Was uns am Ende bleibt - Viola Alvarez - ebook

Was uns am Ende bleibt ebook

Viola Alvarez

0,0
25,99 zł

Opis

Eine Schauspielerin zwischen Glamour-Welt und verlorener Liebe: Das Familien-Epos »Was uns am Ende bleibt« von Viola Alvarez als eBook bei dotbooks. Köln im Jahr 1944: Bei Nacht und Nebel rettet die junge Luise dem Deserteur Helmut das Leben und muss darum untertauchen. Ohne es zu ahnen, legt sie so den Grundstein für ein Leben, mit dem sie nie gerechnet hat: Helmut arbeitet sich im Nachkriegsdeutschland zum erfolgreichen Filmproduzenten empor und macht aus Luise die angebetete Lulu von Radziwil, den berühmtesten Filmstar ihrer Zeit. Doch Lulu lebt ein Leben zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen unsterblichem Ruhm und dunklen Geheimnissen … Jahre später bekommt Charlotte, Lulus Enkelin, einen geheimnisvollen Brief aus Australien – und ahnt, dass es nun an der Zeit ist, die lang gehüteten Geheimnisse ihrer Familiengeschichte zu lüften: Im Leben ihrer Großmutter gab es Dinge, über die Lulu stets geschwiegen hat. Und so begibt Charlotte sich auf eine Reise, die ihr Leben für immer verändern soll … Das ergreifende Familien-Epos »Was uns am Ende bleibt« von Viola Alvarez – fast 80 Jahre Familiengeschichte, die fesseln und bewegen. Jetzt als eBook kaufen und genießen: Das ergreifende Familien-Epos »Was uns am Ende bleibt« von der Autorin der Bestseller »Das Flüstern des Glücks« und »Ein Tag, ein Jahr, ein Leben« Viola Alvarez. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi lub dowolnej aplikacji obsługującej format:

EPUB
MOBI

Liczba stron: 569




Über dieses Buch:

Köln im Jahr 1944: Bei Nacht und Nebel rettet die junge Luise dem Deserteur Helmut das Leben und muss darum untertauchen. Ohne es zu ahnen, legt sie so den Grundstein für ein Leben, mit dem sie nie gerechnet hat: Helmut arbeitet sich im Nachkriegsdeutschland zum erfolgreichen Filmproduzenten empor und macht aus Luise die angebetete Lulu von Radziwil, den berühmtesten Filmstar ihrer Zeit. Doch Lulu lebt ein Leben zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen unsterblichem Ruhm und dunklen Geheimnissen …

Jahre später bekommt Charlotte, Lulus Enkelin, einen geheimnisvollen Brief aus Australien – und ahnt, dass es nun an der Zeit ist, die lang gehüteten Geheimnisse ihrer Familiengeschichte zu lüften: Im Leben ihrer Großmutter gab es Dinge, über die Lulu stets geschwiegen hat. Und so begibt Charlotte sich auf eine Reise, die ihr Leben für immer verändern soll …

Eine ergreifende Saga – fast 80 Jahre Familiengeschichte, die fesseln und bewegen.

Über die Autorin:

Viola Alvarez, geboren 1971 in Lemgo, ist eine deutsche Schriftstellerin, Referentin und Keynote-Speakerin. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Skandinavistik in Freiburg arbeitete sie als Referentin in der Erwachsenenbildung und war Leiterin eines Theaters in Köln. Heute ist sie Inhaberin eines Instituts für Managemententwicklung und lebt im Rheinland.

Die Autorin im Internet: www.viola-alvarez.de

Von Viola Alvarez sind bei dotbooks die folgenden Romane erschienen:

»Das Flüstern des Glücks«

»Ein Tag, ein Jahr, ein Leben«

»Die Zunftmeisterin«

***

Originalausgabe Dezember 2019

Copyright © der Originalausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Stefan Wendel

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock/asife, TTstudio, jakkapan und Christian Mueller

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96148-349-5

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Was uns am Ende bleibt« an: [email protected] (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

***

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Viola Alvarez

Was uns am Ende bleibt

Roman

dotbooks.

To Hanno und Louisa - our wonderful munchkins

Die Ereignisse und Personen des Romans sind fiktiv.Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht intendiert und wären rein zufällig.

Teil 1Unverhofft

München, 2015

Kapitel 1Eine unerwartete Anfrage

Ihre Mutter hatte den Brief vermutlich liegen lassen, weil er vom Ministerium war. Vom Bundesfinanzministerium. Sie kümmerte sich nicht um derlei Angelegenheiten, ließ auch manche Rechnungen einfach ungeöffnet liegen. Charlotte versuchte, das Datum auf dem Stempel zu entziffern, seitdem der Brief unbeachtet unter dem Kram auf Gabrieles Kommode lag. Es gelang ihr nicht. Aber auch ohne diese Gewissheit war sie überzeugt, der Brief müsse da schon eine Weile liegen. Und wenn Gabriele nicht schon ihr Leben lang so mit Behördenpost verfahren wäre ‒ liegen lassen, ignorieren ‒, dann hätte Charlotte mal wieder einen Grund mehr gehabt zu denken, dass ihre Mutter langsam wunderlich wurde. Nur, wenn man eine Mutter hatte, die eben schon immer wunderlich war, dann hatte es nichts mit dem Alter zu tun oder die Symptome, die andere bemerken konnten: »Da! Demenz!«, waren eben nicht so eindeutig.

Jedenfalls hatte Charlotte es sich bereits mit vierzehn, vielleicht auch schon mit zwölf, genau konnte sie das selbst nicht mehr sagen, zur Aufgabe gemacht, die Post durchzusehen. Und »durchsehen« hieß eigentlich öffnen, auch wenn die Briefe nicht an sie adressiert waren, – und lesen. Trotz aller schrecklichen Kindheitserlebnisse hatte nie ein Gerichtsvollzieher in der Wohnung gestanden, was Charlotte eigentlich erwartete, seit sie in einer Fernsehserie mal einen Gerichtsvollzieher gesehen hatte, der Kuckucks klebte. Und irgendwie schienen Sachen wie die Steuer, die notwendigsten Versicherungen und so weiter trotz Gabrieles unverantwortlicher Laxheit so zuverlässig beglichen zu werden, dass nie ein Schaden entstanden war. Je älter Charlotte wurde, desto mehr kam sie das heilige Wundern an, dass tatsächliche, belegbare finanzielle Katastrophen bis dato ausgeblieben waren. Wahrscheinlich bezahlt von dem Geld, das Lulu ihr vermacht hatte, haben musste. Irgendwer, vermutlich ein umsichtiger Bankmensch, musste einen Haufen Daueraufträge veranlasst haben, die sich quasi automatisch anpassten und mit Lulus Geld Gabrieles unstetes Leben fortlaufend bezahlten.

Lulu war Gabrieles Mutter, Charlottes Großmutter. Lulu war außerdem mal das beliebteste »süße Mädel« des deutschen Nachkriegsfilms gewesen, ein Filmstar, als dieses Wort noch etwas bedeutete. Manche Großmütter hinterließen bestickte Taschentücher, Sparbücher oder ein Gartengrundstück. Lulu hatte zwar auch Geld, vor allem aber die Erinnerung an ihr süßes Lächeln, ihr liebliches Gesicht hinterlassen. Weder Gabriele noch Charlotte waren süß oder lieblich.

Charlotte kam jeden Freitagnachmittag nach dem Unterricht in Gabrieles Wohnung. Im Kollegium erzählte sie es so, dass sie keine Wahl hätte, da sie bei diesen Besuchen dringend »nach dem Rechten sehen« müsste. Dabei war Gabriele oft gar nicht da. Oder schlief. Oder hatte irgendwelchen Besuch, der lärmte, rauchte, kiffte, zu laut mit ihr lachte und Musik aus den goldenen Tagen des Schwabinger Hippie-Daseins hörte. Gabs war weder bettlägerig noch eine Gefahr für sich selbst oder eben Letzteres nicht mehr, als sie es ohnehin schon immer gewesen war – und bis jetzt hatte sie ja auch überlebt. Dass Charlotte vor den Kollegen dennoch so tat, als hätte sich die Situation drastisch verschlechtert, quasi von Woche zu Woche, das machte sie nicht mal absichtlich. Es war mehr so eine Art Reflex. Es brachte ihr einfach jenes Quäntchen mehr Aufmerksamkeit oder Mitgefühl, das sie brauchte, immer schon gebraucht hatte. Ohne dass sie irgendwann verschwunden wäre. So fühlte es sich an: einer Notlage gehorchend.

»Ich muss jetzt zu meiner Mutter, nach dem Rechten sehen«, hatte sie sich auch heute von Andreas verabschiedet. Und Andreas, knapp dreißig, gerade fest angestellt für Englisch und Sport, hatte ein angemessen betroffenes Gesicht gemacht und gesagt, dass er das ja so toll fände, wie sie sich kümmerte. Und dazu hatte dann Charlotte ein angemessen tapferes Gesicht aufgesetzt und gesagt: »Was soll man machen?«

Aber eben so in dem Ton, dass sie schon eine Wahl hätte, wenn sie nicht durch und durch edel und verantwortungsbewusst wäre. Durch die Hintertür ihres Tonfalls konnte man auf ganze Deponien anderweitigen Verhaltens blicken. Und die waren alle selbstsüchtig und gemein, nur Charlotte nicht. Manchmal fragten die Kollegen sie dann in dieser Art zwirnsdünnen Solidarität, die man bisweilen mit den kurz gestreiften Problemen anderer empfindet, ob ihr Bruder nicht auch mal was tun könnte. Und dann machte Charlotte ein noch tapfereres Gesicht und sagte, dass Georg nie Zeit habe wegen seines Jobs, und Kinder habe er ja auch noch. Obwohl seine Frau Bea die Kinder hatte.

Heute, als sie kam, war es ganz still in der Wohnung, was hieß, dass Gabriele entweder murmeltierartig und möglicherweise zugekifft oder betrunken (oder beides) schlief oder schlicht ausgegangen war. Sie lag jedoch weder auf dem Sofa noch in ihrem Bett, also war sie unterwegs.

Charlotte nahm die Post mit in die Küche. Sie fröstelte. Es war ein kühler Oktober, in jeder Hinsicht wackelig und verunsichernd, so fror sie noch mehr als sonst. Sie ließ Wasser in den Kocher laufen, prüfte die Sauberkeit der Spüle und die Ordnung der Schränke mit ebenso grimmiger wie beruhigender Gewohnheit. In Gabrieles Schränken lagerten in interkultureller Eintracht mindestens fünfzig verschiedene Teesorten. Die meisten gingen auf Kim-Chi zurück. Er wohnte nun seit über fünfundzwanzig Jahren nicht mehr hier, aber er besuchte Gabriele häufig. Dann hielten sie Monologe aneinander vorbei. Er über seine spirituellen Erfahrungen, sie über ihre Karriere – besser: das, was sie gerne als ihre »Karriere« bezeichnete. Darüber konnte man genauso geteilter Meinung sein wie über seine »spirituellen Erfahrungen«. Und dazu brachte er dann jedenfalls immer irgendeinen Tee mit.

Charlotte, konservativ, wie sie glaubte, im Gegensatz zu Gabriele sein zu müssen, wählte einen Earl Grey aus, den sie dann aber doch mit Milch trank. Im Wohnzimmer drehte sie die Heizkörper bis zum Anschlag auf, nippte kältezitternd an ihrem Tee und arbeitete sich ungebeten durch die Post ihrer Mutter. Ein Angebot für eine IP-Umstellung des Telefonanschlusses, das Gabs nie und nimmer verstehen würde. So wie sie auch nie und nimmer verstehen würde, dass das Internet nicht bloß dazu erfunden worden war, damit sie sich selbst dutzendfach am Tag googeln konnte. Dann lag da eine Bitte der Eigentümerversammlung um ein Votum zu neuen Fliesen unten im Hausflur. Die Fliesen wären bestimmt schrecklich teuer wegen des Denkmalschutzes. Charlotte machte sich eine mentale Notiz, Gabs auf der Versammlung zu vertreten und mäßigend auf die Renovierungswünsche der anderen Eigentümer einzuwirken. Und ganz zuunterst lag das Schreiben vom Bundesfinanzministerium. Charlotte schluckte, als sie den Absender sah. Steuerschulden, dachte sie sofort.

Trotz des noch heißen Tees wurden ihre Hände eiskalt.

Jahrzehntelange Steuerschulden, vermutete sie. Für alles andere würde ja das Finanzamt schreiben, nicht das Ministerium!

Sie rechnete durch, wie viel sie noch haben würde, wenn die Scheidung durch wäre. Ob es reichte, Gabs vor dem Gefängnis zu bewahren, wenn sie die Wohnung verkauften. Sie machte die Katastrophe in ihren Gedanken perfekt, schwärzer, bis es nicht mehr ging.

Sie hörte die Tür, Gabriele war zurückgekehrt.

»Aaaah, was für ’n Kackwetter.« Sie redete mit sich selbst, schien es, keine anderen Schritte kamen ihr nach, die Tür ging gleich zu. Charlotte hörte, wie ein nasser Schirm halbherzig ausgeschlagen wurde. Drinnen, nicht im Hausflur. Wie ein Kind, dachte sie erschöpft. Der Schirm polterte zu Boden.

»Kackschirm«, setzte Charlottes Mutter nach. Man hörte, wie sie etwas mit dem Fuß verschob. Charlotte stand auf.

»Gabs?«, rief sie mit trockenem Hals.

»Was machst du denn hier?«, kam es aus dem Flur zurück; nicht begeistert, nicht erwartungsvoll, nicht liebevoll. Bloß eine Frage.

Charlotte spürte, wie sich ihr Magen verhärtete. Schließlich war sie jeden Freitag hier.

»Gabs, hier ist ein Brief vom Finanzamt«, was zwar nicht stimmte, aber das war die Panik ‒ und die Gewohnheit, dass man Gabs’ Aufmerksamkeit eigentlich nur auf der höchsten Alarmstufe von ihr selbst ablenken konnte.

»Und?«

»Gabs, hast du deine Steuern gezahlt?«

»So ’n Kack.« Gabriele kam rein, nicht im Mindesten beunruhigt.

»Hast du?« Der Brief flatterte leicht in Charlottes Hand.

»Geht dich das was an? Mach ich etwa auf ’n Teppich, musst du mich einschläfern lassen?«

»Mach den doch mal bitte auf!« Charlotte war mittlerweile fast hysterisch.

»Du hast echt ’n Knall, Kind.«

Gabriele riss ihr ungeduldig und gleichgültig zugleich den Brief aus der Hand, fuhr mit ihrem roten, krallenartigen Fingernagel zwischen die Klebefilze und schüttelte das Papier heraus. Den Briefumschlag ließ sie absichtlich auf den Boden segeln. Charlotte bückte sich danach, nur um etwas zu tun zu haben. Die Panik in ihrem Magen breitete sich überall in ihr aus sie hätte losheulen können. Gabriele las und las.

»Was?«, wimmerte Charlotte fast.

»Krass«, hatte Gabriele darauf zu sagen, aber es klang nicht nach dem Weltuntergang, der in Charlottes Fantasie längst Wirklichkeit geworden war. »Die wollen Lulu als Briefmarke bringen!«

»Was? Das Finanzamt?«

»Das Bundesfinanzministerium«, verdeutlichte Gabriele blasiert und belehrend, als ginge sie tagtäglich auf allen Ämtern ein und aus. »Das ist was anderes. Eine Hommage.«

Charlotte riss ihr den Brief aus der Hand, las ihn gierig, wie eine Begnadigte ihrer eigenen schlimmen Fantasie.

»Das kann gute Presse geben«, befand ihre Mutter und sagte dann Kim-Chis banales Wortspiel auf, das Charlotte schon immer gehasst hatte: »Prima Promo.«

Tatsächlich hatte das Bundesfinanzministerium, das Charlotte mit diesem Schreiben nun als zuständig für die Auswahl von Persönlichkeiten erkannte, die eine Briefmarke zieren sollten, Lulu von Radziwil, ihre Großmutter, als Anwärterin für solcherlei Ehren ausersehen.

»Warum das denn?«, flüsterte sie eine Frage, die in dem Brief wortreich erklärt war.

Lulu von Radziwil erfreue sich auch so viele Jahre nach ihrem Tode und nach dem Ende ihrer unsagbar vielschichtigen Filmkarriere solcher Beliebtheit in der Bevölkerung, dass es vielen Menschen eine Freude wäre, sie anlässlich eines Filmfestival-Jubiläums im nächsten Jahr auf einer Briefmarke verewigt zu sehen, erklärte der Brief. Denn schließlich sei Lulu von Radziwil bildlich nie aus der deutschen Gesellschaft verschwunden. Man gedenke nur der nach ihr benannten Frisur, die erst kürzlich von einem Jugendmagazin zu der Retro-Frisur der Saison gewählt worden sei. Und schließlich – unvermeidlich – sei sie das »süße Mädel« des deutschen Films der BRD in den Fünfzigern gewesen.

»Ist der echt?«, fragte Charlotte.

Statt einer Antwort kramte Gabriele in ihrer Handtasche, klappte einen Taschenspiegel auf und wischte in aller Seelenruhe an ihrem immer verschmierten Make-up unter den Augen herum. Ihre Wimpern sahen aus wie in Teer getaucht. Auf die faltigen Lider hatte sie Massen an grauschwarzem Lidschatten gehäuft. Kleine Brösel hatten sich auf die Tränensäcke verteilt.

»Was müssen wir denn da jetzt machen?«, wollte sie wissen, als sie mit dem Ergebnis zufrieden war.

Charlotte las angestrengt zu Ende. »Ein, äh, ein Foto hinschicken.«

»Pfff«, machte Gabriele, »davon haben wir ja wohl Massen.«

»Das mit der Frisur, von links im Halbprofil«, erklärte Charlotte weiter, »weil es in die Serie passen muss.«

»Welche Serie?«

»Die anderen Briefmarken, denke ich mir.«

»Aha. Die sind dann alle links im Halbprofil? Krass.«

Charlotte sah auf. »Wo hast du denn ihre Fotos?«

»In der roten Kiste.«

»Immer noch! Gabs, da werden die feucht drin, kleben aneinander und gehen kaputt.«

»Kacke«, fluchte Gabriele, nicht ersichtlich weswegen.

Sie ging zu ihrem indonesischen Schrank und holte den Schuhkarton, in dem sie die vielen, vielen Fotografien ihrer Mutter so nachlässig aufbewahrte. Dann setzte sie sich aufs Sofa vor dem Fenster und fing an, Fotografien herauszunehmen, ohne Charlotte einzuladen mitzumachen.

Charlotte beobachtete Gabrieles Gesicht wie es sich zu den Bildern veränderte. Gabriele war alt geworden, fand sie. Natürlich könnte man über jeden mit siebzig sagen, dass er alt geworden sei. Aber Gabriele sah irgendwie müde aus, schlecht. Grau oder fahl und ein bisschen wie zerlaufen. In ihrem puppenhaften, kindlichen Gesicht war das ein Misston, auffälliger und brutaler vielleicht als bei anderen Frauen. Sie sah fast schief aus, fand Charlotte, als würde sie wegschmelzen. Kerzen, die man auf der Fensterbank in der Sonne stehen ließ, sahen so aus.

Unwillkürlich stand Charlotte auf, ging rüber und setzte sich neben Gabs. Eine Weile tauschten sie wortlos Bilder hin und her.

Lulu. Lulus schönes, wunderschönes süßes Gesicht. Ein liebreizendes Gesicht, wenn es das Wort noch gab. Ein Gesicht, das den Betrachter zum Lächeln verführte, nur weil man etwas so Schönes sehen durfte. Da war Lulu in ihren fantastischen Kostümen. Lauter Szenenfotos, einige in den Drehpausen aufgenommen. Manche bestechend im Kontrast zwischen Rokokokleid und Zigarette, die Scheinwerfer im Hintergrund. Dann Lulu bei Bällen und Presseterminen. Lachend, lächelnd. Anmutig, immer heiter, so süß. In Galaroben, in maßgeschneiderten Ausgehkostümen, in einem Reitdress, in Zigarettenhosen und Cocktailkleidern. Stets so schön, fröhlich, unbeschwert. Als gäbe es keine Sorgen, das war ihre Rolle gewesen, ein sanftes Streicheln gegen allen Kummer dieser Welt, eine Verkörperung des Schönen.

»Kacke«, sagte Gabriele wieder. Charlotte zuckte zusammen.

»Das Halbprofil ist nicht dabei, so ’n Kack«, befand Gabriele roh.

»Irgendwo vielleicht doch«, beharrte Charlotte und griff nach dem Karton.

»Als ob ich nicht weiß, was hier drin ist«, fauchte Gabriele.

»Oder in den Archiven der Produktion«, murmelte Charlotte abwesend. »Der Sistig lebt doch noch, oder?«

»Der hat das nicht.«

»Woher willst du das wissen?«

»Weil ich weiß, welches Bild die meinen, das, was die neulich schon mal drucken wollten, die von der Frauenzeitschrift, und Sistig hat das nicht. Die Frisur hatte sie nicht so lang.«

»Mann, Gabs, kannst du dich mal klarer ausdrücken?«

»Wahrscheinlich kann man das doch heute auch mit Computer machen, oder? Das Foto ist damals in einer Zeitschrift gedruckt worden, haben die gesagt. Nur das Original gibt es eben nicht. Aber irgendwo gibt es doch bestimmt einen Abzug oder Abdruck, den die nehmen können.«

Charlotte stand auf. »Das ist wahrscheinlich rechtlich schwierig. Wegen der Urheberrechte. Und wahrscheinlich ist die Auflösung nicht gut genug«, sagte sie in ihrem Lehrerinnen-Ton, der sofort Expertise vermittelte, auch wenn sie nichts wusste. »Ich rufe Georg an.« Sie sah auf ihre Uhr. »Wann macht der freitags Feierabend?«

Gabriele lachte heiser. »Mitternacht?«

»Ich rufe Bea an«, entschied Charlotte, wozu Gabriele die Augen verdrehte. »Lass es!«

Aber Charlotte wählte schon.

Gabriele sollte recht behalten. Georgs Frau war über den Anruf weder erfreut noch konnte sie Auskunft geben, wann Georg nach Hause käme. Vermutlich, sagte sie etwas giftig, eine Stunde, nachdem alle anderen längst gegangen wären. Charlotte bat ihre Schwägerin darum, dass ihr Bruder sie anrufen möge, dringend, gleich, um welche Zeit es wäre. Dazu lachte Bea ziemlich bitter und bemerkte, dass sich in der nächsten Woche sicher ein Termin dazu finden ließe. Sie selbst hoffe, auch einen zu bekommen. Dann drückte sie das Gespräch einfach weg, ohne sich zu verabschieden.

Charlotte glotzte verletzt.

»Ich hab dir gesagt, lass es«, triumphierte Gabriele.

»Was ist jetzt mit Sistig? Woher weißt du, dass er das Bild nicht hat?«

»Weil er Lulu einen kompletten Schrein gewidmet hat. Und da ist es nicht drin. Da sind die Sachen drin, seit er die Produktionsfirma hatte. Das Bild war vorher.«

»Da bist du dir so sicher?«

»Ich hab mir diesen Lulu-Schrein oft genug ansehen müssen. Und ich hab ihn gefragt, als die von der Frauenzeitschrift das Foto wollten.«

»Gabs, das ist doch lächerlich. Man kann doch wohl davon ausgehen, dass er weit mehr Material hat. Irgendwo muss das Bild doch sein. Ruf ihn an.«

»Nein.«

»Dann ruf ich ihn an.«

»Tu dir keinen Zwang an. Falls du weißt, wie das geht.«

»Telefonieren?« Charlotte stand es gar nicht, höhnisch zu sein.

»Dir keinen Zwang anzutun, mein Kind.«

Sie schwiegen eine Weile, irgendwie erbittert, irgendwie verausgabt.

»Wer hat dann dieses Bild von dem Abdruck, wenn du genau weißt, welches die meinen?«, nahm Charlotte die angespannte Unterhaltung wieder mit bemühter Geduld auf. Sie hörte, wie böse ihre Stimme klang.

»Pfff«, machte ihre Mutter unbestimmt. »Muss ich mal nachdenken.« Aber Charlotte hatte das Gefühl, dass das gelogen war. Nur warum?

»Bleibst du zum Essen? Ich mach vegan heute«, fragte Gabriele dann, als wollte sie das Thema wechseln.

»Nein, danke«, lehnte Charlotte ab. Dabei wartete nur eine leere, halb ausgeräumte Wohnung auf sie. Eine Wohnung, die sie sich alleine nicht mehr leisten konnte. Ein Leben, das in Auflösung begriffen war, ohne Hoffnung, was war das für ein Leben? Sie hatte nirgendwo hinzugehen und nirgendwo zu bleiben. Niemand erwartete sie, niemand vermisste sie.

»Du musst nicht immer so tun«, sagte Gabriele. »Allein sein ist keine Schande. Hin und wieder ist man eben allein. Getrennt sein ist auch keine Schande. Manchmal klappt es eben nicht.«

Charlotte hasste es, wenn sie Sachen sagte, die eine richtige Mutter sagen würde. Sätze, an die man sich anlehnen wollte, nach denen man greifen wollte, als wäre da wirklich jemand, der sie festhalten könnte. Nicht bloß Gabs, die sich dann wieder zurückdrehte in ihr eigenes Universum, in dem es zwei Planeten gab – sie selbst und ihre Idee davon, wie ihr Leben sein sollte.

»Bitte unternimm noch nichts wegen des Schreibens da, Gabs. Lass mich erst mal mit Georg reden, ob wir das überhaupt machen sollten.«

»An wen ist das Schreiben denn gerichtet?«, fauchte Gabriele. »An euch oder an mich?«

»Ich will ja nur nicht, dass du gleich Kim-Chi anrufst oder sonst wen und dich in irgendwelche Talkshows einbuchen lässt.«

»Is‘ ja wohl meine Sache.«

»Mutter, bitte!«

Charlottes Telefon schellte dazwischen.

»Georg!«, rief sie nach einem Blick auf das Display, als wäre er Rettung in letzter Sekunde. Dann, als sie angenommen hatte: »Hallo?«

»Charlotte, was ist denn?«, ebenfalls nervös, gehetzt, als riefe er aus einem Krisengebiet an.

Beide Geschwister klangen, als gelte es, einen Notfall abzuwenden, dabei ging es doch eigentlich nur um ein Foto.

»Georg, pass auf«, sagte Charlotte in diesem Lehrerinnen-Tonfall, der alle wahnsinnig machte. »Wir haben ein Schreiben vom Bundesfinanzministerium bekommen.«

Georg arbeitete bei einer Bank, da verfehlte so ein Satz seine Wirkung nicht. »Weswegen?«, wachsam, aufmerksam.

Die Erklärung ließ ihn merklich aufatmen. Gleichzeitig verlor er das Interesse. »Und was soll ich da jetzt machen?«

Sie bräuchten das Originalfoto, erläuterte Charlotte, das mit der Frisur. Ob Georg noch Abzüge davon habe. Möglichst mit Copyright-Vermerk auf der Rückseite.

»Weiß ich nicht. Muss ich nachsehen. Mach ich am Wochenende. Ist ja nicht so dringend, oder?«

Charlotte sagte schmallippig »Nein-nein«, auf eine Art, die das Gegenteil vermittelte. »Schon in Ordnung. Nur, dass wir Gabs davon abhalten müssen, sich deswegen in irgendwelche Talkshows zu setzen, verstehst du?«

Georg seufzte genervt. »Hat sie schon jemanden angerufen?«

Jemanden. Kim-Chi, wussten sie beide. Kim-Chis Einmischung musste verhindert werden.

»Nein. Will sie aber noch.«

Das wollte sie immer, wussten sie beide, darum musste Gabriele es nicht mal gesagt haben.

»Mist«, fluchte Georg übergangslos. »Ich komme. Verdammter Mist.« Dann legte er auf.

Und obwohl Charlotte es unmöglich fand, so mit Gabs umzugehen, war sie doch auch erst mal erleichtert, dass er kam. Dass sie ihn sehen würde. Dass sie nicht nach Hause musste. Dass sie zu zweit mit Gabriele reden konnten. Dass sie nun gebraucht wurde, um einen echten Notfall zu verhindern. Genau genommen war eben der Notfall, der wahrscheinlichste Notfall, dass Kim-Chi angerufen wurde, auftauchte, irgendwas tat, das niemandem nützte außer ihm.

»Gabs?« Sie sah sich nach ihrer Mutter um.

Da hörte sie sie im Schlafzimmer leise telefonieren.

»Neiiin«, quietschte Charlotte.

Charlotte

München, Oktober 2015

Ich versuche natürlich schon, mich so wenig wie möglich über Gabriele aufzuregen. Es bringt ja nichts.

Ich habe drei Therapien gemacht. Zuerst eine Verhaltenstherapie, da habe ich gelernt, dass ich meine Grenzen wahren soll und dass meine Mutter ihre Gründe hat, so zu sein, wie sie ist. Dass ich den Kontakt zu ihr eben so einstellen soll, dass es meine Grenzen nicht verletzt. Dass ich das selbst entscheiden soll. Und in der zweiten, tiefenpsychologisch fundierten Therapie sollte ich ihr dann verzeihen, weil mein Nicht-Verzeihen nur zu weiterer Abhängigkeit führe und nichts daran ändern würde, dass sie so ist, wie sie ist, weil nur sie was dran ändern könnte. Und dass es meine Entscheidung ist, heute diese Abhängigkeit zu erhalten. Dass ich jetzt als Erwachsene nicht das Verhalten des Kindes reproduzieren muss, weil ich heute eine Wahl habe. In der dritten Therapie wollte der Typ überhaupt nie über Gabriele mit mir reden, sondern immer nur über meine verdrängten Aggressionen, was ein Witz ist. Ohne Gabriele hätte ich überhaupt keine verdrängten Aggressionen.

Mit meinem Zwillingsbruder Georg kann man auch nicht richtig über Gabriele reden, weil man inzwischen grundsätzlich kaum noch mit Georg reden kann. Seine Antwort auf alles ist Arbeit. Die letzten zwanzig Jahre über. Dass seine Frau Bea deswegen jetzt so ein Theater macht, finde ich lächerlich. Die beiden sind seit fünfzehn Jahren verheiratet. Und seit sie die Kinder haben ‒ Simon ist neun und Anna ist sechs ‒, seitdem macht sie rum, dass er nie Zeit hat. Vorher war er der Held der Arbeit. Und dafür mosert er rum, dass sie nie was tut. Bea ist aber als klassische Trophäen-Frau von ihm geheiratet worden. Sie sieht natürlich auch wirklich gut aus, wenn vor allem Dünnsein der Maßstab allen Gutaussehens ist. Und Georg wollte ja auch, dass sie zu Hause bleibt. Georg ist kompensatorisch konservativ. Der Klassiker. Ich bin natürlich auch kompensatorisch konservativ, nur weniger erfolgreich dabei.

Was ich sagen wollte, mit Georg kann man über die ganze Sache nie reden, weil er das gar nicht verarbeiten will. Unsere Kindheit, meine ich. Wir sind jetzt einundvierzig. Wir wissen beide immer noch nicht, wer unser Vater ist.

Dass Kim-Chi jedenfalls nicht unser Vater ist, würde ein Blinder mit Krückstock sehen, falls man das überhaupt noch so sagen darf. Kim-Chi ist halb aus Bangladesch, halb aus Cham. Er sieht aber aus, als wäre er ganz und gar aus Bangladesch. Weder Georg noch ich haben einen Funken davon in uns. Als mein Neffe Simon geboren wurde, haben wir beide, glaube ich, noch mal drauf gelauert, ob sich da jetzt was durchgemendelt hätte in zweiter Generation – aber nix. Und Anna auch nicht. Anna sieht aber auch haargenau wie Bea aus. Bei mir hat sich das mit Kindern nicht ergeben. Darum ist Georgs DNA bis jetzt die einzige heiße Spur, die eben dann doch nicht heiß war. Das ist jetzt nicht negativ gegen Simon und Anna gemeint. Ich liebe die beiden über alles. Aber die Sache mit unserem Vater, das ist wirklich nur eins von den vielen Dingen, über die man sich bei Gabriele aufregen kann.

Um es vielleicht mal in eine nachvollziehbare Abfolge zu bringen:

Oma – Lulu – war Filmstar. Der Filmstar der Fünfziger, das »süße Mädel«. Als Gabriele geboren wurde, war Lulu allerdings noch kein Filmstar. Wo Gabriele genau geboren wurde und unter welchen Umständen, darüber schweigt sie bis heute. Aber Lulu, Oma, wurde dann bald ein Filmstar.

Und damit sie überhaupt einer wurde, hat sie der damaligen Moral wegen ein bisschen unterschlagen, dass sie eine uneheliche Tochter von ihrem späteren Regisseur hatte. Gabriele existierte praktisch nicht. Also, ich denke mir, behördlich muss sie ja irgendwie existiert haben. Wie das alles genau war, darüber können Georg und ich nur spekulieren. Aber dass es kein Spaß war, da bin ich mir ziemlich sicher, für Gabriele, meine ich.

Die ersten zehn Jahre ist sie wohl bei einer Nenntante aufgewachsen. Lulu kam nur zu Besuch. Und Helmut – also Gabrieles Vater – hat sie den Besuch irgendwann verboten, als Gabs so ungefähr zehn war und ins Internat gesteckt wurde. Für die Presse wurde eine andere Biografie erfunden. Damals konnte man das noch so machen, das prüfte keiner nach.

Gabriele hat so unter ihrer angeblichen Nichtexistenz gelitten, sage ich, sagen meine Therapeuten, dass sie ein extremes Geltungsbedürfnis einerseits entwickelte, andererseits überzeugt war, dass sie auch später, egal was sie täte, keiner wahrnehmen würde. Sogenanntes ambivalentes Verhalten.

Jedenfalls ist Gabriele auch Schauspielerin geworden, auch beim Film – wegen Sistig, der Lulu irgendwas dunkel Geheimes schuldete –, aber Gabs’ Karriere verlief nun wirklich ohne jeglichen Erfolg. Das passiert ja öfter, dass die Kinder von Filmstars auch Filmstars werden wollen. Aber wie das danebengehen kann, das sieht man exemplarisch an Gabriele.

Sie ist Kleindarstellerin gewesen, in Illustrierten würde man »Filmsternchen« dazu sagen. Und sie hat sich gerne gewagt fotografieren lassen. Nicht pornografisch, aber doch eben sehr gewagt für die damalige Zeit, damals in den Siebzigern in Schwabing. So etwas zwischen einem Groupie, einem Party-Girl und einem Hippie-Mädchen. Sie selbst ist sehr stolz auf ihre sexuelle Freizügigkeit, obwohl ich als ihre Tochter das gar nicht so gerne ausspreche. Pornos hat sie aber nie gedreht, sagt sie. Das würde mir wahrscheinlich den Rest geben.

Jedenfalls behauptet sie, nicht zu wissen, wer unser Vater ist, sie tippe aber auf Kim-Chi, was, wie gesagt, nicht sein kann.

Kim-Chi war ein selbst ernannter Münchner Selbstfindungsguru in den Siebzigern und hat bei uns gewohnt. Streckenweise war er bestimmt auch Gabrieles Liebhaber ‒ geschenkt. Es ging ja damals alles so durcheinander, sagt Gabriele über das Schwabinger Wer-mit-wem. Sie sagt das so selbstverständlich wie jemand, der sich in einer fremden Stadt ohne Stadtplan verläuft.

Ich war nicht so. Nie. Nicht mal als Studentin. Ich sei schon immer verklemmt gewesen, sagt Gabs. Danke. Aber es stimmt, ich konnte das nicht. Also war ich verklemmt.

Georg und ich sind 1974 geboren. Anfang, Mitte der Neunziger, als ich hätte so sein können, da hatte ich völlig verinnerlicht, dass man von Sex in erster Linie Aids kriegt. Lebensgefährlich!

Es war ziemlich schwer für mich, die ganze Angelegenheit. Ich musste da dauernd dran denken, irgendwie. Deswegen habe ich dann auch die erste Therapie gemacht. Und in der Therapie kam dann raus, dass es nicht an Aids liegt, sondern an meiner Unfähigkeit zur Hingabe, weil ich immer alles kontrollieren will, weil eben Gabriele so ein unkontrollierbares Umfeld darstellt. Und dass nicht die bindungsunfähigen Männer mein Problem sind, wie ich ja immer versucht habe, dem Therapeuten zu erklären, sondern dass ich selbst bindungsunfähig bin, weil ich mich auf die Bindung zu Gabs fixiert habe, die diese Bindung aber nicht leisten kann.

Besser ist es nicht wirklich geworden, auch jetzt nicht, wo ich älter bin. Ich glaube, die meisten halten mich für eine ziemliche Schreckschraube. Ich könnte, ehrlich gesagt, nichts dagegenhalten. Ich bin kontrollierend und mittlerweile fast humorlos.

Und Sven, mein Mann ‒ ich glaube, dass der sich jetzt aus demselben Grund scheiden lässt. Wir sind fast durch mit der Scheidung. Eigentlich ist er es, der sich scheiden lassen will, auch wenn wir nach außen immer sagen, dass wir uns scheiden lassen.

Ich weiß nicht.

Bei Georg bin ich manchmal noch ganz okay. Ich konnte früher sogar ziemlich witzig sein. Und Georg konnte früher so relaxed sein. Wir haben uns wohl beide ungut verändert.

Ich wollte so gerne immer alles richtig machen. Aber heute, jetzt wo dieser Brief gekommen ist, denke ich schon wieder, dass ich alles nur falsch mache.

In Ruhe lassen kann ich Gabs aber auch nicht. Sie baut nur wieder Mist. Ich sag es nicht gerne, doch ich will sie immer noch beschützen. Oder ehrlicher: Ich will immer noch, dass sie uns endlich beschützt. Darum mache ich ihr vor, wie das geht, und hoffe – wider alle Erfahrung –, dass sie es sich abguckt.

Da kann ich aber lange warten. Es stimmt schon: Ich sollte besser endlich mal erwachsen werden. Vielleicht kann ich dann auch aufhören ihr vorzuwerfen, dass sie es nicht ist.

Kapitel 2Sich sortieren

Georg wollte praktisch und effizient vorgehen und rief erst mal Sistig vom Auto aus an, bevor er zu Gabriele fuhr. Bea würde sowieso außer sich sein; ob er um sieben oder um halb neun kam, war auch egal.

Sistig meldete sich sofort, nach nur einem Klingeln, als hätte er auf den Anruf geradezu gewartet. Oder auf irgendeinen Anruf.

»Sistig.«

»Georg Röber hier. Hallo, guten Tag, Herr Sistig.«

»Wer?«

Er klang erkältet und sehr alt. Aber das war bei Sistig vermutlich ein Trick. Bei Sistig konnte alles ein Trick sein. Er hatte eine streng geheime Nummer, angeblich kannte die nur eine Handvoll Menschen.

»Georg Röber, Gabrieles Sohn?«, sagte Georg, als wäre das eine Frage.

»Ja«, sagte Sistig unentschlossen, die Stimme in der Schwebe. Vielleicht machte er auf dement. Oder vielleicht wurde er dement. Der marschierte ja schon auf die Neunzig zu. Oder war er schon neunzig? Über neunzig?

»Ich habe eine Bitte an Sie, Herr Sistig.«

»Sonst würdest du ja wohl nicht anrufen.« Was stimmte, aber trotzdem so unhöflich gesagt war, dass es Georg auf die Palme brachte. Als riefe ihn Georg jede Woche mit unangemessenen Bitten an. Und als hätte Sistig jede einzelne davon erfüllt.

Georg atmete ebenso mühsam wie lautlos aus. Er hatte sehr viel Erfahrung darin, mit unzufriedenen Menschen ausgleichend umzugehen. Jetzt stresste es ihn aber mehr als auf der Arbeit.

Wahrscheinlich, weil er hier am Ende keine Provision bekam.

»Herr Sistig, es geht um Lulu.« Vielleicht war das ein Zauberwort, das den Alten milde stimmen würde.

Es röchelte aber nur bronchial am anderen Ende, Sistig beschränkte sich aufs Atmen. Vielleicht war er wirklich krank. Vielleicht lag er im Bett, das Telefon neben sich.

»Wir brauchen ein bestimmtes Foto von ihr, und ich wollte fragen, ob wir uns mal Ihr tolles Archiv zunutze machen dürften, um das Foto vielleicht zu finden.«

Georg plusterte so viel positive Energie in seine Stimme, wie es nach diesem Tag um diese Uhrzeit noch ging. Es klang trotzdem flach.

»Ich hab das nicht«, kam es sofort, kategorisch.

Georg schloss entnervt die Augen, machte sie schnell wieder auf, weil er ja am Steuer saß. Er zwang sich zu einem Lächeln, nachsichtig, überlegen. Alte Leute verstanden eben nicht mehr alles sofort.

»Darf ich Ihnen vielleicht erst mal schildern, um welche Aufnahme es sich genau handelt?«

»Ich hab die nicht, die du meinst.«

Georgs Ungeduld wurde stärker, sein Ton gepresst schärfer: »Sie wissen also schon, um welches Foto es sich handelt?« Das triefte vor Ironie.

»Das mit den Haaren, von links.« So unpräzise das war, wusste Georg, der inzwischen eine ewig lange, schwafelnde Textnachricht und eine noch längere Sprachnachricht von Charlotte zum Thema erhalten hatte, sofort, dass Sistig tatsächlich im Bilde war. Gabriele! Die musste ihn informiert haben.

»Und das haben Sie nicht?« Georg schraubte seinen Ton mühsam wieder auf höflich. »Sie haben doch so viele.«

»Das nicht.«

Es flatschte feucht im Hörer, Sistig musste was ausgespuckt haben.

Georg schluckte angeekelt, aber gab noch nicht auf.

»Wissen Sie denn vielleicht, wer es haben könnte?«

»’türlich.«

Georg baute fast einen Unfall. »Wer?«

Er habe die betreffende Person bereits informiert, teilte Sistig mit. Und er gehe davon aus, dass die betreffende Person sich melden würde, wenn sie ein Interesse habe, sich zu diesem Zeitpunkt hilfreich in diese Angelegenheit einzubringen. Auf einmal klang der alte Fuchs ganz klar; so musste er früher in den Verhandlungen gewesen sein, dachte Georg. Mit allen Wassern gewaschen. Für einen winzigen Moment bewunderte er den miesen Typen.

Er fand einen guten Parkplatz in der Nähe von Gabrieles Wohnung und hoffte, sich jetzt besser auf das Gespräch konzentrieren zu können.

»Wenn Sie mir bitte den Namen und die Kontaktinformation …«, versuchte es Georg, wurde aber von Sistig rigoros abgebügelt.

»Quatsch. Wenn die betreffende Person Interesse hat, wird die sich melden. Das muss reichen.«

Der Alte hatte immer noch erstaunlich viel Autorität in der Stimme.

»Herr Sistig, Sie würden uns aber wirklich sehr, sehr helfen …«

»Hab ich schon«, röchelte Sistig. »Hab ich schon immer.« Dann war das Gespräch weg.

»Verdammt!« Georg schlug so heftig auf das Lenkrad ein, dass er eine Schrecksekunde lang fürchtete, der Airbag könnte sich entfalten.

Bis auf drei kichernde Mädchen Anfang zwanzig, die auf der anderen Straßenseite entlanggingen, blieb es aber ruhig. Die Mädchen hatten nicht mal über ihn gekichert. Sie starrten auf das Display eines ihrer Telefone und gackerten.

Georg atmete tief durch, schloss die Augen und hatte das Gefühl, losflennen zu müssen. Alles schien mit einem Mal so vertrackt.

Er hatte keine Lust, zu seiner Mutter und seiner Schwester zu gehen. Er hatte auch keine Lust, nach Hause zu Bea zu gehen.

Und am schlimmsten war, dass er gerade nicht mal Lust hatte, seine Kinder zu sehen. Er fragte sich, wo er überhaupt hinwollte. Und so furchtbar und beschämend es war, er stellte sich, durchzuckt von ungebetener Ehrlichkeit, der Gewissheit, dass er gerne zu dieser neuen Fachanwältin für Steuerrecht wollte, die seine Bank gerade bei einer Tochterfirma angestellt hatte.

In der blitzkurzen Fantasie, die er hatte, sah er sich an ihrer Haustür schellen – die er nicht kannte, nicht mal die Adresse – und wie er und die Fachanwältin einander in die Arme fielen, sofort gefangen in einem wilden Kuss, als hätten sie beide seit Ewigkeiten aufeinander gewartet. Er war sich nicht mal sicher, wie sie mit Vornamen hieß. Die Fantasie wurde von einer überraschend schnellen und heftigen Erektion begleitet.

Er schüttelte den Kopf wie ein Hund. Ein Grund mehr, noch eine Weile sitzen zu bleiben. Um sich Zeit zu geben, dachte er über das Gespräch mit Sistig nach. Er habe die »betreffende Person« informiert, hatte Sistig gesagt. Extra nicht, ob Mann oder Frau. Es musste auf jeden Fall eine ziemlich alte Person sein. Jemand, der mit Film zu tun hatte? Der Fotograf? Ging es um Bildrechte? Wenn das Finanzministerium so genau wusste, welches Bild es war, wieso konnte man es dann nicht anderweitig besorgen?

Vielleicht könnte man Gabriele dazu bringen, sich an Personen zu erinnern, die sowohl Sistig als auch Lulu gekannt hatten und die noch leben könnten. Da würde sich doch wohl eine Lösung finden.

Lösungsorientiert, dachte Georg.

Ein blöder Trainer, der wegen irgendwelcher Führungsschulungen letzte Woche in die Bank gekommen war, hatte alle mit einem dieser superblöden Spielchen aufgefordert, sich mit drei Worten zu beschreiben. Und dann mussten die anderen Punkte kleben, neben die Stichworte, die man auf Karten schreiben und in einen menschlichen Umriss auf Packpapier pinnen musste, ob sie den Eigenschaften zustimmten. Sie waren zu acht in Georgs »Team«. Wenn man weniger als zwei Punkte neben den Stichworten hatte, hielt der Trainer eine betuliche Rede über den notwendigen Abgleich von Selbstbild und Fremdbild.

»Lösungsorientiert, flexibel, fair«, hatte Georg über sich geschrieben. Bei »lösungsorientiert« klebte ein Punkt, sein eigener.

Der Trainer hatte einen Moment der Verzagtheit. Dann wollte er ein qualifiziertes Feedback aus der Gruppe, um Georg bei seinem Abgleich von Selbstbild und Fremdbild zu helfen. Keiner machte den Mund auf. Das war schlimmer als früher auf dem Schulhof, wenn einer das Bild von Lulu aus »Kalter Rauch« herumreichte. Das, auf dem sie – nackt – diese französische Schauspielerin küsste.

Die Erinnerung an seine nackte Großmutter half deutlich gegen die ungebetene Erregung. Er stieg aus und zwang sich, in Gabrieles Wohnung zu gehen.

Kim-Chi war natürlich schon da, wie er leibte und auf Kosten anderer lebte. Georg hatte das unbestimmte Gefühl, dass jedes Zusammentreffen mit Kim-Chi einen Tiefpunkt seines Lebens darstellte. Oder vielleicht war Kim-Chi immer da gewesen, wenn Georg einen Tiefpunkt empfand?

»Heeeyyy!« Kim-Chi stand vom Sofa auf und zog ihn in eine dieser extra langen und langsamen Umarmungen aus Patschuli und Show. »Du«, schnurrte er Georg ins Ohr, vermutlich um ihn auf Homophobie zu testen. Das machte Kim-Chi gerne.

»Hey«, antwortete Georg und machte sich unbeholfen los. Er bezähmte mühsam den Drang, sich zu schütteln.

Kim-Chi grinste, als wüsste er irgendetwas über Georgs peinliche Fantasie mit der unbekannten Anwältin.

Georg küsste Gabs, die gerade beladen mit einer Auswahl an Kleidern hereinwehte, auf die Wange.

»Hi, Gabs.«

»Das oder das?« Es war unklar, an wen sie ihre Frage richtete. Georgs Antwort wäre sowieso zu beidem »Nein« gewesen. Das eine war ein Pailletten-Fummel aus den Achtzigern mit Schulterpolstern wie Ambosse, das andere ein nepalesisches Gewand mit passendem Kopfschmuck. O Gott! Wofür?

»Wo ist Charles?«, fragte Georg.

Komisch, wenn er sie so sah, dann hatte er sie plötzlich schrecklich lieb. Sobald er von ihr weg war, hatte er selten Lust, sie zu besuchen.

»Schlafzimmer.«

»Zieh mal an«, hörte er Kim-Chi noch sagen.

Charlotte stand im Schlafzimmer inmitten eines Kleiderhaufens. Teile davon stopfte sie sehr schnell in einen Müllsack, offenbar um Gabs zu entmutigen, diese auch noch in Betracht zu ziehen.

»Ist das für die Flüchtlinge?«, fragte Georg scheinheilig. Wenn er sie sah, musste er irgendwie versuchen, sie zum Lachen zu bringen.

»George!« Sie fiel ihm um den Hals, die Sache mit der Scheidung musste sie mitnehmen, sonst war sie nicht so gefühlig, schon gar nicht tuchfühlig.

»Charles« und »George«, Kinderkosenamen, gesprochene Talismane, immer noch aufgeladen mit Trost.

»Sie will in eine Talkshow«, nuschelte sie in seinen Hals.

»Welche?«

»Die mit dem Typen mit dem Ohrring«, was Georg erst mal nichts sagte. Aber wenn Kim-Chi hier war, dann war das vermutlich sein Werk und somit kein gutes Zeichen. Seine zweite, unspirituelle Karriere fußte auf dem Treibsand des Boulevard-Fernsehens. Kim-Chi mochte das überleben, tat er ja schon seit Jahren, Gabriele würde in Sekunden untergehen.

»Hast du mit Sistig telefoniert?« Jetzt klang sie wieder wie eine unzufriedene Lehrerin, die zum dritten Mal nicht die Hausaufgaben einsammeln kann, weil der Schüler vorgibt, das Heft vergessen zu haben. Oder besser eine unbefriedigte Lehrerin, dachte er böse.

»Ja, er hat es aber nicht.«

»Weiß er jemanden, der es haben könnte?« Wieder in diesem Ton, dass ein Prüfling kurz vor der Fünf nun besser endlich die Kurve kriegen sollte.

Georg überlegte, welche Version der Wahrheit jetzt die bessere wäre. Alles, was er sagte, würde ein Verhör von Gabriele in Kim-Chis Gegenwart nach sich ziehen.

»Er weiß jemanden, aber er sagt nicht, wer es ist.«

»Er weiß jemanden, aber er sagt nicht, wer es ist?«

Durchgefallen, Röber, setzen! Georg ließ sich auf Gabrieles Bett fallen, ein Wasserbett, es schwappte unter ihm.

Charlotte hörte auf zu stopfen und zu falten. »Weiß sie, wer das ist?«

Lösungsorientiert, flexibel, fair.

»Er hat gesagt, dass sich die Person wahrscheinlich bei uns melden wird.« Weil sie in diesem Moment so alt, einsam und mürrisch aussah, schob er noch eine besänftigende Lüge nach: »Wahrscheinlich schon bald.«

Seine Schwester fuhr fort, Sachen in den Müllsack zu stopfen.

Einen Strapsgürtel mit Strass hielt sie einen Moment lang erstarrt in der Hand, wurde rot, als sie bemerkte, dass Georg es gesehen hatte, stopfte weiter.

»Wie lange bleibt der?«, fragte er leise und wies mit dem Kinn in Richtung Wohnzimmer. Ein Satz, den er gefühlt Hunderte Male geflüstert haben musste. Vor der Küchentür, der Wohnzimmertür, der Schlafzimmertür. Ein Satz mit zähen Wurzeln.

Charlotte zuckte genervt die Schultern. »Was weiß ich. Sie kocht vegan heute.«

Nachdem der Sack voll mit diesen glitzernden, perlbehangenen und fedrigen Fummeln war, fuhr sie fort, den übrig gebliebenen Rest schnell und ordentlich auf Bügel und Regale zu verteilen. Das würde nicht mal vierundzwanzig Stunden so bleiben. Gabs zog sich an wie eine launische Fünfjährige, optisch und methodisch.

»Gehen wir?«, fragte er sie, munter mit falschem Mut, als ob es ins Gefecht ginge.

»Wer fragt?«, war ihre Entgegnung.

»Ich.« Das hielt er für das Beste. Charlotte war schon Stunden hier, das könnte bereits Eskalationsnähe bedeuten. Gabs und Charles in einer Wohnung, meistens ja in dieser Wohnung, ging üblicherweise nur eine Viertelstunde gut. Wenn überhaupt. Und das war nicht immer Gabrieles Schuld.

Charlotte kam mit den Jahren vielen Leuten quer. Besserwisserisch, urteilend, unzufrieden. Seine arme Schwester. Sie war nicht immer so gewesen, früher war Charlotte witzig, ironisch, selbstständig.

»Steht das schon fest mit der Talkshow?«, wollte er schnell noch die Fakten wissen.

»So gut wie. Sie hat schon mit der Produktion telefoniert. Und mit der Redaktion. Die waren angeblich begeistert und haben natürlich auch sofort ein ganz, ganz passendes Thema«, seufzte seine Schwester.

Er fand, dass sie wirklich viel älter aussah als er.

»Auch schon ein Sendetermin?«

»Wahrscheinlich irgendwann Anfang November, die produzieren immer so auf Kante.«

»Ist er mit dabei?«

»Wenn er kann, natürlich. Verhandelt wahrscheinlich schon die Großaufnahmen ins Publikum.«

»Verdammt«, fluchte Georg wieder.

»Ich weiß«, flüsterte sie.

Georg

München, November 2015

Ich würde schon sagen, dass ich generell ein ganz normales Verhältnis zu Frauen habe.

Und das ist eine ziemlich beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass ich eine Mutter habe, die sich auf die dreiminütige Rolle einer Stripperin in einem Freitagabendkrimi wochenlang in unserem Wohnzimmer vorbereitete, indem sie zu Miles Davis‘ »Ascenseur pour l’échafaud« strippte.

Die Rolle bestand am Ende nur darin, dass sie in ganz normaler Garderobe von einem ältlichen TV-Kommissar als Zeugin verhört wurde. Es war das übliche Ah-ja-äh-nein-Herr-Kommissar-Gestotter, wirklichkeitsfremd wie ein Bubblegum, das auf den längst klar ausgeleuchteten Verdächtigen hinwies. Völlig unerheblich, ob Gabs sich vorbereitet hatte. Das hätte sie auch vom Blatt ablesen können, und wahrscheinlich hätte niemand den Unterschied bemerkt. Aber Gabs träumte vom Method-Acting. Und sie meinte, dass sie in diesen Rollen nur wirken würde, wenn sie sich method-acting-mäßig in die Figur eingefühlt hätte. Darum strippte sie im Wohnzimmer.

Tatsächlich war es Sistig, der ihr diese Rollen in regelmäßigen Abständen zuschusterte. Ohne Vorsprechen und ohne künstlerischen Hintersinn, null Method-Acting notwendig. Aber ein paar Hundert Mark eben. Und die Selbstachtung, sich weiter Fernsehschauspielerin nennen zu können. Vielleicht war es das, was er gemeint hatte, dass er immer geholfen habe? So eine Art Rollen-Sozialhilfe.

Ich bin jedenfalls trotzdem nicht irgendwie pervers geworden. So. Und ich habe Bea nie betrogen.

Nicht, dass ich nicht dran gedacht hätte, ungefähr ein paar tausend Mal in den letzten Jahren, aber ich hab es nie in die Tat umgesetzt. Und wenn, dann wäre es wahrscheinlich auch nur Blümchen-Betrügen geworden, falls es so etwas gibt.

Ich bin echt fertig im Moment.

Also, wenn ich es mir vorgestellt habe, das gebe ich zu, dann ging es immer um irgendeine leidenschaftliche, romantische Kurzbegegnung, so »Strangers in the Night«.

Ehrlich gesagt, habe ich dann immer mehr übers Küssen und Anfassen nachgedacht als über Sex. Vielleicht ist das ja pervers? Bea und ich haben jedenfalls keinen Sex im Augenblick.

Das ist ein Euphemismus, weil der Augenblick schon ungefähr zwei oder drei Jahre dauert. Oder vier? Sie sagt, sie will ja, aber weil ich nie da bin, geht es dann nicht, wenn ich da bin.

Dabei will ich auch gar nicht immer, wenn ich da bin. Mein Verdacht ist, es liegt gar nicht an Bea. Also, schon, aber auch wieder nicht. Ehrlich gesagt, habe ich, ja, wie soll man das sagen, also, ich habe im Moment keinen geregelten Zugang zu meiner Libido. Manchmal ist wochenlang kein einziger Impuls da. So als gäb’s das gar nicht. So: Tote reden nicht. Und dann plötzlich, wie vorhin im Auto, überfällt mich das aus dem Nichts. Weiß ich auch nicht, ob das normal ist. Aber es beschäftigt mich. Früher hat mich das nie beschäftigt.

Von uns beiden war es immer Charlotte, die es schwer hatte mit dem Thema. Bea und ich, wir sind zusammen, seit ich vierundzwanzig war. Und vorher hatte ich drei Freundinnen. Ich hab schon versucht, sensibel zu sein. Das ist bestimmt Kim-Chis Mitverdienst. Ehrlich, ohne jeden Sarkasmus. Man muss auch das Positive sehen. Man darf nur nicht versuchen, mit Charles über das Positive zu reden.

Gabs hat uns auf Workshops zu allem Möglichen mitgeschleppt, spätestens seit wir neun waren. Ich wusste schon vor der Pubertät, dass Männer im Bett unsensible Schweine sind. Und ich wusste auch, was man machen muss, damit man als »sensibel« gilt. Hab ich dann auch immer brav umgesetzt.

Ehrlich gesagt, war Sex auch nicht gerade mein Lebensthema. Charles würde sofort sagen, dass Arbeit mein Lebensthema war. Ist.

Das kann ja nun auch wieder mit Gabs zu tun haben. Gabs war schließlich sehr erfolgreich im Bereich Sex, jedenfalls quantitativ, was Charles eindeutig nicht ist. Offenbar auch nicht qualitativ, soweit man das als Bruder von seiner Schwester weiß. Wissen sollte. Und Gabs war sehr unerfolgreich im Bereich Arbeit, wo man zumindest denken kann, dass ich das wäre. Erfolgreich, meine ich.

Ich bin ja nicht blöd. Und die Sache auf dem Schulhof mit Omas Nacktfotos aus »Kalter Rauch«, die ist wirklich passiert.

Ich hab das zuerst gar nicht kapiert, dass das Oma war, also Lulu. Auf dem Bild sieht man Lulu, nackt bis zur Taille, wie sie der Französin mit der einen Hand in die Haare fasst und mit der anderen in den Blusenausschnitt. Die Französin, die eine Jüdin darstellt, ist so halb angezogen, und Lulu, die eine KZ-Aufseherin spielt, ist nackt, aber es wirkt als Bild trotzdem sehr gewalttätig, sehr machtvoll von Lulu aus.

Das Foto war Teil des riesigen Skandals, der Omas Karriere damals ruiniert hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich das vorher nicht überlegt hat. Den Film hat Sistig übrigens auch produziert. Ich glaube, sogar alleine produziert. Der hat bestimmt damals seine eigene Geldpresse im Keller gehabt.

Also, jedenfalls, bis ich kapiert habe, dass das Oma war, das waren ja vielleicht nur Sekunden, da fand ich das Bild absolut erotisch.

Dafür hab ich mich dann schon geschämt. Aber ob das jetzt solche Auswirkungen hat? Nee, oder?

»Kalter Rauch« war Omas letzter Film und völlig gegen ihr Image.

Oma war mehr so auf Heimatfilme abonniert. Unkünstlerisch, würde Gabs sagen, weil Kim-Chi das sagen würde. Und Charlotte würde Kitsch sagen. Weil es sehr gefühlsbetonte, romantische, na, meinetwegen, Schnulzen sind, und Charles hält so was nicht aus. Ich finde die meisten Filme, ehrlich gesagt, ganz süß. Manchmal seh ich mir welche davon mit Anna an. Es ist nämlich echt nicht so, als ob ich nie zu Hause wäre.

Anna liebt die Filme. Nicht wegen Lulu, ich glaube, den Zusammenhang stellt sie gar nicht her. Sie hat Lulu schließlich nie kennengelernt. Lulu ist ’96 gestorben. Anna steht auf die heile Welt in den Filmen. Lulu singt und tanzt durch Technicolor-Landschaften, Lüneburger Heide oder Kaiserstuhl, und irgendwann küsst sie selig einen Landarzt oder einen Architekten oder einen Förster oder wer damals eben so der Held war. Und am Schluss hat Anna dann knallrote Wangen und strahlt. Dann bin ich glücklich.

»Kalter Rauch« würde ich ihr nie zeigen. Ich werde es nicht verhindern können, dass Simon und sie diesen Film irgendwann sehen, weil er jetzt ja wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist und als mutiges und künstlerisches Dokument von Rasch gefeiert wird. Sistig hat die alle produziert, der lacht wahrscheinlich immer noch jedes Mal, wenn er zur Bank geht. Ich hoffe, dass sie Bea oder mir das dann erzählen, wenn sie das Ding anschauen. Das ist bestimmt auf Youtube, ich hab noch nicht nachgesehen. Ehrlich gesagt, ich hab Schiss vor diesem Film.

Mich hat das alles total schockiert, und ich war fast achtzehn, als ich den Film das erste Mal gesehen habe. Die Grausamkeit, die lesbischen Szenen generell – und speziell-speziell, dass es meine Großmutter als lesbischer Nazi war.

Deswegen bin ich schon erleichtert, dass es bei dem Motiv für die Briefmarke, wenn ich Charles richtig verstanden habe, ganz klar um ein Bild aus den Fünfzigern zu gehen scheint, also vor »Kalter Rauch«.

Ich meine, wenn sie Lulu, Oma, ehren, was sie gerne machen sollen, dann finde ich es auch besser, man erinnert sich an die Heimatfilme als an diesen Bewältigungsfilm.

Sie hat auf jeden Fall klar mehr von den Heimatfilmen gedreht.

Und wenn sie mit den Heimatfilmen nicht so beliebt gewesen wäre, dann wäre »Kalter Rauch« auch nicht dieser bundesweite Schocker gewesen. Mann. Das ist echt wie so ’n Untoter, dieser Film.

Dass Gabs nun in die Talkshow will, ja offenbar schon auf dem Weg ist, das ist allerdings nicht so auf die leichte Schulter zu nehmen. Schon gar nicht, wenn Kim-Chi mitgeht.

Sie trinkt sowieso zu viel. Und wenn sie nervös ist, dann ist Kim-Chi ihr Dealer von nebenan, dann kifft sie auch noch. Und Gabs, die bekifft und angeschickert in aller Öffentlichkeit über ihre Kindheit erzählt – mein lieber Schwan. Wirklich!

Charlotte hat recht, das ist so was von gar keine gute Idee!

Gabs ist schon ziemlich unkontrolliert, wenn sie nüchtern und entspannt ist. Nervös, betrunken und im Fernsehen ist sie eine verbale Katastrophe. Kim-Chi weiß das auch. Manchmal frage ich mich, ob der Typ so eine Art Verhaltenssadist ist.

Er bemäntelt das mit seiner umwerfenden Toleranz bzw. mit der Verklemmtheit anderer, für die er nichts kann, aber ich glaube, er bringt Gabs absichtlich in diese Situationen, in denen sie dann jegliche Kontrolle verliert. Warum lässt er sie nicht in Ruhe?

Und die Sendung von dem Typ mit dem Ohrring, ich hab das gegoogelt, die lebt davon, Menschen unter dem Vorwand von Unterhaltung mit leichter Hand über die Grenze des guten Geschmacks in den Abgrund zu führen.

Ich muss noch mal mit ihr reden.

Wenn Gabs trotzdem unbedingt hin will, dann muss ich mir an dem Tag notgedrungen frei nehmen und sie begleiten.

Nur darf Bea das auf keinen Fall erfahren. Also darf ich nicht im Publikum sitzen. Nicht sichtbar. Weil ich mir sonst wieder anhören muss, dass ich mir für sie und die Kinder nie Zeit nehme, aber für meine versoffene, unmögliche Mutter schon.

Früher war jedenfalls nicht alles so kompliziert.

Kapitel 3Im Schatten der Show

Gabriele war nach wie vor von Kim-Chis Expertise in eigentlich allen Lebensangelegenheiten überzeugt. Dabei hätte sie mehr als fünfundvierzig Jahre Zeit und Erfahrung gehabt, sich vom Gegenteil belehren zu lassen. Kim-Chi war, wenn man es so vorteilhaft formulieren wollte, wie Gabriele es stets getan hatte, ein Lebenskünstler. Gabriele sah sich selbst als Künstlerin ohne das Wort »Leben« davor, ein feiner Unterschied, da sie ihrer Meinung nach somit etwas produzierte – Kunst eben –, während Kim-Chi das Leben selbst zu einer Kunstform erhoben hatte. Charlotte und Georg hätten an dieser Stelle einmütig bestätigt, dass es insbesondere das Leben auf Kosten anderer, darunter sehr oft Gabriele, sei, das Kim-Chi zu einer Kunstform erhoben hatte. Es hätten sich auch ohne Schwierigkeiten ein paar Dutzend andere Menschen aus Kim-Chis (ehemaligem) Bekanntenkreis gefunden, die dies bestätigt hätten.

Wenn Kim-Chi jemals selbst für etwas bezahlt hatte, so war niemand je dabei gewesen. Aber Gabriele mit der ihr eigenen Sturheit, mittels derer sie so vieles ausblenden konnte, was ihrer recht verengten Weltsicht widersprach, war von Kim-Chi trotz intensiver Kenntnis seiner Person nach wie vor begeistert. Oder meinte zumindest, dass Kim-Chi ihr mehr genutzt als geschadet habe in all den Jahren.

Sie hatten sich in den späten Sechzigern kennengelernt auf einer Party, die Kim-Chi als spirituellen Mittelpunkt hatte. Oder besser, eigentlich nur als ein Zufallsgast zugegen, hatte er sich selbst dazu gemacht, indem er die Wohnung des Gastgebers nach angeblich uraltem bengalischem Ritual von bösen Geistern reinigte. Die Anwesenden, Studenten und Hippies, waren respektvoll erschüttert oder – je nach Erfahrungstiefe, die in jenen Jahren nicht unüblich war – auch nur milde kennerisch angetan. Und natürlich waren alle so stramm links, dass ein Bengale nur spirituell und edel sein konnte. Niemand hätte in diesem Milieu laute Zweifel an Kim-Chi äußern können, ohne mit sofortiger Wirkung als Strauß-Wähler und Rechter verstoßen zu werden. Gabriele, bei der es meistens schon reichte, dass jemand ihr nett zunickte, um in Erwägung zu ziehen, mit dieser Person sexuell intim zu werden, fühlte sich auserwählt, als Kim-Chi an jenem Abend mit ihr nach Hause ging, um ihr, wie er sagte, seine »Kultur nahezubringen.« (Kim-Chi hatte Bangladesch übrigens vor seinem vierzigsten Lebensjahr nie in Augenschein genommen. Und das wäre damals noch zwanzig Jahre hin gewesen.) Auch dies war ein Detail, das er seinen Bekanntschaften meistens vorenthielt, um der Aura von Authentizität nicht zu schaden.

Der uneheliche Sohn einer Studentin aus Cham und eines bengalischen Vaters im Austauschjahr war 1951 geboren worden, sechs Jahre nach Gabriele. Vielleicht weil sie unter seinen Frauen damals die leichtgläubigste und auch die älteste war, schloss er sich eng an sie an, zog bei ihr ein und blieb ihr Lebensgefährte, wenn man das so nennen konnte, beinahe für die nächsten zwanzig Jahre. Ein guter Parasit bringt seinen Wirt nicht um, und so gab Kim-Chi Gabriele genau so viel, wie sie brauchte, um seiner nicht überdrüssig zu werden. Er brachte sie also mit Meditation, Yoga, Marihuana, Aromatherapie, Tarotkarten, Neo-Schamanismus, LSD und allen Formen der Selbsterfahrung, die damals in München ein Publikum fanden, in Kontakt. Deswegen fand sie, er wäre eine »Inspiration« für sie.

Auf seine Art war Kim-Chi all das, wonach sowohl positive wie negative Rassisten suchten. Er war exotisch und geistreich, witzig und frei. Er war verlogen und faul, berechnend und gierig. Da er selbst sein Aussehen und seine Kultur instrumentalisierte und auf das Engste mit seiner Person verband, war es fast unmöglich, ihn als Individuum – und nicht als Verkörperung eben dieser Kultur ‒ zu sehen. Dabei ging es immer nur um die sichtbare, bengalische Hälfte. Über Cham redete nie jemand, schon gar nicht er selbst.

Vielleicht sah Gabriele das alles nicht, vielleicht wollte oder konnte sie es auch nicht sehen. Vielleicht war Kim-Chi auf eine indirekte Art auch für Gabriele nur ein Mittel zum Zweck. Vielleicht benutzten sie einander. Vielleicht war auch Kim-Chi für Gabriele nur ein weiteres exotisches Accessoire in einem Leben, das so viel mehr Form als Inhalt hatte.

Für den Beobachter jedoch wirkte es so, dass er sie ausnutzte und sie zu dumm oder zu gutmütig war, um es zu merken. Für Georg und Charlotte war klar, dass es so einfach nicht war, aber was genau alles an komplizierten Details hineinspielte, wussten sie auch nicht.

Kim-Chi wohnte augenblicklich in einer WG mit drei anderen Frauen, die insgesamt so viel Miete zahlten, dass er nichts zahlen musste. Inzwischen verkaufte er auf Kommission magnetische Bettunterlagen, die einen geruhsamen Schlaf sowie die Selbstheilungskräfte des Körpers fördern sollten. Es war klar, dass er auch deswegen mit in die Talkshow wollte, um diese Unterlagen irgendwie anzudienen ‒ und sich als Verkäufer/Berater gleich mit. Für Kim-Chi gab es immer nur den Shopping-Channel mit sich selbst als heißestem Preis.

Gabriele ihrerseits glaubte vermutlich ernsthaft an ein Comeback, wenn es denn je eine Karriere gegeben hätte, zu der sie hätte zurückkehren können.

Selbst an Lulu, die ja mal der deutsche Filmstar gewesen war, erinnerten sich schon lange nicht mehr diejenigen, die inzwischen marktrelevant waren ‒ oder nur deren oberes Segment, demografisch gesprochen. »Kalter Rauch« hatte jetzt zwar eine Renaissance erlebt, aber das war mehr ein Aufbäumen im Feuilleton gewesen in einer Gesellschaft, die längst kein Feuilleton mehr akzeptierte, das ihr sagte, was gut und richtig wäre. Was jetzt zählte, waren Social Media, Traffic, Hits, Likes.

Wenn der Ohrring-Typ sie wegen der Briefmarke in seine Show holte, dann würde natürlich der Zug über ihre Mutter der Winkel sein, über die das Ganze beginnen würde, aber was man eigentlich von ihr wollte, wäre das Übliche: die Demontage einer Person vor laufender Kamera in weniger als sieben Minuten. Tweets und Ausschnitte auf Youtube, die man sich wieder und wieder ansehen konnte, falls man die Peinlichkeit in Echtzeit verpasst hatte. Kim-Chi musste das wissen.

Gabriele hätte es vielleicht auch wissen müssen, so wie Charlotte und Georg auf sie einredeten. So blind und blöd konnte sich niemand stellen.

Das Problem dahinter war leider, dass sie auf Charlotte und Georg nie hörte, auf Kim-Chi hingegen immer. Deswegen überredete Charlotte Georg, gemeinsam Kim-Chi aufzusuchen, damit er Gabs ins Gewissen redete, sich wieder aus der Show abzumelden. Charlotte war sogar bereit, Kim-Chi das Ausfallhonorar zu bezahlen, was Georg in mehrfacher Hinsicht entsetzte.

Kim-Chis WG lag in Schwabing.

»Jemand muss ihm sagen, dass Schwabing out ist«, zischte Charlotte, als sie nervös wie zwei Kinder, die man gegen ihren Willen zu einem unheimlichen Nachbarn geschickt hatte, vor seiner Haustür standen.

»Dann bleibt er erst recht hier wohnen.«

Der Hausflur roch nach Bohnerwachs, Sisalteppichen und alten Mauern. Es war alles sehr gepflegt und bestimmt ungeheuer kostspielig, hier zu wohnen. Charlotte schätzte, Miete und Nebenkosten würden ein Vermögen verschlingen.

»Was für eine Freude«, tönte Kim-Chi, der im zweiten Stock die riesige Tür mit dem Milchglasfenster aufgerissen hatte und die beiden die Treppe hinaufkeuchen sah. Besser: Charlotte keuchte. Georg joggte jeden Morgen.

»Ihr zwei! Ihr Einzigen!«

»Hi, Kim-Chi.«

»Ihr kommt mich nie besuchen, Mann!«

»Jetzt schon.« Charlotte erduldete die wogende Umarmung als Erste. Patschuli für immer.

»Hey!« Wieder der Homophobietest an Georg. Hatte Kim-Chi ihn wirklich auf den Hals geküsst? Georg widerstand dem Drang, über die Stelle zu wischen, nur mit Not.

Irgendwann, nachdem sie zwei der WG-Frauen vorgestellt worden waren – Lisa, so um die vierzig, Dagmar, in Kim-Chis Alter –, saßen sie in seinem Zimmer, das verdächtig danach aussah, als wäre es das größte und hellste und schönste der Wohnung. An den Wänden hingen Stoffbilder aus Bangladesch. Sie hockten in einem weichen, tiefen Sofa, das sie wie ein Sog immer weiter nach unten zu ziehen und einzuschläfern schien.

Kim-Chi hatte einen Tee bereitet, über den er viel zu sagen hatte. Georg nippte nur an seiner Tasse und verschränkte die Arme, was Kim-Chi natürlich bemerkte und wissend dazu lächelte, vermutlich diagnostizierte er irgendetwas Repressives.

Spätestens in diesem Moment wusste Georg, dass es ein Fehler gewesen war, hergekommen zu sein. Ein massiver Fehler.

Leider fing Charlotte, die erst die notwendigen sensiblen, wertschätzenden Geräusche zum Tee von sich gegeben hatte, an zu reden – ausgerechnet im Lehrerinnen-Tonfall.

»Du, hör mal, Kim-Chi, ich will gar nicht lange drum rumreden. Es geht um Gabs und diese Talkshow. George und ich sind da gar nicht dafür.«

Kim-Chi machte womöglich ein noch milde-amüsierteres Gesicht und schwieg länger, als in einer normalen Unterhaltung angemessen gewesen wäre. Das bewegte Charlotte zu dem klassischen Fehler, mehr zu sagen.

»Wir glauben, dass es für sie nicht gut wäre, da im Fernsehen in dieser Interview-Situation sich selbst überlassen zu sein. Dass sie da Sachen sagen könnte, aus denen hinterher was wird, was sie nicht mehr kontrollieren kann.«

Kim-Chis Augen leuchteten auf. »Und Kontrolle ist warum wichtig?«

Charlotte sah die Falle, saß aber natürlich schon drin.

»So meine ich das nicht. Gabs hat nur die Neigung, sehr viel von sich preiszugeben. Und wenn das dann erst mal draußen in der Welt ist, dann könnten andere Menschen da viel draus machen. Was sie nicht will. Was ihr schadet. Sie ist verletzlich, sie kann das nicht einschätzen, was draus wird.« Sie knuffte Georg, damit er ihr assistieren sollte.

»Du weißt, dass das stimmt«, sagte der nur und seufzte genervt.

»Du glaubst, dass du weißt, dass das stimmt«, korrigierte Kim-Chi sanft überlegen. »Gabs macht es nichts aus, sich ganz und gar zu verschenken.«

Das muss er ja wissen, dachte Charlotte. »Kim-Chi, es geht nicht ums Verschenken, es geht um Häme. Um Menschen, die sich über sie lustig machen würden. Über sie und ihre ganz privaten Angelegenheiten.«