2017 - Olga Slawnikowa - ebook

2017 ebook

Olga Sławnikowa

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Opis

Sommer 2017. Russland vor dem Beginn der Feierlichkeiten zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution. Der einzelgängerische Edelsteinschleifer Krylow begleitet seinen Arbeitgeber, den zynischen Professor Anfilogow, zum Bahnhof. Während Anfigolow zu einer seiner riskanten Expeditionen aufbricht, die ihn in die menschenleere Natur der nördlichen Bergwelt führen wird, beginnt Krylow eine Affäre mit einer geheimnisvollen Unbekannten. Schon bald taucht ein Spion auf, der das Paar bei allen Treffen beobachtet. Krylow verstrickt sich immer weiter in eine Welt der Korruption, des unermesslichen Reichtums und allgegenwärtiger illegaler Geschäft. Als bei den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Revolution der Bürgerkrieg zwischen Rot- und Weißgardisten nachgestellt wird, gerät plötzlich alles außer Kontrolle: Spiel und Wirklichkeit lassen sich nicht mehr unterscheiden. Mit diesem barocken Thriller aus einer Welt, in der das Politische durch totalen Konsum, Spektakel und Propaganda ersetzt wurde, ist Olga Slawnikowa eine beißende Satire gelungen, die bereits in viele Sprachen übersetzt wurde. 2017 ist ein hochaktueller Gegenwartsroman, der ganz in der Tradition der großen russischen Literatur steht.

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2017

OLGA SLAWNIKOWA

2017

Aus dem Russischen von

Christiane Körner und Olga Radetzkaja

 

Inhalt

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Teil 8

Teil 9

Teil 10

TEIL 1

1

Krylow war für halb acht Uhr morgens zum Bahnhof bestellt. Unerklärlicherweise hatte er verschlafen und rannte jetzt zwischen weitverzweigten Pfützen hindurch, die mit ihren gestreckten Umrissen an verwirrte Matissesche Tänzer erinnerten. An seiner Hand hüpfte eine Tüte, in die ein Kamelhaarpullover gestopft war. Den Pullover sollte er Professor Anfilogow geben, als Ersatz für einen anderen, den die Motten vernichtet hatten: Im Norden, in jenem geheimen Bachtal, das die Expedition, wenn alles gut ging, in drei Wochen erreichen würde, übernahm der Frühling eben erst das Kommando, und unter den breiten schwarzen Schals der windschiefen Tannen lag noch nadelbestreuter steinharter Schnee. Krylow, unter den Sohlen einen feuchten Brei aus Traubenkirschblüten, durchquerte rasch die Grünanlage vor dem Bahnhof; er warf einen Blick auf den grauen Turm mit der quadratischen Uhr, deren Zeiger, einem Blindenstock gleich, eben die römische IV verfehlt hatte, und sah, dass er noch rechtzeitig kam, sogar zu früh.

Allzu leicht inmitten des kofferbeladenen Bahnhofsvolks, lief er trippelnd, fast auf Zehenspitzen, hinter einem Berg karierter Taschen her, als seine Aufmerksamkeit von einer schwerelos gekleideten Frau gefangengenommen wurde. Die Unbekannte schimmerte aus einem dünnen Gazekleid hervor, ihre Silhouette, eingehüllt in einen Sonnenkokon, war deutlich konturiert wie ein Schatten auf einer staubigen Fensterscheibe. Zwischen Krylow und ihr drängten und schoben sich Massen von Massen von Menschen, die völlig in ihr Gepäck vertieft waren. Niemand hatte Augen für irgendetwas um sich herum, außer für die sonnenverwischte Anzeigetafel, mit Ausnahme der sonnenverwischten Anzeigetafel, deren Zeilen mit den Namen und Nummern der ankommenden Züge in regelmäßigen Abständen ratternd in sich zusammenfielen und sich dann – scheinbar aus Fehlern, deren letzter noch eine Sekunde lang stehenblieb – wieder neu aufbauten. Auch die Unbekannte teilte die allgemeine Blindheit: Beidhändig, mit gespreizten Fingern, schob sie sich die quadratische Brille fester ins Gesicht und sagte etwas zu ihrem diffusen Begleiter, der soeben seine ausgebeulte Reisetasche möglichst bequem auf seinen Basketballschuhen abstellte. Es dauerte etwa drei Minuten, bis Krylow begriff, dass dieser Begleiter kein anderer als eben Wassili Petrowitsch Anfilogow war, maskiert lediglich durch einen tabakbraunen Dreitagebart, der sich während der mehrmonatigen Expedition wieder in einen borstigen krausen Wust verwandeln würde. Anfilogow, der Krylow ebenfalls bemerkt hatte, winkte ihn mit einer herrischen Geste heran, die beiläufig-demonstrativ seine Uhr unter dem Ärmel der Windjacke aufblitzen ließ.

Sofort kam, im Glauben, er sei gemeint, der geschäftige Koljan angeschossen und fächerte einen ganzen Stapel Gepäckscheine vor Anfilogow auf. Trotzdem lag immer noch ein Berg Taschen vor den beiden, und Krylow, der seine leichte, aber unhandliche Tüte über irgendwelche Dritte an die Unbekannte weitergegeben hatte, packte rasch mit an. Der schlaksige Koljan, mit feuchtem Eisenzahn-Lächeln, schulterte eine eigenhändig genähte Tasche, in der Stolz und Zierde der Expedition ruhte: ein japanischer Motor, den er gekauft hatte, statt die Dienste eines Zahntechnikers in Anspruch zu nehmen. Wassili Petrowitsch setzte sich lässig die Schirmmütze auf und führte seine kleine Mannschaft durch einen nasskalten Tunnel, wo ein Trupp zum Geldverdienen angereister zentralasiatischer Bettler lagerte, umgeben von ramponierten Kaugummikartons, in denen sie – mit professionellem Gespür für die undichten Stellen des hiesigen Daches – den spärlichen Münzregen auffingen.

Endlich standen sie auf dem Bahnsteig. Der Zug war noch nicht eingefahren, der offene Raum der Gleise und Oberleitungen war so leer wie die Perspektive in einem Zeichenlehrbuch; auf der mit groben Strichen über die hinreißenden Morgenwolken gezeichneten Fußgängerbrücke bugsierte eine nicht identifizierbare, aber erstaunlich scharf konturierte kleine Gestalt einen in Kindertrippelschritten hüpfenden Gepäckwagen nach oben. Koljan, dessen Augen gnadenlos tränten, versuchte gleichzeitig zu rauchen und zu gähnen, sein notdürftig mit der Hand verdeckter Schlund qualmte wie ein feuchter Ofen. Anfilogow, konzentriert, das Profil vom hektischen Bahnsteigbetrieb abgewandt, sah aus wie der romantische Verbrecher, der er auch war.

»Also tu mir den Gefallen und halte dich ab Mitte September bereit«, wandte er sich an Krylow, in jenem trockenen, schroffen Ton, für den er bei seinen empfindlichen Vorgesetzten an der Universität berüchtigt war. »Was an Maschinen fehlt, kauf dazu, du kannst ruhig alles Geld ausgeben. Das holen wir locker wieder rein.«

Wassili Petrowitsch hatte die Stimme gesenkt, woraus Krylow schloss, dass seine Worte nicht für die Ohren der Unbekannten bestimmt waren, die ein paar Schritte weiter stand, die Tüte in ihren fröstelnden nackten Armen. Es war offensichtlich, dass sie – ob amourös, familiär oder beruflich – mit Wassili Petrowitsch zu tun hatte, der die Art ihres Verhältnisses allerdings mit keinem Wort kommentierte. Krylow gelang es immer noch nicht, sie eingehender zu betrachten: Sein flüchtiger Blick griff einmal eine haferflockenförmige Impfnarbe heraus, einmal eine winzige Lackledertasche, einmal ein großes, maskulin anmutendes rosa Ohr, hinter das ihre Finger ab und zu eine grob gestutzte Haarsträhne strichen. In ihrer Nähe verlor Krylow aus irgendeinem Grund das Gefühl für seine eigene Größe, er konnte nicht einschätzen, ob er größer als sie war oder nicht. Die Frau wirkte vollkommen in sich gekehrt. Trotzdem schien sie irgendwie in das Geheimnis und Ziel der Expedition eingeweiht zu sein: Auf ihren Wangen spielte eine bis unter die Brillengläser steigende schwache Röte, und die allgemeine Aufregung, die die Männer hinter geschäftigem Hantieren und routinierter Großspurigkeit verbargen, flackerte in ihr wie ein unterdrücktes, fahles Feuer.

Krylow konnte es inzwischen kaum mehr erwarten, dass Wassili Petrowitsch und Koljan endlich abfuhren, er wollte sie verabschieden, um schneller ihre triumphale Rückkehr zu erwarten, die nach außen hin im Übrigen je triumphaler, desto alltäglicher ausfallen würde, mit nichts als einer Ladung Amethystdrusen im Gepäck, zur Ablenkung neidischer Blicke. Endlich ertönte ein tiefes, raues Pfeifen: In der Ferne erschien der rasch wachsende Kopf einer Diesellok; eine der langen, leeren Fluchtlinien lief mit Lok und Wagen voll. Der Zug stürmte heran, fauchte mit den Bremsen; immer langsamer zogen die weißen Beine der Schaffnerinnen vorbei. Während Anfilogow, Krylow und Koljan das Gepäck in den Zug warfen, während sie es stockend und scharrend durch den sonnengestreiften Gang schleiften und in dem engen Abteil verstauten, wobei sie abwechselnd auf dem nackten braunen Kunstleder des unteren Betts saßen – während all dessen stand die Unbekannte unten auf dem Bahnsteig, und die Sonne, die durch einen schrägen Spalt zwischen den Waggons fiel, lag wie ein Gewehr mit blendendem Bajonett über ihren geschlossenen blassen Beinen.

Immer wieder glitt Krylows Blick durch das trübe, vom Tscheljabinsker oder Permer Regen wie mit Vogelmist gesprenkelte Fenster zu der Frau hinaus. Von Zeit zu Zeit erschauerte der Zug, ein Seufzen und Zucken lief von seiner Spitze bis zum fernen Schlusswagen, und dann schien es Krylow, als setzten die Schattenwaggons sich in leichte Bewegung, wie große Fahnen im Wind, der Sonnenspalt füllte sich und lief über – und schließlich konnte der schäbige Bahnhofsbau sich nicht mehr halten, er geriet in Fluss, wich nach links zurück, ein Gegenzug pfiff, blähte sich auf, platzte und gab den Blick frei auf eine kalte Landschaft mit eisernem See, von rötlichen Nadeln übersäten buckligen Felsblöcken und bis zum Horizont reichenden blauen Bergen.

Tatsächlich stand der Zug noch, der Professor schnipste gegen das dicke Fensterglas und sah nach der Unbekannten, die auf sein Zeichen schnell herankam. Auf Zehenspitzen stehend drückte sie ihre längliche, von tiefen Linien durchzogene Handfläche gegen das Fenster, Anfilogow legte die seine von innen dagegen, und Krylow staunte, wie sehr sich diese Hände glichen, mit den Lebenslinien, die einen lateinischen Buchstaben zu bilden schienen, und den großzügig-eleganten Fingergliedern. Statt auf weitere Anweisungen und Abschiedsrituale zu warten, verließ er jetzt eilig das Abteil. Seine schlaflose Nacht machte sich bemerkbar, er war definitiv in einer merkwürdigen Verfassung – alles, was er sah, war überdeutlich und prägte sich als sinnlose, aber außerordentlich klare Spur in sein Bewusstsein. Kaum war Krylow über die zwei Metallstufen auf den Bahnsteig gesprungen, ging ein erleichterter Schauer durch den staubigen Zug; sein restliches Nutzwasser auf den Schwellen verschüttend setzte er sich langsam in Bewegung und fuhr die Reihe der Abschiednehmenden entlang, als wollte er sie abzählen. Neben dem Zug hergehend, mit ihm schneller werdend holte Krylow die Unbekannte ein, die den davongleitenden Fenstern nachwinkte, bis der Schlusswagen, der Rückseite einer Spielkarte ähnlich, aus der Sichtachse schnellte.

Anfangs blieben sie wie zufällig nebeneinander: Es gab nur einen Ausgang zur Stadt, der wieder durch denselben Tunnel führte. Krylow schüttelte erfolgreich ein etwa neunjähriges fremdländisches Kind ab, das sich an seine Begleiterin gehängt hatte, einen Giftzwerg mit lüsternen Männeraugen, dessen klebrige Pfote kurz davor war, in ihr wehrloses Täschchen zu tauchen. Auf den Stufen vor dem Bahnhofsgebäude, wo sie, die einander nicht vorgestellt worden waren, sich hätten verabschieden müssen, spürte Krylow plötzlich, dass er schlicht nicht imstande war, die Einsamkeit dieses Tages zu ertragen, der, immer noch frisch und strahlend, in der zunehmenden Sonnenwärme ein schläfriges Minzaroma verströmte, sich aber mehr und mehr mit einer beängstigenden Himmelsleere vollsog. Mit seinen kaputten Turnschuhen die bröckelnden Stufen glattstreichend, setzte er an, irgendeinen Witz zu erzählen: Die Frau sah sich fragend um, strauchelte, rückte die herabgerutschte Brille zurecht, da blitzte auf dem Bahnhofsvorplatz ein eben erst in Sicht gekommenes Blasorchester auf und schmetterte los, blies lange, pralle Klangrollen in die Luft: Ein rundlicher Herr, am Revers ein kreuzförmiges Emblem, das sich auf den quastenbärtigen Parteistandarten zu seinen Seiten wiederholte, ruckelte taubengleich vor einer paramilitärischen Formation her, deren Mitglieder mit ihrem unterschiedlichen Körperumfang und Krümmungsgrad an Salzgurken erinnerten.

Der betäubte Krylow, der nur noch das Rauschen seines verstopften Hirns hörte, fasste die Unbekannte am Ellbogen und versuchte ein Lächeln. Mit einem sanften Schulterzucken machte sie sich los und wandte sich langsam, ohne das Orchester und die Marschierenden eines Blickes zu würdigen, in die Gegenrichtung – als wollte sie den unsichtbaren Faden, der sie und Krylow verband, auf seine Festigkeit prüfen. Wo sie hinstrebte, war alles heller und besser: Ein Apothekenkiosk lockte mit Medikamenten in fröhlich-bunten Geschenkverpackungen, ein kleiner Springbrunnen auf feuchtem Sockel ließ seine Wassermembran glitzern und schillern, und an einer Endhaltestelle wogte – ein geschlossener Raum aus Schaukelbewegungen, Fenstern und Spiegelungen – eine Schar leerer Trolleybusse vor reglos in die Sonne blinzelnden Passagieren. Wenn er ihr nicht auf der Stelle folgte, dachte Krylow erschrocken, würde die Unbekannte ihn abwickeln wie eine Garnrolle, bis zum nackten Herzen – also lief er ihr nach, passte sich ihrem Schritt an, erzählte mit einem Kratzfuß den unterbrochenen Witz fertig und bekam zur Belohnung ein ausweichendes Lächeln.

»Den mochte ich auch als Kind schon«, sagte die Frau spöttisch und schritt langsam über lose Steinplatten, unter denen die Nässe des auslaufenden Brunnens schmatzte.

»Ich kenne noch viel mehr«, erklärte Krylow hastig.

»Bestimmt alle meine Lieblingswitze«, bemerkte sie.

»Wenn das so ist, erzähle ich jeden viermal.«

»Sind Sie immer so gesprächig?«

»Nur wenn ich Hunger habe. Haben Sie übrigens schon gefrühstückt? Ist das nicht ein Café da drüben im Souterrain?«

»Nein, ein Laden, Reisebedarf.«

»Und die verkaufen nichts Essbares?«

»Doch, aber alles ist von vorgestern. Nicht sehr zu empfehlen.«

»Halb so schlimm. Ich habe mal einen Monat lang von achtzehn Jahre alten Konserven gelebt, können Sie sich das vorstellen? Man macht eine Büchse auf und findet statt Fleisch ein Stück Torf. Die Rote-Grütze-Würfel habe ich mitsamt dem Papier gekocht, es war nicht abzukriegen ...«

* * *

Es war ein sehr seltsamer, sehr langer Tag; der frisch abgeblühte Mai lag wie Zigarettenpapier in den zu warmen Pfützen, und ein Geruch von zarter Verwesung, von feuchtem süßem Tabak schob sich traurig zwischen die grünen Düfte des schon dichten, kühlen Laubs. Krylow und die Unbekannte dachten beide lange, der jeweils andere führe sie und sie selbst folgten nur dessen noch nicht vorhersehbarer spontaner Bewegung. Beim geringsten falschen Schritt fürchteten sie, getrennt zu werden; konzentriert suchten sie eine Linie des Gleichgewichts, die sie bisweilen auf die Fahrbahn führte. Ihre Bewegungen passten einander ab und nahmen einander vorweg; manchmal berührten sich ihre Hände, und dann hatten beide das Gefühl, einen Vogel im Flug gestreift zu haben.

Nur aus großer Höhe – jener Höhe, wo in einer staubigen Schicht aus Luft und Sonne ein kleiner Werbezeppelin hing – hätte man wohl die unsichere Bahn erfassen und lesen können, die ihre Bewegung in die Stadt zeichnete, sie selbst erfassten nichts. Sie gerieten nur an immer wieder andere, meist unbekannte Orte. Einmal fanden sie sich unter den Zuschauern eines Straßen-Puppentheaters wieder, dessen Stoffmarionetten in brotrindenartigen Stiefeln sich scheinbar von den Fäden in der Hand des gebeugten Puppenspielers losreißen wollten und dessen spärliches Publikum von diesem Kampf mehr fasziniert war als vom Inhalt des Stücks. Sie ließen sich quer durch einen kleinen Demonstrationszug treiben, der die Umgebung per Megafon mit Marschversen beschallte. Immer weiter bergab getragen, näherten sie sich allmählich dem Fluss, der die Stadt durchzog, und jenem tiefen, in einem Park gelegenen Teich, der wie ein Magen alles, was im Fluss landete, sammelte und verdaute, Ertrunkene eingeschlossen. Hier unten gerieten sie in zerklüftetes Gelände, zwischen frisch ausgehobene, steinschrundige Gräben und alte graue Abhänge, gefährlich rutschig wegen der vielen glitzernden Glassplitter. Ihre homogene Bewegung riss ab, sie lösten sich voneinander und kletterten jeder für sich, was dazu führte, dass die Unbekannte nach ein paar komischen Tritten auf der Stelle die steile Böschung bergab und direkt in die ungelenken männlichen Arme lief. Krylow ließ die glatten Rippen sofort wieder los, hatte aber genug Zeit, die runde Schwere einer sich hebenden Halbkugel zu spüren und darunter, wie in einer Jackentasche, ein zitterndes Herz von der Größe eines Mäusejungen.

Später, als sie längst tief in ihrem Experiment mit sich selbst (oder mit dem Schicksal?) steckten, fragte Krylow sich manchmal, was ihn damals auf den Stufen vor dem Bahnhof eigentlich festgehalten und gehindert hatte, einfach seiner Wege zu gehen. Es wäre so leicht gewesen, sich zu verabschieden – schon am Abend hätte er nicht mehr an die zufällige Begegnung gedacht, er hätte in seiner Werkstatt Bier getrunken und das Halbdunkel genossen, das sich nach dem grellen Arbeitslicht wie ein weicher Pelz anfühlte. Doch statt nach Hause zu gehen und sich um einen wichtigen Auftrag zu kümmern, war er wie ein Oberschüler durch die Stadt gestreift, mit einer bleichen Schönen, die einen prickelnd kühlen Luftzug in seinem Herz auslöste.

Wahrscheinlich lag es an seiner Aufregung, an der Wende in seinem Leben, die im Fall eines Erfolgs der Expedition auf Krylow zukam. Was sollte er noch mit all den Achatcabochons, diesem Sammelsurium wertloser Modeschmucksteine? Seit Monaten verspürte er ein unklares Hungergefühl, und nachts war sein Bett mit Krümeln übersät wie mit den Sandkörnern einer Wüste, die sich um ihn herum ausbreitete. In seinem Leben war ein Loch entstanden, das er Tag für Tag mit irgendetwas stopfen musste. Er träumte vom großen Geld – von einer Summe, deren Lebensdauer die ihres Besitzers weit überdauern und ihn somit in eine wohlsituierte Ewigkeit versetzen würde. Doch stattdessen bekam er etwas ganz anderes vom Leben. Wie und warum dieser Tausch zustandegekommen war, begriffen weder Krylow noch die Frau.

An jenem Tag waren sie zu Fuß vom Bahnhof losgezogen und durch die Straßen gelaufen wie Touristen. Der Hunger und die Anonymität verliehen ihrem parallelen, immer enger abgestimmten Schritt eine besondere Leichtigkeit, und das Zusammenbleiben gelang ihnen immer besser. In dem Freiluftcafé im Park, wo sie schließlich doch kurz einkehrten, bleichte auf roten Plastiktischen noch die Sonntagsspeisekarte vor sich hin, obwohl kalendarisch zweifelsfrei Mittwoch war. Aber in dem trägen Park herrschte ewiger Sonntag: Auf dem Teich, auf dem das Licht lag wie eine Schicht Butter, schwamm ein trübweißer Schwan in seiner eigenen Welle; vom Schießstand her klackte und krachte es, und am Hals der Frau saugte sich wie ein Zeichentrick-Vampir ein Lichtreflex an einer kleinen Ader fest. In der blassen Sonne, die die wackligen Kunststoffmöbel etwas anwärmte, entspannte sich die Unbekannte und ließ endlich verlauten, sie heiße »sagen wir, Tanja«. Ein leichtes Stocken der selbstbewussten Stimme ließ vermuten, dass das nicht ihr richtiger Name war. Krylow spielte mit und stellte sich als ›Iwan‹ vor, was die frischgetaufte ›Tanja‹, an einem synthetischen Saft im dünnen Plastikbecher nippend, mit leisem Lachen quittierte.

»Sie können mich Wanja nennen, dann reimen wir uns«, schlug Krylow vor.

»Tanja–Wanja? Klingt ziemlich albern«, sagte sie achselzuckend und warf einen missbilligenden Blick auf die Pizza, die eine langbeinige, in rote Shorts und Jäckchen gekleidete junge Kellnerin vor ihr auf den Tisch geknallt hatte.

»Lassen Sie mich lieber raten, was Sie von Beruf sind.«

»Geschichtsdozent!«, rapportierte Krylow blitzschnell und so laut, dass nunmehr sämtliche Kellnerinnen (der neuesten Mode entsprechend traten sie als Sportmannschaft auf) zu dem Paar am Rand der Terrasse herüberschauten und der Geschäftsführer, ein dicker Mann mit tomatenroten Lippen, besorgt aus dem Nebenzimmer hervorsah.

»Noch zweimal Pizza mit Pilzen!«, rief Krylow ihnen zu, und sie beruhigten sich sofort. Der Geschäftsführer verschwand wieder in seinem Büro, die langbeinige Kellnerin spielte ihrer Kollegin einen fest geschnürten Ball mit dem Logo des Cafés zu und schob zwei Pizza-Rohlinge in die Mikrowelle.

»Die werden Sie allein essen müssen«, sagte ›Tanja‹ lächelnd, die Stirn gerunzelt. »Wollen Sie wissen, was ich mache?«

»Eigentlich nicht. Sagen Sie mir lieber, ob Sie verheiratet sind.«

»Ja. Und der Beruf zählt nicht?«

»Eher nicht. Zumal bei einer Frau.«

»Jetzt soll ich mich wohl aufregen? Darauf können Sie lange warten.«

»Normalerweise fühlen sich Damen von diesem Satz zum Widerspruch gereizt. Besonders solche, die im Büro eher eine dekorative Funktion erfüllen.«

»Meine Funktion im Büro ist die der grauen Maus. Ich habe studiert, aber den Beruf, in dem ich arbeite, habe ich in einem viermonatigen Kurs gelernt. Pech gehabt.«

»Das geht in letzter Zeit vielen so. Das Fernsehen ist der beste Freund des Arbeitslosen.«

»Sie sind nicht zufällig einer von diesen politischen Aktivisten? Diesen Irren, die auf der Straße absurde Flugblätter verteilen?«

»Sehe ich wie ein Irrer aus?«

»Wenn ich ehrlich bin: zumindest wie ein Gesinnungsstäter.«

»Ich bin nicht verrückt, das können Sie mir glauben.«

Was Krylow später Rätsel aufgab, war das unbemerkte Verschwinden der Tüte mit dem Pullover, die er Anfilogow schließlich doch nicht übergeben hatte. Als er auf dem Bahnhofsplatz hinter der Unbekannten herlief, hatte er die Tüte in der Hand gehabt, sie hatte dumpf gegen seine Beine geschlackert; im Park dann, wo die Kälte sich länger hielt – in der Sonne war schon Juni, im dichten Schatten herrschte noch kühler Mai –, hatte er seiner fröstelnden Begleiterin vorschlagen wollen, sich den Pullover zumindest um die Schultern zu legen, doch in diesem Moment hatte wohl ›Tanja‹ die Tüte gehabt, und ›Iwan‹ war es peinlich, sie darauf anzusprechen. Danach spazierten sie durch steile Alleen, die gelegentlich in Betontreppen mit groben Gipsflicken übergingen; einmal stießen sie auf eine Konzertmuschel, wo feingemachte alte Damen zu einem krächzenden Akkordeonwalzer mit geschwollenen Füßen über die Bretter schlurften; ein Stück weiter wurden sie von einer Gruppe kahlrasierter junger Menschen aufgehalten, die rhythmisch in die Hände klatschten und Gratisposter verteilten. Noch etwas weiter entdeckten sie zwischen ungepflegten Büschen, wie sie gewöhnlich öffentliche Toiletten umgeben, ein Kino mit erfreulich günstigen Eintrittspreisen und rührend altmodischen, stämmigen Säulen, über denen wie ein kahler Cäsarenschädel das weiße Gipswappen der UdSSR prangte. Aber die nächste Vorstellung war für Kinder, ein alter Zeichentrickfilm über Weltraumpiraten – und in diesem Moment wurde ihnen beiden klar, dass sie die vier Stunden bis zum folgenden Film (einer ebenso alten Komödie) unmöglich mehr warten konnten.

»Was soll’s, wir sind schließlich erwachsene Menschen«, sagte ›Tanja‹, ihre Stimme klang wütend und etwas rau.

Spätestens hier war die Tüte spurlos verschwunden – es sei denn, sie hätten sie in dem klapprigen Taxi liegengelassen, in dem sie sich küssten und fast erstickten (jemand schien die Luft aus dem Auto abzupumpen) und zwischendurch immer wieder ins Visier des Rückspiegels kamen, den der schmalschultrige, geleckte Fahrer in regelmäßigen Abständen neu justierte, mit einer Geste, als wollte er seinen Inhalt abgießen. Anfilogows Wohnung, wo Krylow erst übermorgen die bescheidenen Fische füttern sollte, empfing sie mit dem lichten Halbdunkel ihres einzigen, bis an die Decke mit zusammengewachsenen dunklen Buchrücken ausgekleideten Zimmers; draußen vor den dicht geschlossenen, von heißer Sonnenfarbe fast überlaufenden Gardinen traktierte ein Taubenschwarm mit plumpen Krallen das Blech, und Anfilogows schmale Liege war nicht bezogen.

»Das erste Mal ist auch das letzte«, flüsterte ›Tanja‹ heiser, und ›Iwan‹ flüsterte irgendetwas zurück, an ihrem heißen, leicht bitteren Ohr, während er am störrischen Reißverschluss ihres Kleids zerrte.

Im Ausziehen traten sie ungeschickt auf den im Flur aufgegabelten karierten Männerhausschuhen herum (ein krummfüßiges Paar für zwei), und als ›Tanja‹ ihre vielschichtige Gaze über den Kopf streifte, blieb ihre Brille darin hängen und fiel herunter, man musste sie aus dem Kleid befreien wie einen Schmetterling aus einem großen, zerknüllten Kescher. Trotz ihres scheinbar routinierten Gehabes wirkte sie verängstigt, als wäre sie sehr lange nicht mehr berührt worden. Ihre großen, weichen Brustspitzen glichen überreifen Pflaumen; über den schmalen, leicht eingesunkenen Bauch zog sich eine Narbe, die aussah wie eine gekochte Fadennudel. Auf ihrer Haut, die sich ›Iwans‹ Lippen mit einer kleinen Gänsehautwelle widersetzte, stieß er immer wieder auf brennend heiße, wie mit Salbe eingeriebene Flecken; überhaupt schien sie nicht ganz gesund. In dem Moment, als ›Iwan‹ sie zu einem ersten, schwachen Höhepunkt brachte, begann sie dumpf zu husten, ihre Schläfen schwollen an, wurden feucht. Sie verschwand für eine kurze, flüsterleise Dusche, und als er nach ihr ins Bad ging, war nicht einmal der Spiegel beschlagen.

Sie schliefen augenblicklich ein, ohne es zu merken; Anfilogows hängemattenartige Liege bot gerade genug Platz für beide. Später gestanden sie einander, dass sie bei jenem ersten Mal nichts Besonderes empfunden hatten; offenbar war es erst das engumschlungene Schlafen, das die entscheidende Veränderung brachte. Keusch und eng aneinandergeschmiegt lagen sie da wie Zwillinge im Mutterleib, und dabei wurden sie einander tatsächlich immer ähnlicher. Das sommerliche Helldunkel der Wohnung, das ohne störendes Lampenlicht von der Sonne in die Nacht hinüberglitt, war von erstaunlicher Reinheit. Alle Gefäße im Raum waren leer und wirkten voll; der halbliterglasgroße, frostig-stumpfe Kristallblock auf dem Schreibtisch schien die unter ihm festgeklemmte Zeitung mit der Lupe zu lesen. Die Zierfische sahen in der Glaswand des Aquariums kein festes Hindernis mehr, sie schwammen frei durchs Zimmer, mit winzigen Mäulern am Futterstoff der verstreuten Kleider zupfend, ihre Innereien, dunkel schimmernde Klümpchen, sonderten von Zeit zu Zeit einen öligen Faden ab. Die Bettdecke rutschte zu Boden, und fast gleichzeitig hielten alle Uhren im Zimmer mit einem Ruck ihren letzten Rest Federspannung fest und blieben stehen. So kam es, dass im Schlaf die Anführungsstriche von den fiktiven Namen abfielen; um halb sechs Uhr morgens, als die Straßen tief wurden und ein Sonnenstreifen um die Dächer lief wie eine Goldkante um den Rand eines Glasbechers (während der Professor sich in dem schmutzverkrusteten, nordwärts rasenden Zug plötzlich auf seiner verrutschten Matratze aufsetzte und die Hände gegen das eckige Gesicht presste), tauchten sie beide als andere Menschen aus ihren Träumen auf und spürten, dass dieses erste Mal keineswegs das letzte bleiben würde.

* * *

Sie begannen sich zu treffen, und sie taten es heimlich. Was mit ihnen geschehen war, war nach landläufiger Logik unmöglich. Warum er? Warum sie? Hunderten, Tausenden von Menschen um sie herum passierte nichts dergleichen.

Für Außenstehende sah es vermutlich so aus, als sei Krylow nicht in bester Verfassung: Seine Augen – zu schön für einen Mann, wie seine Ex-Frau zu sagen pflegte, die neidisch war auf das Vergissmeinnichtblau und die federdichten, wunderschön geschwungenen Wimpern – waren jetzt blutunterlaufen, und so oft er sich auch rasierte, die rötlichen Bartstoppeln, die Splittern auf einem Holzscheit glichen, sprossen schon nach ein paar Stunden neu. Seine Stammkunden – zur einen Hälfte ehrwürdige ältere Juden, die sich vom Pech verfolgt glaubten, zur anderen Chitniki, sehnige, nach Wald riechende Raubgräber – fürchteten, der Meister sei krank: So erklärten sie sich den Zustand eines Mannes, der sich der Befehlsgewalt des Schicksals unterstellt hatte.

Und wirklich schienen Tanja und Iwan von einer alten, längst ausgerotteten Krankheit befallen. Der Erreger hatte der aggressiven Umgebung standgehalten, und nun steckten sie einander immer wieder an, mit jedem Kuss, mit jeder ihrer nomadischen Umarmungen, in Hotelzimmern für eine Nacht. Womit auch immer das Leben sie geimpft hatte, es half nicht: All die einsamen Frauen (nervös zuckende Augenbraue, dramatische Stola), mit denen Krylow sich ohne Mühe für ein paar Wochen oder ein halbes Jahr zusammenfand, hatten ihn kein bisschen immunisiert. Und die Beziehung zu seiner Ex-Frau, von der er zwar erfolgreich geschieden, aber nicht getrennt war, gab seinem Leben den traurigen Grundton, hatte aber nie jene lautlose innere Musik ausgelöst, deren Rhythmus Krylow neuerdings durch den undeutlichen Raum zwischen Wohnung und Werkstatt trug.

Dennoch brauchte ihre Krankheit Schutz, eine Art Vakuumglocke. Die Umstände – ihre Begegnung auf dem Bahnhof, die unmittelbar folgende Abreise Anfilogows (in dessen Wohnung sogleich seine Nichte einzog, eine zupackende Studentin mit phosphoreszierenden Fingernägeln und flottem Hüftschwung, der Krylow mit knapper Not entkam) – machten es möglich, dass sie sich vom realen Leben, in dem beide gewöhnliche Menschen waren, von Anfang an lösten. Sie zweifelten nicht daran, dass der Boden der Realität, auf dem sie standen, schon in sehr geringer Tiefe ein gemeinsamer war: Wenn sie unvorsichtig darin gruben, würden sie unweigerlich auf gemeinsame Bekannte oder auf Ereignisse stoßen, die mit beiden etwas zu tun hatten. Doch in dieser Realität durften sie einander auf keinen Fall suchen, das hätte bedeutet, die Sache von der falschen Seite anzugehen. Ihnen war bewusst, dass der Ort, an dem sie Zärtlichkeit, Feuchte, animalische Wärme austauschten (und noch etwas Viertes, das sich nicht direkt übertrug, sondern wie über einen Satelliten, der immer über ihren Köpfen hing), nur auf einem einzigen Weg zugänglich war, und dieser Weg war das eigentliche Geheimnis.

Sie wussten so gut wie nichts übereinander – und sie hüteten sich, etwas zu erfahren. Ganz zu Anfang hatte Tanja durchblicken lassen, dass sie als Buchhalterin in einem kleinen Verlag arbeitete. Iwan fand das irgendwie rührend und ungewöhnlich, obwohl sein Chef (der neben der Edelsteinschleiferei, in der Iwan arbeitete, noch mehrere Läden besaß, wo neben Bergen desinfektionsmittelgetränkter Secondhand-Klamotten auch billige legale Schmucksteine verkauft wurden) gleichfalls zwei Buchhalterinnen beschäftigte: zwei nicht mehr ganz junge Frauen mit jungenhaften Haartollen und stämmigen, ausrasierten Nacken. Krylow geriet oft mit ihnen aneinander, weil sie, wenn sie in der einzigen Toilette der Werkstatt ihren Teekessel füllten, regelmäßig den Kühlschlauch vom Wasserhahn zogen und auf dem Boden liegen ließen, wodurch die Schleifscheiben an den Werkbänken zu glühen begannen, während in der Toilettenecke mit der fehlenden Fliese ein Stausee entstand. Krylow hatte mehr als einmal angeregt, die unachtsamen Damen lieber in einen der Läden zu den Klamotten zu setzen, doch der Chef, ein dicklicher Mann mit muffiger Körperbehaarung, der seine unfrohe Ruhe sorgsam hütete, hatte nur schweigend auf die Ware gezeigt, die seine Hinterzimmer-Katakomben bis an die Decke füllte, ein Berg Zirkuskostüme für dressierte Affen.

Jetzt aber, da Krylow jedes Mal an Tanja dachte, wenn er die Buchhalterinnen sah, begegnete er ihnen mit einem verträumten, ziellosen Lächeln und bekam zum Lohn plötzlich goldbraune selbstgebackene Piroggen serviert, auf ihrem besten, mit den gekrönten Initialen irgendeines Restaurants geschmückten Teller. Beide Damen waren gleichzeitig auf beängstigende Weise hübscher geworden, ihre niedergeschlagenen Augen waren neuerdings mit dickem Silberlidschatten betont, wodurch sie an Sektkorken erinnerten, und der unselige Schlauch steckte notdürftig auf dem Wasserhahn und spritzte auf den Spiegel, aber zumindest litten die Rohsteine nicht mehr unter der Trockenheit des Schleifkorns.

Auf diese Weise hatte jede überflüssige Information über den anderen potentiell Einfluss auf die Realität, die durch sie allzu menschliche Züge annehmen konnte. Krylow hatte nicht vor, auf dem Umweg über Tanja zahlreiche Mitmenschen ins Herz zu schließen. Die einzige Person, die ihn interessierte (und dagegen war er machtlos), war ihr Ehemann, erstmals erwähnt in jenem roten Plastikcafé und seither dank Iwans eigenen Anstrengungen zur überlebensgroßen, praktisch unausweichlichen Figur aufgeblasen. Indirekte, aber eindeutige Anzeichen sagten ihm, dass er Tanja nicht mit einem anderem teilte. Wenn sie sich von ihren ausladenden Röcken und ihren bäuerlichen, mit knotigen Spitzenrüschen verzierten Blusen befreit hatte (Iwan kannte inzwischen ihre gesamte Sommergarderobe, einschließlich der kleinen Tücken der widerspenstigen Verschlüsse), war sie jedes Mal ein wenig eingefroren, wie im Vorgestern steckengeblieben; um sie ins Heute zu holen, musste er ihren langgliedrigen Körper buchstäblich wecken, von Hand die Durchblutung unter der gespannten Epidermis in Schwung bringen, deren spitzige Gänsehaut an Graupelkörner erinnerte. Doch er wusste aus Erfahrung, dass es auch Ehen ohne körperliche Intimität gab, und diese waren oft in ein umso engeres Netz moralischer Verpflichtungen verstrickt, bildeten schier unauflösliche Symbiosen.

Mit gespielter Gleichgültigkeit brachte er immer wieder das Gespräch auf das heikle Thema und versuchte so, zumindest einen annähernden Avatar seines unsichtbaren Feindes zu erstellen. Aus Tanjas widerwilligen Antworten (in solchen Momenten trübte sich ihr Blick, während die Brillengläser böse blitzten) ergab sich das Bild eines soliden, ernsthaften und ganz und gar lebensunfähigen Menschen. Hätte er tatsächlich existiert, dann hätte er in einer Kiste aufbewahrt und mit Strom aus der Steckdose betrieben werden müssen. Tanja aber hielt hartnäckig an ihrem einmal deklarierten Familienstand fest und versteinerte, sobald Iwan sie einer Lüge zu überführen suchte. Fand das verfängliche Gespräch im Bett statt (Krylow, mit der Taktlosigkeit und Unbedachtheit des echten Kranken, beschwor das Gespenst selbst dort herauf, wo es nur sie beide gab), so drehte Tanja sich abrupt zur Wand und vertiefte sich in die Papierherbarien irgendeiner Standardtapete, während er ebenso eingehend ihre blassen Schulterblätter studieren durfte. Für den Moment gab er dann auf, er bat sie um Verzeihung, küsste das lateinische N auf ihrer Handfläche, suchte mit den Lippen ihr kühles Lächeln, als wäre es ein Strahl Trinkwasser.

Seine Beharrlichkeit führte nur dazu, dass der Gatte, den sie mit irrationalem Starrsinn gegen seine Angriffe verteidigte, immer idealer wurde. Er verlor zusehends an Glaubwürdigkeit und gewann im selben Maß an positiven Eigenschaften, unter denen vor allem eine geradezu manische Häuslichkeit hervorstach: Iwan schüttelte es bei dem Gedanken, dass dieser fidele Bursche just in dem Moment, in dem er selbst Tanja in den Armen hielt, genüsslich Teppiche saugte oder gekochtes Wurzelgemüse kleinschnitt. Obwohl Tanjas Gefühle für Krylow unverkennbar aufrichtig waren, brachte sie es durch eine für ihn nicht nachvollziehbare logische Pirouette fertig, ihrer Aufziehpuppe dennoch die Treue zu halten.

Seine Verwirrung steigerte sich durch den Umstand, dass er selbst Tanja nicht treu war und nicht wusste, wie er damit umgehen sollte. Dabei stellte sie ihm keinerlei Fragen. Sein einziger Trost war, dass ihr Mann, wenn es ihn denn gab, offensichtlich nicht eben reich war. Davon zeugte nicht nur ihre bescheidene Garderobe, sondern auch der wenige, kleinformatige und matte Schmuck, den sie trug – stachliges Unkraut, in dessen blassen Samenkörnchen Krylows Kennerauge unfehlbar Brillantimitate aus Zirkonia und Bleikristall erkannte.

»Würdest du mit mir wegfahren, richtig weit weg?«, fragte er einmal, als sie Arm in Arm an einer schmiedeeisernen Brüstung im Park lehnten, hinter der wie eine Gummiwärmflasche der unsichtbare nächtliche Stadtteich gluckerte.

»Mit dir würde ich bis auf den Mond fliegen.«

»Auf dem Mond hätten wir aber keine Luft zum Atmen.«

»Bist du sicher, dass wir die jetzt haben?«

Iwan atmete tief ein: Vom Grund des Teichs stieg ein modriger Geruch auf, neben ihm verströmten kleine weiße Blütendolden – schimmernde Schwärme im Dunkel – ein schwaches Vanillearoma, und von irgendwo zog der Duft von Grillfleisch herüber, vermischt mit Musik und lauten Stimmen.

Tanja in ihrem Kattunkleid fröstelte unter der feuchten Brise. »Das war ein Zitat, aus einem alten Film«, sagte sie versöhnlich.

Doch sie hatte ausgesprochen, worüber zu reden sich beide scheuten. Alles um sie herum schien irreal. Die Türme des Handelszentrums, zwei facettierte Wassergläser, schimmerten trübe, darüber leuchtete wie ein gedrückter Liftknopf der Mond.

»Kann man weiter wegfahren, als wir jetzt schon sind?«, sagte Tanja leise, und Krylow wusste nichts zu entgegnen.

* * *

Krylow war klar, dass der Krieg um eine Frau, egal wie wenig ihr materielle Werte bedeuteten, immer auf ökonomischer Ebene geführt wird. Zum Glück lag auf der armen Tanja nichts von jenem vielschichtigen Glanz, der den vermögenden Menschen in sein eigenes Abbild verwandelt, so dass seine alltägliche Erscheinung kaum mehr von den Fotos der Regenbogenpresse zu unterscheiden ist. Deren Erzeugnisse übrigens verfolgten das Paar durch alle Hotels; wie zerschlissene Schmetterlinge lagen sie in den Zimmern herum, und es kam vor, dass Iwan zufällig eine leichtgewichtige Nachttischschublade aufzog und sich unvermittelt seiner früheren Gemahlin gegenübersah, die ihm mit routiniertem Blitzlichtlächeln von einer Hochglanzseite entgegenstrahlte.

Tamara ließ sich besonders gern mit einem Smaragdhalsband fotografieren, an dem Krylow vor kurzem erst einige Steine repariert hatte. Beim Gedanken daran, wie oft er den Verschluss dieser Kette auf Tamaras gebeugtem Nacken geschlossen hatte, zog sein Herz sich langsam zusammen. Er stand in einem spärlich beleuchteten Hotelfutteral unter einer lauwarmen Dusche, die sich wie eine lose Schnur um seinen Körper wand, und ihm war klar, dass das Geheimnis, mit dem Tanja und er sich von der Welt abschotteten, Tamaras Position als wichtigste Frau in seinem Leben unangefochten ließ. Seine anderen Freundinnen – alle mit der Allüre großer Schönheiten, alle mit irgendeinem seltsamen Defekt, einem großen, kerzenstummelartigen Nabel etwa oder toxischen Achselhöhlen – hatte sie unter ihre kühlen Fittiche genommen, worauf die Frauen, die den Vergleich mit ihr nicht aushielten, Krylow bald wieder verlassen hatten. Manchmal schien es ihm, als benutzte Tamara ihn als Köder auf der Jagd nach Leben – jenem Leben an sich, das sich ihr, der radikal verjüngten Frau, die alles hatte, aber mit diesem »allem« nur durch Eigentumsrechte verbunden war, entzog. Zwischen Tamara und der Realität lag eine dünne Schicht Leere, die sie einhüllte wie ein schönes Kleid. Krylow war für sie das letzte Schlachtfeld, auf dem sie ihresgleichen begegnete: Die anderen Frauen gaben ihr das Gefühl, dass sie immer noch existierte.

Tanja kam aus einer anderen Welt, einem Land hinter den Spiegeln. Krylow konnte sich nicht vorstellen, sie in Tamaras Landhaus mitzunehmen, wo zu jeder Tages- und Nachtzeit Fenster erleuchtet waren, auch wenn sich in den Räumen dahinter niemand aufhielt – in den dunklen Zimmern dagegen konnte man über Gott weiß wen stolpern, vom eingerollt schlafenden jungen Dichter bis zum Duma-Abgeordneten, der mit einem gebieterischen Blick unter verquollener Stirn eine Cognacflasche zu verrücken versuchte. In diesem Universum, dessen legitimes Zentrum Tamara war, kam eine Tanja per definitionem nicht vor. Eben deshalb hatte es sich mit Tanjas Auftauchen auch nicht um ein Jota verändert.

Die Früchte der jetzigen Expedition sollten Krylows und Tamaras jahrelangem Ringen darum, wer als Erster ohne den anderen auskam, ein Ende machen. Um sie herum nahm man an, sie hätten sich wegen der wachsenden beruflichen und sozialen Kluft zwischen ihnen getrennt. Doch zu einem banalen Einkommensvergleich hätte die stolze Tamara sich niemals herabgelassen. Anders als viele Frauen, die ein Unternehmen gegründet hatten, versuchte sie auch nicht, ihren Mann in einer dieser Führungspositionen unterzubringen (Direktor eines Forschungszentrums zum Krümmungsgrad von Bananen, Präsident des Regionalkomitees zum Schutz der Rechte von Hausinsekten), die das Tragen von Designerkrawatten rechtfertigen, aber bei ernstzunehmenden Leuten nur ein stilles Lächeln hervorrufen. Tamaras Mann durfte ganz er selbst sein, und das hieß in den Augen der Gesellschaft: ein einfacher Handwerker. Tamara ahnte, dass Krylows Gespür für denStein ihn zu einem Vertreter jener Kräfte machte, die das riphäische Edelsteinland unterschwellig beherrschten – einer legitimeren Macht mithin, als die des Gouverneurs es war.

An das Ereignis, das vor vier Jahren zu ihrer Scheidung geführt hatte, wollte Krylow nicht zurückdenken. Ohnehin hatte es keinen klaren Bruch nach sich gezogen: Ihre Beziehung ging weiter, und in den sporadischen intimen Momenten zwischen ihnen tat Tamara alles, um die Zeit außer Kraft zu setzen. Die eigentliche Trennung stand ihnen erst noch bevor. Es war diese Trennung, die Krylow brauchte: Das innere, von niemandem wahrgenommene und bezeugte Ereignis schien ihm wesentlicher als jener denkwürdige Termin im Bezirksgericht, bei dem sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschieden worden waren, wobei der Richter Krylow ständig mit Tamaras Leibwächter verwechselt hatte, einem korrekten jungen Mann mit Buchsbaumfrisur.

Doch um endgültig zu beenden, was nur noch Vergangenheit war, fehlte es Krylow an Freiheit. Diese Freiheit – das Recht, über sich selbst zu verfügen – verhießen ihm die erwarteten eigenen Einkünfte. Was er damit letztlich anfangen würde, hatte er bis vor kurzem nicht gewusst: Tamara ein neutrales, sehr teures Abschiedsgeschenk machen und sie anschließend für immer verlassen oder mit einem Armvoll ihrer Lieblingsrosen, rosa und schwer wie Äpfel, zu ihr gehen und in aller Form um ihre Hand anhalten? Jetzt war die Wahl natürlich getroffen, oder vielmehr gab es keine Wahl mehr.

Wäre Tamara nicht gewesen, hätte Krylow in seiner Beziehung mit Tanja einfach eine Fortsetzung seines Lebens sehen können. Aber Tamara existierte, und folglich blieb ihm nichts übrig, als dieses Leben in zwei ungleiche Teile zu zerreißen, von denen er einen zu Ende bringen musste, während der andere eben erst anfing; welcher am Ende größer sein und mehr Gewicht haben würde, konnte er dabei unmöglich wissen. In der offenkundigen Ungleichheit der Teile lag ein Geheimnis – vielleicht das wichtigste in Krylows ganzer Existenz.

2

Die verwitterten riphäischen Berge, von einem Dunstschleier überzogen, der Hunderten von Grautönen räumlich sichtbar macht, erinnern an die künstlichen Ruinen eines Parks. Für einen Maler gibt es in dieser fertigen steinernen Schönheit nichts zu tun: Jeder Landschaftsausschnitt, aus welchem Blickwinkel man ihn auch betrachtet, trägt seine Komposition und seine Grundfarben schon in sich – jene charakteristische Kombination von Einzelteilen, die das schlichte, leicht wiedererkennbare riphäische »Logo« ausmacht. Die malerische Schönheit der Riphäen wirkt durchdacht. Die horizontalen Linien der flechtengrün getupften, mit glatten, rötlichen Nadelkissen gepolsterten grauen Findlinge werden durchbrochen von Vertikalen dichter Kieferngruppen, die, wie alles in der Landschaftsmalerei, die simple Geradzahligkeit meiden; überhaupt scheint der Bau des Ganzen den Gesetzen der klassischen Opernbühne zu folgen – wuchtige Kulissen, der Chor steht frontal zum Parterre. Auch die Gewässer in den Riphäen sind mit Rücksicht auf den malerischen Effekt angeordnet. Manche der industrieverseuchten Flüsschen wirken prosaisch wie ein Wasserrohrbruch, in anderen räumlich sichtbar macht ist die Idee des Architekten noch erhalten. Ihre Ufer sind meist felsig; die rissigen, bräunlichen Schieferwände gleichen hoch aufgetürmtem steinernem Altpapier (in den dunklen Schichten sind bestimmt Illustrationen versteckt); stellenweise scheint das rosige Gestein wie mit Zellophanfetzen beklebt, und die Felsspalten schütten massenhaft Steinchen ans Licht, lauter Variationen auf die Grundidee des Würfels. Jede Flussbiegung gibt den Blick frei auf neue Abwandlungen des bereits Gesehenen, so dass es einem vorkommt, als bewegten sich eher die Ufer als das straff gespannte Wasser, das angestrengt die Reflektionen von Himmel und versilberten Wolken festhält.

Der Himmel sieht in den riphäischen Gewässern viel blauer aus, als er wirklich ist; das liegt an der Kälte der nördlichen Sommer, die selbst an heißen Tagen noch zu spüren ist – in einer Windböe, im Hauch des in der Tiefe gefrorenen Urgesteins. Zarte Eidechsen sonnen sich auf den warmen goldführenden Quarzaufschlüssen; die Eidechsen sind die Freunde des Riphäers, lebende Indikatoren für unterirdische Schätze. Ähnliches gilt für die Nattern und die kleinen, dunklen Vipern, die zu öligen Ringen gerollt zwischen den Felsen ausruhen; bei der geringsten Störung spannen sie sich zum an die Sehne gelegten Pfeil, gleiten dann aber meist friedlich in eine Kluft und hinterlassen nur ein leichtes Kräuseln im bitter-grünen Gras.

Die Seen des riphäischen Gebirges sind zahlreich und gewaltig. Ihre große, leere Fläche ist ein Spiegel weniger für greifbare Objekte als für das Wetter; die geringsten atmosphärischen Veränderungen zeigen sich darauf als körperlose Bilder, für die es an den Ufern – zu dunklem Öl geschmolzen, so dass man nicht sieht, wo sie fest werden – keine Entsprechung gibt. Die Grenze zwischen Wasser und Land ist oft nicht erkennbar, umso deutlicher dafür die atmosphärischen Geister, wenn sie aus nächster Nähe ihr Spiegelbild im See betrachten. Dieses Marsfernsehen sieht man am besten aus einer Höhe, in der die Boote am Datschenufer zu Sonnenblumenschalen werden. Manche der Seen sind verblüffend klar; an reglosen Mittagen hat das Sonnennetz auf dem abschüssigen Grund die Vollkommenheit von Blattgold auf Porzellan, und der Angler in dem nach Fischsuppe riechenden, aufgeheizten Boot sieht durch seinen eigenen Schatten hindurch das Klümpchen des Köders in der Tiefe und die dunklen Rücken großer Barsche.

Im satten Süden des riphäischen Kamms, wo die unscheinbaren, knötchengroßen Früchte der Walderdbeeren ein erstaunliches Aroma entfalten und die Gartenerdbeeren groß wie Mohrrüben werden, nehmen die Seen noch mehr von dem herrlichen Raum ein. Aus der Höhe blickend weiß man oft nicht, was überwiegt, Wasser oder Land: Eines umgibt das andere, eines ist vom anderen umschlossen. Ringsum liegen Inseln über Inseln; manche davon enthält, wie eine Schale, ihrerseits ein leuchtendes unregelmäßiges Wasseroval, das aber nicht mit der Umgebung verbunden, sondern ein separater, von eigenen Quellen gespeister Binnensee ist, aus dem eine weitere kleine Insel aufragt: ein dekorativer Felsblock mit verstreutem Kies, einer zerbrochenen Spardose ähnlich. Dieser Fels ist der maximale Kontraktionspunkt der Wasser-, Erd- und Steinkreise, von hier aus breiten sie sich wieder über die ganze Weite des Raums aus; die Gegend verwischt den Übergang und Unterschied zwischen benanntem geografischem Punkt und namenlosem Objekt – jener auf der kleinsten Insel wurzelnden gewaltigen Birke etwa, deren winzige harte Blätter im Wind glitzern, wodurch es aussieht, als wäre ihre Trauermähne mit festlichem Lametta geschmückt.

Zweifellos gehört die riphäische Bergkette zu jenen geheimnisvollen Regionen, wo die Landschaft auf direktem Weg das Denken der Menschen formt. Ein echter Riphäer hat nicht Erde unter den Füßen, sondern Stein. Und er ist, was das angeht, im Besitz einer im wörtlichen wie übertragenen Sinn tieferen, nämlich geologisch begründeten Wahrheit. Dennoch trägt auch sein Boden Früchte. Wie der Bewohner der gemäßigten Zone Russlands »in die Natur« geht, um Beeren und Pilze zu sammeln, so macht sich der Riphäer in seinem zerbeulten Lada auf den Weg, um Edelsteine zu sammeln; ein Landstrich ohne Lagerstätten und Erzgänge ergibt für ihn keinen Sinn. Bei weitem nicht alle, die auf dem riphäischen Grat aufwachsen, werden irgendwann Chitniki – Edelsteinschürfer ohne Lizenz, die im Hauptberuf oft in der Stadt einer geistigen Arbeit nachgehen, deren Budget aber von ihrem illegalen, zur Leidenschaft gewordenen Metier abhängt. Fast jedes riphäische Schulkind durchläuft jedoch eine »Sammlerphase«: Kaum ein Haushalt, in dem nicht irgendwelche verschimmelt aussehenden Malachitkrusten auf dem Hängeboden liegen, oder oxidierte Quarzdrusen, schwarz wie das Frühlingseis auf den städtischen Straßen, dazu geschliffene Proben der gängigen Schmucksteine.

Die unterirdischen Schätze der Riphäen sind indes nicht mehr, was sie einmal waren. Im Umkreis der bekannten Fundstätten finden professionelle Chitniki wie einfache Touristen auf Schritt und Tritt alte Grubenbaue. Manchmal sind das sanft abfallende, von nassem Farn und pelzblättrigem Waldhimbeerdickicht überwucherte Senken, in denen nur ein erfahrenes Auge den einstigen Schurf erkennt. Manchmal ist es ein Loch im Boden, das wie ein zahnloser, eingefallener Greisenmund aussieht: Es führt den Forscher in einen Schacht aus dem vorvergangenen Jahrhundert, eine Art in der Erde vergrabenes, vom Stein halb zerdrücktes niedriges Bauernhaus. Von den kalten Lärchenholz-Zimmerungen blättern tote, wie von der Zeit ausgekochte Splitter ab, das Ganze ist überzogen vom Rußlack der Kienspäne, die den Bergleuten den süßlichen unterirdischen Sauerstoff nahmen, und aus der Tiefe dringen Geräusche, als würde jemand die Füße an feuchtem Steingrus abstreifen. Manchmal findet sich ein solcher Schacht nicht im abgelegenen Bergland, sondern am Rand irgendeines Kartoffelfelds, über das ein kleiner Traktor holpert. Das kommt sogar häufig vor: Vom Feldweg zu den banalen Gemeinschaftsgärten zweigt ein zweiter, blasserer ab, der steil in die Höhe führt; von oben öffnet sich der Blick auf einen alten Steinbruch, der wie eine Edelsteinfassung einen seltsam harmonischen Luftraum umschließt, eine Träne Leere gleichsam. Man bemerkt nicht sofort, dass im Steinbruch Wasser steht. Das Wasser ist unsichtbar; die umliegenden Quarzwände, von denen in der Mittagssonne eine heiß und die andere eiskalt ist, spiegeln sich so detailliert, so vollkommen darin, dass der Übergang vom echten zum imaginären Steilhang dem Auge entgleitet. Gekrönt wird diese wundersame Symmetrie von einem blanken Himmelsspiegel mit kleinen Tupfen kopfstehender Birken. Der Abstieg in den Steinbruch führt über einen ausgetretenen, scharrenden Pfad, man geht und stützt sich gegen eine nahe der Schläfe aufragende Wand, aus der sich ab und zu, wie ein Buch vom Bücherregal, ein flacher rosa Stein in die Hand schiebt. Wirft man ihn in die Tiefe, springt ein lauter, feuchter Klang zurück nach oben. Allein die dicken Kreise auf dem Wasser zeigen an, wohin man den Fuß nicht mehr setzen darf; das Wasser scheint zum Gefäß werden zu wollen, wie Ton auf einer Töpferscheibe, doch dazu kommt es nicht. Lange, schier unendlich lang setzt die gestörte Vollkommenheit sich wieder zusammen – und plötzlich tritt der Moment ein, da das Wasser von neuem buchstäblich unter den Füßen verschwindet. Wieder ist der Betrachter allein mit der verblüffenden Leere, die sich an Stelle des ausgehöhlten Berges gebildet hat, und die strahlende, bis ins kleinste Detail sichtbare besonnte Wand scheint von innen mit Starkstrom beleuchtet, das zuckrige Geäder darauf funkelt.

Was von oben zu holen war, ist so gut wie verschwunden; die Außenschicht des riphäischen Kamms ist vollständig ausgebeutet. Dasselbe lässt sich über die Außenschicht der riphäischen Schönheit sagen. Das Natur-Logo, das es so leicht macht, auf einem Stück Leinwand die wiedererkennbare Landschaft zusammenzusetzen, hat seit jeher weniger professionelle Maler angezogen als Laien. Realismus, sei es als künstlerische Methode oder als allgemeine Denkweise, kennzeichnete hier einen von Grund auf oberflächlichen Menschenschlag: wohlmeinende Dilettanten, die die Verwendung von fertigen Versatzstücken für eine Form von Patriotismus hielten. In dieser Hinsicht war der riphäische Kamm tückisch: Fertiges gab es hier von Anfang an mehr als genug. So entstand eine spezielle Schicht von verschroben-schöngeistigen Künstlern, Liedermachern, Sammlern und Heimatforschern – biedere, mit dreißig schon alte Männer in heringfarbenen Jacketts, deren Innentaschen mit allerlei Mitgliedsausweisen vollgestopft waren. Diese Männer fühlten sich von ihrer Umgebung auf unklare Weise gefordert: Das gewaltige Stein- und Industriemassiv, der schwere, pausenlos Tonnen von Wolken transportierende Himmel darüber, all das wollte etwas von ihnen, doch sie kamen über die äußerste Schicht, die ihnen künstlerisch wie heimatkundlich bereits alle Ansprüche zu erfüllen schien, nie hinaus.

Erst als die primäre Realität in eine ökologische Krise stürzte, wurde klar, dass der wahre Riphäer phantastisch dachte. Je abgehobener, desto besser! Der Sanskrit lernende Anachoret irgendwo in Nishnaja Talda, so erfuhr man jetzt, verkörperte das Wesen der Heimat authentischer als der pfingstrosenwangige Volksliedkomponist. Auf den Ausstellungen der neuen, in die astralen Sphären des Modernismus vorgedrungenen Künstler war von den traditionellen dunklen Farben und der satten Schwere des Strichs auf einmal nichts mehr zu sehen. Die riphäische Malerei hatte sich geläutert, und das führte dazu, dass die neuen Reichen, die wenig Ahnung von der Sache, aber eine kindliche Vorliebe für klare Farben hatten, mit Begeisterung Gemälde kauften, die an Brettspiele, Bilderrätsel oder Technik-Baukästen erinnerten. Diese plötzliche Blüte einer unpatriotischen, demonstrativ nicht-einheimischen Kunst war in Wirklichkeit Ausdruck einer typisch einheimischen Geisteshaltung, denn der Riphäer als solcher bestand trotz seiner praktischen Veranlagung stets darauf, dass er auch noch eine ganz andere Seite hatte.

Die Obrigkeit, die von all dem wenig verstand, förderte derweil weiterhin Heimatforscher und Folkloreensembles. Fortschritt hieß für sie, den Chorsänger im Bauernkostüm wieder mit jener vagen Idee von Orthodoxie zu vereinigen, die ihm anstand. Tatsächlich hatte der flotte Tenor im seidenen Russenhemd immer unglaubwürdig gewirkt, er sah zu sehr wie ein Komsomolze aus; eine kirchliche Sakralität passte besser zu seiner festlichen, von Dahlien und Vogelbeeren strotzenden Kunstwelt als die proletarische der Fabriken. Auch die gitarrespielenden »Herren Offiziere« fühlten sich seither besser und wagten sogar den Schritt von der Bühne ins Leben: In Gruppen zu zehnt oder zwölft marschierten sie über die rötlichen Pflastersteine des hemmungslos Handel treibenden Stadtzentrums. Überall war eine Rückkehr zu den Ursprüngen zu beobachten. Junge Priester mit würdevoll auf der Brust drapierten weichen Bärten kurvten in schweren Autos durch die Stadt, schwarzen Wolgas, die, wenn auch arg ramponiert, immer noch sehr nach Partei-Dienstwagen aussahen; die restituierten Kirchen mit ihren gezwirbelten Kuppeln erinnerten an eine Parade von Heißluftballons ohne Reklame, und ihre zu den festgesetzten Zeiten dröhnenden Glocken legten einen feinen akustischen Ölfilm über die Stadt.

* * *

Mit der geistigen Welt des Riphäers – der durchaus gerne Kerzen vor den bekannteren Ikonen aufstellte und zur Wasserweihe an Epiphanias, wenn das Eis wie starker Leim nach seinen nassen Fersen schnappte, in einem mondbeschienenen Eisloch badete – hatte all das wenig zu tun. Egal, wie weit seine intellektuellen Interessen sich von seiner Region und seinem Alltag entfernten (viele Chitniki arbeiteten im legalen Teil ihrer Biografie für Raumfahrt oder Rüstung), er wusste immer, dass Erz- und Edelsteinadern die steinernen Wurzeln seines Bewusstseins waren. Die Welt der Berggeister, die angestammte Heimat des Riphäers, ist eine heidnische. In ihr gibt es sowohl UFOs von drei bis fünfzehn Metern Durchmesser als auch kleine seidiggrüne Wesen, halb Mensch, halb Tier, die nur von Uneingeweihten mit Außerirdischen verwechselt werden, denn tatsächlich sind es Einheimische: vernunftbegabte Reptilien, die über die Edelsteinlager wachen.

Von Zeit zu Zeit bekommt ein Goldsucher den Großen Schlängler zu Gesicht. Das ist ein unterirdischer Lindwurm mit riesigem Greisenhaupt; sein Kopf ist kahl und mit dunklen, blankgeschliffenen Flecken gesprenkelt, auch die fleischigen Lippen sind gesprenkelt, und die krumme Nase erinnert in Form und Größe an einen Stiefel. Der Große Schlängler bewegt sich durchs Erdreich wie durch Wasser. Wenn er seinen Ringelkörper vor dem schreckstarren Goldsucher ausfährt, sieht er aus wie ein Kiesstrom, der krachend von einem Kipplaster herabrauscht; Staub wirbelt auf, die weißgepuderten Büsche schwanken, irgendwo sackt der Boden ab und bildet einen faltigen Graben – und genau hier muss man die Goldklümpchen und -adern suchen, die den Schürfer für seine ruinierten Hosen fürstlich entschädigen.

Manchmal ist so ein Berggeist äußerlich schwer von einem Menschen zu unterscheiden. Die Steinerne Jungfer, auch Herrin des Berges genannt, sieht überhaupt nicht aus wie die schöne Schauspielerin mit den künstlichen blauen Wimpern und dem grünen Kopfputz, von der sie normalerweise in Theatermatineen gespielt wird. Sie kann dem Chitnik in ganz alltäglicher Gestalt erscheinen: als gebildete Datschenbewohnerin mittleren Alters, die Kleider voller Beerenflecken und zerquetschter Mücken, in der Hand einen Eimer Gurken, oder als Bedienung an einem Bahnhofsbüffet irgendwo in der Provinz, mit einem gestärkten wasserstoffblonden Haarturm auf dem Kopf und geschwollenen, wehmütigen Augen, oder als fünfzehnjähriges Mädchen, dem der Wind in den Ausschnitt des locker sitzenden T-Shirts fährt, während es vornübergebeugt in die Pedale eines klappernden Fahrrads tritt. Die Steinerne Jungfer legt keinen besonderen Wert auf Wald- oder Bergeinsamkeit, sie ist kein scheues Wild. Sie kann ohne weiteres auch in der Viermillionenstadt auftauchen, die den Grund, auf dem sie steht, nicht spürt – weder die mächtigen, unterirdischen Kohlfeldern gleichen Malachitknollen noch das dicke Gold im gekerbten Quarz.

In der wirbelnden, strömenden Stadtbevölkerung erkennt nur der die Steinerne Jungfer, um dessentwillen sie da ist. Plötzlich, beim Anblick einer ganz unauffälligen Frau, lädt das Herz des Chitniks sich seltsam magnetisch auf; plötzlich fügen die unbekannten Gesichtszüge und Gesten sich zu einem vertrauten, ersehnten Bild, und dem Atheisten scheint es, als hätte soeben, direkt vor seinen Augen, Gott selbst aus irgendeinem Allerweltsmaterial nur für ihn allein ein wundervolles Wesen erschaffen, als anschaulichen Beweis dafür, dass bei der Entstehung des Menschen ein göttlicher Trick im Spiel war.

Es stimmt nicht, dass die Herrin des Berges vor allem einen kunstreichen Steinschleifer braucht. Was sie tatsächlich braucht, ist Liebe, wie jede Frau – wahre Liebe, von jener besonderen, unverfälschten Zusammensetzung, deren Formel noch kein Mensch gefunden hat. Jedes Gefühl hat seine Schattenseiten; manches Gefühl ist wie ein einziger Schatten. Der Auserwählte der Steinjungfer, der auf keinen Vergleichsmaßstab, keine Expertenmeinung zurückgreifen kann, fühlt sich in bisher ungekanntem Maß sich selbst überlassen. Der Zweifel prägt Falten auf sein Gesicht: Die Lebenslinien, die normalerweise auf dem Handteller und in gewissem Sinn auch in der Hand des Menschen liegen, treten bei ihm auf der Stirn hervor. Bald glaubt der Proband an sein Gefühl, bald glaubt er nicht daran; zur unsteten Nachtzeit, wenn der reglose Körper seiner Freundin im Schlaf plötzlich schwerer wird und ihre Bettseite einsinkt wie unter dem Gewicht eines umgestürzten Standbilds, kommt dem Mann der Gedanke, dass man sich leichter selbst den Bauch aufschlitzen kann als das eigene Herz zu Prüfzwecken öffnen: Ersteres ist zumindest physisch möglich.

Selbstmord aus glücklicher Liebe, aus einem durchaus erwiderten Gefühl heraus, ist in der riphäischen Hauptstadt keine Seltenheit. In den Polizeiakten finden sich nicht wenige geheimnisvolle Suizidfälle, Berichte von Toten, die mit einem seligen Lächeln auf den versteinerten Lippen gefunden wurden: der Mund buchstäblich zum Mineral geworden, zu einer kleinen, harten Steinblume, die wie ein unvergänglicher Schmuck auf dem eingefallenen Gesicht lag. Ganz in der Nähe war jeweils ein weißes, ordentliches, parallel zu den Konturen der Möbel und des Zimmers ausgerichtetes Begleitschreiben platziert: der stets an eine Frau gerichtete, meist schlechte Verse enthaltende Abschiedsbrief des Toten.

Die Adressatin des Schreibens war spurlos verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Ihre von Verwandten und Nachbarn des Toten mitgeteilten besonderen Kennzeichen waren so widersprüchlich, dass man nur staunen konnte, wie stark der Spiegel der kollektiven, nun noch gesteigerten Abneigung das Bild der Verdächtigen verzerrte. Auf dem Grabstein des Selbstmörders sah man an warmen Tagen später regelmäßig eine hübsche kleine Eidechse, die auf den ersten Blick ganz gewöhnlich aussah – nur ein Fachmann, wäre denn einer zur Stelle gewesen, hätte erkannt, dass das Geschöpf keiner der beschriebenen Arten angehörte; »unglaublich!« hätte er ausgerufen beim Anblick des Farnmusters auf dem Rücken und der winzigen, wie in schwarzen Handschuhen steckenden Pfötchen. Vielen schien auf dem flachen kleinen Kopf der Echse eine Krone zu funkeln, nicht größer als ein Goldzahn; jeder Versuch, das Wunderding einzufangen, endete damit, dass die Eidechse erst erstarrte, als hätte die Vorsicht der tückisch heranschwebenden Hand sich auf sie übertragen, und dann plötzlich in raschem Zickzack losschoss und verschwand, wobei sie manchmal einen spitzen Schwanz mit bloßliegendem Knorpelchen für ihren Verfolger zurückließ.

Gelegentlich blieb ein Riphäer nach der Begegnung mit der Steinernen Jungfer auch am Leben. So einer streifte nicht mehr in der Umgebung der Stadt herum, er gab das Edelsteingewerbe auf, und es hieß, dass er sein Spiegelbild nicht mehr sehen konnte, wodurch er den Kontakt zu sich selbst verlor. Ständig betastete er unruhig sein Gesicht, drückte kräftig gegen die harten Stellen und quetschte die weichen zu dicken Falten zusammen. Wenn jemand das Wort an ihn richtete, blieb der Unglückliche nicht lang bei der Sache, sondern überprüfte sofort wieder, ob er selbst und seine Kleider an ihrem Platz waren: Die von einer Knopfrevision und einer Verbeugung in Richtung der Hose begleitete Unterbrechung war kurz, aber für den Gesprächspartner so unangenehm, dass der ehemalige Chitnik, der sich ehrlich gelobt hatte, von nun an ein normales, legales Leben zu führen, beruflich keinen Fuß mehr auf den Boden bekam. Hier und da verschwand der Geliebte der Steinjungfer aber auch gemeinsam mit seiner Freundin; er nahm keinerlei Gepäck mit und deponierte sein Geld – dicke, von einem Gummiband zusammengehaltene Dollarbündel oftmals – an derselben gut sichtbaren Stelle, wo, hätte er sich umgebracht, auch sein Abschiedsbrief gelegen hätte; erfahrene Milizbeamte, die das Muster dieser Fälle gründlich studiert hatten, nannten diese Zone das »Postquadrat«.

Manchmal, wenn die Angehörigen besonders hartnäckig waren und nicht glauben wollten, dass die Sache sich nicht rückgängig machen ließ, gelang es der Miliz, den ersten Abschnitt der Reise zu rekonstruieren. Eine Zeitlang verfolgte sie die Hypothese, dass der Flüchtige in der Regel unter Drogen stand. Zeugenaussagen zufolge verhielten er und seine Freundin sich, als wäre ihnen die Stadt völlig unbekannt und als fürchteten sie jede Minute, einander zu verlieren; das Ganze glich der Bewegung eines durch die Luft tanzenden Schmetterlingspärchens, das blindlings seiner seltsamen Flugbahn folgt – bis plötzlich einer von beiden die nötige Lücke im Raum fand. Freunde, die von seinem Verschwinden nichts wussten, begegneten dem Flüchtigen manchmal bei illegalen geologischen Erkundungen: Er trat aus einer rötlichen Dunkelheit hervor, wie man sie unter geschlossenen Lidern oder im Umkreis eines Lagerfeuers im Wald sieht, setzte sich zum gemeinsamen Essen, trank aus einem Metallbecher den starken riphäischen Selbstgebrannten, der durchs Hirn pfeift wie ein Dieselloksignal. Seine Ausgelassenheit und den Schlafmangel, der seinem schmal gewordenen, stark beschliffenen Gesicht anzusehen war, erklärte er mit einer außergewöhnlichen Glückssträhne; denselben Grund vermuteten die Kollegen auch hinter der Tatsache, dass er so schnell wieder verschwand – allein, dorthin, wo niemand saß, auf die Seite des Feuers, wo es den beißenden, mit Ascheflocken vermischten Rauch hintrug. Die Chitniki, die sich in ihren Zelten schlafen legten, beneideten ihren Kameraden; wenn sie später erfuhren, was mit ihm passiert war, zogen sie stumm die Augenbrauen hoch und bewegten die Bärte. Wer wusste schon, ob einem Menschen, der das gemeinsame, gewöhnliche Leben, ja sein Schicksal hinter sich gelassen hatte, Glück oder Unglück widerfahren war?

3

Tanja und Iwan trafen immer nur eine einzige Verabredung: Würden sie sich dabei verpassen, wäre jede Möglichkeit, sich wiederzusehen, einander ohne Hilfe Dritter in der Viermillionenstadt wiederzufinden, verspielt.

Weil der grenzenlose Sommer so unerträglich kurz war, empfand Iwan jedes Treffen schon am Morgen danach als Verlust. Die ganz normale Tatsache, dass das, was gestern war, nicht wiederkehrt, dass es hinter uns liegt, bekam jetzt eine schmerzhaft wörtliche Bedeutung für ihn. Vermutlich deshalb fing er an, jede Begegnung zu einer Erinnerung zu verarbeiten, und allmählich kam ein Vorrat von Episoden zusammen, die ihm in den Stunden der Einsamkeit das Herz zerrissen. Doch es gab einen wichtigen Grund, weshalb Tanja und Iwan weder Adressen noch Telefonnummern austauschten (andere Kommunikationsmittel, E-Mails zum Beispiel, waren gleichfalls verboten): Mit jeder Verabredung stellten sie einander auf die Probe, oder eigentlich nicht so sehr einander – beiden war klar, dass sie gegen die äußeren Umstände wenig ausrichten konnten und dass ihr Bestreben im Grunde kaum ins Gewicht fiel –, sondern vielmehr das Schicksal. Wenn sie, sei es in sich selbst oder um sie herum, wenigstens irgendeinen Grund für das hätten finden können, was mit ihnen geschah! Dann wäre zumindest klar gewesen, ob das alles genauso abrupt und gewaltsam wieder verschwinden konnte, wie es begonnen hatte. Fürs Erste aber brauchten sie die tägliche Sanktion durch das Schicksal.

Anfangs trafen sie sich immer am selben Ort: vor der Oper, einem der wenigen Objekte in ihrer Stahlbetonstadt, auf dem, in Gestalt von Stuckmedaillons und -girlanden, ein Firnis von Schönheit lag, auch wenn der klobige Bau seiner Form nach einem Bulldozer glich. Der runde Brunnen davor war der Treffpunkt der Jugend. Pärchen küssten sich zur Begrüßung im Wasserstaub und gingen ihrer Wege, auf den geschwungenen Parkbänken nebenan präsentierten sich gelangweilte studentische Heiratskandidatinnen: jede ein wippendes Buch auf dem gebräunten Knie, jede zweite eine modische Sonnenbrille im Gesicht, deren Gläser wie mit Rote-Bete-Saft gefüllt schienen. Doch bald waren Iwan und Tanja des banalen Ortes überdrüssig; zudem störte der immergleiche Platz, zusammen mit der vorhersehbaren Stunde am Nachmittag, zu der sie sich endlich von der Arbeit loseisen konnten, die Reinheit des Experiments.

Damals war es, dass sie sich zwei Exemplare desselben Stadtatlas kauften: auf dem Umschlag wiederum das Operntheater, angestrahlt von vier Reihen kleiner weißer Scheinwerfer, innen die neuesten Informationen zum städtischen Nahverkehr und ein U-Bahn-Plan, der an ein kompliziertes organisches Molekül erinnerte. Ihre Rendezvous legten sie von da an so fest: Iwan nannte irgendeine Straße aus dem alphabetischen Verzeichnis am Ende – die erstaunlich lange Liste bestand zur Hälfte aus den blutleeren Namen obskurer Revolutionäre, was ein Gefühl erzeugte, als führen sie irgendwelche angetrunkenen proletarischen Verwandten besuchen –, und Tanja ergänzte die Hausnummer, indem sie aufs Geratewohl irgendeine Zahl sagte; beim nächsten Mal machten sie es umgekehrt. Die Stadt wurde ihr Orakel. Keiner von beiden wusste im Voraus, was für ein Gebäude es sein würde, das sie wie ein Los aus der Lottotrommel zogen. Der irrationale Charakter des Ganzen wurde dadurch verstärkt, dass die Karten seit der Sowjetzeit verfälscht waren: Die Proportionen der Industriestadt hatten strenger Geheimhaltung unterlegen, und die Verzerrungen, die das hervorbrachte, schienen sich gleich den Folgen einer Kinderlähmung auch auf die Struktur der realen Stadt auszuwirken; die Straßen schlugen seltsame Haken, und die schwerfälligen Trolleybusse mussten unwahrscheinliche Schlängellinien fahren, so dass die Hörner von den Leitungen sprangen.

Dass ihre Treffen geheim waren, verschärfte die Lage; auf diese Weise kam es tatsächlich dem Schicksal zu, auf die Teilnehmer des Experiments achtzugeben und dafür zu sorgen, dass ihnen die Möglichkeit, sich für ein paar Stunden in irgendeiner mitleiderregend zerbrechlichen Streichholzschachtel einzuschließen, erhalten blieb.