Wodka für den Torwart - Serhij Zhadan - ebook

Wodka für den Torwart ebook

Serhij Zhadan

0,0

Opis

Das Vergnügen am Ball ist ein Vergnügen am All, heißt es in einem der Texte in diesem Buch - soweit kann's gehen, wenn man sich literarisch auf den Fußball einlässt. Das Buch ist eine Einladung in die Ukraine und eine Einladung zum Fußballspiel; es lädt ein zu Begegnungen mit kickenden Priesteranwärtern, mit KGB-Offizieren und Mafia-Bossen, mit versoffenen Ex-Profis und ganz normalen Fans im Fußballfieber. Literatur rund um den Fußball, gerade recht zur Europameisterschaft 2012, die Polen und die Ukraine gemeinsam austragen: Elf Autoren und Autorinnen auf der Suche nach einem Fußball erzählen elf Geschichten aus der Ukraine.

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Inhalt

Vorwort

Maxym Kidruk

Der Transfer

Serhij Zhadan

Weiße Hemden, schwarze Hosen

Jurij Wynnytschuk

Die uns beobachten

Irena Karpa

Rola, Bola, Futbola

Saschko Uschkalow

Die Fußballschuhe

Natalka Sniadanko

Die schöne Schlichtheit des Irrationalen

Olexandr Hawrosch

Das ukrainische Brasilien

Tanja Maljartschuk

Kiew: mein persönlicher Reiseführer

Oksana Sabuschko

Die Ballade vom Abseits

Artem Tschech

Ein letzter K.o.-Schlag

Andrij Kokotjucha

Der Nerd und sein Trainer

Autorinnen und AutorenÜbersetzerinnen und Übersetzer

Vorwort

Das Spiel gerät in Vergessenheit, das Ergebnis aber bleibt. (Waleri Lobanowski)

Was ist der ukrainische Fußball, was war der sowjetische? Welche Namen sind geblieben? Welche Vereine gibt es? Was bedeutet ein Verein für seine Stadt und wem gehört er? Wer sind die ukrainischen Fans und wie leben sie? Ändert die EM 2012 das Leben in der Ukraine? Was denken die Ukrainer über ihre EM-Gegner?

Auf der mentalen Landkarte Europas nimmt die Ukraine noch immer eine Randposition ein. Da schaut man – mit Spannung und Interesse – schon eher nach Polen, EU-Mitglied und Mitveranstalter der EM 2012.

Fußball in der Ukraine

Dabei lieben die Ukrainer Fußball. Auch wenn Eintrittskarten ziemlich teuer sind, ziehen die Ligaspiele Tausende von Zuschauern an; oder man fiebert am Fernseher mit, die Erfolge und Niederlagen der Mannschaften – ob international oder bei der eigenen Meisterschaft – sind überall Gesprächsthema.

Die Ukraine kann auf eine große Fußballgeschichte zurück­blicken: Als sie noch Teil der Sowjetunion war, brachte das Land viele wichtige Spieler und erfolgreiche Vereine hervor. Man denke nur an den Trainer Waleri Lobanowski, an die Stürmer Oleg Blochin und Igor Belanow und natürlich Dynamo Kiew.

Auch furchtbare Kapitel der ukrainischen Geschichte sind eng mit dem Fußball verbunden. Legenden ranken sich um das so genannte „Todesspiel“ zwischen einer Wehrmachtauswahl und dem FC Start 1942 im besetzten Kiew. Die Spieler des FC Start ließen sich trotz Einschüchterungen den Sieg über die Wehrmacht nicht nehmen und etliche bezahlten dafür mit Lagerhaft und Tod.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gingen viele ukrai­nische Top-Spieler nach Russland oder Westeuropa; dort lockten sichere Karrieren und viel Geld. Trotzdem brachten ukrai­nische Vereine auch in den 1990er Jahren herausragende Spieler wie Andrij Schewtschenko, Anatolij Timoschtschuk oder Andrej Woronin hervor, die zu den besten der westeuropäischen Ligen zählten oder zählen. Bei der Weltmeisterschaft 2006 stieß die Nationalmannschaft, nach den Trikotfarben die „Gelb-Blauen“ genannt, bis ins Viertelfinale vor.

Nach ihren ersten Blütezeiten in den 1980er und 1990er Jahren spielen ukrainische Vereine wie Dynamo Kiew, Schachtar Donezk und Dnipro Dnipropetrowsk auch heute wieder international erfolgreich mit. Besonders Schachtar Donezk – gefördert vom reichsten Ukrainer, dem Oligarchen Rinat Achmetow – ist in den letzten Jahren regelmäßig in der Champions League oder Europa League aufgefallen. In der ostukrainischen Bergbauregion werden internationale Spitzenspieler eingekauft, im August 2009 wurde die neue Donbass Arena eröffnet, im gleichen Jahr gewann Schachtar den UEFA-Pokal. Damit stiften Oligarch und Verein auf regionaler Ebene Identität. Gleichzeitig stärkt Achmetow seinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Da versteht es sich von selbst, dass Donezk einer der EM-Austragungsorte ist.

„Creating history together“– Die EM 2012

Vielleicht ist Fußball nur ein kleiner Ausschnitt der Gesellschaft. Jedenfalls wurde und wird die Ukraine bisher in Deutschland wenig beachtet: „Unsichtbar“ gar nennt sie der Slawist Walter Koschmal. Die Fußball-Europameisterschaft rückt das Land nun in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit im Ausland. Wie Ulrich M. Schmid in der Neuen Züricher Zeitung schrieb, darf man „jedoch annehmen, dass die Ukraine erst dann zu einer stabilen kulturellen Identität findet, wenn ihr Selbstbild in Europa auch durch ein passendes Fremdbild ergänzt wird. In diesem Prozess kann die ukrainische Literatur eine wichtige, wenn nicht entscheidende Rolle spielen.“ Oder auch der Fußball. So hofft die Ukraine auf ihr Sommermärchen, bei dem sie den Gästen und Fernsehzuschauern ein authentisches, klischeefreies Bild ihrer Kultur präsentieren kann.

Es ist eine wichtige Chance für das Land, nachdem die Hoffnungen der Orangen Revolution von 2004 auf Freiheit, Wohlstand und Anbindung an die EU durch jahrelange politische Grabenkämpfe geschwunden sind und mit der aktuellen Politik des Präsidenten Wiktor Janukowytsch vorerst keine Verbesserung in Sicht ist. Die Ukraine ist auf dem Weg zu einer „gelenkten Demokratie“ wie in Russland. Das zeigt sich unter anderem im Gerichtsurteil gegen die frühere Ministerpräsidentin und Ikone der Orangen Revolution Julia Tymoschenko, das deutsche und europäische Politiker heftig kritisiert haben.

Der vorliegende Band

Wir wollen in Fußball und Literatur ein Stück Ukraine zeigen – deshalb hat der Übersetzerverein translit mit finanzieller Förderung durch die Robert Bosch Stiftung und die DFB-Kulturstiftung elf namhafte Autorinnen und Autoren eingeladen, über ihr Land und den Fußball zu schreiben. Die Texte könnten unterschiedlicher kaum sein. Im Vordergrund stehen Geschichten über, um, mit dem Fußball. Aber auch Porträts von Regionen und Städten sind zu finden. Die elf Autorinnen und Autoren laden ein: zu einem Besuch im Land während der EM, aber auch zu Begegnungen mit Priesteranwärtern, mit KGB-Offizieren und Mafia-Bossen, mit versoffenen Ex-Profis und ganz normalen Fans im Fußballfieber.

Verein translit

Der Transfer

Die Geschichte einer großen Schlappe

Maxym Kidruk

1

Wahrscheinlich ist nun genug Zeit vergangen, und so kann ich einige bislang unbekannte Details über die größte Schlappe unserer berühmtesten Fußballmannschaft verraten. Es geht um den ukrainischen Meister Torpedo Kiew.

Auf den ersten Blick mag euch meine Geschichte unglaubwürdig, ja sogar unwahrscheinlich vorkommen. Aber wer sich noch an die Emotionen erinnert, die das grauenvolle Spiel zwischen dem Meister aus der Hauptstadt und dieser Amateurmannschaft aus der Provinz hochkochen ließ, wird sicher verstehen, worum es in meiner Erzählung geht, und einsehen, dass nichts erfunden ist.

Verblüffend ist vor allem, dass all die Dinge, die zu dieser Schlappe geführt haben, mit Fußball gar nichts zu tun haben. Das klingt merkwürdig, ist aber wahr. Am besten erzähle ich einfach, wie es war.

2

In der Nacht, als Tjomyk und ich aus Kiew abhauten, um uns vor den Mitarbeitern der italienischen Botschaft, der Kiewer Polizei, einer kleinen Schar Fußballfans, vier Vorstehern des FC Torpedo und einigen wütenden Funktionären des ukrainischen Fußballbunds in Sicherheit zu bringen, ging ich in Gedanken die Geschehnisse der letzten zehn Tage wieder und wieder durch, um zu begreifen, wie es zu dieser verworrenen Situation gekommen war. Und dann fielen mir zwei Ereignisse ein, die zu dem geführt hatten, was die Presse zu Recht als „unrühmlichste, peinlichste und beschämendste“ Niederlage in der Geschichte der Kiewer Mannschaft bezeichnet hatte.

Den Anstoß zu allen folgenden Ereignissen gab meine Pleite mit den Wegwerfbrillen für die Sonnenfinsternis.

Vielleicht wisst ihr noch, wie Anfang letzten Herbstes die ganze Ukraine der Sonnenfinsternis entgegenfieberte. Weil sie tagsüber eintreten und noch dazu auf einen freien Tag fallen würde und weil es in den Massenmedien schon einen Monat im Voraus kein anderes Thema mehr gab, wollten alle dieses Ereignis mit eigenen Augen verfolgen. Die zentralen Plätze der großen Städte wurden fürs Public Viewing hergerichtet, die Leute taten sich zusammen, um die Hochhausdächer zu putzen und von dort aus das Verschwinden des Lichts zu beobachten. Aber keiner hatte daran gedacht, dass der größte Teil der Sonne auch während der Finsternis ziemlich kräftig strahlen und all die Zuschauer, die keine speziellen Schutzgläser trugen, unbarmherzig blenden würde. Daraufhin kam ich auf die glänzende Idee, vor Ort einfache Papp-Sonnenbrillen an die Beobachter zu verkaufen. Eine gründliche Marktanalyse ergab, dass ich allein in den großen Städten zweihundertvierzigtausend Papierbrillen verkaufen könnte!

Ich dachte nicht lange nach und lieh mir bei einem meiner Gangsterfreunde die nötige Summe in US-Dollar (in bar, mit kurzer Laufzeit, aber mit Wahnsinnszinsen), orderte in China einen halben Container Wegwerfbrillen und stellte fünfundachtzig junge Leute ein, Promoter, wie es heute heißt, die die Ware unters Volk bringen sollten.

Der Plan war einwandfrei. Ich kalkulierte jede Brille mit zehn Hrywnia. Was waren schon zehn Hrywnia, wenn es um ein so bedeutsames Ereignis ging. Ich rechnete aus, dass der Selbst­kostenpreis einer Produktionseinheit neunundachtzig Kopeken betrug. Da würde ein ordentliches Sümmchen für mich rausspringen. Hätte rausspringen können, aber … das ganze Projekt ging baden. Und alles wegen des verfluchten Wetters. Am Samstag, als diese verdammte Sonne sich verfinsterte, goss es in der Ukraine den ganzen Tag, der Himmel war derart verhangen, dass es während der totalen Finsternis nicht einmal dunkler wurde …

Statt zweihundertvierzigtausend verkaufte ich ganze sieben Stück. Und selbst die runtergesetzt … Der klassische epic fail, Kommentar überflüssig.

Nach dieser Pleite rückten mir drei durchtrainierte Schlägertypen – Vertrauenspersonen meines Gläubigers – auf die Pelle und erinnerten mich ständig daran, was sie wollten: Variante a) ihre vierundzwanzigtausend Kröten oder Variante b) meine Eier. Ersteres hatte ich nicht und vom zweiten wollte ich mich auf gar keinen Fall trennen. Nachdem ich die Hoffnung aufgegeben hatte, dass einer meiner Bekannten mir vorübergehend eine so große Summe leihen würde, suchte ich Hilfe bei meinem Onkel Stjopa. Der arbeitete schon seit sieben Jahren als Schlosser bei Alfa Romeo in Italien.

Onkel Stjopa war eigentlich ein ziemlich taffer Typ. Deshalb erwähnte ich vor meiner Anreise das Geld in weiser Voraussicht lieber nicht. Zuerst ließ ich meinen Onkel einfach wissen, dass ich ihn besuchen käme, und erst später, als ich in Portello, einem Kaff bei Mailand, angekommen war, erklärte ich ihm mein Problem und bat ihn um eine stabilisierende Finanzspritze. Statt meine Finanzen zu sanieren hätte mir Onkel Stjopa beinahe die Fresse poliert. Er sagte, dass es – ich zitiere – „höchste Zeit ist, dich an deinem gewissen Etwas aufzuhängen, und wenn diese Vergewaltiger dich rannehmen, ist das nur zu begrüßen.“ Ich dankte artig und fuhr nach Mailand zurück. Ich hatte eben noch nie einen guten Draht zu meiner Verwandtschaft.

Das war der erste Grund.

Der zweite Grund für alle weiteren Unannehmlichkeiten war jener verfluchte Transfer, der spektakulärste Neuerwerb der ukrai­nischen Premier League in der Saisonpause. Unser Fußball­gigant Torpedo Kiew kaufte von Inter Mailand den jungen Stürmer Raimondo Giunipero. Die Bosse des Kiewer Klubs legten für den Fußballer eine unerhörte Summe hin, so viel wie das Jahresbudget einer mittleren ukrainischen Provinzstadt, aber alle waren glücklich und zufrieden. Hauptsache, man stellt was dar.

Zum ersten Mal in der Geschichte des ukrainischen Fußballs wechselte ein Spieler dieses Niveaus in die Ukraine, sonst gingen immer alle weg. Natürlich berichteten darüber sämtliche Massenmedien, und das Foto des lächelnden blonden Raimondo zierte die Spalten aller ukrainischen Zeitungen und Magazine. Der Fußballer sollte ein für die Ukraine beispielloses Gehalt von einhundertachtzigtausend Euro pro Monat erhalten!

Diese beiden Vorkommnisse waren der Anfang für eine Verkettung von Ereignissen, die zuerst überhaupt nichts miteinander zu tun hatten und sich kaum überschneiden konnten. Das launenhafte Fräulein Fortuna aber hatte anderes vor. Die völlig getrennten Geschichten verflochten sich in der Kabine des neuen Alitalia-Airbus A320 von Mailand nach Kiew. Mit diesem Flugzeug kehrte ich für mein letztes Geld nach Hause zurück. Und mit diesem Flugzeug flogen auch Raimondo Giunipero und sein Agent.

Und dann gab es noch einen dritten, den vielleicht wichtigsten Umstand, ohne den die Geschichte gar nicht zustande gekommen wäre. Ich spreche von der auffallenden Ähnlichkeit zwischen Raimondo Giunipero und Tjomyk, meinem langjährigen Geschäftspartner.

Obwohl Raimondo einen italienischen Pass hat und von Geburt an in Mailand lebt, stammt er ursprünglich aus einer öster­reichisch-kroatischen Familie und sieht überhaupt nicht wie ein typischer Italiener aus. Der junge Stürmer ist dünn, knochig, hat strahlend blaue Augen und lange mittelblonde Haare, die etwas gelockt sind, und genau so … sieht Tjomyk aus. Sicher sind sich die Jungs nicht so ähnlich wie Zwillinge, aber aus einer gewissen Entfernung kann man sie leicht verwechseln. Ich habe mir nicht nur einmal einen Spaß daraus gemacht, meinen Partner mit der Nase auf „sein“ neuestes Foto in einem der vielen Sportblätter zu stoßen. Als die Nachricht über den Transfer von Giunipero zu Torpedo bestätigt und in allen Massenmedien bekannt gegeben wurde, zeigten in der Metro immer wieder Leute auf Tjomyk. Also zog ich ihn noch mehr auf. Völlig daneben. Damals hatte ich noch nicht geschnallt, welchen Profit und welche unglaubliche Perspektive diese seltene und unglaubliche Ähnlichkeit bieten konnte.

Dass das Schicksal mir das sicher schönste Geschenk zuschob, seit ich Geschäftsmann bin, begriff ich eigentlich erst, als sich die ersten zwei Gründe für diese Geschichte im Flugzeug nach Kiew kreuzten …

3

„Guten Abend! Ihre Bordkarte bitte.“

Nickend erwiderte ich die Begrüßung und übergab der Stewardess meinen Kartenabschnitt.

„Ihr Platz ist 14 A. Etwas weiter hinten in der Kabine. Linker Hand am Fenster.“

Ich nickte noch einmal, warf einen letzten Blick auf das graue Glas-Beton-Gebäude des Flughafens Malpensa und betrat die Kabi­ne. Das mäßige Brausen der Triebwerke, die vor dem Abflug hochgefahren wurden, und das Klappern von Koffern und Taschen, die gemächlich, fast unwillig, auf dem Gepäckband in den Flugzeugbauch krochen, wurde plötzlich dumpfer und fast unhörbar. Die schwülwarme Luft Norditaliens wurde von der kühlen Atmosphäre der Passagierkabine mit ihrem Plastikgeruch abgelöst.

Während ich mich zu meinem Platz vorschob, ging mir durch den Kopf, dass mir jegliche Lust fehlte, in die Ukraine zu fliegen. Dort warteten schon die Schranktypen, um mir die Fresse zu polie­ren. Wäre nicht mein Schengenvisum abgelaufen, wäre ich vielleicht in Italien geblieben. Aber mit Botschaftsvertretern und Migrationsbehörden wollte ich mich nicht anlegen, schon gar nicht in einem EU-Land.

Ich war schon fast bei Reihe vierzehn angelangt, als ich plötzlich direkt vor mir Tjomyk bemerkte. Ich war so in all den trüben Gedanken versunken, dass ich beinahe „Hallo, Tjomyk!“ gerufen hätte, aber zum Glück besann ich mich rechtzeitig. Eine innere Stimme flüsterte mir zu, dass mein Partner nicht hier sein konnte. Kurz war ich ganz entgeistert, kapierte dann aber, dass ich den berühmten Raimondo Giunipero vor mir hatte! Als ich mir den Stürmer genauer anschaute, schnalzte ich mit der Zunge: Die Ähnlichkeit mit Tjomyk fiel in der Realität noch mehr ins Auge als auf den Fotos.

Der Fußballstar saß auf Platz 15 A, genau hinter mir. Neben ihm, auf Platz 15 B, lümmelte ein stämmiger Typ in einem teuren Anzug, einem Designer-Seidenhemd mit Stehkragen und einem fetten Goldarmband am rechten Handgelenk. Das musste der Agent sein, der den Stürmer in die Ukraine begleiten sollte.

Die Italiener unterhielten sich leise und beachteten mich nicht.

Ich warf meinen Rucksack ins Gepäckfach und sank auf meinen Sitz. Die unerwartete Begegnung hatte mich völlig verwirrt. Ich bemühte mich, meine Gedanken zu ordnen, und überlegte, was ich mit den Schulden machen und wohin ich vor den Gläubigern fliehen sollte. Aber die Gedanken sprangen immer wieder zu Raimondo Giunipero, seinem Agenten, der eher einem Mafioso ähnelte, und … und zu Tjomyk. Aus diesem Chaos, das in meinem Kopf herrschte, schälten sich zwei Dinge heraus: Erstens musste ich vierundzwanzigtausend Kröten auftreiben, und zwar schnell. Zweitens glichen sich Raimondo und mein Tjomyk wie ein Ei dem anderen.

Die verschiedenen Ideen und Gedanken flimmerten vor meinen Augen wie Kinobilder im Zeitraffer. Natürlich war keiner meiner Pläne auch nur ansatzweise realistisch, die Erfolgsquote kam gerade an die 30 Prozent heran. Ich überlegte hin und her, was tun, und von welcher Seite ich das Problem an­packen sollte. Nur einer Sache war ich mir sicher: Ich konnte sie nicht einfach ziehen lassen. Ich musste den Fußballer und seinen Agenten um jeden Preis aufhalten, sie daran hindern, ins Trainingszentrum von Torpedo zu gelangen. Alles andere würde sich schon finden.

Nach zehn Minuten war das Boarding beendet, und die Stewar­dessen begannen mit ihrem Sicherheitsballett.

4

Der Himmel war tintenschwarz, als der Airbus A320 seinen Sinkflug begann.

Während der zwei Flugstunden war es mir nicht gelungen, einen realistischen Plan auszuklügeln, der den Mailändern auf ukrainischem Boden ihre Bewegungsfreiheit nehmen würde.

Als ich in Ruhe darüber nachdachte, dämmerte mir, dass meine Aufgabe äußerst komplex war. Um meine Idee erfolgreich in die Tat umzusetzen, musste ich Raimondo und seinen Agenten mindestens für einen Monat aus dem Verkehr ziehen. Und zwar so, dass niemand Verdacht schöpfte!

Aber ich gab nicht auf.

Sofort nach der Landung trat ich dem Fußballer wie zufällig auf den Fuß.

„Hey! Guck hin, du Arschloch!“, pampte mich der Fußballer an. „Diese Beine sind mehr wert als deine dämliche Birne.“

Zum Glück war ich mit den Besonderheiten der italienischen Sprache nicht so vertraut, sonst hätte ich dem Flegel wahrscheinlich buchstäblich seine Bewegungsfreiheit genommen.

„Entschuldige, Kumpel! War keine Absicht.“

„Was ist das Problem?“, fragte der Agent und trat zwischen uns. „Raimondo, bist du okay? Hat er dich angegriffen? Ich ruf’ gleich die Polizei.“

„Immer mit der Ruhe, Signore. Sie brauchen nicht die Polizei zu rufen. Ich bin Ihrem Schützling nur versehentlich auf den Fuß getreten. Es ist mir wirklich sehr unangenehm, entschuldigen Sie. Als Wiedergutmachung würde ich Sie gerne … ähä … hmmhhhh … Sie beide in meine Villa am Dnipro einladen … Ja, ja … Und abends können wir auf meiner Jacht den Fluss entlang fahren …“

Das war schamlos gelogen. Natürlich hatte ich weder eine Villa noch eine Jacht, doch ich musste mich irgendwie an die beiden dranhängen.

Der fette Zwerg rückte mir auf die Pelle. Er presste sich gegen meinen Bauch. Dann hüstelte er und führte Raimondo an der Hand von mir weg.

„Vielleicht morgen? Signore?“, rief ich hinterher. „Geben Sie mir Ihre Adresse!“

„Lass uns in Ruhe, du Pfeife!“, gab der Agent auf Englisch zurück.

Als wir in den Bus stiegen, der uns gemächlich zum neuen, völlig überflüssigen Terminal F brachte, holte ich mein Handy aus der Tasche und wählte die 102.

„Hallo, guten Tag! Ist da die Polizei?“, flüsterte ich in den Hörer. „Ich möchte eine Anzeige erstatten. Eben ist Flug PS 312 aus Mailand mit zwei Wiederholungstätern in Borispil gelandet … Erho…was? … Nicht Erholungsvätern, sondern Wiederholungstätern! Der eine ist so ein Kräftiger im hellbraunen Business­anzug, der andere ist ein junger Bursche in Trainingsjacke, blauen Jeans und weißen Turnschuhen. In ihrem Koffer sind acht Kilo Koks … na, Kokain … Ja, Drogen … Wie bitte?! Das kann ich nicht sagen! Auf Wiederhören. Mehr kann ich nicht sagen. Tun Sie was …“

Nach einer halben Stunde, als die meisten Passagiere des Mailänder Flugs durch die Passkontrolle gegangen waren und geduldig an der Gepäckausgabe warteten, kamen zwei Zollbeamte und ein zwanzigköpfiges Sicherheitskommando auf Raimondo und seinen Agenten zu.

Ich stand beim Gepäckband und beobachtete unauffällig, wie sich die Situation entwickelte. Das Sonderkommando durchsuchte zuerst alle Taschen der Italiener und befahl ihnen dann sich aus­zu­ziehen, wobei sie das unaufhörliche Kreischen, die Einwände und Drohungen des breitschultrigen Agenten überhörten. Aber natürlich fand das Sonderkommando nichts. Zuletzt kontrollierten sie die Verdächtigen noch einmal und ließen sie dann gehen.

Die wütenden und schrecklich mitgenommenen Italiener gingen zum Ausgang. Ununterbrochen verfluchte der Agent die Ukraine und ihre rohen Sitten. Raimondo schwieg finster, wahrscheinlich bedauerte er schon seine übereilte Entscheidung, zu einem osteuropäischen Klub zu wechseln. Ich fluchte kurz, warf mir die Tasche über die Schulter und eilte ihnen nach.

Ohne einen Preis auszuhandeln, sprang ich vor dem Flughafen ins erstbeste Auto.

„Chef, der Karre nach“, sagte ich und zeigte mit dem Finger auf die hellblaue Limousine Hyundai Sonata, in die sich Raimondo Giunipero und sein Agent soeben gesetzt hatten.

Der Fahrer nickte. Der Motor heulte auf und das Auto fuhr auf die Parkplatzausfahrt zu, in einigen Metern Abstand zum Taxi mit den italienischen Gästen.

5

Ich steckte den Kopf aus dem Autofenster und blickte hoch. Eins von Tjomyks Fenstern war erleuchtet. Er ist also zu Hause, dachte ich erleichtert. Darauf zog ich das Handy aus der Tasche, blieb im Auto sitzen und rief ihn an.

„Hallo, Max“, antwortete mein Geschäftspartner verschlafen. „Bist du schon gelandet?“

Ich atmete tief ein und schwatzte mit möglichst munterer Stimme los:

„Ja! Ich bin schon hier! In der Heimat! Es ist … so viel passiert. Ich glaube, wir brauchen neue Ideen, Alter!“ Ich holte immer weiter aus. „In den letzten Monaten ist unser Geschäft ins Stocken geraten, Kumpel, und unsere Hirne sind atrophiert! Oder etwa nicht? Überleg mal, wie tief wir gesunken sind! Aber ich bin nicht untätig gewesen, Alter, nicht den kleinsten Augenblick! Ich hab’ da so einen Deal am Laufen, du machst dir in die Hosen, wenn du das hörst!“

„Wo bist du grade?“, unterbrach mich Tjomyk.

„Vor deinem Haus.“

„Dann komm hoch und erzähl mir, was los ist.“

„Ich … kann … nicht …“

„Warum?“

„Der Taxifahrer lässt mich nicht …“

„Hmmh … Wieviel will er?“

„Dreihundertfünfzig Hrywnia.“

„Dann gib ih…“, Tjomyk brach mitten im Satz ab, als er kapierte, was los war. „Sag, dass er warten soll, ich bring’ das Geld.“

Es dauerte nicht lange und mein Partner sprang aus der Tür, bezahlte den Taxifahrer und nahm mich mit rein.

„Bier ist im Kühlschrank. Wenn du Tee willst, mach ihn dir selbst.“

Ich nickte dankbar und holte mir eine Flasche Bier.

Als ich zurückkam, lümmelte Tjomyk auf dem Sofa, hielt ein Notebook auf den Knien, knabberte Sonnenblumenkerne und schaute sich die neue Zeichentrickserie „Happy Tree Friends“ auf You Tube an.

Ich sank neben ihm aufs Sofa, öffnete die Flasche mit den Zähnen und nahm einige große Schlucke. Dann erklärte ich alles, direkt und ohne Umschweife:

„Tjom, mein Freund, wir können leicht und schnell fette Kohle machen, aber ich brauch’ deine Hilfe. Diesmal ist alles hundert Prozent sicher, Alter!“

Artjom schielte argwöhnisch zu mir. Er wusste aus eigener bitterer Erfahrung, wozu neunzig Prozent meiner verrückten Ideen aus der Kategorie „fette Kohle machen“ führten.

„Ist es gefährlich?“, brummte er.

„Nicht die Spur.“

„Bist du sicher? Nicht so wie beim letzten Mal?“

„Natürlich nicht! Alles geht glatt! Das garantier’ ich.“

„Dann leg’ mal los, ich spitz’ die Ohren“, sagte Artjom und stellte den Film auf Pause.

„Ich bin in einem Flugzeug mit Raimondo Giunipero geflogen!“, schoss ich los.

Tjomyk runzelte die Stirn und überlegte, woher er den Namen kannte.

„Das ist der Stürmer von Inter Mailand“, erinnerte ich ihn. „Das heißt, der ehemalige Inter-Stürmer. In der neuen Saison spielt er für Torpedo.“

„Aha …“, sagte mein Kumpel gedehnt. „Ja, jetzt fällt’s mir wieder ein … Der Jahrhunderttransfer.“

Tjomyk verzog das Gesicht. Offenbar dämmerte ihm was.

„Ich hab’ dir diesen Typen ein paar Mal in der Zeitung gezeigt“, schwatzte ich währenddessen weiter. „Ihr seht euch total ähnlich! Total. Ich bin ihm und seinem Agenten von Borispil aus hinterher gefahren. Sie wohnen im Hyatt.“

„Max, was hast du dir ausgedacht?“, Tjomyks Zurückhaltung ging allmählich in Panik über, das konnte man an seinen blauen Augen sehen.

Ich ließ mich aufs Sofa zurückfallen. Die linke Hand warf ich hinter den Kopf, mit der rechten trommelte ich nachdenklich aufs Knie. Ich überlegte, wie ich das Gespräch am geschicktesten fortsetzen könnte.

„Weißt du wenigstens, Tjom, wie viel Geld dieses österreichisch-kroatische Äffchen im Jahr bekommt? Das errätst du nie … Mehr als zwei Millionen Euro! Und er ist ein totaler Milch­bubi, drei Jahre jünger als du, Alter. Ich könnte kotzen vor Wut, wenn ich nur dran denke. Hundertachtzigtausend im Monat! Und das ohne Prämien! Kapierst du? Das würde manchem fürs ganze Leben reichen …“

„Max“, die Stimme meines Kumpels klang angespannt, „was hast du vor?“

„Ich will euch vertauschen“, brummelte ich geschwind.

„Waaaas?!! Nein!“

„Nur für einen Monat!“

„Nein!!“

„Du wolltest doch mal Schauspieler werden. Ich biete dir die Gelegenheit, den besten Nachwuchsfußballer Europas zu spielen!“

„Nein, nein und wieder neeeeiiin!!!“

Langsam wurde ich ärgerlich.

„Was ist mit dir los, Alter? Ist dir das Hirn versauert oder was? Blas’ mal deine Hirnwindungen durch, Tjom! Du musst gerade mal dreißig Tage durchhalten für ein Monatsgehalt. Und das ist fast eine viertel Mille in Euro!“

„Glaubst du, die kriegen im Klub nicht mit, dass ihnen ein falscher Raimondo Giunipero untergeschoben wurde?“

„Willst du mich verarschen? Das merkt doch keiner. Zuerst machen sie irgendwelche medizinischen Untersuchungen, dann geben sie dir mit Sicherheit eine gewisse Zeit zur Anpassung und Eingewöhnung. Im schlimmsten Fall inszenierst du beim Training eine Verletzung. Es geht doch nur um einen Monat, Alter! Und dann sind wir sagenhaft reich! Wenn alles nach Plan läuft, müssen wir ein ganzes Jahr lang niemanden betrügen oder austricksen.“

Tjomyk blickte finster und schwieg. Der Junge dachte so stark nach, dass sich seine Augenbrauen bewegten. Endlich antwortete er.

„Na gut, du Superhirn, und wo willst du den echten Fußballer hinschaffen?! Und dann auch noch für einen ganzen Monat, häh?“

„Du kümmerst dich am besten nicht um die Dinge, die dich nichts angehen“, schnaubte ich. „Giunipero übernehme ich! Deine Aufgabe ist es, zum Trainingszentrum von Torpedo zu fahren und vier Wochen lang den Raimondo zu mimen. Und fertig! Die ausgezeichnete Verpflegung, der geregelten Tagesablauf, die Bewe­gung an der frischen Luft, das ist doch die reinste Kur, Mensch, warum stellst du dich eigentlich so an?“

An dieser Stelle muss ich einen Augenblick unterbrechen und eine offizielle Erklärung abgeben.

Sehr geehrte Leser und insbesondere Fans des FC Torpedo Kiew! Seit meiner Kindheit bin ich ein leidenschaftlicher Fußballfan und ein glühender Anhänger von Torpedo. Ich gebe zu, dass ich es auf das Geld meines Lieblingsvereins abgesehen hatte, und deswegen kam ich mir wirklich schäbig vor. Aber mehr wollte ich nicht. Wirklich! Ich wollte nur die 180.000 abzocken, und für einen Verein wie Torpedo sind das doch Peanuts. Hätte ich gewusst, was aus meinem unschuldigen Plan, Raimondo heimlich zu vertauschen, werden würde, hätte ich auch nur für eine Sekunde in die Zukunft blicken können und gesehen, wie sehr das Image des Klubs dadurch beschädigt werden würde, hätte ich gewusst, dass die völlig ungefährliche Aktion in einem Fiasko enden würde, das diese wunderbare Mannschaft fast in den Ruin treibt, dann hätte ich Tjomyk eigenhändig erwürgt und mich dem Massaker meiner Gläubiger ausgeliefert. Das schwör’ ich bei meiner toten Großmutter! Doch leider bin ich kein Prophet. Nicht mal ansatzweise habe ich geahnt, was passieren würde, wenn ich meinen Kumpel Tjomyk ins Trainingszentrum von Torpedo einschleuste.

Fünf Minuten lang schwiegen mein Partner und ich düster, hin und wieder warfen wir uns wütende Blicke zu. Tjomyk hielt meine Idee für total irre und wollte sich nicht drauf einlassen. Aber die Summe war wirklich fabelhaft. Wann konnte man schon aus einem Geschäft einhundertachtzigtausend Euro abgreifen. Ein echter Jackpot.

„Was machen wir mit der Mehrwertsteuer?“, fragte mein Kollege knurrend. So nannten wir unter uns den Gewinn aus einem Deal.

„Sechzig zu vierzig … Sechzig für mich.“

„Wieso das denn?“

„Weil’s meine Idee ist.“

„Aber vergiss nicht, wer die Rolle übernimmt!“

„Vergiss du besser nicht, dass du gar keine Rolle hast, wenn ich Raimondo Giunipero nicht aus dem Verkehr ziehe. Gut, weil du es bist, mein Lieber, bin ich mit einer Aufteilung fünfzig zu fünfzig einverstanden.“

Tjomyk schüttelte entschieden seinen zottigen Kopf:

„Siebzig zu dreißig, der größere Anteil für mich.“

„Ach, du Bandit! Du Gauner! Du Gangster!“ Vor Zorn klatschte ich mit den Handflächen aufs Sofa. „Kommt nicht in Frage!“

Als ich mich etwas beruhigt hatte, nahm ich einen neuen Anlauf.

„Vierzig zu sechzig. Sechzig für dich.“

Tjomyk lachte kurz, streckte mir die Hand hin und sagte:

„Abgemacht! Vierzig zu sechzig, und ich will nicht wissen, wie du Raimondo beseitigst.“

Ich grunzte und schlug zögernd ein.

6

Zwanzig Stunden später rief ich Artjom wieder an.

„Hallo, Alter!“

„Grüß dich!“

„Wie geht’s?“

„Geht so … Hab’ ein bisschen Bammel. Und selbst?“

„Ich bin hundemüde, aber ich halte durch“, bemühte ich mich mit möglichst munterer Stimme zu sagen, in der Hoffnung, Tjomyk mit meinem Optimismus anzustecken. „Die Raimondo-Frage hab’ ich geklärt.“

„Wie?“

„Frag nicht. Das musst du nicht wissen. Wirf dir lieber Trainingsklamotten über und komm schnell zu mir. Ich warte gegenüber dem Hyatt am Sofijska Ploschtscha.“

Nach vierzig Minuten war Tjomyk da. Wir überquerten den Platz und blieben direkt vor dem Eingang zum Hyatt stehen, einem riesigen dunkelblauen Glaskasten.

Ich trug einen schmalen Anzug von Woronin und hatte mir, um solider zu wirken, eine Mappe unter den Arm geklemmt, es sollte nach Geschäftspapieren aussehen. Tjomyk kam wie verabredet in Shorts und Trainingsjacke.

„Na, was hast du dir ausgedacht?“, fragte mich Tjomyk.

„Da wir nicht genug Geld haben, um in dieser widerlichen Absteige ein Zimmer zu nehmen, bleiben wir einfach vor dem Eingang stehen.“

„Und?“

„Nichts, du Trottel. Gleich werden wir abgeholt, und keiner kommt auf die Idee, dass wir gar nicht drin waren. Wir sind sozusagen grade rausgekommen, kapiert? …“

Ich hatte mich nicht geirrt. Bald rollte eine ewig lange Mercedeslimousine S 555 vors Hotel und hielt neben uns an. Aus dem Fenster schob sich eine aufgedunsene rosa Schnauze mit farblosen Haarbüscheln an Ohr und Kopf.

„Chello, Guyz!“, schrie die Schnauze aus dem Mercedes, und es regnete Spucke. „Chau arrr ju? Ich sehe, ihr wartet schon!“

„Das ist Mischa Schympanzjuk, der Chefscout des Vereins“, flüsterte ich Tomyk zu. Er nickte. „Tu so, als würdest du dich an ihn erinnern. Er hat Giunipero in Italien ein paar Mal getroffen.“

Mein Partner rang sich ein dämliches Grinsen ab und winkte dem Ankömmling zu.

„‚Ello! Ello!“, schrie ich und bemühte mich, den italienischen Akzent zu imitieren. Mein Herz pochte stürmisch, ich hatte rie­sige Angst, dass Mischa den Betrug durchschauen könnte.

Aber der Scout schöpfte keinerlei Verdacht, und ich atmete erleichtert auf. Außer Schympanzjuk war niemand vom FC Torpedo gekommen, um Raimondo Giunipero persönlich zu begrüßen.

„Und wer sind Sie?“, wandte sich der Chefscout an mich.

„Ich bin Signore Alfredo Pasquale“, antwortete ich, ohne zu zögern, „der erste Assistent des Agenten, der Ihren neuen Star vertritt. Signore Agent kann leider nicht persönlich hier sein.“

„Oh, erfreut, Sie kennen zu lernen, Signore Pasquale! Steigen Sie ein, im Trainingszentrum werden Sie schon erwartet.“

Vor dem Trainingszentrum des FC Torpedo wurden wir von Herrn Tryndezkyj, dem Sportdirektor des Vereins, einem großen, ernsthaften Mann mit leichten Silbersträhnen an den Schläfen, in Empfang genommen.

Tryndezkyj führte uns erst herum, zeigte uns das Spielfeld, die Trainingsräume, die Übungsplätze, das Schwimmbad und die Wohngebäude. Dann stellte er Tjomyk dem Trainer und der Mannschaft vor. Am Ende bat der Sportdirektor mich und Tjomyk zu sich ins Büro, wo wir die letzten Details des Vertrags besprachen. Wir sprachen englisch, auf meinen Rat hin schwieg Tjomyk die meiste Zeit, antwortete nur selten auf eine Frage mit einem kurzen „Yes, Sir“ oder „No, Sir“ oder er schüttelte einfach nur den Kopf. Ich wollte vermeiden, dass jemand ihn wegen seiner Stimme enttarnte …

„Na, was hältst du von ihm?“, fragte Tryndezkyj Schympanzjuk, als sie allein waren.

„Cooler Typ … Hast du gesehen, er wollte nicht mal mit uns sprechen. Gestern habe ich seine Treffer analysiert. Er hat solche Hütten reingemacht, dass einem schon vom Zusehen schlecht wird. Ich fürchte, den werden wir nicht lange halten können. Die großen englischen Klubs werden ihn uns abspenstig machen.“

„Toi, toi, toi. Sein Vertrag läuft drei Jahre. Der geht nicht so schnell weg.“

„Hoffentlich … Aber der Junge wirkt sehr ernst. Ich denke, wir sollten seine Einführung in die Mannschaft nicht überstürzen. Diese Überheblichkeit und Arroganz kommen bei unseren Jungs wahrscheinlich nicht gut an.“

„Du hast Recht. Aber ich sehe das anders. Ich glaube, wir sollten sie zusammen trainieren lassen. Damit unsere Pinocchios sich anstrengen und dem Meister nacheifern.“

„Was heißt das? Dass wir ihn morgen zum Training zulassen?“

„Na, morgen kann er sich noch ausruhen. Übermorgen geht er zum Medizincheck. Und dann präsentieren wir ihn der Truppe, wie du vorgeschlagen hast. Ich hole alles aus ihm raus, soll unser Goldjunge doch mal zeigen, was er drauf hat!“

7

Drei Tage vergingen …

Ich klopfte vorsichtig an die Tür des Zimmers, das sie Tjomyk zugeteilt hatten. Das Echo meines Klopfens verhallte, doch von drinnen kam kein Laut. Weil es sich so gehört, klopfte ich nochmals, dann drückte ich zögernd die Klinke. Die Tür war offen. Ich ging hinein und schaute mich um.

Das Appartement erinnerte an ein Drei-Sterne-Hotel, es bestand aus einem kleinen Vorzimmer mit Kleiderschrank, einem Bad mit Toilette und einem großen Schlafzimmer mit Bett, Tisch und Fernseher. Durch das große Fenster schien die Abendsonne herein. Aber das erste, was mir ins Auge fiel, war ein Paar schmutzige Fußballschuhe, das direkt neben dem Eingang lag. Etwas weiter, direkt auf der Schwelle zwischen Vor- und Schlafzimmer, sah ich Tjomyks Beine.

Der Goldjunge des ukrainischen Fußballs lag auf dem Boden. Er stöhnte und ächzte leise. Genauer gesagt, der untere Teil von Tjomyk lag auf dem Boden, der obere (die Arme und seine märtyrerhaft verzerrte Visage) waren aufs Bett gestützt. Der Ärmste hatte nicht mal genug Kraft, um aufs Bett zu kriechen und sich richtig hinzulegen.

„Tjom …“, rief ich.

Mein Partner antwortete mit einem Stöhnen. Ich ging zu ihm hin und hockte mich neben ihn.

„Lebst du noch?“

„Verpiss dich …“, krächzte Artjom.

„Hmmh … Was ist passiert?“

„Ich … ich bin noch nie … so … nie … Oh, Gott … Die rennen so … rennen so … Das ist echt ein Albtraum, … Ich dachte, ich muss krepieren …“

„Alter, so geht das nicht. Reiß dich zusammen, sonst ahnen sie noch, dass mit dir was nicht stimmt.“

„Hau ab …“

„Na, dann tu eben so, als ob du verletzt wärst. Das hab’ ich dir doch gleich gesagt.“

„Max … noch so ein Training … und ich tue so, als wär’ ich tot.“

Ich seufzte und half Tjomyk, sich auf dem Bett auszustrecken. Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte.

„Kopf hoch, mein Lieber. Halt durch. Denk an die Belohnung …“, murmelte ich und klopfte meinem Kumpel auf die Schulter.

„Verpiss dich, du … mit deiner ver… verdammten Kur“, stotterte Tjomyk und klappte ab.

Ich biss mir auf die Lippe und versank in Gedanken. Bis zur Gehaltszahlung blieben noch lange siebenundzwanzig Tage …

8

[Die Schilderung der Ereignisse jenes Tages folgt den Worten Artjoms.]

Nach einer Woche Intensivtraining wurde Tjomyk zu einem Gespräch mit dem Geschäftsführer des Vereins einbestellt.