu lassen …?«

»Ich habe nie erfahren, wie ausführlich mein Vater sie in die Umstände eingeweiht hat, die mich in ihr Haus verschlagen haben. Sie war sicherlich überzeugt davon, dass ich eigenwillig und ungehorsam gewesen bin und meine ohnehin schon leidgeprüfte Familie den Preis für meine Schande habe zahlen lassen. Meine Tante hat mir daher von Anfang an eindeutig zu verstehen gegeben, dass mir bezüglich des weiteren Verlaufs meines Lebens keine Wahl bliebe, wenn ich Wert auf ein Dach über dem Kopf und regelmäßige Mahlzeiten legte.« Sie brach abrupt ab, blickte zum Fenster hinüber und schluckte hart. Ich spürte, dass wir uns dem Herzstück ihrer Geschichte näherten – zwar hatte sie bislang überzeugend die Unbeteiligte gespielt, dennoch war mir aufgefallen, dass sie das Kind kaum erwähnt hatte. Vielleicht empfand sie es als zu schmerzlich, von ihm zu sprechen.

»Sie hatte alles geplant«, fuhr sie fort, nachdem sie einen weiteren Schluck Ale getrunken hatte. »Ich sollte in ihrem Haus versteckt die Geburt abwarten und mir dabei Tag und Nacht den Kopf mit Bibelversen vollstopfen. Dann würde das Kind, wenn es auf der Welt, gesund und ein Junge war, von einem angesehenen, gut gestellten Paar aus der Nachbarschaft adoptiert werden, das keine eigenen Kinder bekommen konnte. Anscheinend hatte sie alles bis ins Letzte durchdacht, und ich bin sicher, dass Geld den Besitzer gewechselt hat, obwohl ich nie einen Penny davon zu Gesicht bekam. Wieder und wieder hat sie mir eingeschärft, ein Junge wäre für alle Beteiligten die beste Lösung – als ob ich Einfluss darauf hätte, was in mir heranwuchs.«

»Und was wäre mit einem Mädchen geschehen?«

»Das hätte sie vermutlich irgendwo anders untergebracht. Allerdings wäre wohl die Belohnung geringer ausgefallen.«

»Aber es war ein Junge?«

Endlich hob sie den Kopf und sah mich an.

»Ja. Ich hatte einen Sohn. Und er war gesund – das sagte man mir jedenfalls. Ich durfte ihn nur ein paar Minuten lang halten. Sie ließen mich ihn noch nicht einmal stillen. Meine Tante sagte, es wäre das Beste, wenn mein Körper sich nicht an ihn und er sich nicht an mich gewöhnt. Jemand kam nachts, um ihn im Schutz der Dunkelheit abzuholen. Diese Leute – die Leute, die ihn gekauft hatten – hatten schon eine Amme für ihn angeheuert, wie man mir sagte. Daher bin ich sicher, dass gut für ihn gesorgt wird.«

An dieser Stelle zitterte ihre Stimme leicht. Ich verspürte den nahezu unwiderstehlichen Drang, nach ihrer Hand zu greifen, aber sie saß stolz, in aufrechter Haltung da und biss einfach die Zähne zusammen, bis sie nicht mehr Gefahr lief, irgendwelche Gefühle zu zeigen.

»Wenn ich ehrlich sein soll, kann ich mich an diese Tage kaum noch erinnern, Bruno. Ich litt große Schmerzen, während ich mich körperlich von der Geburt erholte, aber das war nichts im Vergleich zu der seelischen Finsternis, die sich über mich legte, nachdem sie ihn mir weggenommen hatten. Ich hatte mir immer eingebildet, auch großen Kummer mit Fassung ertragen zu können – das hatte ich in der Vergangenheit ja schon bewiesen –, aber diesmal verhielt es sich völlig anders. Ich konnte weder essen noch schlafen, noch nicht einmal weinen. Ich lag nur auf meinem Bett, starrte zur Decke empor und wünschte, alles würde auf die eine oder andere Art ein Ende haben. Zuerst hatte meine Tante furchtbare Angst, ich könnte mir eine Infektion zugezogen haben und würde sterben – sie ließ auf eigene Kosten jeden Tag den Arzt kommen, und für seine Diskretion musste sie noch extra bezahlen. Törichterweise dachte ich, sie täte das aus Familiensinn oder aufrichtiger Sorge um mich.«

»Es muss eine schreckliche Zeit gewesen sein.«

Wieder zuckte sie die Achseln.

»Vermutlich ja. Aber ich war an einem Punkt angelangt, wo es mich nicht mehr kümmerte, was mit mir geschah. Ich empfand gar nichts mehr – keine Hoffnung, keine Furcht, keinen Zorn. Nur eine große Leere. Ich dachte, mein Leben wäre vorüber. Genauso gut hätte ich das Risiko eingehen können, auf der Überfahrt nach Frankreich ertränkt zu werden.«

Sie hielt meinem Blick unverwandt stand, als sie das sagte, und obwohl sie mit weicher Stimme gesprochen hatte, schnitten ihre Worte mir ins Herz. Im Frühling des Vorjahres hatte Sophia kurz davor gestanden, aus Oxford auf den Kontinent zu fliehen, und ich hatte ihre Pläne durch meine Handlungsweise durchkreuzt. Ich hatte eingegriffen, weil ich – aus gutem Grund, wie ich auch heute noch glaube – davon überzeugt gewesen war, dadurch, dass ich ihre Flucht vereitelte, ihr Leben und das ihres Kindes zu retten. In den Monaten danach hatte ich oft an sie gedacht und mich gefragt, wie ihr Leben aufgrund meiner Einmischung nun wohl verlaufen sein mochte. Ich war auch jetzt noch sicher, das Richtige getan zu haben, aber der Hauch eines Zweifels war geblieben. Allerdings fürchtete ich, dass sie sich sogar jetzt noch an ihre romantischen Hoffnungen klammerte und mir die Schuld am Scheitern all ihrer Zukunftspläne gab.

»Aber dann wäre Euer Kind nicht am Leben«, gab ich sanft zu bedenken.

Sie senkte den Blick und zupfte einen weiteren Splitter von der Tischplatte.

»Wie wahr. Mein Sohn lebt irgendwo, und es geht ihm gut, darauf vertraue ich. Ich hoffe, es sind gute Menschen, die ihn bei sich aufgenommen haben«, fügte sie mit plötzlich aufwallender Energie hinzu. »Ich wünschte, ich hätte sie kennenlernen können, um mir ein Bild von ihnen zu machen.« Wieder bebte ihre Stimme, und sie wischte sich brüsk mit dem Ärmel über die Augen.

»Wer auch immer sie waren, sie müssen sich verzweifelt nach einem Kind gesehnt haben. Ich bin sicher, sie werden ihn wie einen kleinen Prinzen behandeln.«

Tränen glitzerten auf ihren Wimpern, als sie aufblickte und sich ein Lächeln abrang.

»Ja, da habt Ihr bestimmt recht. Also lag ich dort im Dunkeln, Tag für Tag, bis endlich die Blutungen und der Milchfluss versiegten und mein Körper wieder mir allein gehörte. Es tut mir leid, wenn ich Euch durch diese Einzelheiten in Verlegenheit bringe, aber eine Frau zu sein ist oft eine unangenehme und peinliche Angelegenheit.«

Ich hob die Hände und spreizte die Finger.

»Es ist schwierig, mich in Verlegenheit zu bringen. Gleichwohl bedaure ich sehr, dass Ihr so gelitten habt.«

Eine Weile beobachtete sie mich. Ihr Gesicht verriet nicht, was in ihr vorging. Machte sie mich für ihr Leid verantwortlich?

»Der Arzt kam jeden Tag und ließ mich zur Ader, was mich noch zusätzlich schwächte, er konnte freilich nicht herausfinden, was mir fehlte. Nachdem meine Tante zufrieden zur Kenntnis genommen hatte, dass ich nicht körperlich krank war, kam sie natürlich zu dem Schluss, ich sei lediglich faul und träge, und warnte mich wiederholt, dass sie von mir erwartete, einige der Haushaltsarbeiten zu übernehmen, sowie ich wieder zu Kräften gekommen wäre. Ihrer Ansicht nach war schwere Arbeit das beste Mittel gegen Melancholie.« Der bittere Unterton hatte sich in ihre Stimme zurückgeschlichen. Sie holte tief Atem, zwang sich zur Ruhe und fuhr fort: »Eines Morgens – es muss um den Nikolaustag herum gewesen sein – erwachte ich, und das Sonnenlicht fiel durch die Fensterläden, und zum ersten Mal seit Wochen verspürte ich den Wunsch aufzustehen. Es war noch früh, alle im Haus schliefen, also zog ich mich an, hüllte mich in einen wollenen Umhang und ging nach draußen. Meine Tante wohnte am Rand einer von einer weitläufigen Hügellandschaft umgebenen kleinen Stadt, alles ringsum war mit Raureif überzogen und bot in der Morgensonne einen Anblick, der mir den Atem verschlug. Ich ging eine Stunde lang spazieren, verlief mich ein paarmal, und obwohl ich meinen erschöpften, ausgelaugten Körper bis zum Äußersten trieb, spürte ich, dass das Leben in ihn zurückfloss.« Die Erinnerung entlockte ihr ein flüchtiges Lächeln. »Meine Tante schäumte vor Wut, als ich nach Hause kam – ich glaube, sie hatte befürchtet, ich wäre davongelaufen. Sie fiel mit Vorwürfen über mich her: Ich sähe aus wie eine Wilde aus dem Wald, und was, wenn die Nachbarn mich in diesem Zustand gesehen hätten? Und sie hatte damit nicht ganz unrecht; ich hatte mich seit Wochen nicht mehr gewaschen und war dünn wie ein Bindfaden. Jedenfalls befahl sie mir, mich auszuziehen, und inspizierte mich von Kopf bis Fuß wie ein Händler ein Pferd, dann machte sie Wasser für ein Bad heiß und wandte viel Zeit auf, um mein Haar zu entwirren und es mit Kamille zu waschen. Ich war sehr verwundert, wie Ihr Euch sicher vorstellen könnt – sie neigte sonst nicht zu solchen Extravaganzen. An diesem Abend nötigte sie mich, reichlich zu essen, und sagte, ich dürfe ruhig in der Umgebung des Hauses spazieren gehen, solange ich mich von der Stadt fernhielte und eines ihrer Hausmädchen mich begleitete. Also tat ich in den nächsten Wochen genau das. Ich gewann meine Kräfte und etwas von meinem seelischen Gleichgewicht zurück, oder ich lernte zumindest, den Schmerz zu verdrängen, sodass ihn niemand sah und ich nach außen hin wieder wie ein Mensch wirkte. Aber das veränderte Verhalten meiner Tante weckte meinen Argwohn – sie schien mir gegenüber geradezu Nachsicht walten zu lassen, und ich kannte sie gut genug, um zu bezweifeln, dass der Grund dafür Zuneigung hieße. Außerdem war sie dazu übergegangen, mich nachts in meinem Zimmer einzuschließen.«

»Was wurde aus den Arbeiten im Haushalt, die sie Euch angedroht hatte?«

»Ja, das fragte ich mich natürlich auch. Bis zur Geburt des Kindes wurde ich behütet, denn sie brauchte mich ja. Ich hatte versucht, nicht allzu eingehend darüber nachzudenken, wie mein Leben wohl aussehen würde, sobald ich meinen Zweck erfüllt hätte – ich nahm an, dass sie mich bestenfalls, als Gegenleistung für ein Dach über dem Kopf, als billige Dienstmagd behalten würde. Ich rechnete fest damit, dass sie mir einen Besen in die Hand drückte, sowie ich wieder auf den Beinen wäre, stattdessen begann sie jedoch, abends in meine Kammer zu kommen, um mein Haar zu kämmen – da war es noch lang –«, sie rieb sich verlegen über den Nacken, »und meine Hände mit Öl einzureiben. Nicht unbedingt das, was man für jemanden tut, der Wäsche waschen oder Fußböden schrubben soll.«

»Sie hatte demnach andere Pläne mit Euch.«

Sophia nickte mit grimmig zusammengepressten Lippen.

»Das fand ich ein paar Tage vor Weihnachten heraus. Eines Morgens kam sie mit einem blauen Kleid in meinen Raum. Es war wunderschön – solche Sachen hatte ich getragen, als …« Sie brach ab und wandte den Kopf zur Seite.

Ich erinnerte mich daran, wie sie sich in Oxford zu kleiden pflegte. Ihre Kleidung war nicht besonders kostbar oder auffallend, aber sie trug sie mit einer natürlichen Anmut, die man nicht beim Schneider bestellen kann, und es war ihr immer gelungen, elegant zu wirken. Ein himmelweiter Unterschied zu den schmutzigen Hosen, dem abgewetzten Lederwams und den Reitstiefeln, die sie jetzt trug.

»Ich hatte gedacht, an solchem Putz keinen Gefallen mehr finden zu können«, fuhr sie fort. »Doch als sie das Kleid auf dem Bett ausbreitete, konnte ich meine Freude nicht verbergen. Meine Tante sagte mir, es wäre ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk, und für einen Moment dachte ich wahrhaftig, ich hätte mich in ihr getäuscht und unter der schroffen Fassade würde ein gutes Herz schlagen. Natürlich wurde ich rasch eines Besseren belehrt.«

Gerade wollte ich etwas erwidern, als das Schankmädchen an unseren Tisch trat und sich erkundigte, ob wir noch irgendwelche Wünsche hätten. Ich bestellte kaltes Fleisch, mehr Brot und einen weiteren Krug Ale. Sophia kostete es sichtliche Anstrengung, ihre Geschichte zu schildern, und ich wollte, dass sie bei Kräften blieb. Nachdem das Essen gebracht worden war und sie von dem kalten Fleisch genommen hatte, wischte sie sich mit dem Ärmel den Mund ab und erzählte weiter.

»Ich musste das Kleid anprobieren und mich ihr dann zeigen. Sie schien mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Nachdem sie mich fest in die Wangen gekniffen hatte, damit sie Farbe bekamen, trat sie einen Schritt zurück, musterte mich von oben bis unten und meinte: ›Du dürftest einen guten Eindruck machen, solange du den Mund hältst. Sprich nur, wenn er dich etwas fragt, und dann achte darauf, nur mit ›Ja, Sir‹ oder ›Nein, Sir‹ zu antworten. Verstanden?‹ Als ich fragte, wen sie meinte, schnalzte sie nur mit der Zunge und schob ihr säuerliches altes Gesicht ganz nah an meines heran. ›Deinen Mann‹, erwiderte sie.«

»Ich kann mir vorstellen, wie ruhig und gelassen Ihr das aufgenommen habt.« Ein Lächeln spielte um meine Lippen, als ich mir ein Stück Brot abbrach.

»Ich habe Zeter und Mordio geschrien«, versetzte Sophia. Ein unerwartetes Grinsen erhellte ihr Gesicht. »Wenn sie sie nicht abgeschlossen hätte, wäre ich zur Tür hinausgestürzt. Am Ende musste sie mir zweimal links und zweimal rechts eine Ohrfeige verabreichen, bevor ich still war. Danach drückte sie mich auf das Bett und zwang mich, ihr zuzuhören. ›Weißt du, was du bist?‹, fragte sie. ›Eine elende Hure, die weder Gott noch ihre Familie achtet, das bist du. Viele in deiner Lage haben niemanden, der sich um sie kümmert, und landen in der Gosse, so wie sie es verdienen. Doch du kannst der Vorsehung dafür danken, dass ich für dich ein besseres Arrangement getroffen habe. Ein ehrbarer, angesehener Mann mit einem guten Einkommen hat sich bereit erklärt, dich zur Frau zu nehmen. Du kannst deinen Namen ändern und deine ganze Vergangenheit hinter dir lassen. Du bist noch jung und kannst dich hübsch herrichten. Alles, was du zu tun hast, ist, Gehorsam und Pflichtbewusstsein an den Tag zu legen, wie es sich für eine gute Ehefrau ziemt. Wenn du diese Eigenschaften schon als Tochter gelernt hättest, wäre dein Leben wahrscheinlich ganz anders verlaufen‹, fügte sie hinzu, um noch Salz in die Wunde zu streuen. ›Was, wenn ich ihn nicht mag?‹, fragte ich, woraufhin sie mich noch einmal schlug. ›Es geht nicht darum, wen du magst und wen nicht, Schlampe‹, keifte sie. ›Du kannst Sir Edward Kingsley heiraten, behaglich leben und dich in der Gesellschaft eines guten Rufes erfreuen, oder du kannst dich selbst im Leben durchschlagen. Bettele um Brot oder erhure es, es interessiert mich nicht. Denn wenn du mir nach allem, was ich für dich getan habe, einen Strich durch die Rechnung machst, dann bilde dir nur nicht ein, dass ich dich auch nur einen einzigen Tag länger durchfüttere und kleide!‹ Nachdem sie mir das entgegengeschleudert hatte, verkündete sie, ich hätte bis zum Nachmittag Zeit, eine Entscheidung zu treffen, rauschte hinaus und schloss mich in meiner Kammer ein.«

ENDE DER LESEPROBE