111 Gründe, New York zu lieben - Yvonne Vávra - ebook

111 Gründe, New York zu lieben ebook

Yvonne Vávra

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Opis

New York in Worte fassen zu wollen, ist wie der Versuch, Blau zu beschreiben. Aber wer lange genug im Big Apple durchhält, der ist auch dreist genug, es mit dem Dilemma aufzunehmen. Und so erzählt Yvonne Vávra in 111 Gründe, New York zu lieben von ihrer ganz persönlichen Affäre mit der Stadt - einer Liebe wie die zweier verknallter Teenies, die Tag und Nacht aufeinanderhocken, flirten, sich gegenseitig herausfordern, ankotzen und glücklich machen. 111 Geschichten, 111 New York Moments, 111 der vielen Gesichter der Stadt hat Yvonne Vávra unter all den hellen Lichtern gefunden. So hat sie etwa in der Subway neben einer Taube gesessen, ist im Kajak über den Hudson gepaddelt, hat in Chinatown die unheimliche Begegnung mit einem Schweinskopf überstanden und mit dem Naked Cowboy vom Times Square erörtert, warum die Stadt so sexy ist. Nach dem Ritt durch all die absurden und großartigen Erlebnisse, die tatsächlich nur hier passieren, wird der Leser seine eigene Liaison mit der Stadt haben wollen. Nur zu: Sie ist zwar nicht gerade leicht zu haben, aber sie lässt auch kein Abenteuer aus.

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Yvonne Vávra

111 GRÜNDE, NEW YORK ZU LIEBEN

Eine Liebeserklärung an die großartigste Stadt der Welt

Für Chris, der immer noch bestreitet, dass Jerry Seinfeld mich wie in Grund Nr. 48 beschrieben dabei beobachtet hat, wie ich einen Cookie aß

Vorwort

HONEY, I AIN’T MADE IT HOME YET

»I wanna make it there, don’t care about anywhere.«

An meinem ersten Tag in New York fuhr ich morgens elf Uhr mit der C-Train von der Upper West Side hoch nach Washington Heights. Neben mir saß ein Mann um die 60 Jahre, beiger Anzug, weißes Hemd, glänzende Schuhe. Mit seinem breiten Hut und so etwas wie einem Gehstock sah er aus wie einem Harlemer Jazz-Club der 40er-Jahre entsprungen und er sagte zu mir: »Weißt du, ich fahre jetzt seit acht Stunden mit der Subway, aber ich hab’s noch nicht nach Hause geschafft. Ich war in Brooklyn, in Queens und zur Hölle noch mal in ganz Manhattan. Und, Baby, ich kann meine Station nicht finden.« Er schlug sich aufs Knie und rutschte näher an mich heran: »Du lachst, Honey, aber es sieht ganz so aus, als ob ich es noch nicht nach Hause geschafft habe. Damn right!«

Gegen zwei Uhr nachmittags nahm ich die A-Train wieder Richtung downtown. Und wer winkte da mit dem Stock? »I ain’t made it home yet! Honey, I ain’t made it home yet!« Dann stiegen Mexikaner mit riesigen Hüten ein, schmetterten ihren Song in den Waggon und mein Freund sang aus vollem Halse mit. Ein ihm ganz und gar unbekanntes Lied. Caramba! Überhaupt kein Grund für die New Yorker um mich herum, von ihren Smartphones aufzuschauen. An der 59th Street stieg der Jazzman aus. »Thank you, Baby!«, rief er.

Es war die perfekte Einführung in eine Stadt, die mich so gut unterhält, dass auch ich keinen Weg mehr herausfinde.

»Es ist das angenehmste Land, das man je betreten kann«, soll Henry Hudson gesagt haben, als er am 12. September 1609 durch Zufall auf der Insel landete, die die Einheimischen »Mannahatta« nannten, »Insel der vielen Hügel«. Zwar hat Hudson die Wälder, die Austern und die freundlichen Indianer gemeint, aber seine Aussage trifft noch immer zu. Kaum steige ich aus dem Subway-Schacht auf die Straßen New Yorks, schon schnappt der Träumer in mir über, und der Zweifler hat keine Chance, seine zynischen Kommentare einzustreuen. Er hat den Mund immer noch offen vom Staunen. Sind es die Wolkenkratzer, die einen denken lassen, dass alles aufwärts geht? Ist es die Schnelligkeit, die suggeriert, dass Stillstand keine Option mehr ist? Sind es all die New Yorker, die vollkommen ungeniert an ihre Träume glauben? Was es auch ist, es lockert fest sitzende Schrauben, und plötzlich beginnen alle Gedanken mit: »Könnte ich vielleicht doch …?«

New York ist mit seinen knapp 400 Jahren ein Teenager unter den Metropolen, aber der umtriebige Nimmersatt hat schon so viel erlebt, dass er selbst den altehrwürdigsten Städten noch etwas übers Leben erzählen könnte. Und eigentlich will ich dem Big Apple mit meinen Geschichten auch gar nicht reinreden. Djuna Barnes, die dem New York des frühen 20. Jahrhunderts als Reporterin ein Gesicht gegeben hat, hat vollkommen recht: »Wenn man genötigt ist, die Wahrheit über einen Ort zu sagen, dann geht dieser Ort sofort in Abwehrstellung. Örtlichkeiten und Stimmungen sollten in Ruhe gelassen werden.« Also lasse ich das mit den Wahrheiten und werde Ihnen stattdessen von meiner persönlichen Affäre mit New York erzählen, dem New York, nach dem ich so verrückt bin, dass ich manchmal die Häuser anfasse. Dem New York, das im März 2010 extra einen Vulkan auf Island hat ausbrechen lassen und so mein Flugzeug nach Berlin zwang, auf halber Strecke wieder umzudrehen. Während die Aschewolke den Himmel über Europa wieder frei machte, setzte mir New York alles vor die Nase, was man zum Leben braucht, und kickte Berlin aus dem Rennen. Wieder eine unter der Haube!

Vieles von dem, was die City ausmacht, wird auf der Strecke bleiben. Die St. Patrick’s Cathedral auf der 5th Avenue werde ich nicht mal erwähnen (außer an dieser Stelle: Gehen Sie hin, es ist schön da!). Vielleicht beginnt ja genau hier Ihr Glück, denn ohne Frage werden Sie Ihre eigene Romanze mit New York haben wollen. Nur zu, die Stadt ist zwar nicht leicht zu haben, aber sie lässt auch kein Abenteuer aus. Gehen Sie den Flirt jedoch gelassen an. Streunen Sie unverbindlich umher, setzen Sie sich auch einmal hin und schauen einfach nur zu. New York wird von allein kommen und nur für Sie tanzen.

Der New Yorker Autor Adam Gopnik hat einmal geschrieben, dass der Big Apple für immer unerreichbar bleibt, selbst wenn man mittendrin ist. Genauso fühle ich mich auch: Es ist, als würde ich Obama daten – bin ich wirklich hier, kann das sein? Kein Ankommen in Sicht. Honey, I ain’t made it home yet. But, oh, the ride!

Yvonne Vávra

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1. KAPITEL

I ♥ NY

Es gibt keine wie sie auf der Welt

»Chapter One. He adored New York City. He idolized it all out of proportion.«

Woody Allen, »Manhattan«, 1979

GRUND NR. 1

Weil New York dich auch liebt

Eine Liebesbeziehung zu New York ist keine von denen, in denen man selig auf der Couch kuschelt. Eher so eine Amour fou, bei der man vor lauter Hin und Her ganz verrückt wird. Manche werden sehr, sehr verrückt.

Umso größer waren die Überraschung, die Freude und der Stolz, als die Zeitungen nach dem 26. November 2012 mit einer Schlagzeile titelten, die wohl nur in New York denkbar ist. Hier im Beispiel der »Daily News«: »Holy cow, Batman – Crime-free day in Gotham«. Die New Yorker hatten es einen Tag lang geschafft, sich nicht gegenseitig umzubringen! Und das an einem Montag. Niemand vom New York Police Department konnte sich daran erinnern, jemals zuvor einen Tag ohne Schießereien, Messerstechereien oder Morde anderer Art erlebt zu haben.

Natürlich verlief aber auch dieser 26. November nicht vollkommen harmonisch. Ich selbst stand am Ende des Tages 20 Minuten in der überheizten Subway, eingekesselt zwischen einem Stinker und einem jungen Typen mit Überbiss, der talentfrei die Songs auf seinem iPod mitrappte. »Mami, feel me let me see you touch your toes or shake that thing and talk wit’ your ass …«, rappte er vor sich hin. Der Wall-Street-Mann hinter ihm guckte verdächtig starr geradeaus. Entweder er ging noch ein paar Zahlen durch oder er versuchte, sich vom Rundumschlag abzuhalten. Da ging auch schon die Tür auf und ein anderer junger, leise rappender Mann stieg zu. Zwei coole Rapper, die nichts von der Existenz ihrer Brubbelkonkurrenz wissen, sind zu viele, um noch nerven zu können. Selbst der Wall-Street-Mann wirkte wieder lebendig bis heiter. Das war New Yorks Friedensangebot: eine kleine absurde Aufmerksamkeit, um sich zu vertragen.

So passiert das hier immer. Wenn die Stadt einen ihrer launischen Tage hat, dir alles schwer macht und dich links liegen lässt, dauert es nicht lang, bis sie wieder angekrochen kommt und dich nach allen Regeln der Kunst verwöhnt. Dann scheint die Sonne, jemand sagt dir, dass dein Kleid toll aussieht und vor irgendeinem Laden wird Eis für alle verteilt. Dann fährt die Subway gerade ein, wenn du auf den Bahnsteig kommst, oder du kriegst kein Taxi, dafür aber eine weiße Limousine, deren Fahrer sich auf dem eigenen Nachhauseweg ein paar Dollar dazuverdienen will. Dann spielt der Saxofonspieler auf dem Washington Square Alicia Keys’ »Empire State of Mind«, ein Welpe kommt zum Spielen auf dich zugerannt, Big Nick’s Burger in der Upper West Side verkauft zum 50-jährigen Jubiläum einen Tag lang alles zu den Cent-Preisen von 1962, und wenn du abends enttäuscht bei Eleni’s im Chelsea Market vor verschlossener Türe stehst, sieht dich die Bedienung, stellt den Besen beiseite, öffnet die Tür und überreicht dir die übrig gebliebenen Cupcakes des Tages hübsch verpackt mit den Worten: »Would you wanna take these home?«

An meinem allerersten Tag in New York, in der Subway auf dem Weg vom Flughafen, war ich sehr beeindruckt von der Anzeige »Feeling under the weather today?«, die einem rät, am besten auszusteigen, wenn es einem nicht gut geht. Auf dem Bahnsteig würde man Hilfe bekommen, bis man wieder auf dem Damm ist. »You will not be left alone«, heißt es am Ende. Damals habe ich mich sehr gut aufgehoben und geborgen gefühlt. Heute weiß ich, dass sie dich mit dem Schild nur aus der Bahn bekommen wollen, wenn dir schlecht ist, damit du im Falle eines Falles den Verkehr nicht aufhältst. Aber was macht das für einen Unterschied? Wir sind nicht allein, da steht’s doch schwarz auf weiß!

New York ist wie eine Mutti, in deren Armen alles wieder gut wird. Egal, wie verwirrt und ahnungslos und traurig man ist: Sobald man rausgeht, kommt die Perspektive zurück. Dann sehe ich in der A-Train, dass die anderen ja auch noch da sind, die schließlich alle an irgendetwas zu knabbern haben. Und ich kenne ihre Probleme, denn es sind die gleichen wie meine und wir alle sitzen hier zusammen in einer Subway und haben diese Urinpfütze im Blick, die bei jedem Ruckeln die Richtung ändert. Doch wir machen weiter und warten auf unsere Belohnung, die es wert sein wird.

Wer will schon einen Lover, der einem den ganzen Tag die Latschen hinterherträgt und schon beim Frühstück ergeben grinst? Die meisten New Yorker jedenfalls nicht. 84 Prozent von ihnen sind glücklich mit ihrem Leben in der Stadt. Das meldete 2012 die Municipal Art Society, die jährlich Umfragen über die Zufriedenheit der New Yorker durchführt. Und 81 Prozent sind optimistisch bis sehr optimistisch, dass alles noch immer besser werden wird. Vielleicht schaffen wir ja 2013 zwei Tage ohne Gemetzel. Holy cow, Batman – love kicks ass in Gotham!

GRUND NR. 2

Weil die Tauben Subway fahren

Heute wollte ich mir an der Ecke 181st Street und Fort Washington Avenue eine »Village Voice« aus einer der roten Zeitungsboxen holen. Ich öffnete die Tür und drin saß ein etwa Siebenjähriger mit Mütze. Ich schloss die Tür und ging nach Hause.

Später machte ich mir Vorwürfe. Da saß ein Junge in der »Village Voice«-Box! Vielleicht war er in Not, auf der Flucht, am Kapitulieren. Vielleicht hätte er meine helfende Hand gebraucht. Sicherlich hätte ich die Geschichte gut gebrauchen können, die den Jungen in die Box trieb. Zu spät! Und so erstaunlich es ist: Ich hatte mich einfach nicht über die Situation gewundert. In New York wundert man sich über nichts mehr.

Zum Beispiel nicht über Tauben, die mit der Subway fahren. An der Endstation der A-Train in Far Rockaway in Queens ist es sowieso gang und gäbe, dass die Vögel auf der Suche nach Futter zusteigen, während die Waggons gereinigt werden. Ist dann eine Taube nicht schnell genug satt, gehen die Türen zu und sie fährt eine Station mit. Oder zwei oder drei, je nach Laune. Aber auch mitten in der City verirrt sich dann und wann eine in den Untergrund. Ich selbst habe eine Taube im Village an der West 4-Station in die B-Train steigen sehen. Sie lief ein Stück hinein, stand mit starrem Blick herum, stieg dann aber wieder aus, als das Türenschließ-Signal ertönte. Vielleicht wollte sie ja doch lieber die D-Train erwischen, die fährt express.

Dies ist eine Stadt, in der eine junge Touristin aus Australien sich eigentlich das Waldorf Astoria Hotel anschauen möchte, dann aber plötzlich zur Seite genommen und geschminkt und frisiert wird. So geschehen im August 2012. Die 26-Jährige war jedenfalls nicht verblüfft genug, um nachzufragen, warum sie sechs Stunden lang festgehalten wurde. Später stellte sich heraus, dass sie aus Versehen aufs Filmset für die Serie »Gossip Girl« geraten war und für eine Komparsin gehalten wurde.

Im Oktober hetzte ein Juwelier aus der Bronx seine zwei Schoßhündchen auf eine Schmuckdiebin, im selben Monat jagte ein Angestellter des malaysischen Restaurants Fatty Crab im West Village einen Kunden mit einem Fleischermesser mehrere Runden um den Block. Whatever! Um die Pflanzen zu schützen, legten Anwohner aus Park Slope in Brooklyn einen kleinen Weg zum beliebtesten Pinkelspot im Prospect Park an. Die Subway will des Müllproblems auf den Bahnsteigen Herr werden, indem sie die Mülleimer abschafft. Auf dem Friedhof hinter der Trinity Church soll’s bald drahtloses Internet geben. Und selbstverständlich blieb das Pferd, das im August genug von seinem Job im Central Park hatte, seine zwei Passagiere auf den Bürgersteig entlud, den Wagen zu Kleinholz machte und die 60th Street gen Westen weglief, pflichtbewusst an einer roten Ampel stehen.

Kinder gehen hier an der Leine. Na sicher! Es gibt sogar kombinierte Kind-Hund-Leinen. Nichts anderes war zu erwarten. Wobei die Kinderleine am Hund festgemacht ist, versteht sich.

Vor ein paar Tagen sah ich Jessica Rabbit in der Subway und ein paar Stunden darauf Slimer aus »Ghostbusters«. Tage später erfuhr ich, dass an diesem Wochenende die New York Comic Con für Fans von Comics, Videospielen und Anime-Serien stattgefunden hatte. Ach so. Hatte dann vielleicht der Mann, der sich am selben Tag in der Q-Train den Kopf rasiert hat, auch etwas damit zu tun? Über ihn habe ich mich tatsächlich etwas gewundert.

GRUND NR. 3

Weil jeder findet, was er sucht

Wer erinnert sich noch an die Folge von »Sex and the City«, in der Carrie den unsäglichen Schriftsteller Berger kennenlernt, der überall in der Stadt Spielkarten findet? Welch bescheuert konstruierter dramaturgischer Kniff!, dachte ich damals.

Ich muss mich für mein vorlautes Urteil entschuldigen. »Sex and the City« war knallhart dran an der Realität. Bei mir sind es die Haarnadeln. An meinem ersten Tag in der Stadt habe ich mir noch nichts dabei gedacht. Aber überall fand ich Haarnadeln. Der zweite und der dritte Tag vergingen, nicht ohne mindestens 20 Haarnadeln auf meinen Wegen. Ich fing an, Gründe zu konstruieren, warum in New York so vielen Menschen Haarnadeln aus den Frisuren fallen, mehr als in Berlin. Weichere Haare, aufwändigere Gestecke, rutschige Stylingprodukte? Ich fragte Freunde und Bekannte. Doch niemand außer mir hatte je eine Haarnadel gefunden.

Eines Tages lief ich mit meinem Freund Matt umher, als er mich auf ein langes Stück Tonband im Baum aufmerksam machte: »Die hängen überall herum! Gibt es noch irgendwo Nostalgiker, denen regelmäßig die Tapes abhanden kommen? Fegen die Reste der 90er auf der Flucht vorm Vergessen durch die Straßen? Oder ist das immer dasselbe Band, das mir der Wind hinterherträgt, seit irgendeiner die letzte Kassette aus dem Fenster warf?« Da waren sie also auch bei ihm, die Fragen nach dem Warum.

Auch der Schriftsteller Ian Frazier kennt das Phänomen, bei ihm waren es Plastiktüten, die er in jedem Baum sah. Zusammen mit einem Freund entwickelte er in den 90er-Jahren eine lange Vorrichtung mit Greifapparat, mit dem sie fortan zerfetzte Tüten aus den Bäumen angelten. Die Obsession trieb sie durch alle fünf Boroughs, später über die Stadtgrenzen hinaus und irgendwann meldeten sie ihren sogenannten Bag Snagger als Patent an: Patentnummer US 5566538. Bette Midler hat ein paar davon gekauft. Und Frazier wurde offiziell um Rat gefragt, als es darum ging, die Helium-Luftballons, die aus Touristenhänden ins Grand Central Terminal gelangen, von der 38 Meter hohen Decke des Main Concourse herunterzubekommen. Da hängt nämlich immer irgendeiner und verschandelt das Deckengemälde. Zurzeit ist es einer in Blau-Metallic.

Offenbar findet in New York jeder das, wofür er die Augen offen hat. Und warum sollte das Spiel nur mit Haarnadeln und Luftballons funktionieren? »No one should come to New York to live unless he is willing to be lucky«, schrieb der amerikanische Autor E.B. White in seinem gefeierten Essay »Here is New York«. Also, was wollen Sie finden? New Yorks Geschichte bietet Tausende Beispiele dafür, dass hier das Glück auf der Straße liegt – wie Haarnadeln. Und man muss nicht verstehen warum.

GRUND NR. 4

Weil es hier kein Blumenkohlhaar gibt, nirgends

Erst einmal will ich klarstellen, dass ich überhaupt nichts Verwerfliches an Blumenkohlhaar finde. Vielen älteren Damen steht der Schnitt ganz hervorragend. Meine eigenen zwei Omas trugen ihn und sie waren die schönsten Omas der Welt. Die Blumenkohl-Frisur gehört nur eben zu den Phänomenen, die mich verwundern: Es scheint, als ob sie auf deutschem Boden für Damen ab 60 Jahren obligatorisch ist. Als ob irgendwann die innere Stimme zu den Seniorinnen spricht: »Es ist Zeit für einen Kranz aus kurzen Locken.« Man kann sich vorstellen, wie verblüfft ich war, als ich in New York kein Blumenkohlhaar entdeckte, nirgends. Was natürlich so auch nicht stimmt – ich übertreibe nur, weil ich so baff bin. Was ich eigentlich sagen will: Die New Yorker Senioren sehen wirklich hip aus.

Sie dominieren das Stadtbild nicht gerade, aber wenn man Rentner sieht, dann tragen sie mit größter Wahrscheinlichkeit Sneakers. Und augenscheinlich kommen vielen nur Modelle in poppigen Farben an den Fuß. Aber auch der Rest des für New York typischen Seniorenoutfits sieht aus, als ob gleich nach der Bequemlichkeit das Spaßkriterium eine wichtige Rolle spielt. Die Runde von Opas, die auf dem Washington Square immer Schach spielt, sieht aus, als ob sie gleich danach noch im Einkaufszentrum Mädels anquatscht und an Automaten flippert. Lila Daunenjacke in Glanzoptik, Cargohose, Baseballcap, Beanie-Mütze und verspiegelte Sonnenbrille sind einige Kleidungsstücke und Accessoires, die ich an einem Sonntag im Herbst dort entdecken konnte. Der Pullover eines grauhaarigen Herrn trug den Schriftzug: »You Know You Want This!!«

In der Subway saß ich neulich neben einer Dame um die 70. Ihre grauen Haare standen vom Kopf ab, sie trug eine oversized Jeansjacke, eine Sonnenbrille mit gelben Gläsern und armeegrüne Caprihosen. Rosa Augenbrauen hatte sie auch.

»What’s up?«, fragte sie mich irgendwann, denn ich hatte sie wohl angestarrt.

»Sie sehen großartig aus!«

»Ich bin großartig.«

»Das ist der beste Style, den ich in der ganzen Woche gesehen habe.«

»Ah, ich lasse eben nichts mehr in mein Leben, was keinen Spaß macht.«

Natürlich! In einer Stadt, in der man jeden Tag lernt, dass man sich keine Gedanken darüber machen muss, was andere von einem denken, weil die anderen wahrscheinlich gar nichts denken, hat man als Senior Jahrzehnte des freien Herumexperimentierens hinter sich. Und am Ende steckt die ganze Persönlichkeit im Outfit, die ganze angesammelte »As if I’d give a f***!«-Attitüde.

Die New Yorker Stil-Ikone Iris Apfel, 90 Jahre alt, hat im Juni 2012 in einer Talkrunde im Metropolitan Museum of Art zum Thema Stil gesagt: »Wenn du keinen Spaß mehr mit deiner Garderobe hast, kannst du genauso gut sterben. Selbst wenn du dir etwas anziehst, was nicht so gut aussieht – die Polizei wird dich schon nicht abholen.« So saß sie da, repräsentativ für all die hippen New Yorker Senioren, mit dicker türkiser Kette, pinkfarbenen Lippen und einer riesigen Schärpe aus Fell. Und auf ihrem Kopf war kein Blumenkohlröschen zu sehen, nirgends.

GRUND NR. 5

Weil auch die Ratten typische New Yorker sind

Als mir in der Lower East Side die erste Ratte aus einem Müllsack auf die Füße sprang, sind mir zusammen mit dem Adrenalin 111 gute Gründe durch den Kopf geschossen, New York auf Nimmerwiedersehen zu verlassen. Das war noch, bevor ich auf einer Treppe in der Subway aus Versehen auf die Eingeweide einer zerquetschten Ratte trat und mich ein lebendiges Exemplar auf einem Trockner im Waschkeller meines Hauses grüßte.

Warum die Ratten ein Grund für die Liebe zu New York sein sollen, ist an dieser Stelle wahrscheinlich nicht klar. Aber ein Buch über New York, in dem keine Ratten vorkommen, wäre respektlos. Der Rattus norvegicus, die in New York am meisten verbreitete Art, muss damit zurechtkommen, einer von zu vielen zu sein, die alle hinter dem besten Stück vom großen Apfel her sind. Es verdient Anerkennung, welch Talent die Ratten für das Überleben im Moloch entwickelt haben. Das haben sie im Übrigen mit den New Yorkern gemein.

Wie viele Ratten in der Stadt unterwegs sind, weiß keiner so genau. Jahrelang rechnete man der Einfachheit halber mit einer Ratte pro Einwohner, die NBC geht von 28 Millionen allein in den Subway-Tunneln aus und Experte Robert Sullivan spricht in seinem Buch »Rats« von einer Ratte pro 36 Einwohner. Das wären immer noch etwa eine Viertel Million. Wichtiger als die Anzahl ist aber ohnehin, auf welche Weise Ratten einem ungefragt näherkommen. Besonders unangenehm ist das in den eigenen vier Wänden – ja, das passiert. 3,5 Prozent aller Häuser in der noblen Upper East Side waren laut City Health Department im Jahr 2011 von Ratteninvasionen betroffen. Wie es in weniger gepflegten Vierteln aussieht, kann man sich denken.

Aber bei allem Grusel: Wie sollte man ein Tier nicht bewundern – am liebsten aus der Ferne –, das auf die Bäume im Tompkins Square Park klettert, auf fahrenden Subway-Waggons surft und durch eine Bierdusche von den Toten erwacht? Tatsächlich, eine Ratte, die eine gute Weile lang alle viere von sich gestreckt auf dem Bürgersteig der 5th Avenue, Ecke 6th Street zahlreichen Touristen als Fotomotiv diente, wurde plötzlich wieder quicklebendig, nachdem ein paar Halbstarke sie mit Bier übergossen hatten. Von all diesen Vorfällen gibt es Filmmaterial im Internet. Auch von dem Klassiker, wo eine Ratte in einem Waggon der 4-Train einem schlafenden Fahrgast das Bein hinauf ins Gesicht schießt. Es hat eben jeder Bewohner der Stadt das Recht, sich frei bewegen und entfalten zu können. Also etwa auch in einem Fairway-Supermarkt in der Upper West Side, wo im September 2012 zwei mit Erdnüssen bepackte Ratten durch die Gänge flitzten. Dieser Supermarkt hat offenbar sowieso ein Herz für Tiere: Nur einen Monat später saß eine Maus an der Antipasti-Bar im Olivenbottich. Die Ratten jedenfalls denken gar nicht daran, sich irgendjemandem unterzuordnen – keinem New Yorker käme das je in den Sinn.

Im Untergrund hatte sich die Plage Anfang 2012 derart verschlimmert, dass die Arbeiter der New York City Subway den Wettbewerb »Rate My Rat« starteten, bei dem New Yorker Fotos und Videos von Begegnungen mit Ratten einreichen sollten. Das Ganze sollte zwar Teil einer Initiative gegen die Misere sein, doch im Grunde wurden die Ratten hier wie Ikonen der Stadt gefeiert. Ohnehin stehen die New Yorker wie immer erhaben über dem Problem: Wenn sie eine Ratte auf den Bahngleisen sichten, ist das allenfalls ein Anlass, für einen Moment aus der Selbstbezogenheit aufzutauchen. Man schaut kurz hin, womit sich der Nager wieder abschleppt, lächelt einander zu – Hach, die Ratten! – und guckt dann wieder zurück aufs Smartphone. So sind die Ratten ein weiteres Zeichen dafür, dass in dieser Stadt wirklich für jeden gilt: Hier bin ich New Yorker, hier darf ich sein.

Übrigens fand der Tierverhaltensforscher Martin Schein 1964 heraus, dass der Rattus norvegicus am liebsten Rühreier und Makkaroni mit Käse isst – noch etwas, das er mit vielen New Yorkern gemeinsam hat. Nach Jahrtausenden des Zusammenlebens haben sich Rattus und Homo einander eben angenähert, auch wenn das Bedürfnis nach Nähe auf Seiten der Ratten etwas stärker ausgeprägt ist. Aber mit solchen Problemen müssen Menschen ja auch in Beziehungen zu ihresgleichen zurechtkommen.

GRUND NR. 6

Weil Wohnen im Big Apple New York Spirit erfordert

Andy Warhol hat einmal gesagt: »Das Leben in New York reizt Menschen, Dinge zu wollen, die niemand sonst will.« Zum Beispiel ein 23 Quadratmeter großes Studio-Apartment für 1300 Dollar. Ein Schnäppchen! Die Mietpreise in der City sind außer Kontrolle geraten. Der Chief Financial Officer der Stadt, John C. Liu, sprach es Mitte 2012 offiziell aus: »Das Wohnen in der Stadt ist unbezahlbar.« Offiziell gilt eine Miete ab 30 Prozent des Einkommens als unbezahlbar, 30 Prozent aller New Yorker geben aber mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Miete aus.

2012 erreichten die Mietpreise in Manhattan einen Spitzenwert: Das Immobilienunternehmen Citi Habitat meldete im September, dass die durchschnittliche Miete für ein Studio-Apartment hier bei 2113 Dollar liegt. Wobei das gesamte Leben in Manhattan laut einer Studie des Council for Community and Economic Research teurer ist als überall sonst in den Vereinigten Staaten. Zweitteuerster Ort ist Brooklyn. Dritter wurde Honolulu auf Hawaii – und gilt das nicht als Paradies?

Lara kommt aus der Ukraine und studiert Schauspiel an der New York University. Im September 2012 inserierte sie auf Craigslist: »Möbliertes Studio in der Upper West Side, hohe Wände, ich entspannt und lustig, Katze, 890 Dollar.« Jemand Entspanntes, Lustiges und eine Katze auf der Suche nach einem Mitbewohner in einem einzigen Raum? Das musste ich sehen! Dies vorneweg: Lara hat mir verziehen, als ich ihr mit ihrer Katze auf dem Schoß gestand, dass ich gar nicht auf der Suche nach einer Wohnung, sondern nur zu Recherchezwecken bei ihr war. Wie versprochen, war sie entspannt und lustig.

»Wo kommst du her? Berlin? Wie viele Zimmer kriegst du da für 890 Dollar?«

»680 Euro? Zwei größere, saniert, schöne Gegend. Ohne Katze.«

»Hier gibt’s mich und Currygeruch.«

Unten im Haus befand sich ein indisches Restaurant. Ein beliebtes, immerhin. Lara zeigte mir, wie sie die Regale zu stellen gedenkt, um Privatsphäre zu schaffen. Ihr Telefon klingelte unentwegt, das Inserat kam gut an.

Der Online Survival Guide brickunderground.com befragt regelmäßig Mieter, was sie an ihrer Wohnsituation am meisten stört. Keine Fahrstühle, ungünstiger Schnitt, strenge Gerüche von den Nachbarn, kein Licht. Siehe da: Kaum einer beschwert sich über die Preise. New Yorker meckern gern, aber am liebsten über Dinge, die sich ändern lassen. Die Subway ist ein beliebter Streitpunkt, weil New Yorker nicht verstehen, warum in der Hauptstadt der Welt im 21. Jahrhundert Züge unverhofft halbe Stunden lang auf sich warten lassen oder Planänderungen nicht effektiv kommuniziert werden können. Aber hohe Mieten? Niemand erwartet, dass sie niedrig sind. Und ein wahrer New Yorker regt sich nicht über unvermeidliche Eigenschaften seiner Stadt auf. Er schaut der Realität ins Auge und stellt die Regale um. Er geht auf Speed Roommating Partys, wo er sich »Suche Zimmer«- oder »Biete Zimmer«-Aufkleber auf die Brust klebt. Oder er liest in der »New York Times« Artikel mit Einrichtungstipps für zehn Quadratmeter große Wohnungen. Ein bisschen New York Spirit nur, mehr braucht es nicht.

Viele würden sterben für ein Dach über dem Kopf in Manhattan oder Brooklyn. Dabei ist das Unterfangen nach dem Tod besonders aussichtslos: Die Chancen, hier die ewige Ruhe zu finden, scheiden dahin. Einer der größten Friedhöfe der Stadt, der Green-Wood Cemetery in Brooklyn, meldete im Sommer 2012, dass seine Kapazität in spätestens zehn Jahren ausgelastet ist. Wobei davon auszugehen ist, dass die Betreiber bald eine Idee haben werden, das Unmögliche doch möglich zu machen. So wie auf dem Cypress Hills Cemetery weiter östlich im Bezirk. Der will nun auch die Lücken zwischen den bisherigen Gräbern und Teile der Wege befüllen, um erst in 20 Jahren sein letztes Grab schaufeln zu müssen. Und in Manhattan gibt es sowieso nur noch einen einzigen Friedhof, der Behausungen für die letzte Ruhe anbietet: Der Trinity Church Cemetery & Mausoleum am Hudson River in Harlem hat aber auch keinen Platz mehr auf dem Boden, sondern nur noch in den Grüften und kleinen Nischen in Wänden. Immerhin, dunkle enge Räume sind die New Yorker ja aus ihren Lebzeiten gewohnt.

Übrigens: Barack Obamas alte Zweiraumwohnung in der Hausnummer 142 der 109th Street an der Grenze zwischen Upper West Side und Harlem ist gerade auf dem Markt. Der Präsident wohnte dort während seines Studiums an der Columbia University für 360 Dollar im Monat. Heute ist sie für 2400 Dollar zu haben.

GRUND NR. 7

Weil der Krach der City von Kunst kaum zu unterscheiden ist

Wer sich in New York einen Hahn anschaffen will, muss sich umorientieren: Das ist verboten. Laut New York City Government sind Hähne zu laut für die Stadt.

Wenigstens ist man also vorm Hahnenschrei sicher, wenn man sich mal wieder den Soundtrack der 34th Street anhört. Selten nimmt man ihn bewusst wahr. New York hängt dir den ganzen Tag in den Ohren mit seinem Gesinge, Gekreische und Gezetere – irgendwann hörst du nicht mehr hin. Neulich aber lief ich zusammen mit einem Freund vom Herald Square zum Tick Tock Diner auf der 34th Street, Ecke 8th Avenue und versuchte, seiner Geschichte mit einem Fahrradhelm, einem aggressiven Biker und einem Eimer Farbe zu folgen. Da meldeten meine Ohren »error« und der antrainierte Lärmfilter gab den Geist auf. Das gesamte Orchester um mich herum war plötzlich präsent: ein schreiender Polizist, ein noch lauter schreiender Verrückter, Autohupen, schnatternde Teenies, Fahrradklingeln, ein loser Gullideckel, der unter jedem Auto klapperte, ein nicht zu identifizierendes Geräusch, das an Topfschlagen erinnerte, ein verzweifeltes Baby und – es heult immer irgendwo eine – Polizeisirenen.

Neben mir lief immer noch der plappernde Freund. Da suchten meine Nerven in einem hysterischen Lachanfall Erlösung. Wer wirklich einmal bewusst hinhört in New York, kann die Geräuschkulisse nicht anders als absurd finden. Wahnsinnig komisch!

Nachdem 1972 in den USA der bundesweite Noise Control Act in Kraft getreten war, hat New York City als eine der ersten Städte des Landes ein Gesetz gegen Lärm erlassen. 2007, mehr als 30 Jahre später, wurde es zum ersten Mal aktualisiert, da die alten Richtlinien keine Chance gegen die vielen neuen Lärmquellen hatten. Drei Preise hat der New York City Noise Code seitdem gewonnen, aber ein Oberammergau kann er aus der niemals schlafenden Stadt auch nicht machen. Lärm gilt ab einer Lautstärke von 85 Dezibel als gesundheitsschädigend – die New York Subway erreicht 95 Dezibel. Forscher der Columbia University warnen, dass eine tägliche 30-Minuten-Fahrt bleibende Hörschäden verursachen kann.

Der Verkehr in Midtown dröhnt den New Yorkern laut dem Department of Environmental Protection mit einer Lautstärke von 70 bis 85 Dezibel in den Ohren, zum Beispiel am Times Square. Genau hier nun erhebt sich der Lärm aber zur Kunst. Und kaum einer weiß das. Wo Broadway, West 46th Street und 7th Avenue aufeinandertreffen, hat Klangkünstler Max Neuhaus 1977 unter einem Subway-Abdeckgitter eine Soundskulptur installiert. Kein Schild weist darauf hin – Neuhaus wollte, dass die Menschen von allein stutzen und sich darüber wundern, was sie da eigentlich hören. Wenn sie denn etwas hören. Und ja: Was hört man da eigentlich mitten auf der mit jährlich 39 Millionen Besuchern meistbesuchten Touristenattraktion der Welt? Es klingt wie beruhigendes Summen oder auch verzweifeltes Stöhnen. Man denkt an Mönche oder an große Glocken oder daran, dass man deshalb kaum etwas von dieser Kunst versteht, weil die City drumherum ganz ähnlichen Krach macht.

Zurzeit hat sich eine Snackbude für italienische Panini direkt neben dem Gitter niedergelassen, deren Stromgenerator harmonisch zum kaum noch hörbaren Kunstwerk dröhnt. Dem 2009 verstorbenen Neuhaus hätte diese neue Herausforderung für sein Publikum sicher gefallen.

GRUND NR. 8

Weil keine andere so sexy ist

New York ist die Beyoncé unter den Städten. Der Ryan Gosling, der James Franco, der Michael J. Fox – und ich verbitte mir, dass irgendjemand jetzt mit den Augen rollt. This city is hot! Seit seiner Gründung ist New York Anziehungspunkt für Opportunisten, Fanatiker, Träumer und Abenteurer, die dafür kämpfen, dass die Stadt stets der Ort auf der Welt bleibt, an dem alles möglich ist. Und so wird hier auch die Freiheit der Triebe offen und stolz gefeiert. So wie jedes Jahr im März, wenn im Central Park die Kirschbäume blühen: Dann werden im Roseland, dem größten Ballsaal New Yorks, zwischen aufgedrehten Moderatoren, bizarren Performances und vielen Pobacken die Hookies vergeben, die Preise für die besten Callboys der Stadt.

Gerade habe ich mich gefragt, wie ich nun fortfahre, da schaue ich zum Tisch neben mir im Café, an dem ein junger Typ mit Baseballcap auf einem großen Zeichenblock Schriftzüge für ein Logo entwirft. Immer wieder schreibt er »Penis« und »Porn« und zeichnet dazu allerhand Geschlechtsteile. Irgendwo ganz in der Nähe gibt es Sex in New York, immer.

Wie kommt das? Ich habe den Naked Cowboy gefragt, der seit 1999 Touristinnen auf dem Times Square mit seinem Po glücklich macht – den geschäftstüchtigen Mann also, der Sexyness erst zu einem Markenzeichen machte und dann zu einem Wahrzeichen, vor dem die Sightseeing-Busse halten. »Viele, die hierherkommen, verspüren plötzlich Lust auszubrechen«, sagt der Cowboy, der eigentlich Robert Burck heißt. »Die Stadt macht einen verrückten Eindruck und viele Leute reagieren darauf, indem sie selbst ganz wild werden. Irre, was die Frauen mir für verschärfte Angebote machen und wie sie durchdrehen, wenn ich ihnen an den Hintern greife. In New York schaukeln wir uns alle gegenseitig hoch. Jeder hat Angst, in der Masse unterzugehen, und deshalb ist hier eine Frau hotter als die andere.«

Man kommt auf den Straßen New Yorks tatsächlich sehr leicht in Stimmung. Besonders in der Kleidung der Frauen zeigt sich der liberale Geist, der in jeden fährt, der eine Weile hier ist. Manchmal wirkt es gar nicht, als wollten sie ihre Reize bewusst zur Schau stellen. Hier scheint nur vieles normal geworden zu sein, wofür es andernorts noch einigen Mut braucht. Was ist mir schon alles entgegengekommen: Feinstrumpfhosen als Hosen, Unterhosen als Hosen, gar keine Hosen. Vor einem Monat saß ich in der Subway neben einer jungen Frau, die sich in der Brustwarzenregion ein dünnes Band einmal um den Oberkörper herumgeklebt hatte. Darüber trug sie ein transparentes Hemdchen in Beige. Ihre Hotpants waren so hot, dass sie beim Sitzen die Backen freilegten. Da sieht man im eigenen Minikleid schnell aus wie eine öffentlich-rechtliche Nachrichtensprecherin.

Ein Tipp für Leute mit besonders viel Appetit: Vor dem Flatiron Building an der Kreuzung von 5th Avenue, 23rd Street und Broadway mussten Polizisten schon im frühen 20. Jahrhundert herumstehende Männer mit Stielaugen zum Weiterlaufen auffordern. Die Winde fegen hier nun einmal so günstig durch die Schluchten, dass die Schwerkraft bei den Röcken keine Chance hat. Damals wie heute. Gerade neulich mussten Polizisten hier wieder jemanden verjagen – diesmal jedoch freundliche Hostessen, die kostenlose Vibratoren verteilten. Ihnen fehlte dazu die Genehmigung und die Meute wurde aufgelöst. Doch die Dildos kehrten zurück: Am nächsten Tag standen mit offizieller Erlaubnis zwei Anhänger voll im Meatpacking District. Hunderte New Yorker harrten fast eine Stunde lang aus, um Hand an ein neues Spielzeug zu legen. Und später sah man auf den Straßen und in der Subway überall Menschen, die stolz einen fliederfarbenen Plastikpenis in den Händen hielten. You can’t beat the good vibrations in this city!

GRUND NR. 9

Weil New York immer schon anders als gerade eben noch ist

Und immer wieder jault einem jemand ins Ohr: Ach, der Times Square war früher so schön rau und authentisch. Oh, ich kenne den Union Square noch, als da nur zwei Männer mit Joint und Gitarre saßen und »Stairway to Heaven« sangen. Ui, im Meatpacking District hat man früher für 50 Dollar Sex mit einer Prostituierten bekommen, heute gibt man 100 Dollar für durstige Frauen in Bars aus.

Richtig, am Times Square lungern nicht mehr die Dealer herum, sondern Papa Schlumpf, Hello Kitty und ein Mann jenseits der 70 im blauen Bikini, der Touristen, die ihm kein Trinkgeld für ein Foto geben, schon mal mehrere Blocks weit hinterherjagt. Union Square, Meatpacking District, Soho und viele andere Orte haben sich verändert, sind weniger kriminell, schrill, derb, erschwinglich, kreativ – weniger was auch immer und mehr irgendwas anderes geworden. New York ist nicht mehr das, was es einmal war, und jetzt manhattanisiert sich auch noch Williamsburg. Na und?

In den Weinerlichkeiten der Vergangenheitsanhänger steckt immer auch Angeberei: Ich war schon hier, bevor all die anderen kamen und New York verweichlicht haben. Ich kenne die gnadenlose Stadt von damals, den Kontrapunkt zu jedem bequemen Alltag überall sonst auf der Welt.

Was hängt er dann noch in Soho ab und jammert, der alte Nostalgiker? Kann er etwa nicht Schritt halten, ist nicht schnell genug für New York? Die Stadt ist nicht fixierbar und das ist eine ihrer besten Eigenschaften. Man kann so lange bleiben und so oft zurückkehren, wie man möchte, und nie wird man das »Been there, done that«-Gefühl bekommen. Man kann getrost vergessen, was gestern war, New York tut es auch. Zum Glück! Wie peinlich wäre es, wenn die Stadt für ewig das alte Bild von einem im Kopf behalten würde von damals, als man zum ersten Mal hier gewesen ist und vollkommen überfordert jedem im Weg herumgestanden hat!

Die beliebteste Bar am Platze ist immer wieder ein Erlebnis, denn den Status kann kaum eine länger als drei Hangover halten. Stimmungen, die nicht in Stein manifestiert sind, ziehen schnell weiter. So ist Bob Dylans Greenwich Village aus den 60ern verschwunden und lebt nur noch in Songs weiter, während man aber vom New York des 19. Jahrhunderts zwischen den Häuschen des Viertels wie eh und je einen ganz guten Eindruck bekommt.

Es liegt etwas Bewegliches, Unvollendetes in der Luft und es fährt in einen hinein. Die meisten spüren schon kurz hinterm Flughafen, dass das New-York-Erlebnis sie für immer verändern wird. Die Erinnerung daran darf man dann für immer behalten, während die Ruhelose weiterzieht, mit oder ohne einen, und sich ständig neu erfindet.

GRUND NR. 10

Weil die Subway das Paradies unter Erden ist

Die Tauben, die Subway fahren, hatten wir ja schon. Aber sie sind nicht die Einzigen, die sich von den Reizen des New Yorker Untergrunds angezogen fühlen. Einer der Fahrer der Q-Train, deren Strecke von Astoria in Queens durch Manhattan bis nach Coney Island reicht, ist ein Millionär. Ich kann das nicht beweisen, denn er weigert sich, es öffentlich zuzugeben. Aber ein Freund von mir ist der gute Freund seines besten Freundes und daher weiß ich: Einer der Fahrer der Q-Train ist Jazzmusiker und Millionär, der die Subway so sehr liebt, dass er noch jeden Tag vorn im Führerhäuschen durch das 108 Jahre alte Netz zuckelt.

Ein weiterer millionenschwerer, ach was, milliardenschwerer New Yorker fährt regelmäßig mit der Subway zur Arbeit: Mayor Bloomberg, der zehntreichste Mann der USA. Dem einen Dollar Gehalt pro Jahr, das er für seine Bürgermeisterdienste verlangt, ist das aber auch angemessen.

Und auch Erika Christensen fährt Subway. Die hinreißende 31-Jährige nennt sich »Love Conductor«, sie sucht auf allen Linien nach den perfekten Partien für ihre Single-Kunden, die für den Subway-Kuppelservice zwischen 39 und 456 Dollar zahlen. Neulich an Thanksgiving hätte sie die Qual der Wahl gehabt, als sich nach Macy’s Thanksgiving Day Parade Hunderte hübsche Cheerleader an der Penn Station in die C-Train Richtung uptown quetschten.

Es ist oft gerammelt voll in unserer geliebten Subway: Am 14. Dezember 2012 gingen die Türen der 2-Train an jedem Bahnsteig zwar ordnungsgemäß auf, aber in einen Wagen konnte niemand einsteigen, denn er war von oben bis unten und von vorne bis hinten mit bunten Luftballons vollgestopft. Des Rätsels Lösung? Keine Ahnung, die Türen gingen wieder zu und die Ballons fuhren weiter. Die Leute nehmen ja alles Mögliche mit in die Bahn: Couchen, Matratzen, Trommelsets …

Neulich roch es in der C-Train Richtung downtown sehr feierlich, als zwei Typen einen fast vier Meter hohen Weihnachtsbaum von der 81st bis zur 14th Street transportierten. Da war es für all die Mariachi-Bands, Tänzer und Poeten gar nicht so leicht vorbeizukommen. Und von all diesen Künstlern gibt es nicht gerade wenige: So viele – teils sogar namhafte – Musiker wollen im New Yorker Untergrund spielen, dass die MTA, das Verkehrsunternehmen der Stadt, jedes Jahr ein Casting veranstaltet. Nur die Besten bekommen die Erlaubnis, an bevorzugten Plätzen innerhalb des Subway-Systems spielen zu dürfen.

8,5 Millionen Fahrgäste geben sich täglich den Freuden der Subway hin. Man verbringt viel Zeit mit ihnen und hat teilweise doch nicht mehr als das Transportmittel gemein. Vielleicht fahren sie gerade zu einer Hahnenschau, zu einer Verabredung mit einem Auftragsmörder oder zu einem Treffen von Subway-Fans. Nebeneinander sitzen wir, geben und nehmen einander Energie, geben Dinge preis, die wir vor vielen anderen zu verstecken versuchen – Schuppen, Haare in der Nase, üble Gerüche. Die Subway ist einer der Gründe, warum man sich nicht so schnell einsam fühlt in dieser großen Stadt: Hier im Untergrund New Yorks bekommen wir menschliche Wärme en masse, haben danach die Nase voll davon und sind mehr als froh, wenn wir wieder allein sind. Und da die anonyme Masse jeden Tag da ist, ist sie uns so vertraut, dass wir ganz wir selbst sein können und unsere Privatsphäre keine Grenzen kennt, wenn wir unser Outfit wechseln, uns vom Hand- bis zum Blowjob an die Arbeit machen oder unseren Notdürften freien Lauf lassen. Sie ahnen es: Nichts, was die Subway noch nicht gesehen hätte!

Ein wenig hat sich das Publikum in den vergangenen Jahren geändert. In meinem Geburtsjahr 1979 fanden in der Subway im Durchschnitt täglich 261 Verbrechen statt, die »Guardian Angels« nahmen ihre Mission auf und Sicherheitsleute patrouillierten mit Schäferhunden. Frauen versteckten ihre Shoppingtüten in weniger verführerischen Beuteln, nie im Traum hätte jemand ein Nickerchen gewagt, aber so wach man auch war, nie würde man jemandem direkt in die Augen schauen. 1989 war die City schließlich so weit, die New Yorker mit einer Werbekampagne im Wert von mehr als zwei Millionen Dollar davon zu überzeugen, dass man sich wieder in die Subway trauen kann. Und heute? Heute schlummern die Pendler so seelenruhig, dass eine neue Generation Krimineller sie ebenso seelenruhig ihrer iDevices berauben kann.

Gut, wir sind in New York: Hin und wieder passieren von Beleidigung über sexuelle Belästigung bis zum Mord schlimme Dinge in der Subway – gerade neulich wollte eine aufgebrachte Frau eine andere mit einem Stift erstechen. Aber das eigentlich Unheimlichste, das einen durch fast jeden Waggon verfolgt, ist eine Werbeanzeige von einem gewissen Dr. Zizmor, seines Zeichens Dermatologe, mit stechenden Augen und Vorher-Nachher-Fotos, bei denen man nicht weiß, welche Version gruseliger ist.

Also, machen Sie die Augen lieber zu und genießen Sie für einen Moment, dass Sie sich an einem der spektakulärsten Orte der Welt befinden. If you can make it through there, you really can make it anywhere.

2. KAPITEL

The New York State Of Mind

Sind wir nicht alle ein bisschen New Yorker?

»To be a New Yorker you have to live here for six months, and if at the end of the six months you find you walk faster, talk faster, think faster, you’re a New Yorker.«

Ed Koch, 105. Bürgermeister von New York City (1978–1989)

GRUND NR. 11

Weil man hier noch an etwas glaubt

Heute Morgen, die A-Train hatte mich gerade in eine Schlummer-Reprise zurückgeruckelt, als mich die Stimme Gottes von hinten anschrie: »Glaubst du etwa nicht an den Herrn?«

Die Stimme Gottes war hysterisch, scheppernd, erbarmungslos. Nur Gott weiß, warum er sie auserwählt hat, um morgens um zehn zu seinen Schafen in der A-Train zu sprechen.

»Wisst ihr denn nicht, dass euch ewiges Leiden erwartet, wenn ihr Gott nicht zu eurem Beschützer macht?«

Mit etwas Glück wird es leichter zu ertragen sein als du, dachte ich.

»Gott wird dich retten!«

Er ist gerade dabei zu beweisen, dass er nicht der Beste auf seinem Gebiet ist.

»Ladies and Gentlemen, das ist die frohe Botschaft, ich sag’s euch. Mit Gott, vertraut, werdet ihr glücklich sein. Doch niemals, niemals zweifelt, er wird es nicht verzeihen. Oh, Noahs Arche! Seine Strafe ist ewig.«

Ein rachsüchtiger Übelgelaunter und seine nervige Gesandte in Gestalt einer Endzwanzigerin in Leggings. Herrlich!

Wenigstens setzte sie sich hin, nachdem sie mit ihrer Predigt fertig war. Doch der Herr selbst hatte offenbar noch nicht genug.

»Jesus, Jesus, Jesus«, rief ein Obdachloser, der bis dahin unauffällig in einer Ecke gesessen hatte. Inspiriert von seiner Vorrednerin nutzte jetzt auch er die Gelegenheit, göttliche Gedanken vorzutragen. Als er sich wieder setzte, waren wir erst auf halber Strecke der zehn Minuten dauernden Fahrt zwischen 125th und 59th Street. Ich betete, es mögen sich nicht noch mehr Gesandte melden.

New York gilt vielen, vor allem dem Rest der Vereinigten Staaten, als gottlose Metropole. Das stimmt aber nicht ganz. Laut der Association of Religious Data Archives sind etwa 83 Prozent aller New Yorker gläubig. Natürlich verteilen sich ihre Bekenntnisse aber auf eine Unmenge unterschiedlicher Religionen, Sekten, Kulte und anderer spiritueller Kameradschaften.

Einmal saß ich auf einer abgeranzten Bank im Subway-Schacht der 23rd Street in Chelsea und fühlte mich ähnlich abgeranzt. Plötzlich zeigte mir die Frau neben mir die Schwielen auf ihren Handflächen und beklagte sich über ihre schweren Tüten. New York hat für jede schlechte Laune ein Ablenkungsmanöver parat. Mit Carla, einer Jamaikanerin um die 40 mit langen Zöpfen und grünen Augen, redete ich, angeregt von ihren Schwielen, über Gott und die Welt und meine Laune. Ich solle doch einmal bei ihr in der Kirche vorbeikommen, das wirke reinigend.

»Was für eine Kirche ist das, an wen glaubst du?«

Die Antwort muss ganz offensichtlich im englischen Original wiedergegeben werden: »Oh, we’re just doing shit with the bible and stuff.« Gut für Carla, das hört sich vergnüglich an.