Nick 8: Spurlos verschwunden - Achim Mehnert - ebook

Nick 8: Spurlos verschwunden ebook

Achim Mehnert

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Opis

Diese werkgetreue Umsetzung als Roman umfasst den Inhalt des achten Abenteuers aus den Piccolo-Comicheften 93-119 von Hansrudi Wäscher. - Am Rand der Milchstraße stößt Nick auf die Hinterlassenschaften einer untergegangenen Zivilisation. Geheimnisvolle Artefakte aus der Vergangenheit, riesige Teleportationsbögen, stellen die Raumfahrer vor eins der größten Geheimnisse, denen sie jemals begegnet sind. Als "Sohn des Himmels" schwingt sich der Tierfänger Jack Hunter zum Beherrscher einer ganzen Welt auf und geht dabei buchstäblich über Leichen. Während Nick das Rätsel der Teleportationsbögen zu lösen versucht, entscheidet sich Jack Hunters Schicksal.

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Originalausgabe November 2017

Charakter und Zeichnung: Nick © Hansrudi Wäscher / becker-illustrators

Text © Achim Mehnert

Copyright © 2017 der eBook-Ausgabe Verlag Peter Hopf, Petershagen

 

Lektorat: Thomas Knip

Umschlaggestaltung: etageeins, Jörg Jaroschewitz

E-Book-Konvertierung: Thomas Knip | Die Autoren-Manufaktur

 

ISBN ePub 978-3-86305-258-4

 

www.verlag-peter-hopf.de

 

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Hansrudi Wäscher wird vertreten von Becker-Illustrators,

Eduardstraße 48, 20257 Hamburg

www.hansrudi-waescher.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

 

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg, sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erfolgen.

 

 

Inhalt

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

 

 

ACHIM MEHNERT

Spurlos verschwunden

 

Nick Band 8

 

 

 

EINS

 

Das Sternenschiff bewegte sich mit geringer Geschwindigkeit durch den interplanetaren Leerraum. Der vierte Planet des Systems mit der kleinen gelben Sonne lag hinter den Raumfahrern, der dritte vor ihnen, auch er in der habitablen Zone. Unter den flinken Fingern des Radartechnikers Hert Braxler entfalteten die Instrumente Aktivität. Sie maßen die aus dem All grün und bräunlich aussehende Welt sorgfältig durch, und die Wissenschaftler stürzten sich wissbegierig auf die eintreffenden Daten.

»Da unten gibt es reiche Erzvorkommen, Nick«, stellte der Geologe James Simpson fest.

Das war eine ausgezeichnete Neuigkeit. Der Kommandant nickte bedächtig. »Wenn sich die Lebensbedingungen als günstig erweisen, landen wir.«

»Bist du sicher, dass du dich auf dem Planeten umsehen willst?«, fragte Xutl. Der grünhäutige Marsianer drehte den Kopf und fasste Nicks eingegipsten Arm ins Auge.

»Mein gebrochener Arm stört mich nicht«, behauptete der Weltraumfahrer. »Und zum Erforschen ist eine Welt so gut wie jede andere. Warum also sollten wir diese dort nicht untersuchen, wenn sie uns gewissermaßen auf einem Silbertablett präsentiert wird?«

»Weil Xutl davon ausgeht, dass du von diesem Sonnensystem die Nase voll hast«, warf Tom Brucks ein. »Und ich sehe das ähnlich.«

Nick hob eine Braue. »Darf ich erfahren, wieso?«

»Weil das System uns kein Glück gebracht hat.« Tom senkte die Stimme. »Denk nur an das intelligente Ameisenvolk, das wegen unseres Besuchs nicht mehr existiert. Wir kamen mit den besten Absichten – und was ist passiert? Eine Katastrophe! Wir tragen zwar keine Schuld am Untergang dieses Volkes, dennoch waren wir daran beteiligt.«

Nick verstand die Bedenken seines Freundes. Dem Biologen war jedes Leben heilig. Dass eine ganze Zivilisation ausgelöscht worden war, selbst eine so aggressive und feindlich gesinnte wie die der Ameisen, traf Tom tief. Doch so traurig das Geschehene war, in ihrer Verblendung hatten die Ameisen ihren Untergang selbst heraufbeschworen.

»Du bist wie Tom gegen eine Landung, Xutl?«, wollte Nick wissen.

Der Marsianer zuckte mit den Achseln. »Das habe ich nicht gesagt. Ein Sonnensystem hier draußen ist so gut wie Millionen andere. Ich gebe nur zu bedenken, dass wir uns im Randbereich der Milchstraße befinden. All die Entdeckungen, auf die du so scharf bist, laufen uns nicht weg. Vielleicht wäre es klüger, zunächst nach einem Heimweg zu suchen.«

Nick lächelte. »Vielleicht. Ja, mag sein. Doch trotz der ungeheuren Entfernung zur Erde kennen wie die Richtung. Auch sie läuft uns nicht weg. Warum also nicht unser Glück versuchen? Nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit wird es Zeit, dass unsere Forschungsmission endlich einen positiven Verlauf nimmt. Wir hätten es uns verdient. Denkt außerdem an die zerstörten Landestützen.«

Das Glück war ihnen wirklich nicht hold gewesen seit ihrem Notsprung, der sie zwar vor der Vernichtung durch die Gluthölle Proxima Centauri bewahrt, sie aber in den intergalaktischen Leerraum außerhalb der Milchstraße geschleudert hatte. Zwei Sonnensysteme im Randbereich der Galaxis hatten sie danach angeflogen, und beide Male hatten sie Federn lassen müssen. Oder Landestützen. Zunächst auf der Welt der Metallfresser, dann bei dem intelligenten Ameisenvolk, das die Besucher mit einer Atombombe hatte aus dem Universum fegen wollen. Das Sternenschiff konnte nicht mehr aufsetzen, ohne umzukippen. Die Stützen mussten schnellstens repariert werden. Nick selbst hatte einen gebrochenen linken Arm davongetragen. Der Gips schränkte den Weltraumfahrer bei fast allen Tätigkeiten ein.

»Ich würde mich deiner Zuversicht gern anschließen«, sagte Xutl, während er eine weitere minimale Kurskorrektur vornahm. Das Sternenschiff flog jetzt geradewegs auf den dritten Planeten zu. »Aber ich bleibe lieber skeptisch, das erspart mir weitere Enttäuschungen.«

»Vielleicht finden wir da unten Uran. Unsere Energiereserven könnten eine Auffrischung vertragen«, sprach der leitende Techniker Ricardo einen wichtigen Punkt an.

Ein weiteres gutes Argument für eine Landung, stimmte Nick dem Mann zu. »Bring uns in eine Kreisbahn, Xutl.«

Der Marsianer griff auf die Steuerung zu. Inzwischen stand der dritte Planet groß im Zentrum des Bildschirms. Das Sternenschiff bremste ab und schwenkte in den Orbit ein.

 

*

Frederic Wohler kam aus dem physikalischen Labor in die Zentrale geeilt. »Die Spektralanalyse des dritten Planeten ist abgeschlossen«, verkündete der Optikspezialist.

»Heraus mit der Sprache, Doktor!«, forderte Nick den kräftigen Zweimetermann auf. »Wie sieht die Atmosphärezusammensetzung aus?«

»Ausgesprochen erdähnlich.« Wohler schwenkte einen Zettel, der mit Datenkolonnen übersät war. »Das Verhältnis von Sauerstoff und Stickstoff ist ideal für Menschen. Die Spuren von Edelgasen bewegen sich im akzeptablen Rahmen. Meine Herren, die Atmosphäre ist für uns bedenkenlos atembar.«

»Ausgezeichnet.« Der Weltraumfahrer nickte zufrieden, doch trotz der guten Nachrichten und seiner Entschlossenheit zur Landung vermied er übereilte Schritte. »Wir gehen noch vorsichtiger vor als beim letzten Mal. Wir schleusen zunächst unsere Kameraroboter aus, um sicherzugehen, dass diese Welt kein intelligentes Leben trägt. Außerdem warten wir die Ergebnisse des biologischen Labors ab.«

»Eine kluge Maßnahme«, pflichtete Tom seinem Freund bei.

Nick erließ den Befehl an Techniker Ricardo, der sich daraufhin umgehend an die Programmierung der mit Kameras bestückten Maschinen machte. Wenig später fielen die fußballgroßen Roboter aus der unteren Polschleuse. Sie rasten durch die Atmosphäre und der Planetenoberfläche entgegen.

 

*

Die Kameraroboter schwärmten aus.

Schon lieferten sie erste Aufnahmen, die direkt auf einen Monitor des Sternenschiffs übertragen wurden. Der Planet bot zwei verschiedene Gesichter. Manche Gebiete erstreckten sich trostlos und karg, geprägt durch unbelaubte Hügel und flache Felsformationen, durch Sand und Gestein. Dem gegenüber standen grüne Landstriche mit Wiesen und Wäldern. Das zerrissene Antlitz bewirkte, dass der dritte Planet aus dem Weltraum grün und braun aussah. Zwischen all dem dehnten sich zwei große Ozeane und zahlreiche Seen aus, die die Landmassen mit blauen Sprenkeln überzogen.

Bald entdeckten die Roboter Tiere, irdischen Sauriern der Urzeit ähnelnde Riesen. Sie weideten auf den Wiesen und taten sich an Buschwerk und Baumkronen gütlich.

»Es sind Pflanzenfresser.« Tom nestelte interessiert an seiner Brille. »Von denen haben wir nichts zu befürchten.«

»Geht deine Wissbegier als Botaniker mit dir durch?«, fragte Nick. »Unsere primäre Aufgabe besteht darin, das Schiff zu reparieren und unsere Treibstoffvorräte zu ergänzen.«

»Sag das mal unseren beiden Gästen.«

Die Tierfänger Jane Lee und Jack Hunter hielten sich nicht in der Zentrale auf. Beiden ging es darum, exotische Tierarten von fremden Planeten zur Erde zu bringen, um sie dort in einem Zoo zu präsentieren. Dass Hunter nicht vor Gewalt zurückschreckte, um sein Ziel vor seiner Konkurrentin zu erreichen, hatte er bereits auf der Erde unter Beweis gestellt.

»Jane und Jack müssen sich ebenso gedulden wie du, Tom«, vertröstete Nick seinen Freund. »Aber keine Sorge. Die Reparatur wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Das bedeutet, dass wir so schnell nicht wieder losfliegen. Du wirst Gelegenheit erhalten, die Tierwelt und besonders die hiesige Flora zu untersuchen.«

»Fein. Ich bereite …« Der Biologe stutzte mitten im Satz. »Was erheben sich da vorn für Strukturen? Sind das Bauwerke?«

Die Raumfahrer drängten sich vor dem Bildschirm, als sich Toms Eindruck bestätigte. Ein Kameraroboter übermittelte Aufnahmen von flachen Gebäuden.

»Eine Stadt!«, entfuhr es dem Archäologen Brown, dem auch der Ruf anhaftete, das reinste Sprachgenie zu sein. »Wo es eine Stadt gibt, da gibt es auch Menschen. Beziehungsweise andere intelligente Lebewesen.«

Der Roboter flog direkt auf die Steinbauten zu, die kreisförmig angelegt waren. Es war unübersehbar, wie beachtlich die Ausdehnung der Stadt war. Die Kamera enthüllte nun Einzelheiten der überwiegend einstöckigen Häuser, die längst verlassen waren. Nirgendwo regten sich Lebenszeichen.

»Eine Ruinenlandschaft«, stellte Nick fest.

Umso mehr löste die Entdeckung Überraschung bei den Wissenschaftlern aus. Vor ihnen lagen die Überreste einer versunkenen Kultur. Da sie davon ausgingen, dass die Letzten jener Unbekannten schon vor langer Zeit vom Antlitz dieser Welt verschwunden waren, bestand nicht die Gefahr eines feindselig verlaufenden Zusammentreffens, wie sie es auf dem Nachbarplaneten erlebt hatten. Über die Ruinen freuten sich die Archäologen noch mehr als über die Begegnung mit lebenden Angehörigen einer fremden Zivilisation. Bei den steinernen Hinterlassenschaften fühlten sie sich voll und ganz in ihrem Element.

Doktor Brown bedrängte seinen Kommandanten, in der Nähe der Ruinenstadt niederzugehen. »Wer weiß, was für Geheimnisse auf uns warten. Ich kann es kaum erwarten, die Häuser zu betreten.«

Nick zögerte, den Befehl zur Landung zu erteilen. Er wartete auf mögliche Entdeckungen der anderen Kameraroboter. Tatsächlich spürten sie ein paar kleine Tierarten auf, unter denen jedoch keine Raubtiere waren. Intelligente Lebewesen gab es auf dem ganzen Planeten keine. Die unbekannten Erbauer der Stadt existierten längst nicht mehr. Das bewiesen über den ganzen Planeten verstreute Ruinenstädte. Keine von ihnen barg Leben. Während Nick noch um eine Entscheidung rang, meldete sich Helen Snider aus dem Labor.

»Wir haben unsere Analysen abgeschlossen«, eröffnete die Chemikerin. »Wir haben weder Bakterien noch Viren festgestellt, auch keine sonstigen Schadstoffe, die einem Menschen gefährlich werden können.«

Das gab den Ausschlag. »Bring uns runter, Xutl«, entschied Nick.

Der Marsianer bestätigte und leitete den Landeanflug ein – ohne die Landestützen ein waghalsiges Manöver. Mit all seiner Routine gelang es ihm in dem unebenen Gelände dennoch, das Sternenschiff auf der unteren Polkuppel aufzusetzen. Ein leichter Ruck ging durch die Schiffszelle, dann lag der Kugelraumer in stabiler Position. Als Xutl den Antrieb ausschaltete, überschlugen sich die Archäologen förmlich, endlich ins Freie zu gelangen.

 

*

Vier Raumsoldaten begleiteten die Wissenschaftler, die sich sogleich vom Zauber der untergegangenen Kultur gefangen nehmen ließen. Namensschilder auf den Kombis wiesen die Bewaffneten als Tim McCoy, Harry Leik, Jeff Johnson und Doug Cooper aus.

Südlich der Stadt erhoben sich Vulkankegel. Rauch stieg dem wolkenlosen Himmel entgegen, der in ein paar hundert Metern Höhe vom Wind davongetragen wurde. Im Westen funkelte ein See im Sonnenlicht. Für einen Moment schaute Brown zu dem Vulkan hinüber, der dem Schiff am nächsten lag. Die graue Rauchfahne machte keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck. Der Wissenschaftler wandte sich von dem Bergkegel ab und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Stadt.

»Das müssen einst prachtvolle Bauten gewesen sein«, geriet er angesichts der Trümmerlandschaft ins Schwärmen. »Wenn auch vor langer Zeit.«

Jetzt gab es nur noch Ruinen in verschiedenen Stadien des Erhalts. Sand hatte sich am Fuß der steinernen Häuser angesammelt. Der Wind pfiff durch Öffnungen und in den schmalen Gassen. Schwere, aufrecht stehende Säulen erinnerten die Archäologen an antike ägyptische Architektur.

»Sehen Sie sich die Vulkane an.« Doktor Wimbley deutete in die Ferne. Auch ihm waren die rauchenden Schlote nicht geheuer. »Sie können jederzeit ausbrechen. Ich bin sicher, das ist in der Vergangenheit schon oft geschehen. Möglicherweise sind sie der Grund für den Untergang des Volkes, das einst hier lebte.«

»Das glaube ich nicht«, widersprach Brown halbherzig. »In der Nähe der anderen von den Robotern entdeckten Ruinenstädte gibt es keine Vulkane. Etwas anderes könnte das Verschwinden dieser Zivilisation ausgelöst haben. Untersuchen wir die Ruinen. Vielleicht finden wir in den Trümmern Hinweise.«

Gerade als die Raumfahrer losgehen wollten, gellte ein markerschütternder Schrei auf. Er klang, wie von einem Menschen ausgestoßen.

 

*

Die drei Freunde verweilten in der Zentrale und beobachteten das Vorrücken der ausgestiegenen Männer. Nick taxierte die Ruinen. Er bedauerte, nicht selbst an der Expedition teilnehmen zu können. Jeder Planet, den sie betraten, bedeutete eine neue Herausforderung. Jede neue Welt, die sie entdeckten, verhieß ungeahnte Möglichkeiten für die Menschheit.

»Zu blöd«, murmelte Nick. »Der Gips ist wirklich zu hinderlich.«

»Eine Woche noch, dann bist du ihn los, sagt der Doc. Statt dich zu beschweren, solltest du froh sein, dass wir alle so glimpflich davongekommen sind«, erinnerte Tom den Kommandanten.

Nick sah den leisen Vorwurf durchaus ein. »Stimmt leider. Noch ein paar Tage mehr auf dem Ameisenplaneten, und wir hätten unsere Krankenstation erweitern müssen. Wie geht es eigentlich Ted?« Der Raumsoldat Theodore Storm hatte sich bei den Auseinandersetzungen auf dem vierten Planeten Verbrennungen an der Wade zugezogen und ein paar Granatsplitter abbekommen.

»Ted ist zäh. Seine Wunden heilen schnell. Er kann schon wieder aufstehen und humpelt im Zimmer umher.«

»Und was macht Jack nach dem Eidechsenbiss?«

»Er leistet Ted beim Humpeln Gesellschaft.« Tom grinste breit. »Nein, ernsthaft, unser spezieller Freund ist schon wieder auf dem Damm. Es geht ihm gut. Für meinen Geschmack ein bisschen zu gut. Ich fürchte, es wird nicht lange dauern, bis ihm etwas Neues einfällt, womit er uns auf die Nerven gehen kann.«

»Er hat versprochen, sich keine Extratouren mehr zu erlauben«, sagte Nick. »Hoffen wir, dass er sein Wort hält.«

»Unsere Leute haben die Ruinen erreicht«, warf Xutl ein.

Nick richtete seine Aufmerksamkeit auf den Bildschirm. Die Männer waren unbedrängt bis zum Rand der Stadt vorgedrungen. Etwas abseits weidete ein Saurier. Er schien die Menschen gar nicht bemerkt zu haben, und wenn doch, so kümmerte er sich nicht um sie.

»Hm«, machte Xutl. »Das ist merkwürdig. Das Feld links vor den ersten Ruinen war eben noch vollkommen kahl. Jetzt wachsen dort knallrote Pflanzen.«

Tom winkte ab. »Du musst dich irren. Dem Aussehen nach handelt es sich um eine Agavenart. Solche Pflanzen wachsen nicht von einem Moment auf den nächsten. Sicher hast du sie eben nur übersehen.«

»Habe ich nicht.« Xutl kniff die Augen zusammen. »Sie waren eben noch nicht da. Da bin ich ganz sicher.«

»Bring unseren Botaniker nicht durcheinander«, scherzte Nick.

Der Marsianer ließ sich nicht beirren. »Seht euch die Steinsäule an. Jetzt thront auch dort oben eine Agave, ganz wie aus heiterem Himmel.«

»Xutl hat recht«, räumte Tom verwundert ein. »Das verstehe ich nicht. Keine Pflanze kann sich so schnell entwickeln. Nun ja, zumindest auf der Erde nicht. Aber vielleicht besitzt die hiesige Flora Wachstumsfähigkeiten, die unseren Kenntnisstand übersteigen.«

Plötzlich kam Bewegung in die Agave. Sie schnellte von der Spitze der Säule und umklammerte mit ihren Blättern den Hals des Sauriers, der sich ihr beim Grasen genähert hatte. Der grüne Riese schüttelte wie von Sinnen den Kopf, doch es gelang ihm nicht, den Angreifer loszuwerden.

»Die Agaven sind wurzellose fleischfressende Pflanzen«, staunte Tom.

»Und sie schrecken nicht vor großer Beute zurück. Unsere Leute haben keine Ahnung von der drohenden Gefahr. Wir müssen sie warnen.« Nick reagierte gedankenschnell. Seine Hand hieb auf den Schalter für die Funkverbindung. Bevor er eine Warnung durchgeben konnte, vernahm er einen Schrei.

»Sie werden angegriffen.« Xutl wirbelte herum, um die Zentrale zu verlassen. »Ich nehme zwei Männer mit schweren Strahlern mit und kümmere mich darum.«

 

*

»Der Schrei hörte sich menschlich an«, überlegte Wimbley laut.

»Es muss eine Täuschung gewesen sein.« Brown nestelte verunsichert an seiner Brille. »Die Kameraroboter haben den Planeten gründlich untersucht. Menschliche oder andere intelligente Wesen wären ihnen nicht entgangen.«

»Stimmt. Dennoch haben wir alle den Schrei gehört.«

Und er ertönte abermals, als die Raumsoldaten noch ihre Zustimmung bekundeten. Wieder klang er beinahe menschlich, doch zugleich auch fremdartig. Diesmal ließ sich die Herkunft bestimmen. Brown deutete in Richtung des Sees.

»Sehen wir nach.« Entschlossen stapfte der Archäologe los.

Die Raumsoldaten folgten ihm eilig, alldieweil Wimbley ein wenig zurückfiel. Sie zogen ihre Strahler und flankierten Brown zu beiden Seiten. Weit brauchten sie nicht zu gehen, um Aufklärung zu erhalten. Ein Saurier streckte seinen Kopf aus dem Wasser und äste am Blattwerk ufernaher Büsche. Als er die Männer heranlaufen sah, stieß er ein weiteres Mal seinen inzwischen bekannten Schrei aus, bevor er sich in dem Gewässer umdrehte, um sich zu zwei Artgenossen am anderen Seeufer zu begeben.

»Damit ist das Rätsel gelöst«, stellte Brown fest. »Diese Tiere klingen fast menschlich. Wirklich interessant.«

»Seltsam ist jedoch, dass er das Weite sucht.« Wimbley hatte die Gruppe inzwischen eingeholt. »Tiere, die noch nie mit Menschen in Berührung kamen, fliehen in der Regel nicht.«

»Vielleicht ist die Furcht vor den früheren Stadtbewohnern noch in der Erinnerung dieser Art verankert«, spekulierte Brown.

Wimbley pflichtete seinem Kollegen bei. »Das könnte die Erklärung sein. Sicher sind die Vorfahren dieser Tiere einst Jagdwild gewesen. Das ist eine Sache für Tom Brucks. Begeben wir uns lieber an die Untersuchung der Ruinen.«

Brown kam nicht zu einer Antwort. Aus dem Augenwinkel erhaschte er ein Huschen. Als er den Kopf zur Seite drehte, gewahrte er eine knallrote, etwa mannshohe, agavenähnliche Pflanze, die ihm zuvor nicht aufgefallen war. Während er sich noch darüber wunderte, dass nichts in der Nähe war, das sich hätte bewegen können, entfaltete das Gewächs ein unerwartetes Eigenleben. Brown erkannte kaum, auf welche Weise es sich näherte, doch es war schnell, sehr schnell sogar. Ehe die Soldaten reagieren konnten, erreichte die Pflanze Wimbley und hob ihn in die Luft. Unversehens gebärdeten sich die roten Blätter wie Tentakeln. Blitzschnell rollten sie den Wissenschaftler ein. Wimbley zappelte und schrie, doch gegen die unheimliche Pflanze kam er nicht an.

»Sie versucht, ihn in ihr Inneres zu ziehen«, erkannte Raumsoldat Harry Leik.

Brown begriff schlagartig. »Das ist eine fleischfressende Pflanze! Wir müssen sie aufhalten, bevor sie Wimbley verschlingt.«

Die Soldaten hatten ihre Strahler bereits erhoben und nahmen die gefräßige Agave ins Visier, doch sie wagten nicht zu schießen. Zu groß war die Gefahr, den Wissenschaftler zu treffen. Er stemmte sich mit aller Kraft gegen die in Aufruhr geratenen Blätter und verschaffte sich ein wenig Bewegungsspielraum.

»Ich muss es versuchen.« Tim McCoy schluckte krampfhaft. »Sonst ist er verloren.«

Brown stockte der Atem. Er stand stocksteif da, zu keiner Antwort fähig. Aus aufgerissenen Augen verfolgte er den Kampf seines Kollegen gegen dessen bizarren Gegner. Ein Energiestrahl zischte durch Browns Blickfeld. Er begriff, dass McCoy den Auslöser seiner Waffe betätigt hatte. Der Strahl fraß sich in den zentralen Strunk der Agave und riss sie regelrecht in Stücke.

Wimbley, unversehens frei, stürzte zu Boden. Brown eilte hinzu, um seinem Kollegen auf die Beine zu helfen.

»Sind Sie verletzt?«

Wimbley kam umständlich in die Höhe. Er reckte und streckte sich. »Nein, ich glaube nicht. Das ging gerade noch einmal gut. Wer hätte gedacht, dass die Flora dieser Welt so angriffslustig ist? Eine fleischfressende Pflanze, nicht wahr?«

»Ja, vermutlich«, ächzte Brown. »Ganz sicher bin ich mir jedoch nicht. Vielleicht handelt es sich um Tiere, die wie Pflanzen aussehen.«

»Wie auch immer, meine Herren«, riss McCoy die Wissenschaftler aus ihrem Zwiegespräch. »Jedenfalls kommen da drüben Dutzende dieser Dinger. Wir müssen hier weg.«

»Zurück zum Raumschiff!«, keuchte Wimbley.

»Zu spät.« McCoy sah sich um. Seine Kameraden zielten auf den roten Blätterwald, der sich ihnen näherte. »Sie haben uns den Weg zum Schiff abgeschnitten. Uns bleibt nur eine Fluchtmöglichkeit. In das Gebäude hinter uns. Beeilung, meine Herren!«

Die Wissenschaftler rannten los, die Raumsoldaten deckten sie. Obwohl die Pflanzen aufholten, erreichten die Raumfahrer den Eingang. Sie zogen sich in das steinerne Portal zurück, und die Soldaten eröffneten das Feuer. Zu Dutzenden verbrannten die Agaven in der von den Strahlern ausgelösten Flammenhölle. Doch schon näherten sich weitere Pflanzen. Auf die vermeintliche Beute aufmerksam geworden, bezogen sie in einigem Abstand Stellung, hungrig abwartend.

»Sie kommen nicht näher.« McCoy ließ seine Waffe sinken. »Einstweilen sind wir also nicht in Gefahr. Andererseits können wir nicht hinaus, ohne zu riskieren, von zwei Seiten angegriffen zu werden. Eine Patt-Situation, aber kein Grund zur Besorgnis. Sicher haben sie im Schiff mitbekommen, was geschieht. Verstärkung wird also in Kürze eintreffen.«

»Wir dringen trotzdem tiefer ins Gebäude vor und suchen nach einem anderen Ausgang«, entschied Brown nach kurzem Überlegen. »Zwei Mann genügen, um die Pflanzen zurückzuschlagen, falls sie es sich anders überlegen sollten.«

»Tim und ich bleiben hier«, sagte Harry Leik.

Die Archäologen, Johnson und Cooper stiefelten in der Hoffnung los, einen zweiten Ausgang aus der Falle zu finden.

 

*

»Unsere Leute verschanzen sich in dem Gebäude dort drüben.« Xutl trieb die beiden Raumsoldaten Brad Miller und Chris Konig an, die wie er selbst schwere Energiegewehre bei sich trugen. »Sie werden von Hunderten dieser Pflanzen angegriffen. Die Gewächse rotten sich regelrecht zusammen.«

Strahlenfeuer schlug aus dem Eingang des Bauwerks, dessen Abmessungen Xutl nicht überschauen konnte. Zu Dutzenden gingen die Agaven in Flammen auf. Knisternd verbrannten sie zu Asche. Als noch zweihundert Meter die Verstärkung von dem roten Pflanzenwald trennten, unterbrachen die Agaven ihren Aufmarsch. Gleich darauf endete der Beschuss von der anderen Seite.

»Und nun, Xutl?«, fragte Miller.

»Weiter!«, drängte der Marsianer. »Wir müssen zu unseren Leuten durchbrechen. Hoffen wir, dass die fleischfressenden Pflanzen keinen von ihnen erwischt haben.«

Mit grimmiger Entschlossenheit stapften die drei Männer weiter. Mit kurzen gezielten Feuerstößen rückten sie dem Dickicht mannshoher Gewächse zu Leibe. Die Strahlenbahnen hielten reiche Ernte. Sie mähten nieder und verbrannten, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte. Ein Ascheregen rieselte zu Boden, dessen Flocken unter den Stiefeln der Raumfahrer zu Nichts zerfielen.

Endlich war der Weg frei. Xutl stürmte los und tauchte ins Halbdunkel des Eingangs ein. Er stieß auf Tim McCoy und Harry Leik.

»Wo sind die Wissenschaftler?«, verlangte er zu wissen.

»Sie sind in die Ruine vorgedrungen«, antwortete Leik. »Jeff und Doug sind zu ihrem Schutz mitgegangen.«

Xutl atmete auf. Sie hatten also keinen Mann verloren. Er wies die Soldaten an, am Eingang zu warten und die Umgebung zu überwachen. Sollten weitere Agaven herbeiströmen, mussten sie vernichtet werden. Der Marsianer vertraute sich dem vor ihm liegenden Gang an und machte sich auf die Suche nach den Wissenschaftlern.

 

 

 

ZWEI

 

Steinerne Treppenstufen führten aus der verfallenen Halle in die Tiefe. Das Knirschen hereingewehten Sandes unter den Füßen begleitete die Archäologen und ihre Begleiter. Alle anderen Geräusche blieben hinter ihnen zurück. Das galt auch für das Licht, das kaum noch in die Tiefe drang. Vorsichtig setzten die Männer einen Fuß vor den anderen, bis sich ihre Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten. Doch es dauerte nicht lange, bis Brown eine Veränderung bemerkte.

 

 

»Da unten ist es hell«, stellte er verwundert fest. Er legte den Kopf in den Nacken und beäugte die hoch über ihnen schwebende Decke. »Hoffentlich fällt uns die Ruine nicht auf den Kopf.«

»Das glaube ich nicht. Das Mauerwerk ist zu gut erhalten«, beruhigte ihn Wimbley. »Die Zerstörungen draußen sind wahrscheinlich durch Erdbeben verursacht worden, aber hier scheint die Baustruktur keine Schäden davongetragen zu haben.«

»Was nicht ist, kann ja noch kommen.« Brown winkte ab. Besser nicht dran denken! »Da vorn endet die Treppe.«

Dann standen die Raumfahrer in einem riesigen Innenhof, der von monumentalen Bauwerken eingerahmt wurde. Die ausnahmslos gut erhaltenen Gebäude erinnerten an altägyptische Architektur. Die Archäologen kamen aus dem Staunen nicht heraus. Unwillkürlich blieben sie stehen, um den Anblick auf sich wirken zu lassen.

»Man kommt sich vor wie an einer alten Ausgrabungsstätte auf der Erde«, raunte Brown ergriffen. »Das da drüben scheint ein Tempel zu sein.«

Jenseits des lichtdurchfluteten Hofs führte eine breite Freitreppe fünf Meter hinauf zu einem weiträumigen Absatz, an den sich der Eingang in den vermeintlichen Tempel anschloss. Die Männer stiegen die Stufen hinauf. Fresken zierten den in Kopfhöhe liegenden Sims, und zu beiden Seiten der Tür wachten Steinfiguren mit finsteren Gesichtern. Wimbley hielt nach Inschriften Ausschau.

»Ich wüsste zu gern, wer all das erbaut hat«, raunte Jeff Johnson.

Doug Cooper hielt kurz vor einer der Figuren inne. »Wenn ich diese Fratzen betrachte, scheinen sie nicht allzu freundlich gewesen zu sein.«

Brown trat als erster über die Schwelle und fand sich in einer von mächtigen Säulen gestützten Halle wieder. Bei den auf ihn einstürzenden Eindrücken nahm er kaum wahr, dass die anderen sich ihm anschlossen.

Aus dem Hof folgte den Männern ein Vorhang aus Licht, in dem Myriaden von Staubpartikeln tanzten. Eine gigantische Götzenfigur mit Vogelaugen und kurzen, diabolisch geformten Hörnern nahm die ganze Breite der rückwärtigen Wand ein. Unter ihrem drohend gesenkten Schnabel ruhte ein ausladendes steinernes Podest, das sich beim Näherkommen als offenliegender Sarkophag entpuppte. Der Inhalt reflektierte das einfallende Licht. Von dem Glanz wie magisch angezogen, überwanden die Raumsoldaten die ausgetretenen Bodenplatten. Vor dem mit Ornamenten überzogenen Quader hielten sie inne.

»Edelsteine! Das sind Edelsteine!« Johnsons Stimme drohte sich zu überschlagen. »So viele Edelsteine habe ich noch nie gesehen.«

Coopers Gelächter hallte durch den Tempel. »Was für ein Fund! Wir sind reich.«

Die Archäologen warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Sie mussten dafür sorgen, dass die Raumsoldaten angesichts des unermesslichen Schatzes, der so plötzlich vor ihnen lag, Bodenhaftung bewahrten. Johnson und Cooper stand die Gier ins Gesicht geschrieben. Sie waren kaum noch Herren ihrer Sinne.

»Beruhigen Sie sich, meine Herren«, appellierte Brown an die freudetrunkenen Soldaten. »Deswegen sind wir nicht hergekommen.«

Johnson versetzte ihm einen derben Stoß. »Nein, Sie nicht, Doktor. Gehen Sie und kümmern Sie sich um Ihre Inschriften.«

Der Archäologe klammerte sich an dem Sarkophag fest, um nicht zu stürzen. »Ich beschwöre Sie, meine Herren …«

Weiter kam er nicht. Cooper hatte seinen Strahler in den Betäubungsmodus geschaltet. Ohne mit der Wimper zu zucken, betäubte er erst Brown und dann Wimbley.

Johnson schürzte die Lippen. »Wieso hast du das getan?«

»Was meinst du wohl? Die Beiden sind Wissenschaftler. Die interessieren keine Edelsteine. Ich wette, sie würden uns daran hindern, auch nur ein Stück mitzunehmen, und Nick würde ihnen zustimmen. Ihm geht es nur darum, die Schäden am Schiff zu reparieren. Willst du etwa das ganze Zeug liegenlassen?«

Nach kurzem Zögern schüttelte Johnson den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Es ist Schicksal, dass wir auf diesen Schatz gestoßen sind. Er gehört uns. Warum sollen wir darauf verzichten, als reiche Männer zur Erde heimzukehren? Eine solche Chance erhält man im Leben kein zweites Mal.«

»Na, eben. Nehmen wir so viel wie möglich mit. Das wird die anderen überzeugen. Später kommen wir mit Transportbehältern zurück, um den Schatz ins Schiff zu schaffen.«

Nachdem die Raumsoldaten sich die Taschen vollgestopft hatten, rafften sie zusammen, was sie tragen konnten. Freudetrunken stolperten sie aus dem uralten Tempel der unbekannten Erbauer. Die betäubten Forscher beachteten sie nicht weiter.

 

*

Fahler Schein quoll Xutl entgegen. Weiter unten schien es eine Lichtquelle zu geben. Er hielt auf den Treppenstufen inne, als der Klang von Schritten heraufdrang. Gleich darauf zeichneten sich Bewegungen ab, und die Raumsoldaten Johnson und Cooper kamen ihm entgegen. Als sie ihn mit dem Energiegewehr in der Hand entdeckten, blieben sie wie angewurzelt stehen. Für einen Moment schienen sie verunsichert zu sein, unschlüssig, wie sie sich dem Marsianer gegenüber verhalten sollten, doch dann brachen sie in Lachen aus.

»Wir sind reich«, platzte es aus Johnson heraus. »Unermesslich reich sogar.«

»Was hat das zu bedeuten?«, verlangte Xutl zu wissen.

»Dass wir riesige Schätze gefunden haben«, antwortete Cooper. »Hier, sehen Sie nur. Diamanten, Rubine, Smaragde und was sonst noch da unten liegt.«

»Erst wollten wir alles für uns behalten.« Im Überschwang der Gefühle plapperte Johnson ungebremst drauf los. »Aber da unten liegt genug für alle. Einige Zentner Edelsteine, wette ich. Wir holen zwei Geländewagen aus dem Schiff und bergen den gesamten Schatz.«

»Und sobald wir ihn an Bord haben, geht es Richtung Heimat«, brach Cooper in Vorfreude aus.

»Sind Sie beide von Sinnen?« Xutls Blick streifte die Edelsteine nur beiläufig. »Sie haben einen Vertrag über zwei Jahre unterschrieben. So lange wird unsere Expedition voraussichtlich andauern.«

Cooper lachte den Marsianer aus. »Als wir unterschrieben, ahnten wir noch nicht, dass wir bald reiche Männer sein würden. Unser Fund ändert alles. Schluss mit Raumflügen, von denen wir nicht wissen, wohin sie uns führen. Dieser Planet ist die Endstation, danach geht es zurück zur Erde.«

»Genau«, stieß Johnson ins selbe Horn. »Wir pfeifen auf den Vertrag. Ich bin sicher, unsere Kameraden werden ebenfalls darauf pfeifen, wenn sie erfahren, worauf wir gestoßen sind. Nick und Ihnen wird gar nichts anderes übrigbleiben, als sich der Mehrheit zu fügen.«

Diese Dummköpfe scherzten nicht, begriff Xutl. Der plötzliche Reichtum war ihnen zu Kopf gestiegen. Doch die Expedition war nicht von Terra aufgebrochen, um als Schatzsucher durchs All zu fliegen, sondern mit einer Forschungsmission. Er dachte nicht daran, den dreisten Forderungen nachzugeben, und Nick würde es erst recht nicht tun.

»Wieso kommen Sie eigentlich allein zurück?« Der Marsianer fasste das Gewehr fester. »Wo sind Doktor Brown und Doktor Wimbley?«

Johnson blickte zu Boden, Cooper presste die Lippen zu zwei blutleeren Strichen aufeinander. Ihr Verhalten gefielt Xutl immer weniger. Er richtete die Mündung des schweren Strahlers auf die Soldaten.

»Wenn Sie nicht antworten, gehen wir eben nachschauen. Lassen Sie das Zeug fallen, und dann schnallen Sie Ihre Pistolentaschen ab. Aber keine dumme Bewegung, oder Sie werden es bereuen.«

»Dazu haben Sie kein Recht«, fand Johnson die Sprache wieder.

»Ach nein? Dieses Recht nehme ich mir, das werden Sie gleich merken. Also los, ich spaße nicht.«

Die Soldaten begriffen, dass Xutl nicht bluffte. Notgedrungen kamen sie dem Befehl nach. Zuerst ergossen sich die Edelsteine über die Stufen, dann folgten klappernd die Pistolentaschen. Zumindest leisteten die Beiden keinen Widerstand, doch da sie bereit waren, bedenkenlos zu desertieren, verließ sich Xutl nicht darauf, dass ihr Gehorsam von Dauer war. Aus Sorge um die Wissenschaftler trieb er sie mit erhobener Waffe vor sich her. Murrend bewegten sich Johnson und Cooper die Treppe hinunter.

Ein Innenhof erwartete die drei Männer. Von oben fiel Licht ein. Sie verharrten am Fuß der Treppe. Nach den Archäologen hielt Xutl vergeblich Ausschau. Er rief ihre Namen, erhielt jedoch keine Antwort.

»Wo sind Brown und Wimbley?« Der Marsianer fingerte demonstrativ am Abzug des Strahlers. »Wenn Sie ihnen etwas angetan haben, erschieße ich Sie an Ort und Stelle. Ich frage nicht noch einmal.«

»In dem Tempel dort drüben«, presste Cooper zwischen den Zähnen hervor. »Die Forscher sind am Leben. Wir haben sie lediglich betäubt.«

Xutl machte eine auffordernde Geste. Gerade als sie sich wieder in Bewegung setzen wollten, drang dumpfes Grollen aus der Tiefe. Die Soldaten rissen die Augen auf. Der Boden zitterte unter den Füßen der Männer.

»Ein Beben!« Johnson starrte den Marsianer an. »Wir müssen zurück zum Schiff, sonst werden wir begraben.«

»Nicht ohne die Wissenschaftler«, lehnte Xutl ab. »Vorwärts!«

Ein Erdstoß erschütterte das Gemäuer. Hinter ihnen brach ein Stück der die Treppe flankierenden Mauer ein. Xutl und die Soldaten sprangen die vor ihnen liegenden Stufen hinauf und drangen in den Tempel ein, wo der Marsianer Brown und Wimbley entdeckte. Sie rührten sich nicht.

 

*

Eine Erschütterung lief durch das Sternenschiff, als Nick gerade im Kommandantensitz Platz genommen hatte.

»Was ist geschehen, meine Herren?«, erkundigte er sich.

Der Geologe James Simpson meldete sich. »Ein leichtes Erdbeben hat diese Region erschüttert. Wir ermitteln zunehmende seismische Aktivität.«

»Stellt sie eine Bedrohung für unser Außenteam dar?«

»Ja«, bestätigte Simpson die Befürchtung. »Wir rechnen mit weiteren Beben von größerer Stärke. Aber das ist noch nicht alles. Der uns nächstgelegene Vulkan steht kurz vor dem Ausbruch.«

Ausgerechnet so bald nach ihrer Landung! Solche Zufälle ließen sich wissenschaftlich sicher nicht erklären. Manchmal gewann Nick den Eindruck, gewisse Ereignisse warteten nur bis zur Ankunft der Raumfahrer, um sodann ihren Verlauf zu nehmen. Er löste Alarmbereitschaft aus.

»Brad, kontaktieren Sie unsere Leute. Sie sollen den Einsatz sofort abbrechen.«

»Verstanden, Nick.« Der Funker Brad Steiger aktivierte seine Anlage. »Achtung!«, rief er ins Mikrofon. »Alle Mann unverzüglich an Bord zurückkehren! Es steht möglicherweise ein Vulkanausbruch in Verbindung mit starken Erdbeben bevor.«

»Hier Tim McCoy. Verstanden«, drang eine Stimme aus dem Lautsprecher.

»Werden Sie noch von fleischfressenden Pflanzen angegriffen, Tim?«, schaltete sich Nick ein.

»Nein. Es sind keine weiteren Gewächse aufgetaucht. Vielleicht spüren sie die Gefahr. Der Weg ist frei. Allerdings gibt es ein Problem. Wir sind nicht vollzählig. Die beiden Archäologen sowie Jeff, Doug und Xutl sind tiefer in das Gebäude vorgestoßen. Ich mache mich auf den Weg und hole sie.«

»In Ordnung.« Nick seufzte. Dadurch verloren sie wertvolle Zeit. »Beeilen Sie sich, Tim. Die anderen sollen sich schon auf den Weg machen. Wir schicken ihnen einen Geländewagen entgegen.«

 

*

Tim McCoy hetzte los, die Treppe hinunter. Zum Glück war der Weg vorgegeben. Es gab keine Abzweigungen, was verhinderte, dass er sich verirrte. Dafür drohte eine andere Gefahr. Ein plötzliches Beben riss ihn von den Beinen. Er stürzte ein paar Stufen hinab, kam aber wieder auf die Füße, ohne sich zu verletzen, und stolperte weiter.

Als er unten ankam, musste er feststellen, dass ein Teil der Wand bereits eingebrochen war. Vor ihm lag ein Innenhof. Die Gesuchten entdeckte er nicht. Sie hielten sich vermutlich in dem Steintempel auf, der sich an den Hof anschloss. McCoy rannte auf den Tempel zu, kam jedoch nur bis zu der breiten Freitreppe, die zum Eingang hinaufführte.

Die Tempelwand begann zu zittern, der aus Steinquadern erbaute Türrahmen bebte unter den folgenden Erdstößen. Dann ging alles ganz schnell. Donnergrollen erfüllte den Hof, als mächtige Steinblöcke herabstürzten. Sie zertrümmerten die Treppenstufen und türmten sich zu einem Wall, von dem Staub aufstieg. Er vernebelte McCoy die Sicht. Der Soldat legte die Hände zu einem Trichter vor den Mund, um den Lärm des Einsturzes zu übertönen.

»Xutl!«, schrie er aus Leibeskräften. »Können Sie mich hören? Kann mich irgendjemand hören?«

Nichts, keine Antwort. Der Geräuschorkan der herabdonnernden Säulen übertönte jeden anderen Laut.

Der verschüttete Eingang vor McCoy gestattete kein Durchkommen. Noch immer bebte der Boden, und die Orgie des Untergangs setzte sich fort. Ein Steinhagel prasselte zu Boden, zu tödlichen Geschossen werdende Trümmer. McCoy warf sich zur Seite, rollte sich ab, wich dem Verderben aus. Er nutzte seinen Schwung, um gleich wieder auf die Beine zu kommen.

Nochmal Glück gehabt!

Doch jeden Augenblick konnte es ihn erwischen. Trotz der Sorge um die Verschütteten musste er sich zurückziehen, wenn er nicht von Gestein erschlagen werden wollte. Noch einmal rief er nach Xutl und den anderen – vergeblich. Ihm blieb nur der Rückzug.

 

*

Ohne Johnson und Cooper aus den Augen zu lassen, beugte sich Xutl über die regungslosen Archäologen. Eine flüchtige Untersuchung ergab, dass sie tatsächlich nur betäubt waren. Ihr Atem ging flach, aber gleichmäßig.

»Sie können von Glück reden«, raunzte er die Raumsoldaten an. »Und jetzt helfen Sie mir. Wir müssen sie hinausschaffen, bevor der Tempel einstürzt.«

Bevor Xutl sich aufrichten konnte, setzte die Katastrophe ein. Der Boden bäumte sich auf und warf den Marsianer von den Beinen. Sein Energiegewehr entglitt ihm, als er auf die Schulter schlug. Für einen Moment war er von den Schmerzen wie betäubt.

Die beiden Soldaten ruderten mit den Armen, um nicht ebenfalls zu stürzen. Als sie Xutls vorübergehende Hilflosigkeit bemerkten, ergriffen sie die Flucht. Während der vordere Eingang von herabregnenden Trümmern verschüttet wurde, tat sich zur Rechten ein Loch in der Tempelwand auf. Johnson und Cooper nutzten die sich ihnen bietende Gelegenheit zum Entkommen.

»Stehenbleiben, ihr Feiglinge!«, schickte Xutl ihnen hinterher.

Sie dachten nicht daran. Hintereinander zwängten sie sich durch den entstandenen Spalt. Ein weiterer Erdstoß wirbelte Staub auf, schickte Sand und kleine Steine in alle Richtungen. Xutl vergrub den Kopf unter den Armen, um sich zu schützen. Zum Glück ebbten die Schmerzen in seiner Schulter bereits ab.

Dann ließen die Erschütterungen nach, das Bombardement endete. Der Marsianer schielte nach oben. Risse klafften in der Tempeldecke, unter der Staubschwaden dahinzogen, doch sie hielt. Xutl wagte es, sich zu erheben. Weder er noch die Wissenschaftler hatten etwas abbekommen.

Prüfend belastete er seine Schulter.