Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen - Michel Birbæk - ebook

Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen ebook

Michel Birbæk

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Opis

Tacheles hat ein Problem. Oder zwei. Das eine liebt er, aber sie ist seine beste Freundin. Das andere begehrt er, aber sie behandelt ihn wie einen One-Night-Stand. Es muss sich was ändern! Ein weiteres Problem ist seine Band. Sie tourt und tourt und trotzdem sind alle immer pleite. Es muss sich was ändern! Nur was? Schließlich kommen Tacheles ständig neue Probleme dazwischen. Wie das mit seiner nymphomanischen Mitbewohnerin und seinem sprachlosen Freund. Und das mit den Drogen, dem Hamster und den Nazis. Also gibt Tacheles erst mal Vollgas. Die Richtung wird sich schon finden ...

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Buch

Tacheles hat ein Problem. Oder zwei. Das eine liebt er, aber sie ist seine beste Freundin. Das andere begehrt er, aber sie behandelt ihn wie einen One-Night-Stand. Es muss sich was ändern! Ein weiteres Problem ist seine Band. Sie tourt und tourt und trotzdem sind alle immer pleite. Es muss sich was ändern! Nur was? Schließlich kommen Tacheles ständig neue Probleme dazwischen. Wie das mit seiner nymphomanischen Mitbewohnerin und seinem sprachlosen Freund. Und das mit den Drogen, dem Hamster und den Nazis. Also gibt Tacheles erst mal Vollgas. Die Richtung wird sich schon finden …

Autor

Michel Birbæk, geboren in Kopenhagen, lebt seit vielen Jahren in Köln. Als Sänger war er fünfzehn Jahre mit Rockbands unterwegs. Danach arbeitete er unter anderem als Kolumnist für mehrere Frauenmagazine und seit zwanzig Jahren als Drehbuchautor für einige der erfolgreichsten deutschen TV-Serien. Seine bisherigen Romane haben sowohl die Kritiker als auch eine große Fanbase erobert.

Weitere Informationen unter: www.birbaek.de

Von Michel Birbæk bereits erschienen:

Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr. Roman

Beziehungswaise. Roman

Nele & Paul. Roman

Die Beste zum Schluss. Roman

Das schönste Mädchen der Welt. Roman

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Michel Birbæk

Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen

Roman

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© 2018 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkterstr. 28, 81673 München

Zuerst erschienen 1997 bei Rütten und Loening, Berlin

Umschlaggestaltung und -abbildung: semper smile, München

NG · Herstellung: sam

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-22668-8V001www.blanvalet.de

0. Ende

Es ist aus. Aus und vorbei. Schicht, finis, Ende, over. Es wird eine Neue geben, na klar, es gibt immer eine Neue. Aber wen interessiert das jetzt?

Der Bus rauscht vorwärts, bringt uns zu dem Punkt zurück, wo wir vor zehn Tagen als unbekannte Rock-’n’-Roll-Band aufbrachen, um etwas daran zu ändern. Morgens in den Fußgängerzonen, abends in den Clubs. Neunzehn Auftritte in zehn Tagen. Es brachte ein paar Nachfolgeengagements, ein paar Mark, ein bisschen Werbung und jede Menge Spaß – aber wen interessiert das jetzt? Die Tour ist zu Ende.

Die weißen Mittellinien ziehen vorbei wie ein einziger Strich, und während der letzten zweihundert Kilometer ist kein Wort gefallen. Durch das offene Fenster brüllt der Fahrtwind rein und übertönt fast das Tapedeck, das bis zur Verzerrung aufgerissen ist. Melissa Etheridge verspricht mir: »Baby, you can sleep while I drive«. Schön wär’s, denn ich bin müde. Zehn Tage Tour, zehn Tage Kur.

Über den Autobahnbrücken türmen sich grüne Ghostbusters-Monster. Sie schlagen nach mir, versuchen, den Bus vom Kurs abzubringen. Ich folge stur der Kokslinie auf dem Asphalt und träume von einem Bett. Für mich allein.

Das Tapedeck springt um. Luka Bloom verstärkt die Depression: »I will be there, when you need me …«

Schimanski greift an mir vorbei und killt das leere Versprechen.

»Bier ist alle.«

»Leg dich wieder hin.«

»Bier ist alle.«

»Leg dich wieder hin.«

»Bier ist alle!«

»Es sind nur noch zweihundert Kilometer. Das schaffst du.«

»Sind wir Männer oder Mäuse?«

»Fiep, fiep«, macht Max neben mir.

»Wie ihr wollt …«

Schimanski verschwindet wieder nach hinten. Ich höre, wie er seinen Gitarrenkoffer öffnet und das Brett grob durchstimmt.

»S-S-Sind wir s-schon da?«, kommt es schlaftrunken aus der Ecke, wo sich Brunner ausgestreckt hat.

»Ja, wir sind schon wieder da«, sagt Schimanski. »Schon wieder an dem Punkt, wo nur ein Protestsong hilft.«

Brunner stöhnt.

»Und d-dafür w-weckst du m-mich?«

»Halt’s Maul und sing!«, erwidert Schimanski.

Logik war noch nie seine Stärke.

Passend zur Lage schlägt er einen Moll-Akkord an und fängt an zu singen.

»Wir fuhren durch Bremerhaven und hatten kein Bier an Bord …«

Er wartet vergeblich.

»Ich will ja nichts sagen …«, beginnt er.

»Dann lass es doch«, werfe ich ein.

»… und schon gar nicht betonen«, fährt er ungerührt fort, »dass alle in diesem Bus um die dreißig sind und laut Statistik extrem gefährdet, bald schlagartig zu verblöden! Wenn wir nicht höllisch aufpassen, werden wir eines Morgens aufwachen und so sein wie die anderen! Lebewesen, deren größter Wunsch ein geregeltes Einkommen, ein fahrbarer Untersatz und die Gründung einer Familie ist!«

»Also mit der richtigen Frau …«, beginne ich, aber er bügelt mich nieder.

»Wenn wir auch nur einen gottverdammten Zentimeter Boden preisgeben, werden sie uns fertig machen! Zuerst geben sie uns einen festen Job, um uns von der Straße fernzuhalten und um abends nicht allein vor der Glotze zu hängen, lädt man eines Tages die Nachbarin ein, und schwupps – bevor man sichs versieht, ertappt man sich dabei, Milchzähne herumzuzeigen!«

Stille.

Er wartet einen Augenblick, dann spielt er seine Trumpfkarte aus.

»Außerdem darf ich euch daran erinnern, dass ihr einen Eid geleistet habt.«

»Ich w-wusste, dass e-er davon a-anfangen w-würde«, stöhnt Brunner.

»Meine Herren, darf ich bitten?«

Schimanski schlägt wieder an.

»Ein bisschen Bier muss sein …«, grölt er falsch und daddelt schräg durch die Tonleiter.

»Okay, schon gut, du kriegst dein Bier«, seufze ich, um einer weiteren Trashattacke zu entgehen.

»YIPPIEE!«, schreit er und baut zur Feier des Tages ein paar Dur-Akkorde ein. »Da vorn kommt ’ne Tanke.«

Wenig später fährt ein vollgepackter Bus besseren Zeiten entgegen. Vier Mann, zwanzig Becks, Gesanganlage, Bassanlage, Gitarrenanlage, Schlagzeug, Iggy Pop voll aufgedreht.

»Was will man mehr?«, brüllt Schimanski durch den Krach.

»NOCH EIN BIER!«, brüllen wir unisono.

1. Und los

Ich hätte es nötig, mal wieder auszuschlafen, und wäre auch noch dabei, wenn Vivis Anlage nicht so verdammt basslastig wäre. Mein Bett vibriert im Takt der tieferen Frequenzen, und das wiederum geht nicht spurlos an meiner Blase vorüber. Also kämpfe ich mich aus dem Bett und mache mich auf den Weg zur Toilette. Jeder Knochen tut mir weh.

Als ich Morgenritual Teil eins erledigt habe, gehe ich in die Küche, um Wasser für Teil zwei aufzusetzen. Auch wenn wir bei Gott verschissen haben und in Sünde leben, die Erfindung des Kaffees müsste eigentlich für ein milderes Urteil sorgen.

Ich will mir gerade die erste Tasse einschenken, als Vivis Tür aufgestoßen wird und ein Heavy-Metal-Konzert aus dem Zimmer knallt. Ein fremder Typ marschiert wortlos durch die Küche und schaut ausgiebig weg. Durch den Krach höre ich, wie er die Wohnungstür zuknallt. Oh, oh …

Um sicherzugehen, dass er Vivi lebend zurückgelassen hat, werfe ich einen Blick in ihr Zimmer, und wie immer ist der Anblick alles andere als jugendfrei. Sie liegt in einem Schlachtfeld aus verstreuten Klamotten, CDs und Zeitschriften auf ihrem Futon ausgestreckt, und zwischen ihren gespreizten Beinen beugt sich eine weiße Substanz träge den Gesetzen der Schwerkraft. Ich gehe zu ihrer Monsteranlage und drücke die Stopptaste. Die Ruhe ist wie ein Bad im Meer.

Vivi hebt den Kopf und blinzelt zu mir hoch. »Mogn«, krächzt sie und dreht den Kopf einmal links, einmal rechts, dann schielt sie mich wieder an. »Weg?«

Ich nicke. Ja, ich war zwei Wochen weg, aber das meint sie sicher nicht. Als ich wegfuhr, versprach sie mir hoch und heilig, dass sie sich um meine Lieblingspflanze kümmern würde. Hat sie auch – erst verdurstet, dann ersoffen, keine Einschüsse. So ist sie. Akzeptieren oder Verstand verlieren.

»Kaffee?«, fragt sie.

Als ich wieder ins Zimmer komme, hält sie sich gerade die Hand dicht vors Gesicht. Sie hat in dem weißen Zeug herumgewühlt und schnuppert jetzt an ihren Fingern, während sie eine nachdenk­liche Miene aufsetzt. Ich halte ihr die Tasse hin, und mit einer Was-soll’s-Geste wischt sie sich die Finger am Laken ab und schnappt sich die Tasse. Ihren Pupillen nach zu urteilen wird es das erste legale Aufputschmittel seit Tagen sein.

Sie blinzelt gegen das Tageslicht an, und während sie aus der Tasse schlürft, kann sie es nicht lassen, ihre Brüste weiter als nötig herauszustrecken. Es hat keinen Sinn, sie darauf hinzuweisen, dass ihr geprüfter Mitbewohner vor ihr steht, denn auch der ist ein Kerl, und damit erfüllt er schon alle Voraussetzungen für das Spiel, das sie spielt. Seit einem Jahr wohnen wir jetzt zusammen, und in der Zeit haben wir nur eine einzige Regel nicht gebrochen: kein WG-interner Sex. Himmel! Ein Strahl der Vorsehung muss mich da gestreift haben, denn Vivi ist zwar eine gottverdammte Schönheit, aber gleichzeitig auch das rücksichtsloseste Miststück, das mir je über den Weg gelaufen ist. Auf ihr Äußeres reinzufallen ist der größte Fehler, den man bei ihr machen kann, und die Hälfte der Typen dieser Stadt stehen Schlange, um genau den Fehler zu machen. Dahinter steht die andere Hälfte, um ihn zu wiederholen.

Das Telefon klingelt. Beim zweiten Mal hat sie den Hörer.

»Tacheeeeeles, Teeeelefooon!«

Max ist dran. Er schafft es wieder nicht, mehr als fünf Silben von sich zu geben. Hört sich aber an wie ein Frühstücksdate im Underground.

Ein paar Minuten später schwinge ich mich auf mein nahkampferprobtes Rad. Es ist Wochenende, und als ich mich zwischen den Sonntagsfahrern einfädele, bin ich auf das Schlimmste vorbereitet. WROOAARRRR! Zwei Hirnlose jagen ihre Lieblinge aus dem Stand von null auf hundert. Ein Zwischenspurt bringt mich rechtzeitig vom Zebrastreifen. Sie ziehen hupend und lachend an mir vorbei.

»WICHSER!«

Sofort leuchten die Bremslichter auf, und als ich an ihnen vorbeirausche, öffnet der Beifahrer die Tür. Kaaanapp! Ich gebe ihm den Effenberg, muss aber die Hand sofort wieder runterreißen, um beidhändige Bremskraft zu entwickeln, weil eine Zombiemama im Jogginganzug ihr geliebtes Balg blind auf den Fahrradweg hinausschiebt.

Zehn Zentimeter vor dem Kinderwagen komme ich mit jaulenden Bremsen zum Stehen. Zombiemama glotzt mich böseblöd an. Ich glotze zurück, und für ein paar Sekunden bricht das große Schweigen aus. Da wir uns gegenseitig den Weg versperren, befinden wir uns in einer klassischen Konfliktsituation – einer muss nachgeben. Aus solchen Situationen sind schon Weltkriege entstanden, und uns bietet sich hier die Chance, den Kriegstreibern zu zeigen, wie mündige Bürger Konflikte lösen: auf einer Basis der Nächstenliebe, mit Achtung vor der Persönlichkeit des anderen und einem vernünftigen Maß an humandemokratischem Denken, Diskussion statt Eskalation, das Thema erörtern, die Fakten herausstellen und dann das Problem aufgrund einer logischen und für alle Parteien nachvollziehbaren Rechtsprechung zu einer befriedigenden Lösung bringen. Den Gründern des Grundgesetzes ein Lächeln entlocken, würdiger Vertreter der Demokratie sein, Vorbildfunktionen erfüll…

»KANNS NICH FAHRN!«, kreischt Zombiemama und schiebt den Kinderwagen gegen mein Vorderrad.

Menno.

»EY!«, kreischt sie weiter.

Ich halte mir demonstrativ die Ohren zu und verschiebe meine Vision auf ein anderes Jahrhundert.

»Geben Sie mir ’n Zehner.«

»W’RUM?«

»Bremsbeläge.«

»WAH?«

Ein junger adretter Bengel fühlt sich berufen. Er bleibt neben uns stehen und richtet Papas Autoschlüssel auf mich.

»Dafür sind die Bremsen doch da, oder?«

Ich lache ihn freundlich an.

»Es gibt auch Notärzte, und trotzdem muss man sie nicht aufsuchen. Oder?«

Er macht sich schleunigst aus dem Staub.

»Zehner, sonst Lippe«, sage ich im Zombiedialekt, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen.

Zombiemama grummelt böse und schaut sich dann nach jemandem um, den sie um Beistand bitten kann, aber schließlich leben wir in einer Großstadt.

Als sie die Konsequenz dessen begreift, wühlt sie einen fettigen Schein aus ihrer Jogginghose und hält ihn mir hin.

»SEHEN UNS!«, droht sie.

»Bringen Sie Geld mit«, rate ich ihr und mache den Weg frei.

Das Kind fängt an zu weinen. Zombie tritt gegen den Kinderwagen.

»SCHNAUZE!«

Das Kind heult noch lauter. Ich starre sie an.

»Soll ich Sie auch mal treten?«

»MEIN KIND!«, ruft der Berg.

Ja, leider. Ich steige wieder in die Pedale, bevor ich mich in Sachen einmische, bei denen es nur Verlierer gibt.

Max ist schon da. Ich setze mich zu ihm und winke der Bedienung, die im Vorbeigehen fröhlich zurückwinkt. Es könnte ein Tag wie all die anderen sein, und er scheint es tatsächlich auch zu werden, denn nach zwanzig Minuten habe ich immer noch kein Frühstück, und Max hat auch noch nicht geredet. Ich kannte ihn schon Monate von Kneipen und Partys, als ich ihn zum ersten Mal etwas sagen hörte. War echt ein Schock.

Gerade neigt er den Kopf leicht in Richtung Nachbartisch. Ich schiele hinüber und sehe Karin S. mit ein paar von ihren Schmarotzern in einen Monolog vertieft. Da wir außer Hörweite sitzen, erfahre ich nicht, ob er ausnahmsweise mal Sinn ergibt. Würde mich aber wundern, denn Karin S. labert und labert und labert und labert und labert und labert und labert, bis sie sich selbst unterbrechen muss, um mal zu Wort zu kommen. Es ist mir ein Rätsel, wie sie es schafft, gleichzeitig Gerüchte aufzuschnappen, aber es gelingt ihr immer wieder, Dinge zu wissen, von denen sie keine Ahnung hat.

Gerade wirft sie einen Blick zu unserem Tisch rüber, zieht eine Grimasse und wendet sich wieder ab. Nein, wir sind nicht die dicksten Freunde, und wie das Leben so spielt, ist sie Redakteurin beim wichtigsten Veranstaltungsblatt der Stadt. In ihrer Freizeit spielt sie Orgel und hat daher ein fundamentales Gespür für zeitgenössische Musik entwickelt, dementsprechend kritisiert sie. Sie hat schon mehr Bands auf dem Gewissen als sämt­liche Plattenfirmen dieser Stadt, dennoch gibt es drei gute Gründe, warum sie für den Job als Kulturredakteurin geradezu prädestiniert ist:

Ihr Vater ist Verleger.Ihr Vater ist Verleger.Ihr Vater ist Verleger.

Und drei, die dagegen sprechen:

Sie kann nicht schreiben.Sie kann nicht schreiben.Sie kann nicht schreiben.

Das ganze Viertel rätselt, was das S. hinter ihrem Vornamen bedeutet, und einmal fragte ich Max nach seiner Meinung. Nach einer halben Stunde plus zehn Camel ohne beugte er sich zu mir rüber und sagte:

»Schande.«

So viel dazu.

Die Bedienung marschiert zum fünften Mal an uns vorbei. Ich starte eine Offensive.

»Frühstück?«

Sie hält erst gar nicht an. Wahrscheinlich denkt sie, es war eine Anmache.

Die Sprachlosigkeit senkt sich über den Tisch, und als die Bedienung nach einer Stunde aus einer spontanen Laune heraus an unserem Tisch stehen bleibt, um eine Bestellung aufzunehmen, kann ich sie nur noch anknurren. Eine Woche mit Max, und man wird zum Neandertaler.

Die Bedienung schließt aus dem Ganzen, dass wir Hunger haben, und dreißig Minuten später bringt sie uns folgerichtig ein Frühstück. Käse gibt’s nicht, die Eier hat sie vergessen, den Milchkaffee auch.

»Sag mal, hat dir heute schon jemand gesagt, dass er dich liebt?«

Die Bedienung schaut mich verblüfft an, dann schüttelt sie den Kopf. Ich schweige vielsagend und widme mich meinen Marmeladenbrötchen.

Irgendwann brechen wir auf. Warum? Keine Ahnung. Wohin? Fragt Max. Okay, okay, ich frage Max.

»Lassunsandensefarn«, sagt er.

»Tolle Idee.«

Wir landen an einem See und richten uns unter einem Baum einen Beobachtungsposten ein. Die relaxte Atmosphäre ist ansteckend. Treiben lassen.

Ich schaue den Pärchen mit Anhang zu, wie sie Lover, Mutter, Kind spielen, während neben ihnen der verdiente Familienvater versucht, sich möglichst unauffällig einen präzisen Eindruck von den Brüsten der Zwanzigjährigen zu verschaffen, die ihrerseits wiederum auf die alleinerziehenden Mütter blicken, die damit beschäftigt sind, einerseits das Kind bei Laune zu halten und andererseits einen netten Kerl kennenzulernen, um Lover, Mutter, Kind spielen zu können. Irgendjemand hat mal gesagt, das Leben wäre ein ewiger Kreislauf. Nicht schlecht. Oder war es nur ein Besoffener, der auf dem Nachhauseweg Bei mir dreht sich alles murmelte?

»Klappe«, sagt Max.

Nachmittags haben wir Tourabrechnung in der WG. Ich freue mich, Schimanski und Brunner wiederzusehen. Nachdem wir fast zwei Wochen von morgens bis abends aufeinander gehockt haben, ertappe ich mich den ganzen Tag dabei, mich alle paar Minuten umzuschauen, um zu sehen, was sie gerade anstellen. Reflexe eines Babysitters.

Kaum sind alle da, kommt Vivi wie eine Speedhure aus ihrem Zimmer herausgeschossen. Oh! Sie konnte ja nicht ahnen, dass ich Besuch habe, nicht wahr? Da zieht sie sich ja vielleicht doch besser etwas mehr an, oder? Diese Unterwäsche verdeckt ja nicht allzu viel, wie?

Die Jungs halten sich echt gut. Sie schauen zwar genau hin, aber sie sabbern nicht. Ich bin stolz auf sie. Vivi geht enttäuscht ab. Es gibt Augenblicke, in denen ich das Gefühl habe, dass sie sich entwickelt. Dieser gehört nicht dazu.

Ich eröffne die Konferenz.

»Na gut, erst die Geldprobleme, danach rechnen wir die Tour ab.«

»Wo ist der Unterschied?«, fragt Max.

»G-G-Genau!«, kichert Brunner.

Ich gebe ihm eine halbe Minute.

»Geht’s wieder? Können wir?«

»Die Plakate sind alle«, sagt Schimanski.

»D-Die T-Tapes a-a-auch.«

»Telefonrechnung zwovierzig«, sagt Max.

»Die Pressefotos sind scheiße. Wir brauchen neue«, sagt Schimanski.

»D-Die A-Aufkleber haben e-einen F-F-Fehldruck.«

»Proberaumschlüssel abgebrochen«, brummt Max.

»Die Druckerpatrone macht’s nicht mehr lange.«

»K-Kein B-Bier mehr da.«

Das scheint es gewesen zu sein. Ich krame meine Belege vor.

»Okay, dann lasst uns die Tour abrechnen.«

Den Bus hat uns ein freund­licher Gönner von Yello Cab gratis zur Verfügung gestellt, und da wir in den zwei Wochen nur zweimal für Unterkunft gezahlt haben, hege ich die leise Hoffnung, dass wir im Plus landen werden. Ein Plus so zart wie eine Frühlingsbrise, aber immerhin.

Je mehr Quittungen auf den Tisch flattern, desto zarter wird die Brise, bis sie schließlich im Sturm der Belege untergeht. Benzin, Verpflegung, Bier, Benzin, Unterkunft, Bier, Benzin, Bier, Bier, Unterkunft, Bier, Ersatzreifen, Bier, Benzin.

»Abzüglich der Miete für die Anlage und zwei Tickets für intelligentes Parken …«

Ich werfe Brunner einen schiefen Blick zu.

»U-Und der M – Mikrofonständer, den S-Schimanski kaputtgetreten h-hat …«, lenkt er schnell ab.

»Und der Glastisch von der Süßen aus Bremen, wie hieß sie denn noch gleich?«, lenkt Schimanski ab.

»Und das Ticket für überhöhte Geschwindigkeit in einer verkehrsberuhigten Zone …«

Ich werfe Brunner noch einen Blick zu.

»U-Und …«

Jedem fällt noch was ein. Ich rechne zusammen. Die Spannung steigt, die Hoffnung sinkt.

»Hm …, also, abzüglich der Proberaummiete sind wir bei … wartet mal … sechzehnhundert Miesen.«

»W-Was?! Wir s-spielen zwei W-Wochen und s-sind trotzdem p-p-p-p- …«

»Pleite«, hilft Schimanski nach.

»A-Arschloch!«

»Gut, dass es keine Europatournee war«, sagt Max.

Keiner lacht. Nicht mal Brunner.

»Zwei Gagen stehen noch aus. Falls sie eintreffen, sind wir … warte … hm, pleite, aber nicht mehr hoffnungslos.«

Wir verweilen ein paar Minuten still in Armut, dann starte ich durch.

»Es muss sich was ändern. Wir können nicht bis in alle Ewigkeit durch die Gegend gondeln, ohne mal ’ne Mark zu machen.«

»Oder fünf …«, sagt Schimanski.

»O-Oder f-fünfhundert …«

Max schweigt.

»Fünftausend«, erhöht Schimanski für ihn.

»Beruhigt euch«, versuche ich, sie zu bremsen, denn wenn die beiden erst mal in Schwung geraten, kann man den Tag ruhig zu dem gestrigen legen.

»F-Fünft-t-tausend …«, flüstert Brunner andächtig.

»Mit fünftausend könnten wir uns ’ne eigene Anlage kaufen«, nervt Schimanski weiter.

»U-Und e-einen eigenen Bandb-b-bus.«

»Und ein paar Becks-Aktien vor der nächsten Tour«, sagt Max.

»G-Genau!«, kichert Brunner.

Ich schaue sie an.

»Wovon redet ihr, zum Teufel? Ich höre immer was von fünftausend. Warum nicht gleich zehntausend?«

»Nicht schlecht«, lacht Schimanski, »dann könnten wir die Hälfte unserer Deckel bezahlen.«

»Ein V – Viertel!«

Ich seufze.

»Ja, toll, ich seh schon, ihr nehmt das Ganze echt ernst. Ich finde es aber bedenklich, dass ihr so versessen darauf seid zu verhungern …«

Sie kichern.

»… und verdursten.«

Sie verstummen schlagartig.

»Was wir jetzt brauchen, sind keine Spinnereien, sondern eine Idee, und zwar keine gute, sondern eine ge-ni-ale!«

»Hey, entspann dich«, sagt Schimanski achselzuckend, »wir arbeiten ja dran.«

»Das tun wir seit Jahren, und was ist dabei rumgekommen?«

»Na, was wohl?«, sagt er und breitet die Arme aus. »Wir sind ’ne Klasseband geworden!«

»Mit kein Geld nicht für’n Hungertuch.«

»M – Mann, g-ganz l-l-locker. Lass u-uns m-mal drüber n-n-nachdenken.«

»Genau! Wir haben keine Probleme, nur Aufgaben zu lösen«, ruft Schimanski. »Dreißig Minuten Brainstorming, und das Problem ist gelöst!«

Eine halbe Stunde später habe ich die Aufgabe noch immer nicht gelöst, und das ist ein Problem! Ich überlege gerade, welchen Asi-Job ich nochmal ertragen könnte, als Schimanski auf seine Uhr tippt.

»Die Zeit ist rum.«

Zehn zu eins, dass er etwas vorschlagen wird, was Geld kostet.

»Wir machen ’ne CD«, sagt er. »Dann kriegen wir mehr Presse, bessere Gagen, und es …«

»Kostet Geld«, würge ich ihn ab und nicke Brunner zu, der schon ungeduldig wartet, seinen Bullshit loszuwerden.

»M – M – Merchand-d-d- …«

»Hört mal«, unterbreche ich ihn, »es wäre echt klasse, wenn ihr ein paar Vorschläge machen könntet, die nicht investitionsabhängig sind.«

»A-A-A- …«

Ich schaue demonstrativ auf die Uhr.

»A-Arschloch! W-Wir n-nehmen e-einfach einen K-Kredit a-auf!«

Ich schließe die Augen. Du bist in einem Wald, du atmest tief ein, die Vögel zwitschern, die Luft ist rein, Brunner ist weit weg, die Stille beruhigt dich …

»A-Alle G-Geschäftsleute haben S-S-Schulden. «

Bei so viel Insiderwissen gibt meine Meditation den Geist auf. Ich tauche wieder aus dem Wald auf.

»Geschäftsleute«, erinnere ich ihn, »die Schulden haben, brauchen sie, weil sie Einnahmen haben, die sie nicht versteuern wollen, richtig? Jetzt haben wir aber festgestellt, dass wir keine Einnahmen haben, also sei so gut und erkläre uns, wie du das Darlehen zurückzahlen willst. Vielleicht möchtest du die Summe in eintausend Monatsraten abstottern?«

Er schaut mich böse an.

»A-A-A- …«

»Hey Mann, ich bin auf deiner Seite …«, mischt Schimanski sich ein.

Natürlich meint er damit nicht mich.

»… aber das mit der Bank ist, glaube ich, keine gute Idee. Die haben damals die Nazis unterstützt und sind immer noch im Geschäft. Mit solchen Typen sollte man sich nur im Notfall anlegen.«

»A-Aber d-das Bier ist a-alle.«

»NOTFALL! NOTFALL!«, brüllt Schimanski.

»Ich weiß, was wir machen«, sagt Max still.

Unsere Köpfe fahren herum.

»Wir spielen im E-Werk. Wenn’s ausverkauft ist, sind wir saniert und zumindest in Köln bekannt.«

Nach ein paar Sekunden schließe ich meinen Mund wieder. Er muss den Verstand verloren haben.

»E-Werk. Ausverkauft. Na klar.«

Ich klopfe ihm auf die Schulter und beginne aufzuzählen.

»Was wir dafür brauchen, sind nur ein paar Riesen für die Miete, zweitausend Zuschauer, neue Plakate, neue Fotos, neue …«

»Groß denken oder klein bleiben«, klugscheißert er.

»Ja, aber …«

»E-Werk füllen, Problem gelöst.«

Ich versuche, aus seiner Mimik schlau zu werden.

»Na bitte!«, unterbricht Schimanski meine Bemühungen.

»Na bitte?«, fahre ich ihn an. »Was zum Teufel meinst du damit?«

Er gibt mir keine Antwort. Dafür fällt Brunner mir in den Rücken.

»O-Okay, w-wie ist der P-Plan?«, stottert er blöde.

Ich zeige ihm den Finger. Er grinst befriedigt.

»E-Werk füllen«, wiederholt Max stumpf.

Ich warte ab, welchen Blödsinn Schimanski vertreten wird, aber Wunder über Wunder, er scheint sein Gehirn wieder eingeschaltet zu haben.

»Die Idee gefällt mir«, sagt er, »aber wir haben keine Kohle, um die Halle anzumieten.«

Hammererkenntnis! Ich bin beeindruckt!

»Man müsste eben den Booker überreden, einen Risikodeal einzugehen«, sagt Max.

Ich hebe schnell die Arme.

»Halt! Überreden kommt überhaupt nicht infrage!«

Max schaut mich undurchdringlich an und schweigt. Ich warte. Schimanski wartet. Brunner wartet. Das Leben zieht an uns vorüber. Tolle Szene.

»Okay, gehen wir einfach mal davon aus, dass du überreden im Sinne von reden meinst. In dem Fall willst du dem E-Werk-Booker also einen Deal auf Kasse vorschlagen, ja?«

Max senkt seinen Kopf einen Millimeter.

»Darf ich dich in diesem Zusammenhang fragen, was du ihm sagst, wenn er wissen will, wo da für ihn ein Deal sein soll?«

»Das wird er nicht«, sagt Max.

»Aha, so, so, na, da bin ich ja mal gespannt …«

»Weil du das machst.«

»Ich?«

»Du spielst doch mit dem Typen Fußball«, wirft Schimanski ein.

»Gegen ihn«, berichtige ich unseren Mann für Logik, »du kennst doch den Unterschied, oder?«

»Wär trotzdem einen Versuch wert«, beharrt er.

»G-G-Genau!«

Ich schaue wieder in die Runde.

»Verstehe. Und was haltet ihr davon, wenn wir uns in Shit, es ist ansteckend! umbenennen?«

Keiner lacht. Ich versuche es anders.

»In der Kneipe von diesem Typen liegt ein Deckel, den sein Geschäftsführer aus dem einzigen Grund noch nicht eingefordert hat, weil er ihn nicht glauben kann!«

»A-Aber …«

»Schnauze. Und nur mal angenommen, er sagt Ja, was dann?«, unterbreche ich Brunner. »Dann müssen wir das E-Werk füllen, und da passen mehr als zweitausend Leute rein. Das ist ungefähr zehnmal so viel Publikum, wie wir sonst so haben.«

Brunner formt ein tonloses Wort mit den Lippen.

»Du hast ja gar nicht gestottert«, lästere ich zurück.

Ich schaue mich um, sehe nichts als blanke Flächen, über die Projektionen von ausverkauften Hallen und gedeckten Schecks huschen … Ich weiß, wann ich geschlagen bin.

»Verdammt … Aber ich will nichts hören, wenn’s schiefgeht.«

»Geht es nicht«, versichert Max mir.

Ich werfe ihm einen Blick zu.

»Also, wir brauchen Plakate, Pressefotos und etwas Geld, um den Druck anzuzahlen. Vorausgesetzt, wir finden noch einen Laden, der uns Kredit gibt.«

»Wie viel?«, fragt Schimanski.

Ich rechne hoch.

»Fünfhundert müssten es tun.«

»Okay, du machst den Gig klar, und ich kümmere mich um die Scheine.«

Ich mache nicht den Fehler, ihn zu fragen, was er vorhat.

2. Die Tänzerin

Es ist kurz vor Mitternacht. Ich betrete die Party von Hanne und Hanno und bin fünf Minuten später bemalt, gefilmt und abgeleckt worden. Nicht einmal die Aufnahmerituale des Vatikans sind so verbissen wie die der alternativen Künstlerszene.

Schließlich werde ich in den erlauchten Kreis aufgenommen. Ein luftig bekleidetes Mädchen in einem Häschenkostüm nimmt mich an die Hand und führt mich zu den Gastgebern, die auf einem Podest thronen und salmvolle Begrüßungen aussprechen. Hat was. Hätte noch mehr, wenn es nicht ernst gemeint wäre.

Irgendein Witzbold hat den beiden mal den Spitznamen HaHa verpasst, seitdem nennt sie jeder so, obwohl sie so witzig sind wie ein Kurzschluss im Massagestab. Sie haben kein Interesse an irgendetwas oder irgendjemandem, es sei denn, der, die oder es bringt HaHa einen Schritt weiter auf ihrem langen Weg zur Unsterblichkeit. Klatschspaltomanie vom Feinsten.

Was sie allerdings haben, ist Geld, Aktien, Geld, Grundstücke, Geld und ein großes Haus, und all das nutzen sie gezielt, indem sie jeden Monat eine Party für Künstler und andere Verlierer geben, denn die sind ja immer für ein Skandälchen gut und damit gut für die Presse und damit gut für HaHa und damit gut für sich selbst. Der ewige Kreislauf und so.

Vor knapp einem Jahr veranstalteten sie eine Feuer-Performance, und dabei fingen ein paar Bäume Feuer. Statt zu löschen, hackte der Künstler das Gartenmobiliar zusammen und warf es in die Flammen. Die Feuerwehr kam gerade rechtzeitig, um die Flammen daran zu hindern, auf das Haus überzugreifen. Wer jetzt denkt, HaHa hätten den Irren danach einsperren lassen, der hat es noch nicht begriffen – sie waren glücklich! Auf der einen Seite die Blutblattfotografen, auf der anderen die Flammen. Hurra, endlich nicht mehr unterbelichtet! Ich denke, dass es den meisten Gästen bewusst ist, wofür sie sich hergeben, dennoch gehen alle hin und versuchen, sich möglichst teuer zu verkaufen. Ich auch.

Gerade komme ich an einem Schlafzimmer vorbei und sehe, wie ein Typ aus dem Fenster hängt und kotzt. Die einzige Art, sich vor solchen Typen zu schützen, ist die, schlimmer zu sein, also halte ich an der ersten Bar und lasse mir einen doppelten »GIBS« einschenken. Das ist irgendwas mit Gin und Bananen. Ich kippe ihn runter, lasse mir einen weiteren geben und gehe damit in die Küche, um den kulinarischen Teil des Abends einzuläuten.

Unterwegs stolpere ich über einen Typen, der halb nackt und stocksteif mit weit aufgerissenem Mund auf dem Boden liegt, während zwei krakeelende Mädchen ihm von einem Tisch aus Oliven in den Mund kullern. Ich checke seinen Puls – er lebt. Ich drängele mich weiter, während ich nach einem bekannten Gesicht Ausschau halte, doch das einzige, das ich entdecke, winkt mir von der verspiegelten Decke zu. Ich proste dem Herrn im Himmel zu, leere mein Glas auf sein ganz Persön­liches und nehme dann Kurs auf die Salattheke, um dem Abend die nötige Unterlage zu verschaffen. BAFF! Ein bekanntes Gesicht … schweres Herzflimmern.

Sie sieht mich, winkt mir zu und tippt gleichzeitig dem Typen, der neben ihr steht, auf die Schulter. Er dreht sich um und wirft mir einen kurzen Blick zu, um mir dann verschwörerisch zuzublinzeln. Ach, du Schande! Die Und-trotzdem-können-wir-Freunde-sein-Tour!

Instinktiv bahne ich mir einen Weg in die entgegengesetzte Richtung, bis ich schließlich an einer Theke stehen bleibe, um zu verschnaufen. Die Barfrau schaut mich kurz an, dreht sich um und beginnt, etwas zusammenzupanschen. Zehn Sekunden später schiebt sie mir wortlos ein Glas rüber, und ich erkenne das Ausmaß ihrer Qualifikation. Es ist ein KIKO. Der volle Name lautet Kippundkotz, und er wird normalerweise erst ausgeschenkt, wenn den Gastgebern gar nichts mehr einfällt, wie sie die letzten Gäste vertreiben können. Mein Gesichtsausdruck scheint den Bruch der Etikette zu rechtfertigen.

»Noch einen.«

Der zweite schlägt voll ein. Ich spüre, wie das Zeug sich sofort mit den Bananen zusammenrottet, um mein Gleichgewicht zu sabotieren, aber das ist eh schon dahin. Warum hat mir niemand gesagt, dass sie wieder in der Stadt ist?

Als der erste Schock sich gelegt hat, verziehe ich mich in den Garten, um mich zu sammeln. Alle Gartenbänke sind mit Pärchen belegt, die sich gebärden, als wären sie in den Flitterwochen. Ein paar Halbnackte meditieren um ein Feuer herum und atmen den Rauch in tiefen Zügen ein, während um sie herum Hände und Zungen um die Plätze kämpfen. Sie ist also wieder da. Und einen neuen Typen hat sie sich auch mitgebracht. Aber, verdammt noch mal, was will sie …

»EY!«

Ich zoome zurück ins Jetzt und starre in zwei schwarze Augen, die zu einem finster aussehenden Typen gehören. Er sitzt mit einem Mädchen auf einer Bank und hat ihr seine Hand ins T-Shirt geschoben. Aus einer abgeschnittenen Jeansjacke schauen zwei tätowierte Oberarme hervor und verraten mir, dass alle Frauen Fotzen sind, außer Mutti. Oh, oh …

Mittlerweile hat seine Hand eine Knetpause eingelegt, weil er seine ganze Energie dafür braucht, mich böse anzuschauen.

»Wat guckste so, du Wichser?«

Ich zeige ihm meine leeren Handflächen und verziehe mich. Ist die Welt so, weil es solche Typen gibt, oder gibt es solche Typen, weil die Welt so ist?

Meine Suche nach einem sicheren Standort führt mich zu einer Theke, von der man den ganzen Garten überblicken kann. Ich checke die Fluchtwege und lasse mir einen Teller füllen. Will sie wieder in ihr altes Leben abtauchen? Und wenn ja, gehöre ich noch dazu?

Dieses Mal lässt mich mein Instinkt nicht im Stich, und ich hebe rechtzeitig den Kopf, um zu sehen, wie sie mit ihrem weltmännischen Begleiter den Garten betritt und ihren Blick über das Areal schweifen lässt. Sie hat mich noch nicht entdeckt, bewegt sich aber langsam in meine Richtung. Es kann nur eine Frage von Sekunden sein, bis sie mich hier stehen sieht, und dann … was zum Teufel passiert dann? Entspann dich! Vielleicht will sie ja nur ein bisschen plaudern, dich fragen, wie es dir so geht. Wäre das wirklich so schlimm? JA! Nicht sie. Nicht hier. Nicht so.

Neben mir ist ein Gebüsch, dessen Äste fast bis zum Boden runterhängen. Ich hebe einen Ast an und hocke mich drunter. Besetzt. Zwei Stimmen wünschen mich zur Hölle, aber der Preis ist okay, also bleibe ich stur und harre der Dinge.

Hinter mir legt sich die Aufregung wieder, und so kann ich mich in Ruhe auf die beiden Paar Schuhe konzentrieren, die an meinem Versteck vorbeigehen. Sie hat immer noch die Angewohnheit, auf den Außenseiten der Füße zu gehen …

Mein Herz schlägt nach ihr, aber die Schuhe gehen, ohne zu zögern, vorbei, und ich fange wieder an zu atmen. Wieso gehe ich nicht einfach zu ihr hin und begrüße sie als das, was sie ist: eine Ex. Und hopp. NEIN! Ich brauche Zeit. Und Alkohol. Und Zeit. Und Alkohol.

Das Gebüsch zittert, und ich erkenne an den Geräuschen, dass die beiden Buschmenschen endgültig beschlossen haben, mich zu ignorieren. Kurze Zeit später nähere ich mich in Lichtgeschwindigkeit dem Zustand völliger Unzurechnungsfähigkeit. Es riecht nach Erde und Sex – und dazu die Geräusche … Noch eine einzige Minute in diesem Gebüsch, und ich kann für nichts garantieren. SENSATION! UNBEKANNTER ROCKSÄNGER WILD ONANIEREND IM GEBÜSCH ANGETROFFEN! GERTRUDE R. (78): »ER HATTE SCHAUM VOR DEM MUND UND MACHTE ES MIT BEIDEN HÄNDEN!«

Um meine Personalakte auf Diät zu lassen, rolle ich mich im letzten Moment aus dem Gebüsch heraus und richte mich vorsichtig auf. Links, rechts, links – alles klar, die Luft ist rein. Pardon, eine alte Redensart.

Max sitzt auf einer Gartenbank und schaut mich kopfschüttelnd an. Bringt mich echt weiter. Was ich jetzt brauche, ist der Beistand einer speziellen Mixtur aus Alkohol und Früchten sowie ein Platz mit einem Fluchtweg. Beides gibt es hier nicht, also winke ich Max zum Abschied und schwanke Richtung Haus, um eine Gelbfruchtplantage abzuernten.

Als ich endlich ein volles Glas und einen gefüllten Teller vor mir habe, kommt Heike auf mich zugeschossen. Erst im letzten Moment bremst sie ab. Der Inhalt ihres Glases ist träger und vermischt sich mit dem Zeug auf meinem Teller.

»Tacheles!«, ruft sie. »Schön, dass du da bist!«

Ich nicke und lasse die Rituale widerstandslos über mich ergehen. Links, rechts, links, Bussi, Bussi, Bussi.

Heike ist die Mutter jeder Party und eine amt­liche Partypädagogin. Sobald sie eine Menschenversammlung betritt, fühlt sie sich für das Wohl jedes Anwesenden verantwortlich. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die meisten Partygänger sich von ihr anstatt von den Gastgebern verabschieden.

»Ist es nicht eine tolle Party?«, jubelt sie und strahlt nach allen Seiten.

Ihre Hände berühren mich immer wieder, und ihr Lachen will mir vermitteln, dass wir alle eine große Familie sind. Sie macht den Eindruck, als wäre sie glücklich, aber ich habe sie noch nie ohne ein Glas in der Hand gesehen.

Sie jubelt weiter. Ich nicke und schüttele abwechselnd den Kopf, und weil sie am schnellsten wieder abhaut, wenn sie nicht gebraucht wird, schenke ich ihr ein begeistertes Lächeln. Sie zischt ab, um anderswo Menschenleben zu retten.

Max winkt mir zu und verdreht die Augen nach links, also schiele ich in den Westen. Die Tänzerin ist wieder im Anmarsch und macht mir laute Zeichen, stehen zu bleiben.

Der Fluchtweg führt mich durch ein Schlafzimmer, wo ich schon wieder einer Vereinigung störend gegenüberstehe. Zwei nackte Leiber erstarren auf dem Bett. Vielleicht wird ihnen ja gerade klar, was sie da eigentlich treiben. Ich meine, in diesem Haus eine Nummer zu schieben, und dann noch im Schlafzimmer … Die müssen ja total bescheuert sein. Ich überlege kurz, ob ich ihnen die Kamera zeigen soll, aber die Zeit drängt.

»Geile Party, was?«, rufe ich ihnen im Vorbeilaufen zu.

Während ich das Fenster öffne, riskiere ich einen Zweitblick. Sie liegen noch immer in derselben Position und starren zu mir rüber. Ich winke ihnen zu und springe im selben Moment ab, als die Tänzerin das Schlafzimmer betritt.

Zwei Meter Freiflug und wieder mal am Boden. Beim Abrollen krache ich in ein paar Gartenstühle, und der Salat klatscht mir aufs Hemd. Sieht aus wie etwas, in das ich neulich getreten bin.

Max materialisiert sich neben mir, schnappt sich meinen Arm und marschiert los. Wohin? Keine Ahnung. Warum? Ich habe letztes Mal gefragt.

Er drückt mich auf eine Gartenbank, gibt mir ein Warte-hier-Zeichen und lässt mich dann allein. In meinem Kopf toben die Erinnerungen, weiter unten die Bananen. Plötzlich überfällt mich eine tonnenschwere Müdigkeit. Ich lasse mich gegen die Rückenlehne sacken und fühle mich wie ein Altachtundsechziger in den Neunzigern – mir wird alles egal.