Das Grabenereignismysterium - Thure Erik Lund - ebook

Das Grabenereignismysterium ebook

Thure Erik Lund

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Opis

"Das Grabenereignismysterium" ist eine Satire auf Norwegen und das Norwegischsein. Wild, skurril und böse – »ein Buch, das sich kein Norweger wünscht, wir aber alle verdienen«, heißt es in der Tageszeitung Dagens Næringsliv. »Thure Erik Lund ist der größte Prosaautor meiner Generation. Er ist unglaublich wild.« Karl Ove Knausgård Mit einem Auftrag für das norwegische Kulturministerium beginnt Tomas Olsen Mybråtens Übel und Abstieg. Er soll ein Gutachten über Denkmäler verfassen, aber bereits während seiner Reisen durch das Land entbrennt in ihm ein ur-norwegisches Thema: der Konflikt zwischen dem unabhängigen Individuum und der Gesellschaft des kollektiven Miteinanders. Sein Unbehagen wird weiter geschürt, denn die Denkmäler sind zu touristischen Attraktionen verkommen. Als der Geistesmensch und Eigenbrötler Tomas der Kulturministerin seine Ergebnisse vorstellt, wird das für beide ein einziges Desaster. Karrieren sind ruiniert. Tomas wird als Nestbeschmutzer gebrandmarkt, eine Persona non grata, die nur noch in Spelunken Zufluchtsorte findet. Der bewusste Rückzug auf den Elternhof und in die Natur soll seinem Leben eine Wende bringen. Mit seiner Freundin Helene und seinem geistig behinderten Bruder Bjørnar beginnt ein neuer Abschnitt – der tiefste Abgründe des Tomas Olsen Myrbråten an die Oberfläche befördert.

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Thure Erik Lund

Das Grabenereignismysterium

Roman

Aus dem Norwegischen übersetzt sowie mit Anmerkungen und einem Glossar versehen von Matthias Friedrich

Literaturverlag Droschl

Teil eins Der Geistesmensch

Tomas Olsen Myrbråten: Jeden Tag muss ich ein paar endlose Stunden am Küchentisch zubringen, um zu weinen. Eben nichts weiter als diese höchst traurige Sache: mit dem Oberkörper quer über dem Tisch zu liegen und über das Elend der Welt zu weinen. Ja, so traurig ist es geworden, dass ich jeden Tag über die Verdorbenheit der Welt weinen muss. Und bislang habe ich es so weit getrieben, dass der einzige Trost der ist, dass ich jetzt keine Scham mehr empfinde, wenn ich sage, dass ich weine, weil mich alles Traurige, über das ich weine, übermannt hat. Dieses Übermannen hat um sich gegriffen, es hat das Weinen selbst übernommen, und dann, wenn es am allertraurigsten ist, bin es nicht ich, der weint, sondern es ist die Welt, die Welt, die weint, in mir.

Wir, die wir über die Verdorbenheit der Welt weinen, werden immer weniger, was verdächtig ist und sich für eine noch tiefere Bekümmernis eignet, wohingegen es umso mehr gibt, die über sich selbst weinen und dafür eigene Gründe haben. Sie übertäuben die überaus wenigen von uns, die tatsächlich über den Zustand der Welt weinen. Die Weinenden voneinander zu unterscheiden, ist eine traurige und hoffnungslose Aufgabe.

Das eine oder andere Mal sitze ich unter dem Küchentisch und weine. Bei anderer Gelegenheit stehe ich untätig neben der Tür und weine. Einige wenige Male weine ich, ohne eine einzige Träne zu vergießen. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass ich vollständig übermannt bin. Und wenn ich nicht weine, tue ich eigentlich nichts weiter, als untätig dazustehen, den ganzen Tag stehe ich bloß auf dem Küchenfußboden herum und glotze untätig vor mich hin. Neulich habe ich gelernt, mit geschlossenen Augen zu sehen. Hier, in dem, was ich hin und wieder als »die sozialtechnologische Institution« charakterisiere, soll sich meine neue Natur zweifellos entfalten dürfen. Die Verantwortlichen hier in dieser »Institution« erwarten viel von mir. Zweifellos bin ich ein Naturtalent. Aber unlängst begann ich, die Schnüss zu halten, zugleich begann ich, mit geschlossenen Augen zu sehen. So kann ich mich ganz einfach dadurch, dass ich untätig dastehe, auf eine völlig neue Weise ausdrücken. Vorgesehen war das sicher nicht ganz. Das war wohl eine unerwartete Finte. Sie wissen sicher nicht so recht, was sie mit mir anstellen sollen. Denn ich kann nichts weiter tun, als diese sogenannten »grundlegenden Dinge« auszuführen, das heißt: zu sein. Diese Freiheit kann mir niemand nehmen. Dann, wenn ich dastehe, dann bin ich. So ist das. Ich bin doch, irgendwie. Und dann, dann bin ich ein »Geistesmensch«. Ansonsten denke ich oft, dass das »Sein« nicht so vielsagend ist, wie die Leute es gerne hätten, im Grunde ist es belobhudeltes Zeug. Aber. Wenn ich dastehe und existiere, dann steht die Zeit tatsächlich still, das tut sie. Dann scheint es unmöglich, weiterzumachen. Wenn die Zeit still steht, ist es leicht, aufzugeben, dann kann der Geistesmenschenzustand schnell von alleine vorbeigleiten. Aber den neuen, synthetischen Naturzustand, in den ich jetzt eingeführt bin, und der irgendwie so zukunftsgerichtet und human sein soll, den hatte ich schon lange vorhergesehen, und gewarnt hatte ich auch davor. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass er mich schließlich zu fassen bekam, ja, jetzt hat er mich verschluckt. Das Einzige, was ich jetzt tun kann, ist, auf diese völlig neue Weise zu »reden«.

Aber ich weiß, dass die ganze Zeit über alles widerlegt und für falsch erklärt wird. Manchmal platze ich. Ich schaffe es nicht, den neuen synthetischen Naturzustand zu ertragen. Dann geht das mit der Heulerei wieder los. Da kann der neue Naturzustand nicht gegensteuern. An manchen Tagen weine ich über gleichbedeutende Dinge. An anderen Tagen, wenn es flotter vorangeht, mit zusammenhängenden Tagen, weine ich über ziemlich verschiedene, mühevolle, differenzierte, gegensatzmerkwürdige Dinge, ja, kurz gesagt, über alles, ja, im Laufe der Periode eines Monats kann ich es bestimmt geschafft haben, über alles Denkbare geweint zu haben, und dies auf die verschiedensten Weisen, und glaubt nicht, ich hätte etwas von dem vergessen, über das ich geweint habe, nein, das vergesse ich nicht, ganz einfach, das vergesse ich nicht.

Eines Tages, lang ist’s nicht her, den Zeitpunkt habe ich vergessen, aber es musste ganz zu Anfang gewesen sein, spürte ich eine Art schweren Schmerz, nicht im Körper, nicht im Bewusstsein, aber er schien sich außen, im Wind, im Wetter, im Luftzug zu befinden. Eben erst war ich vom Küchenstuhl aufgestanden, und jetzt stand ich da, mitten auf dem Küchenfußboden, und übte mich in dieser meiner neuen »Sprache«. Erst glaubte ich, es sei der Schmerz der Welt, der auf mich zukäme, doch stattdessen war es eine Art seltsamer Wunsch, der da in schmerzhafter Form auftauchte und sich irgendwie in allen Dingen niedergeschlagen hatte, und dieser Wunsch lautete wie folgt: Ob es nur noch einmal möglich sei, erneut ins Leben zu treten und alles so, als wäre es das erste Mal, erneut zu sehen. Seltsam, dachte ich, an diesen Schmerz oder an diesen unmöglichen Wunsch muss ich mich erinnern. Daran habe ich festgehalten. Obwohl ich später eingesehen habe, wie unmöglich ein solcher Wunsch ist, so hat sich die Wunschvorstellung trotzdem wiederholt in mir festgesetzt, jeden Tag denke ich daran: Wenn ich doch nur einmal wieder ins Leben käme, und zwar von außen! Neugeboren werden! Wenn ich erneut ins Leben eintreten könnte, sozusagen aus einer großen, offenen Tiefe heraus, und sehen, sehen könnte, wie es ist, mit Augen, die nie zuvor das Licht des Lebens sahen. Nun ist es mir allerdings bloß möglich, mich über einer großen, offenen Tiefe auszustrecken, und indem ich nach oben auf den Sternenhimmel schaue, kann ich blitzartig den Verdacht haben, dass ich nach unten schaue, sodass ich tief unten die Sterne in einem Brunnen erblicke, wo sie über eine wirklich spiegelblanke Wasseroberfläche verstreut liegen, die ich verschwommen erkennen kann. Auf diese seltsame Weise sehe ich, dass der Sternenhimmel von einem größeren Licht erleuchtet ist, das von hinten kommt und zum Tageslicht passt, das man sieht, wenn man nach unten in einen Brunnen schaut.

So können die Geistesmenschen den Schatten ihrer selbst dort draußen im Weltraum sehen. Dann verstehen sie, dass sie sich unten in einem Abgrund befinden. Die Geistesmenschen sehen ein, dass sie sich viel zu oft damit begnügen müssen, Zeugen des Lebens zu sein, dass sie dem Leben dabei zuschauen, wie es erstarrt, und dass sich alles entwickelt, ja, dass sich alles entwickelt und ihnen davonrast, sodass sie, diese überaus Wenigen, in einer Art halbdunklen, langsam verstreichenden Zeit zurückbleiben, in der sie nur dünn bekleidet durch die regennassen Straßen schlurfen, um zuzuschauen, wie die modernen Menschen ihren Aufschwung erleben, wie sie überwuchern, ihre eigenen Familien gründen, Haus und Heim haben, wohingegen die Geistesmenschen ihren Alterungsprozess und ihr absurdes Benehmen irgendwie ruhig, gefasst registrieren. Mit immer größerer Verwunderung bemerken die Geistesmenschen, dass die neuen Menschen beim Erwachsenwerden jäh um ein Vielfaches altern, das Leben ist vorbeigegangen, und es stellt sich heraus, dass sie ein Leben lang Kinder waren! Nur die Wenigsten werden zur rechten Zeit zu natürlich erwachsenen Menschen. Anstatt erwachsen zu werden, werden die meisten Menschen zu alten Kindern oder veralteten Jugendlichen. Aber die überaus wenigen Geistesmenschen, die sich längst zur Ruhe gesetzt haben, sehen, wie die Menschen um sie herum von einer Art gestressten Angst um die Zeit erfüllt und von einer infantil-melancholischen Sehnsucht nach einem Dasein als Teenager in einem ewig modischen Jahrzehnt aus der Fassung gebracht worden sind, denn alle, die in den letzten dreißig Jahren aufgewachsen sind, sind in diesem manisch jugendlichen Zwischenstadium hängen geblieben, erstarrt hängen sie schwebend über einem Abgrund, einem Abgrund, der von der Seite der Natur aus so schwer zu überqueren nicht ist, doch die modernen Menschen ahnten dunkel, dass man sich dort, in der Luft schwebend, ja, genau dort oben in der Luft, aufhalten müsste. Aber Uneingeweihten scheint es, als versuchten die heutigen Geistesmenschen immerzu, sich still und unbemerkt durch diese hochgetriebene Zeit zu schleichen, die die Menschen früher bei einer Heuernte im Sommer nach der Konfirmation hinter sich brachten, um dann wieder irgendwie in die schwere, ungeschlachte, natürliche Zeit zurückzufinden. Manche bewegen in Wirklichkeit gerade die ersten verzweifelten Begegnungen mit der Jugendzeit dazu, Geistesmenschen zu werden. Es stellt sich heraus, dass sie in der Jugendzeit irgendwie in ein tiefes Loch sinken. So entkommen sie der Jugendzeit ungeheuer rasch und schmerzvoll. Von dort aus müssen sie sich auf vollkommen unbekannte Wege ohne Tageslicht und Elektrizität aufmachen, denn jetzt sind sie doch von der Welt der allgemeinen Menschen abgeschnitten. Damit befinden sich die Geistesmenschen in einer Art Unterwelt, dunkel und unzugänglich, doch mit geheimen Luken hinauf ins Tageslicht. Von dort aus, diesem grauen, schweren, zähen Naturzustand, ist es für die Geistesmenschen keine große Kunst, diese modernen Menschen zu studieren, sie hängen doch, sichtbar für alle, aber nicht für sich selbst, so hoch oben in der leeren Luft, wo sie sich in Fiktionen und Glamour einleben, im Glauben daran, dass sie schwerelos, ohne Bedeutung, ohne Schwerkraft seien, beschäftigt mit dem Lärmenden und dem Banalen, und mit einem hingebungsvollen Glauben daran, dass all dies ewig anhalte, wohingegen die überaus wenigen Geistesmenschen sich schnellstmöglich nach unten werfen und sich an die Erde klammern und die dunklen, tiefen Schluchten suchen, die die tiefsten Geheimnisse verbergen und konsequent die verschlungenen Fiktionen dieser Luftschichten fürchten. Ja, was ein Geistesmensch als Erstes tut, nachdem er ein Geistesmensch geworden ist: Er versucht, die allumfassende Ideologie der Jugendzeit in den Blick zu bekommen und zu durchschauen, wie ihre Vorstellungen die Menschen übermannen. Aber auch der erste »nachjugendliche« Geistesmenschenprozess sollte von kurzer Dauer sein, weil das hohe Ziel der Geistesmenschen darin besteht, auf natürliche Weise zu reifen Menschen zu werden. Die Geistesmenschen sind ja eigentlich reine Naturmenschen. Die Geistesmenschen sind daher dadurch gekennzeichnet, dass sie alles tun, weil sie es tun müssen. Die Geistesmenschen tun niemals irgendetwas Unnötiges, Zufälliges zur Zerstreuung, um die Zeit zu füllen oder die Langeweile zu betäuben. Die Geistesmenschen müssen sich schon von vornherein auf den ungeheuren Kostenaufwand einstellen, den es bedeutet, Geld, Technologie und Karriere zu verachten, um als Menschen nicht versaut zu werden. Die großen Massen, die die Herrschaft das Geldes, die industrielle Technologie und die synthetischen Spracherweiterungen verehren, betrachten die überaus wenigen Geistesmenschen natürlich als saumselig, lebensmüde und ohne Glauben an die Zukunft.

Also, mit einer gewissen Furcht hatte ich erkennen müssen, dass ich zu einem Geistesmenschen geworden war. Das muss ich also festhalten, während ich noch immer hier auf dem Küchenboden stehe, im Laufe des Abends leicht wacklig, ehe ich benommen zum Sofa krabble und einschlafe.

Diese Geisteserscheinung nähert sich jetzt, da dies geschrieben wird, einem Alter von achtunddreißig Jahren. Natürlich ist er daran gescheitert, sich Eigentum anzuschaffen, und längst ist er vor einer verantwortungsvollen Stellung in der Gesellschaft geflohen, ist er sozusagen allem entflohen, und die Geisteserscheinung ist auch der Flucht entflohen und in einer synthetischen Welt gefangen genommen geworden, so wie man Träume wegträumen und in einer neuen Traumwirklichkeit erwachen kann. Solche Geschehnisse haben die Geisteserscheinung an einen sogenannten Wendepunkt geführt. Dort wurde die Geisteserscheinung zu einem Geistesmenschen. Denn an diesem Wendepunkt meinte er, dass er plötzlich den Tod verstand, sozusagen mit dem ganzen Körper. Ehe er an diesen Wendepunkt gelangte, gab es keine Vorstellungen über den Tod, der Tod existierte im Geisteserscheinungsbewusstsein nicht, der Tod war bloß eine Redensart, ein totes, bedeutungsloses Wort. Doch nach dem Wendepunkt wurde der Tod in seinem Denkprozess so gegenwärtig, lebendig und so erschreckend, dass er nicht anders konnte, als über den Tod zu sprechen oder den Tod zu erwähnen, dies hielt ihn lebendig. Damit »lebte« der Tod »auf«, er wurde zu einem quicklebendigen, krabbelnden Monster, und es trat eine Todesverdrängung ein, denn schon bei der Erwähnung einzelner Worte fürchtete er, dadurch übermanne ihn der Tod, er hatte die unermessliche Stärke und Gesetzesmäßigkeit des Todes doch eingesehen, und dann musste er panisch versuchen, sich mittels allerlei vitaler Geistesmenschenseinsweisen und Todesverweigerungen am Leben festzuhalten. Die Existenz war auf den Kopf gestellt, Leben war Tod und der Tod das Leben, jedoch nur mit der kleinen Finesse, dass niemand um ihn herum irgendeinen Unterschied bemerkte. Vielleicht, weil da niemals jemand war, der einen Unterschied darin bemerkte, ob er als Geisteserscheinung tot war oder lebendig, vielleicht, weil er als Geisteserscheinungsmensch von einer Einsamkeit geplagt war, die eben durch die Gedanken an den Tod bedingt ist, über die er die ganze Zeit die Schnüss halten musste. Ja, so stark war dieser Wendepunkt, es war, als erschüttere ihn der Tod selbst, mitten im Leben, er würde sterben, wenn er an das Sterben nur dachte.

Nicht an den Tod zu denken, nagt jeden Morgen beim Aufwachen an mir. Das bringt mich dazu, zu planen, wie und wo ich mitten auf dem Küchenfußboden zu stehen habe. Ja, so ist das, ein Geistesmensch zu sein! Das verlangt nach Willensstärke und Konzentrationsfähigkeit! Beim Frühstück, das aus einer Scheibe Brot, einem Glas Milch und etwas rohem Gemüse besteht, bereite ich mich darauf vor, den ganzen Tag lang ein Geistesmensch zu sein. Diese im Grunde lächerliche und veraltete Willensstärke konnte ich während einiger windgepeitschter Jahre einüben, als ich mir einbildete, mir stünde eine Zukunft bevor, wenn ich bloß standhaft und verantwortungsvoll wäre. Das ging selbstverständlich ziemlich daneben. Das Einzige, was mir nach diesen windgepeitschten Jahren blieb, war die verzagte Willensstärke, sie hat keinen anderen Nutzen, als mir den Geistesmenschenzustand erträglich zu machen und meine Erinnerung daran zu bewältigen, wie übermäßig verhältnisungleich stark, ja, himmelschreiend übertrieben dieser Wunsch nach Stabilität und Verantwortung ist, mich brauchte ja niemand in einem standfesten und verantwortungsvollen Zustand, aber es ging auch deshalb schief, weil ich ein Mann war, der sich viel zu sehr im Klaren über seine Qualitäten und Fähigkeiten war und der deshalb, durch diese falsche Gewissheit, tatsächlich eine lange Zeit von diesen unbenutzten Fähigkeiten lebte. Dies führte durch eine größere essayistische Auftragsarbeit, ein an Das Königliche Norwegische Kulturministerium adressiertes sogenanntes kulturhistorisches Gutachten, zu einem plötzlichen Resultat.

Dieses Gutachten erlitt ein erbärmliches Schicksal, denn es wurde tief und innerlich missverstanden, nicht nur von der Kulturministerin selbst und ihren Bürokraten, sondern auch von den wenigen, die zunächst an meine Ideen glaubten, was auf allen Ebenen in einer Serie von Missverständnissen resultierte, mit einer darauf folgenden, um sich greifenden Verachtung, von der ich mich erst jetzt, am Wendepunkt, vielleicht gerade dadurch befreien konnte, dass ich untätig auf dem Küchenfußboden stehe, denn noch immer mahlt die innere Essenz des Gutachtens in mir.

Aber ein Geistesmensch ist doch kein eigentlicher Mensch. Um ein echter Mensch zu werden, muss ich erst einsehen, dass ich sonst nichts anderes, irgendetwas anderes werden kann als eben der, der ich jetzt bin, ein Quatschkopf, der den ganzen Tag über untätig auf seinem Küchenfußboden steht, wo ich einzusehen versuche, dass ich nichts weiter werden kann als dieser eine Mensch, ohne Hoffnung auf Verbesserung, Entwicklung, Reifung, nein, nichts weiter als diese besonders bestimmte und charakteristische, für andere bedeutungslose Identität, ein Mensch, dessen Werte ausschließlich im Abstrakten, in etwas Unerreichbarem liegen. Und um mich irgendwie nach diesem Unerreichbaren auszustrecken, befleißige ich mich eines Begriffs, den ich mir immer öfter selbst entgegengemurmelt habe und den ich mit dieser abgedroschenen Willensstärke zu gebrauchen, deutlich auszusprechen wage, und das ist dies: ein Geistesmensch sein. Derartige lange, zusammengesetzte Wörter, die die Bedeutung »Geistesmensch« haben, erklingen oft hier auf dem Küchenfußboden. In den verschiedensten Wortlauten, in gedämpfter Lautstärke, mit einem verzerrten Basston schmiere ich alle Gegenstände in der Küche, den Schrank, den Herd, das Fenster, das Waschbecken, den Divan, mit einer Art Geistesmenschengeräusch ein, vor allem nicht allein mit dem Wort »Geistesmensch«, nein, sondern mit diversen komplexen Wortzusammenstellungswörtern, in einer Art stillem, atmendem Laut, diese meine überaus wenigen Dinge erhalten durch eine Beschwörungsformel ein eintöniges und vollkommen ergreifendes Geistesmenschengeräusch. Das scheint die Leute in dieser technologischen Institution sicher sehr zu interessieren. Nachdem ich die Geistesmenschengeräuschhervorbringung abgeschlossen habe, kann ich in den Wänden oder in den angrenzenden Zimmern einige Sekunden lang eine Art gedämpftes Zwitschern hören, das sind wohl deren Maschinen, die an- und ausgehen oder sich an eine andere »Wirklichkeit« koppeln.

Als ich vor sechs Jahren vom Königlichen Norwegischen Kulturministerium die Aufgabe erhielt, ein sogenanntes Gutachten über das Problem zu schreiben, das bei der Bewahrung der Kulturdenkmäler im Hinblick auf die im Laufe der Zeit immer weiter abnehmende Authentizität kraft der Bewahrung entsteht, das heißt, über das Selbstdestruktive und Selbstwidersprüchliche daran, in Norwegen sogenannte Kulturdenkmäler zu errichten, wurde ich durch diese Arbeit dazu verlockt, eine Geistesmenschenattitüde anzunehmen, obwohl ich fast unbewusst einen eigenen und einzigartigen Geistesmenschendreh eingeschlagen hatte, oder, ich fand vielmehr heraus, dass mir diese Geistesmenschenattitüde dabei helfen konnte, eine größere Einsicht in die Kulturdenkmalsproblematik zu erhalten. Ich hätte doch wissen müssen, dass die geistesmenschenattitüdische Existenz einen armen Schlucker nicht ganz so leicht lockerlässt, der geistesmenschenattitüdische Zustand, der zunächst eine schöne Gedankenform war, wurde mit der Zeit zu einem selbstbestätigenden, unbegreiflichen Geistesernst.

Die Höllenreise hinab zu diesem Wendepunkt begann also eigentlich erst, als ich mit Geistesmenschenattitüde den Geistesmenschen gab, was ein unerträgliches Selbstbild mit sich führte, was wiederum dazu führte, dass ich auf mich selbst hinabschaute. Aber nach und nach hörte ich mehr oder minder damit auf, den Geistesmenschen zu geben, denn allmählich wurde ich beknackt, das aber führte nur dazu, dass ich mir meiner geistesfundamentalistischen Natur bewusst wurde, ich gelangte, um es so zu formulieren, nach unten, zu unbekannten Schichten meiner selbst, und damit musste ich doch die falsche Geistesmenschenattitüde ernst nehmen, die so seitwärts in mich geschlittert war, was selbstverständlich mein sogenanntes altes Ich und nicht nur das Verhältnis zum Norwegischen Kulturministerium und zur Arbeit am Gutachten zerstörte, sondern auch zum Norwegischsein, zur norwegischen Identität, zum Dasein als Norweger. Ich kapierte, dass ich am schleunigsten zum Geistesmenschen werden konnte, wenn ich zunächst nur so tat, als sei ich ein Geistesmensch, und nicht, wenn ich mir geistesmenschenpositurische Gewänder überstreifte. Danach würde ich nicht anders können, als die Natur und den Zufall walten zu lassen. Deshalb, um es einfach zu formulieren, wurde ich, nachdem ich dieses kleine, geistesmenschenattitüdische Detail entdeckt hatte, ein anderer. So wurde ich zu einem sogenannten Vollzeitgeistesmenschen, langsam, zügellos, unklonbar wurde ich zu einem Geistesmenschen in Vollzeit. Eine Zeit lang war ich nur dem Namen nach ein »Geistesmensch« gewesen, also, noch immer war ich ein Oberflächengeistesmensch, der die Aufgabe hatte, den brüchigen und frischen Geistesmenschenzustand zu beschützen, der sich in meinem Inneren abgelagert hatte. Aber auf längere Sicht ging das natürlich nicht gut, und widerstrebend und dann selbstverständlich auch zu spät erkannte ich, dass ich erst den Wunsch verspüren musste, ein Oberflächengeistesmensch zu sein, das heißt eine Art Hilfsoberflächengeistesmensch, bevor der Geistesmenschenzustand zu einer »tiefen« Realität, das heißt, geistesdurchströmend würde, ich musste den Oberflächengeistesmenschenzustand auf etwas unerreichbar Wünschbares und somit Großartiges hochstufen, wobei der eigentliche Geistesmenschenzustand, der allgemeine Geistesmenschenzustand, das einzig Wünschbare, die einzige Alternative war, etwas, das wiederum dazu befugt war, alles Großartige, das mir im Weg stand, als pathetischen Unfug zu bezeichnen. Und so kam es, das Einzige, das ich in dieser Welt sowohl bleiben als auch werden konnte, war ein paradoxer Tiefengeistesmensch, indem ich die Geistesmenschenattitüde verachtete und all das verachtete, was nach klassischer Oberflächengeistesmenschlichkeit roch. Ich wurde jetzt zu einem »Geistesmenschen«.

Was bedeutet jedoch in all seinem widersprüchlichen Sinn der Wunsch, ein Geistesmensch zu sein? Um alle Gedanken um den Geistesmenschenbegriff abzuschälen und sich zur Existenz so direkt und unbesonnen wie möglich zu verhalten, ist das Geistesmenschendasein trotz allem das, was den Menschen am meisten ausfüllt. Es gibt doch nichts Größeres, Wunderbareres und Göttlicheres, als ein Geistesmensch zu sein. Das muss doch das Größte sein! Aber Geistesmensch zu sein heißt, ganz abgesehen davon, dass man die ganze Zeit das Gute, das Wahre und das Schöne will, ebenso, dass man auf einer äußerst konkreten Ebene seine Herkunft akzeptiert und sie billigt. Und nicht nur das, ein Geistesmensch zu sein, heißt auch, zu erkennen, dass man ein elendiges, armseliges und unwürdiges Wesen ist, zumal die Geistesmenschen in allen Aspekten des Daseins nichts weiter im Leben zu tun haben, als nach oben zu schauen, ja, wirklich nach oben zu schauen, und zwar auf den Himmel, egal, wohin sie schauen, die Geistesmenschen richten den Blick immerzu aufs Höchste, den Himmel. Die Geistesmenschen haben ihre Aufmerksamkeit immer nach dem himmelsrichtungsmäßig Edlen ausgerichtet, nicht, weil sie dorthin streben, sondern weil es keine andere Richtung gibt, in die sie schauen könnten, denn die Geistesmenschen platzieren sich immer an unterster Stelle, an unterster Stelle der Rangleiter, in der Kloake der Gesellschaft, am Grund der Natur, um in Schlamm und Dreck unablässig zerquetscht zu werden, um in einigen Millionen Jahren zu Öl zu werden, Geistesmenschenöl, ganz weit unten im Leben selbst, ja, kurz und gut, die Geistesmenschen befinden sich immer am untersten Punkt eines schlammigen, kalten und dunklen Weltbrunnens, in einem universellen Abgrund, sodass es keine andere Richtung gibt, als nach oben zu schauen, und dann schauen die Geistesmenschen immerzu und im Grunde genommen auf das Höchste, das Beste, auf die Göttlichkeit selbst, obwohl sie um sich herum nichts weiter haben als graue, regennasse Mauerwände und braungelb erleuchtete Winterstraßen voller steifgefrorener Autos, ohne eine einzige lebendige Seele erkennen zu können, weil sie die ganze Zeit den Blick gen Himmel gewendet haben. Ja, das ist das Tröstliche am Dasein als Geistesmensch, denn sobald sich der Geistesmensch zur Seite hin umschaut oder nach unten blickt, kann die Hölle losbrechen. Der Geistesmensch wird ja unwillkürlich von dem scheußlichen Anblick der Auslöschung selbst, der Vernichtung, der Dunkelheit erschüttert, die in allen Dingen ist.

Aber auf die gleiche Weise, wie die Leute zu allen Zeiten einen Antrieb dazu verspürt haben, eine Menge Geschichten über ihre eigene Entstehung zu entwickeln, habe auch ich den Wunsch verspürt, Klarheit in meine eigene Geschichte zu bringen. Wenn man nicht ganz sorgfältig, nahezu krankhaft genau und präzise ist, können einen solche existenziellen Fragen leicht auf Abwege bringen, denn bei der Annäherung an die eigene Abstammung liegt die Kunst darin, sorgfältig zu sein, extrem genau, mit Spitzfindigkeit, Präzision, Akkuratesse. Es gehört nur so wenig dazu, ehe wir drauf kommen, dass wir uns eine solche Frage nicht hätten stellen sollen! Wir müssen äußerst vorsichtig damit sein, eine solche Frage zu einem Anliegen für andere, jedenfalls für die Öffentlichkeit, zu machen, denn sofern wir eifrig genug sind und tief und lange bohren, merken wir die ganze Zeit, dass sich in uns leicht ein unklares, aber aufdringliches Gefühl einstellt, wir merken, dass die Antwort auf diese existenzielle Frage in der Selbstverständlichkeit unserer aller Herkunft aus einer dunklen, verschlossenen, außersprachlichen Welt liegt. Für eine leuchtende, eingebildete Vergangenheit zu leben, resultiert immer in einer dunklen, verwirrten Zukunft. Deshalb wird es gefährlich, die Fragen zu stellen, wer wir sind und woher wir kommen. Ja, wir müssen aus der Dunkelheit kommen. Wenn wir diese Dunkelheit mit Erzählungen »aufschließen« und neue Entstehungstheorien vorlegen, sind wir stattdessen im Begriff, einen neuen Ursprung zu bekommen, den wir mit jener von uns für die Entdeckung unserer Abstammung entwickelten Technologie teilen. So werden wir in immer stärkeren Wellen mit unserer eigenen Sprache und mit der Technologie, die wir erfinden, um unsere eigene Herkunft zu finden, identisch. Deshalb kann die Sprache in allen Formen der Welt so leicht zum Feind des Menschen werden, selbst wenn die Sprachformen auf allerlei Weisen sagen, sie würden uns helfen, sie könnten uns alles erklären, die Vögel in den Bäumen, spielende Kinder und nicht zuletzt die Geistesmenschen, ja, zusammen mit ihren vielen Wirkungsformen sagt die Sprache selbst, sie sei der grundlegende Charakterzug des Menschen. Dennoch spüren wir umso stärker, dass das bloß etwas ist, was die Sprachformen behaupten, denn die Sprachformen und ihre einhämmernden Wirkungen in der Welt sind stattdessen damit beschäftigt, das Leben der Menschen in Nebel zu hüllen, sie wollen ja selbst lebendiges Leben werden, und ihrer Ansicht nach bietet der Mensch ein fruchtbares Milieu, in dem sie selbst expandieren können, doch sie fürchten die Geistesmenschen, denn die Geistesmenschen durchschauen die Sprachformen.

Die Sprachformen im Fernsehen, im Radio, den Zeitungen und der Computertechnologie versuchen die ganze Zeit, die Geistesmenschen lächerlich zu machen. Aber ein neuer Typ Geistesmenschen ist aufgetaucht. Sie kommen aus einem ganz neuen Typ Natur, der sich jetzt langsam hier in der Welt aufzudecken scheint, sie kommen aus unbekannten Wäldern. Damit sind diese Geistesmenschen ein neuer Typ künstlicher Menschen. Ich kann berichten, dass die lärmende und technologische Welt der Sprachformen die stumme, unversöhnliche Härte dieser neuen Geistesmenschen noch fürchten wird. Aber um nicht die Kontrolle zu verlieren, müssen wir Geistesmenschen uns die ganze Zeit einreden, dass wir einen geheimen Ursprung haben, ja, dass dies das Einzige ist, was uns retten kann. Wir Geistesmenschen bleiben am Ball, wir lassen uns nicht veräppeln, wir wissen, dass es keine universelle Geschichte der Menschheit und der Entstehung des Lebens geben kann, die nicht wissenschaftlich oder religiös ist. Viel zu lange haben die Menschen diese schönen und religiösen, aber äußerst zweifelhaften Schöpfungsberichte nicht verstanden. Die Leute haben sie stets buchstäblich genommen. Aber die neuen wissenschaftlichen Weltbilder werden genauso buchstäblich aufgefasst. Deshalb gibt es noch niemanden, der wüsste, was sie bedeuten.

Nicht verwunderlich also, dass die Leute, sobald neue Entstehungsgeschichten auftauchen, versuchen, sie zur großen Verärgerung von religiösen Führern und Wissenschaftlern so rasch wie möglich zu zerschmettern, ins Lächerliche zu ziehen und sie zu vergessen. Aber wir überaus wenigen neuen Geistesmenschen wissen doch, dass es niemals irgendeine eigentliche, wahre menschliche Entstehungsgeschichte gegeben hat. Alle diese neuen Geschichten und Theorien über die Herkunft der Menschen, die in immer größerer Anzahl auf die Beine gestellt werden und die in den eigenen Augen der Gesellschaftsmenschen wahrer und genauer werden, werden aus dem Grund immer hässlicher, weil sie sich zugleich nicht darum scheren, an sie zu glauben. Aber auch wir Geistesmenschen tun das nicht. Es könnte uns auch nicht einfallen, die im Grunde idiotischen Geschichten zu beschönigen. Sie gehören den Menschen ja nicht. Stattdessen sind sie die eigenen, chemisch von der modernen, wissenschaftstechnologischen Technologie der Industriegesellschaft hergestellten Geschichten, und den Menschen wird eingetrichtert, zu »meinen«, dies sei ihre eigene Geschichte, und damit werden die Menschen identisch mit den technologischen Schöpfungsberichten. In Übereinstimmung mit der steigenden Verwissenschaftlichung sind es deshalb die Menschen, die dämonisch und unmenschlich werden. Diese neuen Schöpfungsberichte sind grotesk, materiell und wissenschaftlich, sie beinhalten keine Gleichnisse, sie sind »humanistisch«, und es mangelt ihnen an jeglicher Bedeutung. Zugleich formulieren diese modernen, wissenschaftlichen Schöpfungsberichte die miese These, dass sie es sind und keine anderen, die die einzig gültige Weltauffassung formulieren, welche sowohl die Geistesmenschen als auch andere tagein, tagaus dadurch bestätigt bekommen, dass sie sehen, wie die Welt um uns herum in einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung immer hässlicher, perverser und vermüllter wird. Dadurch, dass wir mit immer größeren Mengen von Daten und Informationen zugeschüttet werden, entfernt sich so der eigentliche Schöpfungsbericht der Menschen immer weiter von uns.

Aber selbst wenn die Entstehungsgeschichte der Menschen dazu vorherbestimmt ist, nicht zugänglich zu sein, damit sie auf allen Ebenen der Naturgeschichte oberflächlich ist und auch bleibt, so müssen wir trotzdem glauben, dass es eine Geschichte unserer Entstehung gibt, die sowohl Menschen als auch Geistesmenschen gemeinsam haben, und dass sie vielleicht eine gute Geschichte ist, weil wir sie niemals zu hören bekommen, damit niemand von uns sie zerstören kann. Das heißt, dass wir nicht anders können als zu glauben, an das Gute zu glauben. Das ist eine Hölle unserer heutigen Zeit. Es ist diese Hölle geistesmenschlicher Problemdimensionen, die im Bewusstsein jedes Geistesmenschen knirscht.

Die Leute sind nicht mehr fähig, auf eine gesunde und muntere Weise zu glauben. Keiner von ihnen ist in seinem Glauben mehr schamhaft und genügsam. Stattdessen glauben die Leute solcherart, dass es sie nach mehr und mehr und nach Konsum verlangt, ganz einfach deshalb, weil das Dasein, in dem wir es schaffen, uns mit Medikamenten, Geldüberweisungen und künstlichen Zusatzmitteln gesund zu halten, grundlegend krank ist. Die Geistesmenschen sind auch nicht mehr wie vorher. Früher hatten die Geistesmenschen einen starken Glauben. In unserer Zeit haben die Geistesmenschen den Glauben durchschaut. Sie sind sich doch immer im Klaren darüber gewesen, dass der Glaube im Verhältnis zu den Mächten in der Welt funktionieren muss. Wir, die neuen Geistesmenschen, sehen deshalb ein, dass das Glauben nicht mehr notwendig ist, wir sehen ein, dass die Glaubensfähigkeit selbst, die früher auf die Heilige Dreifaltigkeit gerichtet war, stattdessen in eine Dreifaltigkeitswelt aus Unterhaltung, Wirtschaft und Narkotismus abgeglitten ist. Das erste Glied, wie eine Art Jesus, besteht aus Fernsehen, Zeitungen, Radio, weil das ganze Showbiz und die Unterhaltung zu unserem wirklichen Glaubensobjekt geworden sind, das zu dem geworden ist, dem die Leute rundherum in der Realität huldigen, eine endlose Menge aus Unfug und Lärm, die von allerlei drogenabhängigen Bekloppten, beknackten Bekloppten und bekloppten Bekloppten herauspsalmodiert wird. Das zweite Glied der Dreifaltigkeit, wie Gott, besteht aus dem Geld, der Technologie und der globalen Weltwirtschaft. Das dritte Glied, das unsichtbare, immanente Glied, wie der Heilige Geist, besteht aus der Droge, und zwar in mannigfaltiger Gestalt, sie gibt der grundlegenden Stimmung der modernen Welt ihren kranken Ton und hat wahre und echte Seelen in Irrenanstalten, Gefängnisse und heruntergekommene Trabantenstädte getrieben. Aber die irren, beknackten, drogenabhängigen, idiotischen Bekloppten, die paradoxerweise die Echtesten von uns allen sind, können sich auch in den therapeutischen Bürolandschaften und Einkaufszentren und Autobahnen verstecken, indem sie Zugang zu Kreditkarten, Medikamenten und den richtigen Zertifikaten haben, in der Welt der Öffnungszeiten leben und im glitzernden Meer der Warenauswahl schwimmen, all das, um ihre religiöse Weltdrogenabhängigkeit zu betäuben. Diese Dreifaltigkeit ist unsere norwegische Wirklichkeit, in der die Jugend aufwächst, und Schule und Medien zwingen sie, dieses ganze Gefasel zu glauben. Es gibt bloß ein paar hundert Menschen in Norwegen, die imstande sind, auf eine natürliche, offenherzige und wenig großmäulige Art zu glauben. Von denen hören wir nie irgendwas. Das sind die zukünftigen Geistesmenschen. Aber die meisten gläubigen Heranwachsenden im heutigen Norwegen glauben auf eine hysterisch geisteskranke, drogenabhängige Weise, von ihnen hören wir immer öfter, und zugleich ist es eben diese Verbrauchsdrogenabhängigkeit, an die sie glauben, ja, um stark genug zu glauben und um die Glaubensfähigkeit zur Wirkung zu bringen, muss die Jugend den Glauben mit der Spritze injiziert bekommen, etwas, das sich verblüffend oft als zutreffend herausstellt, weil es zum großen Teil die sogenannten ehemaligen Drogenabhängigen sind, die auf eine etwas kitschige Weise erlöst werden, und weil sie keine Methoden gefunden haben, die Modernität zu ertragen, können sie sich freiherzig zu ihrem Glauben bekennen.

In den letzten Jahren ist dieses Land von einem Haufen protzender, scheinheiliger, humanistoider Menschen regiert worden, die nicht glauben können, sondern nur sagen, dass sie glauben, dass sie an den »Menschen« glauben, was ein Widerspruch ist, und die deshalb protzend grobe Lügen präsentieren, ohne mit der Wimper zu zucken. Anstatt offen zu ihrer Drogenabhängigkeit zu stehen, haben sie deshalb niemand anderen außer sich selbst, an den sie glauben könnten. Das hat dazu geführt, dass alle lügnerischen Ministerpräsidenten ihre mangelnde oder verdorbene Glaubensfähigkeit gerächt haben, indem sie unser Land zu einer zusammenhängenden, kriminellen, drogenabhängigen Einkaufszentrumswelt gemacht haben. Unsere Ministerpräsidenten sind mit ihrem ganzen angeberischen Glaubensmangel dafür verantwortlich, dass Norwegen zu einer Hölle geworden ist, in der das Dope überall erhältlich ist, in allerlei undenkbaren Gestalten hat sie sich weithin verbreitet, vermittels der Verwirklichung des Unwirklichen ist das Dope unsere einzige Kultur geworden, in Ermangelung aller anderen Kultur ist es alles. Alle unsere Ministerpräsidenten, noch dazu die ein-, drei-, viertausend anderen gefährlichen Gestalten, die über allerlei Organe, in Ministerien, Institutionen und das ganze norwegische Parlament verteilt sind, mache ich kraft ihrer mangelnden Glaubensfähigkeit und ihrer gediegenen Handlungslähmung persönlich dafür verantwortlich, dass wir diese Hölle bekommen haben, die unser modernes Norwegen ausmacht, es sind diese machtlosen Gestalten, die nichts weiter können, als sich mit ihren Fratzen ins Fernsehen, in die Zeitungen zu drängeln, um mit sich selbst zu prahlen, sie, die auf allerlei verborgene und humanistische Weisen sagen, der Mensch sei nicht mehr gut genug, sie glauben, die Leute seien ohne allerlei synthetische, ideologische und kulturelle Organe, Strukturen, Hilfsmittel und Pläne verloren, sie, die jetzt beginnen, ihre völlig neuen Gesetze und Regeln auszugestalten, um den Menschen umzuformen. Die überaus wenigen Menschen, die ihre Natur verstehen und danach streben, reine Natur zu sein, können nicht mehr akzeptiert werden, wohingegen unsere gewählten Volksvertreter – deren Wahl davon bestimmt wird, wie gut sie protzen können –, die staatlichen Institutionen und die Geldmachthaber und alle ihre Supporter es nicht mehr für nötig halten, ihre eigene Natur zu verstehen. Am liebsten weichen sie ihrer Natur aus, denn sie ist dämonisch, wild und roh, ja, alle diese professionellen Menschen fürchten die Natur und ihre Wirkungen und arbeiten gegen sie an, sie wollen bloß ihre Kunstfertigkeit hegen. Diese Nulpen glauben immer noch, dass sie Kultur schaffen, indem sie jede Art von Natur knebeln oder umbilden, und sie versuchen, damit große Töne zu spucken. Aber außer der Natur gibt es nichts, was Kultur erschaffen kann. Ja, diese Maulhelden erkennen noch nicht einmal, dass die Natur ein schaffendes Prinzip, das einzig Lebendige ist, und deshalb haben sie überhaupt keine Möglichkeit, die große, allumfassende Natur, die bislang nur den überaus wenigen Geistesmenschen erschienen ist, in den Blick zu bekommen. Alle diese ignoranten, idiotischen und selbstzufriedenen Gestalten haben von der Natur nicht eine Sache gelernt, Jahr für Jahr saßen sie bloß da, ihre Gesichter in Papiere und auf Bildschirme gedrückt, und haben sich Wissensmengen angeeignet und synthetischen Unfug über die Natur gelernt, um dann damit angeben zu können, diese bleichen, vertrockneten Seelen, die Trost in Kinos und Gesundheitsstudios suchen, haben nicht eine Sache über das Lebendige selbst gelernt, sie verstehen das Lebendige nicht, sie glauben, dass das Lebendige etwas ist, das wimmelt und Krach macht, denn sie haben sich ausschließlich eine Menge wissenschaftlichen, statistischen Stuss über die Natur und die Menschen angelesen, diese Tiraden, die in sich selbst ausschließlich eine pervertierte Form oder eine verkrüppelte Version der Natur und des Lebendigen oder eine andauernde Vermüllung sind, die sich vor ihren Gesichtern aufhäuft. Die Professionellen betrachten die klassische Natur ausschließlich als Ort der Rekreation oder als eine geldökonomische Ressource, aber ihnen ist niemals der Gedanke gekommen, dass die klassische Natur die einzige und wahre Lehrmeisterin des Menschen ist. Unsere Politiker und Intellektuellen, die über alle Maßen versuchen, ihre geheime Furcht, ihr Misstrauen und ihre Unwissenheit über die Natur zu einer Art Kultur zu überhöhen, zeigen damit in jeder Hinsicht, dass sie nicht mehr an den Menschen glauben, sondern an die »Möglichkeiten des Menschen«.

Dass alle echte Kultur von der Natur erschaffen wird und ihre Prägung durch natürliche Bedingungen erhält, das weiß jeder Geistesmensch. Alle Geistesmenschen haben ihre Einsicht aus der Natur erhalten, es ist diese natürliche Einsicht, die sie benutzen, um die moderne Gesellschaft zu verstehen. Die professionellen Menschen hingegen glauben, dass sie mit ihren Plänen und Reglements die einzigen sind, die den Menschen Einsicht geben können. Die Professionellen, die Politiker, Lehrer, Journalisten, begreifen nicht, dass sie, um etwas zu begreifen, es mit Hilfe von etwas anderem begreifen müssen. So erhalten sie ihre ganze perverse und verdorbene Einsicht über die Gesellschaft aus der Gesellschaft selbst, was im Grunde keine Einsichten bietet, sondern, gerade andersherum, ererbte und kopierte Vorstellungen, Vorurteile und lerntechnische Muster, die so, indem sie wiederholt aufeinander aufgestapelt werden, in ständig neuen Verkleidungen hervortreten, welche in jeder neuen Runde, jedem Jahrzehnt, immer richtiger zu wirken scheinen, indem sie als weltmaschinelle Selbstbestätigung hineingleiten. Diese extreme Kulturlosigkeit hat zu einer verdorbenen Glaubensfähigkeit und Handlungslähmung geführt, was über die Jahrzehnte eine Hölle geschaffen hat, in der die Genussmittel der Drogensucht den Ton angeben. Dieser Hölle sind unsere Heranwachsenden ausgeliefert. In dieser Hölle soll sich die heutige Jugend am Glauben ausprobieren, wozu sie verpflichtet ist, denn das Glauben ist das Wesen und Sein der Jugend selbst. Der Glaube ist ein Naturphänomen, welches mit dem Menschenkörper verbunden ist, denn der Glaube ist die blinde Hoffnung, dass das Leben weitergehen und sich bis in alle Ewigkeit instinktiv entwickeln wird, und diese Hoffnung ist das Dasein der Jugend selbst, denn es selbst besteht aus Glauben. Ja, die Heranwachsenden sind zum Glauben gezwungen, und damit sind sie auch dazu gezwungen, etwas zu haben, an das sie glauben, denn das Objekt des Glaubens verschmilzt immer mit der Glaubensfähigkeit. Darin liegt das Glaubensmysterium, an diesem Punkt überschreitet der Glauben den Verstand des Menschen, denn Verstand und Glauben hängen voneinander ab wie Feuer und Wasser, und in dieser Hölle eines Mysteriums leben die heutigen Heranwachsenden und werden darin groß. In unserer heutigen Zeit jedoch ist diese Glaubensfähigkeit also verzerrt worden. Die Glaubensobjekte erblicken sich sozusagen selbst im Spiegel. In unserer heutigen Zeit besteht das Objekt des Glaubens aus höllischen Spiegelbildern. Den Heranwachsenden, die von Natur aus einfach glauben müssen, wird von abhängig machenden Geldvorbildern beigebracht, dass sie an sie glauben müssen, damit sie besser an ihre Vorbilder glauben können. Tief in diese Lüge eingeduckelt, glauben, leben und atmen unsere Heranwachsenden. Sie werden gezwungen, an sich selbst zu glauben, was im Grunde nicht möglich ist, an sich selbst zu glauben ist eine Perversion des Glaubens, denn in gewissem Grade ist an sich selbst zu glauben eher das Gegenteil des Glaubens, an sich selbst zu glauben, ist eine indirekte Selbstauslöschung, derzufolge der Glaube dem Menschen gegeben worden ist, damit er das erkennen kann, was es nicht gibt, sondern das, was im Unmöglichen möglich ist. Deshalb ist dieser Glaube an sich selbst nichts anderes als eine Bestätigung dafür, dass man eigentlich nicht existiert, die Heranwachsenden von heute gibt es als gläubige, lebendige Wesen, und als solche, nicht; heutzutage jung zu sein, ist sozusagen eine Fiktion, und die heutige Jugend lebt doch in dieser drogenabhängigen Fiktionswelt, für die ich unsere Politiker kraft ihrer perversen Handlungslähmung und ihres fatalen Glaubensmangels gegenüber der Natur und der Jugend sowie gegenüber der Identität der Norweger persönlich verantwortlich mache, der Identität, die heute etwas Beliebiges ist, eine Identität aus allem Möglichen, das Chaos ist. Sich im Chaos zu befinden, heißt heute, jung zu sein. Denn um in dieser norwegischen Hölle überhaupt zum Glauben fähig zu sein, müssen diese armen norwegischen Jugendlichen drogenabhängig sein. Drogenabhängig zu sein, ist unter solchen Umständen die einzig richtige Glaubensform. Oder sie können die norwegische, globale Hölle gerade so noch ertragen, indem sie sich der Rock’n’Roll-Drogenabhängigkeit und dem Kartoffelchipsmampfen hingeben, nur, um eine Art billigen Vorwand für die Behauptung zu bekommen, sie seien gläubig. Aber weil diese Unterhaltung ja im Grunde selbst drogenabhängig ist, weil sie von protzenden Drogensüchtigen in Gang gesetzt, hauptsächlich von protzenden, drogenabhängigen Finanzbekloppten gesteuert wird und ein elektrisches, manisches, lärmendes, chronisches Inferno ist, das die Heranwachsenden in Trance, in die tiefste, masochistische Abhängigkeit zu versetzen hat, ja, unsere ganze Kultur ist das Ergebnis und die Variation einer protzenden, drogenabhängigen Kultur, werden die Anbetung, das Diggen dieser Kultur zu einer Art drogenabhängigen Glaubensform. Die drogenabhängige Glaubensform ist also identisch mit unserer extrem starrsinnigen Jugendkultur. Das ist eine Jugendkultur, die sich überall ausbreitet, in den Medien, in den Straßen, sogar draußen im Wald und in der Tiefe, den tieferen Schichten des Volkes, und dieser weltmaschinellen Jugendkultur humpeln sogar die Alten hinterher, während sie nörgeln, brüllen und heulen, und so enden wir alle wie der Alte, der in einer einzigen widersinnigen Raserei humpelt und quengelt, humpelt und quengelt. So ist der Glaube selbst pervertiert, krank, ja, er ist neo-drogensüchtig. Die, die wissen, dass sie glauben, sind zu Bekloppten geworden, wohingegen der Rest, alle Heranwachsenden, die nicht verstehen, dass der Glaube und die Glaubensfähigkeit sie verfolgen, denen fällt ja sowieso! nichts anderes ein, als an die Neue Drogenabhängigkeit zu glauben. Die Neue Drogenabhängigkeit ist der Himmel und die Hölle der Heranwachsenden. Die Neue Drogenabhängigkeit ist heutzutage das, was Gott oder die Natur für die Menschen früherer Zeiten waren, sie ist selbst sowohl Glaube als auch Glaubensobjekt in einem, woran die Heranwachsenden entweder glauben oder nicht, und in Gegenwart der Neuen Droge lernen die Heranwachsenden, ihre Fähigkeit des Zweifels einzuüben. Es ist in erster Linie die Neue Droge, die die Jugend dazu bringt, die oft unbegreiflichen, im Grunde aber lächerlichen Probleme, die es im modernen, synthetischen Leben gibt, ernst zu nehmen. Schlussendlich müssen sich die Heranwachsenden an nichts anderes halten als an die Neue Drogensucht, in Trost und Zweifel ist sie ihnen eine Stütze.

Dies sind die »geistesmenschlichen Problemausdehnungen«, durch die sich jeder Geistesmensch knurpsen muss. Indem man sich selbst auf eine gewissenhafte Weise anhand dieser Dinge reflektiert, kann man den Geistesmenschenzustand in seinem Gefühlsleben schneller pulsieren spüren, als man ahnt. Ja, wie oben schon erwähnt, nur durch das Wiederholen dieses Wortlauts kann die Geistesmenschenvorstellung mit einem Mal aufsprudeln und die Adern durchströmen wie ein geheimer Stoff. Aber diese oben erwähnten, manifestatorischen Ergüsse sind vollkommen unlesbar, wenn man nicht von vornherein weiß, was ein Geistesmensch ist. Dies trägt dazu bei, die Geistesmenschen in einer unzerstörbaren Brüderschaft miteinander zu verbinden.

Es waren solche Gedanken, die sich zunächst in mein an Das Königliche Norwegische Kulturministerium adressiertes Gutachten hineinschlichen, und eine solche Haltung musste im Treffen mit der Kulturministerin natürlich zum Ausdruck kommen, was unumgänglich zu einem Skandal führte. Denn diese Reflexionen betrachtete ich als Prämisse dafür, all den Problemen, auf die ein moderner Mensch stößt, wenn er versucht, den tiefen moralischen Wert zu begreifen, der in den Gegenständen, Gebäuden und Komplexen, die unter der Bezeichnung Die Norwegischen Kulturdenkmäler firmieren, wirklich eingelagert ist, eine geistesmenschliche Perspektive zu geben. Aber als es in meinen Notizen allmählich vor moralischen Abscheulichkeiten zu wimmeln begann, wurde es immer drängender, in einem solchen Gutachten meine eigene Person zu erläutern, sodass ich, wenn das Gutachten einen Sinn bekommen sollte, sozusagen mein eigenes Leben als eine methodische Annäherung an die moralischen und gesellschaftskritischen Probleme einbringen musste.

Aber durch den Versuch, solche Gedanken zu beschreiben, musste ich schließlich akzeptieren, dass meine Herkunft in der Sprache, in der Geschichte lag. Es war bezeichnend, dass die Antwort so lange nicht ausgeformt worden war, und als ich in der Vorarbeit für das Gutachten erstmals versuchte, sie zu formulieren, nur, um es zu versuchen, verwendete ich diese Formulierung: »Von meinen Vorfahren, mitsamt ihrer Verwandtschaft, die in meiner Mutter und meinem Vater Form annimmt, die mich zur Welt gebracht haben, und weil es mich ohne sie nicht gegeben hätte, und von ihren Vorfahren, sodass im Grunde genommen ich die Geschichte meiner Vorfahren bin.«

Dann versuchte ich, die Perspektive zu weiten: »Aus dem Dorf, in dem ich aufwuchs, dessen Äcker, Gewässer und tiefe Wälder mich tatsächlich ernährt, geformt und mich an den Gütern der Natur haben teilnehmen lassen, sodass ich als Letzter auf eine natürliche Weise von dem gegessen und getrunken habe, das in dieser Landschaft herangediehen ist, und dadurch auf natürliche Weise zu einem ausgewachsenen Mann geworden bin.«

Aber dies waren simple Gedanken. Und aus irgendeinem Grund blieben diese Äußerungen unangetastet in meinem Gutachten stehen. Diese altmodischen Äußerungen hatten irgendwas. Entfernte ich sie, so würde das ganze Gutachten zusammenbrechen. Doch ich kommentierte sie nicht, stattdessen versuchte ich, sie zu isolieren. Selbstverständlich wurde das Gutachten in besonderer Weise von diesen Äußerungen geprägt, sie wurden die schwarzen Löcher des Gutachtens, mit ihrer unsichtbaren Gravitationskraft schafften sie es, Meinungen und Ansichten zu verzerren, so, wie ein Schimpfwort ein ganzes Gedicht ruinieren kann.

Ich verstand, dass es sich nicht so leicht sagen ließ, dass ich aus der Sprache kam. Aber weil ich mich nicht traute, diese Äußerungen ernst zu nehmen, irgendwie stanken sie zu sehr, musste ich in dieser Menge an seltsamen und erbärmlichen, von bahnbrechenden Ereignissen beeinflussten Lebensentscheidungen plötzlich den Anfang machen. Das sollte mich nun zu der Einsicht bringen, dass ich in Wirklichkeit aus der Sprache selbst kam, das heißt, aus einer geschlossenen, verführerischen und ewig lärmenden Welt mit Gerüchten, Informationen und verfälschten Nachrufen. Das Einzige, was ich feststellen konnte, bestand darin, dass meine Herkunft variabel und mehrdeutig war. Ich dachte an alle diese blinden Entscheidungen und mystischen Fehltritte, die mich alles in allem in eine tollpatschige und ausweglose Lebenssituation geführt hatten, in der ich, paradox genug, nichts anderes sein konnte als ein »Geistesmensch«.

Viele glauben, dass die Geistesmenschen die ganze Zeit versuchen, bessere Menschen zu werden. Der eine oder andere mag vielleicht meinen, dies sei doch das Mindeste, was man von Geistesmenschen verlangen könne, ja, dies sei doch die geringste Pflicht eines Geistesmenschen. Aber das ist falsch. Nicht, weil ich keine »Lust« darauf habe oder weil ich meine, das Streben danach, ein besserer Mensch zu werden, sei anständig, nein, im Gegenteil, weil ich muss, ich muss unbedingt ein »guter« Mensch werden, denn hätte es nur an mir gelegen, so hätte ich schon lang drauf geschissen. Aber wenn ich es nicht schaffe, ein besserer Mensch zu werden, dann werde ich bis in alle Ewigkeit in der Hölle brennen. So einfach ist das. Ja. Was diese Furcht, in der Hölle zu brennen, noch zusätzlich steigert, und was mich dazu gezwungen hat, ein besserer Mensch werden zu wollen, ist der Gedanke daran, dass ich als nicht-guter Mensch zu einer fortschreitenden Verschlimmerung der Eigenschaften des Menschen beitrage, indem ich die Welt durch Weinen trauriger mache. Zu Lebzeiten ein besserer Mensch zu werden, wenn das Blut durch den Körper rast, ist nahezu unmöglich. Das ist, als würde man sich ins Ohr beißen, als wollte man nicht das hören, was man selbst sagt. Aber auch aus einem ganz anderen Grund ist es vollkommen unmöglich, ein besserer Mensch zu werden, dachte ich, denn wenn ich anfange zu denken, ich sei ein guter Mensch, würde ich ja ziemlich schnell ein schlechterer Mensch werden. Mit so was beschäftigte ich mich und glaubte noch immer, dass ich ein schlechterer Mensch würde, oder ein besserer.

Wenn man, wie oben schon erwähnt, deshalb anfängt, über die geistesmenschlichen Problemausdehnungen zu reflektieren, ist es schon zu spät. Als Geistesmensch wird man in eine obdachlose Seele verwandelt, sogar der seltenste Geistesmenschenwille kann einen nicht davon abhalten, rastlos zufälligen, schmutzigen Geistesmenscheninjektionen hinterherzujagen, die einem nichts geben außer billigen, aber hitzigen Geistesmenschentrunkenheiten, in denen sich der innere Dämon des Geistesmenschenzustandes in wiederholenden und sinnlosen Wirbeln offenbart. Sobald die Geistesmenschen den Geistesmenschenzustand vor sich sehen, ist er bloß ein Zeichen dafür, dass er nicht mehr existiert, ja, das ist ein kaltes, gnadenloses Zeichen dafür, dass sich der betreffende Geistesmensch nun dem Ende nähert.

Dieser seltsame Wunsch, ein Geistesmensch zu werden, scheint deshalb dem Wesen der Natur zuwiderzulaufen. Eher gehört das Geistesmenschenphänomen seiner eigenen, wunderlichen Welt an, einer geisterhaften, fiktiven, synthetischen Naturwelt. Dies kann die erstaunliche, aber traurige Folge haben, dass sich ein Mensch, der Klarheit und Treue in Bezug auf sein Gewissen und der inneren Würde anderer Menschen anstrebt, selbst widersprechen muss, dass ein solcher Mensch, der genügsam ist, sein Wort hält und Willensstärke besitzt, der nicht zu laut und zu viel spricht, sondern anderen gegenüber sowohl in Gesprächen als auch in seiner Reflexion großzügig ist, der spendabel ist, Gefühle für die Schwachen hegt, für Gerechtigkeit kämpft, niemals lügt, niemals trickst, und der dem Genuss, wenn er vor ihm steht, greifbar ist, lieber entsagt, weil der Betreffende weiß, dass die Freuden des Lebens nur dann möglich sind, wenn sie als Geschenke erscheinen, dass ein Mensch, der sich nicht verstellen will, nichts anderes und Besseres sein will als das, was er ist, der Dinge und die Meinungen und Eigenschaften anderer Menschen nicht verdreht und verfälscht, ja, dass ein solcher Mensch, der weiß, wie Banalitäten und Zuständen des Leerlaufs zu entgehen ist, der es über lange Zeit hinweg schafft, nicht schlecht über andere zu reden, denn wenn er es tut, fühlt sich das so an, als würde er von innen aufgezehrt, dass ein solcher Mensch die ganze Zeit dazu verdammt ist, sich in bester Absicht ständig selbst zu widersprechen, auch dann, wenn er nichts sagt und versucht, die Schnüss zu halten, dann, wenn er den ganzen Tag lang untätig auf dem Küchenfußboden herumsteht und durch ein Fenster vor sich hinstarrt.

Natürlich suche ich ständig nach einer neuen Möglichkeit, zu entwischen. Vollkommen ruhig dazustehen, erregt bei den Vorgesetzen einen seltsamen Mix aus Trägheit und Nervosität. Aber sie, die Inspektoren in dieser weltmaschinellen Institution, wissen das, sie wissen, dass solchen wie mir nicht zu trauen ist, und deshalb lassen sie mich so stehen, vielleicht haben sie schon verstanden, dass ich da an was dran bin, dass ich »spreche« oder »schreibe«, weil es mir gestattet ist, untätig in Ruhe dazustehen. Vielleicht wissen sie ja eben, dass alles, was ich »sage«, kleine Teile einer Strategiekonstruktion sind, die darauf hinausläuft, dass ich »entwische« oder aus ihren Datensystemen »gelöscht« werde.

Aber diese Seelen in der weltmaschinellen Institution, von der ich jetzt ein »intimer« Teil bin, werden niemals verstehen, wann und wie ich verschwinde. Sie lassen mich in Ruhe über meine geistesmenschlichen Problemausdehnungen losplappern.

Aber deshalb, indem ich Tag für Tag so dastehe, will ich immer verbissener weitermachen, weitermachen wie vorher, und das gestimmte, eintönige Geräusch der Geistesmenschenerzählungen in die dunkle »Küche« übergehen und sich über alles hier drin breiten lassen, vielleicht unzugänglich, zugänglich nur für die äußerst wenigen, diese Geschichte, die mir jetzt langsam dämmert, je ungerührter ich dastehe. Denn jeden Tag still am selben Ort dazustehen und mit geschlossenen Augen vor mich hin zu schauen, das ist meine Art des Erzählens. Darauf läuft es hinaus. Ja, dies ist die einzige Weise, auf die ich erzählen kann. Auch wenn das zunächst viel zu vorhersehbar, theatralisch und hochtrabend erscheinen mag. Aber wartet nur!, denke ich. Diese Art des vollkommen stillen, unbeweglichen, stummen Dastehens ist eine völlig neue Methode, der Welt vom Wesen der Dinge zu erzählen. Erzählen zu können, ist ja der Grund, weshalb ich hier stehe. Doch jeden Tag muss ich den gleichen Kampf gegen die Sinnlosigkeit kämpfen, denn weshalb sollte ich, Tomas Olsen Myrbråten, meine Geschichte erzählen, ganz gleich, ob sie aus der Natur oder der Sprache stammt, wenn nahezu alle in unserer selbstbezogenen und gierigen Zeit sich ausdrücken müssen, koste es, was es wolle? Weshalb sollte ich allen diesen beknackten, kranken, gemeinen Leuten gleichgestellt werden, die nichts anderes wollen, als ihre Gesichter herzuzeigen, als sich irgendwie ausdrücken zu dürfen, egal wie, Hauptsache, es passiert, ja, weshalb sollte denn ausgerechnet ich jetzt dasselbe tun? Aber ist das Sich-selbst-Ausdrücken nicht ein grundlegender Charakterzug des Menschen? Sind denn nicht alle menschlichen Aktivitäten etwas anderes als endlose Varianten, sich auszudrücken? Sich auszudrücken, ist das denn kein Zeichen eines echten Menschen? Ja, werden die allermeisten antworten. Aber das ist ein Irrweg, gegründet auf der Tatsache, dass moderne Menschen überhaupt keine Einsicht in die Natur haben. Stattdessen hat die neue technologische Weltnatur enorme Einsicht in die Menschen, was die Menschen hochmütig macht. Moderne Menschen glauben, dass die technologischen Sprachformerscheinungen sie besser und glücklicher machen und dass die avancierteste und tiefste Form der Sprachformerscheinungen in der modernen, technologischen Zivilisation liegt, mitten unter den Menschen, die darin leben. Aber was den echten Menschen charakterisiert, ist die Unabhängigkeit, die nur durch die Enthaltsamkeit erreicht werden kann, welche unbegreiflich erscheinen muss, es ist diese Gewissheit darüber, dass der Mensch selbst es eigentlich nicht nötig hat, sich auszudrücken, es ist nicht notwendig, dafür einzustehen, dass das Leben weitergehen soll, weil das Leben durch uns hindurch selbst spricht, das Leben geht sowieso von alleine, als Natur, weiter, und erst, wenn der Mensch nicht weiß, dass er spricht, tönt eine merkwürdige Echtheit hervor, denn dann, in diesen immer selteneren Augenblicken, wird er schlussendlich eine Art Gott sein, der direkt im Menschen spricht, mit einer Rede, in der der Mensch vormals ohne irgendein Wenn und Aber lebte und atmete. Indem ich still dastehe, kann ich es ohne Gefahr von Missverständnissen schaffen, zu erzählen.

Ich halte die Tür immer unverschlossen, sodass der Mann von der »Kommune« eintreten kann, ohne dass ich gestört werde. Er weiß, dass ich, wie gesagt, untätig dastehe. Immer wenn er kommt, stehe ich da und blicke zum Fenster. Wenn er geht, kommt es vor, dass ich zum Fenster gehe. Aber wenn ich eben zum Fenster muss, um hinauszublicken, schaue ich auf den Mann, der gerade die Tür geöffnet hat. Ständig dreht er sich um und schaut mich an, ja, all das hat eine Gesetzesmäßigkeit, es ist, als verstünde er instinktiv, dass ich ein Geistesmensch bin.

Aber wenn er nur wüsste. Wenn er nur von diesen Aufzeichnungen wüsste und wie ich sie mache, sie, die doch als Schleimspuren eines einsamkeitsgeplagten Geistesmenschen zu betrachten sind, der eine kurze, hektische Periode lang diese idiotische Vorstellung bekam, dass er, indem ihm der Auftrag als Verfasser eines an das Kulturministerium gerichteten Gutachtens über die norwegischen Kulturdenkmäler zugewiesen wurde, ein Gesellschaftsgeistesmensch sei, was mich dazu brachte, Bestätigung zu suchen, billige, hoffnungslose und erbärmliche Bestätigungen darüber, was ein Geistesmensch war, und dadurch zu erfahren, dass ich ein Geistesmensch war. In der ersten Zeit, als ich die theoretischen Auseinandersetzungen über die Kulturdenkmalsproblematik durchführte, die ich allen, die ich traf, ausmalte, kam es vor, dass ich Menschen, die ich damals, als aufstrebender Gesellschaftsgeistesmensch, als Geistesmenschen betrachtete, fragte, was sie vom Geistesmenschen sowohl als Idee als auch als reale, menschliche Daseinsweise hielten. Sie schauten mich nur komisch an, ehe sie laut lachten, sie meinten, dieser Geistesmenschenbegriff sei irgendein ekelhafter, idiotischer, pervertierter Unfug, ja, das sei Geistesmenschennonsens, bekam ich zu hören, und ich erhielt die klare Botschaft, dass sogar das Leben als Geistesmensch sinnlos sei. Diese Geistesmenschen enttäuschten mich. Es muss wirklich eine dramatische Zeit sein, in der wir leben, dachte ich, wenn sogar die Geistesmenschen den Geistesmenschen verachten.