Negative Anthropologie. Schriften 3 - Ulrich Sonnemann - ebook

Negative Anthropologie. Schriften 3 ebook

Ulrich Sonnemann

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Opis

Marx oder die Kanalisierung der Zukunft / Die entdämmte Vergangenheit: Freud / Der vermessene Mensch / Die anonymen Zwänge / Zur Selbstkritik der Psychoanalyse / Expeditionen zu uns selber / Zum psychoanalytischen Erkenntnisbegriff.

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Ulrich Sonnemann Schriften in 10 Bänden Herausgegeben von Paul Fiebig Band 3 mit einem Geleitwort von Hans-Joachim Lenger zu Klampen

Ulrich Sonnemann

Negative Anthropologie

Spontaneität und Verfügung Sabotage des Schicksals

Erste Auflage 2011

© 2011 zu Klampen Verlag, Springe

Alle Rechte vorbehalten

Gestaltung und Satz: Friedrich Forssman

Umschlagphotographie: Digne Meller-Marcovicz

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

ISBN 9783866743588

Die Schriften Ulrich Sonnemanns werden gefördert von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und der Ulrich Sonnemann-Gesellschaft.

Der ganzen Kritischen Theorie, in allen ihren Versionen, zumal in der, die dann bekannt wurde unter dem Namen der Frankfurter Schule, geht es ja darum, daß Theorie dort, wo sie es mit gesellschaftlichen, menschlichen, geschichtlichen Dingen zu tun hat, ihrem Gegenstand nicht gegenübersteht wie in der klassischen Naturwissenschaft, in dieser auf Descartes zurückgehenden Subjekt-Objekt-Spaltung, sondern der Theoretiker in den Prozeß der Dinge, von denen er versucht, sich ein Bild zu machen, von denen er versucht, Erkenntnis zu gewinnen, selber so verwickelt ist, wie auch umgekehrt jetzt der Prozeß der Gesellschaft durch ihn selber hindurchgeht, daß genau dieses Ineinander ein anderes Theorie-Praxis-Verhältnis vorschreibt als das in der Naturwissenschaft übliche, daß aber dann wiederum innerhalb dieses Verhältnisses umso schärfer Theorie und Praxis auseinanderzuhalten sind, Theorie in diesem Verständnis und Praxis, die sich eventuell daraus ergeben kann, dort aber sich nicht ergeben wird, wo Praxis als Praxis angezielt wird, bevor man überhaupt weiß, was für eine es denn sei, die eine bestimmte geschichtliche Situation, in der man sich findet, von einem verlange…

Ulrich Sonnemann 1991 (gesprächsweise)

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Geleitwort

Erste Abteilung

Negative Anthropologie Vorstudien zur Sabotage des Schicksals

Vorrede

Rückblick auf System-Autismus und Begriffsverdinglichung

Marx oder die Kanalisierung der Zukunft

Die entdämmte Vergangenheit: Freud

Der domestizierte Heidegger

Kreisverkehr

Athanaton, Studien über Totaltheorie

Exkurs zu Cusanus

Kartesische Erbschaft, Traktat über Freiheit und Welt

Der vermessene Mensch. Exkurs auf die Testpsychologie

Negative Anthropologie als bestimmte Negation aller Möglichkeit widerspruchsfrei positiver

Geschichtskritische Anwendung

Klinische Anwendung

Das Gesetz und seine Furcht vor dem Satz

Utopie und Erkenntnis

Anhänge

Aus: Existence and Therapy

Die Menschenwissenschaften und die Spontaneität (Auszüge)

Aufklärung, stürmisch, mit Wolkenresten

Die Organisation der Wesenheiten

Nachwort 1981

Anhang zur ersten Abteilung

Permanente anthropologische Revolution

Vernunft-Spontaneität und Geschichtsdialektik

Die Aktualität der ›Negativen Anthropologie‹

Freiheits-Philosophie

Verhaltenswissenschaft als Verhalten

Zweite Abteilung

Hegel und Freud

Die anonymen Zwänge

Monade und Polis

Klinische Politik

Gesetz und Geschichte

Krankheit, Geschichte, Krankengeschichte

Veranstaltete Ereignisse

Leidensverwaltung als gelingende Einheit institutionalistischen Stumpfsinns, therapeutischen Widersinns und moralischen Schwachsinns

Nachwort

Anhang zur zweiten Abteilung

Neid. Fragmente einer Rundfunkdiskussion

Editorische Nachbemerkung

Glossar

Personenregister

Fußnoten

Geleitwort

Wie virulent anthropologische Reflexion geblieben ist, zeigt nicht nur der Blick auf aktuelle Neuerscheinungen; nicht weniger demonstriert es die Nachrichtenlage. Fast keine Woche vergeht, ohne daß Gentechnologen Dispositionen menschlichen Verhaltens in Sequenzen humanen Erbmaterials entziffern würden, Neurophysiologen den »Geist« aus biochemischen Kausalreihen aufsteigen lassen wollen. Was als »Menschenwesen« zu gelten hat, wird in szientistischen Begriffen einer Biomacht zugeschnitten, deren definitorischem Zugriff nichts sich soll entziehen können. Anthropologie, naturwissenschaftlich derart instrumentiert, verwandelt sich ins Medium einer Technokratie, die im human engineering ihr fragloses Regime antreten will: gänzlich unbeeindruckt davon, daß bereits der Terminus der »Entzifferung« Begriffe von Schrift und Lektüre unterstellt, die nie unproblematisch sind; und ebenso unbeeindruckt davon, daß jeder Appell an Kausalreihen metaphysische Voraussetzungen gemacht haben muß, die sich ebensowenig von selbst verstehen wie das Gefüge zeitlicher Sukzessionen, in denen sich solche Reihen realisieren sollen.

Umso weniger genügt es, diesen Anthropologien der Macht zum Vorwurf zu machen, ein Unvorhersehbares kassieren zu wollen, das menschlicher Freiheit ihren Spielraum erst eröffnet. Weit davon entfernt, dies als Vorwurf zu verstehen, gestehen sie es von sich aus nicht nur ein, sondern erheben es öffentlich geradezu zum Programm.1 Früher noch wäre deshalb zu fragen, was ihnen diesen Gewaltstreich gestatten soll. Auffallend jedenfalls ist der krude Materialismus, der bald davon spricht, bewußte wie unbewußte Vorgänge seien in zerebralen repräsentiert, bald davon, sie fänden in diesen ihre »Grundlage«; was ja erkennbar etwas anderes ist. Spielt nämlich alle Re-Präsentation im Medium einer Wiederholung, die ihre eigene Ursprungslosigkeit wiederholt; affiziert sie jedes Präsens also mit einer irreduziblen Nachträglichkeit, so herrscht, wo über Gründe und Grundlagen verfügt wird, ein Gestus, der in erste und letzte Dinge eingeweiht zu sein beansprucht.

Wobei, wie stets, die ersten Dinge in letzte gekrümmt werden, um beide mit Gründen auszustatten, die sie sich wechselseitig ausborgen: Irgendwann, so versprechen es die Anthropologien der Biomacht, werde sich in lückenloser Kausalität, abschließend also, gezeigt haben, wie sich Biochemie in Urteilsvermögen, genetische Struktur in menschliche Wesensart übersetzt. Bis dahin freilich müsse man sich mit Messergebnissen zufriedengeben, mit Hypothesen, Analogien, Indizien, Postulaten oder Hochrechnungen, die solche Messungen als vorläufige Abschlagszahlung auf letzte Grundlegungen mit metaphysischen Weihen ausstatten sollen. Tatsächlich gewinnt das Unternehmen des neuesten anthropologischen Szientismus seine Kreditwürdigkeit daraus, den Fälligkeitstermin seiner epistemischen Schulden ebenso zu antizipieren wie unbegrenzt aufzuschieben. Wie der Gott Leibniz’, der alle Zeiten im Nu überblickt, weil er »die unendliche Reihe«2 bereits durchlaufen hat, haben sich diese Anthropologien stillschweigend an jenes Ende der Zeiten versetzt, von dem aus sich Kausalitäten in bruchloser Stringenz allein nachzeichnen ließen; was sich freilich, als Simulation und um sich dem Gespött nicht preiszugeben, ebenso beständig auch verbergen muß.

Klandestin regiert so, im Gestus szientistischer Bescheidenheit und Rechtschaffenheit, die Anmaßung, übers Ganze schon zu verfügen: im Vorgriff aufs Ende jener Transparenz innegeworden zu sein, in der sich Geschichte stillgestellt habe. Der Text, der sich auf diese Weise generiert, ist tatsächlich der einer Retrospektion, die der Beweisführung als erstes unterschoben wird, um sie auf alles Künftige übergreifen zu lassen; einer Manipulation gehorchend, unter der sich Zeit in die imaginäre Größe eines spekulativen Kapitals verwandelt hat: knallhart im Geschäft, soll es heute schon epistemische Rendite auf Kredite des Imaginären abwerfen. Auf seine Form reduziert, so resümiert Ulrich Sonnemann nüchtern, »ist der Befund nichts als der perennische Kontrast zwischen der retrospektiven Erscheinung abgeschlossener Prozesse und derjenigen noch offener, in deren Jetzt und Hier der Betrachter, der in diesem Fall eben mehr als nur Betrachter ist, mit seinem eigenen verwickelt ist«3. So schlagend läßt sich Technokraten der Biomacht auch heute ein Bescheid erteilen, der vor vierzig Jahren bereits erging.

Daran ändert nichts, daß Ulrich Sonnemanns ›Negative Anthropologie‹ ihre Denkwege an durchweg anderen Gegenständen exemplifiziert als denen biotechnologischen Herrschaftswissens. Wohl kaum hätte sich Sonnemann auch vorstellen können, mit welcher Begriffslosigkeit Genanalytiker oder Hirnforscher nur wenige Jahrzehnte später Anstalten machen würden, das menschliche Wesen auf biochemische Funktionen zurückzuführen. Das »zweite Futur« jedoch, das »Es wird gewesen sein«, mit dem eben auch sie hantieren, um im Dickicht der Messergebnisse einer groben Ontologie des humanum zum Durchbruch zu verhelfen, analysiert die ›Negative Anthropologie‹ so trefflich, als wäre sie für die Gegenwart geschrieben. Insofern läßt sich Sonnemanns opus magnum keineswegs nur entnehmen, in welchen Horizonten– und ebenso Aporien– sich eine kritische, revolutionäre Intelligenz im zwanzigsten Jahrhundert zu bewegen hatte, um dem Unerträglichen gerecht zu werden, das heißt: ihm Paroli zu bieten; hier genügt es, die Namen Marx und Freud zu erwähnen, die Sonnemanns Text in immer neuen parabolischen Bewegungen umläuft. Nicht weniger läßt die ›Negative Anthropologie‹ absehbar werden, was seither an Stürzen im Niveau der Reflexion zu verzeichnen war.

Ganz anders, als es ein naiver, sich selbst undurchschaut gebliebener Begriff der re-präsentatio unterstellen will, macht Sonnemann mit ihm ernst. Dieser Begriff spielt auf einen Grund an, der ebensowenig schon einer ist, wie ihm jene Gegenwart einfach präsent wäre, auf die er sich vermeintlich begründend bezieht. Wo sich Kausalitäten linearer Zeitreihen nur konstruieren lassen, indem sie angeschaut werden, post festum also oder im nachhinein, macht Sonnemann auf die Unmöglichkeit aufmerksam, diesen Standpunkt der Anschauung auch nur einzunehmen. Jede Retrospektion entschlägt sich des Augenblicks, in dem sie einsetzt. Seiner wird sie umso weniger inne, als er sich der angeschauten Zeitreihe keineswegs fügt, sondern immer aus ihr herausgesprungen ist. Differenz in ihr ebenso wie Differenz zu sich, ist das »Jetzt« immer schon in sich gespalten, früher als bloße Gegenwart. So läßt es Reflexion und Erkenntnis stets erst im nachhinein zu. Jede Gegenwart ist sich selbst gegenüber verspätet, Re-Präsentation im Wortsinn, weshalb sich Reflexion nur aus einer Differenz der Gegenwart zu sich ereignen kann, die jede einfache Gegenwart sich selbst entzogen hat; wie Sonnemann bereits am Marx’schen Fall hervorhebt: »als Spontaneität, also als Gegenmacht, quer zur Zeit, zu jenem Faktischen, das sein Bewußtsein verschlang, sein Urteil belastete, dem herausfordernden Linearprozeß der gesellschaftlich-materiellen Gegebenheiten«4.

Markant läßt dies nicht nur die Unbeherrschbarkeit der Zeit im Innern anthropologischer Entwürfe lesbar werden, die damit zugleich um jede mögliche positive Bestimmung menschlichen Wesens gebracht werden. Mehr noch stellt es den Begriff »des« Menschen selbst zur Disposition, höhlt es das Programm jeder Anthropologie aus, die im Zeichen eines unvorhersehbar Spontanen nicht zunächst Figuren einer unbeherrschbaren Entgrenzung folgen würde. Nicht nur bricht der Bescheid, das Hier und Jetzt der Reflexion stehe »quer zur Zeit«, mit jeder Anmaßung, einen Zeitpunkt privilegieren zu können, von dem aus in abschließender Retrospektive über Menschenwesen befunden werden könnte; ebensowenig teilt sich der Anthropologie als Disziplin auf diese Weise nur mit, allein als negativ verfaßt möglich zu sein, als Subversion von Wesensbegriffen des Humanen. Mehr noch höhlt eine negative Anthropologie ihren Gegenstand selbst, jenen Begriff »des« Menschen, der dem Humanismus-Programm seinen unüberschreitbaren Horizont hatte vorzeichnen sollen. Tatsächlich kommen positive Anthropologien nirgends »von einem Begriff von Gesetzmäßigkeit los, den sie dem tradierten von Gegenstandswissenschaft, ob nun in ihren aristotelischen Ursprüngen oder ihrer naturwissenschaftlichen Reife, bloß nachentwerfen«5.

Einem Begriff von Geschichte entzogen, der sich aristotelisch ins jeweilige »Nun« aufeinanderfolgender Jetzt-Punkte entspannen sollte, bricht in die Präsenzmetaphysik vielmehr jene anarchische Virulenz einer Zeitlichkeit ein, die Menschenwesen ebenso unbeherrschbar macht wie Versuche haltlos, sie auf Wesensbegriffe festzulegen. Sonnemanns Terminus, der dieser Unbeherrschbarkeit einen Namen gibt, ist das Spontane. Sponte, von selbst, ereignet sich, worüber sich kausal nicht verfügen läßt, da es sich– quer zur linearen Zeit– wesenslogischer Retrospektion entzieht. Begriffe werden seiner nicht habhaft, Bestimmungen seiner nicht inne. Adornos ›Negativer Dialektik‹ ebenso nah wie ihr asymmetrisch, perforiert Sonnemanns ›Negative Anthropologie‹ jede Überzeugung, im Totum dialektischer Vermittlungen sei ein Begriff des Ganzen schon konstruierbar, und sei es der des Negativen. Tatsächlich ließe sich auch darüber nur retrospektiv urteilen, unter Ausschluß jener Differenz des Jetzt zu sich, die sich dem Prozeß als Spontaneität unausgesetzt mitteilt und dessen Kontinuum als Virtualität unterbrochen haben muß, um ihn Prozeß auch nur sein lassen zu können. Nicht zuletzt von hier aus wäre zu verstehen, daß die ›Negative Anthropologie‹, anders nuanciert als die ›Negative Dialektik‹, trotz des geschichtlichen Verlaufs, vor dem sie einsetzt, eine Meditation der Revolution hat bleiben können.

Was diese Revolution verhinderte, war schließlich nicht zuletzt deren Konzeption, die sich im geschichtlichen Prozeßverlauf dem Horizont eines schon ausgemachten Humanum unterwarf. Mit äußerster Kühnheit antizipiert Sonnemanns Opus eine strukturale Lektüre, die den Marx’schen Humanismus dann ebenso als Ideologem durchschaubar werden ließ. Mehr noch macht eine negative Anthropologie absehbar, was den Prozeßbegriff, dem er entstammt, selbst zur restaurativen Größe werden ließ, die vereiteln half, worauf er aus war. Tatsächlich wird, wo dieser Humanismus den Menschen sich selbst zum Gegenstand macht, den er sich anzueignen habe, oder wo er sich ein »Bild« dieses Menschen entwirft, dem der sich anähneln müsse, mit der Vergegenständlichung des Menschen keineswegs selbst schon gebrochen; »wovor dies Denken haltmacht, ist die Gegenständlichkeitskategorie. In dieser, die neu durchdacht werden müßte, reflektiert sich schon das Habenwollen, ein kartesisch sich bestimmender, noch zu untheoretischer Anspruch auf Macht, der das Unterworfene selbst verfremden muß.«6 Auf Gegenstände verwiesen, wird dem Prozeß extrahiert, was ihn als revolutionären erst möglich gemacht hätte: jene Spontaneität, die ihn einem teleologisch verfügten Vorgriff der Apparate hätte entziehen können, unter dem sie folgerichtig erstickt wurde. Wenn dem revolutionären Vorhaben die eigene Konterrevolution also von Anfang an eingelassen war, so unter Einwirkung einer undurchschaut gebliebenen Figur Hegels, dessen zweites Futur als Kanalisierung des Künftigen zur erdrückenden Erbschaft des revolutionären Vorhabens selbst wurde.

Durchweg analog erging es der Revolution, die sich im Denken Freuds abzeichnete. So sehr sich die Analyse in Techniken der Übertragung Zugang zum Unbewußten verschafft, so sehr verzeichnet sie als Widerstand des Analysanden, worin dessen Sprechen sich dem analytischen Zugriff entzieht. »Freud sagt ständig bewußt, wo die Selbsterfahrung der Person kontrolliert und kalkuliert sagt, unbewußt, wo sie spontan sagt; sein Ich, alleiniger Bewußtseinsträger, ist ein typischer Funktionär, der sich in eine Diplomatenkarriere versetzt sieht, von mißtrauisch mürrischer, nur auf Sicherheit bedachter bürgerlich melancholischer Grundstimmung.«7 Daß sich in dem, was der Analytiker als Widerstand registriert, anderes aussprechen könnte als dieser Widerstand, ein Von-Selbst, das analytische Dispositionen unterläuft, wird in dieser Anordnung harsch abgewiesen. Mehr noch: Wo solcher Widerstand sich artikuliert, gerät dies dem analytischen Verfahren zum Indiz, den neuralgischen Punkt umso präziser getroffen zu haben. Inquisitorische Züge eines Geständniszwangs, wie sie der Diktatur eines Zweiten Futur unveräußerlich sind, kehren umso zwanghafter wieder. Das analytische Verfahren, zur Funktionärstechnik geworden, bricht sich selbst die Spitze.

Unschwer läßt sich erkennen, worin die ›Negative Anthropologie‹ Versuchen einer Engführung von »Marx und Freud« nahesteht, wie sie von Herbert Marcuse und anderen Autoren Kritischer Theorie unternommen wurden. Dort jedoch bestimmte ein eher substitutives Verfahren die Ausarbeitung; sollte ein Rekurs auf psychoanalytische Einsichten einem objektivistisch gewordenen »Marxismus« erstatten, was ihm an Subjekt-Bestimmungen entzogen worden war, und so dessen Dialektik wiederherstellen. Insofern verfährt Sonnemanns Aushöhlung anthropologischer Bestimmungen ungleich behutsamer wie radikaler zugleich. Nicht so sehr auf einer wechselseitigen Ergänzung insistiert sie als auf Figuren einer Kritik, die sich chiastisch kreuzen. Der analytische Solipsismus unterliege, schreibt Sonnemann, »der Marxschen Ideologiekritik, so wie das Unfreie am historischen Notwendigkeitsglauben der marxistischen Lehre, der das Menschliche manipulieren will, der Mechanismuskritik Freuds unterliegt«8. Im Horizont oder Fluchtpunkt einer wechselseitigen Destruktion könnte das sponte dessen, was menschliche Virtualitäten quer zur Zeit situiert, möglicherweise neu Atem schöpfen, seine Geschichte sich in anderen Volten schreiben.

So unwahr es deshalb ist, daß die Gegenstände einer negativen Anthropologie einfach einer versunkenen Epoche angehören, so sehr viel unwahrer bliebe noch, man könne zurückfallen hinter das, was Sonnemanns opus magnum in ihnen freilegte. Marx und Freud signierten im zwanzigsten Jahrhundert, wie unwillentlich immer, die Heraufkunft zweier mächtiger Bürokratien, deren implizite Metaphysik die ›Negative Anthropologie‹ minutiös nachzeichnet wie subvertiert. Noch dort haben sie ihre Spuren hinterlassen, wo niemand sich ihres Namens mehr erinnert. Und auf nicht weniger zielt die ›Negative Anthropologie‹ als die Destruktion ontologischer wie instituierter Mächte, unter denen Menschenwesen einer Zwangsvollstreckung historischer Notwendigkeiten einerseits, einem Geständniszwang ihres Begehrens andererseits ausgesetzt werden. Nicht zuletzt aber waren Begriffe »des« Menschen, anthropologische Wesensbestimmungen also, von solchen Techniken deshalb selbst noch affiziert. Und dicht führt Sonnemann an eine Gegenwart heran, in der die Frage, wie in der »Leere des verschwundenen Menschen« (Foucault) zu denken sei, von unberuhigter Virulenz geblieben ist; dies ja nicht, um das Humanum desto lückenloser ins Gefüge eines vermeintlichen Schicksals zu sperren.

Daß jede Verwandlung des Menschenwesens in einen Gegenstand, dem sich die Anthropologie dann zu widmen habe, aus der Retrospektion einer re-präsentatio hervorgeht; daß sie also stets zu spät kommt, um wahr zu sein, oder aber zu wahr ist, um der Unverfügbarkeit des sponte gerecht werden zu können, bleibt den Systemen unveräußerlich eingelassen. In sich und zu sich selbst aus jedem Mittelpunkt vertrieben, von dem aus sie ihrer selbst innewerden könnten; von einer Alterität gezeichnet, die sich wesenslogisch nicht fassen läßt, sind Menschenwesen viel eher einander exponiert– sich wie anderen. Hier allerdings fehlen die Begriffe oder müssen ihre Schwäche einbekennen. Nur deshalb kann der Schwindel der Termingeschäfte, mit denen neueste, biotechnisch instrumentierte Anthropologien auch in diese Lücke stoßen, in eine Situation treffen, die durch eine bestimmte Wehrlosigkeit charakterisiert ist. Gewiß korrespondiert sie auch einer Schwäche der Philosophie, die überdies jeder Wachsamkeit enthoben zu sein scheint, Geistesgegenwart vermissen läßt, selbst wo es um ihre Angelegenheiten geht. Tatsächlich »ist auch das Denken der Technokraten nur Variante von Ontologie. Mit seiner leichteren Eingängigkeit, die durch die Kälte seiner Erkenntnispose qua Katastrophenerwartung bestrickender wird, folgt es unmittelbarer praktischen Interessen, präsentiert die zunehmende Selbstentmachtung menschlicher Autonomie als Gewinn.«9

Dieser Selbstentmachtung allerdings böte ein Denken, das am leeren Ort des verschwundenen Menschen einzusetzen hätte, uneinnehmbaren Widerpart. Fluchtlinien einer negativen Anthropologie forcierend, die ihren Gegenstand im sponte seiner selbst entgegenständlicht, hätte dieses Denken die Technologien zu kartografieren, aus denen das »menschliche Wesen« als technologisches Konstrukt auferstehen soll, um auf diese Weise eine bestimmte Geschichte der Metaphysik zu beerben. Doch wo dieses »menschliche Wesen« über sich schon nicht verfügt, gerinnt jeder Versuch, es verfügbar zu machen, zum gleißenden Trugbild; teilt es insofern auch die Schicksale der anderen Menschenbilder bis heute. Stets gehen sie mit Gewalten einher, die ihre Kohärenz sicherstellen sollen. Der zeitliche Bruch aber, die Ungleichzeitigkeit, die jedes Jetzt von sich gespalten hat, um es mit den Virtualitäten des Spontanen aufzustören, kreuzt diese Anordnungen mit Unverfügbarkeiten, Unvorhersehbarkeiten, die uneinnehmbar bleiben. Der Gestus, sich wie Gott ans Ende der Zeiten versetzt zu haben, um im Vorgriff auf sie Künftiges determinieren zu können, ist Hybris. Längst zerfiel mit dem Bild dieses Gottes auch das des Menschen. Oder wie Ulrich Sonnemann zu bedenken gab: »In der Rede vom Menschenbild, das daher auch immer verwackelt, zittert noch die Furcht vor dem Gott nach, dessen Bild sich die Menschen, um in chimärischer Einhandlung einer wirklichen Her- für eine mögliche Zukunft sich nach seinem von ihm schaffen zu lassen, nach ihrem schufen, und in dem Bild das Gekräusel des Wasserspiegels, worin Narziß es erschaute.«10

Hans-Joachim Lenger Hamburg, im April 2010

Erste Abteilung

Negative Anthropologie

Vorstudien zur Sabotage des Schicksals (11969, 21981)

»L’imagination au pouvoir!«

Parole der Pariser Studenten, Mai 1968

Vorrede

und einleitender Rekurs auf den vierfachen Sinn von Bestimmung. Verhältnis der anthropologischen und Sozialwissenschaften zur Philosophie

Die Geschichte, an der mit unverminderter Ausdauer die Verdecktheit ihrer Anfänge auffällt, hat auch von je, ohne daß es aufgefallen wäre, Anfangendes in sich selber verdeckt: wenn dieses geendet, zu fixierter Gestalt sich geschlossen hat, riegelt es selbst auf die Freiheit, in der es in seiner Frühe spielte, den Blick ab. Da das Spiel in die Geschichte nicht eingeht, will sie auch das Maß, in dem sie aus ihm hervorgeht, nicht wahrhaben; projiziert das Späte ihres eigenen Rückblicks, der alles, nur nicht sich selbst, reflektieren will, in den angeschauten Prozeß, der dann als zwanghafte Verkettung von Gewordenheiten, Tatsachen vor uns hintritt. Die Unablösbarkeit solchen Rückblicks vom rückerblickten Zwang springt ins Auge; noch seine Vorstellung, die ihn ins Künftige weiterdenkt, muß nach der Art zweiter Futura immer aus diesem schon auf ihn zurücksehen; der Rückblick selbst ist das Zwingende, das er an dem, worauf er gerichtet ist, registriert. Da er demnach selbst durchschaubar ist, kann er auch das absolute Recht nicht haben, das er beansprucht; als Erkenntnisverhalten, zu dem es Alternativen gibt, schränkt er die Endlosigkeit des Anspruchs mit seiner eigenen Endlichkeit ein. Er selbst ist geschichtlich, Anthropologicum, Erscheinung unter vielen Erscheinungen, und gerade da er recht hat, wird er es zuletzt nicht behalten: die Hinfälligkeit der Erscheinungen, wieso sollte von diesem Durchgängigen die seine gerade ausgenommen sein, stellt er klar.

Der Frage, was ein Werden wäre, das nicht zuallererst ein Werdenwollen ist, weicht er aus; da Teleologie, als immanentes Prozeßprinzip supponiert, nur ein mythologischer Lückenbüßer für das ist, was am kausalen nicht aufgeht, übersieht man nun auch das Telos, das seiner Anstellung zum Kausalitätsersatz sich so entzieht, daß es der Verrechnungen spottet: auf verwickeltere sowohl als auch schließlich auf einfachere Weise mit den unbewußten Voraussetzungen eines sich absolut setzenden Kausaldenkens in Konflikt kommt als traditioneller Erkenntnistheorie auch nur in ihren Fragestellungen zu denken gelang. Es ist dasjenige des Spiels– der Kinder, der Sprache, des Zufalls– und wenn gewiß sich auch dieses noch, als Erscheinung innerhalb von Zeit, im Prozeß befindet, so doch nur wie das Holzpferd– das die Achäer herumstehen ließen– in Troja: was zur Nacht aus ihm steigen wird, sieht man seiner Erscheinung nicht an, wie genau man es auch gewußt haben und in seiner Notwendigkeit einsehen wird. Es geht nicht um diese, die für alles Geschehen, insofern es schon geschehen ist, gilt, sondern um das Irreführende der Anwendung ihres Begriffes auf das je gerade noch nicht Geschehene: sie verleitet dazu, sich dieses nach Erfahrungsmustern, die die Vergangenheit bietet, zu denken, statt nach der Erfahrung der Distanz, daß diese Halt versprechenden Modelle auch ihrerseits schon immer vergehen: langsamer als die Verhältnisse zwar, an deren handgreiflicherer Vergänglichkeit auch noch diese Erfahrung gemacht wird, aber neuerdings selbst schneller werdend; welche Beschleunigung sich des Widerstands gegen ihre Wahrnehmung zu ihrem Vorteil bedient.

Die Struktur dieses Falls wird am amerikanisch-vietnamesischen Krieg offenkundig. Seiner Nichtigkeit überführte er den Instrumentalismus eines Bewußtseins, das als kalkulierende Selbstinventur seiner positiven Gegebenheiten keines ist. Daß dort erst das Denken anfangen kann, wo das Gedachte in das, woran man gerade gar nicht gedacht hat, hinüberreicht: Praxis selbst, die aus dem Denken keimt, so transzendent wird wie Transzendenz, die so lange Beschwörung war, Praxis, erhärtet der gedankenvolle Widerstand des seinen Feind soviel besser als er es längst verstehenden kleinen Volkes: der Zusammenbruch des amerikanischen Weltentwurfs, der weit buchstäblicher einer war als je einer in den Blickfeldern existentialistischer Terminologie. Mit der Zuverlässigkeit jener Daten einer manipulistischen Menschenverachtung, als die so unstrittig wie entsetzlich die Menschen durchaus figurieren können, so daß sie es zu weitgehend auf dem Handteller von Madison Avenue wirklich tun, ist es solange etwas, wie sie in ihrer Mehrheit sich als Daten, anstatt als Menschen, verhalten: daher scheitert eine Praxis, die aus dem Positivismus hervorgegangen ist, an Kulturen, die das Denken nicht abgeschafft, sondern an ihm gerade ihre Lust, das Kriterium der Identität ihrer selbst und ihrer Individuen haben. Da das Bewußtsein anthropologischer Theorie es mit Objekten, die potentiell oder aktuell selbst Bewußtsein tragen, zu tun hat, zerbricht es an ihnen, wenn es selbst unter die Reflexionsstufe, auf der jene existieren, zurückfällt; ja begreift dann am Ende noch nicht einmal den Geist, dem es gleicht: wie könnte es von diesem, wenn es mangels Fassungskraft für das, was auf deren andern Seite vor sich geht, dessen Grenze nicht erkennt, einen Begriff haben? Das Suggestive der Menschenmanipulation, wo man durch seine pädagogische Unterernährung das Denken so schwach hält wie möglich, was sich auf den Positivismus der amerikanischen Psychologie, ihre so freimütige Anwendung, nicht beschränkt, hat dort, wo jene die Szene beherrscht, auch für die Bestätigung, die als ihre Bewahrheitung erscheint, ihrer jeweiligen Theorie selbst schon vorgesorgt, und so ist die Bewahrheitung zwar nur Schein, der Schein umso mehr aber seinerseits objektiv, eine Tatsache. Wo dieses Wirkliche, dessen Wesen Verdummung ist, dem allgemeinen Bewußtsein den Horizont setzt, schwächt es dessen Träger, wie sich zu zeigen nur erst anfing, geschichtlich; wo er mit einem ganz anderen Menschentum, das in der Berechnung nicht aufgeht, zusammenstößt, wird die böse Überraschung begreiflicherweise nicht ausbleiben. Die Manipulation erhält sich davon, daß sie das, wovon sie zerstört würde, könnte es unverführt von ihrer Spekulation aufs Massenhafteste, das Ich, sich entfalten, in ihren eigenen Dienst zwingt: von der Konsum- bis zur Kriegsanheizung rechnet sie mit einer Kindhaftigkeit, die gern spielt. Daß diese einerseits im Erwachsenen überlebt, keineswegs selbst als ein Atavistisches, sondern als Bedingung von Menschlichkeit, anderseits dessen Ich gerade das Spiel nun um seine Wahrheit betrügt, es um seinen Ernst, sein Engagement bringt, es seinem Gegenprinzip, dem Kalkül, überantwortet, zeigt nicht nur das Unerwachsene, Durchgangsstadienhafte am Ich, seine phylogenetische Hinfälligkeit, die die Frage nach dem Verhältnis von Geschichtszukunft und Entwicklungsgeschichte neu aufwirft; es weist auch je ontogenetisch auf die Schlüsselposition hin des Spiels selbst. Sie, von der ausgegangen wurde, wird wie nie zuvor geschichtlich aus dem einfachen Grunde jetzt wichtig, daß sich für eine Situation, die immer weniger Erfahrungspräzedenzen hat– bis es komplexere Verhaltensmodelle, die noch Verläßlichkeit beanspruchen könnten, nicht mehr gibt–, wenigstens ein Präzedens findet, das sie auf soviel einfacherer Entwicklungsstufe und in so perennischer Wiederkehr je vorwegnimmt, daß nur Steigerung von Reflexion es der Erinnerung zurückrufen kann. Solche Steigerung heißt, daß die Vernunft über ihre Adoleszenz endlich hinauswill, ihr ihre Kleider zu eng wurden; und sie jetzt andererseits, wie es dieser Stufe entspricht, gerade ihren Anfang wieder heraufrufen darf, der ihr jenes Analogmodell vorführt. Ungesondert ist im Spiel des Kindes, das noch keine hat, das Machen von Erfahrungen vom Tun seiner utopischen Phantasie: will Geschichte selbst, wie sie es werden muß, wenn sie unter den Bedingungen, in die sie jetzt eingetreten ist, nicht wesenlos aufhören, im Universalsuizid enden soll, experimentell werden, muß Vernunft selbst zu spielen anfangen: von ihrem bisherigen Begriff ihrer selbst und ihres Korrelates sich lossagen, des immanenten Weltgesetzes: in Geschichte, vielleicht in Natur.

Verhaltensbilder des Erwachsenenalters sind vorweggenommen in den Spielen der Kinder; in denen der Sprache, was geschichtlich sich verwirklichen will. Da es welche sind, tut man sie als Zufälle ab; achtet, erschließend oder erschauernd, auf die Divergenz mehr der Wurzeln von Sprache als die Konvergenz ihres in Zufallsspielen, über die eine zukünftige Wahrheit Regie führt, sich vollziehenden Wachstums. Es kann eine utopische, kann auch eine kritische sein. Das Graben nach den Wurzeln, das dort, wo mit der Dunkelheit, in die sie gesenkt sind, mehr kokettiert wird als aufgeräumt, zu einer unverbindlich sinnierenden, philologisch selten stichhaltigen Grübelei wurde, prägt dem Erforschten den Schein auf, seine eigene Wegrichtung kehre die der Prozedur einfach um, die es insistent dazu verhält, sich vor dem Argusblick ihres Kausalismus, dessen Rechnung ja aufgehen muß, zu verantworten; wobei die Begrifflichkeit des Kausalismus, der auch im Seinsgeschick noch anwest, wo ihn Lautverschiebung nicht befriedigen kann, keine Rolle spielt und nur das Zukunftsspiel übersehen wird, dessen Einschneidendes gerade zu alter Zeit sehr viel mächtiger gewesen sein muß als zu heutiger, wo die Selbstkontrolle der fixierten Sprache manchen traumsprachlichen Regungen widersteht. Sie zeigen sich dennoch, werden als die Kinderei, die sie ausdrücklich sind, bestenfalls belächelt; intensiviert bleibt der Gedanke zurück, daß es Zeit wäre, Geschichte selbst aus der Perspektive der Kinder zu schreiben, die zu Babylon und Rom, Tenochtitlan und Litzmannstadt, in ihr großwurden. Dem Professionalismus der Philologie, gleich ob sie mehr faustisch verfährt oder mehr Famulus Wagnersch, fällt das tot im Totalen, Totalitären, nicht auf; Heideggersch gesprochen, denkt er so daran schon immer vorbei wie justament in einem solchen Fall, da er doch nicht ernst zu nehmen ist, Heidegger selber. Der Jargon der Eigentlichkeit hätte nicht entstehen können, wenn es gerade mit dem Eigentlichen Heidegger ernster genommen hätte, das die Zerstörung des falschen, durchhorchbaren Erwachsenenernstes: der Jux ist, der ihm nun beikommt, sich in seiner Angeregtheit durchs Archaische für seine Sprache so empfänglich nicht zeigen würde, wäre sie ihrerseits es für ihn gewesen, während sie im Bann des Archaischen ihn gegen ihre Reflexionspotenz übersah. Daß das genannte Zufallsspiel seinen Auftritt in der Sprache macht, in der man mit beidem: dem Tod und dem Ganzen, am ausgiebigsten sich beschäftigte, leuchtet ein; ohne Abdunkelung gegen solche Schlaglichter, die seit der Verdrängung, die seine Verinnerlichung war, des Nazismus daher selber total wurde, hätte man bei beiden Beschäftigungen zu mehr Zurückhaltung sich gezwungen gesehen. Inzwischen ist die phänomenale, die geschichtliche Bewahrheitung reichlich da: daß das Totum, insofern seine Vorstellung die Abgeschlossenheit eines Faktums heraufbeschwört– es nicht bestimmt, wie seine Umdeutung (auf die der Text zurückkommen wird) es bestimmen kann: als durch verändernde Praxis, die es dann nicht mehr im Mund führt, erst Werdendes–, eine Beziehung zum Tod birgt. Die Beschwörung dieser Zweieinigkeit durch die Ideologen des zweiten Völkermords hat sie überdauert; daher verbraucht sie zwar weiter, wie ihre frontstädtische Mutation zeigt, Beschwörungen, braucht das explizit Totalitäre aber nun nicht mehr, um so tödlich total zu sein wie sie sich dort, wo sie auf ihre Kritik stößt, herausstellt.

Die Verfallsform des bürgerlichen Bewußtseins, die nirgends deutlicher als in Berlin ist, dessen kritischer Witz dabei selbst sich verflüchtigte, hat sich eingeschliffen. Sie ersteht in der Gestalt der institutionalistischen Aggression: das Handgreifliche an ihrer Übermacht, deren Mittel fast grenzenlos sind, ist absurd. Während die naturwissenschaftliche Technik eine Utopie nach der andern verwirklicht, kleben die Menschen an bestehenden Verhältnissen ihres Bewußtseins und ihrer Gesellschaften nun mit einer Ohnmacht, die so vertrauensvoll sich der Macht unterstellt wie ein unberatener Wanderer einem alleinstehenden Weidenbaum, wenn es blitzt; die Diskrepanz zwischen dem Verhängnis, das in den kainitischen Affekten eines eifernden, militant gewordenen Immobilismus liegt, und dem Geringen an Kraft, das schon jetzt gegen ihn eingesetzt werden kann, wird bedrohlicher, die Zeitspanne, die bis zum dritten Weltkrieg verbleiben mag, treibt die reflexiven Minderheiten zu einer Hast, die ihrerseits die Reflexion, von deren Genauigkeit alles abhängen muß, nicht begünstigt. Ihre Chance ist nicht hoffnungslos, aber schmächtig, sie bedarf, soll sie überhaupt eine bleiben, in gewissem Grad auch des Glückes. Der Immobilismus hat die größere. Insofern gilt sehr Ähnliches für den Tod als Implikat des kompletten Aufhörens autonomer Veränderung eines Menschen und Tod der Gattung durch Kernwaffen als dasjenige ihrer perfektionierten Kontrolle.

Entgegensteht der Bedrohung, was von Südostasien über Berlin bis Lateinamerika, nicht länger unter Aussparung der versteinerten Struktur Osteuropas, sich an menschlichem Widerstand gegen unmenschliche Verhärtungen regt, Sabotage am Schicksal treibt, strategischerweise nach den Weisungen der Situationstopologie je verschiedene. Gerade weil der Institutionalismus in allen seinen Reichen, mit ihren sehr verschiedenen Institutionen, noch verschiedeneren Instituiertheiten der Kultur und der Wirtschaft, der gleiche ist, wurzelt er nicht in diesen, sondern in den Menschen, ruft nach permanenter anthropologischer Revolution– Mobilisation des Bewußtseins, Umwälzung von Kopfgebräuchen, Verhaltensweisen, Änderung der Gesellschaft, schrittweisem Abbau des Staats, Abschaffung, mit der der Ausbeutung, auch ihrer im Abendland jetzt vorherrschenden erniedrigendsten Spielart, der Selbstausbeutung, Durchsetzung von Humanität durch sich beschleunigende Entfaltung und pädagogische Verbreitung ihrer Modelle; den Ruf selbst aber sabotiert noch, paradox, was seinem Spontanen im Weg steht, progressive Theorie von gestern, die diesem keine Unterkunft gibt, da sie faktisch progressiv, wie das Studententum überall erfährt, nicht mehr ist: entweder zum bloßen Schmierdienst des adjustment an die Dynamik ungerechter Interessen wie die Psychoanalyse in Amerika wurde– nicht weniger als seine Fachpsychologie, die zur theoretischen Aufbereitung von Techniken des human engineering entartete; oder zum Meßdiener des Kulturimmobilismus wie längst der Marxismus in Rußland. Dieser Sachverhalt hätte sich nicht ergeben können, hätten es die Wahrheiten, die mit Marx und Freud selbst schon für das Bewußtsein gewonnen sind, gar nicht zugelassen; daher fängt jetzt Revolution mit einer Aufdeckung ihrer Irrtümer an, die dann der Wahrheitsspur ihres Komplementären folgt: das nicht minder als ihre Wahrheiten auf die Anfänge beider Lehren in der Ideengeschichte unseres Landes im neunzehnten Jahrhundert zurückgeht und als ein inneres Zuordnungsverhältnis sich bei dieser überfälligen Unternehmung herausstellt, das nach seiner Bewußtmachung und Kritik ruft. Da dieses Verhältnis selbst dialektisch ist, muß Reflexionsarbeit, die es durchschaut, es erst recht sein: zu unanalytisch ging das Existenzdenken an den Verwundbarkeiten beider Determinationslehren vorbei.

Was an seiner Kritik an ihrer Art, vom Perennischen oder Prozessualen her Theorien menschlicher Wirklichkeit zu entwickeln, sie auf Triebkonstanten zu begründen oder auf Ablaufgesetze von Geschichte, schon wahr war, ruft nach einer Überprüfung dieser Wahrheit, die sie in einem und dem gleichen Akt sowohl klären muß als auch im Objektiven selbst ansiedeln. Gemeinsam ist beiden theoretischen Zugriffen, Denkweisen, eine verständliche Unverständigkeit, Blindheit, gegenüber Spontanem: methodische Abriegelung gegen ihr eigenes Spiegelbild im Sujetbereich, das doch dort gerade nicht erscheinen darf, da es das Machtmonopol eines Erkenntnisanspruches, der sich posthegelisch wie postkartesisch noch gleich absolut setzt, zerbräche. Während auf ihren herrscherlichen Objektivismus, der objektiv genug gerade in diesem Punkt also nicht sein kann, die Rückbesinnung auf die Existenz keine der Erkenntnissituation gerecht werdende Reaktion war, blieb sie unangemessen auch ihrem eigenen Impuls zuletzt, der auf dessen Unangemessenes antwortete: verfehlt blieb bei Sartre wie nicht weniger in der Anthropologie des Freundes Freuds und Adepten Heideggers, Binswanger, daß der Aufstand gegen das Schicksal in dessen neuerer Mutation zur hypnotischen Objektivität deterministischer Bestimmungen durch diese selbst nur dann nicht einholbar ist, wenn die Vorgeformtheit dieser Theoreme in spontanen Theoriebildungen jeder unzulänglichen Selbstreflexion voll durchschaut wird, die als Neurose zuletzt sich in ihrer eigenen Kreisbahn bewegt. Ist dieser Zusammenhang einmal erkannt, kann man nicht mehr, mit Binswanger, den Freudschen Naturbegriff zwar in seinen Grenzen sehen und über diese hinaus ›fragen‹, in ihnen selbst ihn aber ungesprengt lassen; nicht mehr, mit Sartre, die existentielle Entscheidung der Herrschaft des Marxschen Geschichtsbegriffs zwar entziehen, ihn außerhalb dieser Reservation aber schließlich zu unrevidiert gerade in seinem anthropologischen Aspekt übernehmen. Was in beiden Fällen voneinander geschieden bleibt, ist in der Wirklichkeit der Existenzen und Gesellschaften ineinander verschlungen, eines durch das je andere sich selbst erst erschlossen, vermittelt. Es gibt, wie keine existentielle Entscheidung unabhängig von den Verhältnissen der Gesellschaft: keineswegs nur der Situation nach, in der man sich befinden mag, auch der Wahl, keine Änderung dieser Verhältnisse, des über sie und in ihnen je Entscheidenden, ohne daß die Menschen sich änderten, ihre Autonomie also, statt sie von ihr, schon ihrerseits von ihnen jenen Gebrauch machte, der zwar Entscheidung, auch existentielle ist, aber eine, die um ihre Existentialität sich nicht kümmern wird, denn ihre Aufmerksamkeit ruht auf der Welt und ihr Schauplatz ist nicht das Ich, sondern die Geschichte. Es gibt, wie kein Weltverhältnis eines Menschen unabhängig von den Bedingungen seiner Naturwüchsigkeit, keine Bestimmung seiner Natur, deren Determinatives nicht ein versteckt Dezisives wäre und deren Definitives also nicht destinativ werden müßte, wenn man in diese Verstecktheit nicht einbricht und das die Dezision treffende Weltverhältnis dann schon dort entdeckt, wo nach der Bestimmung Natur herrscht. Das Komplementäre der Irrtümer des Objektivismus dauert durch das Existenzdenken hindurch fort, das von der Stunde seiner Geburt aus einer Phänomenologie an, die sich von Kierkegaardschem Geist hatte begatten lassen, doch mit dem Auftrag in die Welt gesetzt war, dem Objektivismus gerade den Garaus zu machen: so gut kann Rebellion gegen elterliche Autorität sich verborgen halten. Die Irrtümer des Objektivismus werden nur in diesem Stadium verschleierter, ihr Pendantverhältnis selbst unauffälliger, weniger definierbar; vermittelter.

Der variable Sinn des Wortes Bestimmung, den eine Anwendung dieses schillernden, seiner vierfachen Begrifflichkeit, gerade zeigte, ist mit der ganz andern Art Bedeutungsvarianz, für die im Fall des Wortes nichts die Alternative steht, es groß oder klein zu schreiben, nicht zu vergleichen: es bedarf zur Wahrnehmung des Verhältnisses, in dem die vier Bedeutungen zueinander stehen, weder eines Akts spekulativer Willkür wie sie in dem andern Fall Heidegger übte, um ihr ontisches Verhältnis, die Genesis des groß aus dem klein Geschriebenen, ontologisch gerade ins Gegenteil zu verkehren, noch eines philologisierenden Nachgrabens: das Gemeinsame an den Varianten ist auch in der erheblichen Divergenz ihres heutigen Begriffsverständnisses noch präsent. Nicht nur historisch ist die dezisive die früheste, ihr Gehalt hat auch assoziativ an der Erfahrung der drei andern noch teil. Was daraus erhellt, ist das Willensmoment am Fall des definitiven Gebrauches, das auf den Status von Erkenntnis als orientierend-ordnende Praxis verweist, und die Projektion dieses Momentes in supernaturale Macht und in naturale in den beiden andern Gebrauchsfällen, wo das Wort Destination und Determination meint. Da in den letzteren beiden Fällen der Gebrauch von Bestimmung theoretisch gegen menschliche Autonomie steht: nicht das Maß ihrer Verwirklichung im Einzelfall, aber ihr Prinzipielles, stellt eine Reflexion auf die Abhängigkeit solchen Begriffsgebrauchs von der semantischen Dokumentierung gerade der Selbsterfahrung von Autonomie den Gebrauch auch in Frage; beantwortbar aber ist diese nur, wenn Theorie, wie es die erstberührte Verweisung will, sich selbst schon als Praxis, tätige Orientierung begreift, Teilnahme am Geschehen, die erkennt, umdas Erkannte zu ändern: so daß sie des Destinativen Herr würde durch ein solches besseres (also theoretischeres) Verständnis gerade der Angewiesenheit determinierender Konditionen auf den Glauben an ihre Unwandelbarkeit, daß ihr Absolutheitsanspruch sich erledigte, selbst als unerfüllbares Postulat einer sich nicht ahnenden Metaphysik jeden Reiz verlöre. Mit der Entdeckung– im organischen Prozeß selber– von Informationsgeschehen, Prinzip einer sich einspielenden Regeltechnik, veraltet der tradierte Naturbegriff, der als Säkularmutation der Omnipotenz das Bestimmende am Determinismus gewesen ist, das Moment mythischen Überrestes, das dem Fatalismus ihn anglich; mit der Anwendung der Regeltechnik selbst– in abzusehenden Entwicklungen einer ihm überlegenen Konkurrenz– dann der Apparat, also auch der altmaschinenartige, in Institutionen sich verewigende Menschentypus, der ihn bedient. Es bleibt dann kein Vorwand für Herrschaft, der mit dieser selbst nicht durchschaut werden könnte, also gebrochen: gegen Solidarität, die mit Theorie sich verbündet hätte, käme der Manipulismus ökonomischer Interessen– wenn sie vollständig erst durchschaut hat, was er anthropologisch voraussetzt– nicht an. Daß Anthropologie nur in einem theoretischer und praktischer wird, heißt gerade nicht, daß sie Entwurf einer Technik wird, denn auch weiter wären deren Material Menschen, die sie nur unmenschlicher, da verläßlicher, noch bei ihrer Schwäche, Manipulierbarkeit nähme; sondern Quellbereich einer Reflexion wird, die bei ihrem Potential als Entdecker der Vergnügungen des Denkens sie nehmen kann– mit dem Ansteckenden ihrer Modelle gerade den Techniken von Menschensteuerung widerstünde.

Da diese Zielsetzung utopisch ist, bedarf sie zu ihrer Vermittlung einer analytischen Topologie ihres Weges; und da ihr Gegenstand in der Zukunft liegt, Anthropologie solcher Art den Menschen (gerade wie er ist) als Projekt, nicht in sich selbst aufgehende Gegebenheit– deren geschichtsblinde Inventur seine Geschichte selbst sistieren muß– auffaßt, ändert sich für diesen Fall die Bestimmung von Wissenschaft selber. Indem sie allerdings es mit dem Gegebenen, sowohl der Menschen, wie sie sie findet, als auch der Wissenschaftsdoktrinen, die sie betreffen, zu tun hat: wobei die letzteren sich ihr in ihrer Hinfälligkeit, daher mindestens so sehr als Manifestationen der ersteren zeigen wie als produktive Ansätze zu theoretischer Rechenschaft über sie: die dann nicht nur, aber vor allem, durch die Struktur gerade ihres Scheiterns, der Problematik, die es aufdeckt, auch weiterführen, kann sie sich als positive Wissenschaft selber nicht länger verstehen. Das paradoxe Implikat des Positivismus im menschenwissenschaftlichen Bereich ist gegen seine Vorsätze ein unkritischer Apriorismus: seine Insistenz darauf, auch im Bereich der anthropologischen und Sozialwissenschaften dürfe nach naturwissenschaftlichem Modell nur strenge Erfahrungswissenschaftlichkeit zählen, verrät diese selber im Ansatz, da es schon die erste Erfahrung, die seinem Prinzip nach seine Aufmerksamkeit beanspruchen darf, ignoriert: daß Menschliches den Menschen derart anders als die bloßen res extensae gegeben ist, daß diese Andersartigkeit sich nicht darauf beschränkt, die Gegebenheitsweise bloß zu modifizieren. Vielmehr läßt sie deren Begriff nur als Erfassung eines Grenzfalles zu, dessen außerordentliche Verbreitung heute darüber, daß er einer ist, noch hinwegtäuscht. Solche Scheinevidenzen, die ihre kritische Interpretation erst zu wirklichen, nur ganz anderen machte, liefert jede Art Situation, in der die Menschenobjekte wirklich schon welche sind, auch als solche erfaßt, in ihren angelegten Möglichkeiten umso weniger, mangels Maßstäben für diese, aber erkannt werden– wobei der Forscher und Theoretiker immer ihnen in einer herrscherlichen Funktion, wie in Anonymität sie sich auch verborgen halte, entgegentritt. Als anthropologisch ist also auch hier, ja gerade hier, immer noch die Gesamtkonstellation zu bestimmen, die zwischen der Theorie und ihrem Gegenstand waltet; während nach deren eigenem Anspruch diese Konstellation selbst ihr Gegenstand sein, ihrem eigenen Standort mit solcher Entschiedenheit äußerlich sein müßte wie einem archimedischen Punkt, als dessen unabhängiger Positionsinhaber sie sich unentwegt geriert und nie ausweist. Wie könnte sie es? Ihre eigenen Bedingtheiten reflektiert sie nicht: die flüchtigste Probe auf ihre Begriffssprache erweist gegen ihren Vorsatz sowohl zuverlässig deren Verstricktheit in nur hoffnungslosere Widersprüche– da ihr selbst verstecktere– als sie methodenstolz an andern, die aus den ihren gerade denken, zu rügen pflegt; als auch die (gegen ihre Ahnung) ihrer eigenen Bewußtseinsprämissen ins Bedingende an den Kontingenzen und Vorgängen, die ihren Gegenstand ausmachen und mit denen zu Axiomatisches am Denken hier wie dort sie gemeinsam hat, als daß hier irgend mehr als dort doch das Einfache, daß man in einem Boot sitzt, ihm dämmerte. Der archimedische Irrtum der positiven Menschenwissenschaften ist selbst Anthropologicum: die ihr Spiel mit ihnen treibende Illusion von Menschen, deren Weltverhältnis auf Extensivierung, Vergegenständlichung von allem und jedem (die in der Konsequenz ihres Gesetzes auch sie selbst dann nicht ausspart) geeicht wurde, unter den besonderen Geschichtsbedingungen der Erkenntnis in ihrer imperialistischen Phase. Diese Illusion läßt sich dahin bestimmen, sie könnten selbst sich an den Haaren aus dem Sumpf, der gar keiner sein müßte, ihrer Kondition ziehen. Was an Utopischem in dieser steckt, begreift sich selbst noch nicht, ist aber jedenfalls emanzipativ: eine Anlage, die ihre jetzige Zweiteilung in schrankenlos totaltheoretischen Machtanspruch und den unwiderstehlich seine eigene Scheinhaftigkeit zu ihrem Aktualzustand erst verwirklichenden Zauberbann gleich schrankenloser Unterworfenheit unter eben diesen Anspruch nicht will: zerstört wird dabei, in seiner wahrheitsmächtigen Autonomie, kritischen Selbstbestimmung– die an beiden Polen zugleich dieser sich aufhebenden Prozeßkonstellation draufgeht– das zu Erkennende selber.

Die Anlage, die der Zerstörung Widerstand leistet, ist ebensowohl schon die Möglichkeit der Emanzipation wie ihr Ziel; ihr Recht vindiziert sich in der wissenschaftslogischen Unausführbarkeit der totaltheoretischen anthropologischen Konzeptionen, die im Triumph über westliche Freiheitsbegriffe im Westen menschliche ›Natur‹ verabsolutiert haben und im Triumph über östliche Bekenntnisse zum neuen Menschen im Osten ›Geschichte‹: ihren erstarrten Prozeßbegriff, dessen nicht weniger starres Substrat ein strikt vormärzliches Menschenbild, Rousseau-Idyll, das sich verwaltet, geblieben ist, während er mit menschlicher Naturwüchsigkeit das Treibende von Geschichte selbst ignoriert, dessen volle Rehabilitierung erst den neuen Menschen vermittelte. Da im ersten Fall der anthropologische Zugriff soviel unmittelbarer ist als im zweiten, in dem praktisch aus dem Besagten gerade Abwesenheit von Anthropologie sich ergab, kommt man ohne Analyse der kartesischen Wissenschaftsspuren auch in der nötigen Bereinigung derjenigen Hegels schlecht weiter. Während das von jenen geschaffene Problem– das einschneidende, nicht zur Ruhe kommende des späten nachkartesischen Zeitalters– in den Menschenwissenschaften selbst, in der Frühphase der Gestaltpsychologie, schon ans Licht kommt, ist das Licht gerade der Gestaltpsychologie bei weitem noch für seine Durchdringung zu schwach: aus einer sich nicht hinreichend reflektierenden Phänomenologie, deren Rolle in Lern- und Wahrnehmungsexperimenten, objektiv also, doch auch immer schon in einem Maß ihre Bewährung ist, daß die Ergebnisse interpretativ erst noch vor einer Objektivität, die keine ist, zu rechtfertigen weder wissenschaftslogisch not täte noch mit Grund dann der Theorie, die sich zu Ende zu denken verabsäumt, gelingen will, springt sie unstringent, kritiklos, ins Bastardhafte pseudophysikalistischer Konjekturen, die so unvermerkt wieder kartesisch sind– während sie über kreisläufige Thesenführung, tautologische Begrifflichkeit, nicht hinausgelangen–, daß von dem ganzen Ansatz einer Destruktion des erkenntnistheoretischen Dualismus nichts bleibt. Das Geheimbündnis, das mit den Mutationen beider Alliierter mittlerweile offenkundiger wurde, scheint im gestaltpsychologischen Erkenntniskurzschluß schon durch: zwischen dem ontologischen Beschwörertum, dem der in sich selbst unbewegte, reflexiv unerschlossen bleibende Gestaltbegriff bereits der ›lebensphilosophischen‹ Ära sich zuordnet, und dem, wogegen aufzustehen die Ganzheitslehren auch vor sich selbst zunächst vorgeben, der Reduktion der Erkenntnis auf datenverrechnende Universalinventur. Absolutes, das unvermittelt durch kritisches Urteil den Kontingenzen entgegengestellt wird, endet im Ramschladen des Kontingenten, das seinerseits verabsolutiert wurde: daß das Denken hier wie dort abgeschafft ist, hat nicht nur den beiden Lagern ihre aufs Schlichte fliegenden Konvertiten geschafft, sondern macht sie ineinander auch mit so trostloser Auffälligkeit konvertierbar.

Gerade in ihrem handgreiflich dazu parallel Laufenden ist die Wissenschaftsspur Hegels nicht aus dem Blick zu lassen. Der dritte in diesem verteilten Rollenspiel ist auf der gleichen Geschichtsstufe die Verabsolutierung des Geschichtsbegriffs selbst: Zwangsvorstellung von Prozeßkontingenz, die unter dem gefrorenen Namen Dialektik um ihr Dialektisches, ihr Kontingentes je Aufhebenkönnendes: ihre Jetzt und Hier sagende Spontaneität, die denkend in der Geschichte handelt, gerade gebracht wird, wie so verhängnisvoll wie verständlich sich am Fall Rosa Luxemburgs zeigte: die vergebens im Marxismus dagegen Front macht, da ihr eigenes Spontaneitätsverständnis, wie immer beispielhaft in seiner vortheoretischen Menschlichkeit, noch der theoretischen Belastung durch die Verfemung subjektiver Vernunft unterliegt, die den Historismus bezeichnet. Als dessen feindlicher Halbbruder, der ihm unentwegt in diesem Punkt Vorschub leistet, befördert im stillen, darum bio-bibliographisch aber nicht Spurlosen, die deutsch-romantische Tradition, die das Spontane gerade als Opponenten der Reflexion, in der es beheimatet ist, ausgibt, das Handicap weiter. Da es wesentlich versagende Anthropologie ist, die die Revolution in ihrer marxistischen Gestalt dann zunächst auch noch dort scheitern läßt, wo sie siegte, figuriert unter unseren Einzelthemen der Fall von Marx selber zuerst. Da der neue Mensch, der ihm vorschwebte, ohne daß gerade dieses Vorschwebende in der Angewiesenheit seiner Verwirklichung auf den gegebenen schon von ihm durchdacht wurde– dessen idealistisches Modellbild ihn irreführte– selbst nichts Gegebenes ist, kann eine Vorzeichnung seiner Möglichkeit nicht im positiven Sinn des Wortes Anthropologie sein: daß die hier entworfene negativ ist, heißt, daß Nachweis logischer Unmöglichkeit jeder Totaltheorie über den Menschen ihr Weg ist. Der Topologisierung eines andern Weges– des der Verwirklichung von Utopie– hofft sie vorzuarbeiten; negative Anthropologie, deren Begriff damit konkret wird, auch hierin, daß sie das Humane aus seinen Negationen erschließt, die es verweigern und ableugnen.

Anthropologie, etwa in Kants Vorlesungen über sie, war in der Zuversicht der ersten Aufklärung der beherzte Entwurf einer an sich selbst noch nicht irregewordenen Vernunft, den Anspruch des Wissenschaftsgeistes auf Erkenntnis aller Themenbereiche auf seine eigene Realisationsstätte auszudehnen: den Träger von Wissenschaft in seiner Abgehobenheit vom Rest der Natur. Diese Abgehobenheit hatte etwas Erhebendes für den vorromantischen Menschen, dessen unbefangenem Zugriff Bewußtsein noch als Auszeichnung galt, die ihm das Wahre und Gute durch das Mittel des Begriffes erschließen konnte, und dieser privilegierte Mensch selbst, der noch nicht durch die Erfahrung des historistischen Zeitalters gegangen, in seinen eigenen Bewußtseinsvoraussetzungen noch nicht grundsätzlich relativiert war, sah sich wesentlich zeitlos, ob auch unentwegt aufsteigend, nach unanzweifelbarer Maßgabe seiner vernunftbegabten Natur, in seinem Wissen und Leisten. Im neunzehnten Jahrhundert verfallen dann die philosophischen Bezüge des Anthropologie-Begriffs, wandelt der Terminus sich in spezialistischem Sinne; er bezeichnet nun das Studium der Menschenrassen, ihrer (zumal frühen) Kulturen, vergleichende Völkerkunde nennt noch bis heute sich so. Als philosophische Anthropologie ersteht im zwanzigsten Jahrhundert dann neu, was dieser Wortgebrauch eingebüßt hatte. Ihr Verdienst ist, darauf aufmerksam gemacht zu haben, mindestens so durch ihren eigenen Fall, wie er leider dann mißriet, wie durch ihre Einsichten, daß Anthropologie sowohl quantitativ mehr als Völkerkunde, Kulturtheorie, ist, daß die Wissenschaften vom Menschen und seiner Gesellschaft vielmehr insgesamt in sie münden müssen, als auch qualitativ mehr als es ihre Zusammenfügung, die sie als bloße Komplemente nimmt, sein kann: insofern Anthropologie das kritische Zusammendenken sowohl einzelwissenschaftlicher Empirie als auch dessen wäre, was an einzelwissenschaftlicher Rechenschaft, Theorie, zu beanstanden bleibt, erhebt sie sich, selbst Reflexionsarbeit, über alle Anthropographie, die ihr zuwächst. Vor der Erfahrung, die inzwischen gewonnen wurde, daß ohne Konvergenz von Erkenntnis- und Sozialkritik, wie nicht weniger von Empirie und kritischer, also philosophierender Reflexion, weder der manipulistische Mißbrauch und Selbstmißbrauch der Menschenwissenschaften im Westen noch die Selbstverklärung im Osten eines begriffsfetischistischen Glaubensfossils zur einzig wahren Wissenschaft überwindbar ist, schmilzt im Themenbereich des Humanen die Grenze zwischen Philosophie und Wissenschaft selbst dahin: alle relevanten Erscheinungen, erst recht die Probleme dann, die sie aufgeben, ignorieren diese Grenze, überschreiten sie sorglos in beiderlei Richtung schon selbst. Damit schwindet zugleich das Artefakt des Positivismus, die längst hinfällige Trennlinie zwischen Verhaltenstheoretischem und spontan Normativem, die in einem Themenbereich, dessen bestimmende Eigenart es ist, daß Erkenntnis und Erkanntes auf die oben erörterte Weise in einem Boot sitzen, dem Manipulismus soviel Vorschub geleistet hat wie den methodologischen Selbsttäuschungen der ihm dienenden Wissenschaft selber. Wo keine Theorie des Gegenstands, die selbst hinter dessen Reflexionsmöglichkeit, in welchem Fall sie ihm nicht Genüge tut, nicht zurückfällt, dessen normativ Kritisches, seine Transzendenz, die sich in praxi vollzieht, unterschlagen kann, sind die topoi und moventes von Theorie ineinander verschlungen; ist eine Wertfreiheit von Wissenschaft, die dann vom Menschlichen selbst– das in seiner urteilsfähigen Autonomie beruht– welche werden muß, nicht nur praktisch reaktionär, sondern auch theoretisch Chimäre.

Daß Philosophie, insofern sie als kritische Theorie in die neue Gemeinsamkeit eingeht, selbst damit praktisch, Beginn von Weltveränderung wird, statt wie bestenfalls bisher deren von oben herab gedachter Entwurf zu sein, erfüllt das Desiderat von Marx nicht weniger als ihren eigenen Transzendenzbegriff; im mehrfachen Sinn des Wortes höbe solche Praxis ihn auf. Natur und Autonomie zu versöhnen glückt durch keine szientivistische Unterwerfung der ersteren durch die letztere, die sich theoretisch selbst erst austilgen, in ihrer Rechenschaft über das Unterworfene mit augenfälliger Inkonsequenz sich verschweigen muß, während informationstheoretische Einsicht doch schon gleichzeitig den alten Naturbegriff sprengt und historische ihren eigenen, wo er zum bloßen Machtanspruch sich verfestigte, längst schon sprengte. Das isolierte Datum, soviel haben die Strukturanalysen von Lévi-Strauss durchaus geklärt, existiert nicht, mit wieviel Bienenfleiß, der an Papierblüten saugte, es in Amerika auch komputiert worden ist; und je näher die Strukturen der Existenz des Theoretikers selbst sich befinden, umso weniger kann ihre Theorie gelingen, macht er aus der Not dieser Nähe nicht folgerichtig die Tugend eines Vernunftgebrauchs, der als ihre immanente Kritik in ihnen selbst dann zum Tragen kommen kann, sie veränderte: sich von ihnen in ihnen, die vor sich selber nicht zulänglich sind, provozieren läßt. Insofern ist negative Anthropologie Theorie des Engagements: das keine ›Haltung‹, geschweige Entscheidung für eine, sondern immer schon, wo es sich ereignet, es selbst ist, als Anspruch der Welt, der nur erfahren und erfüllt werden will. Er wird es, wo ihm kritisch urteilende Aufmerksamkeit, ein Mensch also, der sich nicht zufriedengibt, Antwort steht: daß er Antwort steht, beinhaltet jetzt, daß er wissen wird, daß er ein Vorläufiger ist. Ob nach ihm nichts Nennenswertes kommt, könnte dagegen von diesem Wissen, dessen Klärung das eher unwahrscheinlicher machen muß als der arme B.B. gelten ließ, selbst schon abhängen– mehr, es mag davon inzwischen abhängen, ob überhaupt etwas nach ihm kommt; ob es tatsächlich in Verhältnisse, die die Organisierung ihres Untergangs sind, kommen kann, also dem Kommenwollenden Zeit bleibt. Die Analogie zwischen totaler Kontrolle und komplettem Aufhören von Lebensgeschichte, die gezogen worden ist, kann begründet werden. Auch einem Zustand, der es schließlich nur noch auf Vereitelung seiner Negation anlegt, kommt sie bei; kann dann nur nicht umhin, mit ihm selbst auch sein Substrat, das sich aus eigenem nicht mehr verändern kann, zu ereilen; dorthin mit ihrem Werk zu zielen, wo man ihr Bündnisangebot ausschlug. Dieser Sachverhalt erscheint dort, wo ein Zustand über sein Substrat Regie führt– anstatt dieses, wie es richtig wäre, über seine Zustände–, fast schon erreicht: der Widerruf ihrer Ablehnung, den die Negation in ihrer Geduld den Vollendeten noch freistellen mag, ist befristet.

Die Unvollendeten würden dann mitgetroffen. Das wäre nichts Neues, wäre es aber insofern, als mit dem Menschengeschlecht und seiner Geschichte auch das Vermächtnis ihrer ganzen Sache vernichtet wäre, das in den vergleichbaren Fällen, von denen jene starrt, sonst nicht unterging: besser überlebte, produktiver, lebendiger dauerte als die träge sich behauptende Herrschaft, der seine Pioniere erlegen waren. Daß das Schicksal unerträglich ungenau ist, heißt nicht, daß es nicht eintreten wird. In seiner Ungenauigkeit reproduziert sich die, von der es selbst lebt und deren Aufhören es absterben ließe, die des Denkens: einschließlich derjenigen des teils vermeintlichen, teils tragischen Widerstands gegen seine Barbarei, der Protest heißt. Implicite nimmt er je oben, wo zu brechende Herrschaft sitzt, einen Adressaten an, eine einsichtsvolle Berufungsinstanz, die ihn mit Billigkeit anhören wird; daher klagt oder beschwört er, statt das öffentlich Unerwartete einer kritischen Präzision zu versuchen, die die Institutionswelt des totalen Widerspruches zu ihrer eigenen Idee überführte. Aus dieser Ungenauigkeit, Denkschwäche, die in ihrer Ablenkbarkeit durch Abstraktionen auch notwendig schon eine des Worts ist: die Machtlosigkeit neuer Objektivierungen, ihres undialektisch sich verfestigenden Ritualgestus, provoziert er nicht treffsicher genug, gesellschaftlich etwas ausrichten zu können: trotz fatalster Geschichtserfahrung damit der in Deutschland immer noch prototypische Fall. Was die Erfahrung über ihn mitteilt, ist, daß solcher Protest in den Projekten des Schicksals seinen vorgesehenen Platz hat, eine Funktion erfüllt. Daß es nicht die ist, die er sich selbst zuerteilt, sollte dem Protest zu denken geben.

Unversucht ist eine Analytik des Schicksals, die in dessen Sabotage spontan umschlüge, durch ihre dialogische Zwanglosigkeit unmittelbar transparent würde: als in sich selbst angriffskräftige Reflexion, die nur in mikrologischen Prägungen von Karl Krausscher Gewalt so konkret wird, daß sie das Bewußtsein verändern muß, zu ihrer Ausbreitung und Durchsetzung es instand setzt. Die politische Wirkungslosigkeit des Modells Kraus böte Gegenargumente nur dann, wenn er seiner Kritik, die essentiell strategisch war, schon erlaubt hätte, es auch topologisch zu sein, so daß ihr eine Chance, die Gesellschaft zu mobilisieren, erwachsen wäre, und das Bewußtsein einer ganzen Generation ihr so sehnsüchtig bereits entgegengekommen wäre wie das einer heutigen. Diese, die akademische Jugend jetzt, ist aus der müden Unmenschlichkeit ihrer Eltern eben erst aufgebrochen; es kann nicht erwartet werden, daß sie die Sprache, auf die jene verzichteten, jetzt schon hat. Umso mehr muß der Prozeß ihres Wiederfindens, da er der von Humanisierung selbst ist, beschleunigt werden. Da sich das Schicksal durch das Mittel von Verhaltensweisen vollzieht, den immer folgenreichen Manifestationen eines unfolgerichtig falschen Bewußtseins, muß Opposition, die ihm in den Arm fallen will, es da, wo sein Werk anhebt, auch aufsuchen; es dort treffen, wo mit ihren schwachen Waffen seine Pläne noch durchkreuzt werden können, im Bewußtsein. Eine Abweichung um einen Gradbruchteil, die in tausend Meilen Entfernung als nicht gutzumachende Kursverfehlung eines Widerstands sich geschichtlich herausstellt, ist an ihrem menschlichen Verhaltensquellpunkt, Orientierungs- und Rechenschaftsquellpunkt, theoretisch so unauffällig wie praktisch rektifizierbar. Während sie das letztere mühelos ist, bereitet ein Versuch, sie rechtzeitig dem ersteren zu entreißen: das doch davon gerade, daß man sie nicht berichtigt, die Ermöglichung ist, umso größere Anstrengung. Sie scheuen kann nicht länger gerechtfertigt werden; braucht es angesichts von Sklavenmühe, wie sie das Schicksal meist bedient, aber umso weniger, als sie selbst eine solche– die es in ihrer eingeimpften Ordnungsinsistenz nicht mit Sachverhalten, sondern mit Systemen hält– gar nicht sein muß, es der Beschaffenheit ihrer Aufgabe nach, die auf Systemzerstörung zielt, nicht sein darf. Das Erste von Vermenschlichung ist die Wahrheit unbeirrbarer Frontstellung gegen Fron. Kein Versuch, Kains Spur– wie überfällig wurde– zu tilgen, kann Aussichten haben, wenn er seinen Anfang nimmt in Verurteilungen seiner berühmtesten Tat; anstatt, wie es deren Analyse als das einzig Urteilsvolle, das ihn in seiner Einheit sieht, auferlegt, in der Freiheit– die vor Befreiungen kommt– klauselloser Absage ans Beackern.

Rückblick auf System-Autismus und Begriffsverdinglichung Positive Wissenschaftsdoktrinen vom Menschen

Marx oder die Kanalisierung der Zukunft

»In Deutschland«, schreibt der junge Karl Marx am Ende seiner Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, »kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen. Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren. Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat. Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie.« Die Verwirklichung der Philosophie aber, darüber äußert ein voraufgegangener Passus der gleichen Schrift sich höchst bündig, ist ihre Aufhebung. Ein polemischer Satz gegen die Lehren der linken Junghegelianer, an der betreffenden Stelle noch nicht bei dem Namen ihres Hauptes Bruno Bauer genannt, sondern als die »theoretische, von der Philosophie her datierende politische Partei« erst umschrieben, faßt den »Grundmangel« dieser Partei so zusammen: »Sie glaubte, die Philosophie verwirklichen zu können, ohne sie aufzuheben.«– »Denn welcher Gedanke«, kommentiert einer der gründlichsten Marx-Kenner, Siegfried Landshut, in der Einleitung zu seiner Edition der Marxschen Frühschriften, »wäre mehr im Sinne der Hegelschen Philosophie gedacht als, daß nach der Vollendung der Philosophie als Philosophie der nächste Schritt des Geistes die absolute Unphilosophie sein muß.« In der Tat, welcher; aber einmal, was bedeutet der hier angeleuchtete Sachverhalt eigentlich, zum andern, was ist, außer eventuell diese Auslegung selbst, die absolute Unphilosophie? Bezeichnet der Begriff diejenige Negation der Philosophie, die Marx im Sinn hatte? Nicht absichtlich wohl kommt das Wort in seinem Text gar nicht vor. Sollte der Diamat damit gemeint sein? Die Petrifizierung des ›Materialismus‹, seiner Dialektik von Bewußtsein und Sein, zu deren sie beschwörendem Gegenteil, der psittakoiden Gebetsformel? Aber das kann auch nicht sein, denn die Bedingung der Aufhebung der Philosophie wird in Umkehrung des zuletzt zitierten Satzes von Marx von ihm selber sehr nachdrücklich eine halbe Seite vorher genannt: »Ihr könnt die Philosophie nicht aufheben, ohne sie zu verwirklichen.« Solche Verwirklichung aber beginnt mit der Verpönung aller Gebetsformeln: wenn wir in dem betrachteten Text ein wenig weiter zurückblättern, treffen wir auf diese Sätze, die die Religion zum Gegenstand haben: »Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt«, und: »Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.« Daß es von der Kritik der Politik der Sache nach immer noch, trotz mancherlei Humanisierung der Staatspraktiken, keine Gedankenbrücke zu einer Wirklichkeit gibt, die da, eifersüchtig zwar auf Marx sich berufend, solche Kritik ebenso fürchtet wie sie sie haßt, diffamiert und verfolgt, ist ein längst betagter Gemeinplatz: eben weil es einer ist aber ist das theoretische Problem umso brennender, das die Unbestreitbarkeit der andern, prozeßhaften Brücke uns stellt, die von der Kritik der Politik zur Tatsächlichkeit der sozialistischen Staaten Geschichte geschlagen hat: in Verwirklichung der Philosophie?

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