Was heißt hier "wir"? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten - Heinrich Detering - ebook

Was heißt hier "wir"? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten ebook

Heinrich Detering

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Opis

Rechte Politiker sprechen von "Entsorgung", von "Umvolkung", von "Kopftuchmädchen und Messermännern". Davon, dass die Hitlerzeit ein "Vogelschiss" gewesen sei. Und vor allem nehmen sie für sich in Anspruch, für "uns" und "unser Deutschland" zu sprechen. Doch was für ein "Wir" setzen sie da überhaupt voraus?   Der Literaturwissenschaftler und Leibniz-Preisträger Heinrich Detering wirft einen unaufgeregten wie scharfen Blick auf die Rhetorik der parlamentarischen Rechten – und zeigt, wie ihr Anspruch, für "das Volk" zu sprechen, in totalitäre Ermächtigungsvorstellungen, Rache- und Vernichtungsphantasien führt. Er legt offen, wie diese Sprache der Gewalt sich selbst verharmlosend verkleidet. Und er macht vor, wie sich solche rhetorischen Strategien durchschauen lassen.

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Heinrich Detering

Was heißt hier »wir«?

Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten

Reclam

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4. Auflage

 

2019 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Coverabbildung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2019

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961448-9

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-019619-9

www.reclam.de

Inhalt

ZwischenblattReizwörter und LeseweisenWir oder die BarbareiDas System der ZweideutigkeitUnser Deutschland, unsere Vernichtung, unsere RacheIch und meine GemeinschaftTausend Jahre, zwölf JahreUnsere Sprache, unsere KulturAnmerkungenNachbemerkungLeseempfehlungenÜber den Autor

»Sie haben die unglaubwürdige Kühnheit, sich mit Deutschland zu verwechseln! Wo doch vielleicht der Augenblick nicht fern ist, da dem deutschen Volke das Letzte daran gelegen sein wird, nicht mit ihnen verwechselt zu werden.«

 Thomas Mann, Ein Briefwechsel (1936)

Reizwörter und Leseweisen

Die Hitlerzeit – ein »Vogelschiss«; die in Hamburg geborene SPD-Politikerin Aydan Özoğuz – ein Fall, der »in Anatolien entsorgt« werden sollte; muslimische Flüchtlinge – »Kopftuchmädchen und Messermänner«: Formulierungen wie diese haben in den letzten Jahren und Monaten immer von neuem für öffentliche Empörung, für Gegenreden und Richtigstellungen gesorgt. Und für Schlagzeilen, mit denen die AfD im Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit und im Gespräch blieb.

»Vogelschiss«, »Entsorgung« und »Messermänner« sind Beispiele für eine Verhexung des politischen Diskurses durch Wörter, genauer: durch Schlagwörter und Kampfvokabeln, kalkulierte provozierende Verstöße gegen Höflichkeitsregeln und Taktempfinden, die sich die Verstoßenden als Trophäen ihres vorgeblichen Kampfes gegen Denkschablonen und Sprechverbote einer allgegenwärtigen political correctness ans Revers heften. Wer den Kampf unter diesen Vorgaben aufnimmt, hat ihn schon verloren. Denn es geht seinen Verursachern nicht um argumentative Überlegenheit, sondern um die Erschließung und Besetzung diskursiver Felder. Um das Abstecken von claims geht es, um den Ehrgeiz, mit Reizvokabeln »die Grenzen des Sagbaren auszuweiten«,1 um die Steuerung der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Die ebenso begreiflichen wie reflexhaften Empörungsgesten wirken darum oft nicht nur traurig hilflos (wie in den öffentlichen politischen Debatten im Parlament, in Zeitungen und Talkshows, so auch in den vielen privaten Diskussionen). Sie scheinen dem bösen Spiel der Provokateure nicht einmal wirksam Widerstand zu leisten. Vielmehr hat es den Anschein, als spielten die Empörten es unfreiwillig mit, als ließen sie sich von ihnen instrumentalisieren – jedenfalls solange Gegenstand des Kampfes nicht Argumente sind, sondern Meinungsführerschaft, Themensetzung und die Bestimmung der Schlagworte, um die und um deren Urheber sich möglichst viel drehen soll.

Wie könnte man diesem Schema entkommen? Vielleicht indem man der Verlockung widerstünde, die bösen Köder zu schlucken, an denen die hässlichen Wörter befestigt sind, und vielmehr Distanz wahrte und die Köder nur möglichst gründlich anschaute: die Positionen und Funktionen der Wörter in den jeweiligen syntaktischen, metaphorischen, argumentativen Kontexten betrachtete, die womöglich von den Metaphern verdeckten Argumente und Narrative freilegte – und bei alldem auch den Redegestus selbst im Blick behielte, dasjenige also, was die Weise des Sagens dem Gesagten hinzufügt, ohne dass es selbst ausgesprochen werden müsste. Dass nicht das Wort »Vogelschiss« böse ist, sondern seine Anwendung auf den industriell organisierten Massenmord an den europäischen Juden, das ist eine Banalität – und doch fällt es erfahrungsgemäß oft schwer, sie im Eifer des Gefechts im Auge zu behalten.

Im Folgenden geht es also nicht allein um die Wörter, sondern um ihre Kontexte, ihre Pragmatik und ihre Performanz. Es geht um Stilanalyse und Rhetorik. Dabei beschränke ich mich auf einzelne, überwiegend gut bekannte Redetexte, Interviews, Twitter-Nachrichten und Facebook-Posts der letzten Jahre – in einer durchaus subjektiven Auswahl, von der ich hoffe, dass sie als halbwegs repräsentativ gelten kann. (Dass dies alles hier nur exemplarisch, stichworthaft und andeutend geschehen kann, versteht sich von selbst; ich verweise auf die Leseempfehlungen im Anhang.) Ich unterziehe sie demselben close reading, mit dem ich mich in meiner wissenschaftlichen Forschung und Lehre auch Gedichten und Prosatexten der Literaturgeschichte zuwende (oder, auch das ist vorgekommen, Texten wie Adolf Hitlers Mein Kampf ). Ich verfahre also auch anders als die Kolleginnen und Kollegen aus der Sprachwissenschaft, etwa Heidrun Kämper vom Mannheimer Institut für deutsche Sprache, Joachim Scharloth an der Universität Dresden oder der mit der Sprache der »Wutbürger« befasste Politologe Robert Feustel in Leipzig und Jena, die sich derzeit intensiv und auf ungleich breiterer Grundlage mit Analysen des rechtspopulistischen Sprachgebrauchs beschäftigen.

Meine Neulektüren einiger der meistdiskutierten Äußerungen führender AfD-Vertreter und -Vertreterinnen konzentrieren sich dabei vor allem auf diejenigen semantischen und stilistischen Merkmale, die nicht unmittelbar evident sind. Gerade einige der vermeintlich schon längst ausdiskutierten Provokationen der letzten Jahre zeigen, unterzieht man sie einer vergleichenden Analyse, ideologische Grundstrukturen, die noch immer bedrängend aktuell sind. Sie alle haben es mit dem zu tun, was im Tonfall einer scheinbaren Selbstverständlichkeit »wir« genannt wird – in positiven und, weit mehr noch, in negativen Bestimmungen. Diese Frage steht im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen: Wer oder was ist das »Wir«, das »Uns«, das »Unser«, das in den Äußerungen der AfD wiederkehrend als »unser Volk«, »unser Vaterland«, »unsere Kultur« erscheint, als das ideologische Begriffszentrum, um das sich alles dreht?

Wir oder die Barbarei

Fast immer sind die Definitionen des vermeintlich abendländischen und des deutschen »Wir« in den Hassfloskeln von Pegida und AfD negativ bestimmt. Welche Merkmale die Gruppe positiv auszeichnen, die das Pronomen benennen soll, bleibt entweder offen oder es wird mit vagen Gemeinplätzen angedeutet, die einer genaueren Nachfrage nicht standhalten; der am häufigsten gebrauchte von ihnen ist der Hinweis auf eine – ihrerseits zumeist nicht näher bestimmte – spezifische »deutsche Kultur«. (Darauf ist später zurückzukommen.)

Vor allem aber bestimmt sich das fragliche »Wir« durch den wiederkehrenden Hinweis auf diejenigen, die nicht dazugehören sollen. Wir sind die, die nicht so sind wie die da. In einer privaten Mail – die sie im Nachhinein und mit wenig glaubwürdigen Gründen zur Fälschung erklären ließ – hat Alice Weidel 2013 beklagt, dass »wir von kulturfremden Völkern wie Arabern, Sinti und Roma etc. überschwemmt werden«. Überschwemmt sieht Frau Weidel »uns« nicht etwa von Völkern, denen unsere Kultur fremd ist – was als Behauptung über die seit Jahrhunderten in Europa lebenden Sinti und Roma immerhin auch nicht sehr weit entfernt ist von Hitlers Satz, ein Jude könne »kein Volksgenosse sein«. Sondern sie sagt, dass wir überschwemmt werden von »kulturfremden Völkern«, also von Menschen, denen Kultur schlechthin fremd ist. Sie meint das, was man im klassischen Griechenland »die Barbaren« nannte, und sie beschreibt es wie eine Naturkatastrophe: als Überschwemmung.

In dieser Konfrontation erscheint tödliche Gewalt unausweichlich. In ihrer Rede vor dem Deutschen Bundestag am 16. Mai 2018 hat Alice Weidel das in einer suggestiven Begriffskombination nahegelegt. Die Suggestion bestand nicht allein in der Verbindung von »Kopftuchmädchen« und »Taugenichtsen«, die Frau Weidel einen Ordnungsruf des Parlamentspräsidenten einbrachte, weil sie »alle Frauen« diskriminiere, »die ein Kopftuch tragen«.2 Sie bestand vielmehr in der Kombination von »Kopftuchmädchen, alimentierten Messermännern und sonstigen Taugenichtsen«.3