The Haven - Im Untergrund - Simon Lelic - ebook

The Haven - Im Untergrund ebook

Simon Lelic

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Opis

Unter den Straßen Londons liegt er verborgen, versteckt vor den Augen der Erwachsenen: The Haven. Ein geheimer Zufluchtsort für Flüchtlingskinder, Straßenkids und Waisen - wie Ollie.  Gerade noch war Ollies Leben vollkommen normal und plötzlich ist er Teil der geheimen Untergrundorganisation Haven. Innerhalb von 24 Stunden muss er gemeinsam mit dem Ermittlungsteam den Sohn des berüchtigten Gangchefs Danny Hunter finden - oder einer von ihnen wird sterben. Ein turbulentes Rennen gegen die Zeit beginnt, doch je näher Ollie und seine Freunde ihrem Ziel kommen, desto klarer wird ihnen, dass noch eine weitaus größere Bedrohung auf sie wartet. "Im Wesentlichen helfen wir Kindern und Jugendlichen." "Kindern? Was für Kindern?" "Kinder, die uns brauchen, die nirgendwo sonst hinkönnen." "Wie … obdachlose Kinder, meinst du?" "Obdachlose. Flüchtlinge. Waisen. Kids, die es mit Banden zu tun bekommen. Die Enkelin der Queen, wenn sie unsere Hilfe bräuchte. Wir sind wirklich nicht wählerisch." "Und was ist mit den Erwachsenen? Wo sind sie?" Dodge grinste. "Das ist das Coolste an der ganzen Sache. Hier gibt es keine Erwachsenen." Der Auftakt zu einer rasanten Actionreihe! Vor außergewöhnlichem Setting im Londoner Untergrund spinnt Simon Lelic ein fesselndes Agenten-Abenteuer von Freundschaft, Verrat und einer lebensbedrohlichen Mission. Spannende Unterhaltung für Fans von Top Secret, Agent 21 und Jungs und Mädchen ab 12 Jahren! Im Untergrund ist der erste Band der The Haven-Reihe.

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MOBI

Liczba stron: 314




Inhalt

Prolog

1  Albtraum

2  In die Dunkelheit

3  Die geheime Stadt

4  Abwasserkanal-Wohltätigkeitslauf

5  Der Kontrollraum

6  Mad Maddy

7  Dannys Razors

8  Hoher Einsatz

9  Abwesende Freunde

10  Rundgang

11  Tante Fay

12  Sterbendes Licht

13  Lily Hunter

14  An der Oberfläche

15  Phase Zwei

16  Neues Spielzeug

17  In der Höhle des Löwen

18  Alarmstufe Rot

19  Erzfeindin

20  Schüsse

21  Zuckerrausch

22  Dr. Gruber

23  Endgame

24  Maddys Rache

25  Teufelspakt

26  Rauchfahnen

27  Alle an Bord

28  Verzerrter Blick

29  Todesschuss

30  Abschiedsgeschenk

PROLOG

Maddy Sikes nahm den Hörer ab, zuversichtlich, dass es der Anruf war, den sie erwartete.

»Ist die Sache erledigt?«

»Sie ist erledigt«, antwortete die Stimme.

»Die Frau?«

»Die Frau. Und das Kind.«

»Das Kind?«

»Sie war nicht allein. Da war auch noch ein Kind. Aber keine Sorge. Ich hab mich drum gekümmert.«

Sikes drückte Daumen und Zeigefinger gegen den Nasenrücken. »Du hast ein Kind getötet. Ich habe dir nie aufgetragen, ein Kind zu töten.«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich das Kind getötet habe. Ich habe nur gesagt, ich hab mich drum gekümmert.«

»Moment mal«, hakte Sikes nach. »Das Kind ist nicht tot? Du hast ihn, sie, was auch immer es ist – du hast es am Leben gelassen? Wofür zum Teufel bezahle ich dich eigentlich?«

»Ihn. Ich habe ihn am Leben gelassen. Aber keine Panik, okay? Wenn ich sage, dass die Sache erledigt ist, ist sie das auch. Es besteht keine Gefahr mehr, ich schwör’s. Die ach so wichtige Lieferung ist auch sicher. Diese ganze Geschichte – die Polizei, die Ermittlung, sogar der Junge. Das ist alles vorbei. Das garantiere ich.«

1ALBTRAUM

Ollie Turner schlief, als die Männer kamen.

Sie waren schwarz gekleidet und trugen Skimasken. Bevor er begreifen konnte, was los war, zogen sie ihn aus dem Bett und zerrten ihn über den Teppich zum Treppenabsatz.

»Hey!«

Ollie erhaschte einen flüchtigen Blick auf einen Mann, der kleiner war als die anderen und das Ganze von der Treppe aus beobachtete. Ollie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber von der Art, wie er dastand – breitbeinig und mit verschränkten Armen –, war sich Ollie sicher, dass er das Sagen hatte.

Ollie wehrte sich mit Händen und Füßen, doch vergebens. Als er nach seiner Pflegemutter Nancy rief, hielt ihm einer der Männer die Hand über den Mund. Aus der Ferne drang ein gedämpfter Schrei herüber und Ollie wusste, dass sich die Männer auch Nancy geschnappt hatten. Sie schleiften sie bereits in Richtung Wohnungstür. Offenbar war es eine spontane Entscheidung, Ollie mitzunehmen. Eine noch zu klärende Kleinigkeit. Nancy war der Grund, warum die Männer hier waren.

Um Nancy so zu überrumpeln, mussten sie wirklich gut sein. Ollies Pflegemutter war Polizistin und ein Profi in allem, was sie tat. Aber diese Männer hatten es irgendwie geschafft, sie in ihre Gewalt zu bringen. Was wollten sie von ihr?

Oben an der Treppe packte einer der Männer Ollie und warf ihn sich über die Schulter, so wie es sein Vater immer getan hatte, als Ollie noch klein war. Er versuchte, um Hilfe zu rufen, aber es fiel ihm schon schwer genug, mit dem Knebel im Mund zu atmen. Irgendwann mussten sie es auch geschafft haben, ihm die Hände auf dem Rücken zusammenzubinden, und der Mann hielt seine Beine fest, damit er nicht um sich treten konnte.

Draußen auf der Straße wartete ein Kleintransporter, der schräg über den Bordstein geparkt war. Die Hintertüren standen offen wie ein weit aufgerissener Schlund, und der Mann setzte dazu an, Ollie hineinzuwerfen. Kurz bekam Ollie Nancy zu sehen, die bereits hinten im Wagen lag. Auch ihre Fuß- und Handgelenke waren gefesselt und sie schien sich nicht zu regen.

»Nancy«, versuchte Ollie hervorzupressen, doch als der Mann ihn neben sie in den Kleintransporter warf, knallte Ollie mit dem Kopf gegen den Metallboden und alles um ihn herum wurde schwarz.

Als Ollie wieder zu sich kam, war der Boden unter ihm kalt und hart, und seine Hände waren immer noch hinter dem Rücken gefesselt. Er befand sich nicht mehr in dem Kleintransporter, sondern in einem Raum, den er nicht kannte. Keine Fenster, nackte Wände und ein staubiger grauer Betonboden.

Nancy lag gleich neben ihm. Ihr Rücken war zu ihm gedreht und sie rührte sich nicht.

»Nancy!«, zischte Ollie verzweifelt.

Seit er sieben war, lebte Ollie bei Nancy. Seit dem Tag, an dem seine leiblichen Eltern bei einem Terroranschlag umgekommen waren. Jetzt, sechs Jahre später, war Nancy die wichtigste Person in Ollies Leben und der einzige Mensch, dem er wirklich etwas bedeutete.

Als Nancy nicht reagierte, hievte er sich unbeholfen hoch und wand sich so lange, bis er endlich aufrecht saß.

»Nancy!«, sagte Ollie noch einmal. Er sprach leise, damit seine Entführer nicht mitbekamen, dass er aufgewacht war. Ollie hatte keinen Zweifel, dass sie ganz in der Nähe waren und auch nur das kleinste Geräusch sie auf ihn aufmerksam machen könnte.

Er versuchte, seine Pflegemutter mit den Knien anzustupsen, und flüsterte in ihr Ohr.

»Nancy! Wach auf. Bitte, Nancy. Du musst aufwachen!«

Keine Reaktion. Nancy stöhnte nicht einmal.

Ollie stellte fest, dass er weinte. »Bitte, Nancy«, wiederholte er. Mittlerweile war es ihm egal, wie laut er redete. Ihm waren sogar die Männer egal, er wollte einfach nur, dass Nancy irgendein Lebenszeichen von sich gab.

»Nancy. Nancy!«

Diesmal reagierte Nancy endlich. Sie wimmerte und versuchte, sich auf den Rücken zu rollen. Als Ollie noch einmal ihren Namen sagte, wirkte sie plötzlich hellwach.

»Ollie? Bist … bist du das? Wo bist du? Ist mit dir alles in Ordnung? Bist du verletzt?«

»Nein, ich …« Im selben Augenblick, als Ollie antworten wollte, durchfuhr ihn ein stechender Kopfschmerz, der ihn zusammenzucken ließ. Er hatte sich den Schädel wohl ziemlich fest angeschlagen, als er in den Kleintransporter geworfen worden war.

»Nancy, du musst dich aufsetzen«, drängte er. »Wir müssen hier raus. Diese Männer, sie …«

Wie aufs Stichwort drangen Stimmen von draußen herein. Es gab zwei Türen, eine vor und die andere hinter ihm, doch keine der beiden ließ erahnen, wohin sie führten.

Nancy hatte die Stimmen auch gehört. Mit weitaus größerer Geschicklichkeit, als Ollie an den Tag gelegt hatte, rollte sie sich in eine aufrechte Position. »Dreh dich um, Ollie. Drück deinen Rücken gegen meinen.«

Ollie stellte keine großen Fragen. Er tat, was Nancy ihm sagte, und spürte sofort, wie ihre Finger an dem Knoten rupften, mit dem seine Handgelenke aneinandergefesselt waren. Obwohl sie vollkommen blind arbeitete, waren Ollies Hände in Sekundenschnelle frei.

»Jetzt binde mich los«, sagte Nancy. »Mach schnell, Ollie«, schob sie hinterher, als von draußen erneut die Stimmen hereindrangen.

Ollie betrachtete den Strick um Nancys Handgelenke und konnte nicht fassen, dass sie ihn so schnell losgebunden hatte. Der Knoten vor ihm war ein undurchschaubares Wirrwarr.

»Beeil dich, Ollie. Sie kommen.«

Ollie rupfte mit den Fingernägeln an dem Strick, konnte ihn aber nicht einmal das kleinste bisschen lockern.

»Ich schaff’s nicht, Nancy! Der Knoten ist zu fest!«

Nancy wirbelte zu ihm herum. »Versuch’s mit dem Strick an meinen Füßen.«

Ollie gab sich alle Mühe, doch dieser Knoten war sogar noch fester. Wieder rupfte er mit den Fingernägeln daran und spürte, wie einer davon abbrach. Es hatte keinen Zweck. Er fing an, sich nach etwas Scharfem umzusehen, mit dem er den Strick durchtrennen könnte. Der Raum war leer, der Boden nackt – es würde schon genügen, wenn er eine einzige Scherbe oder ein Stück Metall oder …

»Ollie? Ollie. Schau mich an, Ollie.«

Ollie hielt inne. In der Stille hörten sie direkt vor der Tür Stimmen.

»Lauf weg. Hörst du mich, Ollie? Du musst weglaufen.«

»Aber …«

»Los, Ollie! Sofort. Geh schon!«

Ollie schüttelte den Kopf. Er spürte, wie ihm Tränen aus den Augen traten. »Ich werde dich nicht im Stich lassen. Auf gar keinen Fall!«

Seine Sicht wurde trüb und er wischte sich über die Augen. Nancy lächelte.

»Ich hab dich lieb, Ollie Turner. Von ganzem Herzen. Und wenn du mich auch lieb hast, tust du jetzt, worum ich dich bitte. Lauf weg, Ollie. Bitte.«

Die Tür vor ihnen öffnete sich einen Spaltbreit. Die Männer waren hier. Ollie hatte gerade noch Zeit, ein letztes Mal aufzuschluchzen, und dann rannte er los.

Er war keine drei Schritte aus der gegenüberliegenden Tür heraus, als er die Schüsse hörte.

Sein erster Impuls war, stehen zu bleiben, auf dem Absatz kehrtzumachen und zurückzurennen. Nancy. Oh, Nancy. Aber ihre Stimme in seinem Kopf trieb ihn weiter voran. Lauf weg!, hatte sie gesagt. Bitte.

Er würde sie nicht enttäuschen. Er konnte es nicht.

Nach den Schüssen ertönte hinter ihm ein Schrei und dann das schnelle Hämmern von Stiefeln. Ollie rechnete sich bestenfalls einen Vorsprung von zwanzig Metern aus.

Im Rennen versuchte er, seine Umgebung einzuschätzen und einen Anhaltspunkt zu finden, in welche Richtung er laufen sollte. Der Korridor, in dem er landete, war ein langer, karger Durchgang. Seiner Einschätzung nach befand er sich im Büroflügel irgendeiner Fabrik. Auf jeden Fall irgendetwas Gewerbliches, bei dem niemand besonderen Wert darauf legte, wie das Gebäude aussah.

Er rannte um eine Ecke und hörte, wie sich ihm weitere Männer aus der entgegengesetzten Richtung näherten. Im Schloss einer der Türen im Korridor sah er einen Schlüssel und Ollie wusste sofort, dass das seine einzige Chance war.

Er öffnete die Tür und streckte den Kopf hindurch. Dahinter entdeckte er das obere Ende einer Holztreppe. Das Licht war ausgeschaltet und niemand war zu sehen oder zu hören, nur die Schritte, die in der Dunkelheit unter ihm verhallten.

Ollie schluckte. Obwohl er schon dreizehn war, hatte er Angst vor der Dunkelheit – unterm Strich war seine Angst vor Männern mit Waffen allerdings ein wenig größer. Er trat über die Schwelle, schloss die Tür, bevor die Männer ihn sehen konnten, und drehte den Schlüssel um.

Er atmete aus. Die Luft fühlte sich stickig und verbraucht an und es roch mindestens so schlimm wie der eine Woche alte Inhalt seiner Sporttasche.

Plötzlich fing die Tür an zu beben. Auf der anderen Seite rüttelte jemand an der Klinke.

Ollie wich zurück und sein linker Fuß schlitterte ins Leere. Er sah nach unten und stellte fest, dass er ganz am Rand des obersten Treppenabsatzes stand.

Ollie ruderte mit den Armen und spürte, wie seine Fingernägel über Mauerwerk kratzten. Seine andere Hand umfasste den Treppenpfosten aus Holz und es gelang ihm irgendwie, sich nach oben zu hieven. Mit pochendem Herzen warf er einen Blick nach unten, um zu sehen, wohin er gestürzt wäre – und rutschte beinahe ein zweites Mal aus, als er in der Dunkelheit ein Augenpaar ausmachte, das nach oben schaute.

Gollum-Augen, ging es Ollie durch den Kopf, während er sich die Figur aus Der Herr der Ringe vorstellte. Aber nicht den lustigen Gollum, sondern den fiesen. Den mit den Zähnen.

Ollie stieß einen kurzen Schrei aus. Er huschte von der Treppe weg und drückte den Rücken an die Tür. Sie klapperte heftig und die Augen unter ihm verschwanden.

Er hielt sich eine Hand vor den Mund, aber es war zu spät. Stimmen drangen aus dem Flur durch die geschlossene Tür.

»Hier drin. Ich glaube, ich hab was gehört.«

»Na, dann mach sie auf!«

»Ich kann den Schlüssel nicht finden. Er sollte im Schloss stecken.«

Der Schlüssel. Ollie nahm die rechte Hand vom Mund und stellte fest, dass sie leer war. Er musste den Schlüssel fallen gelassen haben, als er das Gleichgewicht verloren hatte. Wie um alles in der Welt sollte er jetzt wieder rauskommen?

Ein Knall gegen die Tür hinter ihm war seine Antwort. Ollie musste sich keine Sorgen darüber machen, wie er rauskommen sollte. Wer auch immer da draußen war, hatte die klare Absicht, reinzukommen.

»Uff.«

»Fester. Leg dich ins Zeug.«

So heftig, wie die Tür diesmal erzitterte, hatte Ollie keinen Zweifel, dass sie jeden Augenblick nachgeben würde.

Sie erbebte von der Wucht eines weiteren Schlags und der Rahmen spaltete sich bis ganz runter zum Boden. Noch ein Hieb und sie wären durch.

Ollie ging in die Hocke und machte sich bereit, sich auf die Männer zu stürzen … aber der letzte Hieb kam nie.

Stattdessen hörte er die Stimme von vorhin erneut: »Was war das?«

Stille, gefolgt von einem dumpfen Geräusch irgendwo in der Ferne.

Dann: »Hier drüben. Schnell!«

Die Männer vor der Tür polterten davon. Ollie stieß die Luft aus, von der er nicht einmal gewusst hatte, dass er sie angehalten hatte. Er war außer Gefahr. Jedenfalls fürs Erste. Das dachte er zumindest, bis die Tür aufbarst. Ollie zuckte zusammen und wich schwankend zurück. Als er sich umdrehte, sah er in der Tür einen grinsenden Mann, der voller Schadenfreude auf seinen Fang hinunterblickte.

2IN DIE DUNKELHEIT

Ollie wollte nicht kämpfen, würde es aber, wenn nötig, tun.

Der Gedanke daran, was diese Männer Nancy angetan hatten, fachte seine Wut an. Doch gerade, als er nach vorne stürmen und seine Schulter in den Magen des Mannes rammen wollte, erkannte er, dass es überhaupt kein Mann war. Der Besitzer des Grinsens war ein Junge, genau wie er. Älter zwar, zwei oder drei Jahre vielleicht, aber trotzdem ein Junge. Er hatte helles Haar, freundliche Augen und eine Narbe, die von seinem linken Ohr bis fast zu seinem Kinn verlief.

»Sorry«, sagte der Junge. »Hatte keine Zeit, dich zu warnen, von der Tür wegzutreten. Alles in Ordnung? Gut. Dann lass uns von hier verschwinden. Sofort.«

Der Junge wirbelte herum. Ollie blieb wie angewurzelt stehen und starrte seinem davoneilenden Rücken mit heruntergeklappter Kinnlade hinterher.

Als dem Jungen auffiel, dass Ollie ihm nicht folgte, drehte er sich um.

»Die kommen bestimmt zurück. Es wird nicht lange dauern, bis diese Männer kapieren, dass das Geräusch, das sie gehört haben, nur eine Ablenkung war.« Als Ollie immer noch nicht reagierte, hielt der Junge ihm die Hand hin. »Ich bin übrigens Dodge«, stellte er sich vor.

Ollie nahm ganz automatisch die Hand des Jungen. »Ich bin … Ollie. Ich …«

Aber er hatte keine Zeit, den Satz zu beenden. Dodge packte Ollies Hand und riss ihn durch die Tür in den Flur.

»Wer bist du?«, keuchte Ollie im Rennen. »Von wo bist du gekommen?«

Dodge warf ihm von der Seite einen Blick zu. »Keine Zeit für Erklärungen«, schnaufte er.

Als sie eine Abzweigung erreichten, verlangsamte Dodge sein Tempo und legte Ollie eine Hand auf die Brust. Der ältere Junge spähte um die Ecke. »Die Luft ist rein«, sagte er. »Gehen wir.«

Sie schienen denselben Weg zurückzugehen, den Ollie gekommen war, bis Dodge sie einen Seitengang hinunterführte, an dem Ollie vorbeigelaufen war, ohne es zu bemerken.

»Warte.« Wieder hielt Dodge Ollie zurück. Vor ihnen lag eine Abzweigung und ein bewaffneter Mann rannte direkt an ihnen vorbei. Er sah sie nicht, weil er sich ganz auf die Stimmen konzentrierte, die aus seinem Funkgerät kamen.

»Die Luft ist rein«, sagte Dodge erneut und versuchte, Ollie mitzuziehen.

Diesmal widersetzte sich Ollie.

»Wir müssen zurück«, sagte er.

Dodge blieb abrupt vor ihm stehen. »Was? Wovon redest du überhaupt?«

»Nancy … Wir müssen zurück. Wir müssen uns vergewissern, dass sie … ob sie …«

Dodge warf schnell einen prüfenden Blick hinter sich. Als er sich sicher war, dass niemand kam, trat er näher heran und legte Ollie eine Hand auf die Schulter.

»Diese Frau«, sagte er. »Du hast sie gekannt?«

Tränen brannten hinter Ollies Lidern. Er nickte.

Dodge zuckte zusammen. »War sie … deine Mum?«

»Nicht meine Mum«, presste Ollie hervor. »Meine Freundin.«

Für einen kurzen Moment schloss Dodge die Augen. Er seufzte.

»Sie war Polizistin«, sagte Ollie. »Ich glaube, das ist der Grund, warum sie … warum die Männer …« Er schüttelte den Kopf, um ihn freizubekommen. »Ich muss zurück«, beharrte er. »Ich lasse sie nicht zurück. Auf keinen Fall.«

»Ollie, hör mir zu.« Dodge beugte sich leicht vor, sodass sie beide etwa auf gleicher Augenhöhe waren. »Wir können nichts für sie tun. Nicht jetzt.«

»Aber wenn die Chance besteht …«

»Es besteht keine Chance, Ollie. Hörst du, was ich sage? Es besteht keine Chance. Es tut mir leid.«

Ollie befreite sich aus Dodges Griff. Er spürte, wie er den Kopf schüttelte, denn er wollte einfach nicht wahrhaben, was der ältere Junge gerade gesagt hatte.

Sie konnte nicht tot sein. Das konnte einfach nicht sein.

»Ich war im Schacht der Klimaanlage versteckt«, erklärte Dodge. »Ich habe alles gesehen. Wir beobachten schon seit einiger Zeit, was hier vor sich geht«, fügte er hinzu, als er Ollies Verwirrung bemerkte. »Hör mal, es ist kompliziert. Ich erklär dir alles später. Erst mal müssen wir von hier verschwinden. Okay?«

Ollie zögerte … aber dann nickte er.

Sie schlichen um die nächsten beiden Ecken und wechselten vom Flurlabyrinth in eine Fabrikhalle, in der es eine Vielzahl von Orten gab, an denen sie sich verstecken konnten. Arbeiter luden Kisten um und fuhren mit Gabelstaplern durch die Gegend. Soweit Ollie erkennen konnte, waren sie alle unbewaffnet und konzentrierten sich auf ihren Job. Niemand schien nach entflohenen Gefangenen oder sonst irgendjemandem Ausschau zu halten.

In geduckter Haltung führte Dodge sie zwischen aufgestapelten Paletten hindurch. Wie schon zuvor schien er genau zu wissen, wohin er ging. In der hintersten Ecke befand sich eine Brandschutztür und Ollie vermutete, dass sie sich darauf zubewegten.

»Was ist in diesen Kisten?«, flüsterte Ollie, während sie weiterschlichen.

Dodge runzelte die Stirn, als hätte er sich dasselbe gefragt. »Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Das ist nicht ihre übliche Art von Lieferung.«

»Wessen übliche Art von Lieferung?«

»Maddy Sikes. Ihr gehört dieser Ort.«

Wer ist Maddy Sikes?, wollte Ollie gerade fragen, entdeckte aber im selben Moment eine der Wachen.

Die Arbeiter hatten nach niemandem Ausschau gehalten, weil sich andere Leute darum kümmerten. Und jetzt, da er eine Wache entdeckt hatte, fielen ihm gleich mehrere auf: Typen, die sich nicht an den Arbeiten beteiligten und stattdessen mit nach außen gewandtem Blick und griffbereiten Waffen am Rand herumstanden. Was auch immer in diesen Kisten steckte, war offensichtlich viel wert.

Ollie und Dodge warteten, bis ihnen der Wachmann in ihrer Nähe den Rücken zudrehte, und rannten dann zur nächsten Kiste, die ihnen Deckung bot.

»Wer sind diese Leute?«, fragte Ollie. »Du hast gesagt, ihr hättet sie beobachtet. Warum? Und was wollen sie von mir? Was wollten sie von Nancy?«

»Deine Freundin war Polizistin, oder?«, erwiderte Dodge.

»Ja«, sagte Ollie und versuchte, nicht darüber nachzudenken, dass Dodge schon wieder die Vergangenheitsform benutzt hatte. War Polizistin. Nicht ist.

»War sie Teil irgendeiner Sondereinheit oder so was?«

»Ich …« Ollie war sich nicht sicher. Er wusste nur, dass Nancy irgendeine Art von Kriminalbeamtin gewesen war.

Dodge hatte offenbar nicht bemerkt, dass Ollie seine Frage nicht beantwortet hatte. Während sie weitereilten, holte er ein Handy aus seiner Hosentasche heraus. Ein altes iPhone, das man wohl irgendwie modifiziert hatte, denn im Lightning-Anschluss steckte eine Antenne.

Dodge tippte eine Nachricht und steckte das Handy zurück.

»Hilfe ist unterwegs«, erklärte er. »Jetzt müssen wir es nur noch hier rausschaffen.«

In geduckter Haltung steuerten sie auf die Brandschutztür zu und blieben nur kurz stehen, bevor sie durch zwei weitere Reihen von Paletten huschten, um nach Wachleuten Ausschau zu halten.

»Geradeaus. Wir sind fast da, Ollie. Jetzt müssen wir nur noch hoffen, dass die Brandschutztür nicht …«

Sie erreichten den Notausgang und Dodge drückte, ohne zu zögern, die Metallstrebe hinunter. Sobald sich die Tür vom Rahmen löste, wurde die Luft von einem durchdringenden elektronischen Heulen erfüllt.

»… an die Alarmanlage angeschlossen ist«, beendete Dodge den Satz und schluckte.

Ollie drehte sich um und sah, dass eine Wache sie entdeckt hatte und die Waffe hob.

»Hey! Stopp!«

»Los!«

Dodge schubste Ollie durch die Tür, bevor der Mann schießen konnte. Sie zwängten sich nach draußen und Ollie hatte kaum Zeit wahrzunehmen, dass es hell war. In seinem Kopf war es draußen immer noch dunkel gewesen. Aber die Sonne bewegte sich schon langsam über den Horizont und tauchte alles in ein warmes zuckerwattefarbenes Licht.

Sie stürmten über den Fabrikhof und wichen auf ihrer Flucht einem weiteren Gabelstapler aus. Niemand verfolgte sie – noch nicht – doch soweit Ollie das erkennen konnte, waren sie hier draußen nicht besser dran als drinnen. Die Fabrik lag am Ufer der Themse, aber um den gesamten Hof herum erhob sich ein Zaun, der mindestens dreimal so hoch war wie Ollie und ihnen den Zugang zum Fluss versperrte. Stacheldraht schloss den Zaun oben ab.

»Und jetzt?«, schrie er angsterfüllt.

Dodge führte Ollie um eine Ecke und zeigte auf eine feste Backsteinmauer. »Da lang.«

»Aber … dann sitzen wir in der Falle!«

Dodge warf ihm einen Blick zu, doch Ollie war sich nicht sicher, ob er eine Grimasse zog oder ihn angrinste.

Sie schlüpften zwischen einen geparkten Lkw und die Mauer und drückten sich mit dem Rücken an die Backsteine.

Ollie spähte hinter einem Lkw-Reifen hervor. »Und jetzt?«, wiederholte er, während er zum Hof sah. In einiger Entfernung suchten Männer blindlings nach ihnen und bewegten sich immer weiter in ihre Richtung. »Wir können nicht einfach hier rumsitzen und warten, bis sie …«

Ollie drehte sich um und stellte fest, dass Dodge verschwunden war.

»Dodge?«, zischte er ängstlich. »Dodge. Wo bist du?«

Er spürte, wie Panik in ihm aufstieg, und einen Moment lang hatte er das Gefühl, er müsste sich gleich übergeben. Doch dann schloss sich eine Hand um sein Fußgelenk und Ollie sah überrascht hinunter.

Dodge blickte aus einem Loch im Boden zu ihm hinauf. Neben ihm lag ein zur Seite geschobener Gullydeckel.

»Kommst du?«, fragte Dodge. »Oder wolltest du lieber hierbleiben und mit deinen neuen Freunden spielen?«

Ollie versuchte, an Dodge vorbei in die Dunkelheit darunter zu spähen. Auch wenn er nicht viel sehen konnte, so roch er doch umso mehr.

»Was ist das für ein Gestank?«, fragte er und rümpfte die Nase. »Ist das ein Abwasserkanal?«

»Volltreffer«, erwiderte Dodge. »Und dieser Gestank, mein Freund, ist der Duft der Freiheit.« Er atmete tief ein und schenkte Ollie ein Grinsen. »Also kommst du jetzt, oder was?«

Ollie betrachtete noch einmal den Gullydeckel und stellte fest, dass Dodge schon die Leiter hinunter in den Kanal verschwunden war. Er holte tief Luft und mit einem letzten Blick auf den frühmorgendlichen Himmel folgte Ollie ihm nach unten in die Dunkelheit.

3DIE GEHEIME STADT

Es war, als würden sie in eine andere Welt absteigen. Die Luft war kühl, feucht und völlig reglos. Sobald Ollie den Gullydeckel zurück an seinen Platz geschoben hatte, erleuchtete nur noch die Taschenlampe von Dodges Handy die Dunkelheit.

Ollie folgte Dodge die Leiter hinunter, wobei sich die Sprossen schmierig an seinen Händen anfühlten.

»Pass auf«, sagte Dodge. »Fast da. Nur noch zwei … geschafft. Sei vorsichtig, wenn du unten ankommst.«

Ollie ließ sich neben Dodge fallen und landete mit den Füßen direkt in einer Wasserpfütze. Es war kein Abwasser – hoffte er jedenfalls. Vermutlich eher Regenwasser, das durch den Schacht reingetropft war, den sie gerade heruntergeklettert waren. Besonders angenehm war es trotzdem nicht und Ollie zog die Zehen ein, weil es so kalt war.

»Du könntest ein Paar Schuhe gebrauchen«, meinte Dodge, als wäre das nicht offensichtlich. »Und dieser Pyjama …« Er richtete das Licht auf Ollie. »Versteh mich nicht falsch, ich mag Dinosaurier wie jeder andere auch, aber meinst du nicht, dass du ihn eine Nummer größer hättest kaufen sollen?«

Ollie sah an sich hinunter und erstarrte fast vor Verlegenheit. Er hatte immer noch seinen Dinosaurierschlafanzug an, was schlimm genug war, doch noch schlimmer war, dass er ihn vor mehr als zwei Jahren zum Geburtstag bekommen hatte und schon längst rausgewachsen war. Die Ärmel gingen ihm kaum bis zu den Handgelenken und die Hose endete über seinen Knöcheln. Dodge hingegen trug eine Kampfhose, ein Nike-T-Shirt und abgewetzte karierte Vans.

»Hey«, sagte Dodge, der Ollies Unbehagen spürte. »Keine große Sache. Die härtesten Typen tragen Pyjamas. Karatekämpfer, Ninjas und … äh … Sträflinge. Und wir können dich mit etwas Passenderem ausstatten, wenn wir zu Hause sind.«

Dodge drehte sich um und lief den Tunnel hinunter los – direkt durch die riesigen Pfützen. Sie befanden sich auf einer Art Fußweg, während das Abwasser parallel dazu einen unterirdischen Fluss bildete.

Dabei tippte Dodge wieder auf seinem Handy herum. Ollie nahm an, dass er eine weitere Nachricht schrieb.

»Funktioniert es hier unten? Hast du überhaupt Empfang?«

Dodge grinste ihn über die Schulter hinweg an. »Jemand, den ich kenne, hat es ein wenig modifiziert. Kurzwellenantenne, Nachrichten-App und unsere eigene private Frequenz.« Er wedelte mit dem Handy in Ollies Richtung und Ollie sah flüchtig dieses komische Antennendings, das ihm vorhin schon aufgefallen war. »Sieht nicht toll aus, funktioniert aber einwandfrei. Jack ist ein Genie. Ich stelle euch einander vor, wenn wir zu Hause sind.«

Da war er wieder, dieser Hinweis auf zu Hause. Wo um alles in der Welt sollte das sein? Ollie war sich ziemlich sicher, dass es keine gemütliche Vier-Zimmer-Doppelhaushälfte in der Vorstadt sein würde und auch keine Wohnung wie die, die sich Nancy und er in Chalk Farm geteilt hatten.

Nancy.

Ollie spürte ihre Abwesenheit tief in sich drin, ein plötzlicher Schock wie ein Schlag in den Magen. Sie war nicht mehr da. Ihr gemeinsames Leben für immer vorbei. Es kam ihm so vor, als wäre der Boden unter seinen Füßen eingebrochen, und es gab keine Chance herauszufinden, wo er landen würde.

»Da lang«, sagte Dodge und bog links ab. Er fummelte an seinem Handy herum, und als er es vor sich hielt, war der Lichtstrahl so hell, dass Ollie zusätzliche zehn, zwanzig Meter nach vorne blicken konnte. Der gesamte Tunnel war erleuchtet, sodass man den uralten Mauerwerkbogen in seiner ganzen schleimüberzogenen Pracht sehen konnte.

»Noch eine Verbesserung«, erklärte Dodge und zeigte auf sein Handy. »Hochleistungsstrahl. Killt zwar den Akku, kann aber genauso nützlich sein wie die Antenne. Über diese Tunnel kommen wir überallhin, verstehst du. Abwasserkanäle, alte Eisenbahneinschnitte, Lüftungsschächte stillgelegter U-Bahn-Tunnel. Manchmal sogar durch die Tunnel selbst. Über die haben wir Zugang zu allen Orten, die wir erreichen müssen. Nur haben die Leute, die sie gebaut haben, vergessen, Röhrenlampen und WLAN einzubauen. Ganz schön gedankenlos, wenn du mich fragst.«

»Du sagst ständig ›wir‹«, erwiderte Ollie. »Von wem redest du? Und warum benutzt ihr nicht den Bürgersteig wie normale Leute?«

Dodge lachte. »Weil wir nicht wie normale Leute sind. Wir sind Teenager wie du, Ollie. Sogar genau wie du. Und was die Tunnel betrifft … so kommen wir überallhin, ohne von jemandem gesehen zu werden. Was bei unserer Arbeit äußerst wichtig ist.«

»Arbeit? Aber … wie alt bist du denn? Solltest du nicht in der Schule sein?«

»Ich bin fünfzehn. Und das mit der ›Arbeit‹ ist nur so ’ne Redewendung. Ich gehe zur Schule. Das tun wir alle. Nur nicht die Art von Schule, auf die du gehst.«

Ollie wollte gerade nachhaken, was Dodge damit meinte, als sie um eine weitere Ecke bogen und auf einen so überwältigenden Gestank trafen, dass es sich anfühlte, als würden sie geradewegs gegen eine Wand laufen.

»Boah«, keuchte Ollie, dem Tränen in die Augen traten. Er hielt sich die Nase zu, und als er etwas sagte, hörte Ollie sich total verschnupft an. »Dieser Jemand, den du kennst, hätte er nicht so was wie anständige Nasenstöpsel erfinden können, wenn er schon dabei war?«

»Jack ist eine Sie und kein Er. Und außerdem wäre es mit Nasenstöpseln ziemlich schwer zu atmen«, hob Dodge hervor. »Ein paar Leute benutzen Wick. Du weißt schon, das Zeug, das man sich auf die Brust schmiert, wenn man eine Erkältung hat. Ein kleiner Klecks unter jedes Nasenloch und der Abwassergeruch ist gar nicht mehr so schlimm. Aber das ist mir die Mühe nicht wert. Nach einer Weile hat man sich eh an den Mief gewöhnt.«

Ollie bezweifelte stark, dass er sich jemals daran gewöhnen könnte.

»Und weißt du was?«, fuhr Dodge fort. »Ich würde einen Abwasserkanal jederzeit allen anderen Tunneln hier unten vorziehen. Zunächst einmal sind sie geräumiger. Bei manchen U-Bahn-Lüftungsschächten könnte man meinen, sie wären für Baby-Hobbits gebaut worden.«

Ollie hätte den Abwasserkanal, durch den sie sich gerade bewegten, nicht wirklich als geräumig bezeichnet.

»Und was die U-Bahn-Tunnel betrifft«, erklärte Dodge, »kann ich wirklich sehr gerne darauf verzichten, von vorbeirauschenden Zügen mit Wasser vollgespritzt zu werden. Von daher sind die Abwasserkanäle im Großen und Ganzen wie für uns gemacht.«

In genau dem Moment trat Ollie in etwas, das definitiv nicht wie für ihn gemacht war. Seine Schlafanzughose klebte feucht an seinen Waden und ließ die Kälte fast bis zu seinen Knien hochziehen.

»Ich glaube immer noch, dass ich lieber den Bürgersteig benutzen würde«, grummelte er.

»Ha.« Dodge blickte mit einem weiteren Grinsen zu ihm zurück. »Wart’s ab«, sagte er. »Ich wette mit dir, dass du schon bald anders denkst. Über uns ist übrigens gerade der Tower von London. Wir müssen noch ein paarmal abbiegen und dann sind wir direkt unter der Bank von England.«

»Die Bank von England?«

Dodge lächelte. »Siehste? Ich wusste, du würdest beeindruckt sein. Die Welt hier unten ist wie eine geheime Stadt. Eine Stadt, die außer uns niemand kennt.«

Das war ganz schön cool, musste Ollie zugeben.

»Das Einzige, worüber du dir wirklich Sorgen machen musst, sind die Ratten.«

Ollie drehte sich um. »Ratten?«

»Kannst du sie nicht hören?«

Ollie lauschte und stellte fest, dass er es durchaus konnte. Kleine trippelnde Geräusche entlang des Kanals unter ihnen. Gelegentlich auch ein Quieken. Er schielte und versuchte, sie zu erspähen, aber Lichter, die am Ende des Tunnels tanzten, lenkten ihn ab.

»Entspann dich«, sagte Dodge, als Ollie erstarrte. »Die Männer von vorhin suchen uns jetzt bestimmt auf dem Hof. Die Leute hier unten gehören zu mir. Oh, bevor ich es vergesse. Gib mir deine Hand.«

»Was?«, fragte Ollie.

»Deine Hand. Streck sie aus.«

»Aber … warum?«, fragte Ollie, während er Dodge seine Handfläche hinhielt.

»Sicherheitsmaßnahmen«, antwortete Dodge, und bevor Ollie wusste, wie ihm geschah, hatte Dodge ihn auch schon herumgewirbelt und ihm den Arm auf den Rücken gedreht.

»Hey!«

»Tut mir leid, dass ich das tun muss, Ollie.«

Ollie wand sich, aber es hatte keinen Zweck. Dodge drückte ihn gegen die schleimige Kanalwand. Schwarzer Stoff blitzte kurz vor Ollies Augen auf und plötzlich wurde es vollkommen finster um ihn herum. Danach spürte er, wie ihm auch sein freier Arm auf den Rücken gebogen wurde und sich etwas schmerzhaft in seine Handgelenke bohrte. Zum zweiten Mal in zwölf Stunden wurde Ollie zum Gefangenen, mit einem Kissenbezug über dem Kopf und hinter dem Rücken gefesselten Händen.

4ABWASSERKANAL-WOHLTÄTIGKEITSLAUF

Wer auch immer die Leute vor ihnen waren, sie kamen näher. Ollie konnte zwar die Lichter nicht mehr sehen, hörte aber Schritte in dem flachen, stehenden Wasser. Es war schwer zu sagen, wie viele es waren. Mindestens zwei, vielleicht sogar drei oder vier.

Dodge ging hinter Ollie und schob ihn mit einer Hand um den Nacken voran. So viel zu seinem neuen Freund. So viel zu seiner Rettung. Er hätte an den schmierigen Sprossen abrutschen und sich auf Dodge fallen lassen oder riskieren sollen, über den Stacheldraht zu klettern, als er noch die Chance dazu gehabt hatte.

Die Versuchung, seinem Entführer mit der Ferse gegen das Schienbein zu treten, war groß, doch Ollie hatte das Gefühl, dass Dodge schon fast damit rechnete. Und auch wenn es Ollie gelang zu entwischen, hatte er immer noch den Überzug auf dem Kopf und war gefesselt. Dodges Freunde würden ihn mit Sicherheit in Sekundenschnelle wieder einfangen.

»Ganz ruhig«, sagte Dodge, schob Ollie hinter sich und brachte ihn so zum Stehen.

»Hey, Dodge!«, rief eine sich nähernde Stimme. Es war die eines Mädchens. »Wo ist dieses ›Paket‹, von dem du uns in deiner Nachricht geschrieben hast? Ich kann nicht … Oh.«

Das Mädchen hatte Ollie wohl in Dodges Schatten ausgemacht. Und wieder ging ihm durch den Kopf, wie albern er gerade aussehen musste. Er war nicht nur barfuß und trug einen Kinderschlafanzug, sondern hatte auch noch einen Kissenbezug auf dem Kopf.

»Was hast du so lange getrieben, Dodge? Kleine Kinder aus ihren Betten entführt?« Diesmal war es die Stimme eines Jungen: tiefer, fieser. »Das ist hier nicht wie im Film Big Friendly Giant, weißt du.«

Ollie wich langsam zurück, in der Hoffnung, dass es niemand bemerken würde. Seine Hände waren fest zusammengebunden, aber der Überzug war locker. Wenn er den Kopf nach vorne warf und ihn heftig schüttelte, würde der Stoff vielleicht abfallen.

Genau in dem Moment, als er dachte, er hätte genügend Abstand zwischen sich und die anderen gebracht, um einen Fluchtversuch zu starten, spürte er den vertrauten Druck von Dodges Fingern um seinen Nacken.

Diesmal wehrte er sich. »Finger weg!«, blaffte er.

»Ja, sieh mal einer an? Es spricht!« Der Junge wieder. »Was ist das für’n Aufzug, Kleiner? Machst du das für einen wohltätigen Zweck? Der Barfuß-Minipyjama-Abwasserkanal-Wohltätigkeitslauf. Ich spende fünfzig Pence pro Kilometer.«

»Halt die Klappe«, gab Ollie zurück und wand sich. »Und nenn mich nicht ›Kleiner‹.«

»Das reicht«, ging Dodge dazwischen und Ollie war sich nicht sicher, ob er ihn oder seinen aggressiven Freund meinte. »Sol? Lily? Nehmt jeder einen Arm, okay? Flea, du gehst voran. Ich bilde das Schlusslicht.«

»Alles klar, Boss.« Diese Stimme hatte Ollie noch nicht gehört. Sie kam von einem anderen Jungen, war freundlicher und nicht so tief. Ohne Ollie und Dodge mussten sie insgesamt zu dritt sein. Zwei Jungs, Sol und Flea, und ein Mädchen, Lily.

»Moment mal«, sagte der Junge mit der tieferen Stimme, der zuerst gesprochen hatte. »Wir nehmen ihn mit?«

»Genau«, antwortete Dodge.

»Auf keinen Fall. Vergiss es, Dodge.«

»Das ist, was wir tun, Flea. Das ist, was wir schon immer getan haben.«

»Aber die Dinge haben sich geändert. Das sagst du uns doch ständig.«

»Klar, aber … das ist anders. Ich hab so ein Gefühl.«

»Ein Gefühl?«, höhnte Flea. »Na, dann ist ja alles in Ordnung, wenn du ein Gefühl hast.«

»Halt die Klappe, Flea!«, blaffte ihn das Mädchen an. Sie sprach direkt neben Ollies rechtem Ohr und er spürte, wie sie seinen Arm nahm.

Auch Ollies anderer Arm wurde gepackt, vermutlich von Sol.

»Lasst mich gehen«, verlangte Ollie. »Ich will nicht mit euch kommen. Lasst mich einfach hier.«

»Siehst du?«, sagte Flea. »Pyjama-Party will nicht mal mitkommen. Lassen wir ihn hier und konzentrieren uns auf die Mission.«

Lily schnalzte mit der Zunge. Ollie konnte praktisch hören, wie sie die Augen verdrehte.

»Spar dir das Gejammer und geh voran, Flea«, sagte Dodge. Eine Hand fiel auf Ollies Schulter. »Und es tut mir leid, Ollie. Aber ich fürchte, du hast schon zu viel gesehen.«

Danach marschierten sie schweigend durch den Abwasserkanal. Zuerst weigerte sich Ollie weiterzugehen, aber dann flüsterte ihm Sol ins Ohr.

»Du heißt Ollie, ja?«, fragte er. »Also, entspann dich, Ollie. Wenn du dich querstellst, müssen wir dich hinter uns herziehen, und wenn ich dich so ansehe, bist du schon nass genug. Außerdem ist dieser Überzug nur eine Vorsichtsmaßnahme, für uns wie auch für dich.«

Dodge hatte etwas Ähnliches gesagt, bevor er Ollie herumgewirbelt und ihm den Arm auf den Rücken gedreht hatte. »Sicherheitsmaßnahmen« war der Ausdruck, den er benutzt hatte, und Ollie packte gegen seinen Willen die Neugier, wohin sie ihn brachten und was sie unbedingt beschützen wollten.

Als sie endlich zum Stehen kamen, riss jemand Ollie den Überzug vom Kopf. Er blinzelte und stellte fest, dass er auf eine Wand starrte. Dodge band Ollies Handgelenke los und dieser rieb über die Abdrücke, die der Strick hinterlassen hatte.

Sie befanden sich in einer schmalen Abzweigung des Tunnels, den sie entlanggelaufen waren. Es war immer noch dunkel, aber dadurch, dass die Wände so nah beieinanderlagen, wirkte das Licht von Dodges Handy noch heller.

Dodge stand neben Ollie. Die anderen waren hinter ihm, doch Dodge zeigte auf die Wand, bevor Ollie sich umdrehen konnte.

»Schau hier«, wies er ihn an.

Ollie blickte finster. »Warum sollte ich tun, was du sagst?«

Dodge seufzte. »Hör mal, Ollie. Das ganze Theater tut mir leid. Aber du wirst schon bald verstehen, warum es nötig war. Du bist nicht verletzt, oder? Und wir sind diesen Männern doch entwischt, wenn ich mich richtig erinnere?«

Widerwillig folgte Ollie Dodges Finger, doch soweit er das beurteilen konnte, zeigte dieser auf einen Backstein.

»Hier«, sagte Dodge und berührte den Stein.

Ollie sah eine kleine, runde Linse, die im Mauerwerk verborgen war.

»Ist das eine Kamera?«, fragte er.

»Sag ›Cheese‹«, antwortete Dodge.

Ollie blinzelte nur.

»Gesichtserkennung«, erklärte Dodge. »Und jetzt drück deinen Daumen darauf.« Im Mauerwerk war noch ein kleiner dunkler Kreis, etwas tiefer, aber so gut verborgen, dass er Ollie nicht aufgefallen wäre, wenn man ihn nicht darauf aufmerksam gemacht hätte.

Als er zögerte, nahm Dodge Ollies Hand und drückte seinen Daumen auf den Sensor.

»Fingerabdruckerkennung«, sagte er. »Ist nichts Ausgefallenes – im Grunde dieselbe Technologie wie bei einem Smartphone. Aber ziemlich cool, oder? Und jetzt bist du im System.«

Ollie hörte ein frustriertes Stöhnen hinter sich. Flea, vermutete er. Doch als Ollie zu ihm zurückblicken wollte, drückte Dodge seinen Daumen auf das Lesegerät und die Wand vor ihnen öffnete sich.

Es war überhaupt keine Wand, stellte Ollie fest, sondern eine Tür, die so gut getarnt war, dass sie mit ihrer Umgebung verschmolz.

Dodge ging zur Seite und gab den Blick auf eine enge Treppe frei, die nach oben führte. Mit einer Handbewegung bedeutete er Ollie, voranzugehen.

Als Erstes fiel Ollie der Geruch auf. Nach dem Abwassergestank war er so genüsslich, als hätte er eine Bäckerei betreten. Aber der Geruch erinnerte ihn nicht an Brot, sondern an … Bücher. Dieser besondere Duft, wenn man die Seiten eines Romans aufschlägt und die Nase gegen den Buchrücken drückt.

»Geh weiter«, sagte Dodge hinter ihm. »Bis ganz nach oben.«

Der Raum am Ende der Treppe ähnelte den Umkleiden in Ollies Schule. Die Wände voller Kleiderhaken waren mit Bänken gesäumt und in der hintersten Ecke standen Spinde nebeneinander aufgereiht. An der Decke flackerten Röhrenlampen.

»Das ist der Ausrüstungsraum«, erklärte Dodge, und als Ollie in der Tür stehen blieb, zwängten sich die anderen an ihm vorbei. Alle außer einem. Die letzte Person rempelte Ollie absichtlich an der Schulter an.

»Ups. Sorry, Kleiner.«