Das T-Shirt meiner Frau - Johannes Gelich - ebook

Das T-Shirt meiner Frau ebook

Johannes Gelich

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Opis

Cool und selbstbewusst, sensibel und nachdenklich, stets auf der Suche nach einem besseren Leben - das sind die Figuren in Johannes Gelichs Geschichten. Mit Intensität und großem Tempo erzählt der Autor aus den Leben verträumter Einzelgänger und lässt uns teilhaben am Alltag seiner Protagonisten, an ihren ersten Begegnungen, Beziehungen und Sehnsüchten. Ob Ex-Freundinnen mit Namensgleichheit, die Pornohefte des Nachbarn oder Besuche beim Friseur - Johannes Gelich versteht es wie wenig andere, die kleinen Gesten und großen Träume seiner strauchelnden Helden in Szene zu setzen.

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Johannes Gelich

Das T-Shirt

meiner Frau

Stories

Inhalt

Titel

Widmung

Sie hießen Magda

Die Wurzel

Der Doppelgänger

Das darfst du nicht

Ich will nicht nett sein

Potty

Spielen wir weiter?

Musst du nicht los?

Was ist denn?

Das T-Shirt meiner Frau

Lysandra cormion Nabokov

Deswegen

Abschied der Vampire

Blumentiere

Schieb an!

Fremde Haut

Johannes Gelich

Zum Autor

Impressum

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Für Linda

Sie hießen Magda

Ich weiß nicht genau, ob das mit dem Geräusch vor oder nach ihrer Mail anfing. Sie hatte in der Zeitung über mein neues Buch gelesen und sich darüber gefreut, dass es mit dem Schreiben bei mir doch noch geklappt habe. Das Buch war bereits vor einigen Monaten erschienen, und ich wusste wieder einmal nicht, wie es weitergehen sollte. Ich versuchte es mit der einen oder anderen Geschichte oder surfte den ganzen Tag im Internet. Im Prinzip hatte ich (obwohl ich es mir nicht leisten konnte) nichts zu tun, und vielleicht erregte die Mail deswegen mehr Aufmerksamkeit, als sie verdient hatte. Welche Magda es auch immer war, sie hatten mich beide vor Jahren übel abserviert, und es machte nicht wirklich einen Unterschied, welche von beiden mir nun geschrieben hatte.

Ich hatte mich am Vormittag gerade an den Schreibtisch gesetzt, um an einer Erzählung weiterzuarbeiten, die mich ziemlich plagte, aber ich kam auf keinen grünen Zweig. Ich klickte wieder auf die Nachricht (ich hatte sie schon so oft gelesen, dass ich sie mehr wie ein Rätsel betrachtete), da erklang dieses Geräusch. Das Rieseln kam direkt aus der Wand in meinem kleinen Erkerzimmer. Ich konnte mir nicht erklären, was das Geräusch verursachte, stand auf und legte mein Ohr an die Wand. Das Geräusch brach abrupt ab. Mein Arbeitszimmer war früher, als die Wohnungen noch Toiletten am Gang hatten, Teil des Stiegenhauses gewesen und später meiner Wohnung einverleibt worden. Ich nannte es das Erkerzimmer, aber ursprünglich war es nur ein kleiner Vorraum zum Klo gewesen. Ich öffnete das Fenster und lehnte mich nach draußen, um den Verlauf der Dachrinne zu studieren, aber die Rinne verlief nur am unteren Rand des Daches und keinesfalls der Mauer entlang nach unten. Ich konnte mir den Ursprung des Geräusches nicht erklären. Ich machte mir einen Kaffee und setzte mich an den Schreibtisch, da hörte ich es wieder. Es war mir nicht unangenehm, ja, eigentlich mochte ich das Geräusch, auch wenn ich mir nicht erklären konnte, woher es kam. Ich öffnete eine neue Textdatei und versuchte, es zu beschreiben. Es klang so, als würde jemand ein Goldkettchen von einer Hand in die andere rieseln lassen, ja, so klang das Geräusch. Ich wollte weiterarbeiten. Magda? Magdalena? Ich hatte weder die eine noch die andere je nach ihrem Nachnamen gefragt.

Magda 1 hatte ich im Foyer eines Kinos kennengelernt, daran erinnerte ich mich noch. Es musste zwanzig Jahre her sein. Ich verließ mit meinem Freund Toni gerade das Kino, da kam sie uns auf den Stufen des Entrees entgegen. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, ob er oder ich sie angesprochen hatte, aber wahrscheinlich war es Toni gewesen, er quatschte die Frauen an, nicht ich. Wir tranken etwas, und ich gab ihr meine Nummer. Sie rief mich einige Tage später an, als ich schon nicht mehr an sie gedacht hatte. Wir trafen uns in einem Lokal und fuhren hinterher zu mir, wo wir Vodka tranken. Wir schliefen miteinander, aber es funktionierte nicht so richtig. Ich glaube, es gefiel ihr nicht wirklich. Ich war damals in eine Frau verliebt, die mich gerade verlassen hatte. Sie war ohne eine Nachricht nach Mexiko gereist, und ich hatte bereits geahnt, dass sie mich auf diese Weise loswerden wollte. Sie hatte nicht geschrieben und auch nicht angerufen. Noch bevor Magda und ich miteinander schliefen, sagte sie, sie werde bald verreisen. Ich erzählte ihr, dass sich meine letzte Freundin von mir getrennt habe, indem sie einfach weggefahren sei. Vielleicht gefiel es ihr im Bett deswegen nicht, weil sie spürte, dass ich mit den Gedanken woanders war. Monate später, als Magda längst wieder zurück war, rief ich sie noch einmal an, aber sie ließ sich von ihrer Mutter verleugnen. Vor ihrer Reise aßen wir gemeinsam in einem irakischen Restaurant, und ich schenkte ihr einen Packen Gedichte, die sehr schlecht waren. Nachdem ich Magda das Konvolut hingeschoben hatte, zuckte sie mit den Schultern und meinte: Was soll ich damit?

Ich hörte wieder das Rieselgeräusch an der Wand und schreckte aus meinen Gedanken hoch, aber ich war zu faul aufzustehen. Ich hatte mir, seit ich die Mail bekommen hatte, die ganze Zeit überlegt, wie ich Magda antworten sollte, aber ich wusste ja nicht einmal, um welche Magda es sich handelte. Ich überlegte mir einen unverbindlichen Text, auf den beide hätten antworten können: Wie lange das her sei. Ob sie inzwischen wieder auf Reisen gegangen sei. Ob sie wieder in Wien wohnen würde, aber die Sätze kamen mir beliebig vor, und ich ließ es bleiben.

Magda 2 lernte ich einige Jahre später kennen. Ich war alleine und nahm jede Gelegenheit wahr, auszugehen. Simon und Lea stellten sie mir vor. Sie luden mich zu einer Grillparty in ihrem Gartenhäuschen am Stadtrand ein, und dort war auch sie: Magda 2. Sie ging mit ihrer großen blonden Freundin aus Kroatien Hand in Hand über die Wiese, und sie kicherten dabei. Sie bildeten das typische Freundinnenpaar: Magda war die hübschere, aber verschlossene und schwierige, ihre Freundin die extrovertierte. Andrea hatte ein lustiges, etwas bäuerliches Gesicht mit strahlend blauen Augen. Als der Morgen anbrach, lagen wir alle betrunken im Wohnzimmer übereinander, und ich hatte sie beide im Arm, Magda links und Andrea rechts. Ich dachte, ich könnte sie beide haben, aber ich wusste nicht, welche ich nehmen sollte. Ich bildete mir ein, ihnen ginge es ähnlich, und Wochen später schien es, als stellten sie mich vor die Wahl.

Heute denke ich, dass ich mich einfach falsch entschieden habe, dass ich einfach zu blöd war, um zu bemerken, dass in Wirklichkeit nur Andrea mich wollte. Ich raufe mir noch die Haare und frage mich, warum ich nicht bemerkt hatte, dass Andrea sich für mich interessierte. Einige Wochen nach dem Grillfest trafen wir uns bei einem Konzert von Hansi Lang wieder, und das sollte die Probe sein, die ich nicht bestand. Wir standen ganz hinten, und Magda deutete uns auf einmal, sie wolle nach vorne tanzen gehen. Ich blickte ihr nach und sah zu Andrea, die mich anlächelte. Sie begann in meine Richtung zu tanzen, und ich kapierte einfach nicht, dass die beiden das ausgeheckt hatten, dass ich jetzt nur noch zugreifen musste, aber ich kapierte es einfach nicht. Ich zog Andrea zu mir und schrie ihr ins Ohr, dass ich auch nach vorne gehen wolle. Ich hatte mich entschieden und hundertprozentig daneben gegriffen. Andrea sah mich enttäuscht an und ging weg.

Als ich Magda in der ersten Reihe entdeckt hatte, bemerkte sie mich zunächst gar nicht und tanzte weiter vor sich hin. Als sie mich endlich sah, musterte sie mich distanziert. Wir tanzten zusammen ein oder zwei Lieder vor der Bühne, bis sie mir ins Ohr rief, dass sie gehen müsse. Hinterher traf ich Magda noch einmal, aber es war ein langweiliger Abend, und sie erzählte mir, dass sie bald nach Polen gehen werde, wo ihr Verlobter sie erwarten würde.

Ich öffnete den ganzen Tag über immer wieder Magdas Mail und starrte die Buchstabenreihen wie durch einen diffusen Nebel hindurch an. Ich fragte mich, ob ich lieber mit Magda 1 oder Magda 2 ausgehen würde, aber ich konnte mir keine Antwort darauf geben. Vielleicht hätte ich sie fragen sollen, ob sie mit mir auf einen Kaffee gehen wolle, aber ich wäre wahrscheinlich enttäuscht gewesen, dass Magda 1 nicht Magda 2 war und umgekehrt. Die Sache ließ mir keine Ruhe und ich überlegte mir erneut einige unverbindliche Sätze, die mir nicht gleich alle Chancen verbauen würden. Ich schrieb: Nach so langer Zeit, schön von dir zu hören. Willst du mit mir auf ein Hansi-Lang-Konzert gehen? Ich klickte auf Senden und fuhr den Computer herunter.

Ich kam spät nach Hause und war ziemlich betrunken, als ich mich vor den Computer setzte. Ich war im Begriff, ihn hochzufahren, da hörte ich wieder das Geräusch. Ich weiß nicht, war es die Dunkelheit oder mein benebelter Zustand, der meine Wahrnehmung verzerrte, jedenfalls wirkte das Geräusch jetzt völlig anders auf mich als untertags. Ich horchte in Richtung Wand, und da vernahm ich es deutlich: Es klang wie eine Kette, die an der Außenmauer schabte, es klang nicht mehr wie dieses zerbrechliche Rieseln, es klang, als würde jemand die Dachrinne mitten in der Nacht reinigen oder mit einer schweren Kette etwas die Wand hochziehen. Es war ein Rasseln und Quietschen, und erschien mir in der Dunkelheit so laut, dass ich mir die Ohren zuhalten musste. Ich fuhr den Computer hoch und führte den Mauszeiger zum Senden-und-Empfangen-­Button, als mir plötzlich dämmerte, dass Hansi Lang schon vor einiger Zeit gestorben war. Meine Hände begannen zu zittern und ich googelte seinen Namen. Da sah ich sein Foto. Er war vor drei Jahren gestorben. Mir wurde übel, und ich wollte schon auf den Posteingang klicken, als wieder dieses Geräusch an der Wand ertönte. Die Kette schabte über die Außenwand. Es rasselte und quietschte, und es klang nicht so, als würde es bald wieder aufhören.

Die Wurzel

Ich befand mich damals in einem Loch und irgendwie hatte ich den Eindruck, dass es meinen Nachbarn in diesem verrückten Haus ebenso erging. Ein paar Tage bevor Giselher bei mir anklopfte, lag mein Nachbar von gegenüber betrunken vor seiner Wohnungstür. Er schlief in aller Herrgottsfrühe vor seiner Tür, und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich starrte durch meinen Spion hinaus auf den Flur und sah ihn schnarchend vor seiner Tür liegen. Ich überlegte, ob ich ihn aufwecken und in sein Bett schleifen sollte, aber ich konnte mich nicht dazu entschließen und ließ ihn dort liegen. Im selben Jahr hatte mich auch die große Frau im Stock über mir zum Essen eingeladen. Sie erzählte mir, dass sich ihre Vormieterin umgebracht habe und dass sie den Gedanken daran nicht los würde und ausziehen wolle, obwohl sie das Haus eigentlich ganz gern habe. Und dann kam Giselher. Er klopfte eines Tages an meine Tür, und ich dachte schon, er wolle sich wieder Geld ausleihen. Er war zu jener Zeit ziemlich am Trinken und hatte mir erzählt, dass er sich zum Militär gemeldet habe, weil er so vor der Verfolgung durch das Finanzamt sicher sei. Ich öffnete die Tür, und er grinste mich aus seiner Militäruniform an. Giselher sah nicht wirklich gut aus, aber er lachte immer und in allen Lebenslagen. Auch später, als die Sache mit dem Krebs kam, lachte er dauernd, wenn ich ihn im Krankenhaus besuchte. Er entschuldigte sich für die Störung und hielt mir den Schlüssel seiner Wohnung vors Gesicht. Er habe ein Problem mit seiner Therme, die tropfe, und er könne sich nicht darum kümmern, da er zu einer Truppenübung eingezogen worden sei. Ob ich für ihn alle paar Tage den Kübel ausleeren könne, den er unter die Therme gestellt habe.

Klar, antwortete ich, wann kommst du wieder?

Keine Ahnung, meinte er und lachte mich an.

O.k., sagte ich, kein Problem, ich habe im Moment nicht so viel zu tun, und nahm den Schlüssel entgegen.

Seine Wohnung lag im Stock unter mir hofseitig, während meine Wohnung zur Straße hinaus ging. Ich hatte damals gerade mein verfluchtes Studium abgeschlossen und keine Aussicht auf einen Job weit und breit. Meine Freundin hatte mich bald nach dem Abschluss verlassen, weil ich mich so gehen ließ. Ich las und trank und jobbte als Taxifahrer. Es war keine gute Zeit.

Am nächsten Morgen ging ich hinunter und sah mich in der Wohnung um. Sie war aufgeräumt, aber es roch nach abgestandener Luft. Der Kübel, der unter der Therme stand, war bereits übergelaufen. Ich leerte ihn aus und wischte den Boden auf, damit das Wasser nicht durch den Fußboden nach unten dringen konnte. Dann sah ich mir das Wohnzimmer, das gleichzeitig das Schlafzimmer war, genauer an. An einer Wand standen ein dunkler Eichenschrank und eine Biedermeierkommode mit Schwarz-Weiß-Porträts eines Mannes und einer Frau in hölzernen Jugendstilrahmen darauf. Es waren vielleicht Giselhers Großeltern. Sein Schreibtisch war aufgeräumt, und ich rüttelte an den Schubladen, aber sie waren abgesperrt. Ich setzte mich auf sein Bett und federte leicht auf und ab, dann legte ich mich auf den Boden und spähte unter das Bett, um zu prüfen, ob sie darunter lagen. Ich erblickte lediglich eine dicke, graue Staubschicht. Ich öffnete das Nachtkästchen, und da lagen sie: ein ganzer Stoß sauber geordneter Pornohefte. Ich zog eines heraus und stopfte es mir unter den Pullover. Dann ging ich ans Fenster, weil ich das piepsende Geräusch eines rückwärts fahrenden Lasters vernommen hatte. Der LKW setzte quer über den Hof zu einer ansteigenden Böschung, die an die gegenüberliegende Hausmauer heranreichte. Aus dem Erdreich ragte eine riesige Wurzel mit zwei abgesägten Baumstrünken. Nachdem der Laster mit seinem Heck fast an der Mauer, die das Erdreich umfasste, anstieß, blieb er stehen. Die Pritsche des Lasters war leer und schien auf die ausgelösten Einzelteile der Wurzel zu warten. Die Männer in orangen Arbeitsoveralls, die aus der Ferne wie Playmobil-Männchen aussahen, standen unschlüssig vor der Wurzel. Sie hatten die beiden Baumstämme wahrscheinlich zuvor gefällt und abtransportiert, jetzt war die Wurzel an der Reihe. Sie war bereits freigelegt, als wäre sie ein archäologischer Sensationsfund, und überragte die Männer wie eine bedrohliche Riesenkrake mit abgeschnittenen Armen. Ich wartete darauf, dass sie die Wurzel endlich zersägen und abtransportieren würden, aber nichts geschah. Sie bestand aus den zwei hydraartigen, abgesägten Baumstrünken und einem gewaltigen Gewirr aus armdicken Wurzeln und Verflechtungen voller getrockneter Erde. Die Männer umrundeten die Wurzel mehrmals, dann gingen sie weg und ließen den LKW mit geöffneter Ladeklappe zurück. Insgeheim freute ich mich über ihre Ratlosigkeit. Ich horchte in die Küche und hörte das gleichmäßige Aufprallen der Tropfen am Boden des Plastikeimers. Ich presste das Pornoheft mit dem Ellbogen an meinen Körper und ging wieder nach oben.

Ich legte mich auf mein Bett und blätterte das Pornoheft durch, das für Liebhaber großer Brüste konzipiert war. Ich holte mir einen runter und machte mir anschließend Ham and Eggs, aber irgendwie kam ich nicht in den Tag hinein. Ich fragte mich, wozu man überhaupt studiert und seine Zeit mit Lesen vergeudet hatte, wenn man hinterher erst recht im Taxi saß. Ich überlegte, ob ich schwimmen gehen sollte, aber dazu hatte ich auch keine Lust. Ich horchte in meine Küche und erinnerte mich an das Tropfgeräusch, als wäre es etwas Vertrautes, das untrennbar mit meinem eigenen Leben verbunden war. Ich stellte den Teller und die Pfanne in die Abwasch und ließ kaltes Wasser darüber laufen, aber ich hatte keine Lust, das Geschirr abzuwaschen. Ich hatte einfach keine Lust dazu. Ich vertrödelte die Zeit bis zum Nachmittag. Schließlich griff ich nach dem Schlüssel von Giselhers Wohnung und ging wieder nach unten. Ich legte zuerst das Pornoheft zurück, dann ging ich in die Küche und leerte den Kübel noch einmal aus. Es hatte sich bereits ein kleiner See im Kübel gebildet und ich versuchte auszurechnen, wie lange es dauern würde, bis der Kübel randvoll wäre. Ein, zwei Tage höchstens. Ich ging wieder ans Fenster und sah nach draußen.

Die Männer schleppten jetzt schwere Geräte durch den Hof, und einer von ihnen gestikulierte und zeigte, wohin sie die Geräte tragen sollten. Sie schlossen ihre Maschinen, die ich aus der Ferne für Presslufthämmer und Motor­sägen hielt, an den Stromgenerator an. Sogleich hallte von den Hausfassaden des Innenhofes ein unerträglicher, vibrierender Lärm, und sie begannen die Wurzel von allen Seiten zu traktieren. Je länger die Männer die Wurzel mit ihren Geräten bearbeiteten, desto stärker ergriff ich Partei für die Wurzel und hielt zu ihr, als wäre sie der Stier in einem Kampf mit den Toreros, als hätte die Wurzel auch nur den Funken einer Chance. Wenig später standen die Männchen erneut kopfschüttelnd vor der Wurzel. Das Blatt der Motorsäge schien abgebrochen zu sein. Im Hintergrund versuchte einer der unerschrockenen Arbeiter mit dem Presslufthammer die Wurzelarme aus der Erde zu stemmen, aber der Presslufthammer rutschte immer wieder von den feuchten, runden Wurzeln im Erdreich ab. Ich blieb den ganzen Nachmittag über am Fenster stehen und beobachtete die vergeblichen Anstrengungen der Arbeiter, der Wurzel den Garaus zu machen. Schlussendlich packten die Männer ihre Geräte wieder ein und fuhren mit dem Laster aus dem Innenhof hinaus.

Ich fühlte mich so, als hätte ich einen persönlichen Sieg errungen, und ging nach oben. Ich verbrachte die restliche Zeit bis zur Nachtschicht lesend im Bett und irgendwie spürte ich, dass es bald aufwärts gehen würde.

Am nächsten Tag stand ich erst zu Mittag auf und betrachtete mein verquollenes Gesicht im Spiegel. Ich musste etwas anderes machen, ich musste mir einen anderen Brotjob suchen, der mich nicht so auslaugte. Als ich nach dem späten Frühstück hinunter in Giselhers Wohnung ging, war der Kübel bereits zur Hälfte voll. Ich leerte ihn aus und hastete ins Wohnzimmer, um nach der Wurzel zu sehen. Sie war verschwunden, und an ihrer Stelle tat sich ein hässlicher Krater auf, als wäre eine Bombe explodiert. Ich starrte auf das unheimliche Loch, während das gleichmäßige Geräusch der in den Kübel fallenden Wassertropfen aus der Küche erklang. Ich holte den Stapel Pornohefte aus dem Nachtkästchen. Nachdem ich die Tür abgesperrt hatte, ging ich wieder nach oben. Ich drückte die Pornohefte mit den Covers nach vorne an meine Brust und irgendwie hätte es mir gefallen, wenn mir in diesem Moment jemand im Stiegenhaus begegnet wäre. Ich hätte kein schlechtes Gewissen gehabt, wenn mich einer der Nachbarn aus diesem verrückten Haus mit den Heften unter dem Arm gesehen hätte, und das war ja schon ein ganz guter Anfang.

Der Doppelgänger

Seine Ähnlichkeit mit Norbert hatte mich schon während meiner Studienzeit verblüfft, wenn ich ihm auf der Straße begegnet war. Ich begrüßte ihn einmal sogar versehentlich als Norbert. Aber er sah ihm einfach nur verdammt ähnlich, und ich nannte ihn fortan bei mir nur Norberts Doppelgänger. Ich traf ihn immer in der U-Bahn oder auf der Straße wie einen fremden Passagier, mit dem man eine Reise antrat und dem man beim Check-In, im Flugzeug, beim Warten auf das Gepäck oder im Zentrum einer fremden Stadt wiederbegegnete. Wir blickten uns flüchtig ins Gesicht, wenn wir von einem Bezirk in den anderen unterwegs waren, mit Plänen und Sorgen des Alltags beschäftigt, das eine Problem zu lösen, aus dem schon wieder das nächste erwachsen würde. Wir trafen einander im Sommer auf Straßen, die von der Sonne aufgeheizt waren, oder hetzten im Winter auf den von Schneematsch durchnässten Gehsteigen aneinander vorüber. Im Laufe der Jahre hatte ich ihm die unterschiedlichsten Gefühle entgegengebracht, ich fühlte mich von ihm verfolgt und ich hasste ihn, aber je älter ich wurde, desto gelassener ging ich (auch) mit ihm um. Ach, da ist wieder einmal Norberts Doppelgänger, denke ich heute, und manchmal verspüre ich noch den Wunsch ihn anzusprechen und ihn zu fragen, ob er nicht auch den Eindruck habe, dass es völlig absurd sei, wie oft wir uns zufällig in der U-Bahn oder auf der Straße begegnen, und was es wohl damit auf sich habe.

Meine Beziehung zu Norbert regierte der Zufall genauso wie meine Begegnungen mit seinem Doppelgänger, nur fanden sie im erweiterten Freundeskreis statt. Wir verabredeten uns nie, aber wir trafen uns immer wieder zufällig auf Partys oder bei Ausstellungseröffnungen, und jedes Mal, wenn wir uns sahen, unterhielten wir uns gut und tranken oft bis in den Morgen zusammen. Ein einziges Mal hatten wir uns zum Frühstück bei ihm zuhause verabredet, aber das hatte in einem Fiasko geendet, denn er hatte mir ein Gedicht gezeigt, das ich nicht gut gefunden hatte, und wir waren uns gegenüber gesessen und hatten nicht gewusst, worüber wir reden sollten.

Als die Geschichte mit Franziska begann, wusste ich, dass sie seine erste Liebe gewesen war. Er hatte einmal angedeutet, dass er es schade fände, dass es ihm nicht gelungen sei, seine Jugendliebe zu heiraten, das hätte ihm gefallen. Er war ein Bob-Dylan-Fan, und ich glaube, er fand das irgendwie romantisch, die Freundin aus den guten alten Zeiten zu heiraten und damit die Jugend auf irgendeine Art zu konservieren.

Meine Geschichte mit Franziska war ein Desaster, es war eigentlich eine Sommeraffaire, was ich damals nicht wahrhaben wollte, weil ich sehr verliebt in sie gewesen war. Sie war groß und blond (ich hatte als junger Mann öfter Beziehungen mit großen Frauen, worauf ich ziemlich stolz gewesen war, weil ich selber eher klein bin; ich fühlte mich dann ein wenig wie Roman Polanski, mit der Zeit schwächte sich dieser Spleen aber wieder ab) und hatte ein mandelförmiges Gesicht mit strahlend schönen, wasserblauen Augen. Als wir zusammen waren, ermahnte sie mich ständig, nicht so viel zu trinken und zu rauchen und hielt mir bei allen möglichen Gelegenheiten feministische Vorträge. Beim Sex wollte sie immer oben sein, weil sie fand, dass die Frauen schon viel zu lange „unten“ gewesen seien et cetera. Nachdem wir einen Monat zusammen waren, beschlossen wir gemeinsam nach Spanien zu fahren. Ich fuhr voraus, aber wenige Wochen später gab sie mir per Telegramm (damals gab es noch Telegramme) den Laufpass, weil sie der Meinung war, dass ich ein völlig unfertiger Mensch sei und noch viel zu tief drinnenstecke in meiner autoritären Familie. Ich wartete trotzdem jeden Tag auf sie und saß bis in den Morgen hinein oben auf der Terrasse der Casa Rafael mit dem Blick auf die Costa Tropical. Ich trank spanischen Portwein, schrieb schlechte Gedichte und blickte immerzu auf den staubigen Sandweg, der sich hinunter ins Tal schlängelte. Ich wartete darauf, dass sie endlich den Weg heraufkam, aber sie kam nicht. Zwei Wochen später hörte ich in der Nacht auf der Terrasse plötzlich Gelächter und ein seltsames Rumpeln. Es waren Frank und Richie, die mir einen Überraschungsbesuch abstatteten und mich vor der allergrößten Einsamkeit bewahrten. Das war das Ende der Geschichte mit Franziska, und manchmal würde es mich interessieren, ob Norbert und Franziska, die schließlich doch (wieder) ein Paar geworden sind, glücklich mitein­ander wurden. Heute freue ich mich für Norbert, dass sein Traum in Erfüllung gegangen ist.

Nachdem die beiden wieder zusammen waren, mieden sie mich, ich weiß nicht, ob aus schlechtem Gewissen oder aus einem inneren Impuls heraus, sich durch die Entfernung meiner Person aus ihrem Leben reinzuwaschen. Jedenfalls redeten (und tranken) Norbert und ich überhaupt nicht mehr miteinander, und wenn wir uns zufällig begegneten, war es uns sichtlich peinlich.

Daran erinnere ich mich, wenn ich Norberts Doppelgänger in der U-Bahn sehe. Ich frage mich, ob ihm die Häufigkeit unserer Begegnungen nicht auch merkwürdig vorkommt und ob ich für ihn auch ein seltsamer Vogel bin, dem er, aus welchen Gründen auch immer, mit einer geheimnisvollen Regelmäßigkeit über den Weg läuft. Ich würde gerne wissen, ob auch ich eine Art von Doppelgänger von jemandem bin, der ihn an eine Episode seines Lebens erinnert, die er längst hinter sich gelassen hat. Mit dem Alter habe ich das Interesse daran verloren, dieses Rätsel zu lösen, ja insgeheim freue ich mich darüber, dass ich überhaupt nichts von ihm weiß. Ich zucke bei unseren Begegnungen auch nicht mehr zusammen, sondern blicke ihm nur neugierig ins Gesicht und bemerke, dass auch sein Bart ein paar graue Haare mehr bekommen hat.

Das darfst du nicht