Solothurn tanzt mit dem Teufel - Christof Gasser - ebook

Solothurn tanzt mit dem Teufel ebook

Christof Gasser

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Opis

Eine Serie rätselhafter Morde erschüttert die Stadt. Am Schmutzigen Donnerstag, dem Auftakt der Solothurner Fasnacht, wird am Fuß des Krummturms die Leiche einer jungen Frau gefunden. Eine Tätowierung mit der Zahl 666 bringt Hauptmann Dominik Dornach auf eine frühere Mordserie im Rotlichtmilieu, deren Opfer das gleiche Tattoo aufwiesen. Während Dornach und seine Ermittler ersten Hinweisen nachgehen, wird seine im Irak für die UNO tätige Tochter von Terroristen ins Visier genommen, und Dornachs Welt droht in einem sich immer schneller werdenden Strudel aus Angst zu versinken.

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Christof Gasser, geboren 1960 in Zuchwil bei Solothurn, war lange in führender Funktion in der Uhrenindustrie tätig und leitete zwölf Jahre einen Produktionsbetrieb in Südostasien. Seit 2016 arbeitet er als freischaffender Autor und Kolumnist. Seine Solothurn-Krimis mit dem Ermittler Dominik Dornach und der Staatsanwältin Angela Casagrande wie auch die Reihe um die Journalistin Cora Johannis figurieren regelmäßig ganz vorne auf den schweizerischen Bestsellerlisten.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig. Am Ende findet sich ein Glossar.

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©2019 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: mauritius images/Dorling Kindersley ltd/Alamy Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer Lektorat: Irène Kost, Biel/Bienne(CH) eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-519-0 Originalausgabe

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Dieser Roman wurde vermittelt durch die Agentur Editio Dialog, Dr.Michael Wenzel (www.editio-dialog.com).

Hic sapientia est qui habet intellectum conputet

numerum bestiae numerus enim hominis est

et numerus eius est sescenti sexaginta sex.

Hier ist Weisheit! Wer Verstand hat, der überlege

die Zahl des Tiers; denn es ist eines Menschen Zahl,

und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.

Offenbarung des Johannes, Kapitel13, Vers18

Der Teufel ist kein schwefliges Monster mit Bocksfuß.

Er kommt in uns vertrauten Formen und Gestalten daher.

Prolog

Nach der Haarnadelkurve unterhalb der Passhöhe klarte das Wetter auf. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hochtales überragte das Massiv des Piz Rosatsch die in Eis und Schnee erstarrte Landschaft, deren Silhouette sich messerscharf vom sternenklaren Himmel der Januarnacht abhob. Das Thermometer am Armaturenbrett zeigte minus fünfzehn Grad. Ab hier war die Straße schwarzgeräumt und trocken. Er beschleunigte.

»Geh bitte, bist vorsichtig, Schatzerl, vielleicht ist’s doch glatt hier.« Seine Frau legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. So vertraut die Geste in den fast fünfzig gemeinsamen Ehejahren geworden war, berührte sie ihn immer wieder wie bei jenem ersten Mal, als sie ihn damit zum glücklichsten Mann der Welt machte.

Kurz vor der Abreise hatte er neue Winterreifen aufziehen lassen. Es konnte nichts passieren. Der Vierradantrieb hielt den Wagen in der Spur wie auf Schienen. Trotzdem hob er den Fuß auf dem Gas leicht an. »Passt schon, mach dir keine Sorgen, mein Engel.«

»Meinst du, wir kriegen noch etwas zu essen? Ich habe einen Riesenhunger.«

Er warf einen Blick auf die digitale Zeitanzeige direkt über dem Lenkrad. »Sicher, es ist nicht mal zehn. Ab hier sind wir in weniger als zwanzig Minuten dort.«

Sie fuhren zweimal im Jahr ins Engadin, wo sie zu den Stammgästen des »Badrutt’s Palace« in St.Moritz gehörten. Der Gedanke an die vorzüglichen einheimischen Spezialitäten im »Chesa Veglia«, einem zum Nobelrestaurant umfunktionierten traditionellen Engadinerhaus, ließ den Fuß auf dem Gaspedal wieder etwas schwerer werden.

Nach den Aufregungen der letzten Monate brauchten sie den Urlaub dringender denn je. Sie hatten einen Umweg über Wien gemacht, wo sie ihre Tochter besuchten und mit ihr frühstückten. Ursprünglich wollten sie die paar Tage im Engadin gemeinsam mit ihr verbringen, doch sie konnte die Stadt nicht verlassen. Sie waren lange bei Tisch geblieben. Ihre Tochter hatte sie liebevoll umsorgt. Es war nach Mittag gewesen, als sie endlich losgefahren waren. Wegen des schlechten Wetters in Tirol und Vorarlberg hatten sie die längere Route auf der Autobahn über Salzburg und München gewählt. Schneefälle auf der Strecke durch das Allgäu und später auf der Nordseite des Julierpasses hatten die Fahrt verzögert.

Knapp zehn Minuten nachdem sie die Julier-Passhöhe hinter sich gelassen hatten, erreichten sie die Waldgrenze. In Kürze würden sie in Silvaplana die Kantonsstraße erreichen und den letzten Streckenabschnitt durch die märchenhafte Oberengadiner Winternacht bis zu ihrem Bestimmungsort in Angriff nehmen.

Er reduzierte die Geschwindigkeit und lenkte den Wagen in eine lang gezogene Linkskurve, bevor er erneut beschleunigte. Vor seinem geistigen Auge sah er einen Teller dampfender Capuns. Er warf seiner Frau einen zärtlichen Seitenblick zu, den sie mit einem kurzen Lächeln erwiderte, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.

Ihre Finger krallten sich in seinen Oberschenkel, als sie erstarrte. Er blickte geradeaus und erkannte im selben Moment das verräterische Glitzern des Straßenbelages im Licht der Scheinwerfer. Automatisch ging er vom Gas und bereitete sich darauf vor, Gegensteuer zu geben und sanft zu bremsen. Er rechnete nicht mit der zentimeterdicken Eisschicht, welche die Fahrbahn vollständig bedeckte. Ohne das Geringste dagegen unternehmen zu können, verlor er die Kontrolle über das Fahrzeug. Seine Frau schrie auf. Das Letzte, was er spürte, war ihre Hand auf seinem Oberschenkel. Der Wagen durchbrach die Leitplanke und flog mit allen vier Rädern in der Luft direkt auf die verschneiten Arven zu.

***

Sein Blick wanderte über die vereisten Hügelzüge des Radan. Die Gedanken waren woanders. Seine Hand umklammerte das Telefon.

»Lief wie geplant. Die sind hin«, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Im Hintergrund hörte er weibliches Kichern und Musik.

»Beide?«

»Beide.«

»Schön.«

»Wie geht’s weiter, gospodine?«

»Seid ihr bereit?«

»Seit Tagen.«

»Also gut, Phase zwei initiieren.«

»Was ist mit Phase drei? Unsere Partner werden ungeduldig.«

»Bring die Männer in Stellung. Der ›Vollstrecker‹ sagt euch, wann ihr loslegen könnt.«

»Aber–«

»Keine Widerrede.«

»Es wird geschehen, wie Sie es wünschen,

Diaboli mors

Invidia autem diaboli mors

introivit in orbem terrarum:

imitantur autem illum qui sunt ex parte illius.

Erst der Teufel brachte aus Neid den Tod in die Welt;

und dem Tod verfallen alle, die auf seiner Seite stehen.

Der Teufel und das Mädchen

EINS

Karin tanzte im Rhythmus der Reggae-Klänge der Guggenmusik auf dem Friedhofplatz. Vor der Bar »Fryhof« unterhielt sich Luana mit drei jungen Männern. Sobald das Stück zu Ende war, kam sie zu Karin und hielt ihr eine Flasche Prosecco vor die Nase. »Prost.«

Karin trank in kleinen Schlucken. Der eiskalte Schaumwein kratzte in der Kehle. »Woher hast du den?«

»Den Typen dahinten abgeluchst.« Luana zeigte zu den drei Männern vor dem »Fryhof«, die über den Platz zu ihnen herübersahen.

»Was wollen sie dafür?« Karin setzte die Flasche erneut an.

»Wenn du daraus trinkst, musst du den in der Mitte, den Harry-Potter-Typ mit der Riesenbrille, auf den Mund küssen– mit Zunge bitte schön.«

Karin verschluckte sich. Sie wurde von einem Hustenanfall geschüttelt. Luana krümmte sich vor Lachen. Die Männer vor der Bar grinsten breit.

»Hättest du auch gleich sagen können.« Karin stieß Luana in die Seite. Sie warf sich die Kapuze ihres schwarzen Umhangs über. Ihr Blick wanderte verstohlen zur Bar. Sie konnte den Mann nicht einschätzen. Er trug einen überdimensionierten Zylinder, an dem eine ebensolche Brille festgemacht war. Was sie darunter zu erkennen glaubte, erweckte auf Anhieb keinen schlechten Eindruck, trotzdem wäre sie am liebsten gleich nach Hause gegangen. Ein kurzer Blick auf die Armbanduhr sagte ihr, dass sie bald zweiundzwanzig Stunden auf den Beinen war.

Um fünf Uhr früh des Vortages hatte der Böllerschuss die Stadt geweckt. Zusammen mit Hunderten anderer Durchmacher und Frühaufsteher hatte Karin im »Chesslerhemd«, einem übergroßen weißen Nachthemd, das sie über eine Daunenjacke gezogen hatte, mit dem traditionellen roten Halstuch um den Hals und weißer Zipfelmütze auf dem Kopf darauf gewartet, dass der Oberchessler den Zug in Marsch setzte. Eine voluminöse Kuhglocke, Leihgabe des großelterlichen Bauernhofes, hatte im Konzert mit weiteren Glocken, Rätschen, Hörnern und Pfannendeckeln zum Getöse beigetragen, welches die weniger fasnachtsaffinen Stadtbewohner aus den Betten riss.

Die »Chesslete« am Schmutzigen Donnerstag ist der Auftakt zum Höhepunkt der »fünften Jahreszeit«, wie die Solothurner ihre Fasnacht bezeichnen. Die Narren hatten die Stadtregierung temporär abgesetzt und das Regiment übernommen. Die Fasnacht ist Bestandteil der DNA der Stadt Solothurn, die jedes Jahr seit 1888 ab dem Hilaritag, dem offiziellen Beginn der Narrenzeit am 13.Januar, bis zum Aschermittwoch in »Honolulu« umbenannt wird. Zu diesem Zweck wechselt das Stadtbauamt die Orts- und Straßenschilder der Rathausgasse aus, welche für die Zeit der Fasnacht ihren ursprünglichen mittelalterlichen Namen trägt. Ob Einheimischer oder Besucher, freiwillig oder nicht, alle Menschen, die sich in den Fasnachtstagen in der Stadt aufhalten, werden in das verrückte Treiben einbezogen.

Nach der traditionellen Mehlsuppe, die in einigen Cafés und Beizen der Stadt gratis ausgegeben wird, hatten sich Karin und Luana in der Wohnung eines Freundes an der Rathausgasse ausgeruht. Die mit den Volksbräuchen weniger vertraute Luana hatte sich über das ausgewechselte Straßenschild mit dem Namen »Eselsgasse« gewundert. Karin hatte ihre Freundin aufgeklärt. Im Mittelalter befanden sich dort die Stallungen der für diese Gasse namensstiftenden langohrigen Unpaarhufer. Die gnädigen Herren, die im Jahr 1483 ihr neu errichtetes Rathaus in der Nachbarschaft bezogen, fanden den Bezug unangebracht und dekretierten den nobleren, außerfasnächtlichen Namen.

Am Abend hatten sie sich mit genügend Glühwein aufgewärmt, bevor sie im Hof des Gemeindehauses den Vorträgen der Schnitzelbankgruppen am traditionellen »Höflisingen« zuhörten. Dort wurde ihnen bald zu kalt. Sie dislozierten zum Restaurant »Roter Turm«, wo man die Schnitzelbänke im Warmen hören konnte, bis das Gedränge zu unangenehm wurde und sie weiter durch die Gassen zogen.

Auf dem Friedhofplatz wollten sie den Abend beschließen, das zumindest hatte sich Karin fest vorgenommen– vor dem Piccolo-Zwischenfall. Ein versonnener Blick auf die Etikette versetzte sie in Schock. Der vermeintliche Prosecco war ein »Moët& Chandon Brut Impérial«, der im Einzelhandel gut und gerne gegen vierzig Franken kostete.

Sie sah sich nach Luana um, die eine Bekannte getroffen hatte. Die beiden standen in ein heftiges Gespräch vertieft beim Simsonbrunnen. Karin kannte die andere Frau nicht. Sie war jung, höchstens zwanzig, und trug ein ähnliches Kostüm wie Karin, einen schwarzen, rot gefütterten Umhang, wie ihn Heldinnen in Vampirfilmen oder in klassischen Mantel-und-Degen-Schinken trugen. Darunter war sie, im Gegensatz zu Karin, welche Chesslerhemd und Thermowäsche anbehalten hatte, verhältnismäßig leicht bekleidet. Bei einer ausladenden Geste klaffte ihr Umhang auseinander und gab den Blick auf ein dünnes Minikleid mit schwarzen Strümpfen frei. Allein schon weil sie Anfang Februar in diesem Aufzug bei den herrschenden Temperaturen keinen Kältetod sterben wollte, würde sich Karin nicht mal an der Fasnacht so zeigen. Das Gespräch eskalierte. Die Unbekannte packte Luana am Kragen ihres Chesslerhemdes und redete wütend auf sie ein. Es sah aus, als wollte sie handgreiflich werden. Karin machte sich bereit zu intervenieren.

»Hey, du!«

Sie drehte sich überrascht um und blickte in das Gesicht ihres Getränkesponsors mit der überdimensionierten Harry-Potter-Brille. Dahinter sah er um einiges besser aus, als sie aus der Distanz vermutet hatte. So groß die Verlockung war, sie hatte keine Zeit für einen Flirt. In ein paar Stunden begann ihr Dienst. Sie überlegte, wie sie den Kerl abwimmeln konnte. Hilfe von Luana war nicht zu erwarten. Die musste sich voll auf ihre Gesprächspartnerin konzentrieren. Typisch, wenn man eine gute Freundin brauchte, war sie nicht zur Hand.

»Hey«, sagte sie zu Harry Potter und hob die Flasche in die Höhe. »Danke.«

»Gern geschehen.«

Seine Augen versprühten eine Kombination von Spitzbübigkeit und Sanftmut, die Karins Willenskraft auf eine harte Probe stellte. Trotz der eisigen Kälte errötete sie und zog die Kapuze ihres Capes tiefer ins Gesicht.

»Was ist?«, fragte er. »Gönnt sich Draculas Braut noch einen Schluck?«

»Wer?« Sie hatte ihn akustisch nicht verstanden.

»Draculas Braut«, sagte er lauter, um die Guggenmusik zu übertönen, die ein neues Stück angestimmt hatte. »Oder was stellst du in diesem Umhang dar?«

Anstelle einer Antwort bleckte sie ihr Gebiss, um ihm zu zeigen, dass die Fangzähne fehlten. »Und du stellst Harry Potter in Übergröße dar, oder wie?«

»Nein.« Er nahm die Pappbrille ab und warf sie achtlos zu Boden. »Ich habe hellseherische Fähigkeiten.«

»Ach ja?«

»Ja.«

»Was siehst du denn so alles hell?«

»Zum Beispiel wirst du innerhalb der nächsten dreißig Sekunden einen weiteren Schluck aus dieser Flasche trinken.«

»Wirklich? Was macht dich da so sicher?«

»Ganz einfach: Wenn nicht, tanzt du gleich mit mir über den Platz.«

Karin lachte und trank. Sie hatte die Flasche ein wenig zu heftig angesetzt, Schaum sprühte aus ihrem Mund. Kichernd und hustend setzte sie ab. Bevor sie ihn abwehren konnte, beugte er sich zu ihr herunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

»Was soll das?« Sie stieß ihn von sich weg.

»Entschuldigung, das war der Deal, einen Schluck gegen einen Kuss.«

»Und wo bleibt der Anstand? Ist um Erlaubnis fragen neuerdings aus der Mode gekommen?« Sie gab sich Mühe, nicht über seinen verdatterten Dackelblick zu lachen.

»Sorry, ich dachte–«

»Mach das noch mal.«

»Was?«

Sein Gesichtsausdruck war zu drollig. »Was wohl? Noch mal küssen sollst du mich. Ich hab’s eben nicht recht mitgekriegt.«

Er ließ sich kein drittes Mal bitten. Es war eher ein Picker als ein Kuss.

»Wie heißt du?«, fragte Karin.

»Andi.«

»Karin.« Sie packte ihn am Revers seines Fracks. »Das war nichts, Andi. Lass uns das gemeinsam wiederholen.«

»Was?«

»Das.« Sie zog ihn zu sich herunter. Er zuckte zusammen, als Karins Zunge ihren Weg zu ihm suchte. Ihre Lippen verschmolzen ineinander. Er schmeckte nach Minze und Zitrone mit einem Hauch von Alkohol.

Sie ließen voneinander ab. »Wie fandest du das?«, fragte Karin.

»Besser.«

»Ich auch. Mach’s gut, Andi, hat mich gefreut.« Sie drehte ihm den Rücken zu.

»Was hast du als Nächstes vor?«, rief er ihr nach.

»Schlafen. Ich muss früh raus.«

»Soll ich dich begleiten?«

Der Kuss hatte ihn offenbar ermutigt. »Ich–«

»Störe ich?« Luana hakte sich bei Karin unter. »Sorry, ich musste was mit einer Freundin besprechen.« Sie sah von der einen zum anderen, bevor es in ihren Augen erkennend aufblitzte. »Verstehe. Bin schon weg.«

»Halt, warte!«, rief Karin. »Ich gehe nach Hause.«

»Ich nicht«, antwortete Luana. »Macht nichts, ich muss eh noch ein paar Takte mit meiner Freundin reden.«

»Die, mit der du vorhin gesprochen hast?«

Luana nickte. »Alte Schulfreundin. Sie hat ein Problem, mit dem sie nicht zurechtkommt. Besser, wenn sie nicht allein bleibt.«

»Brauchst du Hilfe? Vorhin sah es aus, als wollte sie dir an die Gurgel.«

»Danke, ich hab’s im Griff. Geh nach Hause. Wir sehen uns beim Dienst.«

»Sei pünktlich«, mahnte Karin sie scherzhaft.

Luana arbeitete seit einem Monat als polizeiliche Sicherheitsassistentin bei der Kantonspolizei.

»Keine Sorge.« Luana drückte Karin einen Schmatzer auf die Wange. »Bis morgen oder besser bis später.«

Andi hatte die ganze Zeit danebengestanden. »Und jetzt?«

»Wolltest du mich nicht begleiten?«, fragte Karin.

»Doch, ja.«

»Also komm.« Sie umfasste seine Taille.

***

»Dominik!«

Dornachs Bewusstsein schwebte an die Oberfläche. Warum wackelte das Bett so? Er schlug die Augen auf und realisierte, dass er es war, der sich bewegte, vielmehr die Hand, die unablässig an ihm rüttelte. Mit der Erkenntnis setzten ein dumpfer Schmerz im Kopf und ein flaues Gefühl im Magen ein.

»Dominik!«

Die Stimme war kein Traum und auch nicht die dunkelbraunen Augen. Beides gehörte Angela Casagrande, die sich über ihn beugte.

»Angie? Wie kommst du hierher?«

»Das, mein Lieber, wäre eigentlich mein Text.«

Die Umgebung wurde ihm bewusst. Er lag nicht in seinem Bett, sondern auf Casagrandes Futonsofa. Er hob die Decke. Er trug lediglich Unterhemd und Unterhosen. »Ich korrigiere mich: Wie komme ich hierher?«

»Mit meiner tatkräftigen Hilfe. Weißt du’s wirklich nicht mehr? War ein schönes Stück Arbeit, dich die Treppe hochzukriegen.«

Dornach versuchte sich zu erinnern, was weniger seinem Gedächtnis als seinen Kopfschmerzen zuträglich war. »Was ist denn passiert? Haben wir etwa…?« Er sah Casagrande erschrocken an, die in ihrem Kimono vor ihm stand.

Ihre Mundwinkel zuckten amüsiert. »Schade, dass dich der Gedanke dermaßen erschreckt. Keine Sorge, du hast hier geschlafen und ich in meinem Bett– bei geschlossener Türe.«

Dornach kratzte sich den Hinterkopf. »Ich habe so was wie einen Filmriss. Wir sind gemeinsam aus dem ›La Couronne‹ gekommen, daran erinnere ich mich. Demnach bin ich nicht nach Hause gefahren?«

»War auch besser so, bei allem, was du intus hattest.«

»Hast du mich etwa ausgezogen?«

»Kannst mich ja anzeigen.«

»Schon gut! Ich bin mir nicht bewusst, so viel getrunken zu haben.«

»Du hast vor allem vorher nichts gegessen, wie so oft in letzter Zeit, wenn ich Frau Reinhard Glauben schenken darf.«

»Habt ihr etwa über mich geredet?«

»Dir geht’s wirklich nicht gut, was?« Sie setzte sich vor ihn auf das Polster. »Ich rief dich gestern zu Hause an. Frau Reinhard hat abgenommen. Kaum fragte ich nach dir, erzählte sie mir haarklein, was du wann in den letzten Tagen zu dir genommen hast. Das macht mir ehrlich gesagt auch Sorgen.«

Dornach winkte ab. »Erst mal brauche ich einen starken Kaffee.«

Sie hielt ihm ihre Tasse hin. Der aromatische Duft eines vorzüglichen Arabica rief seine Lebensgeister zum Appell. »Du bist meine Lebensretterin, Angie.«

»Reiner Eigennutz. Wenn du zusammenbrichst, bin ich deiner Meute schutzlos ausgeliefert. Maja macht mich immer noch für Janas Verhaftung verantwortlich.«

»So schlimm ist es nicht.«

»Denkst du? Für sie bin ich eine Verräterin. Mike Lüthi und Karin Jäggi schauen mich zwischendurch auch scheel an, immerhin reden sie wieder normal mit mir. Dabei habe ich nur–«

»Jana gehörte zum Team. Wir waren alle schockiert, als Hofmann sie mitten auf der Grillparty abholte. Es war kein optimaler Zeitpunkt.«

Casagrande nahm ihm die leere Tasse ab. »Das weiß ich selbst. Hätte ich geahnt, dass er sie an einem Samstagabend bei dir zu Hause festnehmen lässt, hätte ich es verhindert. Die Sachlage war klar. Ich musste es tun, sonst wären sie bei der Zürcher Staatsanwaltschaft und bei der Bundespolizei misstrauisch geworden.«

Der Kaffee wirkte Wunder, die Kopfschmerzen wurden langsam zum Hintergrundgeräusch. Dornach stand auf und setzte sich auf einen Stuhl. In der Wohnung war es warm. Casagrande fror nicht gern.

»Ich habe dir deswegen nie Vorwürfe gemacht. Jana wusste, was auf sie zukam. Hofmann nahm sie bei mir zu Hause fest, weil er mir eins auswischen wollte. Damit hat er dich bei den Kollegen desavouiert.«

»Und bei Pia unmöglich gemacht. Das tut mir am meisten weh.«

»Mittlerweile ist Jana wieder draußen. Das ist der Vorteil, wenn man einen Staatspräsidenten als Patenonkel hat. Er hat sich für sie verbürgt. Sie steht in Wien unter Hausarrest.«

»Dafür ist Pia fort.« Casagrande klang bitter.

Dornach legte seine Hand auf ihren Arm. »Wenn sie zurückkommt, wird sie die Sache mit anderen Augen sehen. Sie ist nicht nachtragend, das weißt du.«

»Das wäre schön. Ich will deine Tochter nicht mein Leben lang zur Feindin haben. Nach allem, was sie mir an den Kopf geworfen hat, weiß ich nicht, ob ich ihr je wieder unter die Augen treten kann.«

»Vergiss das. Es tut ihr bestimmt leid.«

»Meinst du?«

»Auch wenn es die wenigsten wahrhaben wollen, Pia ist vernünftig. Sie hat einen großen Sinn für Gerechtigkeit, der manchmal mit ihr durchgeht.«

»Hat sie sich bei dir gemeldet?«

Dornach sah zu Boden und schüttelte den Kopf. »Ich gebe ihr noch etwas Zeit. Wenn ich bis Aschermittwoch nichts von ihr höre, gehe ich zu ihr.«

»Nach Bagdad?«

»Ja.«

»Kann man da einfach so hinfliegen?«

»Warum nicht? Und sonst lässt sich mit den richtigen Verbindungen alles arrangieren.«

»Ja, richtig, ich vergaß, Herr Dr.von Dornach.« Sie zeigte auf sein Handy, das neben dem Futon auf dem Boden lag. »Es hat mehrmals geklingelt. Deshalb habe ich dich geweckt.«

Er sah auf das Display. »Das war Mike. Er ist auf Pikett. Ich rufe ihn rasch an.«

»Nicht nötig. Er hat mich bereits benachrichtigt. Ich habe ihm gesagt, dass wir kommen. Wenn du dich beeilst, bleibt dir Zeit, kurz zu duschen.«

»Weiß er, dass ich hier übernachtet habe?«

»Für wie blöd hältst du mich? Ich sagte ihm, ich versuche, dich zu erreichen.«

»Danke, Angie.«

Sie zeigte zum Bad. »Ab in die Dusche. Ich ziehe mich an und gehe schon mal. Ist wohl besser, wenn wir getrennt eintrudeln. Treffpunkt Krummturmschanze.«

Dornach stand auf und schlurfte zum Badezimmer.

»Dominik?«

Er drehte sich zu ihr um.

Sie deutete mit dem Zeigefinger kurz auf seine Boxershorts. »Siehst gut aus in Unterwäsche. Vergiss nicht, abzuschließen, wenn du gehst.«

***

Von ihrer Wohnung am Friedhofplatz kam Casagrande zu Fuß schneller zur Krummturmschanze als Dornach. Er musste erst seinen Wagen im Baseltor-Parkhaus holen, wo er ihn am Vorabend abgestellt hatte. Trotzdem gönnte er sich eine zweite Tasse Kaffee, bevor er zwei Fisherman’s-Friend-Pastillen einwarf und sich auf den Weg machte. Die Kälte in den Gassen belebte seine Sinne nach dem kurzen Schlaf, vor allem vertrieb sie die Kopfschmerzen. Als er sich ins Auto setzte, fühlte er sich einigermaßen wach.

Sobald er von der Krummturmstraße in die Dreibeinskreuzstraße eingebogen war, sah er seine Kollegin Maja Hartmann im weißen Schutzanzug am Straßenrand. Sie wies ihn zum Vorplatz einer Autowerkstatt gegenüber der Krummturmschanze und direkt neben der Bahnlinie.

»Siehst etwas bleich aus um die Nase, Chef«, sagte sie anstelle einer Begrüßung. »Lange Nacht gehabt?«

Er tauschte seine Halbschuhe gegen gefütterte Winterstiefel, die er im Winter neben den obligaten Gummistiefeln im Kofferraum hatte. »Was ist das für eine Frage? An der Fasnacht wird man wohl was trinken dürfen.«

Sie setzte zu einer Antwort an, doch er kam ihr zuvor. »Sag einfach, was du schon weißt.«

»Weibliche Leiche, Alter: jung.«

»Geht’s genauer?«

»Okay, sehr jung.«

Er warf ihr einen strengen Blick zu.

»Knapp zwanzig, würde ich sagen. Präziser kriegst du’s im Moment nicht. Sie hat weder Papiere noch Geld noch ein Handy bei sich. Die Amtsärztin untersucht sie gerade.«

»Welche Amtsärztin?«

Maja sah ihn prüfend an. »Hast du letzte Nacht irgendwas geraucht? Dr.Schmetzer ist seit Ende letzten Monats im Ruhestand, schon vergessen?«

»Ich dachte, der Ersatz stünde nicht fest.«

»Die Mitteilung kam vorige Woche. Der Ersatz ist eine Sie und heißt Dr.Carol Winter.«

Er erinnerte sich vage an ein Memo, das letzthin über seinen Schreibtisch ging. »Name passt zur Jahreszeit. Können wir sie sehen? Ich meine die Tote.«

»Trampelpfad ist frei.« Maja zupfte an ihrem Schutzanzug. »Kostümpflicht.«

Dornach zog einen verpackten »Schneemann« aus einer Sporttasche, die er ebenfalls im Kofferraum verstaut hatte. »Wo müssen wir durch?«

»Da drüben.« Maja deutete auf ein Gebäude mit einem Vorgarten, das zwischen Krummturmschanze und Eisenbahnbrücke eingezwängt war. Das teilweise im spätgotischen Stil erbaute Haus war dreigeschossig. Die Fassade des obersten Stockwerks war holzverkleidet. Reben rankten bis zu den Fenstern unter dem Dach. Dornach kannte es. »Die Gritz’sche Gerbe.«

»Die was?«

Dornach schüttelte verständnislos den Kopf. »Ich werde demnächst beantragen, dass alle Beamten der Kantonspolizei einen Geschichts- und Kulturkurs absolvieren. Du stehst vor einem Kulturdenkmal der Stadt.«

»Ich dachte, der Krummturm ist ein Kulturdenkmal.«

»Die Gritz’sche Gerbe wurde Mitte des 16.Jahrhunderts erbaut. Die neue Eisenbahnlinie über die Aare trennt sie seit der Mitte des 19.Jahrhunderts von der inneren Vorstadt ab. Der Name stammt von Christoff Gritz, einem Rotgerber, in dessen Besitz das Haus ab dem späten 18.Jahrhundert war.«

»Was du nicht alles weißt, Chef.«

Dornach zeigte auf eine Informationstafel neben dem Eingang. »Steht dort geschrieben.«

Maja seufzte ergeben. »Wollen wir dann mal– die Leiche?« Sie zeigte zu einem Garagentor zwischen Hauseingang und Eisenbahnbrücke. »Der Eigentümer alarmierte uns. Wir müssen da durch.« Maja betätigte den elektrischen Torheber mit einem Schlüssel, den sie sich vom Besitzer ausgeliehen hatte. Sie durchquerten einen lang gezogenen Raum, eine Kombination von Werkstatt und Abstellraum. Durch den hinteren Ausgang gelangten sie zu einem Gartengrundstück, das unmittelbar am Fluss lag. Östlich begrenzte die Eisenbahnbrücke den schneebedeckten Grünstreifen. Auf der Westseite ragte die Mauer des Krummturms gegen den noch dunklen Morgenhimmel. Im Sommer mochte es ein lauschiges Plätzchen sein. Jetzt drang die von der Feuchtigkeit des Wassers genährte Kälte durch sämtliche Glieder.

Maja deutete in Richtung des Turms. »Sie liegt da drüben.« Sie stapften durch den ausgetretenen Schnee des von der Spurensicherung mit Signalband markierten Trampelpfades.

Sebastian Tschanz, der Leiter der Kriminaltechnik, stand gähnend neben einer kauernden Gestalt, die den Leichnam untersuchte. Er hatte seine Arme um den Oberkörper geschlungen, um sich warm zu halten.

»Na, Sebi, kurze Nacht gehabt?«, begrüßte ihn Dornach.

»Nicht so kurz wie deine, wenn ich dich so ansehe.«

Den sanften Spott ignorierend, zeigte Dornach mit dem Daumen nach hinten zu der über die Tote gebeugten Person. Bevor Tschanz antworten konnte, sagte eine rauchige Stimme hinter ihm: »Sie haben meine Erlaubnis, mich direkt anzusprechen.«

Ertappt wandte Dornach sich um. Die Frau hatte ein ovales Gesicht mit hohen Wangenknochen und leicht schräg stehenden Augen. Gegen eine rein asiatische Herkunft sprach die grüne Farbe der Iris. Eine lange Nase und schmale Lippen vervollkommneten die Verbindung von westlicher mit östlicher Kultur. Ihr Dialekt passte nicht zu ihrem Aussehen. Sie redete Hochdeutsch mit einer exotischen Klangfärbung, die Dornach nicht gleich einordnen konnte.

»Carol Winter.« Sie reichte ihm die Hand. »Ich bin die neue Amtsärztin. Sie müssen Dr.Dornach sein. Ich habe so manches über Sie gehört.«

Er erwiderte ihren festen Händedruck. »Ich hoffe, das spricht für mich. Den Doktor können Sie weglassen.«

»Schön, sind wir diesbezüglich gleicher Meinung, Herr Dornach. Auf gute Zusammenarbeit.«

»Dem steht nichts im Wege, denke ich.« Er zeigte auf die Leiche. »Was wissen Sie?«

»Weiblich, Alter zwanzig plus/minus ein bis zwei Jahre.«

»Todesursache und -zeitpunkt?«

»Ersteres lässt sich nicht eindeutig beurteilen. Sie weist mehrere Hämatome und Brüche auf. Sehen Sie hier.« Sie legte den Hals der Toten frei.

Dornach betrachtete die Striemen. »Sie wurde erdrosselt?«

Dr.Winter hob die Schultern. »Spricht einiges dafür.«

»Wie ist sie hierhergekommen?«

Tschanz zeigte in die Höhe. »Auf direktem Weg vom Turmzimmer da oben.«

»Die Verletzungen deuten darauf hin«, sekundierte Winter. »Besonders die Kopfverletzung.« Sie drehte den Kopf der Toten zur Seite, sodass Dornach die Wunde am Schädel sehen konnte.

»Und wie ist sie da hochgekommen?«

»Die Eingangstür zum Turm war offen«, sagte Tschanz. »Keine Einbruchsspuren. Eigentümerin des Krummturms ist die Stadt. Sie hat die Anlage dem Artillerieverein Solothurn für die Dauer von neunundneunzig Jahren als Vereinslokal zur Verfügung gestellt. Mike ist oben und sieht sich um.«

»Haben wir es mit einem Sexualdelikt zu tun?«

»A priori nein«, sagte Dr.Winter. »Die Kleidung war korrekt angelegt. Sie hat keine diesbezüglichen äußeren Verletzungen. Das Institut für Rechtsmedizin muss feststellen, ob sie kurz vor ihrem Tod Verkehr hatte.«

»Können Sie etwas zum Todeszeitpunkt sagen?«

»Zwischen vier Uhr und sechs Uhr dreiundfünfzig.«

»Sechs Uhr dreiundfünfzig?«

Dr.Winter zeigte auf die Armbanduhr am Handgelenk der Toten. »Cartier. Sieht teuer aus, ist aber eine Fälschung. Das Teil hat den Aufprall nicht überstanden und ist vermutlich exakt zu diesem Zeitpunkt stehen geblieben.«

»Verstehe.« Dornach kniete neben der Toten nieder. Sie hatte ein hübsches, rundes, von dunkelblonden Haaren umrahmtes Gesicht. Die linke Wange wies ein Hämatom und eine Schnittwunde auf. »Sie wurde geschlagen. Könnte das kürzlich passiert sein?«

»Möglich, aber nicht todesursächlich.«

Dornach betrachtete die Tote. Sie trug einen schwarzen Kapuzenumhang, darunter ein rotes Minikleid mit schwarzen Strümpfen, dessen Saum zwei Handbreit oberhalb der Knie endete. »Was suchte sie hier in diesem Aufzug?«

»Keine Ahnung, ein galantes Rendezvous, etwas in der Art. Das herauszufinden sei Ihnen überlassen.«

Anders als manche in solchen Fällen hielt sie seinem prüfenden Blick stand. »Woher stammen Sie, Dr.Winter?«

»Geboren in England, meine Mutter ist Singapurerin, mein Vater Deutscher mit balkanischen Wurzeln, aufgewachsen bin ich in Wiesbaden, Medizinstudium an den Unis Freiburg im Breisgau und Basel, zwei Jahre Assistenz im Johns Hopkins Hospital, Baltimore, Maryland, mit einem Praktikum in Forensik. Wollen Sie meinen Lebenslauf sehen?«

»Später vielleicht. Was brachte Sie dazu, in Solothurn zu praktizieren?«

»Diesem Land soll es an Fachkräften fehlen. Da nimmt man schon mal mit Exoten vorlieb.«

»Touché, tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Willkommen im Team.«

»Ersteres haben Sie nicht und danke für Letzteres.« Sie packte ihre Utensilien zusammen. »Mehr kann ich im Augenblick nicht für Sie tun. Die Rechtsmedizin wurde von der Staatsanwältin avisiert. Es hat mich sehr gefreut, Herr Dornach.« Der Händedruck fiel länger aus als bei der Begrüßung. Nun war sie es, die ihn von Kopf bis Fuß musterte. »Wir könnten das Gespräch später in einem anderen Rahmen fortsetzen. Dann dürfen Sie mir mehr von sich erzählen. Wäre fair, meinen Sie nicht?«

»Absolut.«

Sie ergriff ihren Arztkoffer. »Frau Hartmann, meine Herren, ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.«

Die drei blickten ihr nach. Tschanz und Maja sahen Dornach erwartungsvoll an.

»Was ist?«

»Kann es sein, dass die dich angebaggert hat, Chef?«, fragte Maja.

»Wie kommst du darauf? Ich wollte etwas über sie wissen, und sie verlangt Gegenrecht. Das müsstest du eigentlich anerkennen.«

»Eben, deshalb.«

Tschanz klopfte ihm auf die Schultern. »Vorsicht, Dominik. Die zeigt dir, wo Gott hockt.«

»Den lassen wir hier besser aus dem Spiel. Frau Dr.Winter dürfte ohne sein Zutun anspruchsvoll genug sein.« Er nickte zum Turm. »Ich schaue mal, was Mike und Angela da oben treiben.«

Dornach war seit einer Ewigkeit nicht mehr auf der Krummturmschanze gewesen. Im vergangenen Spätsommer hatte er weder Zeit noch Lust gehabt, die Sommerfilme zu besuchen, eine Reihe von Freilichtfilmaufführungen, die jeweils Mitte August hier stattfanden.

Das Bauwerk aus dem 15.Jahrhundert faszinierte ihn seit er ein kleiner Junge war. Der Grundriss hatte die Form eines unregelmäßigen Fünfecks, dessen Basis der Altstadt jenseits der Aare zugewandt war. Die Bauweise des ursprünglich als Wehranlage gedachten Turmes führte dazu, dass die Falllinie des Spitzhelms nicht im Zentrum des Grundrisses lag. Vier der fünf Seiten des pyramidenförmigen Daches bildeten ungleichseitige Dreiecke, die dem Turm eine schiefe Optik und damit seinen Namen verliehen. Er hatte unter anderem auch als Verlies gedient, dessen erster Insasse der Baumeister selbst gewesen sein soll. Der Legende zufolge hatte ihn der Entscheid der Obrigkeit, einen jungen Zimmermann mit den Holzarbeiten zu betrauen, verärgert. Darüber hinaus begann der Jungspund eine Liebschaft mit der schönen Tochter des Baumeisters. Dieser konstruierte den Turm als ungleichwinkliges Fünfeck und versprach dem Zimmermann die Hand der Tochter, wenn es ihm gelang, den Bau zu vollenden. Das Ergebnis machte den jungen Handwerker zum Gespött der Stadt, worauf sich der Unglückliche aus Verzweiflung und Scham in die Aare stürzte. Die Solothurner Obrigkeit durchschaute das heimtückische Spiel des Baumeisters und verschaffte ihm permanentes Wohnrecht im Verlies.

Dornach betrat den Turm über den einzigen Zugang auf der Schanze. Auf der ersten Ebene hatte der Artillerieverein eine kleine Ausstellung von Waffen und Militaria eingerichtet. In der Raummitte war im Fußboden die vergitterte Falltür des »Angstlochs« eingelassen, durch das man die Gefangenen mit einem Seil zehn Meter tief in das Verlies hinuntergelassen hatte.

Das Öffnen der schweren Holztür hinter ihm riss ihn aus seinen Gedanken. Bei seinem Anblick blieb Karin stocksteif stehen. Sie sah mindestens ebenso übernächtigt aus wie er, und offenbar war er der Letzte, dem sie begegnen wollte.

»Hallo, Dominik. Sorry, ich habe verschlafen.«

»Dann sind wir schon zwei.«

»Ach ja? Super… ähm… also ich meine…«

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Lass uns nach oben gehen.« Sie stiegen über eine schmale Holztreppe in den zweiten Stock zum Turmzimmer, wo sich Casagrande und Mike Lüthi umsahen. Der Raum war sanft renoviert worden. Er verfügte sogar über einWC mit Dusche, seit er im Sommer des vergangenen Jahres einmalig als Pop-up-Hotelzimmer vermietet worden war. Die Aussicht auf den Fluss und die Altstadt durch die mit Fenstervorbau versehenen Schießscharten war nicht grandios, dafür hatte es den Gästen ein unvergleichliches Wohnerlebnis in mittelalterlichem Ritterambiente geboten.

»Irgendein Hinweis darauf, was das Opfer hier oben gesucht haben könnte?«, fragte Dornach Lüthi.

»Keine Ahnung, ein geheimes Date vielleicht.«

»Hier hat ein Kampf oder eine Rangelei stattgefunden«, sagte Karin. Sie stand an einem Ostfenster, das für eine Person groß genug war, sich durchzuzwängen. Die Tote lag direkt darunter im Garten. »Auf dem Sims sind Blutspuren. Hat Sebi sie gesichert?«

»Ist erledigt«, sagte Lüthi. »Sie könnten vom Opfer stammen, als es entweder aus dem Fenster gestoßen wurde oder hinuntersprang.«

»Suizid?«, fragte Casagrande. »Ich weiß nicht. Wenn ihr Selbstmord begehen wollt, würdet ihr euch die Mühe machen, hierherzukommen? Das hätte sie einfacher haben können.«

»Unfall können wir als Todesursache vergessen«, ergänzte Karin. »Durch diese Öffnung fällt man nicht aus Versehen in die Tiefe.«

Dornach pflichtete ihr bei. »Stellt sich die Frage, wie sie hier hochgekommen ist und warum.«

»Die Eingangstür weist keinerlei Einbruchsspuren auf. Sie ist der einzige Zugang zum Innern des Turms.«

»Hast du mit dem Turmwart geredet, Mike?«, fragte Dornach.

»Habe ich. Gestern Abend fand hier eine kleine Feier des Artillerievereins statt. Ein paar Mitglieder wollten der Fasnacht ausweichen. Angeblich haben sie im Suff vergessen, abzuschließen.«

»Prüfst du nach, ob die Tote mit einem der Feiergäste in Verbindung stand?«

»Wird gemacht, sobald wir ihre Identität wissen. Die Namensliste der Teilnehmer haben wir bereits.«

»Hat jemand ein Bild von der Toten?«, fragte Karin. »Als ich gekommen bin, war sie bereits eingesargt, und ich wollte nicht…«

Casagrande zückte ihr Handy und zeigte Karin ein Foto. Diese gab einen erschrockenen Laut von sich, als sie das Bild sah.

»Was ist?«, fragte Lüthi. »Kennst du sie etwa?«

»Nein, ich… ich weiß nicht… vielleicht.«

»Wie, vielleicht? Kennst du sie, oder kennst du sie nicht?«

»Ich bin mir nicht sicher, okay?«, antwortete Karin gereizt. Sie lehnte sich an einen Stützbalken. Sie war blasser geworden, als sie ohnehin aussah. »Sorry, ich habe noch nicht gefrühstückt.«

ZWEI

Pia hielt den Kopf unter den laufenden Wasserhahn. Würde sie es nicht besser wissen, hätte sie ihren Zustand mit einem massiven Kater erklärt. Das konnte sie nicht. Bis auf ein einziges Glas Wein am Vorabend zusammen mit Rafik zum Essen hatte sie keinen Alkohol angerührt. Ihr war hundeübel, und sie hatte rasende Kopfschmerzen. Setzte ihr das derzeit herrschende relativ feuchte Klima zu? Nach den langen Trockenmonaten im Zweistromland waren die Winterregen heftiger und ausgedehnter als in den vergangenen Jahren. Das sagten zumindest die Einheimischen. Oder war es etwas anderes, woran sie gerade jetzt nicht zu denken wagte?

Sie hatte Hunger und brachte dennoch nichts hinunter. Das Mittagessen in der Schulkantine hatte sie ausgelassen, weil sie fürchtete, es gleich wieder zu erbrechen. In den knapp sechs Monaten, in denen sie in al Hayat al Jadida lebte, war sie nie krank gewesen. »Einmal muss es ja sein«, murmelte sie. Die anderen ausländischen Helfer und Mitarbeiter der internationalen NGO, welche das UNICEF-Entwicklungsprojekt »Hayat Jadida Project for ANew Life« betrieb, vor allem die Westler unter ihnen, hatten diese Phase innerhalb des ersten Vierteljahres durchgemacht. Die betreuenden Ärzte waren deswegen nicht alarmiert. Die Kombination von extremem Klima, ungewohntem Essen und anstrengender, oft neuartiger Tätigkeit löste früher oder später körperliche Reaktionen aus. Pia versuchte sich einzureden, dass ihr Organismus bisher einfach solider gewesen war.

Ein Geräusch an der Türe des Waschraumes ließ sie herumfahren. Amina trug immer noch die Pippi-Langstrumpf-Zöpfe, die Pia ihr am Morgen geflochten hatte. Das Mädchen starrte sie mit seinen großen runden Augen an. »Baya, was machst du?«, fragte es in gebrochenem Englisch.

»Pia« war für arabische Zungen ungewohnt auszusprechen. Deshalb waren alle dazu übergegangen, sie »Baya« zu nennen. Eine der Lehrerinnen hatte Pia erklärt, das bedeute so viel wie die »Großartige«. Heute wollte sich kein großartiges Gefühl bei ihr einstellen, und doch vermochte die Kleine ein Lächeln auf ihre Lippen zu zaubern. »Ich fühle mich nicht sehr wohl, Amina.«

»Bist du krank?«

»Nur ein bisschen müde.« Sie bemühte sich, einen strengen Blick aufzusetzen. »Das solltest du auch sein. Warum bist du nicht beim Mittagsschlaf mit den anderen?«

»Ich kann nicht schlafen, wenn du mir nicht Gute Nacht sagst.«

»Aber es ist doch gar nicht Nacht.«

»Du musst mir immer Gute Nacht wünschen, sonst kommen die bösen Träume wieder. Dann habe ich Angst und kann nicht einschlafen.«

Amina war Vollwaise. Der Vater wurde zwei Jahre zuvor von IS-Milizen erschossen. Daraufhin hatten die Terroristen ihre Mutter verschleppt, die seither als vermisst galt. Amina kam in die Obhut der UNICEF. Sie hatte Pia, welche die jüngsten Mädchenklassen in Englisch unterrichtete, sofort ins Herz geschlossen. Nach wenigen Wochen hatte sie Pia gefragt, ob sie ihre Mutter werden wollte. An jenem Abend hatte Pia in Rafiks Armen geweint. Sie nahm Amina bei der Hand. »Ich bringe dich zu Bett.«

»Erzählst du mir auch eine Geschichte?«

»Das machen wir am Abend.«

Amina war rasch eingeschlafen. Der Nachmittagsunterricht begann in zwei Stunden. Pia ging in die Küche, wo die anderen Frauen bereits aufräumten und putzten. Sabah, die Küchenchefin, kam auf sie zu. »Du hast wieder beim Essen gefehlt, Baya. Das ist nicht gut für dich.«

»Ich hatte keinen Hunger.«

»Unsinn, du warst bisher immer hungrig.«

»Heute war mir übel. Ich musste mich übergeben.«

Sabah sah sie prüfend an. »Wie lange hast du das schon?«

»Weiß nicht«, antwortete Pia ausweichend. »Ein paar Tage, eine Woche. Ist wohl das Gleiche, was die anderen auch hatten.«

Die alte Köchin machte eine abschätzige Bemerkung auf Arabisch. »So was dauert nicht länger als ein oder zwei Tage.« Sie umfasste mit ihren rauen Händen Pias Gesicht. Zu Hause hätte Pia sich diese Geste nicht ohne Weiteres gefallen lassen. Sabahs natürliche Autorität ließ keinen Widerspruch zu.

»Du bist blass. Hast du Kopfschmerzen?«

»Manchmal.« Sie wollte nicht zugeben, dass sie ihr im Moment fast den Schädel spalteten.

Unvermittelt knetete Sabah Pias Brüste. »Spürst du ein Ziehen hier?« Sie presste die Hand auf ihren Unterleib.

Pia starrte die Frau an. Hätte ihre Mutter das gewagt, hätte sie lauthals protestiert. »Ein wenig«, antwortete sie stattdessen zögernd. Das Letzte, was sie wollte, war, dass Sabah aussprach, was sie nicht zu denken wagte.

»Wann hattest du zuletzt deine Tage?«

»Etwa vor zwei Monaten.« Oder waren es drei? Ihre Menstruation war unregelmäßig und blieb gelegentlich aus. Bisher hatte sie das nie sonderlich alarmierend gefunden. In diesem Klima spielte ihr Körper ohnehin verrückt.

Sabahs Diagnose war kurz und bündig. »Du bist nicht krank, Baya, du bist schwanger.«

»Sicher nicht. Rafik und ich, wir haben nie ohne…«

Gütig lächelnd tätschelte die Köchin Pias Wange. »Ich selbst habe fünf Kinder auf die Welt gebracht und alle Kinder meiner Töchter. Glaub mir, ich erkenne es, wenn Allah den Leib einer Frau gesegnet hat.«

»Aber ich…« Pia suchte fieberhaft nach Gründen, die dagegen sprachen. Sie verzichtete auf die Pille, weil sie sich keine hormonelle Achterbahnfahrt antun wollte. Sie und Rafik hatten immer Kondome benutzt, auch seit sie in einem Apartment im Wohnquartier des Projektes lebten. Immer bis… Eine heiße Welle überflutete sie. An jenem Abend, als sie wegen Aminas Frage geweint hatte. Sie hatten miteinander geschlafen und erst danach das verrutschte Kondom bemerkt. Es war schon mal passiert. Damals hatte sich Pia die Pille danach besorgt, um sicherzugehen. An jenem Abend waren sie vor Müdigkeit sofort eingeschlafen. Am nächsten Morgen hatte sie kurz daran gedacht, sich eine Pille verschreiben zu lassen, und es schließlich verworfen. Lag es an der Arbeit mit den Kindern? Hatte sie es vielleicht darauf angelegt?

Ihr Gesichtsausdruck war ein offenes Buch für Sabah. »Weißt du’s jetzt?«

»Könnte sein, einmal, als wir… Das geht nicht. Rafik und ich, wir wollten nicht… nicht jetzt.« Pia spürte heiße Tränen in ihren Augen.

Sabah umarmte sie. »Es ist Allahs Wille, Baya. Er bestimmt, wann du neues Leben schenken sollst, nicht du. Sei glücklich und stolz. Du wirst eine Mutter sein. Die größte Gnade, die der Allmächtige einer Frau gewährt. In seiner großen Weisheit hat er entschieden, dass deine Zeit gekommen ist.«

Pia trocknete ihre Tränen. Ein Kind von Rafik? Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

Sabah streichelte ihren Rücken. »Wenn du mir nicht glaubst, mach einen dieser Tests, an die ihr Westfrauen glaubt, weil ihr die Sprache eures Körpers nicht mehr versteht. Du bekommst ihn in der Apotheke.«

Pia kannte die medizinische Ausgabestelle, wo Rafik die Kondome kaufte. Den Test würde sie selbst besorgen.

***

Luana betrat die Cafeteria der Schanzmühle ein paar Minuten nach Karin. Die durchfeierte Nacht war ihr nicht anzusehen. »Sorry wegen der Verspätung, ich hatte eine Überführung vom Amtsgericht ins Untersuchungsgefängnis. Die Verhandlung hat länger gedauert.« Kaum hatte sie sich mit einem Espresso an Karins Tisch gesetzt, stand sie wieder auf. »Ich habe Hunger, du nicht?«

Karin winkte ab. Sie hatte gerade ein Weggli-Sandwich verdrückt.

»Ich hole mir ein Chnörzli, dann will ich alles über deine letzte Nacht wissen.«

Karin trank derweilen ihren Espresso aus und holte sich ein Glas Wasser.

»Schieß los«, sagte Luana und steckte sich ein Stück Schokolade in den Mund. »Hat Harry Potter dich abgeschleppt? Bitte alles erzählen, bis ins kleinste Detail.«

»Wen meinst du?«

Luana knuffte sie in die Seite. »Du weißt genau, wen: den Champagner-Nerd mit der Riesenbrille und dem schnuckligen Bart.«

»Andi?«

»Immerhin weißt du seinen Namen. Und? Habt ihr… Du weißt schon.« Luana schlug mit der flachen Hand auf die schmale Seite ihrer geballten Faust und stieß dabei zwei leise Pfiffe aus.

Karin wand sich.

»Sag’s endlich.«

»Ja, wir haben.«

»Echt? Wie war er?«

»Sieh mich an. Ich habe gefühlt gerade mal eine halbe Stunde geschlafen, wenn dir das was sagt.«

»Wow! Seht ihr euch wieder?«

»Er hat mir seine Telefonnummer gegeben.« Karin zückte ihr Handy. »Ich will mit dir nicht über meine amourösen Abenteuer reden.« Sie rief das Foto der Toten vom Krummturm auf, das ihr Casagrande übermittelt hatte. »Kennst du sie?«

Luana betrachtete das Bild. Ihre Miene wechselte von Neugier zu Betroffenheit, schließlich zu Schock.

»Das ist Nadine. Was–«

»Nadine und wie weiter?«

»Känzig, Nadine Känzig. Auf dem Foto sieht sie aus wie… Ist sie…?«

»Sie wurde heute früh tot aufgefunden.«

»Fuck, Scheiße, Mann!«

»Du hast gestern mit ihr geredet. Sah ganz schön heftig aus.«

Luana nickte unter Tränen. »Sie ist eine… eine Freundin. Wie ist es passiert? Hat man sie… Wurde sie ermordet?«

»Wie kommst du darauf?«

»Ich meine, du hast gesagt, ihr habt sie bei der Krummturmschanze gefunden.«

»Ich kann dir nicht mehr dazu sagen. Die Ermittlungen laufen erst an.«

»Bitte, Karin, sie war meine Freundin. Du und ich, wir sind Kollegen. Ich kann euch helfen. Ihr könntet mich einbeziehen.«

»Darüber muss ich mit meinem Chef sprechen.« Karin hielt Luanas Hand fest. »Weshalb habt ihr euch gestritten?«

»Da war nichts… das Übliche halt«, brachte Luana zwischen zwei Schluchzern hervor.

»Deine Freundin ist tot. Daran ist nichts üblich. Letzte Nacht sah es aus, als wollte sie auf dich losgehen.«

»Woher willst du das wissen? Du hattest nur Augen für den Kerl.« Luana wollte aufstehen, Karin hielt sie am Arm fest.

»Ich habe Augen im Kopf, berufsbedingt. Noch mal, worüber habt ihr gesprochen?«

»Du tust mir weh.«

»Entschuldige.« Karin ließ Luanas Arm los.

»Sie hatte ein Problem.«

»Was für ein Problem? Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Wenn du Informationen zurückhältst, riskierst du deinen Job.« Karin widerstrebte es, ihrer Freundin zu drohen. Luana Beric war noch nicht lange bei der Kantonspolizei. Ihre Qualifikationen waren gut und ihre Vorgesetzten und Kollegen zufrieden mit ihr. Vor ein paar Tagen hatten sie darüber gesprochen, dass sie sich für die Polizeischule in Hitzkirch bewerben wollte.

»Es ging um ihren Freund. Sie hatten Streit. Er hat sie geschlagen.«

»Weiter?«

»Nichts weiter. Später sind wir ein wenig um die Häuser gezogen. Du hattest ja mit deinem Andi zu tun.«

Karin ignorierte die Stichelei. »Bis wann wart ihr zusammen unterwegs?«

»Wir haben uns um drei getrennt. Sie wollte nach Hause.«

»Und du?«

»Wie meinst du das?«

»Was hast du danach gemacht?«

Luana sah Karin fassungslos an. »Fragst du mich das im Ernst?«

»Ich muss das fragen, das weißt du.«

»Na schön. Ich bin gleich nach Hause. Du kannst meine Mutter fragen. Sie war wach, weil sie sich Sorgen machte.«

»Wo wohnte Nadine?«

»Sie hat… hatte ein Studio in der St.Urbangasse.«

Karin ging durch den Kopf, wie viel Miete sie für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung außerhalb der Altstadt bezahlte. »Das ist nicht billig. Lebte sie allein dort? Wie heißt dieser Freund, der sie geschlagen hat?«

»Mirko.«

»Mirko, wie weiter?«

Luana wich ihrem Blick aus. »Keine Ahnung, ehrlich. Nadine hat es mir nie gesagt.«

Karin kaufte ihr das nicht so recht ab. »Hör zu, Luana. Wenn er etwas mit Nadines Tod zu tun hat, deckst du einen Mörder.«

»Ich habe keine Ahnung, ich schwöre. Bitte, Karin, lass mich euch helfen.«

»Wie denn, wenn du nicht mal den Namen von Nadines Freund weißt?« Karin sah auf die Uhr. »Ich muss zum Rapport.« Sie stand auf. »Halt dich zur Verfügung. Vielleicht haben wir weitere Fragen.«

»Bin ich verdächtig?«

»Vorläufig nicht.«

***

Die Alibis der Teilnehmer der privaten Gesellschaft im Turmzimmer am Abend zuvor waren, soweit sie eingeholt werden konnten, nicht auffällig.

»Wenn wir nichts Brauchbares bekommen, müssen wir an die Öffentlichkeit«, sagte Casagrande.

»Ich habe von der Medienstelle einen Zeugenaufruf vorbereiten lassen.« Dornach reichte ihr einen Espresso. Die anderen waren bereits bedient. »Unbekannte Tote beim Krummturm gefunden und so weiter und so fort. Sachdienliche Hinweise, bla, bla, bla. Ich warte auf einen Anruf von der Rechtsmedizin, bevor ich ihn rauslasse.«

»Wurde der Leichnam schon obduziert?«

»Noch nicht, Professor Bodmer hat versprochen, sofort eine Legalinspektion durchzuführen. Sie meldet sich, sobald sie so weit ist.«

Tschanz betrat den Rapportraum.

»Hast du was, Sebi?«

»Könnte man sagen. Rosafarbene Faserfragmente auf der Kleidung und am Hals der Toten. Vermutlich wurde das Opfer mit einem pinkfarbenen Seidentuch oder Schal erdrosselt.«

»Habt ihr etwas in der Art sichergestellt?«, fragte Casagrande.

»Negativ. Ich glaube auch nicht, dass sie so was getragen hat. Der hätte nicht zu ihrem Kostüm gepasst. Wahrscheinlich gehört der Schal dem Täter oder der Täterin. Vielleicht hat er oder sie ihn in der Aare entsorgt. Wir suchen danach.«

»Ein rosaroter Schal?«, sinnierte Dornach. »Spricht eher für eine Täterin als für einen Täter.«

»Ich würde dir gerne beipflichten«, erwiderte Tschanz. »Aber vergiss nicht, es ist Fasnacht.«

»Haben die Nachbarschaftsumfragen etwas gebracht?«, fragte Casagrande Maja. Diese hatte es die ganze Zeit vermieden, die Staatsanwältin anzusehen. Stattdessen blickte sie mürrisch auf ihre Notizen.

Dornach runzelte die Stirn. Maja konnte sich offenbar nicht überwinden, Casagrande zu verzeihen und sich ihr gegenüber professionell zu verhalten. »Die Staatsanwältin hat dich etwas gefragt, Maja.«

Wortlos reckte Maja das Kinn kurz in Richtung Casagrandes, was Aufmerksamkeit signalisieren sollte. Gelassen wiederholte diese ihre Frage. Ohne ein Wort zu viel zu verlieren, erklärte Maja, niemand im Umfeld des Krummturms habe etwas gesehen oder gehört, und versenkte ihre Nase demonstrativ erneut in ihre Papiere.

Wenn Professor Bodmer nicht bald anrief, würde Dornach die Sitzung aufheben. In diesem Moment stürmte Karin herein. »Entschuldigt die Verspätung, ich habe was gefunden.«

»Es sei dir verziehen, sofern es was Brauchbares ist«, sagte Dornach.

»Wenn nicht, wissen wir, wer das Kaffeegeschirr spült«, sagte Lüthi, was ihm böse Blicke von Maja und Karin gleichzeitig eintrug.

»Schieß los, Karin«, forderte Dornach sie auf.

Sie berichtete, was sie von Luana Beric über die Tote erfahren hatte.

»Wie sicher ist Frau Beric, dass es sich bei der Toten um Nadine Känzig handelt?«, fragte Casagrande.

»Hundertprozentig, würde ich sagen. Sie hat sie sofort erkannt.«

»Dann lassen wir das mit dem öffentlichen Aufruf vorläufig. Hat Nadine Känzig Angehörige?«

»Ich… ich hatte keine Gelegenheit, das zu checken. Ich habe erst vorhin mit Luana gesprochen und Google gebeten, es herauszufinden.« »Google« war der Spitzname von Rolf Gubler, dem Informatikgenie in Dornachs Team.

»Wie ist diese Luana Beric so?«, fragte Casagrande.

»Sie arbeitet seit einigen Wochen als polizeiliche Sicherheitsassistentin bei uns«, sagte Dornach. »Habe nichts Negatives über sie gehört.«

»Entschuldigung, Angela«, wandte sich Karin an Casagrande. »Weshalb fragst du das?«

»Weil wir vorderhand davon ausgehen müssen, dass Frau Beric Nadine Känzig als Letzte lebend gesehen hat.«

Anstelle einer Antwort blies Karin die Nasenflügel auf. Zeichen der Aggression waren bei ihr schwerer zu erkennen als bei Maja. Sie war kurz davor, aufzubegehren.

»Du weißt, wie es läuft, Karin«, sagte Dornach. »Frau Beric ist eine wichtige Auskunftsperson. Vorerst halten wir uns an Nadines Freund, diesen Mirko irgendwas.«

»Google ist auch an ihm dran.«

»Wie alt ist Nadine?«, fragte Maja.

»Laut Luana ist sie vor Kurzem achtzehn geworden.«

»Ging sie noch zur Schule, machte sie eine Lehre oder arbeitete sie?«

»Ist unklar. Google klärt das schon mal mit der Kantonsschule.«

»Er soll das diskret machen«, warf Lüthi ein. »Es wäre blöd, wenn der Tod des Mädchens die Runde macht, bevor wir die nächsten Angehörigen informieren können.«

»Google weiß, was er zu tun hat«, erwiderte Karin. »Luana habe ich übrigens auch darauf eingeschworen.«

»Weshalb nur die Kantonsschule?«, bohrte Maja.

»Luana hat so was angetönt. Sie meint, die Eltern seien gut situiert. Müssen sie auch, wenn sie ihrer Tochter ein Studio in der Altstadt kaufen können. Ich schlage vor, wir fangen mal mit der Kanti an. Dann sehen wir weiter.«

»Wenn du meinst.« Die Bauerntochter Maja mit einer abgeschlossenen Polymechanikerlehre machte eine abfällige Geste.

Dornach atmete innerlich auf, als das Telefon läutete und Professor Bodmers Name auf dem Display aufleuchtete. Er drückte auf Lautsprecher. Die Forensikerin kam gleich zur Sache. »Leider konnte ich die Legalinspektion nicht ganz abschließen, weil ein anderer dringender Fall dazwischenkam. Eure neue Amtsärztin hat gute Vorarbeit geleistet. So viel vorab: Die Frau ist vermutlich nicht jünger als achtzehn, höchstens Anfang zwanzig.«

Dornach erwähnte, dass die Identität mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit festgestellt werden konnte. »Nadine Känzig war achtzehn.«

Ein langer Seufzer drang durch den Lautsprecher. »Ich arbeite bald dreißig Jahre in der Rechtsmedizin und werde mich nie daran gewöhnen, dass Menschen so jung sterben müssen.« Sie räusperte sich. »Die Würgemale am Hals lassen eindeutig auf Erdrosselung schließen. Vermutlich war sie bereits tot, als sie aus dem Turmfenster gestoßen wurde. Damit ich das endgültig bestimmen kann, muss ich sie obduzieren. Der Körper weist multiple Frakturen an Kopf, Hüfte und Beinen auf, was auf einen Sturz aus großer Höhe hindeutet. Die Verletzungen sind nicht tödlich. Vermutlich hat der Schnee den Aufprall gedämpft.«

»Gibt’s zur Todeszeit etwas zu ergänzen?«

»Da gehe ich mit Dr.Winter einig. Die enorme Kälte hat den Körper rasch abgekühlt. Zwischen Todeszeitpunkt und Auffindung ist wenig Zeit vergangen, schätzungsweise anderthalb bis zwei Stunden. Nadine Känzig starb zwischen halb sechs Uhr morgens und der Uhrzeit, die ihre Armbanduhr anzeigt.«

»Wenn Luana Berics Aussage stimmt«, wandte Lüthi ein, »dann–«

»Warum sollte das nicht stimmen?« Karin warf ihm einen giftigen Blick zu.

»Wenn Frau Beric und Nadine Känzig sich heute Morgen tatsächlich um drei Uhr getrennt haben und Nadine Känzig um halb sechs gestorben ist, müssen wir herausfinden, was sie in der Zwischenzeit getrieben hat.«

»Kümmere dich mit Karin darum, Mike«, sagte Dornach. »Fangt am besten mit ihrer Wohnung an. Ihr habt die Adresse.«

Professor Bodmer erwähnte, Nadine Känzig habe kurz vor ihrem Ableben Geschlechtsverkehr gehabt. »Ich stellte keine Verletzungen fest, die auf eine Vergewaltigung hindeuten. In der Scheide fand ich Sperma, die Probe ist unterwegs zur DNA-Analyse. Die Aufmachung der Frau würde für ein amouröses Intermezzo sprechen.«

»Hier ist Fasnacht, Sandra.«

»Richtig, ich vergaß, Solothurn ist eine der Hochburgen katholischer Dekadenz. Die Jungen werfen sich da gerne den einen oder anderen Muntermacher ein. Ich schlage einen Toxscreen vor, um Drogenmissbrauch auszuschließen.«

»Genehmigt, Frau Professor«, sagte Casagrande.

»Das ist vorläufig alles. Ich melde mich, sobald ich was Neues habe.«

***

Ungeachtet des fasnächtlichen Treibens war die »Bar àVin« im Hotel »La Couronne« am frühen Abend mäßig besetzt. Dornach und Maja setzten sich an den Tisch in der Ecke neben dem Fenster zur Hauptgasse. Sie warteten, bis die Kellnerin die bestellten Getränke hingestellt hatte.

»Ich nehme an, wir sind nicht hier, weil du mit mir in der ›Krone‹ ein Bier trinken willst.«

Sie prosteten sich zu.

»Fühlst du dich nach wie vor wohl bei uns?«, fragte Dornach unumwunden. Maja hasste diplomatisches Vorgeplänkel.

Sie setzte ihr Glas energisch ab. »Willst du mich loswerden?«

»Wir sind ein Team, Maja.«

»Ja, und?«

»Das schließt Angela mit ein.«

»Wenn du es sagst.«

»Ja, das sage ich. Und ich habe den Eindruck, du teilst diese Ansicht nicht oder nicht mehr.«

»Sie ist uns in den Rücken gefallen, Dominik. Allermindestens hätte sie uns vorwarnen müssen, bevor sie Jana dieser Hyäne von Hofmann zum Fraß vorwarf.« Maja zeigte mit dem Finger auf Dornach. »Sie hat damit nicht nur Jana, sondern uns alle ans Messer geliefert, dich, mich und die Kollegen.«

In diesem Punkt lag Maja nicht ganz falsch. Die Befragungen und die Untersuchung im Nachgang zu Janas Verhaftung waren alles andere als erbaulich gewesen, besonders für Dornach und seine Leute. Der Leitende Staatsanwalt Hofmann hatte die Gelegenheit genutzt, seinem Erzfeind Dornach gehörig eins auszuwischen. Er hatte ihm vorgeworfen, Beihilfe zur Ermordung des Kriegsverbrechers Slavko Vukovic in Den Haag geleistet zu haben. Allerdings hatte Hofmann die Rechnung ohne den Wirt gemacht, konkret ohne den Korpsgeist der Kantonspolizei. Urs Jäggi, der Leiter der Kriminalabteilung, hatte sich vor seinen Chefermittler gestellt. Gleichzeitig schirmte Dornach sein Team vehement vor Hofmanns haltlosen Vorwürfen ab, bis eine Intervention des Polizeikommandanten beim Oberstaatsanwalt der Scharade ein Ende gesetzt hatte.

All das war nicht spurlos an Dornachs Leuten vorbeigegangen. Dornach hatte Stunden in ausgedehnte Gespräche investiert, bis das gegenseitige Vertrauen wiederhergestellt war. Zu Beginn war er ebenso wütend auf Casagrande gewesen wie seine Kollegen. Er hatte geglaubt, sie hätte ihm aus Eifersucht mit dieser Aktion eins auswischen wollen. Sie selbst hatte damals in einer tiefen Selbstfindungskrise gesteckt. Dornach hatte sich mitverantwortlich für die Situation gefühlt, die teilweise dem emotional zwiespältigen Verhältnis zwischen ihm und der Staatsanwältin zuzuschreiben war. Was Casagrande und er füreinander empfanden, überstieg den üblichen professionellen Rahmen. Dessen ungeachtet schreckte er vor einer privaten Beziehung zurück. Abgesehen davon, dass solche Verbindungen bei der Polizei heikel waren, wollte er nicht, dass sie sich gegenseitig zwischen Beruf und Privatleben aufrieben. Der Mensch Angela Casagrande war für ihn zu wichtig und zu wertvoll.

Soweit es Jana betraf, hatte Casagrande ihn überzeugen können, dass sie sich von ihrem Pflichtgefühl hatte leiten lassen. Sie musste die auf offiziellem Weg angeforderten Informationen weitergeben.

Darüber hinaus hatte Dornach Jana in Verdacht, diese Eskalation provoziert zu haben. Die Motivation dafür hatte sich ihm bisher nicht erschlossen. Obwohl seine Gefühle für sie unverändert waren, hatte er es aufgegeben, die enigmatische Österreicherin zu ergründen. Jana hatte ihm klargemacht, dass er nichts von ihr erwarten sollte. Seit ihrer Verhaftung und der späteren Freilassung herrschte zwischen ihnen Funkstille. Er respektierte das, die Wunden mussten vernarben.

Das Verhältnis zwischen ihm und Casagrande hatte sich auf der freundschaftlichen Ebene normalisiert. Maja und die Staatsanwältin waren weit davon entfernt.

»Ich weiß, du kannst Hofmann ebenso wenig ausstehen wie ich. Es ist nicht Angelas Schuld, wenn er sich in uns verbeißt.«

»Wenn sie nicht–«

»Angela hat ihm möglicherweise einen Aufhänger geliefert, uns zu piesacken. Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Es war nicht ihre Absicht, und es tut ihr leid. Hofmann ging es bei dem Ganzen weder um dich noch um Mike, Karin oder Google. Er wollte mich über die Klinge springen lassen. Das ist ihm nicht gelungen.«

»Trotzdem, Angela hat Jana verraten.«

»Nein, das hat sie nicht, und versuch nicht, mir weiszumachen, dass du das inzwischen nicht auch begriffen hast. Denn dann hätte ich dich all die Jahre falsch eingeschätzt.«

»Warum hat sie nicht wenigstens mit dir darüber gesprochen, bevor sie bei Hofmann petzte?«

»Das mag ein Fehler gewesen sein, an dem ich ebenso großen Anteil habe wie Angela.« Dornach beugte sich zu Maja vor. »Ich habe sie mit Dingen belastet, die weit über der zumutbaren Toleranzgrenze für manchen Staatsanwalt liegen. Dass sie so handelte, geht zu einem gewissen Teil auf meine Kappe.«

»Willst du mir erzählen, Jana hat Vukovic tatsächlich in Den Haag erschossen, und du und Casagrande, ihr habt sie die ganze Zeit gedeckt?«

»Angela kannst du aus dem Spiel lassen. Du kennst die Indizienlage, was Jana betrifft. Ihre DNA wurde am Tatort in Den Haag gefunden. Jana war zum Zeitpunkt des Attentats dort, das beweisen Videoaufnahmen der Überwachungskameras. Sie hatte Motiv, Mittel und Gelegenheit, auf Vukovic zu schießen, als er aus dem Gerichtsgebäude trat. Und für sie gilt die Unschuldsvermutung ebenso wie für alle anderen.«

»Du beantwortest meine Frage nicht. Hat Jana Vukovic erschossen?«

»Wenn Jana sagt, dass sie es nicht war, dann glaube ich ihr. Und ich würde jederzeit alles tun, um ihr zu helfen.«

»Das hört sich nicht sehr professionell an, Chef.«

»Als ich Jana kennenlernte, hatte sie Dinge getan, die vor keinem Gesetz Bestand hätten. Genaueres weiss ich nicht und will es nicht wissen. Von mir erfährst du keine Einzelheiten. Und sollte es hart auf hart kommen, leugne ich dieses Gespräch zwischen uns beiden. Über eins musst du dir im Klaren sein: Ich werde Jana nie für das verurteilen, was sie getan hat.«