Sigurd 1: Der ritterliche Held - Achim Mehnert - ebook

Sigurd 1: Der ritterliche Held ebook

Achim Mehnert

0,0

Opis

Diese werkgetreue Umsetzung als Roman umfasst den Inhalt der ersten Abenteuer aus den Piccolo-Comicheften 1-20 von Hansrudi Wäscher. Große Taten sind dem jungen Sigurd von Eckbertstein vorherbestimmt. Bei der Verteidigung des Eckbertstein, seines Vaters Burg, ahnen die Menschen noch nicht, dass der Junker schon bald zu einer Legende werden soll. Das ändert sich, als Sigurd mit seinen Freunden Bodo und Cassim in die Ferne zieht. Sigurd begibt sich nicht nur auf die Suche nach dem legendären Schatz des Königs Ringang. Beherzt tritt er zudem seinen Feinden entgegen. Ob gegen Heerführer Raos, den Räuber Haggard, den Teufel Hongo, Raubritter Teja, Landvogt Johann oder den Brandstifter Iwein – Sigurd kämpft mit Mut und Ritterlichkeit für das Gute und gegen das Böse.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 281

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
Oceny
0,0
0
0
0
0
0



 

 

 

 

Impressum

 

Originalausgabe September 2018

Charakter und Zeichnung: Sigurd © Hansrudi Wäscher / becker-illustrators

unter Zuhilfenahme von inhaltlichen Einfällen von Gerhard Adler

Text © Achim Mehnert

Copyright © 2018 der eBook-Ausgabe Verlag Peter Hopf, Petershagen

 

Lektorat: Thomas Knip

Umschlaggestaltung: etageeins, Jörg Jaroschewitz

Hintergrundillustration Umschlag: © saiko3p – fotolia.com

E-Book-Konvertierung: Die eBook-Manufaktur

 

ISBN ePub 978-3-86305-265-2

 

www.verlag-peter-hopf.com

 

Hansrudi Wäscher wird vertreten von Becker-Illustrators,

Eduardstraße 48, 20257 Hamburg

www.hansrudi-waescher.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

 

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg, sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erfolgen.

 

Inhalt

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

 

 

ACHIM MEHNERT

Der ritterliche Held

Sigurd Band 1

 

Unsere Geschichte spielt vor vielen

Jahrhunderten, in einer Zeit, von der uns

eher die sagenhaften Lieder fahrender

Sänger als bezeugte Schriften

von Historikern künden.

Doch wie märchenhaft und oft sogar

widersprüchlich diese Berichte auch

sein mögen, sie alle erzählen

übereinstimmend von einem Mann,

der schon als Jüngling all seinen

Zeitgenossen im Kampf ebenbürtig war

und dessen Mut, Ritterlichkeit und Gerechtigkeitsliebe

ihn bald zu einem der größten Helden machten.

So überdauerte der Ruhm seiner Taten die Zeiten –

ebenso wie sein Name, der zur Legende wurde:

 

 

EINS

 

Voller Vorfreude auf die bevorstehenden Wettkämpfe spazierte Sigurd an den Tribünen entlang. Noch waren sie menschenleer, doch schon am nächsten Tag würden sich die Zuschauer auf den Sitzbänken drängen. Vor seinem geistigen Auge sah er die jubelnde Menge, ein Bild, das er vom Vorjahr noch deutlich in Erinnerung hatte. Es hieß, sein erstes Turnier vergäße man nie. In Sigurds Fall zumindest traf das zu. Er erinnerte sich lebhaft an jeden einzelnen Gegner, gegen den er angetreten war, und an sämtliche Kämpfe, die er ausnahmslos siegreich bestritten hatte.

Er blieb vor der festlich geschmückten Haupttribüne stehen. In ihrer Mitte würde sein Vater Eckbert von Eckbertstein sitzen und den Turniersieger küren, so wie er es seit vielen Jahren tat, eingerahmt zwischen seinen Töchtern, Sigurds Schwestern Adelheid und Hildegard. Im Vorjahr war Eckbert nicht weniger erstaunt gewesen als alle anderen, ausgerechnet seinen eigenen Sohn krönen zu dürfen. Und morgen, was würde morgen sein? Sigurd lächelte still in sich hinein. Schon seit Tagen umfing ihn eine sich langsam steigernde Aufregung. Er fieberte dem Beginn des diesjährigen Turniers entgegen.

Der hochgewachsene, blonde Jüngling löste sich vom Anblick der leeren Tribüne und wanderte weiter. Vielfältige Gerüche schlugen ihm entgegen. Abseits des Kampfplatzes boten Händler ihre Waren feil. Über einem Feuer briet eine Sau, und der Wein floss in Strömen. In extra für diesen Anlass errichteten Stallungen wieherten Pferde. In der Burg selbst gab es keine ausreichenden Unterbringungsmöglichkeiten für die vielen Tiere.

Händeklatschen und Anfeuerungsrufe erregten Sigurds Aufmerksamkeit. Das Volk verlustierte sich mit den Darbietungen fahrender Künstler. Überall dort, wo Gaukler ihre Kunststücke zum Besten gaben, bildeten sich kleine Zuschauergruppen, die nicht mit Applaus sparten. Schon als Kind hatte Sigurd das bunte Treiben genossen, damals noch völlig unbedarft und mit staunenden großen Augen. Heute kamen viele Besucher auch deshalb, um seine Fertigkeiten als Wettkampfrecke zu sehen.

Er begab sich zum Zelt des Turnierhauptmanns, wo noch immer weitere Ritter eintrafen. Auf dem sich dahinter erstreckenden Feld reihten sich deren Zelte und die ihres Gefolges. Die Zahl von Sigurds Konkurrenten übertraf die des Vorjahres deutlich, doch das sorgte den Junker nicht. Zwar wollte er das von seinem Vater Eckbert veranstaltete Turnier erneut gewinnen, doch bereitete es ihm auch keine Probleme, einem besseren Kämpfer den Sieg zu überlassen, wenn sich dieser als würdig erwies.

Soeben meldeten sich zwei stattliche Ritter beim Turnierhauptmann an. Sigurd kannte sie nicht. Am Vorjahresturnier hatten sie nicht teilgenommen. Er wartete, bis sie die Formalitäten hinter sich gebracht hatten, dann gesellte er sich zu ihnen, um sie zu begrüßen.

 

*

Der Spätsommer war angebrochen. Für diese Jahreszeit herrschten außergewöhnlich warme Temperaturen. Kein Lüftchen regte sich. In einem menschenleeren Landstrich lag nur das Summen von Insekten in der Luft, und ab und zu drangen Tierlaute aus dem Wald auf die Lichtung hinaus, auf der sich zwei knochentrockene Landstraßen zu einer vereinigten.

Eines Mittags, die Sonne hatte noch nicht den höchsten Stand erreicht, wurde die Idylle jäh gestört. Der Hufschlag zahlreicher Pferde, welche die Ausdünstungen eines langen Ritts mit sich trugen, ließ die Waldtiere verstummen. Es war reiner Zufall, dass sich zwei Ritter mit ihrem jeweiligen Gefolge ausgerechnet an jener Stelle trafen, von wo aus die einzelne Straße in Richtung der Burg Eckbertstein weiterführte. Einen noch größeren Zufall stellte der Umstand dar, dass es sich bei den beiden Rittern Mathes von Waldbrunn und Veit von Vogelberg um alte Freunde handelte, die sich lange nicht gesehen hatten. Entsprechend freudig fiel die Begrüßung aus.

»Wohin des Wegs, werter Mathes?«, erkundigte sich Ritter Vogelberg.

Der Angesprochene lachte vergnügt. »Sicher könnt Ihr es Euch denken, Veit. Da diese Straße zu nur einer zivilisierten Stätte führt, nehme ich an, dass unser Ziel das Gleiche ist.«

»Burg Eckbertstein.«

»Eben jene«, bestätigte Ritter Waldbrunn. »Lasst uns rasch die Reise fortsetzen. Die Hitze trocknet mir die Kehle aus. Ich kann es kaum erwarten, den Wein des Gastgebers zu kosten.«

»Seit wann kostet Ihr nur, mein lieber Mathes?«, wagte von Vogelberg einen derben Scherz. »Ich kenne Euch anders.«

»So wie ich Euch. Umso angenehmer ist mir Eure Begleitung.«

Die beiden Ritter setzten sich an die Spitze des nunmehr gemeinsamen Zuges. Eine weitere Reitstunde lag vor ihnen. Mathes von Waldbrunn nahm das Gespräch wieder auf.

»Die Kunde von Eckberts Sohn Sigurd ist also auch bis zu Euch durchgedrungen. Es heißt, beim Turnier im vergangenen Jahr habe er alle Gegner besiegt.«

»Die Gerüchte übertreiben nicht. Selbst die erfahrensten Kämpfer hob der junge Sigurd aus dem Sattel. Dabei ist er kaum den Kinderschuhen entwachsen, wie mir ein Augenzeuge berichtete. In diesem Jahr wollen sich nun alle mit ihm messen.«

Was erstaunlich war, denn das Turnier am Eckbertstein hatte viele Jahre als unbedeutend gegolten. Sigurds Triumph im Vorjahr hatte dies jedoch gründlich geändert. Jeder war nun begierig darauf, gegen den siegreichen Junker anzutreten. Auf einmal genoss Burg Eckbertstein bei den von einem Turnier zum nächsten ziehenden Edelleuten einen ausgezeichneten Ruf.

»Ihr wollt Eckberts Sohn besiegen, nehme ich an?«, fragte von Waldbrunn lauernd.

Von Vogelberg nickte lächelnd. »Andernfalls hätte ich nicht die weite Anreise auf mich genommen. Ich gebe zu, ich bin gespannt auf diesen Jüngling, der seit seinem Turniersieg im vergangenen Jahr in aller Munde ist. Natürlich hatte er dabei einen großen Vorteil.«

»Und welchen?«

»Er musste nicht gegen mich antreten. Diesmal ist das anders.«

Waldbrunn lachte donnernd. »Ihr seid sehr von Euch überzeugt, mein lieber Veit.«

»Wer wäre das nicht, dem es zweimal hintereinander gelungen ist, den legendären Mathes von Waldbrunn in den Dreck des Turnierplatzes zu schicken.«

Der Genannte verzog das Gesicht, als habe er in eine Zitrone gebissen. »Und wenn schon! Schnee von gestern. Ein drittes Mal wird Euch ein solches Kunststück nicht gelingen. Solltet Ihr im Turnier frühzeitig gegen Sigurd antreten müssen, bleibt Euch vielleicht sogar die Schmach erspart, durch meine Hand Staub schlucken zu müssen.«

»Immer noch der alte Aufschneider.« Veit von Vogelberg schlug sich vergnügt auf die Schenkel. »Aber keine Sorge, alter Freund. Ich werde den Teufel tun und Euch und Eure Fertigkeiten auf die leichte Schulter nehmen.«

Dieses Kompliment gab Mathes von Waldbrunn aufrichtig zurück. Die Freunde unterhielten sich noch eine Weile, bis nach einer Stunde der Eckbertstein in Sicht kam. Die Burg erhob sich auf einer Anhöhe, an deren Fuß der Turnierplatz lag. Die beiden Ritter stellten fest, dass sie spät eintrafen. Rings um den Platz herrschte das bunte Treiben eines Jahrmarktes. Sie begaben sich auf direktem Weg zum Turnierhauptmann, um sich als Teilnehmer anzumelden.

 

*

Sigurd begrüßte die Neuankömmlinge und stellte sich vor. »Ich heiße Euch in meinem und im Namen meines Vaters Eckbert von Eckbertstein willkommen.«

»Ich bin Ritter Veit von Vogelberg«, erwiderte der Kleinere der Beiden, »und dieser prächtige Bursche neben mir ist Ritter Mathes von Waldbrunn. Es ist uns eine Ehre, am Turnier Eures Vaters teilnehmen zu dürfen, Junker.«

»Zudem ist es eine Freude, gegen den Sieger des Vorjahres antreten zu können«, fügte Waldbrunn mit einem herausfordernden Grinsen hinzu.

»Und mir ist es Freude und Ehre zugleich, Euch als unsere Gäste zu begrüßen.« Sigurd reichte den Männern die Hand. »Eure Namen sind mir wohlbekannt, auch wenn wir uns bisher noch nicht persönlich begegneten.«

»Wie es aussieht, ändert sich dies nun gründlich«, sagte Waldbrunn.

»Sowohl neben als auch auf dem Feld der Ehre.« Veit von Vogelberg klopfte dem Größeren auf die Schulter. »Mein Freund Mathes kann es nämlich nicht erwarten, sich auf dem Feld mit Euch zu messen.«

Ritter Waldbrunn machte eine wegwerfende Handbewegung. »Hört nicht auf Veit, Junker Sigurd. Mir ist es gleich, ob ich zuerst ihn oder Euch aus dem Sattel befördere.«

Die beiden Ritter lachten, und Sigurd fiel in ihr Lachen ein. Sie gefielen ihm auf Anhieb. Ihre offen zur Schau getragene Großspurigkeit beinhaltete einen deutlich erkennbaren Anflug von Schalk. Sigurd hielt sich für einen guten Menschenkenner, und in ihren Gesichtern konnte er lesen, dass sie in ähnlichen Bahnen dachten wie er selbst. Zwar war ein jeder von ihnen begierig darauf, das Turnier zu seinen Gunsten zu entscheiden. Es tat ihrer Laune jedoch keinen Abbruch, wenn sich ihnen ein besserer Kämpfer als überlegen erwies.

»Ich freue mich auf einen ritterlichen Kampf.«

»Auf dass der Bessere gewinnen möge«, sagte Waldbrunn.

Vogelberg nickte. »Diesen Wünschen schließe ich mich an.«

»Gut gesprochen. Ihr werdet es mir also nicht übelnehmen, wenn Ihr in mir Euren Lehrmeister findet, Ritter«, äußerte Sigurd trocken.

Ihre Mienen verhärteten sich, und sie starrten ihn aus großen Augen an. Eine ziemliche Dreistigkeit für solch einen jungen Burschen! Einige Sekunden vergingen, bis sie begriffen, dass diesmal der Junker einen nicht ganz ernstgemeinten Spruch führte. Ein Lächeln umspielte Veit von Vogelbergs Mundwinkel.

»Schneid hat der Jüngling, das muss ihm der Mut lassen. Nun denn, Junker Sigurd, ich sehe dem erwartungsvoll entgegen, wie Ihr Euren Worten Taten folgen lasst.«

Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als sich ein schwarzhaariger Mann mit buschigem Schnauzbart näherte. Seine schwarze Rüstung glänzte im Sonnenlicht. Ohne die Versammelten eines Blickes zu würdigen, stapfte er an ihnen vorbei zum Turnierhauptmann, um sich anzumelden. Anschließend drehte er sich zu ihnen um und betrachtete sie der Reihe nach. In seinem wie aus Stein gemeißelten Gesicht zeigte sich keine Regung.

»Ich bin Junker Sigurd von Eckbertstein und heiße Euch zum Turnier willkommen.« Sigurd wollte auch seine neuen Bekannten vorstellen, doch dazu kam er nicht.

Der Schwarzhaarige starrte ihn finster an. »Ich weiß, wer du bist. Im vergangenen Jahr gewannst du deines Vaters Turnier. Rechne jedoch nicht damit, deinen Triumph zu wiederholen. Meine Antwort auf deinen gönnerhaften Willkommensgruß erhältst du auf dem Kampfplatz.«

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, entfernte sich der Fremde mit schnellen Schritten. Verwundert blickte Sigurd ihm hinterher. Er konnte sich die brüske Ablehnung des Schwarzgerüsteten nicht erklären.

»Fürwahr ein sympathischer Zeitgenosse«, stellte Veit von Vogelberg fest. »Kennt Ihr ihn, Mathes?«

Von Waldbrunn verneinte. »Wie denn auch, wenn er seine Vorstellung schuldig bleibt. Ist Euch der Bursche bekannt, Junker Sigurd?«

Der Jüngling schüttelte den Kopf. Er blies sich eine blonde Haartolle aus der Stirn.

»Man nennt ihn den Schwarzen Bodo«, schaltete sich der Hauptmann in das Gespräch ein. »Er ist ein Junker wie Ihr es seid, Sigurd, doch von gegenteiligem Charakter. Ich hörte von ihm. Er gilt als berüchtigter Turnierkämpfer. Man sagt, ihm sei jedes Mittel recht, um bei einem Turnier zu gewinnen.«

Die beiden Ritter nickten. Nun, da sie den Namen Schwarzer Bodo vernahmen, erinnerten sie sich an ihn. Sie bestätigten die Aussage des Hauptmanns. Bodo wurde von jedem Gegner gefürchtet, und Freunde besaß er keine. Angeblich handelte es sich um einen durch und durch boshaften Kämpfer, dem die Ehre nicht viel galt. Sein Auftreten schien diese Einschätzung zu bestätigen, doch Sigurd zögerte, sich ihr anzuschließen. Ja, Bodo hatte ihn durchaus verbal brüskiert und ihn wie einen dummen Jungen stehen lassen, doch in den Augen des Schwarzen hatte Sigurd noch etwas anderes gelesen, das sich schwer beschreiben ließ. Da war nicht nur Boshaftigkeit, sondern eine tiefe Verbitterung, deren Ursache ihm verborgen blieb.

 

*

Eine Weile noch setzte Sigurd seinen Spaziergang fort. Immer wieder winkten ihm Bekannte zu, die ihm einen erfolgreichen Turnierverlauf wünschten. Er freute sich über den Zuspruch, wenngleich ihm der Zwischenfall mit dem Schwarzen Bodo nicht aus dem Kopf ging. Dies geschah jedoch schlagartig, als er eine Gesandtschaft auf die Burg zureiten sah. In Sigurd schrillte ein Alarm, denn er erkannte das Wappen König Neithard von Morlands.

Neithard von Morland, dessen Land im Osten an das Land von Sigurds eigenem König grenzte. Neithard von Morland, der nicht als Freund derer von Eckbertstein galt. Zwischen ihm und Eckbert herrschte sogar Feindschaft.

Sigurds Überlegungen überschlugen sich, als er loslief, um den Reitern ins Innere der Burg zu folgen. Einst hatte Eckbert einen Überfall von Neithards Vater zurückgeschlagen. Seitdem schwelte eine dauerhafte Glut zwischen beiden Familien. Dass Neithards Gesandte einen Tag vor Turnierbeginn im Eckbertstein auftauchten, hatte sicher nichts Gutes zu bedeuten.

Sigurd hetzte die Anhöhe hinauf und folgte den Berittenen. Es gelang ihm nicht, sie einzuholen. Als er die gesenkte Zugbrücke erreichte, war die Hälfte der Besucher bereits in der Burg verschwunden. Die Torwachen hatten sie passieren lassen. Natürlich, denn einer königlichen Gesandtschaft verwehrte man nicht die Gastfreundschaft. Die restlichen standen im Hof in einer Gruppe beisammen und kümmerten sich um die Pferde. Sie machten einen friedfertigen Eindruck und grüßten Sigurd sogar. Die Geste trug jedoch nicht dazu bei, sein Misstrauen zu zerstreuen. Er lief weiter ins Hauptgebäude, wo er auf seinen Vater und einige von dessen Männern traf. Eckbert schaute ihm lächelnd entgegen.

»Wir haben Besuch, mein Sohn.«

»Das habe ich bereits mitbekommen, Vater.« Sigurd behielt die Etikette bei. »Welchem Umstand verdanken wir diese Ehre?«

»Ritter Ulrych und Ritter Barthel«, Eckbert deutete auf zwei der Besucher, »suchen mich in offizieller Mission auf. Sie boten mir gerade im Namen Neithard von Morlands Versöhnung an.«

»Es ist wahr, Junker Sigurd«, bestätigte Ulrych. »Unserem Herrn ist daran gelegen, den Streit ein- für allemal zu beenden. Was in der Vergangenheit geschah, soll endlich ruhen.«

»Es freut mich, das zu hören.« Sinnend betrachtete Sigurd die Gesandten. »Wir rechneten nicht mit einem solchen Sinneswandel. Wie kam es zu dieser Meinungsänderung?«

»Unser Herr trug sie schon lange mit sich herum«, eröffnete Barthel. »Doch er sah ein gewisses Misstrauen voraus, nicht verwunderlich nach all den Jahren der Feindschaft. Daher suchte er nach einer Möglichkeit, die neue Freundschaft zwischen beiden Häusern offiziell zu besiegeln. Es soll eine Geste von solcher Eindringlichkeit sein, dass kein Mensch im ganzen Land sie anzuzweifeln vermag.«

»Neithard hat also eine solche Möglichkeit gefunden, wenn ich Euch recht verstehe?«, erkundigte sich Eckbert.

»Das hat unser Herr tatsächlich.« Ulrych neigte den Kopf. Ein Lächeln umflorte seine Lippen.

»Und welche?« Sigurd wurde nicht recht schlau aus dem unerwarteten Zusammentreffen. Eine angespannte Stimmung lag in der Luft, trotz des angeblichen Friedensangebots und der Freundlichkeit der Gesandten. Die ganze Szenerie kam ihm unwirklich vor. Oder bildete er sich das nur ein, weil er Neithard von Morland nicht traute?

Ulrych wandte sich an den Burgherrn. »Unser Herr ersucht um die Hand Eurer älteren Tochter Adelheid. Eine symbolträchtige Vermählung würde den Frieden und die Verbundenheit zwischen beiden Häusern für alle Zeiten sichern.«

»Adelheid?«, entfuhr es Sigurd. »Ganz ausgeschlossen.«

»Wie bitte?« Barthel musterte den Jüngling mit Strenge. »Erklärt das, Junker.«

Anstelle Sigurds antwortete Eckbert. »Wie mein Sohn bedaure auch ich, das ehrenvolle Gesuch Eures Herrn ablehnen zu müssen, aber Adelheid ist seit langem Graf Kronberg versprochen. Dies ist allgemein bekannt. Es wundert mich, dass Euer Herr keine Kenntnis von diesem Arrangement besitzt.«

Neithards Gesandte sahen sich an, ihre Mienen versteinerten. In der Halle schien die Temperatur um einige Grad zu sinken.

»Dennoch biete ich Eurem Herrn meine Freundschaft an«, beeilte sich Eckbert zu sagen. »Wie Ihr eben so richtig betontet, soll in der Vergangenheit bleiben, was einst geschah, und keinen Schatten auf die Zukunft werfen.«

»Ihr Narr!«, entgegnete Ulrych brüsk. Seine Wangenknochen traten hervor. »Ihr stoßt uns vor den Kopf und sprecht von Freundschaft? Wie könnt Ihr es wagen, das großzügige Angebot unseren Herrn abschlägig zu bescheiden? Euer Hochmut ist eine tödliche Beleidigung, die nicht unbeantwortet bleiben kann.«

Barthel entledigte sich eines Handschuhs und schleuderte ihn Eckbert entgegen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehten sich die Gesandten um und eilten aus dem Saal. Der Burgherr und sein Sohn folgten ihnen ins Freie, wo sie Zeuge des Aufbruchs der gesamten Gesandtschaft wurden.

»Der Fehdehandschuh.« Sigurd deutete über die Schulter. »Das verheißt nichts Gutes, Vater.«

»Ganz im Gegenteil, es verheißt Krieg.«

»Das fürchte ich auch. Wir müssen Vorbereitungen treffen.«

»Das werden wir«, kündigte Eckbert an, »doch zunächst bewahren wir kühlen Kopf. Zum Glück lässt sich ein Krieg nicht von heute auf morgen vom Zaun brechen. Zunächst einmal müssen die Boten heimkehren, und dann braucht Neithard Zeit, um ein Heer auszurüsten. Uns bleiben also noch einige Wochen, um unsererseits zu rüsten und die Verteidigung zu organisieren. Deshalb soll das Turnier wie geplant stattfinden. Anschließend bleibt uns noch genug Zeit, um die erforderlichen Maßnahmen in die Wege zu leiten.«

Der Herr vom Eckbertstein ahnte nicht, wie sehr er sich irrte.

 

*

»Der alte Narr hat tatsächlich so reagiert, wie unser Herr es voraussah«, sagte Ulrych verächtlich.

»Wie auch anders hätte er handeln sollen, da seine Tochter Adelheid Graf Kronberg versprochen ist?«, fragte Barthel, voll der Häme. »Dieses Versprechen konnte er schließlich nicht rückgängig machen.«

»Vielleicht täte er es, wenn er wüsste, was ihm bevorsteht.«

Barthel winkte ab. »Das glaube ich nicht. Er verliert lieber den Kopf, als seine Prinzipien zu brechen.«

»Und die Köpfe all derer, die ihm beistehen, selbst den seines Sohnes.« Ulrych lachte donnernd. »Meinetwegen, an mir soll es nicht liegen.«

Burg Eckbertstein lag hinter den Gesandten, die ohne große Eile ostwärts ritten. Vor ihnen lag kein weiter Weg, da ihr Ziel nicht das Land Neithard von Morlands war. Natürlich kannte Neithard die getroffene Vereinbarung um Adelheids Hand. Er wusste schon seit längerem, dass Eckberts ältere Tochter vergeben war, doch bedauerte er dies nicht. Weder lag ihm etwas an der jungen Frau noch an einem Bund zur Sicherstellung des Friedens zwischen beiden Häusern. Das Gegenteil war der Fall. Er hatte die Niederlage seines Vaters nicht vergessen. Vergeben hatte er die Schmach schon gar nicht, und das würde auch niemals geschehen. Neithard sann auf Rache, und die Zeit war gekommen, sie mit dem Blut derer von Eckbertstein zu stillen. Die durch seine Boten vorgetragene Bewerbung sollte ihm bloß den offensichtlichen Grund zur Fehde liefern.

»Und nun geht der alte Narr Eckbert davon aus, dass unser Herr erst noch eine Streitmacht aufstellen muss, um gegen ihn zu Felde ziehen zu können«, spekulierte Barthel.

»Je länger er sich und die seinen in Sicherheit wiegt, desto unvorbereiteter wird ihn unser Angriff treffen«, frohlockte Ulrych. »Wenn er begreift, was die Stunde schlägt, wird es bereits zu spät sein.«

Ein starkes Heer lauerte bereits ganz in der Nähe in einem verborgenen Talkessel, aufgerüstet und kampfbereit. Es wartete nur noch auf den Marschbefehl, um von Eckbertstein anzugreifen. Angeführt wurden die Söldnertruppen von keinem Geringerem als dem berüchtigten Heerführer Raos.

 

 

 

ZWEI

 

Das Turnier war in vollem Gange. Kein Lüftchen regte sich über dem Kampfplatz, auf dem die donnernden Pferdehufe Erdreich aufspritzten. Die galoppierenden Vierbeiner zogen Staubschleppen hinter sich her. Zahlreich drängten sich die Zuschauer, die mit Jubel und Beifall Anteil an der Veranstaltung nahmen. Es stimmte, in diesem Jahr waren mehr Besucher zugegen denn je zuvor. Der Eckbertstein war zu einem Magneten geworden, der das Volk anzog. Gemeinsam mit seinen Töchtern Adelheid und Hildegard verfolgte der Burgherr den Turnierverlauf von der großen Tribüne aus.

»Ein glänzendes Turnier«, fand Eckbert Ausdruck für seine Zufriedenheit. Sein besonderes Augenmerk galt dabei seinem Sohn, der von einem Sieg zum nächsten eilte. An Neithard von Morlands Gesandte und den geworfenen Fehdehandschuh verschwendete er in diesen Stunden keinen Gedanken. »Sigurd hat noch keinen Kampf verloren.«

»Aber gegen Junker Bodo hat er keine Chance«, orakelte ein Besucher.

Doch so weit war es noch nicht. Zunächst maßen sich Sigurd und Veit von Vogelberg, der im vorangegangenen Waffengang seinen Freund Mathes von Waldbrunn besiegt hatte. Mit geschlossenen Visieren und gesenkten Lanzen ritten die Kontrahenten aufeinander zu.

Gespannte Stille senkte sich über den Kampfplatz, als nur noch wenige Pferdelängen die beiden Männer voneinander trennten. Sigurd richtete seine Konzentration auf den Zusammenstoß. Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen, weder die Erwartungshaltung seiner Familie noch die Erfahrung seines Gegners, schon gar nicht die Aussicht, in der nächsten Runde auf den Schwarzen Bodo zu treffen. Er sah nur Veit von Vogelberg vor sich, alles andere schob er gedanklich beiseite.

Dann prallten sie aufeinander. Die Lanze des Ritters glitt von Sigurds Schild ab. Sigurd hingegen setzte einen wohlplatzierten Treffer, der Veit aus dem Sattel hob und zu Boden warf. Sofort zügelte der blonde Jüngling sein Pferd, um nach dem unterlegenen Gegner zu sehen. Als er unter Fanfarenstößen absaß, rappelte sich Veit schon wieder auf. Er stieg auf die Füße und nickte anerkennend. Beide setzten ihre Helme ab.

»Das war ein meisterhafter Stoß«, lobte Veit von Vogelberg seinen Bezwinger.

»Vielen Dank.«

Der Ritter lächelte gönnerhaft. »Ihr seid allen überlegen, Junker Sigurd. Euer Triumph über mich beweist das. Nun seht zu, dass Ihr auch den Schwarzen Bodo besiegt.«

»Ich gebe mein Bestes«, versprach Sigurd.

Doch zunächst wurde eine Pause eingelegt, in der sich Ross und Reiter erholen und trinken konnten. Die Sommerwärme lastete drückend auf dem Turnierplatz. Der aufgewirbelte Staub hing fast schwerelos in der Luft. Nur kurz schaute Sigurd zu Vater und Schwestern hinüber, um sich sogleich wieder mit seinem kommenden Gegner zu beschäftigen. Ein zweifelhafter Ruf eilte dem Schwarzen Bodo voraus, und dennoch blieb Sigurd bei seiner Einschätzung, dass es sich bei Bodo um keinen schlechten Menschen handelte. Nun, schon in Kürze würde er wissen, woran er mit ihm war.

Just in diesem Augenblick erscholl neuerlicher Fanfarenklang, und ein Herold kündigte den nächsten Kampf an. Zu beiden Seiten des langen Platzes bezogen die Gegner Aufstellung. Sie bestiegen ihre Pferde, schlossen die Helmvisiere und hoben die Spitzen ihrer Lanzen an. Trommelwirbel setzte ein, der sekundenlang anhielt, bevor er schlagartig wieder abbrach.

Das Zeichen zum Kampfbeginn!

Sigurd trieb sein Pferd an, und gegenüber tat Bodo es ihm gleich. Mit wilder Entschlossenheit stürmten sie aufeinander zu. Bodo war fest davon überzeugt, als Sieger vom Platz zu gehen. Niemals konnte der Jüngling seinen kraftvollen Stoß parieren, so dachte er zumindest. Sigurd meinte, den anderen voller Vorfreude auflachen zu hören. Eine irritierende Vorstellung, sicherlich nur Einbildung. Schon prallten sie aufeinander. Beide Lanzen trafen den Schild des jeweils anderen, doch im Gegensatz zu Bodo gelang es Sigurd, den Schwung des Stoßes abzufedern und sich im Sattel zu halten. Das Pferd des Schwarzen warf die Vorderläufe in die Luft. Sein Wiehern ging im Jubel der Zuschauer unter. Bodo stürzte und überschlug sich, kam jedoch gleich wieder auf die Beine. Er riss sich den Helm vom Kopf und schleuderte ihn davon. Die langen schwarzen Haare fielen ihm über die Schultern. »Du hattest Glück.«

»Glück?«, fragte Sigurd verwundert.

Bodos Miene drückte Geringschätzung aus. »Was denn sonst? Genieße deinen kleinen Triumph, so lange du kannst. Lange wird er nicht anhalten, denn im Ringkampf besiegst du mich nicht.«

»Wie du meinst«, entgegnete Sigurd gelassen. »Legen wir unsere Rüstungen ab.«

Sie entledigten sich ihrer Brustpanzer und der Kettenrüstungen. Sofort griff Bodo an. Wie ein wilder Stier stürmte er auf seinen Gegner zu, doch Sigurd rechnete mit solchem Ungestüm. Er wich dem Angreifer aus, setzte dessen Kraft gegen ihn ein und hob ihn in die Höhe. Für einen Moment war Bodo verwirrt, fing sich aber gleich wieder. Gemeinsam krachten sie zu Boden, und nun erlangte der Schwarzhaarige einen Vorteil. Er drückte Sigurd mit seinem Gewicht nieder und packte seine Kehle.

»Jetzt habe ich dich«, frohlockte er.

Zu früh, denn Sigurd gab sich nicht geschlagen. An Körperkraft war er dem anderen ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Er befreite sich aus der Umklammerung seines Gegners, zog ein Knie an und versetzte Bodo einen platzierten Tritt gegen die Brust, der den Schwarzen zurückwarf.

»Wie gefällt dir das?«

Es gefiel Bodo ganz und gar nicht, sondern versetzte ihn in rasende Wut. Der Schrei, den er ausstieß, ähnelte dem eines verwundeten Tieres. Schnaubend warf er sich auf Sigurd, und auch der Junker griff an. Hart prallten ihre Körper aufeinander. Die meisten Zuschauer hielt es vor Begeisterung nicht länger auf ihren Sitzen. Sie sprangen auf, um die Gegner anzufeuern. Bodos Atem ging rasselnd. Er musste erkennen, dass er dem Jüngling unterlegen war – eine schier unerträgliche Vorstellung. Sigurd packte ihn mit beiden Händen, hob ihn hoch wie eine Spielzeugpuppe und stieß ihn von sich. Hart schlug Bodo auf. Sekundenlang rührte er sich nicht. Während der Jubel der Zuschauer anschwoll, stand Sigurd abwartend da.

»Geht es weiter?«, fragte er.

Bodo schüttelte den Kopf, die Bewegung fiel ihm schwer. Schwerfällig stand er auf, zu keinem weiteren Kampf fähig. »Ich gebe mich geschlagen«, brachte er mit schmerzverzerrter Miene hervor. »Du hast gesiegt.«

»Und du hast tapfer gekämpft. Es ist an der Zeit, dass wir uns vertragen«, schlug Sigurd vor.

 

 

»Niemals.« Bodo senkte die Stimme zu einem bedrohlichen Flüstern. »Du hast mich zum Gespött aller Leute gemacht. Diese Schmach vergesse ich dir nie.«

Zutiefst gekränkt stapfte der Schwarze Bodo davon. Sigurd schaute ihm hinterher, bis er zwischen den Zelten der Turnierteilnehmer verschwand, und ging dann zur Haupttribüne hinüber. Sein Vater empfing ihn mit einem freudigen Lächeln.

»Du hast dich als würdiger Turniersieger erwiesen. Ich bin stolz auf dich, mein Sohn.«

Sigurd bedankte sich. Seine eigene Freude war nicht geringer als die seines Vaters. Bodos verbitterte Worte gingen ihm jedoch nicht aus dem Sinn. Dennoch rechnete er nicht damit, den anderen so schnell wiederzusehen.

 

 

 

DREI

 

Als Sigurd in den Waldsee sprang, ahnte er nicht, dass jemand im Wald lauerte und ihn beobachtete. Bei der Hitze genoss der Junker das kühle Bad, ohne an Ungemach zu denken. Mit kräftigen Schwimmzügen entfernte er sich vom Ufer. Weit hinter dem gegenüberliegenden Ufer erstreckte sich ein Gebirgszug, dessen Gipfel am wolkenlosen, blauen Himmel kratzten. Seit dem für Sigurd so erfolgreich verlaufenen Turnier waren zwei Tage vergangen. An den Schwarzen Bodo verschwendete er keinen Gedanken, doch es war eben jener Bodo, der am Waldrand Vorbereitungen traf, um sich für die erlittene Schmach zu rächen.

Es war Bodo gelungen, das Lager eines Bären aufzuspüren. Das mächtige Tier hockte in einer kleinen Höhle, wo es Schutz vor der sengenden Sonne fand. Bodo begann damit, zu beiden Seiten der Höhle Holz zu schichten, wobei er hin und wieder zum Wasser hinunter schielte. Der ahnungslose Sigurd zog einsam seine Runden im See. Gegen einen ausgewachsenen Bären hatte der Jüngling keine Chance.

Bodo steckte das Holz in Brand. Es dauerte nur Sekunden, bis die knochentrockenen Äste Feuer fingen. Rasch schlugen die Flammen in die Höhe, und der Rauch drang in die Höhle ein. Nicht lange, und die beißenden Wolken würden den Bär ins Freie treiben. Zufrieden betrachtete Bodo sein Werk. Seitlich blieb der Bestie kein Fluchtweg, also würde sie zwangsläufig zum Wasser hinunter fliehen – und dort auf Sigurd treffen. Schon drang wütendes Grollen ins Freie. Bodo suchte Zuflucht auf einem Felsvorsprung, von dem aus er den ganzen See überblicken konnte.

Er brauchte nicht lange zu warten, bis der aufgescheuchte Bär aus seinem Unterschlupf gelaufen kam. Wie erwartet trieb ihn die Panik vor dem Feuer Richtung Seeufer.

Bodo nahm seinen Bogen von der Schulter und zog einen Pfeil aus dem Köcher. Er wollte nichts dem Zufall überlassen.

 

*

Brandgeruch zog übers Wasser und erregte Sigurds Aufmerksamkeit. Als er den Kopf in alle Richtungen drehte, entdeckte er aufsteigenden Rauch. Ein Feuer war ausgebrochen. Unwillkürlich musste er an einen Waldbrand denken. Zwar bildete der See einen natürlichen Wall gegen eine Feuersbrunst. Übers Wasser konnte sie nicht vordringen, aber nach Westen und Osten hin fand sie genug Nahrung, um sich rasch auszubreiten, besonders bei der zurzeit herrschenden Trockenheit.

Eilig schwamm Sigurd ans Ufer zurück, um nach der Ursache des Brandes Ausschau zu halten. Weit kam er nicht. Fauchen und Grollen schlug ihm entgegen und warnte ihn vor einer ganz anderen Bedrohung als dem Feuer. Zwischen den Bäumen tauchte ein grauer Bär auf, das gefährlichste der in dieser Gegend heimischen Raubtiere. Sigurd glaubte drei Brandherde zu erkennen, angeordnet zwischen Felsgestein, wo nicht die Gefahr bestand, dass die Flammen auf die umliegenden Bäume übergriffen.

Die Feuerstellen sind angelegt geworden, begriff Sigurd, um den Bären zu reizen.

Doch von wem? Und mit welcher Absicht?

Jedenfalls raste die Bestie vor Zorn. Sigurd befand sich genau zwischen ihr und dem rettenden Wasser. Es war zu spät, um umzukehren und den Weg freizugeben, denn der graue Riese war schon heran. Als er sich auf die Hinterbeine aufrichtete, überragte er Sigurd um Haupteslänge. Dem blonden Jüngling stand ein Kampf auf Leben und Tod bevor, dem er nicht mehr entgehen konnte. Dabei war er fast unbewaffnet. Er trug lediglich ein Messer zu seiner Verteidigung bei sich. Er riss die Klinge aus der Scheide.

»Wo bleibt deine Stärke?«, drang ein Ruf von den Felsen herab. »Jetzt hilft sie dir nicht mehr. Dies wird dein Ende sein.«

Diese Stimme. Sie kam Sigurd bekannt vor.

Ihm blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, denn die mächtigen Bärentatzen schlugen nach ihm. Es gelang ihm gerade noch, den Pranken auszuweichen, indem er sich zur Seite warf. Der fauchende Riese ließ sich auf alle Viere nieder. Er war groß und schwer und stark. Wenn es ihm gelang, Sigurd zu packen, war es um diesen geschehen. Mit hämmerndem Herzschlag huschte der Blondschopf zwischen den Bäumen hindurch. Eine Flucht war ausgeschlossen, dem aufgehetzten Raubtier konnte er nicht entkommen. Dazu war es einfach zu schnell. Es musste ihm gelingen, in den Rücken der Bestie zu kommen und sie mit dem Messer zu erwischen, bevor sie ihn erwischte.

Sigurd wartete den nächsten Angriff des Bären ab, schweißgebadet und mit feuchten Handflächen. Das Blut pochte zwischen seinen Schläfen, doch er vermied es, in Panik zu verfallen. Eine einzige falsche Bewegung würde sein Ende bedeuten. Als der Bär sich für eine Richtung entschied, um an dem sie trennenden Baum vorbeizukommen, schwang sich Sigurd an der anderen Seite um den Stamm herum. Endlich befand er sich im Rücken des Raubtiers. Er stieß der Bestie die Klinge in den Nacken und riss sie gleich wieder heraus. Der Bär brüllte vor Zorn und Schmerzen. Wieder richtete er sich zu ganzer Größe auf. Er fuhr herum und eröffnete Sigurd damit die Möglichkeit, ihm die Klinge ins Herz zu treiben. Das Brüllen ging in ein gequältes Röcheln über.

Mit großen Schritten zog sich Sigurd zurück. Er wartete ab, bis der Riese zu Boden sank und starb. Erst danach näherte er sich dem Kadaver, um sein Messer an sich zu nehmen. Er wischte das Blut ab und versenkte die Klinge in der Scheide. Endlich erhielt er Gelegenheit, nach den Feuerstellen zu sehen. Kein Zweifel, jemand hatte die Feuer entfacht und dabei darauf geachtet, dass es nicht zu einem Waldbrand führen konnte.

Die vertraut klingende Stimme drängte sich zurück ins Sigurds Gedanken. Er zuckte zusammen, als neben ihm ein Pfeil in den Baumstamm schlug. Gedankenschnell duckte er sich hinter den Stamm. Er erkannte den Pfeil.

Einer von Bodos Pfeilen.

Sigurd spähte hinter dem Baum hervor. Tatsächlich, auf einem Felsvorsprung stand sein Turniergegner. Plötzlich begriff Sigurd. Bodo hatte das Feuer gelegt, um den Bären auf ihn zu hetzen. Ein raffinierter Plan, der um ein Haar aufgegangen wäre. Sigurd trat aus der Deckung, da der andere keine Anstalten machte, einen weiteren Pfeil zu schießen.

»Du Verblendeter!«, rief er Bodo entgegen, wobei er auf ihn zulief. »Treibt dich dein Hass so weit, mich aus dem Hinterhalt ermorden zu wollen?«

»Ich werde dich mit meinem Schwert töten«, drohte Bodo und zog blank. »Mit deinem Dolch magst du einen Bären erlegen, doch gegen mich kommst du damit nicht an.«

Das stimmte. Sich mit einem Messer gegen ein Schwert behaupten zu wollen, war ein aussichtsloses Unterfangen. Nur schnelles Handeln konnte Sigurd retten. Wortlos sprang er Bodo an, der mit einer solchen Attacke nicht rechnete. Bevor der Schwarze zum Streich ansetzen konnte, flog ihm das Schwert aus der Hand. Ineinander verkrallt, rollten die beiden Männer über den Boden.

»Was nützt dir deine Klinge nun, du Verblendeter?«, schimpfte Sigurd.

Bodo antwortete nicht. Er zog die Flucht vor. Er sprang auf die Beine und rannte davon. Anscheinend kannte er sich in dieser Gegend nicht aus, denn er lief genau auf eine Schlucht zu, die den Wald durchschnitt wie eine tiefe Schwertwunde. Ein gefährlicher Strom floss an ihrem Grund.

»Bleib stehen!«, rief Sigurd hinter dem Fliehenden her.

Vergeblich, Bodo hörte nicht. Zorn und Angst mussten ihm die Sinne verwirrt haben. Nicht einen Moment dachte Sigurd daran, ihn seinem Schicksal zu überlassen. Noch immer glaubte er, dass ein guter Kern in dem anderen steckte. Da das Feuer kein Unheil anrichten konnte, machte Sigurd sich an Bodos Verfolgung.

 

*

Das Tosen des Stroms drang aus der Schlucht herauf. Er rauschte mit großer Geschwindigkeit zwischen den eng beieinanderstehenden Felswänden hindurch. Bodo achtete nicht auf einen großen Strudel ein Stück flussabwärts. Sein Blick war auf einen umgestürzten Baum gerichtet, der als natürliche Brücke die Schlucht überspannte. Er war sicher, dass Sigurd ihm nicht folgen würde, wenn es ihm gelang, die andere Seite zu erreichen, und er hegte keinen Zweifel daran, dieses Kunststück fertigzubringen.