The White Tiger. Königs Erläuterungen. - Matthias Bode - ebook

The White Tiger. Königs Erläuterungen. ebook

Matthias Bode

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Opis

Königs Erläuterung zu Aravind Adiga: The White Tiger - Textanalyse und Interpretation mit ausführlicher Inhaltsangabe und Abituraufgaben. In einem Band bieten dir die neuen Königs Erläuterungen alles, was du zur Vorbereitung auf Referat, Klausur, Abitur oder Matura benötigst. Das spart dir lästiges Recherchieren und kostet weniger Zeit zur Vorbereitung. Alle wichtigen Infos zur Interpretation. - von der ausführlichen Inhaltsangabe über Aufbau, Personenkonstellation, Stil und Sprache bis zu Interpretationsansätzen - plus 4 Abituraufgaben mit Musterlösungen und 2 weitere zum kostenlosen Download ... sowohl kurz als auch ausführlich. - Die Schnellübersicht fasst alle wesentlichen Infos zu Werk und Autor und Analyse zusammen. - Die Kapitelzusammenfassungen zeigen dir das Wichtigste eines Kapitels im Überblick - ideal auch zum Wiederholen. ... und klar strukturiert. - Ein zweifarbiges Layout hilft dir Wesentliches einfacher und schneller zu erfassen. - Die Randspalte mit Schlüsselbegriffen ermöglichen dir eine bessere Orientierung. - Klar strukturierte Schaubilder verdeutlichen dir wichtige Sachverhalte auf einen Blick. ... mit vielen zusätzlichen Infos zum kostenlosen Download.

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EPUB

Liczba stron: 164




KÖNIGS ERLÄUTERUNGEN

Band 486

Textanalyse und Interpretation zu

Aravind Adiga

THE WHITE TIGER

Matthias Bode

Alle erforderlichen Infos für Abitur, Matura, Klausur und Referat plus Musteraufgaben mit Lösungsansätzen

Zitierte Ausgaben:Adiga, Aravind:The White Tiger. New York: Free Press (a Division of Simon & Schuster, Inc.), 2008.  Zitierte Hörbuchfassungen:mp3-CD: Adiga, Aravind:The White Tiger. Ungekürzte Lesung durch John Lee. Old Saybrook, Connecticut: Tantor Media, Inc., 2008.Audio-CD: Adiga, Aravind:The White Tiger. Ungekürzte Lesung durch John Lee. Old Saybrook, Connecticut: Tantor Media, Inc., 2008.

Über den Autor dieser Erläuterung: Matthias Bode ist Lehrer für Geschichte und Englisch am Gymnasium Elisabethschule in Marburg.

Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu § 52 a UrhG: Die öffentliche Zugänglichmachung eines für den Unterrichtsgebrauch an Schulen bestimmten Werkes ist stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig.

2. Auflage 2017

ISBN 978-3-8044-7004-0

© 2010, 2012 by C. Bange Verlag, 96142 Hollfeld Alle Rechte vorbehalten! Titelbild: Rikscha neben Taxi © ullstein bild − sinopictures/Maciej Dakowicz

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INHALT

1. Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

2. Aravind Adiga: Leben und Werk

2.1 Biografie

2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Moderne Geschichte Indiens

Indiens Nehru-Gandhi-Dynastie

Indien heute

China seit den 1990ern

2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken

3. Textanalyse und -Interpretation

3.1 Entstehung und Quellen

3.2 Inhaltsangabe

The First Night – Die erste Nacht (ab S. 1 des Romans, mp3-Track 1 bzw. CD 1, Track 1)

The Second Night – Die zweite Nacht (ab S. 37, mp3-Track 3 bzw. CD 2, 1)

The Fourth Morning – Der vierte Morgen (ab S. 79, mp3-Track 5 bzw. CD 3, 3)

The Fourth Night – Die vierte Nacht (ab S. 97, mp3-Track 6 bzw. CD 3, 13)

The Fifth Night – Die fünfte Nacht (ab S. 147, mp3-Track 8 bzw. CD 4, 18)

The Sixth Morning – Der sechste Morgen (ab S. 167, mp3-Track 9 bzw. CD 5, 7)

The Sixth Night – Die sechste Nacht (ab S. 191, mp3-Track 10 bzw. CD 5, 20)

The Seventh Night – Die siebte Nacht (ab S. 249, mp3-Track 12 bzw. CD 7, 6)

3.3 Aufbau

Erzählhaltung und Grundstruktur der Handlung

Übersicht über die Handlung

Chronologie

Zeitlicher Zusammenhang der einzelnen Episoden

Örtlichkeiten

3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

Balram Halwai

Wen Jiabao, der Adressat

Balrams Familie

Ashok und seine Familie

Ms. Uma

Weggefährten Balrams

3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

3.6 Stil und Sprache

3.7 Interpretationsansätze

The White Tiger und der American Dream

Globalisierte Literatur – Globalisierungsliteratur

Charles Dickens

Die Geschichte einer Selbstbefreiung

4. Rezeptionsgeschichte

5. Materialien

Hinduismus

Kastenwesen

Preise und Löhne in The White Tiger

Autos in The White Tiger

John & Jane

Slumdog Millionaire

6. Prüfungsaufgaben mit Musterlösungen

Aufgabe 1 (Grundkurs) *

Aufgabe 2 (Grundkurs) **

Aufgabe 3 (Leistungskurs) ***

Aufgabe 4 (Leistungskurs) ***

Literatur

Zitierte Ausgabe

Weitere Ausgaben

Hörbücher

Sekundärliteratur

Landeskunde Indien

Film

Internet

1. Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

Damit sich jeder Leser rasch zurechtfindet und das für ihn Interessante gleich entdeckt, ist den Erläuterungen in diesem Band eine knappe Übersicht vorangestellt.

Indien ist „in“, nicht erst seit dem Kinofilm Slumdog Millionaire, dem Oscar-Gewinner 2009. Bollywood ist „in“. Romane aus und über Indien sind ebenfalls „in“ – wie der Man Booker Prize 2008 für Aravind Adigas The White Tiger beweist.

Im 2. Kapitel beschreiben wir Adigas Leben und stellen den zeitgeschichtlichen Hintergrund dar:

Aravind Adiga wurde 1974 in Madras geboren. Er wuchs in Mangalore in Südindien auf. Nach dem Tod der Mutter im Jahre 1990 zog er mit dem Vater nach Australien. Er studierte in New York und in Oxford und arbeitete seit 2000 als Journalist. 2003 wurde er Indienkorrespondent der amerikanischen Zeitschrift TIME.

Indien, die größte Demokratie der Welt, ist ein Land im Aufbruch. Dieser Aufbruch sorgt für schnellen Reichtum in den indischen Metropolen, aber bislang nur für wenig Veränderung auf dem Land, ”in the Darkness“ (S. 16), wie Adiga seinen Helden Balram sagen lässt. Ganz ähnliche gesellschaftliche Probleme hat China. Daraus ergibt sich die formale Grundidee des Romans: dass er in Form von Briefen an den chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao geschrieben ist.

Im 3. Kapitel bieten wir eine Textanalyse und -interpretation.

The White Tiger – Entstehung und Quellen:

The White Tiger ist Aravind Adigas erster Roman. Angeregt wurde er dazu von seinen Reisen durch Indien nach 2003. Im Jahre 2005 war die erste Fassung fertig.

Inhalt:

Der Roman besteht aus acht Kapiteln, acht Briefen an Wen Jiabao. Er erzählt eine Aufstiegsgeschichte, nicht vom Tellerwäscher zum Millionär, wie wir sie aus den USA kennen, sondern, als indientypisches Pendant, vom Kind armer Leute und Aushilfskellner zum Besitzer eines Taxiunternehmens. Charakteristisch für den Roman ist sein Humor; einige Passagen scheinen satirisch überzeichnet; andere dagegen zeigen eine stille Traurigkeit – und dies alles vor dem Hintergrund aufrüttelnder Mitteilungen über himmelschreiende Ungerechtigkeiten, Korruption und Verbrechen in der indischen Oberschicht.

Adigas Roman zeichnet den sozialen Aufstieg Balrams nach, berichtet aber auch von den dunklen Seiten Indiens, fernab von Bollywood-Romantik. Er berichtet von der Beziehung des Herrn zum Knecht, von krassen sozialen Unterschieden. Gleichzeitig zeigt er die Möglichkeit der sozialen Mobilität und stellt die Frage, welchen Preis Menschen dafür zu zahlen bereit sind.

Chronologie und Schauplätze:

Der Roman spielt im Indien der Gegenwart, in der Zeit nach 2003. Der Erzähler blickt zurück auf seine Kindheit und Jugend auf dem Land. Den Hauptteil machen die acht Monate aus, die er in Delhi verbringt. Schauplätze sind das fiktive Dorf Laxmangarh und die Industriestadt Dhanbad im Nordosten des Landes sowie die Hauptstadt Delhi. Die Erzählung beginnt und endet in der Stadt Bangalore im Süden, wo der Erzähler lebt und von wo aus er sich an den chinesischen Premier wendet. Da sich der betont undisziplinierte Erzähler immer wieder von seinen Assoziationen treiben lässt, wechselt er oft zwischen den Schauplätzen der Handlung hin und her.

Personen:

Die Hauptpersonen sind

Balram Halwai:

der Erzähler; jung, aber bereits mit allen Wassern gewaschen,

Mr. Ashoks Chauffeur, Aufsteiger, Mörder, Unternehmer,

jedoch nicht gewissenlos; sich seiner Herkunft bewusst.

Mister Ashok:

der Sohn eines Grundherrn und Unternehmers,

aus Amerika zurückgekehrt,

kommt mit den Verhältnissen in Indien nicht zurecht.

Pinky Madam:

Mr. Ashoks Frau,

will zurück nach New York,

ist angewidert vom Leben und der Korruption in Indien,

verlässt ihren Mann.

Wir stellen diese Hauptpersonen ausführlich vor und nennen auch die anderen Personen und ihre sozialen Schichten.

Es folgen ausführliche Erläuterungen und Kommentare zum indienspezifischen Hintergrund.

Stil und Sprache Adigas:

Vorherrschend ist ein einfacher Stil, der der Figur eines Erzählers ohne Schulbildung entspricht.

Vier Interpretationsansätze werden in diesem Band vorgestellt:

The White Tiger und der American Dream;

The White Tiger ist ein Beispiel für Literatur der Globalisierung;

The White Tiger steht in mancher Hinsicht in der Tradition der sozial engagierten Romane von Charles Dickens.

The White Tiger ist die Geschichte einer Selbstbefreiung.

Gesellschaftskritik steht im Mittelpunkt des Romans.

2. Aravind Adiga: Leben und Werk

Aravind Adigageb. 1974© Rune Hellestad/Corbis

2.1 Biografie

JAHR

ORT

EREIGNIS

ALTER

1974

Madras (heute Chennai), Indien Mangalore, Indien

23. Oktober: Geburt als Sohn gebildeter Eltern der Mittelschicht. Der Großvater ist Arzt und Anwalt, der Vater Arzt. Umzug nach Mangalore. Schulbesuch in Mangalore.

1990

Mangalore Australien

Tod der Mutter. Umzug nach Australien.

16

1992

Syndey, Australien

Schulbesuch des St. Aloysius College, Schulabschluss in Australien.

18

1997

Columbia University, New York, USA

Studium: Jahrgangsbester mit einem B. A. (Bachelor of Arts) in Literatur.

23

Oxford, Großbritannien

Studium: Magdalen College in Oxford mit einem Master in Englischer Literatur.

2000

Washington, New York, USA

Arbeit als Journalist.

26

2003

Neu Delhi, Indien

Indienkorrespondent für TIME.

29

2005

Neu Delhi, Indien

Als freier Autor in Indien, Arbeit an The White Tiger.

31

2006

Mumbai, Indien

Umzug nach Mumbai.

32

2008

Publikation von The White Tiger, Verleihung des Man Booker Prize.

Between the Assassinations (Kurzgeschichtensammlung), seit zwei Jahren beim Verlag, wird aufgrund des Erfolges von The White Tiger publiziert.

34

2011

Last Man in Tower (Roman) erscheint.

37

2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

ZUSAMMENFASSUNG

Indien ist seit 1947 unabhängig.

Indien ist die größte Demokratie der Welt.

Seit den 1990er-Jahren wird eine wirtschaftliche Öffnung des Landes betrieben.

Der Wirtschaftsaufschwung lässt eine indische Mittelschicht entstehen.

Globalisierung bedeutet, dass auch in Indien Menschen westliche Bedürfnisse haben.

Armut bildet aber für Millionen Menschen in Indien immer noch ein Problem.

Moderne Geschichte Indiens

Der Erzähler Balram erwähnt als Kontrastfigur zur von Korruption beherrschten Politik der von ihm geschilderten Gegenwart immer wieder Mahatma Gandhi (1869–1948). Dessen Wirken markiert den Beginn des modernen Indien und auch den moralischen Anspruch, an dem sich die heutige indische Politik nach wie vor messen lassen muss.

Bereits im 17. Jahrhundert waren große Teile des heutigen Indien unter britische Kontrolle geraten. Nach einem landesweiten Aufstand Mitte des 19. Jahrhunderts organisierte Großbritannien das Land neu und verstärkte seine Kontrolle über das Land, die erst 1947 mit der Unabhängigkeit Indiens endete. Die britische Herrschaft konnte über diese lange Zeit nur deshalb bestehen, weil weite Teile der indischen Oberschichten sich mit den Briten arrangierten, britische Werte und Einstellungen übernahmen und ihre Söhne zum Studium nach England schickten. Somit entstand bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine westlich gebildete einheimische Elite, die Spitzenstellungen in der Verwaltung einnehmen konnte, aber nicht immer durfte. Diese indischen Intellektuellen waren die Ersten, die gegen die britische Herrschaft protestierten und den Indian National Congress, die heutige Kongress-Partei, gründeten. Einfluss auf die Massen gewann diese Organisation erst, als mit Mohandas Karamchand Gandhi, genannt Mahatma (zu Deutsch: große Seele) Gandhi, ein Mann auftrat, der den Kampf um Indiens Unabhängigkeit in den 1930er- und 1940er-Jahren mit ebenso radikalen wie fantasievollen Mitteln führte. Sein wichtigster Punkt war die Gewaltlosigkeit. Sie sollte vor allem dazu dienen, die britischen Polizisten und Soldaten schlecht aussehen zu lassen: Inder sollten auf keinen Fall Gewalt ausüben, Gewalt sollte immer nur von der Kolonialmacht ausgehen. Eng damit verbunden waren die Ideen der ,Nicht-Zusammenarbeit‘ (non-cooperation) und des zivilen Ungehorsams (civil disobedience). Inder sollten sich einfach weigern, das zu tun, was die Kolonialmacht vorschrieb. Dann würde deutlich werden, dass sie nicht in der Lage war, sich den Millionen von Indern gegenüber durchzusetzen.

Diese Politik, die Gandhi gegen innerparteiliche Gegner durchsetzte, machte ihn zu einer der berühmtesten Gestalten des 20. Jahrhunderts und zu einer Art Heiligenfigur in Indien, wie es im Roman immer wieder durchscheint. Begünstigt wurde der indische Kampf um Unabhängigkeit durch den Umstand, dass die Kräfte Großbritanniens zur selben Zeit im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland gebunden waren. Als sich 1945, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, abzuzeichnen begann, dass Großbritannien nicht nur kriegsmüde, sondern auch nahezu bankrott war, war die Unabhängigkeit Indiens nur noch eine Frage der Zeit – und zwei Jahre später war Gandhi am Ziel. Zu seinem Ruhm trug aber sicherlich auch der Umstand bei, dass Gandhi 1948 bei einem Attentat durch einen Fanatiker ums Leben kam. Sein Mythos konnte daher von den Unzulänglichkeiten des nun freien Indien nicht mehr beschädigt werden.

Mahatma Gandhi, Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, mit dem ersten Ministerpräsidenten von Indien, Jawaharlal Nehru (l.) 1946© ullstein bild – Reuters

Zu diesen Problemen gehört auch, dass die Kolonialmacht Großbritannien in einer ihrer letzten Handlungen 1947 die Teilung des alten Britisch-Indien verfügte. Nicht nur Birma (Myanmar), sondern auch ein islamischer Staat Pakistan wurde vom mehrheitlich hinduistischen Indien abgetrennt. Nach der Teilung wurden Millionen von Menschen aus den jeweiligen neuen Staaten wegen ihrer Religion vertrieben. Dabei starben Hunderttausende. Seitdem stehen sich Indien und Pakistan verfeindet gegenüber und haben insgesamt vier Kriege gegeneinander geführt. Besonders umkämpft ist bis heute die Himalajaregion Kaschmir. Im pakistanischen Bürgerkrieg von 1971, der zur Teilung des Landes in einen Westteil (das heutige Pakistan) und einen Ostteil (das heutige Bangladesch) führte, spielte Indien eine wichtige Rolle. Der anhaltende Konflikt beider Länder hat heute eine neue Qualität dadurch erreicht, dass beide Länder mittlerweile Nuklearmächte sind. Das blutige Attentat auf ein Hotel im Mumbai im Jahre 2008 wurde von Pakistanern geplant – seitdem sind die Beziehungen zwischen beiden Staaten so schlecht wie schon lange nicht mehr. Die im Roman immer wieder auftauchende Rivalität zwischen Muslimen und Hindus (vgl. etwa S. 7) liegt hier begründet. Der im Roman auch immer wieder erwähnte bitterarme Nachbarstaat Nepal (vgl. etwa S. 49) liegt nördlich von Indien direkt am Himalaja.

Indien ist die größte Demokratie der Welt. Seit der Unabhängigkeit fanden auf Bundes- und Landesebene regelmäßig Wahlen statt und das Land kam ohne die sonst in der Dritten Welt üblichen Militärputsche und Episoden als Diktatur aus, wenn man von zwei Jahren Ausnahmezustand zwischen 1975 und 1977 absieht. Zwar ist das Land mit rund 300 Millionen Analphabeten und über 400 Millionen unterhalb der Armutsgrenze lebenden Menschen anfällig für Korruption und nachlässige Verwaltung und dadurch weniger effizient als Europa oder das undemokratische China – aber seine Regierungen können sich auf eine demokratische Legitimation berufen und sind im Land weitgehend akzeptiert. Nur die im Roman erwähnten Naxal-Terroristen (vgl. etwa S. 21 und 177) kämpfen gegen das demokratische System.

Indiens Nehru-Gandhi-Dynastie

Sicherlich die einflussreichste Familie Indiens ist die Familie Nehru-Gandhi. Motilal Nehru (1861–1931) war ein Politiker im Umfeld von Mahatma Gandhi, sein Sohn Jawaharlal Nehru (1889–1964) wurde Ministerpräsident des unabhängigen Indien von 1947 bis zu seinem Tod. Dessen Tochter Indira heiratete einen Geschäftsmann namens Gandhi und trug so den berühmten Namen weiter. Sie war 1966 bis 1977 und 1980 bis 1984 Ministerpräsidentin Indiens. Sie starb bei einem von ihren Leibwächtern verübten Attentat. Ihr Sohn Rajiv übernahm nach ihrem Tod das Amt und blieb bis 1989 Ministerpräsident. Er wurde 1991 ermordet. In seine Amtszeit fällt der Bofors-Skandal, der größte Korruptionsskandal der indischen Geschichte, in dessen Zentrum der schwedische Rüstungskonzern Bofors stand, der enorme Summen für Rüstungsaufträge an indische Politiker bezahlt haben soll. Rajiv Gandhis im Roman genannte Frau Sonia (vgl. S. 112 f.; geb. 1946, Heirat 1968) stammt aus Italien, ist katholisch und wurde erst 1983 indische Staatsbürgerin. Im Jahre 1998 übernahm sie offiziell den Parteivorsitz der Kongress-Partei. Nach dem Sieg ihrer Partei bei den Wahlen von 2004 verzichtete sie jedoch zugunsten ihres Parteifreunds Manmohan Singh auf das Amt des Ministerpräsidenten.

Adiga lässt seinen Helden Balram einen provozierenden Blick hinter die Kulissen dieser Demokratie werfen. Wenn auch Adiga wiederholt erklärt hat, ,nur‘ einen Roman geschrieben zu haben, ist die ätzende Satire auf den indischen Politikbetrieb doch so unübersehbar, dass es immer wieder Kritiker gibt, die The White Tiger als notdürftig mit Handlung versehenen Politik-Essay bezeichnen.

Indien heute

Seit 1991 verfolgt Indien marktwirtschaftliche Reformen, die es von der vorherigen, eher sozialistisch inspirierten Politik der Familie Nehru-Gandhi wegführen. Die Öffnung der Märkte und die Liberalisierung der zuvor überregulierten Wirtschaft haben einen nun seit fast 20 Jahren anhaltenden Aufschwung mit einem durchschnittlichen jährlichen Wirtschaftswachstum von mehr als 5 Prozent gebracht. Der heutige Ministerpräsident Manmohan Singh hat 1992 als Finanzminister das Land wirtschaftlich zum Ausland hin geöffnet. Er wurde im Mai 2009 nach einer ersten Amtszeit als Regierungschef wiedergewählt.

Indische Unternehmen gehören in einigen Sektoren bereits zur Weltspitze. So hat der Stahlkonzern Mittal 2006 den europäischen Konkurrenten Arcelor gekauft und ist seitdem der größte Stahlproduzent der Welt; der Automobilhersteller TATA konnte 2008 mit Jaguar und Land Rover die Reste der britischen Automobilproduktion erwerben – eine besondere Genugtuung angesichts der Geschichte beider Länder. Im Computer- und Telekommunikationsgeschäft wird der Erfolg Indiens dadurch erleichtert, dass eine große Zahl Englisch sprechender Hochschulabsolventen zur Verfügung steht. Dies erleichtert das „Outsourcing“, bei dem Jobs aus den USA oder aus anderen englischsprachigen Ländern nach Indien verlegt werden, etwa in Call-Centern (ein Thema des Dokumentarfilms John & Jane, vgl. Kap. 5 dieser Erläuterung) oder in der Software-Branche.

Dieses glänzende Outsourcing-Geschäft ist auch Balrams Chance: Als Chef eines Taxi-Unternehmens sichert er sich seinen Teil des Kuchens. Bangalore wird im Roman zu Recht als theworld‘s center of Technology and Outsourcing (S. 1) beschrieben.

Je nach Definition erreicht die „indische Mittelklasse“ mittlerweile eine Zahl zwischen 100 und 200 Millionen Menschen, also in etwa die Gesamtbevölkerung Deutschlands und Frankreichs zusammen (Gesamtbevölkerung von Indien: 1,2 Milliarden, EU: 500 Millionen, USA: 300 Millionen). So gab es 2008 in Indien etwa 80 Millionen Internet-Nutzer und 2009 über 400 Millionen Mobilfunkverträge.

Dieser immer größer werdenden Gruppe von Neureichen der Mittel- und Oberschicht steht eine noch immer gewaltige Gruppe von Armen gegenüber – rund 700 Millionen Menschen, die vor allem auf dem Land leben. Doch trotz der Computerfirmen, Serverparks und eines eigenen Weltraumprogramms leidet Indien immer noch unter einer mangelhaften Infrastruktur und weiterhin verbreiteter Korruption. Die Schilderungen, wie Ashok und später Balram sich mit Bestechungsgeldern aus dem Würgegriff einer hemmungslosen Bürokratie freikaufen müssen, sind daher keine satirische Überzeichnung.

Die größten Probleme des Landes sind fehlende Bildung und soziale Ungleichheit: Jeder vierte Inder (rund 300 Millionen Menschen) ist Analphabet; und rund ein Drittel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze von 1,25 Dollar am Tag.

Dass dieser Staat nicht auf die Gegenliebe aller Inder stößt, beweisen die Naxals. Die auch im Text immer wieder erwähnten Terroristen (vgl. etwa S. 177) verstehen sich als Befreier des armen Indiens. Sie verüben seit Jahren Bombenanschläge auf Militär, Polizei, aber auch Bahnlinien, Schulen und Krankenhäuser. Das Erstaunliche an Gruppen wie den Naxals ist aber nicht ihre Existenz, sondern im Gegenteil ihr geringer Rückhalt in der Bevölkerung. Wie im Roman angemerkt (vgl. etwa S. 149), ist die Kriminalität in Indien gering, im Vergleich zu Südamerika etwa. Die Nachbarländer Pakistan, Nepal, Sri Lanka und Bangladesch sind oder waren in blutige Bürgerkriege verwickelt, Indien nicht.

China seit den 1990ern

Die Rolle Chinas in der Welt hat sich seit den 1990er-Jahren massiv gewandelt. Bereits 1978 hatte der damalige Staats- und Parteichef Deng Xiaoping sein Land auf Wandel eingeschworen, als er die Parole „Bereichert euch!“ ausgab. Seitdem öffnet sich China dem Welthandel, zunächst zögerlich, seit den Neunzigerjahren jedoch mit atemberaubendem Tempo. Chinas wirtschaftliche Entwicklung verläuft schneller als die Indiens, möglicherweise aber weniger solide finanziert und weniger nachhaltig. Der entscheidende Unterschied zu Indien aber ist das politische System