Winterwunder für die Liebe - Natalie Cox - ebook

Winterwunder für die Liebe ebook

Natalie Cox

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Opis

So wunderbar gemütlich wie ein Winterabend vor dem Kamin

An Weihnachtswunder hat Charlie noch nie geglaubt. Dabei könnte sie dieses Jahr ganz gut eines gebrauchen, denn ihr Freund hat sich gerade von ihr getrennt. Um nicht allein in London feiern zu müssen, bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Feiertage bei ihrer Cousine zu verbringen, die eine kleine Hundepension auf dem Land führt. Charlie freut sich auf gemütliche Tage im verschneiten Cottage, prasselndes Kaminfeuer, heißen Kakao und einen glitzernd geschmückten Baum – doch die quirligen Vierbeiner halten sie mehr auf Trab als erwartet. Und auch der charmante Hundebesitzer Hugo lässt ihr Herz schneller schlagen. Vielleicht gibt es doch noch ein Weihnachtswunder für Charlie? Wenn nur der furchtbar eingebildete Tierarzt Cal nicht wäre ...

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NATALIE COX war schon immer ein großer Fan romantischer Liebesgeschichten. Als sie alles ausgelesen hatte, was ihr in die Finger kam, beschloss sie, endlich ihr eigenes Buch zu schreiben. Ihr schokoladenbrauner Labrador saß dabei die ganze Zeit neben ihr. Natalie Cox lebt in London, verbringt aber auch gerne Zeit in ihrem kleinen Häuschen in Wales.

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NATALIE COX

Winterwunder

für die

Liebe

Roman

Aus dem Englischen von Maria Hochsieder

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel Not Just For Christmas bei Orion Books, an imprint of The Orion Publishing Group Ltd, London. Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

PENGUIN und das Penguin Logo sind Markenzeichenvon Penguin Books Limited und werdenhier unter Lizenz benutzt.

Copyright © 2018 by Natalie Cox Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Penguin Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Covergestaltung: favoritbüro Covermotiv: © Dean Drobot, Marina Zezelina, fotohunter, tvetchinina/Shutterstock Satz: GGP Media GmbH, Pößneck E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-25331-8V001www.penguin-verlag.de

Ich widme dieses Buch der Erinnerung an Tally, meinen schokoladenbraunen Labrador – fünfzehn Jahre lang saß meine Muse auf vier Beinen treu neben mir am Kaminfeuer. Und ich widme es Grace, meinem kleinen Welpen, der mich schon jetzt ebenso inspiriert wie an den Rand der Verzweiflung bringt.

Kapitel eins

T. S. Eliot hat sich getäuscht. Der Dezember ist der übelste Monat von allen. Denn selbst wenn dich der blindwütige Kommerzgeist vor Weihnachten nicht runterzieht, gelingt das spätestens dem trostlosen Londoner Wetter. Heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit, als ich eigentlich E-Mails hätte beantworten sollen, fing ich an, über all das nachzudenken, was mit Weihnachten nicht stimmt. Und ohne es so recht zu beabsichtigen, machte ich eine Liste der »Zehn Dinge, die ich an Weihnachten nicht ausstehen kann«:

1) Die Formulierung »Frohe Weihnachten«, die wie ein Gruß gemeint sein mag, mir aber eher wie ein Befehl vorkommt – und zwar einer, der in mir den unmittelbaren Wunsch auslöst, ihm nicht zu gehorchen.

2) Dasselbe gilt für die fremdsprachigen Grüße: Feliz Navidad, Joyeux Noël. Wenn ich sie in meiner eigenen Sprache nicht mag, mag ich sie auch nicht auf Spanisch oder Französisch.

3) Weihnachtsfeiern im Büro, die nichts als eine armselige Entschuldigung für verheiratete Kollegen sind, zu viel zu trinken und sich untereinander Freiheiten herauszunehmen. (Es sei denn, es handelt sich um Sean aus der Buchhaltung, dem es jederzeit freisteht, sich mir gegenüber Freiheiten herauszunehmen.)

4) Heimkehrende Zecher in der U-Bahn, wie zum Beispiel der aufgedunsene Typ mit der Papierkrone, der gestern Abend im Zug auf der Northern Line neben mir einschlief und auf meinen Mantel sabberte. Zugegebenermaßen erntete auch ich mit meiner Interpretation von Santa Baby letzten Donnerstag spätabends auf der Jubilee Line ein paar gequälte Blicke. Aber meine Begleiter hatten mich dazu angestiftet. Die noch betrunkener waren als ich.

5) Idiotisch große Cheddar-Käselaibe anstelle von richtigem Essen auf Partys. Auch wenn ich durchaus eine Schwäche für Käse habe, brauche ich hin und wieder doch auch ein Wurstbrötchen.

6) Glühwein: Warum nur sind alle so verrückt nach abgründig miesem bulgarischem Rotwein, dem große Mengen an Zucker und Gewürzen zugesetzt wurden? Zumal man am nächsten Morgen mit einem Riesenkater aufwacht. Den ich in diesem Augenblick habe.

7) Adventskalender mit Schokolade. Da läuft nur das Marketing Amok. Verdrück einfach eine große Tafel Cadbury’s am ersten Dezember und bring die Sache hinter dich.

8) Weihnachtsdekorationen mit Disney-Figuren, insbesondere entlang der Oxford Street. Was Hollywood und Weihnachten angeht, sollten wir uns an Nancy Reagan halten und einfach Nein sagen.

9) Weihnachtskarten mit Fotos des Nachwuchses, die wie Landminen in meinem Briefkasten lauern und mich daran erinnern, dass ich einunddreißig bin und noch keine Nachkommen produziert habe.

10) Elfen. Und zwar die nervigen. Also so ziemlich alle.

Im Sinne der Fairness beschließe ich, eine Gegenliste zu erstellen mit all den Dingen, die ich an Weihnachten mag:

1) Weihnachtsgebäck, insbesondere Mince Pies.

2) Echte Christbäume (die so wunderbar duften und unermessliches Unheil über zukünftige Generationen bringen werden, indem sie zum Klimawandel beitragen).

3) Arbeitsfreie Tage.

Zweifellos ist das Verhältnis 10 zu 3 nicht toll, ich werde wohl noch an der zweiten Liste feilen müssen. In diesem Augenblick aber, während ich mich mit den Ellbogen durch die Oxford Street kämpfe, fällt es mir schwer zu erkennen, welchen Reiz Weihnachten haben soll. Heutzutage wirkt es eher wie eine Parodie seiner selbst: Jegliche Spur viktorianischen Charmes wurde doch längst von den Schnäppchenjagden am Black Friday und der Weihnachtssondersendung von Top Gear zunichtegemacht. In der Bond Street muss ich mich durch eine Schar aufgedrehter japanischer Touristen drängeln, die Fotos eines neonorangen Christbaums machen. (Wohin nur sind Silber und Gold verschwunden?) Daraufhin weiche ich einer korpulenten älteren Frau aus, die mit grellroten Lamettafäden behängt ist und in einer Art Wohltätigkeitsattacke aggressiv eine Dose vor meiner Nase scheppern lässt. Nicht dass ich etwas gegen großzügige Gesten in der Weihnachtszeit habe, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Jesus nicht beabsichtigte, dass Gnadenhöfe für Esel die alleinigen Nutznießer all dieser milden Taten seien. Selbst wenn sie tatsächlich dabei waren, als er geboren wurde.

Ich schlage mich in eine Seitenstraße und schiebe erleichtert die Tür zu meinem Lieblingsitaliener auf. Im Innern wärmen sich die Leute an ihren Cappuccinos, während sich die vollgestopften Einkaufstüten wie brave Cockerspaniels an ihre Beine schmiegen. Ganz hinten entdecke ich meine Freundin Sian, deren Wangen gerötet sind und deren aschblondes Haar zu einem wirren Vogelnest auf dem Kopf zusammengebunden ist. Ich bahne mir den Weg durchs Café und plumpse ihr gegenüber auf den Stuhl. »Wow«, sage ich und grinse. »Du hast dich extra für mich frisiert.«

»Man soll mir nicht nachsagen, dass ich mir keine Mühe gebe«, antwortet Sian und betätschelt das widerspenstige Knäuel. Wie immer hat Sian keinerlei Zugeständnisse an die Weiblichkeit getan und ist dennoch mit jeder Faser eine unabhängige Frau. »Da.« Sie schiebt ihre Kakaotasse zu mir, und ich stärke mich mit einem Schluck.

»Aufs neue Jahr«, sage ich. »Ich hab jetzt schon die Nase voll von Weihnachten, dabei ist gerade mal Mitte Dezember.«

»Ich wünsche dir auch frohe Weihnachten.«

»Ich sollte dir lieber gleich sagen, dass ich nicht gerade in Festtagslaune bin.«

»Soll das so eine Art Spoilerwarnung sein?« Sian hebt eine Augenbraue.

Abrupt beuge ich mich nach vorne und beäuge argwöhnisch ihr Oberteil. »Bitte sag, dass das kein Weihnachtspullover ist.«

Sian macht die Jacke auf und präsentiert stolz einen knallroten Pullover. Über ihre Brust zieht sich ein Rentierkopf, an dessen Geweihspitzen jeweils ein winziges Glöckchen hängt. »Owen hat ihn ausgesucht«, sagt sie stolz.

»Seit wann hörst du in Modefragen auf den Rat von Dreijährigen?«

»Er hat einen erstaunlich guten Geschmack. Vor Kurzem erst hat er mir einen lila Hosenanzug aus Samt ausgeredet, der ein schrecklicher Fehler gewesen wäre.«

»Sind das echte Glocken?«

Zur Antwort ruckelt sie auf ihrem Stuhl herum, und ich kann ein leises Klingeln hören. Ich schüttle den Kopf.

»Sei doch nicht so ein Miesepeter«, sagt Sian. »Ich liebe Weihnachten.«

»Ich aber nicht. Dieses Jahr klinke ich mich aus. Also erwarte kein Geschenk von mir.«

»Man kann sich nicht aus Weihnachten ausklinken.«

»Wart’s ab.«

Sian zieht skeptisch die Augenbrauen zusammen. »Was war der Auslöser?«

»Der Lokalsender«, antworte ich. »Heute früh bin ich davon geweckt worden, wie alternde Rockstars verzweifelt darum gerungen haben, ihre Karrieren wiederzubeleben, indem sie mich wieder einmal auffordern, die Welt zu ernähren. Mittlerweile sollten sie wissen, dass ich noch nicht einmal in der Lage bin, mich selbst zu ernähren.«

»Das glaube ich dir nicht.«

»Doch, doch.« Ich zucke mit den Schultern. »Ich war noch nie ein besonderer Fan. Dieses Jahr bin ich nicht nur der grantige Scrooge, sondern auch noch ein frisch verlassener Scrooge. Also habe ich beschlossen, dem inneren Griesgram nachzugeben.«

»Was ist mit deiner Mum? Rechnet die nicht damit, dass du mit ihr auf der Arche Liedchen trällerst?«

Meine gefürchtete Mutter und ihr fünfter Ehemann Richie haben vor ein paar Jahren ihr Haus verkauft und sich auf einem Hausboot in Little Venice niedergelassen, das von Sian prompt »Arche Noah« getauft wurde. Ständig schneien sie bei mir herein, weil irgendwas mit den Wasserleitungen auf dem Boot nicht in Ordnung ist, was insbesondere an kalten Tagen häufig der Fall ist. Glücklicherweise haben sie sich dieses Jahr entschlossen, das Boot im Trockendock zu lagern und sich für den Winter in ein wärmeres Klima zu begeben.

Ich schüttle den Kopf. »Nicht in diesem Jahr. Sie besuchen meinen Stiefbruder und seine Brut in Melbourne.«

»Dann solltest du für die Feiertage unbedingt zu uns kommen.«

»Nein danke.«

»Warum nicht? Es wird großartig! Du kannst Wurstbrät in den Truthahnarsch schieben, während ich meine alten Tanten mit Prosecco abfülle, bis sie betrunken auf dem Sofa zusammenklappen.«

»Man stopft es in das Loch am Hals.«

»Was?«

»Das Wurstbrät.«

Sian runzelt die Stirn. »Das wusste ich schon.«

»So verlockend das auch klingt, ich sage trotzdem Nein.«

»Hör mal, Charlie. Ich schaue bestimmt nicht zu, wie du Weihnachten damit zubringst, Trübsal zu blasen wegen dem, dessen Name nicht genannt werden darf.«

»Lionel. Sein Name ist Lionel. Und ich blase nicht Trübsal.«

»Gut. Weil er das gar nicht verdient hat.«

»Aber ich komme an Weihnachten trotzdem nicht.«

Es kostet mich den Großteil meiner Mittagspause, um Sian davon zu überzeugen, dass ich es ernst meine. Ehrlich gesagt habe ich nicht die Absicht, Weihnachten mit irgendjemandem zu verbringen. Mein Plan ist, mich mit einem Sechserpack Chardonnay in meiner Wohnung in Nunhead zu verkriechen und einen alten Schwarz-Weiß-Film mit Audrey Hepburn nach dem anderen zu schauen. Lionel hat es immer gehasst, Filme im Fernsehen anzuschauen, also koste ich die Möglichkeit aus, mir jetzt, da er ausgezogen ist, das volle Programm zu geben. Außerdem habe ich vor, mich mit Gummibärchen, Sardellenpizza und BBQ-Chips vollzustopfen, die er allesamt ebenfalls verabscheut. Tatsächlich ist mir aufgefallen, dass ich in den vier Jahren, die wir zusammengelebt haben, auf große Anteile meiner selbst verzichtet habe: im Bett lesen (er hasste das Licht), Kreuzworträtsel (er fand sie öde), Hühnersuppe aus der Dose (er sagte, sie sei voller Zusatzstoffe) und Singen unter der Dusche (Lionel war der Erste, der mir sagte, dass ich keinen Ton treffe). Das Leben als Single hat eine Menge guter Seiten, erkläre ich Sian: Man hat mehr Platz im Kleiderschrank, weniger schmutziges Geschirr und kann im Bett anziehen, was man will.

Letztendlich gelingt es mir, Sian zu überzeugen, dass es mir gut geht. Als ich aber am Abend zurück in meiner Wohnung bin, spüre ich den vertrauten fiesen Zweifel in mir hochkriechen. Die Wahrheit ist, dass mein scheinbar stabiles Leben innerhalb eines einzigen Augenblicks zusammengebrochen ist, und ich mühe mich noch immer damit ab zu verstehen, was eigentlich passiert ist. Verrückterweise war der Auslöser unserer Trennung eine anonyme E-Mail. Vielleicht hätte ich den Anhang nie geöffnet, wenn mir die Betreffzeile nicht ins Auge gesprungen wäre: Die Kamera lügt nicht, hieß es da. Und so war es tatsächlich: Das Foto, auf dem Lionel, das Haar vom Schweiß dunkel und verfilzt, mit einer korpulenten Brünetten, deren Brüste plattgedrückt waren wie halb aufgeblasene Luftballons, Sex auf einem Rudergerät hatte, wirkte vollkommen überzeugend.

Als ich es Lionel am selben Abend zeigte, gestand er, dass er seit mehr als einem Jahr mit seiner Fitnesstrainerin schlief. Voller Ernst erklärte er mir, dass Beziehungen nicht dafür geschaffen waren, für immer zu halten. Es waren zerbrechliche, flüchtige Gebilde, die von gesellschaftlichen Erwartungen und der überkommenen Institution der Ehe aufrechterhalten wurden. Sein Blick schweifte durch die Küche und blieb am Wasserkocher haften, und er hob ihn hoch, um seine Bedeutung zu unterstreichen. Was uns passiert war, sei unvermeidlich, sagte er. Anfangs liefen Beziehungen reibungslos, doch mit der Zeit funktionierten sie immer schlechter, bis sie endgültig in die Brüche gingen und ersetzt werden mussten. So wie ein Wasserkocher.

Ich war also gegen ein jüngeres Haushaltsgerät ausgetauscht worden. Im ersten Moment war ich am Boden zerstört. Fassungslos hatte ich feststellen müssen, dass die Neubesetzung weder so schlank noch so hübsch war, wie ich erwartet hätte, und ich hatte keine Ahnung, ob diese Tatsache eine Erleichterung darstellen oder mich entrüsten sollte. Lionel und ich waren vier Jahre lang zusammen gewesen. In den ersten Jahren war ich verrückt nach ihm gewesen; genau genommen waren wir beide verrückt nacheinander gewesen. Doch nach und nach hatte sich in unsere Beziehung Bitterkeit geschlichen, und auch wenn vier Jahre keine Ewigkeit waren, rechnete ich schnell aus, dass sie immerhin 1,2 Milliarden Sekunden meines Lebens ausmachten. Lionel hatte sie mir gestohlen – möglicherweise hatte ich sie auch freiwillig fortgegeben. Wie auch immer, es gab keine Möglichkeit, sie zurückzubekommen. Mehr als eine Milliarde Sekunden von mir waren für immer weg. Ich musste schauen, dass ich aus dem, was übrig blieb, das Beste machte.

An dem Abend, als Lionel mich verließ, dauerte es nur wenige Stunden (vielleicht zehntausend Sekunden), bis aus meinem Kummer Wut wurde. Doch nach einigen Tagen war selbst die zu Resignation verblasst. Ich sann darüber nach, ob Lionel womöglich recht hatte: Vielleicht waren romantische Gefühle tatsächlich eine Erfindung der Moderne. Vielleicht war diese Idee aus den einfachsten Zutaten zusammengebraut worden, um unsere Sehnsüchte zu befriedigen, und die Liebe selbst war nicht beständiger als ein Toaster. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr hinterfragte ich, ob das, was ich für Lionel empfunden hatte, wirklich Liebe gewesen war oder nicht doch etwas ganz und gar anderes. Was genau hatten wir all die Jahre erlebt? Vertrautheit? Geborgenheit? Sicherheit? Bequemlichkeit? Vielleicht ja alle diese Dinge. Ergaben sie zusammengenommen Liebe? Oder lief das Ganze bloß auf Zweckmäßigkeit heraus?

Über die Jahre hatte ich zahllose Freundinnen dabei beobachtet, wie sie sich in unbehaglichen Beziehungen eingerichtet hatten, mit Männern, die ihre Erwartungen nicht erfüllten. Vielleicht hatte ich unwissentlich dasselbe gemacht.

Für die Zukunft nehme ich mir vor, diesen Fehler nicht zu wiederholen. Lieber bleibe ich allein, als dass ich mich noch einmal auf einen Blender einlasse. Und als ich an diesem Abend ins Bett krieche, in einer Jogginghose, einem Flanellhemd und übergroßen Socken, denke ich, dass ich nur die nächsten Wochen überstehen muss und mir der Januar neue Aussichten eröffnen wird. Dieser Gedanke schwirrt mir noch wie eine tranige Fliege durchs Gehirn, als die Explosion meine Wohnung zerreißt.

Kapitel zwei

Allem Anschein nach habe ich ein Riesenglück. Zumindest sagt das die beleibte nigerianische Pflegerin in der Notaufnahme am nächsten Morgen, während sie meine Wunden sorgfältig mit Jod reinigt. Eine Gehirnerschütterung, geprellte Rippen und vereinzelte Schürfwunden sind nichts, wenn man bedenkt, was durch die Explosion des Gasherds meines Nachbarn über mir sonst noch hätte passieren können. Jemand hat über mich gewacht, das steht fest, erklärt sie und zieht mit überraschender Heftigkeit den Vorhang zu, der mein Bett umgibt.

Ich verkneife mir die Antwort. Meine Vorstellung von Glück beinhaltet weder Krankenwagen, Bettpfannen noch das Risiko, das damit einhergeht, länger als nötig tödlichen Erregern in der Luft ausgesetzt zu sein. Gleich darauf sehe ich flüchtig, wie zwei Sanitäter am anderen Ende des Raums einen Betrunkenen zu bändigen versuchen. Der Mann mit dem verschwommenen Blick taumelt zur Seite, schubst polternd ein Nachtkästchen auf Rollen gegen die Wand, bevor man ihn ohne viel Federlesens aus meiner Sichtachse entfernt und mir damit die einzige Quelle der Unterhaltung raubt. Die Schwester geht weg, und mit einem Seufzen lehne ich mich zurück.

Irgendjemand hat zwei dürre Silbersträhnen über die Decke gespannt, verlorene Lamettafäden, und an der Wand hängt ein Weihnachtsmann-Poster im Fünfziger-Jahre-Stil. Statt zu lächeln, zieht der Retro-Santa eine Grimasse, und seine rote, mürrische Miene sieht aus, als würde man ihn gleich den Gang runter zur Magen-OP schieben. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums wurde ein halbes Dutzend selbst gebastelte Schneeflocken ans Fenster geklebt, und im Gang steht ein winziger, krummer Baum auf dem Stationstresen. Zusammengenommen haben diese Bemühungen etwas beinahe Tragisches, Heroisches. Es ist faktisch unmöglich, einem staatlichen Krankenhaus eine weihnachtliche Atmosphäre einzuhauchen, aber der Versuch kann nicht genug gewürdigt werden.

Wie es das Glück wollte, hat die Explosion ein Loch in die Decke meines Schlafzimmers gerissen, und ich wurde von herunterfallenden Trümmern getroffen. Ein scharfkantiges Rohrstück hat sich in mein Kopfkissen gebohrt und meine Stirn nur um wenige Millimeter verfehlt. Allerdings ist ein großer Brocken meiner Decke geradewegs auf mir gelandet, und ich fühle mich, als hätte ich eine ganze Lastwagenladung Putz geschluckt. Mein Kopf pocht, und meine Brüste fühlen sich an, als hätte man sie durch den Fleischwolf gedreht. Irgendwann in den frühen Morgenstunden habe ich versucht, meinen Vater anzurufen, um ihm zu erzählen, was passiert ist. Mein Vater ist schon lange der Ansprechpartner meiner Wahl unter beiden Elternteilen. Er mag nicht gerade praktisch veranlagt sein, aber er zeigt immer Mitgefühl. Als er nicht abnahm, schrieb ich meiner Mutter eine SMS mit einer sorgfältig zensierten Version der nächtlichen Ereignisse, in der ich das Ausmaß des Schadens herunterspielte.

Ich hätte es besser wissen müssen. Innerhalb von Minuten bekam ich einen aufgelösten Anruf aus Melbourne. Sie war bereits voll und ganz im Krisenmodus und verlangte Einzelheiten über den Vorfall, die Namen der Ärzte, Ansprechpartner am Arbeitsplatz und dergleichen. Zu diesem Zeitpunkt ging es mir zu elend, um sie abzuwimmeln, inzwischen aber bereue ich, dass ich so wenig Geistesgegenwart besaß. Noch dazu hat sie mich zum Schluss für meine unterdurchschnittlichen Wohnverhältnisse angemeckert (was ich einigermaßen ungerecht finde angesichts ihres eigenen aquatischen Wohnquartiers – ganz zu schweigen von den vielen Malen, die sie zum Duschen bei mir aufgekreuzt ist) und moniert, dass ich versäumt habe, mir eine private Krankenversicherung zuzulegen.

Aus meiner Tasche kommt ein beharrliches Brummen. Ich lange hinunter und hole mein Handy heraus. »Hallo Mum.«

»Wie geht es dir? Irgendwelche Veränderungen?«

»Es geht mir gut.«

»Keine Doppelbilder oder Schwindel?«

»Ehrlich, es sind nur ein paar Kratzer. In ein, zwei Tagen bin ich wieder topfit.«

»Mach dich nicht lächerlich, Charlie. Ganz offensichtlich stehst du unter Schock. Du solltest keinesfalls allein sein. Deine Cousine Jez ist schon auf dem Weg nach London. Sie nimmt dich mit nach Devon.«

»Mum, ich kann nicht nach Devon! Ich muss arbeiten!«

»Nein, musst du nicht. Ich habe mit deinem Chef geredet, und der hat dir für den Rest der Woche freigegeben.«

»Dazu hat er sich breitschlagen lassen?« Offen gestanden, bin ich mehr als verblüfft. Mein unausstehlicher Chef Carl ist der mitleidloseste Mensch auf dem gesamten Globus, ganz besonders wenn es um Krankheiten geht. Man muss schon von Ebola heimgesucht werden, dass er einem freigibt.

»Am Anfang war er ein bisschen widerwillig, aber ich habe ihn daran erinnert, welche Verpflichtungen er als Arbeitgeber von Gesetzes wegen hat.«

Himmel! Der feuert mich in null Komma nichts! Die Vorstellung, dass meine Mutter Carl angerufen und herrisch Forderungen gestellt hat, lässt meinen Kopf unvermittelt noch stärker pochen. Zumal seit vergangenem Juni Gerüchte über Umstrukturierungen im Umlauf sind. Ich muss so schnell wie möglich zurück ins Büro, andernfalls bin ich den Job los, bevor man das Wort Kündigung auch nur aussprechen kann.

»Außerdem hat die Ärztin gesagt, dass für mindestens eine Woche LCD-Monitore verboten sind.«

»Bestimmt war das übertrieben vorsichtig, Mum.«

»Red keinen Unsinn. Gehirnerschütterungen können eine ernste Sache sein. Es ist unbedingt erforderlich, dass du dich ein wenig erholst.« Meine Mutter ist bei Katastrophen schon immer aufgeblüht, und in diesem Augenblick klingt sie geradezu ekstatisch. Ich seufze. Widerstand ist zwecklos, das weiß ich.

»Okay. Ich bleibe ein paar Tage in Devon. Aber nur, bis meine Wohnung in Ordnung gebracht ist.« Was so schnell wie nur möglich der Fall sein wird, sofern es nach mir geht.

»Die Landluft wird dir guttun, Charlotte. Und die Tiere werden einen positiven therapeutischen Effekt haben.«

Lieber Himmel! Die Hunde hatte ich ganz vergessen. Meine Cousine Jez betreibt eine exklusive Hundepension, die als eine Art Luxushotel angepriesen wird. Die Pension läuft unter dem heimeligen Namen Cosy Canine Cottages, und anstelle von Käfigen oder Zwingern bewohnen die Hunde individuelle »Suiten«. Es existieren Club-Suiten, Manager-Suiten und eine Penthouse-Suite, die größer ist als meine gesamte Wohnung. Jede Suite hat ein Minibett (einschließlich Federbett und Kissen) und ein Fenster, das eine Wiese überblickt. Sogar einen Pool für hydrotherapeutische Behandlungen gibt es sowie einen Fahrdienst, der die Hunde von ihren Besitzern abholt und wieder zurückbringt. Meine Mutter ist sich vollkommen bewusst, dass ich kein Hundefan bin (in ihren Augen ein Euphemismus für Versager), insofern klingt ihre letzte Bemerkung beinahe gehässig. Und obwohl ich meine Cousine Jez immer gemocht habe (und für ihren unternehmerischen Geist bewundert habe, auch wenn es bedeutet, dass sie vor den Reichen katzbuckeln muss), bringt mich die Vorstellung, Weihnachten in ihrem Cottage zu verbringen, umgeben von einem Haufen kläffender, übergewichtiger Terrier, statt mit meiner umfangreichen DVD-Sammlung eingekuschelt daheim auf meinem Sofa zu liegen, fast zum Weinen.

Als meine Mutter aufgelegt hat, liege ich im Bett und sinne darüber nach, wie rasant mein Leben aus den Fugen geraten ist. Vor ein paar Wochen hatte ich mich noch zufrieden in einer (wenngleich treulosen) Beziehung eingenistet, besaß einen einigermaßen ordentlich bezahlten IT-Job (mit einem abscheulichen Chef) und lebte in einem bezahlbaren (wenn auch kaum bewohnbaren) Apartment. Nun bin ich vorübergehend obdachlos, single und werde mit hoher Wahrscheinlichkeit gefeuert. Wie hatte das alles in einer solchen Geschwindigkeit geschehen können? Und was hatte ich angestellt, um das zu verdienen? Ich bin nicht religiös, habe aber immer einen eher buddhistischen Blick auf die Dinge gepflegt, der quasi verkürzt werden kann auf die Überzeugung, dass man erntet, was man sät. Hatte ich unabsichtlich all das Unglück selbst auf mich geladen? Ich durchforste mein Gedächtnis und denke darüber nach, was ich in den vergangenen Monaten getan habe. Schon richtig, auf der Betriebsversammlung letzte Woche hatte ich ein bisschen gereizt reagiert, als Carl ankündigte, dass wir in Zukunft womöglich keine eigenen Schreibtische mehr haben würden, weil an den Fixkosten gespart werden müsste. (Eigentlich hatte ich nur angemerkt, dass mir als Senior-Angestellte wenigstens eine eigene Schreibtischschublade zustehen sollte, worauf der Quälgeist Carl erwiderte, dass Senior bedeute, mit gutem Beispiel voranzugehen.) Und ich war auch nicht gerade barmherzig dem Landstreicher gegenüber gewesen, der mich letztens vor dem Tesco-Supermarkt belästigt hatte. Doch er war plötzlich aus dem Schatten getreten und hatte mir einen Heidenschrecken eingejagt, und ich finde nicht, dass man diese Methode auch noch belohnen sollte, oder? Auch wenn der alte Mann recht harmlos gewirkt hatte. Vielleicht ist er ja noch da, wenn ich noch mal zu dem Laden gehe. Oder ist es zu spät, um die Sache wiedergutzumachen? Konnte man rückwirkend auf das Karma Einfluss nehmen?

Mir kommt in den Sinn, was Lionel in der Nacht seines Geständnisses gesagt hat. »Du kannst manchmal so aalglatt sein, Charlie. Ich war mir ehrlich gesagt nicht einmal sicher, ob es dir etwas ausmacht.« Es machte mir etwas aus, möglicherweise aber nicht aus den richtigen Gründen. Am Morgen, nachdem er mich verlassen hatte, wachte ich mit der Erwartung auf, vor Liebeskummer beinahe umzukommen. Stattdessen aber fühlte ich mich innerlich verbrannt: Ich war wütend auf die Liebe, wütend auf Lionel und vor allem wütend auf mich, weil ich zugelassen hatte, dass mir mein Leben unter den Füßen weggerissen worden war. Letztendlich war ich mir auf gewisse Weise selbst untreu geworden. Ich hatte so getan, als führte ich ein glückliches Leben, es aber nicht wahrhaftig gelebt.

Unerwartet kommt die Schwester zurück und zieht den Vorhang auf. »Raus aus den Federn!«, sagt sie munter. »Sie haben Besuch.« Sie tritt zur Seite, und hinter ihr sehe ich Jez, die eine verblichene grüne Barbourjacke und eine jener flachen Tweedmützen trägt, die unter walisischen Bauern beliebt sind. Ihr dunkelbraunes Haar ist rechts und links vom Kopf in zwei dicke Bündel gepackt, und die dichten Augenbrauen wölben sich nach oben und verschwinden beinahe unter der Kappe.

Jez nickt der Pflegerin zu, die sich wieder entfernt, und tritt an mein Bett. »Aua«, sagt sie mitfühlend, als sie mich begutachtet.

Ich winke verlegen ab. »Danke fürs Kommen. Das war wirklich nicht nötig.« Tatsächlich fühle ich mich erleichtert, sie zu sehen, und plötzlich bin ich zutiefst dankbar, dass sie die lange Reise auf sich genommen hat.

Jez lächelt. »Ich dachte, deine Mum übertreibt. Aber ich muss schon sagen: Du siehst echt scheiße aus.«

»Freut mich auch, dich zu sehen.«

»Hättest du nicht … irgendwie zur Seite rollen können oder so?«

»Ich werd’s mir merken und fürs nächste Mal schon mal üben.«

Jez wirft einen Blick hinter sich und senkt dann die Stimme. »Was ist das für ein furchtbarer Geruch?«

»Blut vielleicht? Der Tod? Das hier ist ein Krankenhaus.«

Jez schüttelt den Kopf und rümpft die Nase. »Es riecht eher nach Desinfektionsmitteln.«

»Ich werde sie bitten, nicht mehr zu putzen.«

»Spar dir die Mühe. Ich habe nicht vor, lange zu bleiben. Bist du so weit?«

»Ich glaube, die haben noch ein paar entwürdigende Sachen mit mir vor.«

Jez runzelt die Stirn. »Die Sache ist die … ich hab’s etwas eilig.«

»Oh.«

»Kannst du laufen?«

»Wie weit?«

»Ich parke direkt vor der Tür in zweiter Reihe.«

»In Chelsea? Bist du wahnsinnig? Man wird dich abschleppen.«

»Nicht, wenn du dich ranhältst.«

Wundersamerweise steht Jez’ verbeulter Land Rover noch dort, wo sie ihn abgestellt hat, als wir ein paar Minuten später herauskommen. Während ich mich in den Beifahrersitz hieve, schnappt sich Jez den Behinderten-Parkausweis von der Armatur und springt ebenfalls ins Auto. »Für wen ist der denn?«, frage ich.

»Margot.«

»Wer ist Margot?«

»Ein alternder Weimaraner.«

»Du hast einen Behinderten-Parkausweis für einen Hund?«

»Sie leidet unter einer Dysplasie der Hüfte. Das kann eine durchaus ernste Sache sein.«

»Aber sie ist gar nicht im Auto.«

»Hätte sie aber sein können«, verteidigt sich Jez.

Jez steuert ihren riesigen Land Rover, als wäre er ein Panzer, prescht an Kreuzungen über gelbe Ampeln und lässt in scheinbar willkürlichen Abständen rabiat die Hupe ertönen. Autofahrer und Fußgänger stieben wie in Panik geratene Kaninchen zur Seite. Kurz überlege ich, ob ich Jez bitten soll, bei mir vorbeizufahren und ein paar Sachen zu holen, aber dann fällt mir ein, dass mein Schlafzimmer buchstäblich verschüttet wurde und meine Kleider kaum tragbar sein dürften – vorausgesetzt, es sind überhaupt noch welche da. Dank eines ausgesprochen umsichtigen Feuerwehrmanns habe ich meinen Mantel, mein Handy und meinen Geldbeutel bei mir, und das wär’s – mal abgesehen von den Klamotten, die ich zum Zeitpunkt der Explosion getragen habe.

Am Ende mussten wir uns aus der Notaufnahme verdrücken, ohne dass ich ordentlich entlassen war, weil Jez wirklich zappelig wurde. »Was ist, wenn ich noch irgendeine Behandlung brauche?«, begehre ich auf.

»Morgen früh kommt eh der Tierarzt. Der kann dich kurz durchchecken«, erwidert Jez.

»Na großartig. Dann kriege ich Medikamente, die für Hunde bestimmt sind.«

»Eigentlich ist er auf bovine Erkrankungen spezialisiert.«

»Bovin wie in …?«

»Kuh.«

»Perfekt.«

»Die stärksten Schmerzmittel, die der Markt hergibt«, sagt Jez grinsend. »Ich spreche da aus Erfahrung.«

Als wir auf der Autobahn sind, dreht Jez das Radio an, und ich schließe die Augen. Es war eine lange Nacht. Von dem streitlustigen Betrunkenen in der Bettnische gegenüber abgesehen, war irgendwo links ein weinendes Kleinkind und eine verwirrte ältere Dame gleich neben mir, die ständig den Vorhang zur Seite schob und nach Wasser verlangte.

»Entschuldigen Sie, aber sehe ich aus wie eine Krankenschwester?«, sagte ich irgendwann und hob den bandagierten Arm in die Höhe.

Die alte Frau blinzelte ein paarmal, dann nickte sie.

»Eigentlich arbeite ich im IT-Bereich«, erklärte ich. Die alte Frau sah mich weiterhin flehentlich an. »Im Allgemeinen zählt man das nicht zu den Pflegeberufen«, brummte ich und reckte den Hals, um nach einem Pfleger Ausschau zu halten. Doch rätselhafterweise war das gesamte Personal verschwunden, und einen Augenblick lang herrschte seltsame Ruhe auf der Station. Schließlich war ich vom Bett heruntergeklettert, zu einem Waschbecken am anderen Ende gehumpelt und hatte einen Plastikbecher befüllt, den ich in einem Schrank gefunden hatte. Ich kehrte zurück und drückte der alten Frau behutsam den Becher in die Hand, indem ich sachte ihre geschwollenen Fingerknöchel aufbog. Sie starrte auf den Becher, als habe sie nicht die geringste Ahnung, wozu er gut sei. »Das ist Wasser«, erklärte ich ihr. »Sie haben darum gebeten.«

Die alte Frau musterte den Becher eine Weile, dann reichte sie ihn mir zurück, und einen winzigen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, ihr das Wasser über den Kopf zu schütten. Dann aber stellte ich den Becher auf dem Beistelltisch ab und kletterte zurück in mein Bett, wobei ich den Vorhang nachdrücklich hinter mir zuzog.

Zu den Stimmen der Gärtnersprechstunde auf Radio 4 döse ich ein. Ich träume von Bettnischen, wütenden Trinkern und gealterten, wässrigen Augen, die sich irgendwie mit Riesennacktschnecken und von Krautfäule befallenen Kartoffeln vermischen. Einige Zeit später wache ich auf und sehe, wie der Land Rover über die Zufahrt zu den Cosy Canine Cottages holpert. Langsam richte ich mich auf und reibe mir die Augen.

Jez lächelt mich an. »Gerade habe ich angefangen mich zu fragen, ob du bewusstlos bist.«

»Danke für die Anteilnahme.«

»Wie fühlst du dich?«

Ehrlich? Tatsächlich denke ich, dass ich ins Krankenhaus gehöre. Aber Mitleid ist keine von Jez’ Stärken. »Es ging mir schon besser«, sage ich.

»Na komm«, erwidert sie, bleibt vor dem Wohnhaus stehen und stellt den Motor ab. »Alles, was du brauchst, ist ein Frühstück. Ich mach dir das Cosy-Canine-Spezialfrühstück.«

Das Spezialfrühstück nach Art des Hauses erweist sich als zwei Spiegeleier auf einer Unterlage dessen, was an Essensresten im Kühlschrank aufzutreiben ist, in diesem Fall Chili con Carne. Während sich Jez daranmacht, das Chili aufzuwärmen und die Spiegeleier zu braten, streiche ich durch ihre Bauernküche. Sie ist gerade im richtigen Maß unaufgeräumt; da steht ein durchgesessenes dunkelblaues Sofa, ein Holztisch mit zahllosen Ringabdrücken, umgeben von nicht zusammenpassenden Stühlen, eine ganze Wand voller alter Kochbücher mit sich wellenden Umschlägen und eine Riesenpinnwand, die über und über bedeckt ist mit Fotos, alten Notizen, Urkunden von Hundeschauen, Weihnachtskarten und längst verjährten Party-Einladungen. Der Herd ist ein uralter dunkelgrüner gusseiserner Rayburn-Ofen, den Jez gleich bei unserer Ankunft mit Kohlen aus einem angelaufenen Kupfereimer belädt, und schon nach wenigen Minuten wird es im Zimmer überraschend gemütlich. Während die Eier braten, erhitzt Jez etwas Milch und gießt einen teuflisch starken Kaffee in einer Drückerkanne auf. Mit einer dampfenden Tasse lasse ich mich aufs Sofa sinken und beschließe, dass Mum womöglich recht hatte. Ein paar Tage auf dem Land könnten genau das sein, was ich jetzt brauche.

Da höre ich das Klacken kleiner Pfoten auf dem Linoleum. Ah. Gerade als die Dinge begannen, sich aufzuhellen, denke ich wehmütig. Ein dicker kaffeebrauner Beagle watschelt ins Zimmer und bleibt am Herd stehen, um Jez zu begrüßen.

»Hi. Ich hab mich schon gefragt, wo du bleibst«, sagt Jez und beugt sich hinunter, um den Hund liebevoll am Kopf zu tätscheln. »Was ist mit der üblichen Begrüßung?« Der Beagle zottelt zu mir herüber und schnüffelt an meinen Schuhen, dann starrt er mir ins Gesicht. Ich bin kein Profi, aber ich könnte schwören, dass der Kerl die Stirn runzelt.

»Das ist Peggy. Ich fürchte, du sitzt auf ihrem Platz«, sagt Jez.

»Entschuldige Peggy.« Aus Höflichkeit strecke ich die Hand aus und tätschle dem Beagle flüchtig den Kopf, eine Geste, die die Hündin nur gerade so duldet. Tatsächlich scheint sie vor meiner Berührung beinahe zurückzuschrecken. »Nur dass es mir nicht wirklich leid tut«, flüstere ich laut. »Weil Sofas nämlich für Menschen sind.«

Jez lacht. »Keine Sorge. Peggy ist der einzige Hund im Haus. Außerdem ist sie mittlerweile eh zu dick, um da hinaufzukommen.«

»Du glaubst wohl nicht an Hundediäten.«

»Sie ist trächtig«, erklärt Jez. »Im Januar wird sie werfen.«

»Oh. Wow. Entschuldige, Peggy, das war mir nicht klar. Vermutlich sollte ich gratulieren.«

»Genau genommen ist sie unbemerkt ausgebüxt. Ich weiß nicht mal sicher, wer der Vater ist.«

Ich blicke auf die Hündin herab, die sich schwer auf die Seite hat plumpsen lassen und sich jetzt die hängenden Zitzen leckt. »Bist wohl ein kleines Flittchen, was, Peg?«

»Der Tierarzt rechnet mit einem Riesenwurf. Ich kann froh sein, wenn ich für alle ein Zuhause finde«, sagt Jez. »Und sie werden nicht reinrassig sein, also muss ich sie praktisch herschenken. Du willst nicht zufällig einen Mischling? Oder vielleicht sogar drei?«

»Nein danke. Wobei ich prinzipiell durchaus für Mischehen bin.«

»Wer hat von Ehe gesprochen?«, wirft Jez grinsend ein. »Das war ein Quickie hinterm Schuppen.« Sie stellt zwei Teller auf den Tisch, auf denen sich das Essen türmt, und ich hieve mich aus dem Sofa, setze mich an den Tisch und beäuge das Gebilde vor mir. Jez hat Salsa-Soße, geriebenen Käse, saure Sahne und etwas, das aussieht wie Paprika, auf die Eier und das Chili gekippt, und das Ergebnis erinnert an ein Gemälde von Jackson Pollock.

»Hm … Wie genau nennt sich das?«, frage ich zaghaft und nehme die Gabel in die Hand.

»Cosy canine huevos«, sagt Jez und langt bereits zu. »Und wenn du’s nicht isst, dann tut es Peggy.«

Kapitel drei

Den Rest des Tages schlafe ich und stehe am Abend nur kurz für einen Teller Karottensuppe und ein heißes Bad auf, bevor ich mich wieder zurück in das dick gepolsterte Bett im Gästezimmer schleppe. Als ich am nächsten Morgen endlich aufwache, fühle ich mich, als hätte mein Körper den Waschgang für extrahartnäckige Flecken in der Waschmaschine durchlaufen: sauber, aber geprügelt. Ich liege im Bett, das Sonnenlicht schimmert durch die ausgebleichten gelben Vorhänge, und ich teste alle meine Glieder durch. Meine Rippen sind schmerzempfindlich, aber alle Gliedmaßen, Finger und Zehen wirken funktionstüchtig, und der donnernde Kopfschmerz, der mich gestern fast den ganzen Tag begleitet hat, scheint sich gnädigerweise beruhigt zu haben. Vielleicht hatte ich tatsächlich Glück.

Ich stehe auf und ziehe mir vorsichtig meine Jogginghose und das Flanellhemd an. Über kurz oder lang steht wohl ein Klamottenwechsel an. Ich frage mich, wo wohl der nächste H&M ist. Viele Stunden entfernt, wenn die Erinnerung mich nicht trügt. Jez lebt außerhalb von Cross Bottomley, einem kleinen Dorf am Rande des Dartmoor. Die nächste Stadt ist Plymouth, ungefähr vierzig Autominuten entfernt, und ich weiß, dass Jez nur selten dorthin fährt, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Sie zieht es vor, mit dem auszukommen, was sie vor Ort auftreiben kann. Cross Bottomley ist eines der Dörfer, in dem der einzige Zeitungshändler gleichzeitig auch als Postamt, Waschsalon und Friseur fungiert. Der Ort rühmt sich außerdem einer Kirche, einem Pub, einem kleinen, einigermaßen gut sortierten Lebensmittelgeschäft und einer Haushaltswarenhandlung. Darüber hinaus gibt es nicht viel, was für das Dorf spricht. Von der Landschaft abgesehen. Die in den Prospekten oft als »rau« beschrieben wird, an einem Regentag aber einfach nur trostlos ist.

Als ich nach unten komme, finde ich Peggy schlafend auf dem Sofa vor, ihre aufgedunsenen Zitzen hängen über die Polsterkante herab. Von wegen zu dick, denke ich und nehme mir vor, in Zukunft früher aufzustehen, damit ich mir das Sofa vor ihr sichern kann. Außer dem Beagle ist niemand in der Küche, aber in der Kaffeekanne ist frisch gebrühter Kaffee, und draußen vor dem Haus kann ich Stimmen hören. Ich schenke mir eine Tasse ein, esse eine Scheibe gebutterten Toast und beschließe dann, Sian anzurufen, um zu sagen, dass ich noch am Leben bin. Sie nimmt praktisch sofort ab.

»Wo bist du?«, fragt sie. »Gestern Abend hab ich dich mindestens fünfzig Mal angerufen! Owen hat sich buchstäblich geweigert, Kacka zu machen, nur um mich zu ärgern. Am Ende musste ich ihm praktisch einen Einlauf geben.« Ich schau mir die Liste mit den verpassten Anrufen an, und tatsächlich sind da mehrere Dutzend von ihr. Sian ist alleinerziehende Mutter eines hinreißenden dreijährigen Sohns namens Owen. Er ist die Niedlichkeit in Person, aber wenn er will, kann er die Ausgeburt des Teufels sein. Sie liebt ihn wahnsinnig, aber manchmal wirken sie wie ein ungleiches Paar. Meine Hauptaufgabe als einzige Taufpatin ist, Sian in solchen Augenblicken zu besänftigen.

»Tut mir leid«, sage ich. Als ich von der Gasexplosion erzähle, kann sie es kaum glauben.

»Du meine Güte! Ich dachte, Gasexplosionen seien ein Großstadtmythos.«

»Hm … ganz sicher nicht. Ich kann dir die Prellungen zeigen.«

»Bist du sicher, dass es kein Terrorangriff war? In London gilt schließlich schon seit Jahren Alarmstufe vier?« Sian hat eine äußerst lebendige Fantasie, die vermutlich davon angefacht wird, dass sie stundenlang Der König der Löwen spielt – weit über den Zeitpunkt hinaus, an dem ich es nervtötend finden würde, als Simba auf dem Boden herumzukrabbeln.

»Es war kein Terrorangriff. Warum sollte jemand einen Angriff in Nunhead machen? Dieser Stadtteil ist so was von unbekannt.«

»Stimmt. Selbst der IS dürfte nichts gegen Nonnen haben«, räumt sie ein. »Trotzdem, was für ein Jammer. Wir hätten das als Aufhänger für deine Kampagne in den sozialen Medien nehmen können.«

»Aber ich will überhaupt keine Kampagne in den sozialen Medien.«

»Es könnte dir einen reichen Freund verschaffen. Oder ein Calvin-Klein-Model.«

»Ich will keinen reichen Freund. Und auch kein Calvin-Klein-Model«, erkläre ich.

»Bist du verrückt? Warum nicht?« Sian hat es mehr oder weniger aufgegeben, selbst einen Partner zu finden, zumindest in absehbarer Zeit. Obwohl sie darüber klagt, Owen alleine aufzuziehen, vermute ich, dass sie eigentlich gar nicht dazu bereit ist, seine Kindheit mit irgendjemandem zu teilen. Aber sie setzt immer noch große Hoffnungen in mich. Letzten Sommer, als wir beide süchtig wurden nach der Datingshow Love Island, bewarb sie sich umgehend für die folgende Staffel – wobei sie meine Personendaten verwendete und mich um fünf Jahre jünger machte. Ihre Bewerbung wurde in Lichtgeschwindigkeit abgelehnt. Offensichtlich ist selbst mein jüngeres Ich nicht attraktiv, dünn oder geistlos genug, um umgeben von muskulösen Friseuren aus Essex an einem Swimmingpool abzuhängen.

»Okay, vielleicht wäre ein reicher Freund schon in Ordnung«, gestehe ich zu. »Aber nicht, wenn ich mein Leben mit hunderttausend Followern auf Instagram teilen muss.«

»Schon gut. Du würdest es eh verkacken. Außerdem sehen falsche Wimpern bei dir garantiert aus wie Spinnenbeine«, gibt sie sich geschlagen.

»Vielen Dank. Das werde ich mir merken.«

»Und wie lange willst du da bleiben?«

»Hoffentlich nicht länger als ein paar Tage. Bis meine Wohnung wieder bewohnbar ist. Ich wette, mein Vermieter ist bereits dabei, mit der Versicherung zu streiten.«

»Na, dann kann es sich nur um Jahre handeln.«

»Oh Gott, nein. Bitte nicht.«

»Weiß deine Cousine, dass du Hunde hasst?«

»Äh … Das muss ich ihr noch verklickern.«

»Wetten, die Hunde wissen es. Tiere spüren so was.«

»Na ja, sie wirken von mir auch nicht gerade begeistert.«

»Kein Wunder. Aber wer weiß, vielleicht erlebst du ja einen Sinneswandel, während du da bist.«

Ich blicke zu Peggy hinüber, die damit beschäftigt ist, sich mit dem Enthusiasmus eines Trüffelsuchers in ihren Intimbereich zu graben.

»Sehr unwahrscheinlich.«

Es stimmt. Ich hasse Hunde. Eine Tatsache, die ich in der Öffentlichkeit nicht oft eingestehe. Unter den Briten kommt das in etwa der Aussage gleich, Schokolade zu hassen. Oder Sonnenschein. Oder den Weltfrieden. In etwas verquerer Weise ist meine Mutter daran schuld. Eine kurze Zeit – ich war sechs Jahre alt und sie hatte gerade meinen Vater sitzen lassen – war sie mit einem kleinen, glatzköpfigen Mann aus den Midlands namens Russell verheiratet, den sie kennengelernt und schneller geheiratet hatte, als ein Topf Kresse zum Wachsen braucht. Hamlet wäre erschüttert gewesen. Ich jedenfalls war es, auch wenn sie damals so tat, als merke sie nichts.

Russell besaß eine Sanitärfirma, was nichts anderes heißt, als dass er ein besserer Klempner war, wobei meine Mutter darauf bestand, ihn in Gesellschaft anderer als Unternehmer zu bezeichnen. Außerdem besaß er zwei sexuell gestörte Möpse, genannt Pickle und Pepper, die alles poppten, was mehr als drei Sekunden lang stillhielt, mich selbst eingeschlossen.

Ich hatte zuvor keinerlei Erfahrungen mit Hunden gemacht, und sie waren mir im Alter von sechs relativ gleichgültig. Natürlich hatte ich in Büchern von Hunden gelesen und sie im Fernsehen gesehen und besaß sogar ein paar Stofftierexemplare, aber in meiner Vorstellung waren sie eher mythische Gestalten als real – ähnlich wie Einhörner oder Drachen. Keiner unserer Nachbarn hatte einen Hund, ebenso niemand unter den Schulfreunden oder in der erweiterten Familie. Wenn wir auf der Straße Leuten begegneten, die ihre Hunde ausführten, weigerte sich meine Mutter stehen zu bleiben und zog mich abrupt zur Seite, bis sie an uns vorüber waren. Jeder Vorschlag, selbst ein Haustier anzuschaffen, wurde prompt und umfassend abgeschmettert.

Insofern war ich etwas überrascht, als Russell und seine tierischen Schützlinge bei uns einzogen. Auch Russell war schon einmal verheiratet gewesen, aber anders als meine Mutter hatte er keine Kinder. Stattdessen besaß er Pickle und Pepper. Es wundert mich nicht, dass er das alleinige Sorgerecht erhielt; soweit ich weiß, sprach man seiner Exfrau den Jacuzzi zu, und er bekam die Hunde. Jedes Mal, wenn sein weißer Lieferwagen vor unserer Wohnung vorfuhr, kauerten sie auf dem Armaturenbrett wie übergroße Kühlerfiguren, mit hervorquellenden dunklen Augen und im Wind flatternden winzigen rosa Zungen. Sie waren untersetzt, schwarz und fassförmig, weil Russell darauf bestand, sie zu überfüttern, und man musste sie buchstäblich in den Lieferwagen hinein- und wieder herausheben.

Ungefähr eine Nanosekunde lang fand ich sie interessant. Anfangs versuchte ich, mit ihnen zu spielen, aber sie zeigten weder Interesse an Bällen, Seilen oder Quietschspielzeugen noch jegliches Geschick damit. Ihre wichtigsten Hobbys schienen Essen, Niesen, Würgen und Schlafen. Russell war ihr Gott, und die seltenen Male, dass er sie zurückließ, stand die Panik in ihre zerdrückten kleinen Gesichter geschrieben. Aufgeregt drehten und drehten sie sich im Kreis, und manchmal wurde ihnen im Verlauf davon schlecht. Oft musste Russell einlenken und sie hochnehmen, wobei er sich wie ein Rugbyspieler unter jeden Arm einen Hund klemmte.

Die ersten paar Wochen ertrug ich sie, bis das praktisch ununterbrochene Keuchen, das irritierende Scharren der Klauen auf dem Linoleum, das kratzige, borstige Fell an meinen nackten Schienbeinen und ihr irgendwie ranziger Geruch mir die Sache verleidete. Unerklärlicherweise vergötterte Russell sie. Und für eine Weile wurde auch meine Mutter ganz verrückt nach Hunden, obwohl ich insgeheim mutmaßte, dass sie sich eher in die Accessoires verliebte. Sie durchlebte eine Phase, in der sie nicht nur groteske Modeartikel für Hunde erwarb (karierte Jäckchen, mit Kristallen besetzte Halsbänder, pelzgefütterte Handschuhe für ihre Pfoten), sondern auch Unmengen von Haushaltswaren mit Mopsmotiven (Tassen, Kissen, Geschirrtücher). Sie drängte mich, mich mit meinen neuen Stiefgeschwistern anzufreunden, obwohl sie Asthmatiker waren und nicht den geringsten Spielwert besaßen. Sie wollte mich sogar überreden, die Hunde auf meinem Bett schlafen zu lassen, was ich jedoch – mit der Begründung, dass sie schnarchten – klipp und klar verweigerte.

So richtig zu hassen begann ich die Möpse erst, als sie die Gliedmaßen sämtlicher Puppen abnagten. Nach wenigen Monaten besaß ich eine zerfetzte Kollektion vierfach gelähmter Barbies und kopfloser Kens. Meine Mutter hatte kein Mitleid. »Du kannst doch trotzdem noch mit ihnen spielen, Schatz«, beharrte sie, wenn ich mich beschwerte. »Nutz deine Fantasie: Tu einfach so, als hätten sie noch Arme und Beine.« An dem Abend klaute ich mir ihren Lieblingspullover aus Kaschmir und legte ihn als Unterlage ins Hundekörbchen. Am nächsten Morgen hatten sie Teile der Ärmel abgekaut. Du kannst ihn doch trotzdem noch tragen, dachte ich zufrieden. Tu einfach so, als hätte er noch Ärmel.

Sie war sprachlos vor Wut. Aber dennoch schien dieser kleine Akt des Widerstands das Ende von Russell und seinem vierbeinigen Nachwuchs eingeläutet zu haben. Auf gewisse Weise hatte es die Familie destabilisiert. Wenig später hörte ich, wie meine Mutter auf der anderen Seite der Schlafzimmertür Russell vorwarf, dass er hinter den Hunden nicht aufgeputzt hatte, und innerhalb eines Monats hatte sie sowohl Russel als auch seine Hunde aus dem Ehebett geworfen. Es war das erste und letzte Mal, dass wir Haustiere besaßen.

Nach dem Telefonat mit Sian beschließe ich, dass ich Jez suchen sollte, also ziehe ich mir meinen Mantel und ein paar alte Gummistiefel an und spaziere nach draußen. Im Hof ist niemand, aber der Land Rover steht noch da, und daneben parkt ein alter dunkelblauer Volvo-Kombi. Ich rufe Jez’ Namen, aber es kommt keine Antwort, also stecke ich den Kopf ins nächstgelegene Nebengebäude, einer großen, modernen Wellblechscheune.

Der Boden im Innern ist aus nacktem Beton, es gibt einige Boxen aus Betonziegeln, und an der Wand steht ein halbes Dutzend großer, metallener Kästen. In der Nähe der Hundeboxen baumelt ein raffinierter schwarzer Schlauch mit einer aufwendigen pistolenförmigen Düse wie eine todbringende Anakonda von einem Haken. Am Boden darunter ist eine Reihe runder, metallener Abflusslöcher. Ich gehe zu der Schlangenvorrichtung, die eine Art Hochdruck-Hundehygieneanlage zu sein scheint, und kann nicht widerstehen. Ich nehme die Düse vom Haken, die wirklich aussieht wie eine halbautomatische Waffe, und ziele auf eine Wand in der Nähe. Ein kraftvoller Wasserstrahl schießt heraus, die Düse fliegt mir aus der Hand, windet sich wie eine zornige Schlange zu mir herum und bespritzt mich mit eiskaltem Wasser.

Nass trete ich aus der Scheune und gehe über den Hof zu den Zwingern. Sie sind in einem langgezogenen, niedrigen Bungalow untergebracht, in dem eine Reihe von Türen ist, jede davon mit einem quadratischen Glasfenster versehen. Ich blicke durch das erste Fenster und sehe ein Himmelbett im Miniaturformat, einschließlich eines mit Rüschen versehenen, blassblauen Baldachins. Auf einem Schild an der Wand steht »Cosy Canine Königssuite«, und ich schnaube. Um das Bett herum ist ein Teppich aus leuchtend grünem Kunstrasen, und eine Plastikklappe an der gegenüberliegenden Wand führt hinaus auf eine Wiese. Ich spähe umher, doch die Suite scheint leer zu sein. Womöglich herrscht gerade Corgi-Knappheit. Ich drücke die Türklinke hinunter, die Tür ist offen, also gehe ich hinein. Die Suite mag für Mitglieder des Königshauses gedacht sein, aber sie riecht trotzdem nach nassem Hund. Ich probiere die Matratze aus und bin erleichtert, dass sie nur aus mit Plastik überzogenem Hartschaum besteht. Vielleicht ist Jez ja doch nicht völlig durchgeknallt.

Ich lasse das Gebäude mit den Suiten hinter mir und kehre um, zu einem weiteren Wirtschaftsgebäude, das hinter dem ersten liegt. Die große Tür steht offen, innen ist der Boden mit Stroh bedeckt, und der Raum ist vollgestellt mit grellbunten Übungsgeräten für Hunde. Ein Tunnel aus Stoff, eine kleine Trittleiter, eine Wippe, ein langer Holzbalken und eine Palette an Bällen unterschiedlicher Größe in Primärfarben. Heißt es nicht, Hunde sind farbenblind? In einer Ecke ist ein rechteckiger Whirlpool, in der anderen ein riesiges metallenes Übungsrad. Oh bitte!, denke ich und sehe es mir genauer an. Das Rad ist größer als ich selbst, es ist auf einem enormen dreieckigen Stahlrahmen befestigt und sieht aus wie ein gewaltiger Ventilator ohne Blätter. Im Innern ist es mit einer dicken schwarzen Gummimatte ausgelegt. Ich inspiziere ein kleines Plastikschildchen am Rahmen: Achtung! Nicht geeignet für große Rassen über 70 kg! Welche Hundemutation wiegt mehr als 70 Kilogramm?, frage ich mich.