Ungehorsam versus Institutionalismus. Schriften 5 - Ulrich Sonnemann - ebook

Ungehorsam versus Institutionalismus. Schriften 5 ebook

Ulrich Sonnemann

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Opis

Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland / Institutionalismus und studentische Opposition / Der schnelle Tod und die langsamen Genossen / Strauß oder Die Erreichung des Klassenziels / Kritische Fragen an die SPD / Der grüne Glaubenskrieg als Traditionsveranstaltung / Das Ödipale an den Achtundsechzigern.

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Ulrich Sonnemann

Schriften in 10 Bänden

Herausgegeben von Paul Fiebig

(unter Mitarbeit von Elvira Seiwert)

Band5

mit einem Geleitwort

von Ekkehart Krippendorff

zu Klampen

Ulrich Sonnemann

Ungehorsam versus Institutionalismus

Deutsche Reflexionen (2)

Erste Auflage 2016

© 2016 zu Klampen Verlag, Springe

Alle Rechte vorbehalten

Gestaltung und Satz: Friedrich Forssman

Umschlagphotographie: Isolde Ohlbaum

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

ISBN 978-3-866744-82-0

Die Schriften Ulrich Sonnemanns werden gefördert von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und der Ulrich Sonnemann-Gesellschaft.

Wie könnte eine Seelenwelt, die mechanisch bis zur Willenlosigkeit von einer Hypnotik des je Faktischen ganz beherrscht ist, des je Gegebenen und Instituierten, daher denn auch luftlos aus lauter seelischen Drücken besteht, Nachdrücken, Eindrücken und Albdrücken, dem aktiven und dem passiven Imponieren, der Unterdrückung seiner selbst und des die seine je erwartenden Mitmenschen, sich vor den Unterscheidungen des Urteils, den Entscheidungen des Gewissens, nicht – drücken? Offenbar hat die Zivilcourage bei solcher Unsicherheit der Substanz keine Chance.

Diese Gemütsanlage, da sie auf die platteste Ehrfurcht hinausläuft vor der Macht, dem jeweils nun einmal Tatsächlichen, das sein Tatsächlich-Sein schon rechtfertigt, so daß es fälschlich ihr für unabänderbar gilt, muß in der Konsequenz ihrer Knochenlosigkeit dann freilich auch noch die Macht mißbrauchen, die in ihrer urteilenden Spontaneität gerade das Gegenteil von alledem will: die Macht der Unter- und Entscheidung, der Redlichkeit und ihres Redestehens: das Wort also. Zu dessen Aufgabe wird in der Druck- und Stoß-Welt das Sprüchemachen, der magisch-formelhafte Spruch in den Wind. Daher kann das Wort in Deutschland, wenn es nicht selbst endlich entschieden wird, nichts entscheiden; solange es, den Verhältnissen gehorchend, statt sie in ihrer Abänderbarkeit nur beleuchten, nur hinter ihnen her- und mit ihren institutionsgläubigen Verklärungen jeweils mitläuft, reißt die Kette der Katastrophen neudeutscher Geschichte nicht ab.

Ulrich Sonnemann   1965 (vortragshalber)

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Zum Buch

Geleitwort

Erste Abteilung

Wie frei sind die Deutschen?

Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland

Das Stereotype an deutschen Rückschlägen. Vorrede 1984

Der fünfzehnte Geburtstag oder Die Kulturkatastrophe

Die Diffamierung des Dagegenseins, unter Berücksichtigung ihrer Vorteile für den Knecht

Die Alimente der Alma Mater

Der Staat als Obdach und Smog-Himmel

Der Mief der Mephitis oder Der Rechtsstaat als Slogan und Slum

Schweigen ist Nagold. Von der Einübung und ihrer Alternative

Die schöne Gesellschaft und die unschöne Literatur

Exkurs über Zweckentfremdung, Umsturz und Erhöhung des Eintopfes

Sprachregelung und Zwangsneurose. Klinisches zum Verständnis von Bonn

Versuch über Verdruckstheit, das je nächste Jahr Null, und die Unschuld

Die Einübung des Ungehorsams. Positiver und praktischer Teil

Nachbedacht. Zur ›Einübung des Ungehorsams in Deutschland‹

Zur Sache

Antwortschreiben

Was ist deutsch? Versuch einer Definition

Einlassungen aus einer Rundfunkdiskussion zu Fragen der deutsch-deutschen Koexistenz und Anerkennung

Die verlorenen Paradiese der Deutschen. Zeitschriften-Beiträge

Zu diesem Heft

Das Reich

Geschichtsbewußtsein in Deutschland

Austreibung der Paradiese

Wahn und Warnung

Kurze Rede auf der Kundgebung ›Demokratie im Notstand‹

Anhang zur ersten Abteilung

Wie frei sind unsere Politiker?

Zur Einführung

Was davongekommen ist und was draufging oder Das Ende der Strecke

Nachwort

Apropos Franz Josef Strauß des weiteren

Das rhönradelnde Rechtskartell oder Justitia schielt immer noch oder STOPPT STRAUSS

Strauß-Schwarzbuch und kein Ende

Zweite Abteilung

Der schnelle Tod und die langsamen Kommilitonen

Israel. Rede an den Münchner SDS

Institutionalismus und studentische Opposition. Thesen zur Ausbreitung des Ungehorsams in Deutschland

Vorrede

Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland

Zu den Auszügen

Die Ausbreitung des Ungehorsams in Deutschland. Rechenschaft und Kritik

Staatsverdrossenheit. Anmerkungen zur Lage der oppositionellen Studenten

Dutschke und Augstein

Argwöhnisches zu einer Mutation der Vernunft

Die Mammektomie der Alma Mater

Ungehorsam als Lernprozeß

Thesen

Revolution gegen den Staat?

Umzudenkender Umsturz

Antworten auf ›Sieben Fragen zum Thema‹

Paradoxer Beruf

Friedensforschung als institutionalisierte Verdrängung

Filbinger zitierte unvollständig

Das Ödipale an den Achtundsechzigern

Die Bewandtnis, die es mit dem Künftigen hatte, das in Rudi Dutschke war, eine Reminiszenz

Anhang zur zweiten Abteilung

Das Auseinanderfallende und sein Ausfälliges

Apropos Nation

Nation: Sinn und Widersinn oder Warum ein notorischer Doppelstern an den Himmeln der Seele, der schon beinahe für erloschen gegolten hatte, zum Jahrtausendschluß aufflammt

Das Nationale als Wurzelwahn und Monopol einer Selbstverstümmelungsfurie oder Warum die Wiedervereinigung eher ein Baugerüst ergeben hat als ein Haus

Nachsatz

Editorische Nachbemerkung

Glossar

Personenregister

Fußnoten

Geleitwort

Im November 1964, soeben von einem dreijährigen US-Aufenthalt als Fulbright Stipendiat nach Deutschland zurückgekehrt, rezensierte ich für ›Die Zeit‹ (20. November) unter dem Titel ›Die Tugend des Neinsagens‹ Ulrich Sonnemanns Rowohlt-Taschenbuch ›Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland‹. Ich begann damit, den starken Eindruck zu schildern, den das lebendige politische Klima des öffentlichen Lebens in den USA auf mich, den soeben promovierten Studenten der Politikwissenschaft, gemacht hatte: »Das hohe Niveau der Publizistik, die Qualität und Schärfe journalistischer Kritik, vor allem aber die Beteiligung und das Engagement von Individuen und Gruppen am politischen Leben im allgemeinen und ihre spontane Aktivität bei Streitfragen im besonderen. […] Die Vereinigten Staaten wären nicht sie selbst ohne die spontan ›von unten‹ organisierten Sitzstreiks im Rassenkampf, ohne die es heute kein Bürgerrechtsgesetz gäbe. Das Wichtigste an diesen Erscheinungen ist, daß sie außerhalb, neben und unterhalb parteipolitischer Organisationen entstehen und daß sie sowohl von der Gesellschaft als Ganzem als auch von den Regierenden und Herrschenden toleriert, nicht aber als störender Sand im demokratischen Getriebe betrachtet werden.« Und ich kontrastierte diese persönliche und mich bis heute dauerhaft prägende Erfahrung mit dem damaligen Deutschland: »Als Berliner Studenten gegen die Wiederwahl Bundespräsident Lübkes zunächst spontan und ›unangemeldet‹ (man denke sich nur!) auf dem Kurfürstendamm demonstrierten, wurden sie sowohl von ihren Mitbürgern beschimpft (so etwas gehört sich nicht – noch dazu gegen den Bundespräsidenten!), als auch dann von der Obrigkeit arretiert zwecks Feststellung der Personalien … Ich möchte so weit gehen zu sagen, daß die ganze Crux demokratischen und intellektuellen Lebens im (heutigen) Deutschland darin besteht, daß spontane und organisierte Aktivitäten, politische Demonstrationen von Minderheiten und sogar eine kritische bis ›destruktive‹ Beurteilung des Bestehenden außerhalb der dafür ›zuständigen Instanzen‹ gesellschaftlich nicht akzeptiert sind. Kritik muß ›konstruktiv‹ sein, öffentliche Demonstrationen gehören sich nicht, und politische Aktivität soll sich gefälligst der dafür zuständigen Kanäle, nämlich der Parteien bedienen.« Das war 1964, im Erscheinungsjahr der ›Einübung‹.

Überall hatte Ulrich Sonnemann – 1955 nach vierzehn amerikanischen Jahren nach Deutschland zurückgekehrt – in dem sich konsolidierenden Nachkriegsdeutschland der Bonner Republik unter Konrad Adenauer eine Subalternität erfahren, die ihn erschreckte; ihre Erscheinungsform eine »einheitliche Banausokratie«1, ablesbar an der blinden Gesetzestreue, sichtbar am Straßenverkehrsverhalten vor einer roten Ampel an einer verkehrslosen Kreuzung – »Trägheit der Seelen«2 nannte er das, wo der Einzelne sein gesellschaftliches Verhalten nach den »öffentlichen Verhältnissen«3 ausrichtet und die autonome Vernunftentscheidung vermeidet. Nichts Geringeres als eine habituelle Fundamentalveränderung sei das Gebot der Stunde in diesen frühen Jahren der Bundesrepublik, eine Revolution, deren Radikalität sich nicht mit dem Umsturz der Institutionen zufrieden gibt, sondern die Politik selbst, das Politische als Quellgrund gemeinsamen Handelns neu bestimmt und lebt. Das aber kann nur glücken durch »eine Vermenschlichung des deutschen Normalverhaltens, eine erneute Menschwerdung des Durchschnittsdeutschen«4.

1964 durfte einem da schon der Atem stocken: eine solche Sprache und Begrifflichkeit lag jenseits der Terminologien der frühen 1960er Jahre. Sie ermutigten und entmutigten zugleich. Ersteres mit der geistesgeschichtlich begründeten und legitimierten Symbiose von historischer Aufklärung und deren in die Wirklichkeit der Gegenwart drängenden Aktualität (»Die Stunde schlägt jetzt«5) – entmutigend aber die nüchterne Wahrheit, daß »ein Umbau der deutschen Verhältnisse […] nur Schritt um Schritt von innen nach außen erfolgen [kann], durch Gedächtnis- und Gewissensstärkung, seelische Mobilisierung der Menschen«6 – also durch Arbeit am und im Geistigen, wo Resultate am schwersten zu messen sind … Und das unter den Bedingungen von Wirtschaftswunder und ökonomisch-sozialem Optimismus der Adenauer-Erhard-Jahre. Sonnemann: »Ein solcher Umbau wiederum beginnt aber gar nicht, solange mit den jetzigen Verhältnissen so viel Zufriedenheit herrscht, daß er gar nicht gewünscht wird.«7

Ulrich Sonnemann ist kein ›kritischer Kritiker‹ der Negation und der Krise der Moderne; das ist er auch, vor allem in bezug auf das Deutschland, das sich aus dem Trauma des Nazismus zu befreien suchte – und da setzte er systematisch und soziologisch so gut wie psychologisch auf Wege aus der Katastrophe. Die positive Besetzung des Begriffs vom Ungehorsam ist dafür bezeichnend und emblematisch. Allerdings macht er es seinen Lesern und Leserinnen nicht leicht – damals nicht und den heutigen nicht minder, ja diesen vielleicht sogar noch schwerer, seit die Frankfurter Schule (zu der er nicht gehörte, wohl aber zu deren weiterem Umkreis) aus der intellektuellen Mode gekommen ist. Eine Maxime wie die beispielhaft folgende muß man sorgfältig und mehrfach lesen, um hinter ihren tieferen Sinn zu kommen: Für die Vorbilder neuer Verhaltensmodelle in Deutschland müsse als Handlungsmaxime gelten »die Entgötzung aller Ordnungen, die eine Unordnung verbergen, also ihren Grund vor der Autorität des Gewissens und des Geistes nicht zu benennen vermögen«8. Wenige Sozialphilosophen (wenn wir Sonnemann so nennen dürfen) waren in jenen Jahren der intellektuellen Rekonstruktion deutscher Identität nach dem Alptraum des Faschismus so sprachbewußt wie er. Vom »veränderten Gebrauch der Sprache«9 als unerläßlicher Voraussetzung für die geistige Hygiene eines demokratischen Deutschland ist wiederholt die Rede – nicht nur die Rede, sondern auch deren Gebrauch in den eigenen Texten (bei Sonnemann habe ich erstmals, 1968, die heute weitgehend durchgesetzte Gender-Sprachregelung von »Studenten und Studentinnen«10 gefunden). Das macht auch und nicht zuletzt die Schwierigkeit seiner Texte aus. Zusätzlich erschwert wird die heutige Lektüre durch die selten ausgeführten aber reichlich eingearbeiteten Bezugnahmen auf damals aktuelle tagespolitische Ereignisse, Konflikte und Diskussionen: Sonnemanns Essays sind trotz ihres hohen Abstraktionsgrades durchweg empirisch gesättigt.

Dieses im Umfang bescheidene Buch ist, wie der vom Verlag vorgeschlagene Titel deutlich macht, ein konstruktiver Diskussionsbeitrag: Ungehorsam als demokratische Tugend. Das war damals, in den sechziger Jahren, nicht so sehr eine Provokation als vielmehr eine inkommensurable Forderung, die quer lag zu allem, was als traditionelle deutsche Tugenden galt – gehorsam dem Gesetz, gehorsam der Autorität. Wie sieht es damit heute, also mit Sonnemanns Aktualität, aus? Wurde sein bei aller Komplexität seiner Sprache leidenschaftliches Plädoyer für die Unbotmäßigkeit, die »Fronde«11, wie er ausführt, für Widerstand und Aufklärung im Kantschen Sinne des eigenen Vernunftgebrauchs, seitdem gehört und gelebt? Hat sein Vernunft-Appell die »verdrängte Menschlichkeit des Deutschen«12 aus ihrer Verkrustung befreit? Sind wir Deutschen – ein halbes Jahrhundert nach Sonnemann – demokratischer, ungehorsamer geworden? Es wird sich empirisch nicht belegen lassen, daß oder ob Sonnemanns viel zu wenig rezipiertes Werk dazu oder wenigstens in den Köpfen und Herzen einiger weniger einen Beitrag geleistet hat – aber die Wege des Geistes gehen immer ihren eigenen Gang und folgen ihrem eigenen verborgenen Kompaß. Tatsache ist – oder jedenfalls scheint es im Jahr 2012 dem späten Wiederleser des Buches von 1964 so zu sein –, daß die Deutschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts in der Tat sich in die Tugend des Ungehorsams eingeübt zu haben scheinen. Einen die Öffentlichkeit »nachhaltig beunruhigenden Studentenstreik«, den Sonnemann in Deutschland – im Unterschied zu Frankreich – mit Bedauern am Ende seines Buches vermißt, er wurde schon kurze Zeit später Wirklichkeit und ist es bis heute in der deutschen politischen Landschaft geblieben; so versteinert wie er damals das deutsche Parteiengefüge sah – zum Beispiel, daß neue Parteigründungen chancenlos geworden seien –, ist diese Gesellschaft dann doch wohl nicht, wenn eine ökologische Partei wie die ›Grünen‹– einzigartig in Europa! – zur Regierungspartei werden konnte und möglicherweise nun auch eine Anti-Partei wie die ›Piraten‹ in die Parlamente einzieht; und wenn ein amerikanischer Präsident, George W. Bush, auf die Pressekonferenz-Frage nach dem Beitrag Deutschlands zum Irakkrieg abschätzig antwortet, auf die Deutschen sei kein Verlaß, »they are pacifists«, dann kommen wir der zarten Utopie Sonnemanns, an die er selbst damals wohl kaum geglaubt hat, nahe mit seiner sehr langfristig angelegten Hoffnung auf Deutschland als »geschichtsfähig, endlich frei, was doch ein Novum wäre, ja nicht mehr und nicht weniger als eine späte europäische Sensation«13.

Und dann war da 2011 ›Stuttgart 21‹, der wohl dramatischste und emblematischste Demokratie-Konflikt seiner Art, von dem alle Beteiligten und Beobachter der Meinung sind, daß hier eine historische Epoche ihren Anfang – oder ihr Ende – gefunden hat: das Ende der gehorsamen Hinnahme politisch-administrativer Entscheidungen der politisch-ökonomischen Klasse und den Anfang eines neuen, selbstbewußten politischen Bürgertums. Den inzwischen gebräuchlichen Begriff vom »Wutbürger« würde Sonnemann vermutlich nicht übernommen haben, wohl aber hätte er, so steht zu vermuten, enthusiastisch Stéphane Hessels Appell »Empört Euch« aufgenommen und programmatisch verarbeitet. Von einer schleichenden »Diffamierung des Dagegenseins«14 als einer historischen Konstante der deutschen Identität wird man heute nicht mehr sprechen können: Die »an die Wurzel des Menschseins, des humanen Verhaltens« gehende »Verfemung des Opponierens«15 wurde spätestens ein knappes Halbjahrhundert nach Sonnemanns philosophischem Wachruf historisch überwunden. »1968« hat er noch die Anfänge der Studentenbewegung mit Sympathie und konstruktiver Kritik begleitet und Wege aufgezeigt, für die die ›Einübung‹ ebenso zu zeitig gekommen war, wie es seinen Reflexionen ein halbes Jahrzehnt später ergehen sollte. Im Unterschied zur marxistischen Perspektive der subjektiv revolutionären Bewegung – nach wie vor spannend und lesenswert seine auf hohem Niveau geführte Auseinandersetzung mit Rudi Dutschke (›Dutschke und Augstein‹, 196816) – insistierte Sonnemann jetzt auf der Rekonstruktion des theoretischen und gewaltfreien praktischen Anarchismus, und er gibt sich und eben diese Sache nicht für geschlagen: Die politisierten Studenten, die »ein gewaltloses Deutschland wollen«17, hätten eine taktische Schlappe erlitten, aber »besiegt«, sagt er, »sind sie nicht«18. Wer aber von Gewaltfreiheit spricht, der darf vom Staat nicht schweigen: »Seit Auschwitz ist Problem: der Staat schlechthin.«19 Die praktischen Vorschläge, die Sonnemann der sich formierenden Protestbewegung für ihren Weg öffentlicher Manifestation gibt (»Ausbreitung des Ungehorsams in Deutschland«, 196820) sind geradezu wunderbar konkret: »Gewalt ist nur in Notfällen zu rechtfertigen und auch dann meist prekär. Zur Vorbereitung gegen deren Eintritt ist ihre systematische Diskreditierung, Lächerlichmachung, bis heute in Deutschland noch von keiner Gruppe der Gesellschaft versucht worden. Der Versuch sollte daher gemacht werden.«21

Ekkehart Krippendorff Berlin, im Januar 2012

Erste Abteilung

Wie frei sind die Deutschen?

Gespräch zwischen Ulrich Sonnemann und Dieter Hasselblatt (1964)

Dieter Hasselblatt: Herr Dr.Sonnemann, Sie leben in München; würden Sie gern woanders leben?

Ulrich Sonnemann: Es gibt manche Orte auf Erden, an denen ich von Zeit zu Zeit gern leben würde. So fahre ich etwa – meistens jetzt nur alle paar Jahre – immer wieder mal nach Amerika. Aber im ganzen hat es mich Zeit meines Lebens nach Deutschland gezogen und nach München. Also nehme ich an, daß es seine Gründe hat, auch seine existentiellen Gründe, von denen ich selbst ja gar nicht allzuviel zu wissen brauche, daß ich hier lebe.

Dieter Hasselblatt: Ja, Sie leben aber dann in einem Land, das Sie selber heftig attackiert haben – in Deutschland. Ungefähr gleichzeitig mit dieser ›Spiegel‹-Affäre, die uns alle beschäftigt hat, erschien Ihr Buch ›Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten‹1. Dieses Land ist Deutschland. Diesem Land kann man, so sagen Sie, unbegrenzt viel zumuten. Für Sie, Herr Dr.Sonnemann, ist Deutschland also ein Land ohne »Rückgrat«2. Und trotzdem haben Sie sich dazu entschlossen, hier zu leben. Ist das kein Widerspruch?

Ulrich Sonnemann: Das ist wahrscheinlich ein Widerspruch, aber, wie ich hoffe, doch einer, den ich ziemlich leicht auflösen kann. Denn für meine Begriffe gehört es eben zu der Loyalität gegenüber einem Volk, einer Gesellschaft, der man entstammt, daß man Zustände, die etwas Intolerables in sich haben und von denen gezeigt werden kann, daß sie dies haben, daß man diese Zustände attackiert und nach seinen Kräften sich bemüht, für ihre Besserung zu sorgen.

Dieter Hasselblatt: Der ›Spiegel‹ nannte Sie im April 1963 Deutschlands »Nationalpsychologen«3. – Sie sind 1912 in Berlin geboren, studierten in Deutschland, in der Schweiz, promovierten 1934 in Basel. Durch das Hitler-Regime wurden Sie gezwungen, Deutschland, und dann durch die Kriegsereignisse auch Europa zu verlassen. In den USA waren Sie als klinischer Psychologe und Professor für Psychologie in New York tätig. Sie machen hier bei uns keinen Gebrauch von Ihrem Professoren-Titel?

Ulrich Sonnemann: Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder in eine Situation komme, in welcher ich von diesem Professoren-Titel Gebrauch machen, auf eine praktische Weise Gebrauch machen kann, insofern ich in einer solchen Situation meine Lehrtätigkeit eben wieder ausüben würde. Aber gerade das Fach, in dem ich sie in Amerika ausübte, ist gegenwärtig von geringerem Interesse für mich. Psychologie war ursprünglich in der Kombination meiner Studienfächer auch durchaus Nebenfach. Es waren wieder mehr Gründe in meiner Existenz-Situation in den frühen Vierzigerjahren, die mich bewogen, drüben die Karriere eines klinischen Psychologen zu ergreifen, der ich allerdings manches verdanke; unter anderem auch eben Einblicke in die Grenzen der klinischen Psychologie und der Psychologie überhaupt.

Dieter Hasselblatt: Sie haben, glaube ich, einige Bücher in diesem Arbeitsbereich, aus diesem Erfahrungsbereich veröffentlicht drüben?

Ulrich Sonnemann: Ja, das letzte war ›Existence and Therapy‹4. Das hat auch in Europa am meisten gewirkt, so um die Mitte der Fünfzigerjahre.

Dieter Hasselblatt: Dann waren Sie aber schon zu uns hier nach Deutschland wieder herüber gekommen?

Ulrich Sonnemann: Das war etwas bevor ich nach Deutschland zurückkam. Ich kam nach Deutschland zurück – nachdem ich vorher schon einmal besuchsweise hier gewesen war, 1950 – im Jahre 1955, und das Buch war 1954 erschienen.

Dieter Hasselblatt: Ja, würden Sie sagen, daß also dieses Wort des ›Spiegels‹– Sie sind Deutschlands »Nationalpsychologe« – boshaft gemeint ist? Oder stimmt das irgendwo?

Ulrich Sonnemann: Ich weiß nicht, ob es boshaft ist. Ich bin nicht einmal sicher, daß es boshaft gemeint ist, und noch nicht einmal, daß es nicht stimmt, aber ebensowenig, daß es stimmt. Es ist eigentlich eine Frage, die ich lieber meinen Biographen überlassen würde, sollte es solche jemals geben. Mich selbst interessiert sie eigentlich wenig.

Dieter Hasselblatt: Der ›Spiegel‹ prophezeite damals, daß Ihr Verlag »Schwierigkeiten« mit dem Absatz dieses Buches haben würde5. Und beim Lesen Ihres Buches gibt es ja gewisse Schwierigkeiten, weil Sie einen nicht sehr gefälligen und nicht sehr journalistischen Stil schreiben. Sie schreiben einen Stil, der gewisse Schwierigkeiten bringt. Und trotzdem hat sich die Prognose nicht bewahrheitet: Ihr Buch ›Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten‹ hat sich eine ganz lange Zeit auf den Bestseller-Listen gehalten. Wie erklären Sie sich das?

Ulrich Sonnemann: Ja, nicht ich bedarf ja in diesem Fall der Erklärung, da ich an jener Prognose gar nicht teilgenommen hatte. Der ›Spiegel‹ war da in der Gesellschaft mancher anderer, die auf die gleiche Weise und im gleichen Sinn geirrt haben. Es ist wahrscheinlich richtig, daß das Buch sehr wenig journalistisch geschrieben ist. Ich weiß bereits nicht, ob es nicht gefällig geschrieben ist; das bedeutet ja, daß es nicht gefällt, aber anscheinend hat es doch gefallen.

Dieter Hasselblatt: Sie sagen in diesem Buch, die Bundesdeutschen »verdienen« ihren demokratischen Staat nicht. Sie sollten »wahrnehmbar Freie« sein, und Sie nehmen diese Freiheit nicht wahr.6

Ulrich Sonnemann: Ich nehme diese Freiheit als spontane Eigenschaft der Menschen selber allzu wenig wahr in Deutschland. Die Freiheit scheint mir auch und gerade in der Bundesrepublik, in diesem Sinn sogar nur in der Bundesrepublik, Institution zu sein, eine von westlichen Demokratien übernommene Einrichtung. Die Freiheit als Eigenschaft der Menschen selber finde ich allzu wenig.

Dieter Hasselblatt: Und Sie wohnen trotzdem in diesem Land hier, in dem es so wenig Freiheit, verwirklichte Freiheit gibt?

Ulrich Sonnemann: Nun, die Freiheit als Institution besteht ja, und was diese andere betrifft, so kann man ganz gewiß als Schriftsteller, als Publizist für sie kämpfen. Man kann zunächst selbst, soweit man sie hat, von ihr Gebrauch machen, insofern unter Umständen sogar eine Art Modell setzen.

Dieter Hasselblatt: Sie betrachten sich also selbst als einen jener Literaten, von denen Sie in Ihrem Buch sagen, die Literaten seien heute die »Gewissensträger der Öffentlichkeit«7?

Ulrich Sonnemann: Nicht nur heute, das scheint mir jedenfalls in der ganzen neueren europäischen Geschichte, aber auch bereits im alten Griechenland – jedenfalls in späteren Zeiten – doch mindestens eine sehr bestimmende Seite an der Existenz der Literaten überhaupt zu sein. Es gilt ganz gewiß für Frankreich, das in diesem Punkt vorbildhaft ist.

Dieter Hasselblatt: Und Sie sagen in Ihrem Buch, daß sich die Literaten als »Gewissensträger der Öffentlichkeit« ein »dialogisches« und kein »cliquierendes Verhalten« schuldig sind8. Meinen Sie dabei Cliquen wie die Gruppe 47?

Ulrich Sonnemann: Ich kann mich erinnern, daß, als ich das schrieb, ich an die Gruppe 47 zunächst gar nicht dachte. Dann fiel mir ein, nachdem ich es bereits niedergeschrieben hatte, daß vielleicht der Leser an die Gruppe 47 denken könnte und daß es eben zu Fragen kommen würde wie Ihre gegenwärtige, was ich begrüße, weil da vielleicht wirklich etwas zu klären bleibt. Ich glaube nicht, daß essentiell die Gruppe 47 eine Clique ist. Dazu ist sie zu offen nach außen hin; dazu gehen die Meinungen innerhalb der Gruppe in allen möglichen Dingen viel zu weit auseinander. Wenn sie in den Geruch einer Clique immer wieder gerät, so liegt das meiner Ansicht nach darin, daß eben eine Öffentlichkeit überhaupt, die diese Gruppe auffangen könnte, die ihr gewachsen wäre, die sie integrieren könnte, in Deutschland fehlt.

Dieter Hasselblatt: Sie sehen also bei unseren Nachbarn in Europa mehr öffentliches Bewußtsein und mehr Öffentlichkeitsgewissen als bei uns?

Ulrich Sonnemann: Ja, das sehen Sie wahrscheinlich auch, wenn Sie sich etwa den Verlauf der ›Spiegel‹-Affäre bei uns und der Profumo-Affäre in England ansehen.

Dieter Hasselblatt: Sie haben, glaube ich, zu der deutschen Publikation der Profumo-Affäre ein Vorwort geschrieben?

Ulrich Sonnemann: Ja, eine Einleitung9.

Dieter Hasselblatt: Das ist sicherlich nicht zufällig, daß man auf Sie gestoßen ist dabei, weil Sie doch in einer gewissen Hinsicht etwas repräsentieren, was bei uns selten ist. Ich meine das Denken, die Leidenschaft eines Denkens, das sich nicht in metaphysischen Höhen ergeht, sondern sich am akuten Hier und Jetzt festbeißt, weil es hier seine Aufgabe sieht und hier die schmerzlichsten Verwundungen erfährt. Ich weiß nicht, ob ich das richtig sehe?

Ulrich Sonnemann: Nein, das sehen Sie völlig richtig. Es scheint mir, das hängt davon ab, wie man das tut, viel mehr als von einer thematischen Konzentration auf die Metaphysik als Gegenstandsbereich, sozusagen als Fach.

Dieter Hasselblatt: Sie sind im einzelnen sehr angegriffen worden, weil Sie Thesen verfochten haben, die vielen Leuten nicht behagt haben. Aber was man Ihnen, glaube ich, uneingeschränkt zugestehen muß, ist diese Leidenschaft des Denkens, die sich nicht scheut, sich an politischen Sachverhalten festzubeißen und sie zu durchdenken, um auf die Hintergründe und Motive zu stoßen. Sie nennen Ihr Buch im Untertitel ›Deutsche Reflexionen‹, und mir scheint, als ob sowohl das Wort »deutsch« wie das Wort »Reflexionen« bezeichnend für Sie ist. Stimmt das?

Ulrich Sonnemann: Das könnte sein, ja. Es ist leicht möglich, daß viele dieser Reflexionen in anderen Sprachmedien zwar nicht unmöglich sind; ich hoffe nicht, daß sie am deutlichsten nur im Deutschen werden können, und daß es also nicht zufällig ist, daß ich aus dem Englischen gerade für diese Dinge zuerst ins deutsche Sprachmedium zurückgekehrt bin.

Dieter Hasselblatt: Ich meine jetzt gar nicht so sehr die Sprache, sondern die deutschen Verhältnisse, die deutschen Belange. Mir ist eine Stelle Ihres Buches in Erinnerung, wo Sie von der deutschen Lage sprachen, und zwar im Zusammenhang mit einer Notiz, in der Sie sagen, das Zentrum des Weltkommunismus verlagere sich von Moskau nach Peking. Daran knüpfen Sie unmittelbar eine Reflexion über die Rückwirkungen dieser Verschiebung auf die deutschen Zustände.10 Ich glaube, das ist typisch, daß Sie alle Dinge, die Sie berühren, sofort auf die deutsche Situation zurückbeziehen. Ist das System, ist das Methode?

Ulrich Sonnemann: Wenn es System ist, wenn es Methode ist, dann eine solche, die sich sozusagen von selbst vollzieht, nicht die ich veranstalte. Das Denken hat aber mit seinen Gegenständen zu tun, nicht mit seiner Methode.

Dieter Hasselblatt: Sie setzen eine höchst intelligente Sonde an am deutschen Körper, und die Sonde scheint mir sowohl philosophisch geschärft zu sein wie literarisch und aktuell geführt. Es gibt sehr viele Anspielungen und sehr viele Rückbeziehungen auf die literarische, auf die politische, auf die aktuelle kulturgeschichtliche Situation. Wenn Sie dann zum Beispiel Worte prägen, die unsere bundesdeutsche Politik als »Staatswurstelei« bezeichnen11, dann scheint mir das sehr bezeichnend für die Art und Weise, wie Sie philosophieren. Oder sehe ich das falsch?

Ulrich Sonnemann: Nein, ich glaube, das sehen Sie ganz richtig.

Dieter Hasselblatt: Sie sagen zum Beispiel, daß die Politikergeneration, die jetzt im Augenblick die Politik der Bundesrepublik macht, ersetzt werden müßte durch eine neue Besetzung.12 Können Sie ungefähr sagen, wie diese neue Mannschaft der Politik aussehen sollte?

Ulrich Sonnemann: Meinen Sie zunächst die Frage des Generationenwechsels, die da anklingt?

Dieter Hasselblatt: Die klingt natürlich an.

Ulrich Sonnemann: Das ist natürlich, wie immer, nur cum grano salis zu verstehen. Es ist so, daß in der ganzen gegenwärtigen Politikergarnitur von rechts bis links die Bereitschaft, den Herausforderungen der Zustände zu begegnen, nämlich zu begegnen mit einem konsequent diese Zustände ändernden Verhalten, nicht zu finden ist. Warum, wäre zu untersuchen. Es ist im ganzen eine gebrochene Generation, und soziologisch wäre Generationenwechsel das, als welches das, was mir vorschwebt, unter anderem zu bezeichnen wäre. Das bedeutet nicht, daß im einzelnen Fall nicht der eine oder andere Politiker der älteren Generation vielleicht noch vor Toresschluß einen ganz anderen Politiker in sich entdecken könnte. Das wäre ja sehr erfreulich; und unter Umständen für die Politik praktisch, da er natürlich zunächst mehr Erfahrung mitbringt, mehr Sacherfahrung als die Jungen.

Dieter Hasselblatt: Sie sagen »vor Toresschluß« – was für ein Tor schließt sich? Und wozu und wovor schließt es sich?

Ulrich Sonnemann: Ich glaube, daß sich demnächst das Tor schließt – wie bald, das zu entscheiden wäre natürlich unsinnig; aber zweifellos rückt der Zeitpunkt näher, in dem einerseits nicht mehr zu rechnen ist mit einem uferlosen Fortgang der Prosperität, andererseits in der Außenpolitik es immer deutlicher wird, werden dürfte, daß eine Politik mit bloßen Formeln, immer versteinerteren Formeln für die deutschen Lebensinteressen, die ja im Osten liegen, unförderlich ist.

Dieter Hasselblatt: Sie denken an Formeln wie »Wiedervereinigung«, oder …

Ulrich Sonnemann: Ja, ich denke an die allzu ungeprüfte Identifizierung etwa der DDR mit ihrer gegenwärtigen Regierung. Solange diese Regierung in der DDR sich erhält, haben diese Formeln immer einen Anschein der Plausibilität, weil es eben noch keine Erfahrung gibt, die die Diskrepanz zwischen dem, was ihr Anspruch ist, und dem, was diesem Anspruch entspricht, evident machen würde. Im Augenblick, in dem eine Regierungsänderung in der DDR eintritt, in dem die DDR also einer Gesamtströmung der Dinge endlich folgt, die sich im Ostblock in den vergangenen Jahren ja hinreichend abgezeichnet hat – vielleicht sollte ich nicht sagen hinreichend, aber jedenfalls hinreichend genug für ihre Erkenntnis –; im Augenblick, in dem das geschieht, treten doch ganz neue Probleme auf, denn es könnte ja sein, daß die Prämisse, von der man hier immer ausgegangen ist, daß die Bevölkerung der DDR nichts sehnlicher wünscht – vor allem nicht die junge Generation dort – als sich an die Bundesrepublik anzuschließen, daß das einfach eine trügerische Mutmaßung ist und nicht viel mehr.

Dieter Hasselblatt: Sie sagen »DDR«. In unserem westdeutschen Sprachgebrauch sagt man ja »sogenannte DDR«.

Ulrich Sonnemann: Ja, aber ich nehme doch mit Genugtuung wahr, daß mehr und mehr Leute sich über diese etwas totemhafte Regel hinwegsetzen.

Dieter Hasselblatt: Sie versuchen also, auch darin mit den real anzutreffenden Fakten zu rechnen, um an diesen Fakten Ihr Denken anzusetzen?

Ulrich Sonnemann: Ja natürlich.

Dieter Hasselblatt: Um ein wenig zurückzuschwenken: Bei der Ersetzung der jetzigen »Politikergarnitur« in Deutschland sprechen Sie von einer »offenen Verschwörung«13. Dieser Ausdruck »offene Verschwörung« könnte meiner Ansicht nach mißverständlich sein. Was man vielleicht fragen sollte: Wenn heutzutage jemand bei uns hört »Verschwörung«, dann denkt man an Konspiration, an Putsch, an den Sturz einer unerwünschten Regierung; aber ich glaube nicht, daß Sie das meinen?

Ulrich Sonnemann: Nein, natürlich nicht, das sagt ja schon das »offene« in »offene Verschwörung«, daß das nicht gemeint sein kann. Es ist andererseits etwas – und darum »Verschwörung« –, was durch alle institutionellen und parteilichen Grenzen sich sozusagen hindurcharbeiten müßte als Verständigung von einzelnen zu einzelnen, von Gruppen dieser einzelnen zu Gruppen dieser einzelnen.

Dieter Hasselblatt: Darf ich vielleicht noch etwas bleiben bei dieser Sache mit der »offenen Verschwörung«. Ich glaube, auch Ihr neues Buch, an dem Sie jetzt gerade schreiben, trägt einen Titel, der ähnlich …

Ulrich Sonnemann: …›Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland‹14…

Dieter Hasselblatt: …›Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland‹–  dieser Ungehorsam ist, glaube ich, aber doch ein Gehorsam … gegenüber …?

Ulrich Sonnemann: Es ist ein Gehorsam gegenüber dem Geist. Da aber der Geist das konstitutive Moment am menschlichen Wesen ist, liegt hier nur, sprachlich-grammatisch sozusagen, eine anscheinende Unterscheidung zwischen einem Gehorchenden und dem, dem er gehorcht, vor.

Dieter Hasselblatt: Dann ist Geist auch für Sie – und Sie stehen darin, glaube ich, in einer großen abendländischen Tradition – ein zersetzendes Moment im positiven Sinn?

Ulrich Sonnemann: Ja, ja, in einer Zeit, in der das Nichtige vorherrscht, ist die Verneinung des Nichtigen das einzig Positive.

Dieter Hasselblatt: Beziehen Sie sich dabei ausdrücklich auf die »Dihairesis« des Aristoteles? Oder war Geist für Sie …

Ulrich Sonnemann: Gar nicht so ausdrücklich, sondern das sind eigentlich Sachverhalte, die in jeder Generation spontan von neuem aufgehen, aufgehen sollten.

Dieter Hasselblatt: Sie sagen »spontan«, und damit sind wir bei einem weiteren Begriff Ihres Denkens. Die Spontaneität spielt für das, was Sie anzielen, eine große Rolle.

Ulrich Sonnemann: Ja. – Ja.

Dieter Hasselblatt: Die soll sich wie äußern?

Ulrich Sonnemann: In einer unerrechenbaren Unabhängigkeit der Urteilsentscheidungen auch und gerade auf seiten der Intellektuellen, die sie sozusagen unzuverlässig macht vom Standpunkt jedweden Apparats.

Dieter Hasselblatt: Das heißt also, Sie wollen in unser Gesellschaftssystem ein Unruhemoment eingebaut wissen, das legitimerweise beunruhigen soll und sich selbst beunruhigt fühlen soll.

Ulrich Sonnemann: Ja, ich will es gar nicht einbauen, es ist bereits da …

Dieter Hasselblatt: … Sie selber sind ja ein Repräsentant …

Ulrich Sonnemann: … es muß nur noch kräftiger entwickelt werden.

Dieter Hasselblatt: Nun sagen Sie in Ihrem Buch einmal, die Anstöße dazu können »nicht mehr aus der älteren Generation kommen«15. Darf ich Sie fragen, zu welcher Generation Sie sich selber zählen? Ulrich Sonnemann: Zweifellos zur älteren.

Dieter Hasselblatt: Aber Sie geben ja Anstöße in dieser Richtung?

Ulrich Sonnemann: Ja nun, es gibt auch andere aus der älteren Generation …

Dieter Hasselblatt: … Sie klammern sich …

Ulrich Sonnemann: … ich klammere mich gar nicht aus der älteren Generation aus. Wir sprachen ja über diesen kalendarisch-soziologischen Punkt schon etwas früher, und ich sagte, daß das mit dem Generationenwechsel natürlich nur cum grano salis, eben soziologisch zu verstehen sei. Das ginge ja gar nicht anders, als daß eben doch irgendwo aus der älteren Generation die Anstöße kommen, denn die junge kann sozusagen ihren eigenen Kahn, wie in den Generationswechseln der Geschichte ja üblich, gar nicht recht abstoßen, außer es ist etwas da, wovon sie ihn abstoßen kann. Wenn nun das Wesensbild der älteren Generation so wenig da ist wie das der älteren Generation für diese heutige junge, so besteht in dieser Hinsicht ein besonderer Notstand.

Dieter Hasselblatt: Die jüngere Generation wäre für Sie also ein Garant dafür, daß Deutschland in absehbaren Jahrzehnten nicht mehr ein ›Land unbegrenzter Zumutbarkeiten‹ ist?

Ulrich Sonnemann: Ja nun: natürlich die einzige – die einzige, wenn wir überhaupt hier in Generationen denken.

Dieter Hasselblatt: Sie sagen es einmal so: »Deutschland wird ungewöhnlich sein oder es wird nicht sein«16. Das ist ein sehr entschiedenes und sehr energisches und hartes Wort. »Deutschland wird ungewöhnlich sein oder es wird nicht sein.«

Ulrich Sonnemann: Das hat einerseits mit deutscher Geschichtserfahrung zu tun und andererseits mit den Besonderheiten, den zeitlosen Besonderheiten des deutschen Bewußtseins, das ein besonders reflexives Bewußtsein ist, das heißt im Jetzt und Hier nicht so leicht und einfach aufgeht, wie das der Völker im Westen und übrigens auch der im Osten auf ihre Weise.

Dieter Hasselblatt: Auch darin räumen Sie Deutschland eine Sonderstellung ein?

Ulrich Sonnemann: Ja, nur ist es mir nicht um die Sonderstellung als Sonderstellung zu tun.

Dieter Hasselblatt: Sondern um Deutschland?

Ulrich Sonnemann: Ja, um die Bestimmung, um eine Positionsbestimmung des deutschen Bewußtseins und der deutschen Situation in dieser Zeit. Wenn ich Vergleichbares für andere Völker versuchen würde, so würde man wahrscheinlich auch für sie, für jedes einzelne von ihnen, zu irgendwelchen Besonderheiten kommen, die sie von allen andern abheben. Für Deutschland sind dies die Besonderheiten.

Dieter Hasselblatt: Ich möchte Sie ganz konkret fragen: Die Bundesrepublik, so scheint es, betrachtet sich als Erben des 20. Juli und ruft gleichzeitig die Jugend der Bundesrepublik zur Nachfolge des 20. Juli auf. Ist das nicht ein grotesker Widerspruch?

Ulrich Sonnemann: In vieler Hinsicht. Vielleicht kommen wir der Sache schneller auf den Grund, wenn Sie Ihre Frage noch etwas weiter spezifizieren. Widerspruch womit oder wogegen?

Dieter Hasselblatt: Wenn die Bundesrepublik sich als Erben des 20. Juli betrachtet, als geistigen Erben des 20. Juli, und gleichzeitig die Jugend auffordert, im Geiste des 20. Juli zu leben und zu handeln, dann bedeutet das, daß die Jugend gegen eine Obrigkeit, mit der sie nicht einverstanden ist, opponieren und revoltieren müßte. Und das wäre nun gerade die Bundesregierung, die wir derzeit haben.

Ulrich Sonnemann: Ja.

Dieter Hasselblatt: Ist das nicht ein Widerspruch?

Ulrich Sonnemann: Das ist ein – ich würde fast sagen – erfreulicher Widerspruch, weil das Erbe der Kämpfer des 20. Juli von sich aus hier dafür sorgt, daß über diese Zwischenträger die Jugend doch hingelenkt wird auf das, was die Leute des 20. Juli in ihrer Zeit waren. Sie waren nämlich willens, vielleicht etwas zu spät, waren es aber schließlich dann doch, sich mit ihren Gegenwärtigkeiten auseinanderzusetzen. Und darin liegt der Wink, daß die heutige Jugend es abermals mit den ihrigen tun sollte. Daß also Opposition, die auf Chruschtschowsche Weise – ich erinnere an das vergangene und das jetzige Verhältnis Chruschtschows zu Stalin17 – immer nur gestürzten oder gar toten Tyrannen gilt, nicht viel wert ist, sondern daß sie es eben immer mit dem Gegenwärtigen zu tun hat. Womit nicht gesagt sein soll, daß die politische Herrschaft im gegenwärtigen Deutschland eine Tyrannei ist, sondern daß sowohl in den Seelen wie auch in der Gesellschaftsordnung wie zum Teil auch im praktischen Gebrauch, den man von den Gesetzen und vom Grundgesetz macht oder auch nicht macht, doch immer noch allzu viel Tyrannisches liegt. Mit diesem müßte sich die Jugend nach dem Vorbild der Leute vom 20. Juli – das ja übrigens verbesserbar bleibt, auch das ist, glaube ich, nur im Sinne dieser Leute des 20. Juli – auseinanderzusetzen; oppositioneller, das liegt in der Natur der Sache, als bisher.

Dieter Hasselblatt: Es ist für jemanden, der jünger ist als Sie, von einer großen Faszination zu sehen, wie Sie diesem Deutschland, das vor unseren Augen zusammenbrach, wieder eine Funktion im Chor der europäischen Stimmen, und nicht nur der europäischen, zu geben versuchen. Sie sagen da an einer Stelle, daß der Deutsche der Welt die Freiheit »vorzuleben« hätte, die allein der »Garant eines künftigen Friedens« sein könnte18. Meinen Sie mit dieser Freiheit das, was Sie an einer anderen Stelle die »selbstgewählte Schutzlosigkeit« nennen19?

Ulrich Sonnemann: Ja, genau das. Es scheint mir, daß – nach dem, was in der voraufgegangenen Zeit an maximal Schlechtem in Deutschland geschehen ist – es sozusagen in der Dialektik, in der Gesetzlichkeit der Geschichte selber liegt, jetzt das Gegenteil heraufführen zu müssen. Und es fällt mir auf, daß die »selbstgewählte Schutzlosigkeit«, als welche man die Freiheit bestimmen kann, noch niemals – den Erwartungen der Militärtechniker zum Trotz – geschichtlich zu Katastrophen, sondern immer nur zum Gegenteil geführt hat. Ich darf hier übrigens doch ganz explizit wieder an das englische Modell erinnern. Wie hatten die Engländer wirklich abgerüstet vor dem Zweiten Weltkrieg, wie völlig unbereit waren sie zu dem, was dann kam, und wie vermochten sie es zu meistern, nachdem es einmal gekommen war? Wenn in Deutschland schon immer die Präokkupation mit der Apparatseite der Dinge eigentlich vorherrscht und die Willensentscheidungen, denen der Apparat doch zu dienen hat, der menschlichen Ordnung der Dinge oder der Ordnung des Menschen selbst nach, hinter den scheinbaren Erfordernissen des Apparats auf eine Weise hinterherhinken, daß der Mensch selbst dabei, wie das heimische Wort lautet, schließlich »verheizt« wird.

Dieter Hasselblatt: Dr.Sonnemann, zu den intensivsten Erfahrungen, die wir Heutigen machen mußten und konnten, gehört wohl, daß Schicksal und Geschichte kongruent wurden, daß wir uns der Geschichte nicht entziehen können und daß unser Einzelschicksal festgenagelt ist an die geschichtliche Situation. Und Sie sind vielleicht der Erste, der bei uns daraus philosophisch-denkerische Konsequenzen gezogen hat und in einer Weise gezogen hat, daß sowohl die Kritik an den aktuellen Umständen und Zuständen miteinbezogen worden ist wie auch der Entwurf neuer zukunftsträchtiger Möglichkeiten. Ich möchte Ihnen für dieses Gespräch danken, und vielleicht sollte man zum Schluß an einen der wesentlichen Sätze Ihres Buches erinnern.

Ulrich Sonnemann: Ich glaube, ich weiß, welchen Sie meinen: »Das Wesen der Freiheit, die den Deutschen jetzt zugemutet wird, ist der Mut.«20

Ungedruckt. Rundfunksendung: aufgenommen am 20. Juli 1964 in München beim Bayerischen Rundfunk, gesendet am 6. Oktober 1964 im Kölner Deutschlandfunk. Leicht überarbeitet.

Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland (1964/84)

Das Stereotype an deutschen Rückschlägen

Vorrede 1984 für die zweiten zwanzig Jahre der ›Einübung‹

Je stürmischer ein Jahrhundert, mit umso idealerer Sicherheit dient es einer tarnbedürftigen Stagnation zum Versteck: wo so eindrucksvoll tumultuöse Bewegung ist (was hat sich nicht alles in den vergangenen zwanzig Jahren ereignet), wird kaum einer darin den Unterschlupf eines von ihr unberührten Seelentyps argwöhnen, an dem gar nichts sich änderte. Während dessen Immunität gegen Selbstzweifel davon abhängt, daß er sie endlos verdrängen kann, bleibt diese Möglichkeit selbst darauf angewiesen, daß ihn dabei keiner stört.

Ungestört, heute wie 1964, waltet der Typus des Institutionsträgers, der in beiden Deutschland beherrschend blieb, seiner Ämter: im Westen nur um einiges unverschämter, da er die Republik zwar nun nicht mehr wie zur Weimarer Zeit untergraben kann, aber auch kein Grundrecht vor seiner Rechtsgründlichkeit, hochnotständigen Geistesart, sicher ist. Da daran sich seit 1964, als die ›Einübung‹ zuerst erschien, nichts geändert hat, wie könnten die sich verändert haben, denen die sofort kontrollierende Rolle eines spontanen kritischen Widerstands zufiele, wäre die Gesellschaft normal? Ob ein Bundesverteidigungsminister stotternd das Parlament belügt1 oder sein heutiger Amtsnachfolger2 gerade so apodiktisch die Doppelgängertheorie im Fall Kießling für widerlegt erklärt – ehe sie auch nur von einer unabhängigen Instanz untersucht wurde –, mit der er wenige Tage vorher den Betroffenen mittels unschuldsvollster Insinuation diffamieren durfte: worauf er Zeugen »nachschiebt«, deren Glaubwürdigkeit wieder nur er verbürgt, da die Lüftung ihrer Anonymität sie, man denke!, in existenzielle Gefahr brächte, es ist dafür gesorgt, daß ihm auf offener Szene, mit dem Wort, das da fällig wäre, einen immer hohler tönenden Schwindel in flagranti finge, keiner entgegentritt.

Wo man Unfairneß gar nicht wahrnimmt, wenn sie nur, bei beliebigen Plumpheitsgraden, in der unfehlbaren Vermummung einer staatserhaltenden Pflicht auf die Szene tritt, haben Störungen ihrer Verdrängungsprozesse keine Wahrscheinlichkeit, sitzt der Institutionsträger sicher. Schon seine Immunität gegen Selbstzweifel ist also auf ihn nicht beschränkt. Wo kaum einer in der säkularen Dynamik ein Stagnationsversteck, sagten wir, argwöhnt, die andern nur wahrzunehmen erwarten, was sie ohnehin schon gewohnt sind: welches Gewohnte in einem stürmischen Jahrhundert gerade der Schein seines eigenen Gegenteils sein kann, sind sie zwar im erregenden Bann jenes Dynamischen, also auf Bewegung als Bild fixiert, umso ahnungsloser aber von diesem auch festgehalten; daher ebenfalls immobil.

Dieser Immobilismus der Seelen in Deutschland ist nicht nur Thema der Streitschrift von 1964, die hier wieder im Druck erscheint, sondern selbst der Grund dieser Neuausgabe: da an den Fällen von damals, die als Anlässe und Materialien in den Betrachtungen des Buches zur Sprache kommen, ein einfacher Vergleich mit den heutigen ebenso das Ausmaß einer politischen Unkultur klarlegt wie er ihren Fortbestand demonstriert. Sollte Hoffnung bestehen, daß dieses Urteil nicht endgültig bleiben muß – und wer bezweifelte, daß es dafür Gründe gibt, die noch nicht damals auf der politischen Bühne erschienen waren –, hängt gerade deren Verwirklichung jetzt vom Schock eines konfrontierenden Rückblicks ab auf diese glücklosen zwanzig Jahre. Ein Vergleich zwischen den Situationen damals und heute muß von selbst diese Zwischenzeitstrecke zum besseren Verständnis der Einheit beider heraufbeschwören, und was dem Blick sich dann zeigt: wie man zum zweiten Mal im zwanzigsten Jahrhundert den importierten westlichen Verfassungsstaat dem Staat-schlechthin3, seinem diskreditierten Gegenteil, auslieferte, verdeutlicht nur die Fatalität einer heimischen Geschichtslinie, deren Gesetz nicht zu brechen ist, solange man sich an ihren Zeitstrukturen nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit orientiert wie an denen des Raums.

Die Überflutung mit Bildern deflationierte dann endlich, dämpfte von selbst sich; und umso aktivierender teilte das Ohr, das zum Glotzen keine Entsprechung kennt, seine Funde mit. Daß sich die Verhornung etablierter Macht in Deutschland gegen unbequeme Erinnerungen, Wahrnehmungen und Gedanken nicht änderte. Daß ihre Selbstgefälligkeit fortbesteht, kritische Argumente nicht beantwortet werden, sondern mit Leerformeln oder Diffamierungen abgefertigt. Daß auf die Unsouveränität der Gesellschaft die ihr entsprechende ihres eigenen Staates, die mit den Pershings akut wurde, nur die Antwort ist und daß sie dahin lautet, daß man als Nuklearrampe, der unumschränkten Disposition eines supermächtigen Präsidenten4 anheimgestellt, nicht gut auf den eigenen Willen verzichten kann, ohne es auf die eigene Zukunft erst recht zu tun. Im Vergleich mit 1964 hat die Dringlichkeit der Hoffnung in Deutschland so zugenommen wie ihre Begründbarkeit ab. Wenn sie in Verzweiflung nicht enden soll, wird sie (noch so kritisch-wachsam) sich an die weitere Ausbreitung einer Friedensbewegung heften, die es vor zwanzig Jahren nicht gab.

Eine Öffnung der Ohren für die Dimension der Welt, die ihnen zu-bestimmt ist und Zeit heißt und aus der ein Anruf der unentschiedenen Sache, die die Freiheit in Deutschland ist, sie schließlich doch noch erreichen müßte, ist nicht einzig dem verwurstenden Wesen eines Journalismus fremd, wie ihn Karl Kraus einst aufs Korn nahm; wie er aber immer noch ja in deutschen Landen – unterliegt doch das Wort, wenn es genau daneben trifft, schon klammheimlich der Selbstzensur und ihrer Wasserpolizei, die ihm den Strom der Erinnerung absperrt – von seiner Vergeßlichkeit (da der verläßlichen seines Publikums) für die Urteile lebt, die er irgendwann einmal in die Welt setzte. Sondern solche Geschichtsbetonung hat schon selbst das Praktische, Eingriffen vorzuarbeiten in die kontinuierliche Diskontinuität des Bewußtseins, die die Gedächtnisschwäche in Deutschland als allgemeine ist und von der ermöglicht sich das Immergleiche an den Niederlagen seiner Linken erneuert: zuletzt der Fehlschlag der Studentenbewegung5, der aus der Harthörigkeit ihrer Imaginationen doch nur gerade so stereotyp der betrüblichen Schar seiner Vorgänger glich wie sie das selbst nie erwog.

Und zugleich war die deutsche Studentenbewegung doch auch die erste Aufkündigung des Gehorsams in dem Land, das die Welt sich gewöhnt hat, so mechanisch mit ihm zu identifizieren wie er selbst bis in seine Folgen hinein, deren Grauen und Gestank in ihrem Gedächtnis bewahrt sind, mechanisch ist. Wenn sie als erster Versuch mit seinem Gegenteil – sollte solcher Ungehorsam sich durchsetzen, nicht die bloße Gebärde bleiben, mit der man dann fertiggeworden ist – scheiterte, liegt es im Begriff eben der Einübung, Fehl- und Rückschläge als Erfahrungen vorzusehen, aus denen sich lernen läßt: eingesehen und verarbeitet beugen sie von selbst ihrer Wiederholung vor, fördern Aha-Prozesse, kommen der Chance des nächstfälligen Aufstands zugute. Offenbar kann die deutsche Studentenbewegung unter beiden Perspektiven gesehen werden, dieser sie rückblickend ehrenden, die ihr Absolution spendet, und jener deprimierenden, die sich einstellt, wo einer Nahbetrachtung, die keine Retrospektion ist, da sie wiederheraufrufend bloß vergegenwärtigt, was schon zur Zeit der Bewegung so erkennbar war, daß es zur Sprache gebracht werden konnte6, die Stereotypie aufgeht, mit der auch sie bloß, monologisch, in »protestierender« Spielart, die politisch unsouveränen deutschen Geschichtsmuster reiterierte, statt sie zu durchschauen und auszuwachsen.

Diese Mechanik durch Konfrontation mit ihr, die nur bei longitudinaler Erfassung möglich wird, endlich aufzusprengen, bräche als Initialprojekt eines selbstgesteuerten Ungehorsams das deutsche Geschichtsgesetz, ehe es um den Preis endete, daß es in seinen ohnehin überfälligen Untergang das Volk seiner Träger hineinreißt. Während dessen Scheelblick jetzt Türken gilt, die unter ihm wohnen, da seine Wirtschaft ihre Verrichtungen nützlich fand, ist es umso toleranter für die andere Gastbevölkerung, die als supermächtig eingenistete bei ihm siedelt: diese Raketen, die das Gastrecht, da sie ihre Befehle nachbarschaftlicherweise nur von jenseits des Atlantiks entgegennehmen, gerade so ehrfürchtig achten, wie sie es in einem Volke für nötig halten, das aus dem Selbstopfergeist freiwilliger Ohnmacht sich zur Rampe ihrer Unternehmungslust reduziert hat: nur mit ihm selbst können sie noch zerstört werden, sollte in seiner Böswilligkeit jemand auf die Idee verfallen, ihrer Initiative zuvorzukommen. Daß es damit nicht so ganz normal sein kann, heißt, daß es auch seine Linke nicht sein kann, denn zwar ist sie dagegen, aber wie kommt es nur, das muß ihr doch selbst schließlich auffallen, daß ihr der Sieg noch bei keiner einzigen Entscheidung gelang, die für das nächste Verhängnis die Weichen stellte? Eben hier führt eine Inspektion ihrer vergangenen Bilanzen uns weiter. Vom Narzißmus des verfrühten Feierns, der schon für die Paulskirche 1848 so bezeichnend (und für ihre Niederlage bestimmend) war wie er den Journalistenaufstand anläßlich der ›Spiegel‹-Affäre – keineswegs ja verschwand ein Parlamentsbelüger damals von der Bildfläche7 wie in England Profumo8 – um sein gegebenes Ziel, also seinen Sieg brachte, da man nach Feiern zu Bett geht: wenige Jahre vor der Studentenbewegung, also vor deren Nase, die ihn nur so wenig gerochen hat, daß sie sich ihrerseits ihm ergab, bis in den dazugehörigen Gebrauch von Begriffen – wieso sollte Revolution sich auch noch die Mühe machen, sich überhaupt zu ereignen, wo ihren Liebhabern schon ihr Name so viel Beglückung schenkt, auf ihrem Rosse von Holz9 –, das bewußtlos immer bloß Ablaufende dieser Muster ist so bestimmbar wie niederdrückend. Als hätte es sich mit einem Ölfilm gegen seinen eigenen Werdegang abgedichtet, gegen sich selbst sich verriegelt – was wäre Bewußtsein, das seiner selber nicht als Erinnerung inne ist? –, war es das Bewußtsein ausgerechnet derer, die emphatisch von dessen Erweiterung redeten, woran dieses Ablaufende ablief. Je naserümpfender (selbst schon nichts Neues) sie es abermals mit dem Kahlschlag eines Frisch-von-vorn hielten, das zu einer angeblichen Stunde Null schon der Selbstflucht ihrer Eltern Deckung geboten hatte, umso todsicherer wurden die Mörder, die unter uns sind10, von ihnen geschont. Mit ihnen das Geistmörderische, das in den vorbürgerlichen deutschen Institutionen, der Justiz und Verwaltung wie der Schule und Hochschule, sich erhalten hatte: jenes glückende Hamburger Spruchband, dem die Talare des Universitätssenats nicht den Muff von tausend Jahren verbergen konnten11, blieb nicht nur die Ausnahme. Sondern diese auch der Schlüssel – da den Gemeinten12 seine aufgescheuchten Kollegen gleich zum Abgang nötigten, die Aktion also einen punktuellen Erfolg hatte, der den Studenten sonst versagt blieb; womit er den allgemeineren, dessen Chance sie vergeudeten, ahnbar machte – zu jener Maßnahmen ermöglichenden Berechenbarkeit ihres Gesamtverhaltens, die dem Etablissement wie gerufen kam. Also zum verteilten Rollenspiel eines Unbewußten, das als gesamtgesellschaftliches mit sublimer Regiekunst schon die Garantie linker Niederlagen in die jeweiligen Entwürfe linker deutscher Politiker einbaut.

Diese Stunde endlicher Grünlichtschaltung für eine Tendenzwende, die aerodynamisch nichts Neues war, da eine tendenzielle Windigkeit früh gebräunter Rechtsstaat-Bekenner längst die Unaufhaltsamkeit ihres Aufstiegs auf öffentlich-rechtlichen Wendeltreppen gesichert hatte, wurde denn sogleich auch – was sie nur unterstützen konnten – genutzt. Dem unbemäntelten Verfassungsabbau der sozialliberalen siebziger Jahre, ausgerechnet unter einem Etikett vollzogen, das das älteste Freiheitsverständnis bürgerlicher Revolutionsgeschichte dort endlich einzuwurzeln verheißen hatte, wo sie hundertzwanzig Jahre vorher gescheitert war, hatten mit der bedeutenden Ausnahme Rudi Dutschkes13 die versprengten Wortführer nichts entgegenzusetzen: für den Anruf unabgegoltener Geschichte, das klagend Unerlöste am Vermächtnis der Freiheitsmärtyrer ihres Landes, waren sie in absurd enttäuschendem Widerspruch zu ihren Reverenzbezeugungen für Walter Benjamin harthörig. Die Bezeugungen störte das nicht; da er schon tot war, hatte er kein Institut in Frankfurt, das sie anstelle der geschonten Büros dauerbarer Tausendjähriger mit Persilschein hätten besetzen können. Wohl hatten sie, Marx lesend, seine ökonomiekritischen Einsichten nachvollzogen, ihn als den ihren seiner petrifizierenden östlichen Verpackung entreißen können, waren aber weder der Frage nachgegangen, wie es zu einer solchen überhaupt gekommen und doch nie dabei das so Eingeschnürte in die Gesichter einer wiedererstandenen Obrigkeit explodiert war – wie schon zuvor nicht in Kautskys14; noch hatten sie genau genug gelesen, um Marxens Entwurf der Geschichtsbewegung auch nur annähernd so akkurat auf die eigene Gesellschaft anzuwenden wie auf die Vietnams. Einen Pauschalbegriff von bürgerlicher Gesellschaft in deren atypischstem Exemplar strapazierend, dessen Vorbürgerlichkeit sich bis in die Knochen, ihre eigenen denkbarerweise eingeschlossen, behauptet hatte, übersahen sie, daß das bürgerliche Grundgesetz einem Zwangsimport nach zwei verlorenen Kriegen geschuldet war und die Inhaber der Macht es nur so widerwillig und so obstruktiv in den ersten Jahren der Republik daher eingehalten hatten, dann wie in den Zeiten der Weimarer mit wachsender Unverschämtheit wieder darangegangen waren, seine Rechtsverbürgungen offen zu brechen, wie Vergleichbares bis heute für die Verfassungssabotage der amerikanischen Südstaaten gilt, denen gleichfalls eine militärische Niederlage den befehdeten bürgerlichen Rechtsstaat erst aufzwang. Mit sicherem Geschichtsverständnis hat Marx, da ihm die menschenrechtliche Revolution des Bürgertums für eine unüberspringbare Wachstumsstufe menschheitlicher Emanzipation überhaupt galt15, es in seiner späten journalistischen Arbeit damals mit Lincoln, mit dem bürgerlichen Norden gegen den feudalen Süden gehalten16: was können seine Adepten in Deutschland, als sie die faustdicke Differenz zwischen der Verfassung und einer Verfassungswirklichkeit gar nicht wahrnahmen, die verschämtes deutsches Twospeak für ihren permanenten Bruch ist, davon begriffen haben? Haben sie nicht wiederum damals die ganze politische Chance verschenkt, die mit jener einschneidenden Differenz (die nun endlich: im Lager der Grünen, verstanden ist, zunehmend praller und präziser) sich ihrer Sache eröffnet hat? Ist ihnen die Frage auch nur als Frage je aufgegangen, wie sie zu jener Identitätsthese passe: warum wahrheitsfeindliche Herrschaftsinteressen, denen das Grundgesetz, sei es als Machtinstrument, sei es als bloße Veranstaltung überbaulicher Irreführung zu Diensten sei, es so unentwegt hintertrieben hatten, ehe sie mit dem Radikalenerlaß dann einen halb gelungenen Versuch machten, es zu metzeln17? Als marxistische, muß resümiert werden, wieviel immer aus der Marxschen Erbschaft eben an ökonomiekritischer Erkenntnis so zu retten bleibt wie an ideologiekritischer längst gerettet wurde, ist die Einübung des Ungehorsams in Deutschland unzweideutig mißlungen.

Klar ist es, daß diese Vorrede die Geschichtsgründe nicht umfassender ausbreiten kann, die dafür sich bestimmen lassen; der Verfasser hat es ausgiebig in früheren Publikationen getan.18 Aber gibt es für genannten Rückschlagselbst nicht auch jene zuversichtliche andere Deutung, auf die wir endlich so zurückkommen können, da der mit ihr supponierte Lernprozeß eben von den Grünen (und den Alternativen, ja der ganzen Friedensbewegung) inzwischen geleistet wird: wir das mindestens hoffen dürfen? Und wie steht es um das – alte und neue – Verhältnis fraglicher Einübung überhaupt (um die es also immer noch geht) zu dem so betitelten Buch hier?

›Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland‹ erschien 1964. Sie folgte einer kritischen Betrachtung nachkriegsdeutscher Merkwürdigkeiten im Jahre zuvor. Daß ›Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten. Deutsche Reflexionen‹, das noch klar aus der Perspektive eines heimgekehrten Exilierten geschrieben war, unter die bundesdeutschen Bestseller geraten, ein ganzes Jahr auf deren Liste verblieben war, konnte seinem Augenabstand geschuldet, ebensogut aber auch ein Mißverständnis eben seiner kontemplativen Distanz sein: zu sporadisch nur brach es Tabus, hatte auch es schon den Streitschriftcharakter, den die heimischen Dinge herausforderten: steigend, nach meiner Erinnerung, im Jahr darauf, das mit der ›Spiegel‹-Affäre begonnen hatte. Produkt dieser Erfahrung war das Buch; seine Wirkung verstörender. Außer den Geistern, die sich an ihm schieden, gab es Verlegene, Zögernde, Schwankende, unvermutet Betretene; im ganzen viel Abwehr, wenn auch, das war ärgerlich, keine, die nicht zu erwarten gewesen war.

Daß es trotzdem sein Publikum fand, verdankte es außer sich selber der verständnisvollen Ausführlichkeit einer Rezension Ekkehart Krippendorffs in der ›Zeit‹19; und nach manchen Bezeugungen, die ich dann empfangen habe, hat es vorarbeitend auf Entwicklungen eingewirkt, die zwar drei Jahre später in den Anfang der Studentenbewegung gemündet sind, sich aber nicht in ihr durchsetzten: für eine rechtzeitige Kurskorrektur reichten die Nachwirkungen einer Broschüre aus einer ›aktuell‹ betitelten Taschenbuchreihe nicht aus. Auf der Höhe der Bewegung sagte Helmut Gollwitzer, das Buch sei zu früh erschienen20; welchen Hinweis ich mit einem Versuch beherzigte, der in Herstellung zeitlicher Symmetrie zwar zu spät kam, aber diese Wahrscheinlichkeit war in Kauf genommen: wichtiger, daß die Erkennbarkeit eines Fehlgangs, der statt aus seinem angeblichen Radikalismus aus seiner Gleichgültigkeit für Radices einer geworden war, schon zu seiner eigenen Stunde so notorisch wurde, daß es einer möglichen künftigen nützte. ›Institutionalismus und studentische Opposition‹, das unter Aufnahme von Teilen des älteren Bandes gegen Ende 1968 in den Suhrkamp Editionen erschienen ist, hatte Resonanz (auch studentische), als ein unzeitgemäßer Eingriff ins Zeitgeschehen aber durchaus keine Chance.

Aber die Antizipation seines Schlußsatzes »Das deutsche Volk kann Revolution machen nur noch gegen sich selbst« schien der Eventualität ihrer Verwirklichung um einen unauffälligen Abstand näher gebracht als vor ein paar Monaten Joschka Fischer im Bundestag – der türkische Asylsucher Altun war gerade aus dem Fenster eines deutschen Gerichts in den Tod gesprungen – das in den Ohren dieses Parlaments, dessen Sprachlosigkeit eine sprachgeregelte ist, Unerhörte aussprach: er schäme sich, Deutscher zu sein21. Das Etablissement schwieg betreten. Diese Grünen: so etwas sagt man doch nicht. Kein ganzes Vierteljahr danach verbrannten in einem Berliner Gefängnis sechs in Abschiebehaft befindliche Ausländer: die Beamten hatten ihre Zellentüren nach Ausbruch des Brandes geschlossen.22

Einer hatte gar kein Asylgesuch gestellt, nicht einmal so das deutsche Kriterium dafür, verdientermaßen eingekerkert zu werden, erfüllt. Er war Tourist auf Berlinbesuch, aber, bei permanentem Wohnsitz in Frankreich, eben Tunesier. Mehr, er hatte (wenn das nicht genügt) seinen Paß verloren! Die Gefahren, die in einem zu sorglosen Deutschland-Tourismus verborgen liegen, werden an dem Fall evident: was hätte diesem Gast, dessen sämtliche Rechte im freien Berlin, und zwar risikolos (wie sich erweisen wird) man mit Füßen trat, im Campuchea Pol Pots23 oder in Idi Amins Uganda24 noch Schlimmeres zustoßen können, um vom Ostteil der gleichen Stadt, die in der Geschichte deutscher Zivilisationsversuche doch einst eine bedeutende Rolle spielte, völlig zu schweigen? Daß diese Versuche gescheitert sind: die Barbarei, die die Nazis möglich machte, sie in so grauenhafter Greifbarkeit überlebt hat, daß eine Remedur gar nicht denkbar ist, deren erster Schritt nicht das Eingeständnis ohne Wenn und Aber dieser Tatsächlichkeit selbst wäre, ist eins der Plädoyers dieses Buches, und es heißt nicht, daß das ohne Wenn und Aber pauschalisierenden Ungenauigkeiten, ihrer Affektbetonung, die sie vom Zorn unterscheidet, das Wort redete, geschweige selbst eine wäre. Ungenau etwa wäre es, zu sagen, daß dieses ganze ja dem deutschen Weltansehen sicher nicht besonders dienliche Mißgeschick (auch im Fall der fünf andern, hatte man doch keineswegs so weit gehen wollen: ihr Verbrennungstod war nicht planmäßig) in Berlin und ganz Deutschland nicht, wenn auch nur für ein paar Tage, bestürzt hätte. Diese Bestürzung – also die des deutschen Bewußtseins – war im Gegenteil so tief, daß das deutsche Unbewußte ebenfalls alarmiert war; welcher Alarm ihm denn sogleich auch die Verteilungen jenes Rollenspiels aufzwang, das nach den Prozeßgesetzen der heimischen Psychohistorie dann bevorzugt in dem außenweltlichen separater öffentlicher Einrichtungen in Erscheinung tritt. Was konnte die Staatsanwaltschaft dafür, als sie pflichtgemäß an die Aufklärung eines Falls ging, in dem doppelte Freiheitsberaubung mit unterlassener Hilfeleistung verkettet war, daß ihre wichtigsten Zeugen, die die Haft mit den Verbrannten geteilt hatten, von der Ausländerbehörde inzwischen abgeschoben worden waren, also in sicherer Entwertung ihrer zuvor protokollierten Aussagen nicht mehr für ein Kreuzverhör zur Verfügung standen? Gar nichts. Die Kompetenzen sind klar verteilt. Ein Fall für Amtshilfe, wo es schließlich um eine Sache zwischen lästigen Ausländern und Berliner Beamten ging, nicht einmal um ministerielle Diffamierung eines unbequemen Generals, lag nicht vor.

So erhält sich die deutsche Unschuld; und weil sich nie etwas an ihr ändert, die Fälle von 1964 daher in ihrem ausschlaggebenden Aspekt, der ihr menschlicher ist, unveraltet sind, sind es auch die Analysen, Urteile und Kommentare des Buches. Desto entschiedener, als die ans Licht gebrachte Unmenschlichkeit mit einer Bewegung des Ausgrenzens immer anfängt, grenzt dieser menschliche Aspekt sie nicht wiederum aus, sondern mit der Konsequenz – die das Buch selbst noch nicht zieht – gerade ein, daß besagtes chronisches Ausgrenzenmüssen, das in Ermangelung der nicht mehr verfügbaren Juden nach einem jeweils gelegen kommenden nächsten Objekt immer Ausschau hält, selbst zum Schlüsselproblem avanciert: nämlich für eine spezielle Kritische Theorie, die als Kulturpathologie genügend Augenabstand gewonnen hätte, daß ihr das Verhältnis deutscher politischer Geschichte zu ihren psychohistorischen Konstanten thematisch wird25.

Das führt dann in theoretisches Neuland. Was sich einer solchen Perspektive Zug um Zug aufdeckt, ist die Mittelosigkeit des Landes der Mitte, eine Zentrifugalität deutschen Wesens und Werdens, die uns vor das Dilemma stellt, sie weder hier ausführen noch auf den Themenpunkt verzichten zu können, denn wie wäre je aus ihr herauszugelangen, wenn sie nicht wenigstens ansatzweise zunächst einmal in das gleiche Bewußtsein steigt, das ihrem Gesetz unterliegt? Selbst nur ansatzweise daher, zitatweise, kann dieser Themenpunkt im gegenwärtigen Rahmen umrissen werden; der fragliche Passus26 setzt bei dem Paradoxon der preußisch- »kleindeutschen« Ausgrenzung Österreichs ein, die dem vermeintlichen Nationalstaat 1866 vorausging, also »dem Herausschmiß ausgerechnet des eigenen Volksteils, an den über Jahrhunderte die Zentralgewalt des alten Reiches gebunden war […].« Er fährt fort: »Daß ein Land fortwährend auseinanderfällt, ohne daß seine Menschen es gleichfalls täten, hat gar keine Wahrscheinlichkeit, und so spaltet der deutsche Nationalismus, der so ideenleer, wie schon Nietzsche sah27, die nur gerade so leere Blut- und Eisen-Demonstration echot, nicht nur den deutschen Untertan, jetzt als Hurraschreier, von dem gleichen Subjekt als musizierendem Bildungsbürger, sondern mit einer irren Beschleunigung auch alle Identifizierungen ab, die ihn mit französischer Selbstverständlichkeit legitimieren könnten, jede mit jeglicher Menschlichkeit, jeglicher Produktivität deutschen Wesens, die im Gedächtnis der Völker blieb. Er verengt sich in dem Maße, wie er nach der Herrschaft über Europa greift, aber sein Ausgrenzendes, Abspaltendes ist von vornherein da, und es hat sein relatives Hinschwinden überdauert. Eine kritische Jugend kann hier nur ausgegrenzt, mit kriminalisierenden Etikettbeschriftungen abgespalten werden, nachträglich möchten die Unionsparteien, da es leidigerweise zugleich sich um Wahlvolk handelt, sie als psychologisches Objekt doch ans Ganze des Volks wieder anschließen […], da aber ihre Abspaltung von der Gesellschaft inzwischen an eine unübersteigbare Grenze stieß, wächst die Chance, daß mit dieser Grenze ihr die Konstanz des Spaltenmüssens selbst in den Blick gerät, das sich durch die deutsche Geschichte zieht. Wo es in seiner Axiomatik gewaltet hat, konnte es keine Öffentlichkeit, keine Hauptstadt geben, die durch diese Geschichte gedauert, eine Kontinuität kritischer Rechenschaften und das Menschentum, das sie voraussetzt, gestattet hätte, vom mittelalterlichen Herumirren der kaiserlichen Gewalt zwischen ihren Pfalzen bis zum Auseinanderfall des damaligen Landesgebiets in drei Einzelstaaten blieb Mittelosigkeit so das Kennzeichen des Landes der Mitte wie der in ihm bestimmenden Menschen. Die staatliche Aufspaltung brauchte kein Problem zu ergeben, nicht (zwischen zweien der drei) die Gefahr einer finalen Kriegskatastrophe latent zu halten, wenn die Zentrifugalität, der sie sich verdankt, selbst schon aus den Menschen gewichen wäre, diese Zentrifugalität, welfisch-waiblingerisch, römisch-wittenbergisch, preußisch-österreichisch, gegenwärtig west-östlich. Meine These ist, daß davon keine Rede sein kann; und daß, ehe nicht die Menschen dieses Landes in dieser konstant verkorksten Geschichte sich so erkennen, daß sie schließlich selbst sich als das begreifen, was da ebenso spaltet: aufspaltet, abspaltet, auseinanderspaltet, wie es als deren Opfer und Objekt dann auch selber dieser blinden Mechanik unterworfen ist, sich nichts daran ändern wird.«

Wenn es sich ändern soll, ist der einzuübende Ungehorsam also zunächst und sehr deutlich auch einer gegen die Herrschaft des bisherigen deutschen Geschichtsgesetzes in der jeweils eigenen Seele; was nicht heißt, daß nicht auch gerade dies nicht weit chancenreicher schon in praktischer Auseinandersetzung mit öffentlichen Mißständen sich vollzieht als in vermeintlicher Vorbereitung solcher Praxis in jener Innerlichkeit, die es effektiv doch wieder von ihr abspaltete