Vom Lebensplan zum Beziehungsraum - Klaus Sejkora - ebook

Vom Lebensplan zum Beziehungsraum ebook

Klaus Sejkora

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Opis

Schreibe dein Leben um Unter dem unbewussten Lebensplan versteht man in der Transaktionsanalyse eine Art roten Faden, der sich durch unser Leben zieht, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Er führt uns manchmal zu Ereignissen, die wie fatale Wiederholungen bisherigen Erlebens, wie Déjà-vus erscheinen. Wir sprechen davon, dass es "unser Schicksal" sei, so zu leben. Doch in Wirklichkeit sind wir es selbst, die unser Leben, unsere Persönlichkeit und unsere Beziehungen gestalten. Dieses Buch zeigt, wie mit konkreten Übungen der Lebensplan bewusst erlebt und gestaltet werden kann. Eingebettet in den Text sind acht Geschichten, die anhand ihrer Helden auf sinnbildliche Weise die Dynamik des unbewussten Lebensplanes erklären.

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KLAUS SEJKORA | HENNING SCHULZE

VOM LEBENSPLAN ZUM BEZIEHUNGSRAUM

fischer & gann

KLAUS SEJKORA | HENNING SCHULZE

VOM LEBENSPLAN ZUM BEZIEHUNGSRAUM

fischer & gann

WIE SIE MIT HILFE DER TRANSAKTIONSANALYSE EINSCHRÄNKENDE MUSTER ÜBERWINDEN

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig und strafbar.

© Verlag Fischer & Gann, Munderfing 2017

Umschlaggestaltung | Layout und Satz: Gesine Beran, Turin

Umschlagmotive: © shutterstock | Rudra Narayan Mitra | Robert Adrian Hillman

Gesamtherstellung | Druck:

Aumayer Druck + Verlag Ges.m.B.H. & Co KG, Munderfing

ISBN 978-3-903072-57-2 | ISBN E-BOOK 978-3-903072-62-6 www.fischerundgann.com

Für Emily, Philipp, Sophie,

Milea und das Kleine

unterwegs auf dem Weg

in ihre Beziehungsräume

DAS KANNST DU NICHT SEIN

Ich erzählte ihnen:

Wenn ich groß bin,

werde ich kein Wissenschaftler

oder jemand, der Nachrichten im Fernsehen liest.

Nein, eine Million Vögel werden durch mich hindurchfliegen.

Ich werde ein Baum!

Sie sagten:

Das kannst du nicht sein. Nein, das kannst du nicht sein.

Ich sagte ihnen:

Wenn ich groß bin,

werde ich kein Pilot, kein Tänzer,

kein Anwalt und kein Showmaster.

Nein, riesige Wale werden in mir schwimmen.

Ich werde ein Ozean!

Sie sagten:

Das kannst du nicht sein. Nein, das kannst du nicht sein.

Ich sagte ihnen:

Ich werde kein DJ, kein Computerprogrammierer,

kein Musiker und kein Kosmetiker.

Nein, Flüsse werden durch mich hindurchströmen.

Ich werde die Heimat der Adler sein.

Dann bin ich voller Schlupfwinkel, Verstecke, Täler und Quellen.

Ich werde ein Gebirge.

Sie sagten:

Das kannst du nicht sein. Nein, das kannst du nicht sein.

Ich fragte sie:

Was glaubt ihr eigentlich, wer ich bin?

Nur ein Kind, sagten sie,

und Kinder werden immer

zumindest irgendetwas,

was wir möchten.

Sie verstehen mich nicht.

Ich werde ein Stall, wenn ich das will, nach frischem Heu duftend.

Ich werde eine verlorene Lichtung,

wo die Einhörner immer noch spielen.

Sie erkennen nicht, dass ich jedes Ziel erreichen kann.

Sie erkennen nicht, dass mitten unter ihnen

ein Magier lebt.

Brian Patten1

INHALT

VORWORT

EINLEITUNG

Die erste Geschichte: Der Schüler

1DER UNBEWUSSTE LEBENSPLAN: VIER LEBENSGESCHICHTEN

Erste Begegnungen: Bauelemente des Lebensplans

Matthias: »Ich habe schon so viel in meinem Leben verloren«

Gerda: »Manchmal frage ich mich, ob ich depressiv bin«

Christoph: »Dann würde ich eines Tages vor Einsamkeit sterben«

Barbara: »Ich kann das meiner Mama nicht antun«

Der Lebensplan – kurz und knapp

Kindheit und Jugend: der Lebensplan als Überlebensstrategie

Gerda: »Ich war sehr zuvorkommend und lieb«

Matthias: »Ich habe solche Angst gehabt, dass meine Schwester auch stirbt«

Christoph: »Es gab ständig Streit zwischen den Eltern«

Barbara: »Diese Wochenenden waren eine Katastrophe«

Gemeinsamkeiten: Ausgangsbedingungen und frühe Brüche

Die zweite Geschichte: Das verzauberte Tal

Junges Erwachsenenalter: Der Lebensplan wird aktiv

Gerda: »Für mich ist die Welt zusammengebrochen«

Matthias: »Die große Liebe war das nicht«

Christoph: »So wie immer: Ich bin wütend geworden«

Die mittleren Jahre: Der Lebensplan in Aktion – wie das Skript uns von uns selbst entfernt

Gerda: »Glücklich bin ich dabei nicht geworden«

Matthias: »Es hätte ein Neuanfang werden sollen«

Christoph: »Ich bin nicht mehr der Herr in meinem eigenen Leben«

Die späten Jahre: Der Lebensplan geht seiner Vollendung entgegen

Gerda: »Ich habe gemerkt, dass ich keinem Mann mehr trauen kann«

Die dritte Geschichte: Im Turm des Zauberers

Scham und Freude: die Triebfedern des Lebensplans

Christoph: »Halten Sie mir nur vor Augen, dass ich ein Versager bin«

Das Gefängnis des destruktiven Lebensplans: der Skript-Quader

Barbara: »Ich war furchtbar zornig auf mich«

2WEITERENTWICKLUNG: WIE DER LEBENSPLAN VERÄNDERT WERDEN KANN

Wie der Lebensplan uns wieder zu uns zurückführt

Mein Leben: Erfolge und Niederlagen, Hoffnungen und Enttäuschungen

Scham erkennen, verstehen und bewältigen

Das Lebensplan-Gefängnis verlassen

Den Roman meines Lebens umschreiben: der Beziehungsraum

Die vierte Geschichte: Im Palast der Geschichten

3VOM UNBEWUSSTEN ZUM BEWUSSTEN LEBENSPLAN: AKTIVES GESTALTEN STATT AUSLIEFERUNG AN DIE »MACHT DES SCHICKSALS«

Die fünfte Geschichte: Die Antilope und das Licht

ANHANG

Übungen zu persönlichem Wachstum

Übung 1: Mein Leben als Theaterstück
Übung 2: Ich erinnere mich
Übung 3: Mein Leben als Bild
Übung 4: Meine Scham kennenlernen
Übung 5: Ich finde meine Schutzfigur
Übung 6: Meine Scham bewältigen
Übung 7: Mein Lebensplan-Quader
Übung 8: Aus dem Lebensplan-Quader aussteigen
Übung 9: Den Beziehungsraum öffnen

ANMERKUNGEN

VORWORT

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage:

Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil’ und Schleudern

Des wütenden Geschicks erdulden, oder,

Sich waffnend gegen eine See von Plagen

Durch Widerstand sie enden. Sterben – schlafen – Nichts weiter!

(William Shakespeare, Hamlet III/1)2

UNTER DEM UNBEWUSSTEN LEBENSPLAN versteht man in der Psychologie eine Art roten Faden, der sich durch unser Leben zieht, ohne dass wir es bewusst merken. Er führt uns zu Höhen und Tiefen und manchmal zu Ereignissen, die wie unvermeidliche Wiederholungen bisherigen Erlebens, wie Déjà-vus erscheinen. Wir sprechen davon, dass es »unser Schicksal« sei, so zu leben, wie wir leben. Doch in Wirklichkeit sind wir selbst es, die unser Leben, uns selbst und unsere Beziehungen gestalten.

Als Mathilde Fischer vom Verlag Fischer & Gann uns im Frühsommer 2015 vorschlug, ein Buch über dieses Thema zu schreiben, waren wir von der Idee wie elektrisiert. Rasch fiel uns dazu als Beispiel Shakespeares Tragödie von Hamlet ein. Der junge Prinz von Dänemark, mit der Ermordung seines Vaters durch dessen Bruder und seine eigene Mutter konfrontiert, beschließt, Rache zu üben und sein Recht auf den Thron wiederzuerlangen. Um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, spielt er den Wahnsinnigen, zu dem er dann tatsächlich mehr und mehr wird. Alle seine guten Absichten, die Ordnung im Staat wiederherzustellen, inmitten des Chaos anständig zu bleiben und seinem Leben Ziel und Inhalt zu geben, kehren sich ins Gegenteil. Er verschuldet direkt und indirekt den Tod aller Hauptfiguren, insbesondere den Selbstmord der von ihm geliebten Ophelia, und wird zum Schluss selbst ermordet. Das dänische Königsgeschlecht ist ausgerottet, Dänemark fällt an Norwegen.

In seiner großen Tragödie schildert William Shakespeare im Vordergrund die beschriebenen Handlungsstränge, dahinter aber – wie in allen seinen Stücken – meisterlich das Psychogramm, das Seelenbild der handelnden Personen. Über weite Strecken wird das Stück in den zweifelnden Monologen Hamlets davon bestimmt, wie er, ohne es zu wollen, sich selbst und alle anderen in den Abgrund treibt, von seiner inneren Zerrissenheit und seiner wachsenden Verwirrtheit. Am intensivsten verdeutlicht das die berühmte Textstelle, die wir diesem Buch vorangestellt haben. Er will ein Mensch sein, der »edel im Gemüt« ist; heute würden wir das einen »guten Menschen« nennen. So will er sich dem »wütenden Geschick« stellen:

»Die Zeit ist aus den Fugen; Fluch der Pein / Muss ich sie herzustell’n geboren sein!«3, sagt er bereits im ersten Akt. Doch es ist nicht die Zeit, die »aus den Fugen« ist. Er wurde nicht schicksalhaft dazu geboren, sie wieder in Ordnung zu bringen. Die Vorfälle am Schloss von Helsingör entsprechen völlig der Normalität des Mittelalters: Mord, Thronraub, Ehebruch, Lüge und Intrige gehörten zu den üblichen Abläufen (wie sie sich auch in Shakespeares Königsdramen finden). Es ist Hamlet selbst, dessen Leben aus dem Ruder läuft. Er glaubt, die Dinge wieder in Ordnung bringen zu müssen, und flucht gleichzeitig dieser selbstgewählten Bestimmung. Doch ist das tatsächlich sein unausweichliches Schicksal? Er selbst hat sich diese Aufgabe gestellt und treibt sich damit an. Er zweifelt zwar, ob er Widerstand leisten oder sein Leben ertragen soll, entscheidet sich aber, von einer scheinbar unausweichlichen Macht getrieben, immer wieder für Ersteres. So bewirkt er den Untergang fast aller Personen des Stückes und schließlich seinen eigenen. Statt die Ordnung, die »Zeit«, wiederherzustellen, bringt er sie vollständig aus den Fugen – immer getrieben von der Formel, die von Anfang an sein Ende in sich trägt: »Sterben – schlafen. Nichts weiter.«

Was hat ihn zu diesem Menschen geformt, der er ist – ein hochintelligenter, selbstreflektierter Zweifler, der merkwürdige, zum Scheitern verurteilte Intrigen spinnt und letztlich zu derselben Gewalt greift, die er so verurteilt und dabei den Verstand verliert? Hätte er nicht abwarten und Dänemark ein moderner König sein können, der seiner Zeit weit voraus gewesen wäre, statt es in den Abgrund zu reißen?

Hamlets Geschichte faszinierte mich (KS) schon als Fünfzehnjährigen. Wir kennen sie zwar als Theaterstück, sie könnte aber auch das letzte Kapitel eines Romans sein. Dieser Roman würde sein ganzes Leben umfassen und nach Antworten auf die Frage suchen: Was steckt hinter dieser Kraft, die sein Leben formt – oder genauer: mit der er es formt? Könnte er es nicht auch anders gestalten? Wir wissen nichts von Hamlets Kindheit, seiner Beziehung zu seinen Eltern und den Erfahrungen seines Heranwachsens, und sie sollen auch nicht Gegenstand dieses Buches sein. Was wir in Shakespeares Text finden können, ist eine genaue Zeichnung der Macht, die unbewusst sein Leben in die Richtung treibt, die ihn das Unrecht, das ihm widerfahren ist, wiederholen und anderen zufügen lässt. Durch welche Vorerfahrungen mag er zu dem Menschen geworden sein, der er ist? Warum setzt er diese seine Triebfeder, die seinem Leben Ziel und Inhalt gibt, so destruktiv ein? Hätte er damit nicht auch ein großer und gerechter König für sein Land werden können?

In diese Richtung überlegten und diskutierten wir, als wir begannen, uns mit dem Buchprojekt über den unbewussten Lebensplan zu befassen. Doch auch unser Leben geht oft andere Wege, als wir sie planen: Ein weiteres Buch für Fischer & Gann über die Kunst des Führens, nur als schmaler Ratgeber mit App geplant, sollte vorgezogen werden. Daraus wurde dann ein 450 Seiten starkes Kompendium, das uns fast ein Jahr lang beschäftigt hat.4 Kein ungewöhnliches Motiv für uns beide: Etwas, das zuerst eine kurze Episode zu sein scheint, wird zu einem Vorhaben, das unserem Leben andere Richtungen und andere Schwerpunkte gibt, als wir das vorhersehen konnten oder wollten.

Doch hier geht es nicht um unsere Lebenspläne, sondern um die von Gerda, Matthias, Christoph und Barbara, denen Sie hier begegnen werden. Und natürlich um die Ihren, liebe Leserin, lieber Leser. Eine Anmerkung zum Aufbau des Buches sei noch vorangestellt: Es ist in drei Teile und einen Anhang gegliedert. Im ersten Teil finden Sie die Lebensgeschichten der erwähnten vier Hauptpersonen, anhand derer wir erklären werden, was wir unter dem unbewussten Lebensplan verstehen. Im zweiten Teil können sie miterleben, wie wir mit diesen vier Menschen an ihren Skripts, also den Drehbüchern für ihr Leben, arbeiten und sie bei ihrer Entwicklung unterstützen. Wir werden dabei immer wieder die Metapher »Roman des Lebens« verwenden (mehr dazu später). Doch das ist nicht nur ein Vergleichsbild. Eingebettet in den Text finden Sie fünf Geschichten, gewissermaßen Kurzromane, die anhand ihrer Helden auf sinnbildliche Weise die Dynamik des unbewussten Lebensplans erklären. Sie sind so geschrieben, dass sie nicht nur das Bewusstsein der Leserin, des Lesers ansprechen, sondern auch hilfreiche unbewusste Prozesse anstoßen. Diese Methode entwickle ich (KS) seit vielen Jahren,5 sie basiert auf den Konzepten der Hypnosetherapie nach Milton Erickson.6 Im Anhang schließlich finden Sie Übungen für Sie selbst und Ihre persönliche Entwicklung. Das ist ein Angebot an Sie, wenn Sie das, was Sie in diesem Buch berührt und auch an Sie selbst erinnert hat, vertiefen wollen.

Und nun lassen Sie uns beginnen – und zwar mit der ersten unserer Geschichten, die uns als Metapher für den Lebensplan dienen soll und für das, was wir den »Roman des Lebens« nennen.

EINLEITUNG

DIE ERSTE GESCHICHTE:Der Schüler

Vor langer Zeit lebte in einem Kloster in den unwegsamen Gebirgen zentralasiens ein weiser alter Mönch. Zahllose Pilger waren im Laufe der Jahre zu ihm gekommen, um seinen Rat einzuholen, und Eltern aus dem ganzen Land schickten ihm ihre Söhne, damit er sie Weisheit und die höchste Vollkommenheit der Meditation lehre.

Eines Tages, früh am Morgen, trafen ein Mann und eine Frau mit einem kleinen Jungen mit hellen, wachen Augen nach langer Reise im Kloster ein. Sie warteten viele Stunden, während derer der kleine Junge staunend die Mönche beobachtete, die in tiefer Meditation murmelnd im Hofe des Klosters auf- und abgingen, während sie ihre Gebetsmühlen drehten. Schließlich empfing sie der Alte.

»Meister, dürfen wir unseren Sohn zu dir in die Lehre geben? Er ist so wissbegierig, und wir haben ihm schon alles beigebracht, was wir ihm beibringen konnten. Auch unser Dorfältester hat keine Antworten mehr auf seine Fragen«, sagte der Vater ehrerbietig.

Der Meister und der Junge mit den hellen Augen sahen sich lange an, ohne ein Wort zu sagen. Der Junge hätte gerne sehr vieles gefragt, aber er hatte zu viel Respekt vor dem alten Mönch mit seinem langen Bart. Doch in seinem Herzen wünschte er sich sehr, in diesem Kloster mit seiner Stille, den leiernden Gebetsmühlen und dem Murmeln der meditierenden Mönche bleiben zu dürfen.

»Ich bin einverstanden«, sagte der Meister schließlich nach einer langen Weile. »Ich bin einverstanden, weil euer Junge nicht nur fragen kann, sondern weil er auch zu schweigen versteht.«

Der Knabe lernte schnell und viel, und manchmal musste sogar der Meister bei seinen Fragen längere Zeit nachdenken und meditieren, so klug waren sie. Trotzdem wurde der Junge mit den hellen Augen immer unzufriedener, je mehr er lernte und je mehr er aus all den Schriftrollen des Klosters, den Gesprächen mit den Mönchen und aus seinen Meditationen erfuhr. Der Meister merkte diese Unzufriedenheit und Ungeduld, aber er wartete lange, bevor er mit dem Jungen darüber sprach.

»Mein Sohn«, sagte er schließlich zu ihm (so hatte er begonnen, ihn zu nennen, weil ihm der Junge so lieb geworden war), »mein Sohn, ich sehe, du hast Kummer. Kann all das Wissen, das wir dich lehren – und das die Götter dich lehren -, dich nicht zufriedenstellen?«

»Meister«, antwortete der Junge, der diesen Moment herbeigesehnt hatte, »es ist nicht das Wissen, das mir Kummer macht. Es ist mein Kopf – wie soll er all das erfassen und behalten, was es zu lernen und zu wissen gibt? Und wie soll ich mich immer an all das erinnern? Ich bin noch so jung, aber manchmal vergesse ich jetzt schon Sachen, die ich doch aufmerksam gelernt habe.«

Der Meister schwieg. Von ferne hörte man das Murmeln der Mönche, die im Hofe des Klosters meditierten, und das Leiern ihrer Gebetsmühlen.

Da fasste der Junge sich noch einmal ein Herz.

»Meister, ich lerne jeden Tag viele Stunden lang, immer, wenn ich in der Studierstube sitze, immer, wenn ich mit den Mönchen spreche. Aber so kann ich niemals alles lernen, was es zu lernen gibt. Dafür reicht die Zeit nicht. Wie machst du das, Meister, dass du so viel weißt?«

»Ganz einfach«, antwortete der Meister, »ich lerne, wenn ich in der Studierstube sitze, ich lerne, wenn ich meditiere, ich lerne, wenn ich mich wasche, ich lerne, wenn ich mit dir spreche, ich lerne, wenn mich Pilger besuchen, ich lerne, wenn ich esse, und ich lerne, wenn ich schlafe.«

Der Junge mit den hellen Augen wusste, dass er nicht mehr Antworten bekommen würde, und er dachte lange über die Rede des Meisters nach. Er war sich nicht sicher, ob er wirklich verstand, was der Meister gemeint hatte, und er wusste immer noch nicht, wie er es anstellen sollte, all sein Wissen immer bei sich zu behalten und jederzeit nützen zu können.

Die Jahre vergingen, und aus dem Jungen war ein hochgewachsener junger Mann mit etwas linkischen Bewegungen geworden. Immer noch war er wissbegierig wie eh und je, und immer noch quälten ihn seine alten Fragen. Er hatte zwar verstanden, dass jeder Mensch lernen kann, solange er lebt, und dass er aus allem lernen kann, was ihm das Leben zeigt. Aber gleichzeitig kam ihm so vieles von dem Wissen, das er lernte, überflüssig und nutzlos vor. Es war für ihn, als verschwendete er Zeit, in der er Wichtigeres, Bedeutenderes hätte lernen können.

Schließlich fasste er sich wieder ein Herz und sprach mit seinem Meister, der mittlerweile schon sehr alt geworden war.

»Meister, ich verstehe nicht, warum ich jeden Morgen wieder aus dem Flug der Vögel lernen soll, sie fliegen doch immer gleich. Und aus dem Wachsen der Reispflanzen kann ich auch nichts Neues mehr lernen, sie wachsen auch jedes Jahr gleich. Auch die Pilger, die uns besuchen, sagen immer die gleichen Sachen. All das nimmt zu viel Platz in meinem Kopf ein und interessiert mich eigentlich gar nicht. Mich interessieren die wirklichen Geheimnisse des Lebens: die Geburt und das Sterben des Menschen, das Wandern und Wiedergeborenwerden seiner Seele. Darüber möchte ich alles erfahren, was es zu erfahren gibt.«

Wieder musste er lange auf Antwort warten. Im Hof murmelten die meditierenden Mönche, und die Gebetsmühlen leierten.

Sehr ernst sagte der Alte: »Mein Sohn, ich habe dich alles gelehrt, was ich weiß, und das ist gut, denn ich werde nicht mehr lange bei dir sein. Mir bleiben nicht mehr viele Jahreszeiten, in denen ich das Wachsen der Reispflanzen und den Flug der Vögel beobachten kann. Dann geht meine Seele auf Wanderschaft, und ich hoffe, dass sie all das brauchen kann, was sie in diesem Leben gelernt hat. Und ich hoffe, dass du all das brauchen kannst, was ich dich gelehrt habe – und auch das, was ich dich nicht gelehrt habe.«

Nur mühsam bezähmte der Schüler seine Ungeduld. Jede Antwort des Meisters schien das Tor zu einem Dutzend neuer Fragen aufzumachen. Nicht lange danach starb der alte Mönch, und die Trauer im Herzen des Schülers war groß und tief. Viele Tage und Nächte dauerten die Feiern im Kloster, bei denen die Seele des Alten verabschiedet wurde, damit sie auf ihre weitere Wanderschaft ziehen konnte. Aber der junge Mann mit den hellen Augen konnte keinen wirklichen Trost in den Meditationen und Gebeten finden, denn während rings um ihn her die anderen Mönche gleichförmig vor sich hin murmelten, bohrte sich nur ein einziger Gedanke in sein Herz: Der Meister hat so viele Fragen unbeantwortet gelassen, und es gibt niemanden mehr, der sie mir beantworten kann. Er fühlte sich sehr unglücklich und alleine, und es dauerte lange Zeit, bis er wieder den Weg zurück in die Studierstube, zu den gelehrten Gesprächen mit den anderen Mönchen und zu den Meditationen fand.

Viele Jahre gingen ins Land, und aus dem Schüler wurde selbst ein Meister, zu dem Pilger um Rat kamen. Nicht nur wurde sein großes und bedeutendes Wissen weithin gerühmt, er war auch bekannt dafür, dass er klare, leicht verständliche und auf den Punkt treffende Antworten gab, selbst auf die kompliziertesten Fragen. Die Pilger verließen ihn leichten Herzens und ohne offene Rätsel. Man gab ihm den Namen »Yeshi«, das heißt so viel wie »göttliches Wissen«.

Trotz seines scharfen Sinnes und seines großen Ruhmes blieb der Meister im Herzen unzufrieden. Er hatte so viel gelernt, aber es gab noch so viel mehr zu lernen, so viele Fragen, auf die er keine Antworten wusste. Die Schriften in der Bibliothek des Klosters hatte er viele Male studiert, und sie boten ihm nichts Neues mehr, und auch die Schriften, die man für ihn in anderen Klöstern auslieh, hatte er längst gelesen. Tag für Tag und Nacht für Nacht war er damit beschäftigt, sein Wissen zu durchdenken, zu wiederholen und wieder zu durchdenken, damit nur ja nichts davon in Vergessenheit geriete. Durch die Jahrzehnte der Meditation war er geduldiger geworden, aber das Gefühl, Zeit mit nutzloser Beschäftigung zu verbringen, Dinge zu sehen oder zu hören, die nichts Neues für ihn bedeuteten, konnte er immer noch schwer ertragen.

Yeshi wurde älter, und sein klarer Blick und seine hellen Augen wurden durch die Jahre und das viele Studieren getrübt und kurzsichtig, aber sein Verstand wurde immer schärfer. Seine Schüler hingen an seinen Lippen, und die Mönche verneigten sich in tiefer Ehrfurcht vor ihm, wenn er über den Hof ging, auf dem sie meditierend ihre gleichförmigen Runden wanderten, während sie die Gebetsmühlen drehten.

Eines Morgens kamen ein Mann und eine Frau von weither zum Meister, und mit sich brachten sie ihren kleinen Sohn – einen Jungen mit ernstem Gesicht und großen, dunklen Augen.

»Meister Yeshi, wir bitten dich in Demut, nimm unseren Jungen zum Schüler. Er spricht wenig, aber er denkt viel, und unser Dorfältester sagt, dass seine Antworten von ungewöhnlicher Klugheit sind.«

Der Meister horchte interessiert auf.

»Komm her zu mir, Junge«, sagte er. »Du verstehst also zu schweigen? Das ist gut, das ist sogar sehr gut. Aber verstehst du auch zu antworten?«

Der Knabe schwieg eine Weile und sah den Meister lange an.

»Ja, Meister Yeshi«, sagte er dann, »wenn die Antworten zu mir kommen, dann spreche ich sie aus.«

»Wenn die Antworten zu dir kommen?« Der Meister schaute voller Erstaunen. Was meinte das Kind? Neugier und Unruhe erfassten ihn.

»Wenn die – Antworten zu dir kommen?« Noch einmal stellte er die Frage, diesmal sehr langsam und nachdenklich.

»Ja, Meister Yeshi«, antwortete das Kind, verwundert über das Erstaunen des alten Mannes.

Die Eltern hielten den Atem an, denn sie erlebten etwas Ungeheuerliches: Der allwissende Meister verstand augenscheinlich nicht, was ihr Sohn meinte. Der Vater forderte ihn auf, sich nicht so ungeschickt auszudrücken und den Meister nicht so respektlos zu behandeln, doch der hob die Hand.

»Nein, nein, lasst den Jungen!«, sagte er mit energischer Stimme. »Er drückt sich überhaupt nicht ungeschickt aus. Er – wie hat euer Ältester gesagt? Er gab mir eine Antwort von ungewöhnlicher Klugheit.«

Die beiden – der alte Mann und das Kind – sahen einander lange an. Und mit einem Mal fühlte sich der Meister wieder jung, wieder voll mit dem unbändigen Wunsch, Fragen über Fragen zu stellen, zu lernen und wieder zu lernen.

»Sag mir eines, Junge. Wie machst du das, dass die Antworten zu dir kommen?«

»Ich mache gar nichts, Meister Yeshi.«

Eine lange Pause folgte. Im Hof des Klosters hörte man die meditierenden Mönche murmeln und das gleichförmige Leiern ihrer Gebetsmühlen. Dann sprach der Junge weiter.

»Ich beobachte die Welt, und ich kann sie mir nicht erklären. Ich beobachte die Vögel, und ich weiß nicht, wie sie es machen, dass sie fliegen. Ich sehe den Reispflanzen beim Wachsen zu, und ich weiß nicht, wie sie das machen, dass sie wachsen. Ich beobachte die Menschen und höre ihnen zu, und ich verstehe nicht, warum sie manchmal so zornig oder manchmal so traurig sind. Aber ich sehe, was ich sehen kann, und ich höre, und ich rieche, und ich schmecke und fühle. Und dann warte ich einfach, bis die Antworten von selbst kommen. Ich denke nicht über sie nach, sie kommen zu mir. Ich weiß auch nicht, wie sie das machen. Und wenn sie nicht kommen, dann kommen sie vielleicht später oder in vielen Jahren oder auch niemals.«

Da verneigte sich der Meister tief vor dem kleinen Jungen. Die Eltern wussten vor Verlegenheit nicht mehr, wohin sie sich wenden sollten. Die Mönche, die im Hof meditierend auf- und abwanderten, hielten erstaunt inne, als sie den Meister in Ehrerbietung vor dem Kind sahen.

Schließlich wandte er sich an die Mutter und den Vater des Jungen.

»Nein, ich werde euren Sohn nicht zum Schüler nehmen. Es gibt nichts, was er von mir lernen könnte.«

Dann wandte er sich an den Jungen, der schweigend und wartend dastand.

»Ich bitte dich, dein Schüler sein zu dürfen. Du hast mir gezeigt, worauf mein eigener Meister vergeblich bei mir wartete. All mein Leben lang habe ich nach Antworten gesucht. Ich will jetzt von dir lernen, in Geduld darauf warten zu können, dass sie zu mir kommen, wenn die Zeit dafür reif ist.«7

Man könnte die Geschichte zu einem ganzen Roman ausbauen – zum Roman von Yeshis Leben. Sie enthält alles, was Romane, die uns fesseln und berühren, in der Regel beinhalten: die Entwicklung des Helden zu dem Menschen, der er ist; innere und äußere Konflikte; einen Höhepunkt, an dem der Held ratlos und in sich selbst und den Wiederholungen seiner Muster gefangen erscheint; und schließlich eine Auflösung seiner Rätsel. Es scheint, als ob Yeshi – erst als Kind, dann als Schüler, schließlich als Meister – einer Art Plan folgen würde, der ihm selbst nicht bewusst ist: Er sucht Antworten auf seine Fragen, er will die Welt und das Leben in seinen Geheimnissen ganz und gar verstehen. Das bestimmt sein Fühlen, sein Denken und sein Handeln. Er hofft, dass ihm jemand oder etwas helfen wird, seine rastlose Suche zu beenden: seine Eltern, der Dorfälteste, sein Meister, alle gelehrten Schriften, die er nur finden kann.

Romane haben in der Regel drei mögliche Ausgänge: einen guten, einen schlechten oder einen offenen, bei dem es dem Helden überlassen ist, wohin er weitergeht. Der gute Ausgang wäre, dass Yeshi endlich die ultimative Schrift der Wahrheit findet, der schlechte, dass er unglücklich und unzufrieden stirbt. Der Ausgang unserer Geschichte ist offen. Yeshi entdeckt, dass seine eigene Wahrheit in ihm selbst liegt wie in jedem Menschen.

Wenn wir aus dem Leben des Mönchs tatsächlich einen Roman machen würden, dann wäre er natürlich viel komplexer, verzweigter und ausführlicher. Wir könnten uns dann beispielsweise mit seiner Einsamkeit und seinem Unverstandensein beschäftigen, die ihn von Kind an begleiten. Wir würden vielleicht darstellen, wie er Menschen nicht an sich heranlässt, wie tief enttäuscht er von seinen Eltern und auch seinem Meister ist. Wir könnten seine Sehnsucht nach Liebe darstellen: Vielleicht würde er sich tief im Herzen eine Frau an seiner Seite wünschen – aber seine Eltern haben ihn ja in ein Kloster gegeben. Natürlich gäbe es auch eine Vorgeschichte: Wie wurden seine Eltern zu den Menschen, die sie waren? Warum haben sie ihren Sohn so einsam sein lassen? Das alles wäre dann der Roman seines Lebens und die Chronik seines Weges entlang seines unbewussten Lebensplans. Vielleicht würde er uns in dieser Erzählung erst spät begegnen, und wir würden seine Geschichte im Rückblick erzählen.

Genau das werden wir jetzt mit vier wirklichen Menschen tun: mit Gerda, Matthias, Christoph und Barbara. Sie alle sind uns in unseren Berufen als Therapeut, Berater und Coach begegnet, und wir haben mit ihnen ihre Lebenspläne analysiert. Natürlich sind das nicht ihre richtigen Namen, auch die Details ihrer Lebensumstände und ihrer Geschichten sind so verfremdet, dass ihre Anonymität gewahrt bleibt.

1 DER UNBEWUSSTE LEBENSPLAN: VIER LEBENSGESCHICHTEN

WIR MENSCHEN UNTERSCHEIDEN UNS von anderen Lebewesen unter anderem dadurch, dass wir uns unseres Lebens bewusst sein können. Wir können uns an die Vergangenheit erinnern, um daraus zu lernen, wir können dementsprechend unsere Gegenwart gestalten und wir können die Zukunft beeinflussen – zumindest versuchen wir es. Das alles geschieht vor dem Hintergrund, dass wir wissen, dass wir eines Tages sterben werden, und das in Gefühlen und Gedanken verarbeiten können.

Gleichzeitig sind wir soziale Wesen. Wir brauchen die Beziehung zu anderen Menschen, denn alleine sind wir physisch und psychisch nicht lebensfähig – je jünger wir sind, umso weniger. Wir wollen die Zeit, die wir haben, für uns in unseren Beziehungen so sinnvoll und positiv gestalten, wie wir können. Dazu versuchen wir, unserem Dasein eine Art Gerüst zu geben.

Immer gab es Menschen, die Antworten auf die Frage suchten, wie wir dieses menschliche Leben in der Verbindung mit anderen Menschen formen können, und Anweisungen dazu gaben. Im abendländischen Kulturraum begannen die griechischen Philosophen der Antike damit, römische Dichter und Denker setzten es fort. Vor 2000 Jahren übernahmen das Christentum und seine theologischen Lehren und Auslegungen diese Rolle, ab dem 17. Jahrhundert trat naturwissenschaftlich geprägtes rationales Denken, vor allem die Aufklärung, in den Vordergrund. Seit dem 19. Jahrhundert kommt diese Funktion hauptsächlich politischen Weltanschauungen zu. In anderen Kulturen ist das auf andere Art und mit anderen Inhalten genauso geschehen.

Ziel all dieser Strömungen war es im Wesentlichen, von außen her zu beeinflussen, was Menschen zu denken und zu fühlen und wie sie zu handeln haben, um bestimmten sittlichen, kulturellen und moralischen Normen zu entsprechen. Die Folgen dieser Normierungsversuche, wenn sie zu absoluten Wahrheiten hochstilisiert wurden und werden, sind bis heute blutig und grausam. Offenbar funktioniert es nicht, Menschen allgemeingültige Rezepte für ihre Lebensgestaltung zu verpassen, auf die Dauer auch nicht mit Gewalt.

Die Psychologie hat sich lange hauptsächlich mit dem naturwissenschaftlichen Zugang zu allgemeingültigen Gesetzen für menschliches Fühlen, Handeln und Denken und den Motiven dahinter beschäftigt, also mit dem Bewusstsein. Erst die Freud’sche Erkenntnis von der Existenz des Unbewussten und seiner treibenden Kraft bewirkte einen Wechsel in der Betrachtungsweise des Menschen. Die (bis heute weithin immer noch als gültig angesehenen) Grundsätze der Philosophie der Aufklärung und ihrer Vorläufer gehen davon aus, dass es eine absolute Wahrheit gibt, die der Vernunft, dem freien Willen und dem Bewusstsein zugänglich ist. »Cogito, ergo sum«, sagt der französische Philosoph Descartes 1637, »ich denke, also bin ich«.8

Freud erkannte, dass Menschen bestimmte Muster in der Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen wieder und wieder durchspielen, auch wenn diese Abläufe destruktiv und lebenseinschränkend sind – so, als ob sie keine Wahl hätten und unter einer Art Zwang, dem »Wiederholungszwang«,9 stünden. Dahinter scheint eine Kraft zu stehen, die dem Bewusstsein entzogen ist: das Unbewusste. Es gibt Instanzen im Menschen, die sein Leben intensiver bestimmen als die bewusste Vernunft. Er ist seiner Angst, seiner Verletzlichkeit, seiner Wut, seiner Trauer, seiner Scham, seiner Hoffnung und seiner Sehnsucht, seiner Liebe viel stärker unterworfen als seinem Verstand. Und vor allem: Er beginnt mit der Strukturierung seines Lebens in einer Art Plan viel früher, als er fähig ist, differenzierend logisch und schlussfolgernd zu denken – genauer gesagt, zu einem Zeitpunkt, an dem er sich an einer anderen Art der Logik und des Schlussfolgerns orientiert, als wir das als Erwachsene tun, nämlich an einer weitgehend emotional gesteuerten.

Die Transaktionsanalyse, die das Hintergrundmodell für den Ansatz dieses Buches liefert,10 hat einen zentralen Impuls für die psychologischen Wissenschaften gesetzt. Das, was bei Freud noch unbewusste Wiederholungsimpulse sind, die aus der Verdrängung heraus gesetzt werden, wird zu einem unbewussten Konzept für die persönliche Lebensgestaltung verdichtet: dem Lebensplan, in der Fachsprache auch Skript (im Sinne eines Drehbuchs) genannt. Diesem roten Faden, der sich durch den »Lebensroman« eines Menschen zieht, wollen wir in den nächsten Abschnitten bei Matthias, Gerda, Christoph und Barbara nachgehen.

ERSTE BEGEGNUNGEN:BAUELEMENTE DES LEBENSPLANS

WENN WIR ALS PSYCHOTHERAPEUT, als Berater, als Coach Menschen zum ersten Mal begegnen, sind sie meist an einem Punkt angelangt, an dem sie ihr Leben als schwierig, manchmal als unerträglich belastend empfinden. Sie erleben sich als in einem Gestrüpp gefangen, aus dem sie alleine keinen Ausweg mehr finden, so dass sie dafür Hilfe suchen. In diesem Dickicht lassen sich bereits erste Hinweise auf ihre Lebenspläne finden, die nicht mehr konstruktiv zu funktionieren scheinen. Sie sind dysfunktional – unzweckmäßig und nachteilig – geworden.

MATTHIAS:»Ich habe schon so viel in meinem Leben verloren«

Beginnen wir mit Matthias, der auf Anraten seines Vorgesetzten zum Coaching kommt. Er erzählt, dass er unter Panikattacken leidet, der Hausarzt hat ihn als an Burnout erkrankt diagnostiziert. Hier ein Ausschnitt aus dem Erstgespräch:

Matthias: Ich schlafe seit fast einem Jahr so gut wie gar nicht mehr. Genauer gesagt, wache ich mitten in der Nacht, so gegen zwei, drei Uhr, auf und kann dann nicht mehr einschlafen. Die Sorgen quälen mich, ich wälze mich im Bett herum, stehe auf, setze mich vor den Fernseher, versuche zu lesen. Schlussendlich sitze ich dann auf dem Balkon und rauche eine Zigarette nach der anderen.

Coach: Was für Sorgen quälen Sie denn?

Matthias: Berufliche. Private. Dass ich alles verlieren könnte, was ich mir aufgebaut habe. Und natürlich wirken sich diese Ängste auf mein Leben aus: Ich kann in der Arbeit meine Leistung nicht mehr bringen, und meine Frau ist zunehmend genervt.

Coach: Warum sollten Sie das denn alles verlieren?

Matthias: Das weiß ich selbst nicht. Sicher, es läuft nicht immer alles rund, und welcher Arbeitsplatz ist denn schon sicher? Aber ich habe schon so viel in meinem Leben verloren.

Coach: Was denn alles?

Matthias: Es ist schon ein merkwürdiges Leben, das ich da die letzten Jahrzehnte geführt habe. Immer habe ich mich vor nichts so sehr gefürchtet wie davor, etwas oder jemanden zu verlieren, und habe alles getan, um es zu vermeiden. Und genau das ist ständig passiert: Meine erste Frau, die Firma, die ich aufgebaut habe, das Haus – alles ist weg. Und mein ältester Sohn kann mit mir auch nicht recht viel anfangen. Im Grunde hat das bereits in der Kindheit begonnen. Als ich sieben war, ist meine Mutter gestorben. Nach der Geburt meiner jüngeren Schwester hat sie Krebs bekommen. Aber, wie gesagt, jetzt geht es darum, dass ich mir wirklich viel aufgebaut habe und dass ich einfach nichts mehr verlieren will.

Im Mikrokosmos dieser wenigen Sätze lässt sich schon der Makrokosmos des Skripts erkennen. Einige zentrale Aspekte dieser Lebenskonstruktion lassen sich bereits erahnen.

Wir beginnen mit dem Schreiben des Lebensromans in unserer Kindheit und entwickeln diesen Entwurf von da aus weiter. Wir werden als hilflose Wesen geboren, sind aber gleichzeitig mit einem hoch entwicklungs-und anpassungsfähigen Gehirn und großer Intuition ausgestattet, um uns in der Welt zurechtzufinden. Um das zu können, brauchen wir die Beziehung zu anderen Menschen. Wie sie auf uns zugehen, bestimmt unser Verständnis von der Welt, von uns selbst und vom Leben. Wir haben, wenn wir klein sind, nicht die Möglichkeit zu differenzieren, zu relativieren, abzuwägen und zwischen Alternativen zu wählen. Das, was wir erleben, ist für uns die einzig mögliche Welt. Sie bildet das wiederkehrende Motiv unseres Romans, unseres Skripts. Der Tod seiner Mutter hat – natürlich – Matthias’ Leben und seine Haltung dazu, zu sich selbst und zu anderen Menschen entscheidend beeinflusst. Die Angst, Liebes und Wichtiges zu verlieren, hat ihn nie mehr verlassen.

Viele Romane beschäftigen sich mit den unbewussten Lebensplänen des Helden oder der Heldin. All die Bestandteile des Skripts, die wir hier beschreiben werden, finden sich darin. Vielleicht haben Sie die sieben Romane von Joanne K. Rowling über Harry Potter gelesen oder die Filme gesehen.11 Auch Harrys Lebensplan beginnt in der Kindheit – seine Eltern werden ermordet, als er klein ist, und er wächst die ersten Jahre bei seinen grausamen Verwandten auf, die ihn ablehnen. In diesen seinen frühen Erfahrungen wurzeln bestimmte Grundüberzeugungen, die uns im Lauf der Geschichte immer wieder begegnen: Harry erlebt sich immer wieder als Außenseiter, der um seinen Platz kämpfen muss. Es fällt ihm schwer, Menschen zu vertrauen. Sein Lebensschicksal empfindet er als zutiefst ungerecht.

Zugleich gründet der Roman unseres Lebens auf bestimmten Überzeugungen in Bezug auf uns selbst, andere Menschen und das Leben. In der Transaktionsanalyse sprechen wir von Glaubenssätzen, die wir für so wahr wie Naturgesetze halten. Sie rühren aus den schwierigen Erfahrungen unserer Kindheit her und sollen uns helfen, diese besser einzuordnen und damit umzugehen.

Wenn Matthias sagt: »Immer habe ich mich davor gefürchtet, etwas oder jemanden zu verlieren«, dann steht dahinter wahrscheinlich eine tiefe innere Überzeugung, die heißen könnte: »Ich verliere immer alles.« Nach diesem Glaubenssatz scheint sein Leben zu verlaufen, denn das Verlieren »passiert« ihm ja wirklich immer wieder. Doch tatsächlich ist es natürlich nicht »passiert«, wie man das bei Schicksalsschlägen sagen könnte. Er hat es selbst so gestaltet oder zumindest mitgestaltet. Seine erste Ehe ist nicht einfach zerbrochen, er hat seinen Anteil daran gehabt, ebenso wie am Scheitern der Firma und an der schwierigen Beziehung zu seinem Sohn. Diese Verluste und diese Trennungen scheinen ein wesentlicher Teil seines Lebensplans zu sein, doch nimmt er das nicht bewusst wahr. Das ist ein weiterer Grundaspekt der psychologischen Dynamik des Skripts.

Damit kennen wir bereits drei wesentliche Charakteristika des Lebensplans: Er wurzelt in der Kindheit, er entwickelt sich anhand von Glaubenssätzen, und er ist unbewusst.

GERDA:»Manchmal frage ich mich, ob ich depressiv bin«

Die nächste Person, die uns hier begegnet, ist Gerda. Sie ist 72 und sucht psychotherapeutische Hilfe, weil sie an ihrer Einsamkeit leidet.

Gerda: Wissen Sie, manchmal frage ich mich, ob ich nicht depressiv bin. Altersdepressiv nennt man das, glaube ich. Ich habe an nichts mehr Freude, nichts macht mir mehr Spaß. Ich war eigentlich immer ein aktiver Mensch und bin auch körperlich gesund. Ich bin viel gereist in meinem Leben, aber das interessiert mich alles nicht mehr.

Therapeut: Seit wann ist Ihnen denn die Freude an Ihrem Leben abhandengekommen?

Gerda: Das ist schleichend gegangen. Und es hat schon früher solche Phasen gegeben, immer dann, wenn ich Liebeskummer hatte.

Therapeut: Liebeskummer?

Gerda: Ja, immer wenn eine Beziehung vorbei war. Wenn klar war, das funktioniert so nicht mehr. Als ich noch jünger war, habe ich dann irgendwann einmal zum Optimismus zurückgefunden, dass es wieder einen Mann in meinem Leben geben wird. Aber jetzt glaube ich nicht mehr daran. Ich bin einfach zu alt dafür geworden, wer interessiert sich denn noch für mich?

Therapeut: Wie viele Beziehungen gab es denn in Ihrem Leben?

Gerda: