Als moderne Nomadin um die Welt - Kerstin Leitner - ebook

Als moderne Nomadin um die Welt ebook

Kerstin Leitner

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Opis

Dreißig Jahre arbeitete Kerstin Leitner bei den Vereinten Nationen. Nachdem 1973 die beiden deutschen Staaten der Weltorganisation beigetreten waren, gehörte sie zu den Ersten, die in den Dienst der internationalen Organisation rekrutiert wurde. Ihre Karriere bei den Vereinten Nationen brachte sie weit über die mittlere Führungsebene hinaus – damals keine Selbstverständlichkeit für Frauen. Im Laufe ihrer Tätigkeit bei der UNDP und der WHO bereiste Kerstin Leitner über 120 Länder. Längere Zeit lebte und arbeitete sie für die Vereinten Nationen in China, Benin, Malawi, New York und Genf. Ihre Erinnerungen aus ihrer langjährigen Tätigkeit bei den Vereinten Nationen umspannen einen Teil des Kalten Krieges und die Zeit nach 1989, als nur eine Supermacht erhalten blieb und die Marktwirtschaft sich global durchsetzte.

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Kerstin Leitner

Als moderne Nomadin um die Welt

Mein Leben bei den Vereinten Nationen

 

 

Zum Titel: Der Begriff »Nomade« hat für viele Menschen sehr unterschiedliche Eigenschaften. Für mich bedeutet Nomade zu sein, weltoffen, der eigenen Tradition verpflichtet, neugierig, mobil und nur den Himmel am Horizont als Grenze akzeptierend.

 

 

 

 

 

 

 

 

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

 

Umschlaggestaltung: Chris Langohr Design

E-Book-Konvertierung: Daniel Förster, Belgern

 

ISBN (E-Book) 978-3-451-80867-8

ISBN (Buch) 978-3-451-37582-8

Inhalt

Einführung: Entwicklungspolitische Zusammenarbeit – überflüssig oder unabdingbar?
Was ist entwicklungspolitische Zusammenarbeit?
Ist Entwicklungspolitik gut oder schlecht?
Die Grundlagen entwicklungspolitischer Zusammenarbeit
Wegbereiter der Globalisierung
Finanzquellen für Entwicklungszusammenarbeit
Der spezifische Charakter des VN-Entwicklungssystems
Entwicklungspolitik nach 1989
Entwicklung denken und leben
Zur Gliederung des nachfolgenden Textes
I Wirkungsorte einer VN Nomadin
Der Anfang einer dreißigjährigen Reise: Cotonou (1975–1979)
Stolz, für die VN zu arbeiten
Afrikanisches Leben: Tradition und Moderne – eine zerbrechliche Kombination
Mein Arbeitsplatz und mein Arbeitsgebiet
Tod in der Familie
Ein neo-kolonialer Albtraum – Bob Denards Söldnerattacke
Stillschweigen über Zwangsarbeit
Bei UNDP bleiben oder nach Deutschland zurückkehren?
Cotonou verlassen – und auch Afrika
Entwicklung mit chinesischer Prägung – Beijing (1980–1983)
Erste Einblicke in den Lebensstil Chinas
Meine Arbeit und mein Arbeitsumfeld
Die vier Modernisierungen – UNDPs programmatischer Rahmen
Brokkoli und andere durchschlagende Neuerungen
Wandel und Veränderung schaffen
Auswahl und Gestaltung von Projekten
Die Relevanz unseres Programms über UNDP und China hinaus
Nach Tibet und Qinghai – auf das Dach der Welt
Xinjiang – der zentralasiatische Westen Chinas
Xian – die alte chinesische Hauptstadt
Soziale Kontakte mit chinesischen Freunden und Arbeitskollegen
Der Nabel der Welt: New York (1983–1987)
Das Leben in New York
Mein Arbeitsumfeld
Die arabische Welt – eine vernachlässigte Region
Eine Erneuerung der UNDP-Programme in der arabischen Welt
Ein herzerwärmendes Erlebnis
Postenwechsel
Chinesische und arabische Kultur – Ähnlichkeiten und Unterschiede
Ein Sturm des Wandels erfasst UNDP
Ich stolpere die Karriereleiter hoch
Eine Frau als Chefin – Lilongwe (1987–1990)
Vieles muss korrigiert werden
Die Flut der Flüchtlinge stemmen
Mein erstes Treffen mit dem Präsidenten: Life President Dr. H. Kamuzu Banda
Diplomatische Komplikationen und andere Schwierigkeiten
Erste Erfolgserlebnisse
Weitere Erfolge – Beeinflussung anderer nationaler Entscheidungen
Einfluss auf soziale Politik
Komplizierte entwicklungspolitische Herausforderungen
Ein friedliches Land, aber zwiespältig und widersprüchlich
Abschied von Malawi
Die Welt und UNDP verändern sich: New York (1991–1998)
Meine neue Aufgabe und mein Arbeitsumfeld
Förderung einer angemessenen Automatisierung
Automatisierung und die Modernisierung UNDPs
Netzwerke statt Hierarchie: Die Revolution beginnt
Ein neues organisatorisches Paradigma entsteht
Die Durchsetzung einer neuen Managementkultur
Alles wird komplizierter
Wechsel an der Spitze der Organisation
Ich übernehme zusätzliche Aufgaben
Schaffung einer »Win-Win-Win-Situation«
Bekämpfung von Inkompetenz und Korruption
Verhandlungen über den Umzug von VN Organisationen nach Bonn
New York in den frühen 90er Jahren – Zeit, Abschied zu nehmen
Zurück in China, dem Motor der Weltwirtschaft: Beijing (1998–2003)
Erstellen von neuen Programm-Prioritäten
Das VN-Resident Coordinator System in China
Die Erneuerung UNDPs in China
Erster Schritt: Wachstum des Programms
Die Steigerung der Effektivität des UNDP-Programms
CCA/UNDAF werden Wirklichkeit
HIV/AIDS und SARS – das Versagen des öffentlichen Gesundheitswesens
SARS – Eine unbekannte, hoch ansteckende Krankheit
Entwicklung des Rechtsstaates – eine neue Dimension für das UNDP-Programm
Den Schutz der Menschenrechte stärken – Toleranz gegenüber Andersdenkenden: der Fall Falun Gong
Den Schutz der Menschenrechte stärken – Gleichstellung der Frau
Menschenrechte schützen – die Not der nordkoreanischen Flüchtlinge
Regionale Kooperation zwischen China und seinen Nachbarn
Soziale und wirtschaftliche Entwicklung für Tibeter – ein erneuter Versuch
Xinjiang – ein soziales und kulturelles Pulverfass
Good Governance – ein übergeordnetes Anliegen UNDPs
Korruption – ein wachsendes Problem
Allgemeine und freie Wahlen auf der Dorfebene
Zeit, sich zu verabschieden
Blick zurück und nach vorn
Traurig, Abschied zu nehmen
WHO – Handeln auf globaler Ebene: Genf (2003–2005)
Umstrukturierungen – wieder einmal
Menschliche Gesundheit schützen – Kontrolle von umweltbedingten Einflüssen und Faktoren
Wirtschaftspolitik und Gesundheitswesen
WHO als geeinte arbeitsteilige Organisation
Die MDGs als richtungsweisende Agenda für die Gesundheit
Lebensmittelsicherheit – ein zunehmend wichtiger Aspekt in der WHO
Zum Schluss – ein fulminanter Endspurt
Leben nach den VN: Berlin (2005 bis heute)
II Postskriptum: War es das alles wert?
Beruf und Familie
Was motivierte mich, für die VN zu arbeiten?
Was hielt mich bei den VN?
Erfolge und Fehlschläge
Die entwicklungspolitische Arbeit der VN – klein und einzigartig
Die Zukunft der Entwicklungspolitik
Entwicklungspolitische Zusammenarbeit und internationale Stabilität
Entwicklungspolitik und das Zusammenspiel mit anderen Akteuren
Weitergabe des Stabes
Anhänge
Abkürzungen
Danksagung
Über die Autorin
Bildteil

Einführung: Entwicklungspolitische Zusammenarbeit – überflüssig oder unabdingbar?

Ich habe diese Memoiren auf Anregung meiner jüngeren Kolleginnen und Kollegen und später meiner Studentinnen und Studenten geschrieben. Sie alle wollten immer über die Erfahrungen meiner dreißigjährigen Arbeit mit und für die Vereinten Nationen lesen können und nicht nur mündlich davon hören. Oft wussten junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Beginn ihrer Tätigkeit sehr wenig über die entwicklungspolitische Arbeit der Vereinten Nationen. Ähnliches galt für die Studentinnen und Studenten der Politologie in Berlin und Potsdam. Die Vereinten Nationen waren für sie der Weltsicherheitsrat und die VN-Friedenstruppen. Alles andere war für sie verborgen im Nebel einer undurchsichtigen Bürokratie.

Besonders Kolleginnen und Studentinnen wollten wissen, wie man einen »internationalen Arbeitsplatz« mit Familie und Freundschaften in Einklang bringen kann. Ich werde mich zwar in diesen Memoiren auf die professionellen Aspekte konzentrieren, möchte aber vorab doch sagen, dass es Momente der Einsamkeit und Entfremdung, des Selbstzweifels und der Verunsicherung gegeben hat, aber wahrscheinlich kamen diese Momente nicht häufiger vor oder dauerten nicht länger als in einem konventionelleren Leben, das ich in Deutschland geführt hätte. Sicherlich wäre mein Leben in meinem Heimatland jedoch weniger aufregend und befriedigend gewesen als das Leben, das ich 30 Jahre lang auf 4 Kontinenten leben durfte.

Mit diesem Buch möchte ich deshalb junge Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen, eine internationale Tätigkeit aufzunehmen, unbedingt ermutigen, dies ohne Zögern umzusetzen. Für eine internationale Organisation zu arbeiten, stellt besondere Ansprüche und Herausforderungen dar. Ich hoffe, ich kann diese anschaulich schildern. Viele machen Ferienreisen nach Afrika, China, Genf oder New York. Meine Leser werden sehen, dass die Arbeit dort kein Ferienaufenthalt war oder ist. Lange Arbeitstage, außergewöhnliche Managementaufgaben, tropische Krankheiten, bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen machten jeden Tag zu einer besonderen Erfahrung. Aber es gab nicht nur schwierige Arbeit, sondern viele Pluspunkte: das Zusammentreffen mit wunderbaren Menschen aus aller Herren Länder, die Auseinandersetzung mit anderen sozialen und kulturellen Gewohnheiten und Traditionen, viele Gemeinsamkeiten trotz großer Unterschiede und die häufigen Rückmeldungen, dass unsere Arbeit für viele eine Verbesserung ihrer Lebensumstände brachte.

Bevor ich nun meine beruflichen Erfahrungen wiedergebe, möchte ich ein paar Worte zur Bedeutung der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit sagen, so wie ich sie gesehen habe und immer noch sehe.

Was ist entwicklungspolitische Zusammenarbeit?

Viele Menschen in OECD-Ländern betrachten entwicklungspolitische Zusammenarbeit, so sie denn etwas darüber wissen, als eine Verschwendung von menschlichen und finanziellen Ressourcen. Im Gegensatz dazu gibt es viele Menschen in Entwicklungsländern, die in bitterer Armut leben und aus verschiedenen Gründen keine Chancen bekommen, ihre Lebensumstände zu verbessern oder überhaupt Zukunftspläne für sich und ihre Kinder zu verwirklichen. Diese Menschen sind dankbar für die Hilfe und Unterstützung, die sie über entwicklungspolitische Projekte und Programme erfahren. Dabei genießen die VN-Programme eine besondere Wertschätzung. Denn die VN sind vertrauenswürdig, da die Regierungen in den Gremien mitreden können und die Mitarbeiter vor Ort an strikte Neutralität gebunden sind. Auch sind die Geldmittel der VN-Organisationen meistens so begrenzt, dass sie keine wirkliche Konkurrenz für die Mächtigen in einem Land darstellen. Trotzdem sind Politiker oder Verwaltungsbeamte in diesen Ländern manchmal nicht sehr empfänglich für diese Form der internationalen Zusammenarbeit, die sie als Einmischung in die inneren Angelegenheiten ihres Landes verstehen – vor allem dann, wenn die internationalen Partner persönliche Integrität, Offenlegung von Entscheidungen und die Beachtung von Menschenrechten fordern. Einen deutlichen Kurs im Sinne des Geistes und der Paragraphen der VN-Charta einzuschlagen und sich von den eben genannten Ansichten nicht von diesem Kurs abbringen zu lassen, ist eine permanente Herausforderung. So muss man als VN-Mitarbeiter ständig eine kritische Distanz wahren zu spezifischen wirtschaftlichen und politischen Interessen in den Einwicklungsländern. Gleichzeitig muss man aber auch vermeiden, arrogant und besserwisserisch zu erscheinen. Professionelle Glaubwürdigkeit gewinnt man, indem man auf Anfragen und Anregungen eingeht, aber dabei seinen kritischen Blick nicht verbirgt.

Entwicklungspolitische Zusammenarbeit ist ein schwieriges Geschäft. Per Definition stellt sie den Status quo in Frage. Dabei muss die Zusammenarbeit in der nationalen Gesellschaft und Politik verankert sein, und zwar sowohl im Empfänger- wie im Geberland. Im Falle der VN muss die Arbeit auf der Basis der VN-Charta stattfinden, dem internationalen Frieden, dem Schutz der Menschenrechte und der Verbesserung des Lebensstandards aller dienen. Nationale Partikularinteressen sind im Rahmen der Arbeit der VN immer nachrangig, auch wenn der Respekt für nationale Souveränität prinzipiell gewahrt bleiben muss. Hier ergibt sich ein Spannungsverhältnis in der täglichen Arbeit, auf das ich noch öfter eingehen werde. Entwicklungspolitische Zusammenarbeit zielt immer, ob national oder international finanziert und durchgeführt, darauf ab, einen nachhaltigen Prozess des Wandels und der Veränderung von Strukturen und Arbeitsweisen im Gastland in Gang zu setzen. Die finanziellen Ressourcen der Entwicklungspolitik, insbesondere die Mittel der VN-Organisationen, sind für eine allgemeine Verbesserung des Lebensstandards zu knapp, deshalb wird der Focus der Zusammenarbeit darauf gelenkt, dass der Entwicklungsprozess für alle Interessierten offen und unabhängig gestaltet ist, ohne Betrachtung von Geschlecht, Rasse und religiöser Zugehörigkeit.

Entwicklungszusammenarbeit ist ein ständiger Lernprozess für alle Beteiligten. Der institutionelle Beginn lag in der Entkolonialisierung. Regierungen und Verwaltungen in neuen, unabhängig gewordenen Staaten sollte durch internationale Experten und internationale Finanzhilfe auf ihrem Weg zu funktionierenden Nationalstaaten geholfen werden. Diese Staaten sollten in die Lage versetzt werden, von Regierungen geführt zu werden, die sich um das Wohl ihrer Bevölkerung bemühen und in der internationalen Gemeinschaft auf politischer und wirtschaftlicher Augenhöhe mit anderen Staaten und Partnern agieren.

Entwicklungspolitische Zusammenarbeit ist deshalb eine Kombination von altruistischem Wohlwollen einerseits und der Durchsetzung wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen andererseits. Ein immer feiner gewobenes Geflecht von Verfahrungsweisen soll dabei helfen, dass gleiche und gemeinsame Standards von allen, die im entwicklungspolitischen Bereich tätig sind, angewandt werden.

Ist Entwicklungspolitik gut oder schlecht?

Zweifel am Sinn und der Effektivität tauchen immer wieder auf, besonders zu Zeiten der Debatten über öffentliche Haushalte. Unter dem Strich würde ich mit einem langjährigen Mitarbeiter der deutschen Entwicklungszusammenarbeit übereinstimmen, als er bei seiner Pensionierung am Ende der 1990er Jahre sagte, dass das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Kriege, Zerstörungen und Katastrophen war. Er nahm an, dass spätere Generationen zurückschauen und die Entwicklungszusammenarbeit als einen der wenigen positiven Aspekte des Jahrhunderts ansehen würden. In der Tat, Entwicklungsarbeit ist eines der wenigen internationalen Berufsfelder, in dem Brücken für friedliche Zusammenarbeit gebaut werden, die sonst niemand bauen würde. Die neuen Führungskräfte in den ehemaligen Kolonien hatten, als sie an die Macht kamen, zu diesem Zeitpunkt weder die Ziele noch die Arbeitsmethoden für ihre Verwaltung und Regierungstätigkeit gewählt. Diese waren bestimmt worden von den sich zurückziehenden Kolonialverwaltungen. Sie mussten somit schnell in ihre Führungsrolle hineinwachsen und dabei Sorge tragen, dass sie die Erwartungen der Bevölkerung erfüllen konnten. Wirtschaftliche Abhängigkeit musste in eine wettbewerbsfähige Wirtschaft verwandelt werden, die der lokalen Bevölkerung Arbeit und die Sicherung eines verbesserten Lebensstandards gewährleistete. Die Industrieländer galten als Vorbilder, aber nicht immer konnten die Erfahrungen und Arbeitsmethoden dieser Industrienationen eins zu eins umgesetzt werden. Oft fehlte es an Fachkräften für eine solche Umsetzung. Verschiedene arbeitsmarktpolitische Anpassungen mussten vorgenommen werden, die Experten der Entwicklungspolitik halfen dabei und füllten bestehende Kapazitätslücken.

Diejenigen, die Projekte und Programme der Zusammenarbeit planen und mit den Regierungsstellen aushandeln, so wie es UNDP tut, müssen daher da­rauf achten, dass die gesteckten Kooperationsziele den Interessen der nationalen Machthaber entsprechen – aber auch den nachhaltigen Zielsetzungen sozialer, wirtschaftlicher und umweltpolitischen Entwicklung Genüge tun. Dies ist oft leichter gesagt als getan. Die Lücke zwischen langfristigen Entwicklungskonzepten und -bedürfnissen sowie den täglichen politischen Anforderungen zu füllen, ist eine aufregende und inspirierende Aufgabe. An dieser Schnittstelle muss man dem politischen Druck zur Umsetzung schneller Lösungen widerstehen können und stattdessen technischen wie professionellen Konzepten den Weg bahnen. Projekte und Programme können schlecht entworfen sein. Dann muss man den Mut aufbringen, sie zu stoppen. In solchen Momenten bleibt der Zweifel, ob dies alles Sinn macht und den großen Zielen der Vereinten Nationen dient. Jedoch sind ausschließlich die Korrektur solcher Fehler und der erneute Versuch, es besser zu machen, eine zukunftsträchtige Reaktion auf solche Zweifel.

Die Grundlagen entwicklungspolitischer Zusammenarbeit

Die Arbeit im Bereich der internationalen – insbesondere der technischen – Zusammenarbeit erfordert exzellente fachliche Qualifikationen verbunden mit politischem Geschick. Dabei muss man die politischen Kräfte sowohl im Einsatzland wie auch im Ursprungsland und der internationalen Organisation, bei der man angestellt ist, gut einschätzen können. Die Finanzierung des ausländischen Beitrags (Experten, Ausrüstungsgüter, Aus- und Weiterbildung von einheimischen Fachkräften) ist meistens für die Nehmerseite ein kostenloser Zuschuss, wie im Falle von UNDP. Dieser Finanzierungsmodus ist umstritten. Einige argumentieren, dass solche kostenfreien Zuschüsse eine geringe Wertschätzung bei den Betroffenen erfahren. Andere sagen, dass die kostenfreie Hilfe Veränderungen in Gang setzen kann, die sonst nicht initiiert würden. Ich gehöre zur zweiten Gruppe und viele meiner Erfahrungen, die ich später schildere, werden dies belegen. Gleichzeitig bin ich aber auch der Meinung, dass die professionellen Anforderungen an diejenigen, die technische Zusammenarbeit managen, sehr hoch sind und an dieser Stelle ausschließlich der höchste Standard genügt.

Ursprünglich, das heißt in den 1950er/60er Jahren, wurde technische Hilfe gewährt, um jungen, unabhängigen Regierungen zu helfen, ihre Länder auf international akzeptable Weise zu regieren. Nur die Rivalität des Kalten Krieges, der zeitlich parallel zur Entkolonialisierung lief, kompromittierte das Ziel einer »akzeptablen« Regierungsform. Oft wurde ein Diktator an der Macht akzeptiert, damit der Westen oder der sowjetische Block ihren Einfluss wahren oder festigen konnten. Manch eine junge und noch instabile Demokratie wurde fallen gelassen, wenn beispielsweise ihre Wirtschaftspolitik dem einen oder anderen Lager nicht passte. Allerdings gab es auch »Lieblinge« der Entwicklungspolitik. Tansania zum Beispiel gelang es unter Präsident Nyerere, beide Lager zufriedenzustellen und so von beiden Seiten unterstützt zu werden. Über viele Jahre hinweg erhielt Tansania die höchste finanzielle Entwicklungshilfe pro Einwohner weltweit, die ein Vielfaches des Pro-Kopf-Einkommens ausmachte und deren Nachhaltigkeit fragwürdig war.

Wegbereiter der Globalisierung

Heute können wir auf mehr als 50 Jahre entwicklungspolitische Arbeit zurückschauen: UNDP begeht 2016 sein 50jähriges Jubiläum. In der Rückschau können wir sehen, dass die Zusammenarbeit oft dazu diente, den Weg für die wirtschaftliche Globalisierung zu ebnen. Viele Programme zielten darauf ab, internationale Regeln akzeptabel und durchsetzbar zu machen, um so wirtschaftlichen Kräften Investitionen und Handel über nationale Grenzen hinweg zu erleichtern. Das China der späten 1970er Jahre ist dafür ein Paradebeispiel. Gleichzeitig setzte sich eine Kommerzialisierung durch, die immer tiefer alle Gesellschaften durchdrang. Viele in der Entwicklungspolitik Tätige haben sich oft die Frage gestellt, ob diese Kommerzialisierung wünschenswert und unumgänglich war und ist. Doch bittere Armut zu überwinden, Volkswirtschaften zu stabilisieren, die Einkünfte von lokalen Gemeinschaften und jedem Einzelnen zu erhöhen waren die oberste Priorität – hier gab es wenig Raum und Zeit, sich nach Alternativen umzusehen. Meistens blieb es bei einer Kritik der bestehenden neoliberalen Wirtschaftspolitik, die nicht zu einem lebensfähigen Gegenentwurf reifte. UNICEFs Konzept einer Strukturanpassung mit einem menschlichen Gesicht in den afrikanischen Ländern ist eine der wenigen Ausnahmen, ebenso wie die im September 2015 verabschiedeten Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs), deren Verwirklichung angesichts geopolitischer Entwicklungen aber leider in vielen Ländern in Frage gestellt ist.

Die in der Entwicklungspolitik Engagierten sind sensibilisiert in Bezug auf die kulturellen Eigenheiten ihrer internationalen Einsatzorte und sie versuchen, ein Aufoktroyieren ausländischer Werte und Verfahrensweisen zu vermeiden. Aber meistens sind die Ressourcen und der Zeitrahmen zu kurz, um eine Übertragung ausländischer Standards ausschließen zu können. Die Modernisierung traditioneller Werte, Bräuche und Gewohnheiten werden zu wenig beachtet, aber hin und wieder gibt es einen offenen Dialog und eine konstruktive Auseinandersetzung mit diesen Aspekten, der dann auch zu einem größeren Erfolg führt. Dafür werde ich mehrere Beispiele geben, besonders aus meiner Tätigkeit in Afrika. Dort war ich mehrfach damit konfrontiert, dass nationale Entscheidungsträger Vorschläge und Angebote von Gebern annahmen, ohne wirklich davon überzeugt zu sein. Das Ergebnis war, dass sich Projekte entweder von ihrer vereinbarten Zielsetzung entfernten oder aber vor sich hin dämmerten. Auch gab es Projekte, die aufgrund ihres Erfolges von lokalen Politikern übernommen wurden, um die eigenen Machtansprüche oder ihr eigenes wirtschaftliches Interesse zu befriedigen. Glücklicherweise gab und gibt es Mittel und Wege, Korruption dieser Art aufzuhalten oder von Anfang an zu vermeiden. Aber: Dieser Gefahr muss man sich bewusst sein.

Finanzquellen für Entwicklungszusammenarbeit

Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Finanzquellen für entwicklungspolitische Zusammenarbeit vervielfacht. Damit konnten die Kooperationen für friedliche Entwicklung diversifiziert, staatliche oder offizielle Hilfe erweitert und nichtstaatliche Organisationen gestärkt werden. Heute gibt es daher neben der staatlichen Hilfe auf bilateraler oder multilateraler Ebene, zum Beispiel durch die EU oder die VN-Organisationen, auch die Finanzierung durch Stiftungen, kirchliche Einrichtungen und Nichtregierungsorganisationen sowie durch Unternehmen über deren corporate social responsibility-Programme.

Für einen Außenstehenden mag diese Vielfalt als Verschwendung erscheinen. Aber wer lange genug im »Geschäft« der Entwicklungspolitik ist, der weiß, dass sich diese Auffächerung in verschiedene Akteure zu einem sehr effektiven Zusammenspiel produktiver Initiativen ergänzen kann. Nicht immer kommt es zu einem wohl abgestimmten Projekt, aber da, wo entweder die Regierung des Entwicklungslandes die Geber koordiniert oder die VN beziehungsweise die Weltbank eine koordinierende Rolle übernimmt, kann es zu erhöhter Effektivität auf allen Ebenen kommen.

Darüber hinaus spiegelt die Diversifizierung der Geber einen Trend wieder, der seit den späten 1970er Jahren erkennbar wurde. Nichtstaatliche Organisationen halfen nichtstaatlichen Partnern in den Entwicklungsländern. Sie vertieften mit ihrem Engagement das Verständnis und die Unterstützung für zivile Gruppen, die bis dahin oft in den staatlichen Programmen vernachlässigt wurden. Sie ermöglichten Eigenbeteiligung und Verantwortung, die besonders in autoritären Regimen oder nach Katastrophen unerlässlich waren. Viele ausländische Spezialisten in diesen Programmen erfuhren Verfolgung oder fanden gar den Tod. Meine Kolleginnen und Kollegen von UNHCR, WFP und UNICEF sind die nicht anerkannten Helden der internationalen Zusammenarbeit.

Der spezifische Charakter des VN-Entwicklungssystems

Manchmal wird gefragt, ob den VN eine besondere Rolle im Bereich der Entwicklungspolitik zukommt. Aufgrund meiner Erfahrungen würde ich diese Frage mit ja beantworten. Mir sagte einmal der Vertreter eines bilateralen Gebers: »Die VN können sich auf einem Entwicklungspfad bewegen, wo niemand sonst gehen kann.« Die VN sind verpflichtet, menschliches Wohlbefinden, das heißt die Lebensqualität auf allen Ebenen der Gesellschaft durchzusetzen, unabhängig vom jeweiligen Stand einer Gruppe in der betreffenden Gesellschaft. Damit müssen sie Veränderungen anstoßen, die weit über bestehende Macht- und Wirtschaftsverhältnisse hinausgehen. Einen solchen Prozess erfolgreich zu initiieren, bereitet die größten Schwierigkeiten, aber die VN können aufgrund ihrer Neutralität gegenüber bestehenden Machtverhältnissen ­solche Anstöße geben. Wenn es gelingt, geben solche Erfolge die größtmögliche professionelle Zufriedenheit.

Dabei muss das Öffnen von verschlossenen Türen und Fenstern jenseits von bestehenden bilateralen Kontakten ohne viel Aufhebens passieren. Oft sind die ungewöhnlichen Kontakte, die über die VN eingeleitet werden, die erkenntnisreichsten. Meistens bleiben die VN-Mitarbeiter – vor allem bei erfolgreichen Verhandlungen oder Ergebnissen – diskret im Hintergrund und lassen nationalen Politikern und Beamten den Vortritt in der Öffentlichkeit.

Als ein weiteres Beispiel möchte ich die Regierungen der früheren ­Kolonien oder der ehemaligen Sowjetunion erwähnen. Oft misstrauten sie den Vertretern der ehemaligen Herrschaftssysteme. In solchen Fällen konnten die VN als neutrale »Vermittler« fungieren, selbst dann, wenn sich die Experten aus den ehemaligen Kolonialmächten oder aus Teilen der ehemaligen Sowjetunion rekrutierten. In der Tat begründete dieses Misstrauen, dass die technischen Hilfsprogramme geschaffen wurden und dies 1966 in die Gründung von UNDP mündete.1

Während des Kalten Krieges entsendeten die VN Experten aus westlichen Ländern in Entwicklungsländer, deren Regierungen politisch zum sowjetischen Lager gehörten. In anderen Ländern, die politisch dem Westen verbunden waren, wurden Experten aus Ländern positioniert, zu denen die Entwicklungsländer aus eigener Kraft keinen Zugang gehabt hätten. Vielleicht waren nicht alle Experten immer erfolgreich, aber zumindest waren die VN-Programme ein Mittel, um global nach den besten Experten zu suchen, und zwar unabhängig von Nationalität oder politischer Herkunft.

Entwicklungspolitik nach 1989

Mit den Veränderungen in der Sowjetunion, dem Fall der Berliner Mauer und der Entstehungen vieler neuer Nationalstaaten in Osteuropa und Zentralasien änderten sich die VN sowie die globale Entwicklungspolitik. Das VN-Entwicklungssystem – bis dahin in erster Linie auf Entwicklungsländer in Afrika, Asien, dem arabischen Raum und Lateinamerika konzentriert, um dort als Brücke zwischen Ost und West zu dienen – wurde zu einer globalen Organisation mit dem Fokus darauf, allen Mitgliedsländern der VN internationale Zusammenarbeit zugänglich zu machen. Gleichzeitig wurde in den Länderprogrammen die Lösung globaler Probleme, zum Beispiel im Umweltbereich, als vorrangig betrachtet.

Zwar gab und gibt es keine Entwicklungsprogramme in den OECD-Ländern, aber es wurden nach 1989 immer engere Verknüpfungen von technischen Institutionen in diesen Industrieländern durch internationale Netzwerke und Partnerschaften geschaffen. Da Finanzmittel weiterhin ausschließlich in Entwicklungsländer flossen, insbesondere in die LDCs, nahmen OECD-Länder an diesen Netzwerken mit ihren eigenen Ressourcen teil. UNDP wurde in den Ländern Osteuropas und Zentralasiens zum Pionier für globale internationale Zusammenarbeit, selbst dann, wenn es die Finanzmittel von anderen Gebern einwerben musste.

1966 war UNDP geschaffen worden als zentrale Finanzierungsquelle für technische Zusammenarbeit im VN-System. Diese Aufgabe wurde 1972 noch einmal bekräftigt. Aber letztlich konnte UNDP dieser Rolle nie gerecht werden. Zu groß waren die Anforderungen der Entwicklungsländer, zu gering die Kapazität und die Geldmittel. Deshalb löste sich UNDP seit den späten 1970er Jahren aus der Verpflichtung, technische Zusammenarbeit über die technischen Organisationen des VN-Systems durchzuführen, und wurde daraufhin sehr erfolgreich darin, Drittmittel zu akquirieren und technische Ressourcen auf eigenen Wegen zu identifizieren.

In den späten 1990er Jahren wurde UNDP dann wieder eine zentrale Rolle übertragen: die der Koordination von allen Länderprogrammen der VN. Trotz aller Risiken wurde diese Änderung des VN-Entwicklungssystem ein Erfolg. Zwar ist das finanzielle Volumen aller VN-Programme in einem Land meistens nicht höher als 3–4 Prozent der zufließenden Entwicklungshilfe, aber im politischen Bereich haben die VN-Vertretungen ein sehr viel größeres Gewicht, vor allem, wenn ihre Ländervertreter in einem funktionierenden Team gut zusammenarbeiten. Selbst bilaterale Geber greifen dann auf das VN-System zurück, wenn sie die richtigen Regierungsstellen nicht erreichen können. Die Vertreter der Entwicklungsländer wissen, dass VN-Mitarbeiter politisch unparteiisch sein müssen und der Umsetzung von Resolutionen und anderen Beschlüssen der VN-Mitgliedsländer ebenso verpflichtet sind wie sie selbst. Darum ist der Zugang von VN-Mitarbeitern in den Länderbüros zu den höchsten Regierungsstellen fast unbegrenzt.

In den Jahren seit dem Ende des Kalten Krieges hat es viele Veränderungen in der Art und Weise, wie Entwicklungspolitik entworfen, finanziert und durchgeführt wird, gegeben. Es ist hier nicht ausreichend Raum, um auf alle diese Veränderungen eingehen zu können. In Bezug auf die VN gibt es eine sehr aufschlussreiche Buchreihe des UN Intellectual History Projects2. Ein charakteristischer Zug jedoch gilt für jegliche Form von entwicklungspolitischer Zusammenarbeit über alle Veränderungsprozesse hinweg: Das Ziel sind friedliche Kooperation und Anhebung des Lebensstandards – der diametrale Gegensatz jeglicher Form von militärischer Intervention. Der finanzielle Aufwand liegt dabei bei einem Bruchteil der Kosten für eine militärische Operation. Manchmal kann falsch dimensionierte und motivierte Entwicklungshilfe, wie im Falle Somalias, einen schwachen Staat soweit aushöhlen, dass das Land politisch auseinanderfällt. Dies blieb jedoch bisher die Ausnahme.

Im Großen und Ganzen gilt, dass das finanzielle Volumen der Entwicklungshilfe zu gering war und ist. Das gesteckte Ziel, dass die reichen Mitgliedsländer der VN 0,7 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsproduktes ausgeben sollen, wurde nur von einer sehr kleinen Zahl von Ländern erreicht. So konnte die Stärkung ziviler Kräfte in Staat und Gesellschaft mit den rapiden Veränderungen, die die wirtschaftliche Globalisierung mit sich brachte, nicht Schritt halten. Korrupte Verwaltungen und Politiker, mangelnde öffentliche Kon­trolle von privaten Investitionen oder die Zahlung entsprechender Steuergelder, Fortdauer von bitterer Armut und politischer Ausgrenzung gut ausgebildeter nationaler Kräfte waren nur einige der verheerenden Folgen. Letztere wanderten in die Industrieländer ab; und so blieb den Entwicklungsgesellschaften nur die Rückführung von Einkünften der Migranten an die zurückgebliebenen Familien.

Nach dem Zyklus der Millennium Development Goals (2000–2015) werden nun für den Zeitraum 2016–2030 vermehrt Aufgaben auf die Entwicklungspolitik zukommen. Die Ziele für nachhaltige Entwicklung, die im September 2015 von den Mitgliedsländern der VN für alle Länder verabschiedet wurden, sehen vor, sich um diejenigen zu bemühen, die vom Hauptfluss neoliberaler Wirtschaftspolitik ausgeschlossen worden sind, und die globalen Probleme anzugehen, die die jetzige Wirtschaftspolitik vernachlässigt. Zwar hat bittere Armut kontinuierlich abgenommen, aber die Zahl derjenigen, die relativ schnell in eine prekäre Situation kommen können und aus eigener Kraft nicht mehr aus ihrer Notlage herausfinden, nimmt zu. Nicht nur in Entwicklungsländern, sondern in allen Ländern. Damit wird die Herausforderung eine globale. Dass die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (SDGs)3 nun für alle Mitgliedsländer gelten, wird spürbare Auswirkungen auf die Gestaltung von entwicklungspolitischer Kooperation haben.

Entwicklung denken und leben

In der Entwicklungspolitik tätig zu sein bestimmt auch die Sicht des alltäglichen Lebens. Ein entwicklungspolitisch tätiger Mensch ist überzeugt, dass mit angemessenem Wissen und ausreichenden fachlichen und finanziellen Ressourcen jedes Problem, insbesondere solche, die von Menschen geschaffen wurden, gelöst werden kann. Natürlich muss man die Interessenlage der an einem Problem beteiligten Menschen genau kennen und einschätzen können. Gegenwind muss man antizipieren, um Konflikte zu entschärfen. Offenheit für unterschiedliche Ansichten und mögliche Lösungen ist unersetzlich. Nur wer zuhört, kann schließlich einen geeigneten Vorschlag machen und dann auch überzeugend vertreten. Die Gewissheit, dass man jeden Tag etwas Neues lernen wird und mit vielen Menschen einen Dialog führen wird, ist eine der vielen Freuden entwicklungspolitischer Arbeit.

Zur Gliederung des nachfolgenden Textes

Meine Karriere im VN-System brachte mich zweimal nach Afrika. Schon als Doktorandin war ich 18 Monate lang zu Feldforschungen in Kenia. Alles in allem verbrachte ich 9 Jahre in Afrika. Ich war für UNDP zweimal in China: das erste Mal in den frühen 1980er Jahren und das zweite Mal von 1998 bis 2003. Fraglos waren diese 8 Jahre die aufregendsten meines Berufslebens. Entgegen gängiger Praxis bei UNDP war ich sogar zweimal am Hauptsitz von UNDP in New York tätig. Beim ersten Mal begleitete ich Programme in arabischen Ländern (1983–87) und das zweite Mal war ich in der zentralen Verwaltung beschäftigt, um unter anderem moderne Informationstechnologien in die Organisation einzuführen. Zum Abschluss meiner Laufbahn arbeitete ich bei der WHO in Genf als Beigeordnete Generaldirektorin, zuständig für Gesundheit und Umwelt. Im Laufe aller dieser Positionen besuchte ich 120 Länder. Das Buch schildert somit meine Erfahrungen an all diesen Dienstorten, wo ich im Schnitt 3–5 Jahre lebte.

Obwohl ich diese Laufbahn nicht geplant hatte, so bedaure ich keineswegs, diesen Berufsweg gegangen zu sein. Es war eine umfassende Erfahrung, aufregend, frustrierend, überwältigend, so wie es Kofi Annan ausdrückte, als er sein Amt nach vielen Jahrzehnten bei den VN beendete. Die Arbeit für die VN ist ein ständiger Antrieb, weiter zu gehen. Lassen Sie mich nun schildern, wie es in meinem Fall gewesen ist.

 

1 Siehe Craig N. Murphy: The United Nations Development Program – A Better Way? Cambridge, 2006

2 Herausgegeben wurde diese Buchreihe von Louis Emmerij, Richard Jolly und Thomas G. Weiss seit 2001. Besonders lesenswert ist der 1. Band mit dem Titel »Ahead of the Curve? UN Ideas and Global Challenges«.

3 Siehe https://sustainabledevelopment.un.org/sdgs

I Wirkungsorte einer VN Nomadin

Der Anfang einer dreißigjährigen Reise: Cotonou (1975–1979)

Ich begann bei den VN durch einen Zufall. Dieser Zufall stellte sich als eine wunderbare Chance für ein befriedigendes Berufsleben heraus – und für ein interessantes Leben über den Beruf hinaus.

Als mir ein Zweijahresvertrag mit dem Dienstort Cotonou in Dahomey angeboten wurde, wusste ich weder etwas über das Land noch über die Stadt. Auch über UNDP wusste ich nur wenig. Aber diese Unkenntnis hinderte mich nicht daran, den Vertrag zu unterschreiben und im Oktober 1975 auszureisen.

Vorausgegangen war, dass ich im April 1975 in Frankfurt/M. von einem jungen Personalbeamten des UNDP interviewt wurde, der mir am Ende unseres Gespräches sagte, üblicherweise würde UNDP Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler rekrutieren. Aber in meinem Falle würde er eine Ausnahme machen und mich, obwohl Politologin, ohne Vorbehalte empfehlen. Ich war froh, dies zu hören, denn mein Vertrag mit der Freien Universität lief aus und ich suchte eine andere Stelle. Die Aussicht, nach Afrika zurückzukehren, war ein zusätzlicher Anreiz. Ich hatte 1972/73 für meine Doktorarbeit in Kenia geforscht. Ich hatte in Nairobi die Lernprozesse einer zweiten Kindheit erlebt. Ich kannte weder Baum noch Strauch, keine der vielen Vogelstimmen, und der Rhythmus der Stadt war mir völlig fremd. Ich liebte die kleinen und großen Entdeckungen des afrikanischen Lebens und fühlte erst Heimweh, als ich nach 14 Monaten den Film »Cabaret«4 in Nairobi sah. Einige Wochen später sah ich ihn noch einmal in Tanga/Tansania. Da wusste ich, dass es Zeit war, nach Berlin zurückzugehen.

Aber ich war enttäuscht vom Desinteresse meiner Umwelt in Deutschland an den vielen neuen Erfahrungen, die ich in Afrika gemacht hatte. Deshalb war ich froh, als sich die Gelegenheit bot, wieder nach Afrika zu gehen.

Stolz, für die VN zu arbeiten

Ich war auch stolz, für die VN zu arbeiten. Ich hatte keine sehr konkreten Vorstellungen, was UNDP war und was es machte, aber ich hatte gelesen, dass es kostenfrei Unterstützung für die jungen unabhängigen Regierungen in den ehemaligen Kolonien beim Aufbau moderner Strukturen bot. Ich fand das eine noble und spannende Aufgabe – und für mich den idealen Arbeitsplatz. Als Studentin hatte ich mich gegen jegliche Form von Neokolonialismus und Imperialismus eingesetzt, stattdessen für internationale Solidarität und Kooperation geworben.5 Hier bekam ich eine Chance, dieses Engagement weiter zu verfolgen.

Allerdings war meine Karriere fast schon beendet, noch bevor sie beginnen konnte, aufgrund bürokratischer Hürden. New York hatte mich informiert, dass ich ein Reisebüro auf dem Kurfürstendamm kontaktieren sollte, um mein Flugticket zu bekommen und alles Weitere für den Transport meiner Haushaltsgüter zu veranlassen. Ich hatte Oktober als Abreisedatum angegeben und UNDP Cotonou hatte mir einen herzlichen Willkommensbrief mit nützlichen Tipps geschickt. Aber das Reisebüro erhielt keine Autorisierung aus New York für meine Reise. Nach einer Reihe von vergeblichen Besuchen dort nahm es der Mitarbeiter des Reisebüros auf sich, mir ein Ticket auszustellen und den Transport meiner Umzugssachen zu genehmigen, und das auf der Basis meines Einstellungsschreibens. Ganz offensichtlich war ich nicht der erste Fall, wo die Bürokratie der VN nicht zeitnah funktionierte. Und ich hatte meine erste Erfahrung mit dem Sprichwort: »Es ist einfacher, Vergebung zu erlangen als eine Erlaubnis von der VN-Bürokratie.«

Als ich Berlin am 16. Oktober verließ, hatte ich in der Woche davor mein Rigorosum hinter mich gebracht, meinen Doktorabschluss mit Freunden gefeiert und mich von meiner Großmutter in der DDR und meinen Eltern in der Nähe von Frankfurt/M. für die kommenden zwei Jahre verabschiedet.

Ich kam zwei Tage später in Cotonou/Dahomey an. Zwei Wochen danach lebte ich in der Volksrepublik Benin unter einer Militärregierung, die mit linksorientierten Intellektuellen eine Allianz einging, nachdem der Führer des Militärs, Oberst Kerekou, die Angebote wohlhabender Händler, mit ihnen eine Regierung zu bilden, ausgeschlagen hatte. So gab es seit dem 1. November 1975 die marxistisch-leninistisch orientierte Volksrepublik Benin.

Afrikanisches Leben: Tradition und Moderne – eine zerbrechliche Kombination

Ich fühlte mich gleich zu Hause. Ich war wieder in Afrika, das ich seit meinem Aufenthalt in Kenia liebte, und ich war im Kontakt mit Intellektuellen, deren politische Sprache ich verstand. Oft kam es vor, dass ich sofort nach der Klärung eines Problems mit hochrangigen Beamten in die Diskussion darüber einstieg, ob Hegel und Marx relevant in Afrika waren oder nicht. Ich hatte keine Probleme mit der neuen Führung des Landes wie manche anderen.

Auch das Eingewöhnen in das Cotonouer Leben fiel mir leicht. An Wochenenden setzte ich mich in mein Auto und fuhr aufs Land, um in den Dörfern traditionellen Zeremonien beizuwohnen oder über die ländlichen Märkte zu bummeln. Dort sah ich traditionelle Medizin, die ich nicht verstand, aber ich war auch zu scheu, um danach zu fragen. Ich hatte von den immer noch praktizierten Voodoo-Kulten gehört und wollte nicht in etwas verwickelt werden, dessen Ausgang ich im Vorhinein nicht sehen konnte. Danach versuchte ich, von unseren lokalen Kollegen und Kolleginnen die Hintergründe zu erfragen. Sie waren jedoch immer sehr zurückhaltend. Ich spürte, dass es eine Glaswand zwischen uns, den internationalen Mitarbeitern, und den afrikanischen lokalen Kollegen gab, die nicht zu erklären war, aber dennoch spürbar existierte.

Einige Jahre später kam ein hoher Mitarbeiter der UNESCO aus Paris nach Cotonou, der der königlichen Familie in Porto Novo, der ehemaligen Hauptstadt Dahomeys, entstammte. Er erzählte mir einiges über traditionelle Medizin und Medizinmänner, die in einer strikten Hierarchie organisiert waren. Kenntnisse konnten nur auf derselben Niveaustufe geteilt werden. Der Kollege war in die Riten bis zu einem recht hohen Niveau in der traditionellen Hie­rarchie eingeweiht. Er hatte deshalb Zugang zu den betreffenden Kenntnissen. Aus diesem Grunde hatte ihn der UNESCO-Generaldirektor entsandt. Der Prinz (einen Titel, den er offiziell führte) versicherte uns, dass er seine Erfahrungen im Archiv der UNESCO deponieren würde, sein Bericht allerdings erst nach 50 Jahren Außenstehenden zugänglich gemacht würde. Er selbst hatte Bedenken, dass eine frühere Bekanntgabe seines Wissens seine eigene Sicherheit bedrohen würde. Der Geheimhaltungsdruck war so stark, dass er sich dem nicht entziehen konnte. Vermutlich nahm er an, dass weder er noch seine Interviewpartner nach 50 Jahren noch am Leben sein würden.

Kenntnisse über die Heilkraft von Pflanzen und anderen Materialien waren eng verknüpft mit den religiösen Weihen. Dieses Wissen konnte nur an diejenigen weitergegeben werden, die die religiösen Vorstellungen teilten und da­rüber Stillschweigen bewahrten. Allerdings hatten junge Leute an einer solchen geheimnishegenden Ausbildung kein Interesse mehr. So ging viel sinnvolles Wissen verloren. Interessanterweise hatte ein katholischer Missionar Kontakt zu einem einheimischen Medizinmann. Als sich mein Chef eine schwere Hepatitis einfing, half ihm der Missionar dabei, an ein traditionelles Medikament zu kommen. Sobald mein Chef wieder flugfähig war, flog er nach Schweden zur weiteren Behandlung. Die schwedischen Ärzte dort sagten ihm, dass die Medizin erstaunlich gut seine Leberwerte normalisiert hatte, aber erklären konnten sie es nicht.

Es kursierten viele Gerüchte in Cotonou über die Macht der Medizinmänner und die traditionellen Heiler. Vergiftungen wurden relativ oft im Zusammenhang mit sozialen Konflikten konstatiert. Auch wir hatten einen solchen Fall im Büro. Der Konflikt begann mit Anschuldigungen darüber, dass ein einheimischer Kollege ein Dieb sei. Dieser Kollege reagierte darauf, indem er sich immer öfter krankmeldete. Mein Chef bat mich, herauszufinden, was los sei. Meine lokalen Kollegen wussten, dass ich an ihren Traditionen interessiert war; etwas, das sie nicht ganz nachvollziehen konnten, aber mein Interesse brachte mir ihr Vertrauen ein. Schließlich akzeptierten sie mich als Mediatorin des Falles. Ich rief eine informelle Versammlung aller nationalen Kolleginnen und Kollegen ein. Zu meiner Überraschung kamen fast alle. Anschuldigungen wurden ausgesprochen, die ich jedoch nicht sehr überzeugend fand. Ich schloss die Sitzung mit der Feststellung, dass entweder die Beschuldigungen nicht weiter geäußert würden oder ich dem Management des Büros nahelegen würde, die Polizei einzuschalten. Dieses Sitzungsende gab uns einige Zeit Ruhe. Aber dann erfuhr ich zu meinem Entsetzen, dass der beschuldigte Kollege zu Hause sei und an einer Vergiftung litt, die er mit traditionellen Mitteln zu kurieren suchte. Sobald ich diese Neuigkeit gehört hatte, sprach ich mit einigen Kollegen und Kolleginnen einzeln. Aus diesen Gesprächen ergab sich das folgende Bild: Der beschuldigte Kollege, der vom Management des Büros (das nicht afrikanisch war) aufgrund seiner Arbeit sehr geschätzt wurde, hatte eine Beförderung erhalten, die ihm, nach Ansicht seiner afrikanischen Kollegen, nicht zustand. Er hatte sich, so meinten sie, »vorgedrängelt«. Ich berichtete das Ergebnis meiner Gespräche meinem Chef. Guter Rat war nun teuer. Einerseits mussten wir den betroffenen Kollegen schützen, den wir nicht verlieren wollten, andererseits mussten wir seinen Gegnern beziehungsweise Neidern zum Ausgleich etwas geben, um den Frieden im Büro wiederherzustellen. Und so wurde folgende Lösung gefunden: Derjenige, dem angeblich die Beförderung zustand, bekam den Titel einer höheren Position. Der andere behielt das Gehalt und die Verantwortung. Natürlich hatten wir damit nicht das tiefer liegende Problem gelöst, aber wir hatten eine pragmatische Lösung gefunden. Im Laufe der Jahre meiner Tätigkeit in Afrika wurde mir klar, dass das post-koloniale Afrika voll von solchen Kompromissen war. Diese führten dazu, dass keine Klarheit darüber bestand, welche Werte entscheidend sind für eine Management- oder auch eine politische Entscheidung. Diese Unklarheit führt dann eben auch zu einem Verlust der Glaubwürdigkeit, zu Willkür und bestärkt eine Kultur der Intransparenz. Leider sind diese Mängel heute noch in vielen Teilen der afrikanischen Gesellschaft zu finden.

Mein Arbeitsplatz und mein Arbeitsgebiet

Den ersten Arbeitsplatz, der mir im Büro in Cotonou zugewiesen wurde, teilte ich mit allen Aktenschränken des Büros. So hatte ich ständig Besucher. Entweder kam jemand, um eine Akte zu konsultieren, oder die Sekretärinnen legten Dokumente in den Akten ab. Statt mich zu ärgern nahm ich die Gelegenheit wahr, auf diese Weise viele Mitarbeiter aus anderen Abteilungen zu sprechen, mit denen ich sonst keinen Kontakt gehabt hätte. Als die mir übertragenen Verantwortungen wuchsen und ich Gespräche mit Projektleitern und Besuchern von außerhalb des Büros führen musste, wurde diese räumliche Situation allerdings untragbar. Entweder hatten andere keinen Zugang zu den Akten, oder ich musste hinnehmen, dass unsere Gespräche mitgehört wurden. So wurde ich recht bald in ein anderes, eigenes Büro umgesetzt.

Cotonou war in den 70er Jahren ein Dienstort, den Ausländer entweder liebten oder hassten. Diejenigen, die das Leben dort hassten, verließen Cotonou nach einigen Wochen, die anderen blieben viele Jahre. Ich gehörte zur zweiten Gruppe. Alles in allem war ich 4 Jahre lang in Cotonou und kletterte 3 Dienstränge nach oben. Ein etwas ungewöhnliches Fortkommen in einem Dienstort. Als der Leiter des Büros versetzt wurde, fragte die Regierung, ob ich nicht sein Nachfolger werden könnte. Glücklicherweise war dieser Karrieresprung für mich nicht möglich, weder für UNDP noch wollte ich dies. Ich wollte nicht gerade meinen ganzen beruflichen Lebensweg in Cotonou ­absolvieren!

Die Arbeit in Cotonou eröffnete faszinierende Aspekte entwicklungspolitischer Arbeit. Zum einen waren dort die schon erwähnten Linksintellektuellen, die nicht gerade bestens auf die Aufgaben einer öffentlichen Verwaltung vorbereitet waren. Sie konsultierten uns in den VN-Büros häufig und ausgiebig. Zu bestimmten Momenten wäre es ihnen wohl am liebsten gewesen, dass alle Entwicklungshilfe über UNDP gelaufen wäre. Wir lehnten dies höflich ab, da wir uns voll darüber im Klaren waren, dass andere Geber – insbesondere Frankreich – ein solches Arrangement nicht tolerieren würden. Frankreich blieb als ehemalige Kolonialmacht der größte Geber, und sein Programm belief sich auf ein finanzielles Volumen, das ein Vielfaches des unsrigen war. Koordinierung und Harmonisierung der Entwicklungshilfe waren damals noch nicht erfunden. Neben Frankreich waren Deutschland und die Sowjetunion engagiert. Die USA zogen sich zurück, nachdem die links-orientierte Regierung unter Präsident Kerekou die Macht übernommen hatte. Für die USA hatte die Volksrepublik Benin eine geringe geostrategische Bedeutung. Der Hafen von Cotonou diente zwar als Ein- und Ausfuhrhafen für einige Länder der Sahelzone, war aber nur über zum Teil schlechte Straßen angebunden. Als der Hafen von Lagos durch eine große Einfuhr von Zement blockiert war, nutzten nigerianische Spediteure Cotonou für den Im- und Export von Gütern. Aber all das gab Benin weder eine entscheidend wichtige regionale noch eine weltpolitische Rolle in der Auseinandersetzung der beiden Blöcke, denn es verfügte über keine wichtigen Rohstoffe, die im internationalen Handel eine Bedeutung gehabt hätten.

Vielen dienten die VN-Büros als »Informationszentrum« für die Situation im Land. Einmal kam sogar der Leiter des französischen Entwicklungsprogramms in mein Büro und fragte nach einigen Informationen. Ein noch nie dagewesenes Ereignis, über das in der französischen Gemeinde tagelang gesprochen wurde.

Der absolut aufregendste Aspekt des Lebens in Cotonou war die internationale Zusammensetzung der UN-Beschäftigten und das aktive soziale ­Leben in der Gruppe der Diplomaten und entwicklungspolitischen Fachkräfte. In mancher Hinsicht eine Art Ghettosituation, vor allem nachdem nach einer Söldner­attacke die Bewegungsfreiheit für Ausländer jenseits von Cotonou stark eingeschränkt wurde. Aber trotz dieser Beschränkungen war Cotonou ein komfortabler Wohnort. Selbst auf dem Höhepunkt der marxistisch-leninistischen »Revolution« wurde die wöchentliche Einfuhr von französischem Käse, Wein und anderen Delikatessen nicht eingestellt. So traf man sich oft zum Abendessen und am Sonntag am Strand zum Aperitif. Das französische Kulturzentrum zeigte regelmäßig in einem Freiluftkino französische Filme, vor allem Klassiker. Natürlich hatte diese enge Verbundenheit auch ihre Schattenseite. Mehrere Ehen zerbrachen, und nicht immer ging dies friedlich vor sich. Zum Beispiel jagten sich an einem Wochenende zwei internationale VN-Mitarbeiter mit ihren Dienstautos durch die staubigen Straßen Cotonous. Der eine hatte die Frau des anderen als Geliebte erkoren. Am nächsten Tag wurde der eine ausgeflogen und der andere erhielt eine offizielle Ermahnung. Denn abgesehen davon, dass dies selbstverständlich ein völlig inakzeptables Verhalten war, hatten die beiden Herren darüber hinaus eine Anordnung der beninischen Regierung missachtet, die besagte, dass keine Dienstwagen am Wochenende zu benutzen seien. Da die UN-Fahrzeuge als beninische Dienstfahrzeuge regis­triert waren, waren auch sie betroffen.

Drei Ereignisse markierten meinen Aufenthalt in Cotonou auf unterschiedliche Weise und mit verschiedenen Folgen. Das eine war der frühe Tod meines Vaters, das zweite die schon erwähnte Söldnerattacke und das dritte eine Evaluierung unseres bedeutendsten Projektes im Lande.

Tod in der Familie

Oft werde ich gefragt, wie man ein internationales Leben mit den Anforderungen einer Familie in Einklang bringen kann. Man kann – und zur heutigen Zeit deutlich besser als damals in den 70er Jahren.

Als ich im Oktober 1975 ausreiste, war mein Vater erkrankt, allerdings realisierte ich nicht, wie schwer seine Erkrankung war. Trotzdem flog ich Weihnachten nach Hause und es dämmerte mir, dass sein gesundheitlicher Zustand kritisch war. Anfang März 1976 wurde er 60 Jahre alt und konnte schon nicht mehr arbeiten. Wir verabschiedeten uns bis Anfang September zum Geburtstag meiner Mutter, aber er starb einige Tage vor meiner Ankunft. So konnte und musste ich mich ganz auf meine Mutter konzentrieren, die eine Menge Gewicht verloren hatte, da sie meinen Vater zu Hause gepflegt hatte. So lud ich sie ein, mich zu Weihnachten in Cotonou zu besuchen. Sie kam auch tatsächlich, und die lauen Tropennächte, die Freundlichkeit der Menschen, die Fürsorge meiner Hausangestellten und die völlig neue Umgebung brachten sie auf andere Gedanken. Sie erholte sich zusehends und über die Weihnachtsfeiertage fuhren wir mit meinem Auto in den Norden Benins, wo ein FAO-Experte den Nationalpark betreute und uns eingeladen hatte, im dortigen Camp der Parkwächter zu übernachten.

Als wir uns dem Camp näherten, kam uns eine großflächige Rauchwolke entgegen. Offensichtlich gab es ein Buschfeuer, das in unserer Richtung verlief. Zurück war keine Option, denn das Feuer war schneller als wir, nach vorne war es gefährlich. Ich bemerkte, dass der Wind von unserer linken Seite kam. Die Chancen, dass das Feuer somit seinen Kurs ändern würde, waren relativ groß, und so fuhr ich langsam weiter. Tatsächlich bog die Feuerfront nach rechts ab und gab den Weg für uns frei. Zwar glühten noch kleine Feuer auf beiden Seiten der ungepflasterten Piste, aber Störche pickten schon die wohl gebratenen Leckerbissen aus dem verbrannten Gras. Wir passierten einen Jeep, der komplett ausgebrannt war.

Als wir das Camp endlich erreichten, erfuhren wir, dass Park Ranger das Feuer gelegt, aber die Windverhältnisse falsch eingeschätzt hatten. Sie ließen den Jeep stehen und flohen zu Fuß, was ihnen das Leben rettete, uns aber einen Moment großen Schreckens bereitet hatte. Der FAO-Experte war geschockt und entschuldigte sich vielmals. Ganz offensichtlich war er nicht nur um unser Wohlergehen besorgt, sondern auch darum, was ich später in Cotonou erzählen würde. Den Bericht fasste ich schließlich so ab, dass das Training der Park Ranger verbessert wurde – das Auto wurde abgeschrieben.