Ren Dhark – Weg ins Weltall 70: Die Akte Grovis - Achim Mehnert - ebook

Ren Dhark – Weg ins Weltall 70: Die Akte Grovis ebook

Achim Mehnert

0,0
44,99 zł

Opis

Ren Dhark und seine Begleiter versuchen, dem Geheimnis hinter dem System der Großen Sonne auf die Spur zu kommen. Dabei verdichtet sich immer mehr der Eindruck, dass hier bei Weitem nicht alles so ist, wie es zu Beginn den Anschein machte. Währenddessen stehen die GSO-Agenten Ömer Giray und Liv Sanders auf Danlechraa vermutlich vor einem großen Durchbruch in ihren Ermittlungen, denn sie stoßen auf die Akte Grovis... Jan Gardemann, Achim Mehnert und Nina Morawietz schrieben diesen packenden SF-Roman nach dem Exposé von Ben B. Black.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi lub dowolnej aplikacji obsługującej format:

EPUB
MOBI

Liczba stron: 354

Oceny
0,0
0
0
0
0
0



Ren Dhark

Weg ins Weltall

 

Band 70

Die Akte Grovis

 

von

 

Jan Gardemann

(Kapitel 1 bis 6)

 

Nina Morawietz

(Kapitel 7 bis 15)

 

Achim Mehnert

(Kapitel 16 bis 21)

 

und

 

Ben B. Black

(Exposé)

Inhalt

Titelseite

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

Empfehlungen

Ren Dhark Extra

Ren Dhark Classic-Zyklus

T93

Impressum

Prolog

Im Herbst des Jahres 2067 scheint sich das Schicksal endlich einmal zugunsten der Menschheit entwickelt zu haben. Deren Hauptwelt heißt längst nicht mehr Terra, sondern Babylon. 36 Milliarden Menschen siedelten auf diese ehemalige Wohnwelt der Worgun um, als die irdische Sonne durch einen heimtückischen Angriff zu erlöschen und die Erde zu vereisen drohte. Mittlerweile konnte die Gefahr beseitigt werden, und das befreundete Weltallvolk der Synties hat den Masseverlust der Sonne durch die Zuführung interstellaren Wasserstoffgases wieder ausgeglichen. Die Erde ist erneut ein lebenswerter Ort, auf dem allerdings nur noch rund 120 Millionen Unbeugsame ausgeharrt haben. Die neue Regierung Terras unter der Führung des »Kurators« Bruder Lambert hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Planeten nach dem Vorbild Edens in eine Welt mit geringer Bevölkerungsdichte, aber hoher wirtschaftlicher Leistungskraft zu verwandeln, und ist deshalb nicht bereit, die nach Babylon Ausgewanderten wieder auf die Erde zurückkehren zu lassen.

Allerdings haben auch die wenigsten der Umsiedler konkrete Pläne für einen neuerlichen Umzug innerhalb so kurzer Zeit. Es kommt die katastrophale Entwicklung hinzu, die Babylon seit dem Umzug der Menschheit nahm: Durch eine geschickt eingefädelte Aktion war es dem höchst menschenähnlichen Fremdvolk der Kalamiten gelungen, den Regierungschef Henner Trawisheim, einen Cyborg auf geistiger Basis, derart zu manipulieren, dass er zu ihrem willenlosen Helfer und Vollstrecker bei der geplanten Übernahme der Macht über die Menschheit wurde. Erst in allerletzter Sekunde gelang die Revolution gegen die zur Diktatur verkommene Regierung Babylons und damit gegen die heimlichen Herren der Menschheit, die Kalamiten. Während den meisten der Fremden die Flucht gelang, wurde Trawisheim aus dem Amt entfernt und in ein spezielles Sanatorium für Cyborgs gebracht.

Noch im selben Jahr nimmt Ren Dhark das Angebot des Industriellen Terence Wallis an und lässt seinen Körper mit Nanorobotern behandeln, die ihn und sieben von ihm Auserwählte unsterblich machen. Doch anstatt sich mit seiner nun vollständig veränderten Lebensperspektive beschäftigen zu können, muss sich Ren Dhark einer neuen Aufgabe stellen: Eine unbekannte Macht namens Kraval sorgt dafür, dass der Hyperraum nicht länger zugänglich ist.

Als man diese Herausforderung endlich gemeistert hat, tauchen die Wächter mit einer neuen Hiobsbotschaft auf: Im Zentrum der Milchstraße hat sich scheinbar aus dem Nichts ein Miniaturuniversum gebildet, das allerdings exponentiell wächst und schon in wenigen Jahren den Untergang unseres Universums herbeiführen könnte.

Mithilfe der Nomwarun – nur etwa 50 Zentimeter große Nachfahren der Worgun – gelingt es schließlich, der Gefahr zu begegnen. Allerdings spielen die Nomwarun nicht mit offenen Karten und zerstören das Miniuniversum, anstatt es wie versprochen in ein anderes Kontinuum zu versetzen, weil das anscheinend nicht möglich gewesen ist. Ren Dhark macht dieses Resultat sehr zu schaffen, doch es gelingt ihm nicht, die Nomwarun entsprechend zur Rede zu stellen.

Knapp zwei Jahre später, im Sommer des Jahres 2072, scheint endlich Ruhe in der Milchstraße eingekehrt zu sein und die Normalität zu herrschen, die sich jedermann wünscht. Da erhält Ren Dhark einen Notruf von der Erde: Arc Doorn, Chris Shanton und Amy Stewart haben eine uralte Einrichtung der Wächter unterhalb des Titicacasees erforscht und wurden von einem bislang ungeklärten Phänomen in die Galaxis Voktar verschlagen. Ren Dhark eilt seinen Freunden zu Hilfe, aber in Voktar herrschen die Friedensstifter, und die machen gnadenlos Jagd auf die Terraner. In einem Sonnensystem, das zuerst friedlich wirkt, geraten die Gefährten in einen Konflikt, mit dem sie eigentlich gar nichts zu tun haben …

1.

Das Erste, was Ren Dhark bewusst wahrnahm, während seine Empfindungsfähigkeit langsam zurückkehrte, war ein pochender Schmerz in den Gehirnwindungen. Es kam ihm vor, als hätte sich eine fremde Präsenz in seinem Schädel breitgemacht, ein graues unförmiges Ding, das sich wie eine böse Erinnerung in seinem Unterbewusstsein festgesetzt hatte und nun unaufhörlich Schmerzimpulse aussandte, um seine Anwesenheit anzuzeigen. So als litte dieser fremde, lästige Besucher an einem besonders hartnäckigen Minderwertigkeitskomplex, strahlte er die stechenden Schmerzimpulse mit einer besonders hohen Ausdauer in die Synapsen ab, damit er um jeden Preis die ungeteilte Aufmerksamkeit des Gepeinigten errang, in dessen Hirn er sich niedergelassen hatte.

Der Commander gab ein hohles Stöhnen von sich und fasste sich mit beiden Händen an den Kopf. Tief grub er die Finger in das weißblonde Haar, das sich so verschwitzt und zerzaust anfühlte, als hätte Dhark eine ganze Nacht tanzend und Alkohol konsumierend in einem verruchten Club zugebracht.

Ein verbissenes Grinsen verzerrte die Lippen des Raumfahrers, während er sich zu erinnern versuchte, wann er sich körperlich das letzte Mal so mies gefühlt hatte wie in diesem Augenblick. Doch nicht einmal während seiner Studentenzeit war er im Laufe einer der zahlreichen Partys, an denen er teilgenommen hatte, so sehr abgestürzt, dass sich ihm am folgenden Morgen der Eindruck aufgedrängt hatte, eine feindselige Präsenz hätte sich in seinem Denkapparat eingenistet, um ihn mit stechenden Schmerzen zu piesacken.

Die Hände gegen den Kopf gepresst öffnete der Commander blinzelnd die Augen. Von der rau verputzten Decke ausgehend, zu der er hinaufstarrte, strahlte grelles Licht herab. Das aus den in die Decke eingelassenen und von Gittern geschützten Leuchtkörpern hervorgleißende Leuchten stach wie kleine Cocktailspieße in seine Augäpfel, jedenfalls kam es Dhark in diesem Moment so vor. Ächzend schloss er die Augen gleich wieder. Doch dann stahlen sich hinter dem Kopfschmerz zaghaft die Erinnerungen an die Ereignisse hervor, die sich zugetragen hatten, kurz bevor er das Bewusstsein verloren hatte.

Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Amy Stewart und seinen Kameraden Arc Doorn, Chris Shanton und den beiden Cyborgs Bram Sass und Jes Yello hatte er sich in der Fußgängerpassage eines Einkaufsviertels auf einer fremden Welt in der Galaxis NGK 3109 aufgehalten. Die Welt trug den Namen Panow, und sie gehörte zu einem System aus sechs, eine Riesensonne in der habitablen Zone umkreisenden Planeten, die alle exakt den gleichen Abstand zum Zentralgestirn aufwiesen.

Auf den Sauerstoffwelten lebten Vertreter unterschiedlicher Sternenvölker aus den Galaxien Orn, Andromeda, Triangulum und der Milchstraße zusammen. Zwar bekriegten sich zwei der Welten zurzeit, dennoch koexistierten die unterschiedlichen Sternenvölker auf den einzelnen Planeten weitgehend friedlich miteinander.

Dhark massierte seine Kopfhaut, ohne dem Schmerz dadurch jedoch beikommen zu können. Er musste seinen soeben gedachten Gedanken relativieren; ganz so friedlich, wie es zuerst den Anschein gehabt hatte, verlief das Zusammenleben auf Panow dann doch nicht. Es existierte ein Streitpunkt, der die Gemüter der Panowen zum Überkochen brachte, wie er und seine Gefährten am eigenen Leib hatten erfahren müssen. Jedes Mal, wenn das Für und Wider des interstellaren Raumfluges thematisiert wurde, entstanden unter den Bewohnern dieser Welt heftige Streitigkeiten und entzündeten sich Debatten daran.

Am Ende gerieten Ren Dhark und seine Freunde in jener Einkaufspassage, die seine letzte Erinnerung darstellte, zwischen die Fronten zweier Demonstrantengruppen, bei denen es sich auf der einen Seite um Befürworter und auf der anderen um Gegner des überlichtschnellen Raumfluges handelte. Mit Schlagstöcken und Steinen waren die Kontrahenten aufeinander losgegangen; das Geschehen hatte sich dabei so schnell entwickelt, dass den Raumfahrern keine Zeit geblieben war, sich aus dem Staub zu machen. Stattdessen gerieten sie zwischen die beiden sich anfeindenden Gruppen und fanden sich plötzlich inmitten des Handgemenges wieder.

Aus dem Himmel stürzten Polizeigleiter wie Raubvögel auf die Demonstranten herab und sprühten ein Aerosol auf die Streitenden hernieder, wie sich Dhark nun erinnerte. Zwar versuchte er es zu vermeiden, die von dem Sprühnebel durchsetzte Luft einzuatmen, doch die Substanz drang in seine Lunge und entfaltete augenblicklich ihre Wirkung. Schließlich schaffte er es gerade noch, den Cyborgs einen Befehl zuzurufen, ehe ihm die Sinne schwanden und er das Bewusstsein verlor …

Und nun lag er hier und starrte aus zusammengekniffenen Lidern gegen eine Raumdecke, während in seinem Kopf ein viehischer Schmerz wühlte und die Erinnerung an die zurückliegenden Ereignisse nur langsam zurückkehrte.

Der Commander ließ die Arme auf seine Lagerstatt sinken und drehte vorsichtig den Kopf, darauf bedacht, die graue Präsenz in seinem Schädel dadurch nicht zu noch heftigeren Schmerzattacken anzustacheln.

Der Raum, in dem er sich aufhielt, maß etwa fünfzig Quadratmeter, schätzte er. Mehrere Feldbetten standen wie wahllos aufgestellt herum. Auf jeder Liege ruhte eine Gestalt; wohin Dhark auch schaute, erblickte er Individuen, die sich benommen auf ihren Feldbetten bewegten, sich die Köpfe hielten und stöhnten.

Der Commander grinste freudlos. Offenbar war er nicht der Einzige, der mit den Nachwirkungen des Aerosols zu kämpfen hatte, das seitens der Sicherheitskräfte während der Demonstration eingesetzt worden war. Dass es sich bei den Anwesenden um Teilnehmer der beiden verfeindeten Demonstrationsgruppen handelte, ließ ihn die Anwesenheit einer Gormfrau vermuten, die neben ihm auf einer Lagerstatt ruhte.

Die entfernt menschenähnliche, zartgliedrige Person hatte die großen dunklen Augen weit aufgerissen und starrte benommen vor sich hin. Ihre schlanke Gestalt steckte in einem orangefarbenen Overall, dessen linker Ärmel in Fetzen hing.

Diese Frau war bewusstlos neben Dhark hingestürzt, als die Polizeigleiter über die Köpfe der Demonstranten hinwegjagten und das betäubende Aerosol versprühten, wie der Commander sich jetzt deutlich erinnerte.

Auf die Ellenbogen gestützt richtete Dhark den Oberkörper auf und sah sich um. Nicht weit entfernt erblickte er Arc Doorn; er erkannte den Worgunmutanten sofort an seinen schulterlangen roten Haaren.

Mit den Handballen rieb sich der Sibirier die Augen, als hoffte er, den Schmerz in seinem Schädel auf diese Weise austreiben zu können.

Nach Chris Shanton musste der Commander ebenfalls nicht lange Ausschau halten.

Der zur Fettleibigkeit neigende Ingenieur lag auf dem Rücken und schnarchte lauthals vor sich hin. Der Kinnbart stand vorwitzig ab und zitterte leicht, wenn Shanton prustend Atemluft durch die Lippen ausstieß.

Am gegenüberliegenden Ende des Raumes erhob sich plötzlich eine schlanke, muskulöse Gestalt. Es handelte sich um Amy, Dharks Lebensgefährtin. Wankend bewegte sich die blonde Frau durch die Reihen der Feldbetten auf den Commander zu, einen unterschwellig besorgten Ausdruck in den blauen Augen.

Während Amy an den Lagerstätten vorbeischlenderte, auf denen die Cyborgs Bram Sass und Jes Yello lagen, nickte sie diesen kaum merklich zu, was die Männer mit einer knappen Geste erwiderten.

Als Amy Dharks Feldbett kurz darauf erreichte, setzte sie sich auf die Kante und mimte dabei die Erschöpfte. Doch Dhark wusste, dass das Aerosol seiner Freundin nichts hatte anhaben können und sie nur so tat, als würde sie – wie die anderen auch – mit den Nachwirkungen des Betäubungsnebels kämpfen.

»Wie geht es dir, Ren?«, raunte sie ihrem Lebensgefährten auf Angloter zu.

»Ich fühle mich entsetzlich«, erwiderte Dhark zerknirscht. Auch er bediente sich des Angloter und nicht des Worgun, das auf dieser Welt, wie in der gesamten Galaxis Voktar, zur allgemeinverbindlichen Handelssprache zählte. Auf diese Weise gewährleisteten die beiden, dass keiner der sie Umgebenden zufällig etwas von dem gedämpft geführten Gespräch aufschnappen konnte.

»Ihr habt meine letzte Anweisung noch vernommen?«, erkundigte er sich.

Amy nickte. »Wir haben bei dem Spiel mitgespielt«, bestätigte sie. »Sass, Yello und ich warfen uns wie betäubt zu Boden und blieben reglos liegen, während die Demonstranten um uns herum reihenweise umkippten. Wir hatten ja bereits ins Zweite System geschaltet, als sich abzeichnete, dass wir zwischen die beiden sich anfeindenden Demonstrantengruppen geraten würden, doch als wir die Polizeigleiter am Himmel erspähten, versetzten wir uns vorsorglich auch in den Phant-Zustand. Auf diese Weise konnte uns das Betäubungsmittel nichts anhaben und wir blieben bei vollem Bewusstsein.«

Dhark nickte verstehend. Während des Phant-Zustandes verfügte der Körper eines Cyborgs über die extrem gesteigerte Fähigkeit, Verletzungen aller Art schnell zu heilen. So konnten Fremdkörper wie etwa Kugeln im Phant-Zustand wieder ausgeschieden und die durch die Projektile verursachten Wunden innerhalb kurzer Zeit geschlossen werden. Und natürlich vermochten auch giftige Gase und andere betäubende Substanzen keine Wirkung zu erzielen, wenn die Cyborgs rechtzeitig phanteten, was jedoch nur möglich war, wenn sie vorher ins Zweite System geschaltet hatten.

»Wo sind wir hier?«, wollte Dhark mit gedämpfter Stimme wissen.

»In einem Gefängnis«, lautete die nicht besonders erhellende Auskunft. Mit einem Kopfnicken deutete Amy über Dharks Kopf hinweg zur Wand hinüber.

Als der Commander über seine Schulter blickte, um der angegebenen Richtung mit den Augen zu folgen, sah er, dass die Stirnwand des Raumes gänzlich aus einem Gitter bestand. Die Stäbe reichten vom Boden bis an die Decke und standen so dicht beieinander, dass kaum ein Arm hindurchpasste.

Hinter den Streben verlief ein breiter Flur, der auf der gegenüberliegenden Seite von einer roh verputzten Mauer begrenzt wurde. Eine Eisenstrebentür vervollständigte das Bild der vergitterten Zellenwand.

»Nachdem die Demonstranten alle bewusstlos zu Boden gegangen waren, tauchten wenig später mehrere Schweberbusse der Polizei auf«, erläuterte Amy flüsternd. »Die bewusstlosen Protestler wurden von den Ordnungshütern ziemlich unsanft in die Fahrzeuge eingeladen und dann in einem Konvoi abtransportiert. Die Fahrt endete in der Tiefgarage einer Polizeistation. Von dort aus wurden die Betäubten mithilfe von Robotern in die Zellen verfrachtet, wobei immer eine Wagenladung Personen in eine Großraumzelle wie diese hier gesperrt wurden. Die Roboter legten die Schlafenden auf die Feldbetten und zogen sich anschließend wieder zurück. Seitdem warten Sass, Yello und ich darauf, dass die Wirkung des Betäubungsmittels bei den Gefangenen endlich nachlässt und wir uns wieder natürlich geben können.«

Dhark furchte die Stirn. »Wie lange war ich weggetreten?«

»Etwa fünf Stunden.«

Der Commander massierte seine Schläfen. »Das muss ja ein ziemliches Teufelszeug sein, das die Polizisten den Demonstranten da verabreicht haben!«

Amy strich ihrem Lebensgefährten mitfühlend eine Strähne aus der Stirn. »Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, welche Stoffe diesem Aerosol beigemengt wurden. Das Betäubungsmittel soll bei all den verschiedenen Sternenvölkern, die auf Panow leben, die gleiche Wirkung hervorrufen, musst du bedenken. Die Mixtur würde wahrscheinlich auch einen Elefanten sofort umhauen, darf auf der anderen Seite aber auch nicht so invasiv sein, dass ein etwas zart besaiteteres Wesen gleich den Geist aufgibt, wenn es das Aerosol einatmet.«

Dhark zog verdrießlich die Brauen zusammen. »Kein Wunder, dass sich mein Gehirn anfühlt, als hätte sich eine fremde Präsenz darin breitgemacht, um mich mit Schmerzen zu traktieren.«

»Ich wünschte, ich könnte irgendetwas zur Linderung deiner Schmerzen beitragen, Ren.« Amy deutete auf eine Seitenwand der Zelle. In der Mitte der Mauer befand sich ein Durchgang, vor dem ein schmuddeliger, verschlissener Vorhang hing.

»Für die in diesen Raum Inhaftierten ist nur eine einzige Nasszelle vorgesehen«, erklärte sie. »Es gibt dort lediglich eine Toilette und ein Waschbecken.« Amy schüttelte sich.

»Was ist aus Artus und Jimmy geworden?«, wechselte Dhark das Thema. »Ich kann sie in dieser Zelle nirgendwo erblicken.«

Amy presste unglücklich die Lippen aufeinander. »Man hat sie, glaube ich, in der Fußgängerzone zurückgelassen. Jedenfalls machte keiner der Polizisten Anstalten, sich während der Bergung der Bewusstlosen um den vermeintlichen Dienstroboter und das seltsame Haustier zu kümmern, die sich zwischen den Hingestürzten aufhielten. Sie wurden einfach ignoriert; Artus und Jimmy waren schlau genug, nichts zu unternehmen, um die Aufmerksamkeit der Ordnungshüter unnötig auf sich zu lenken. Nachdem man mich in einen der Busse verfrachtet hatte, konnte ich leider nicht mehr verfolgen, wie die Polizei anschließend mit unseren robotischen Freunden verfuhr.«

»Ihr Schicksal ist also ungewiss.« Dhark rieb sich den Nacken. Er hatte nicht den Eindruck, dass der Schmerz in seinem Kopf schon merklich nachgelassen hatte.

»Was habt ihr beiden da eigentlich die ganze Zeit über zu flüstern?«, zischte ihnen plötzlich ein Luware zu, der neben Dhark auf einer Liege kauerte. Mit allen sechs Fingern seiner beiden Hände massierte das humanoide Geschöpf, dessen Volk ursprünglich aus Orn stammte, seine schmalen Ohrmuscheln. Obwohl fast zwei Meter groß, konnte das dürre Wesen kaum mehr als fünfundsechzig Kilo auf die Waage bringen, vermutete Dhark. »In was für einer Sprache unterhaltet ihr euch da eigentlich?«

»Wir bedienen uns selbstverständlich des Worgun«, erwiderte Amy unterkühlt. »Deine Kopfschmerzen müssen schuld daran sein, dass es dir so vorkommt, als würden wir in fremder Zunge reden.«

Um sich einen Überblick darüber zu verschaffen, mit wem er und seine Gefährten sich diese Großraumzelle teilten, ließ der Commander den Blick über die Anwesenden schweifen.

Außer den Raumfahrern hielten sich noch zehn Bewohner Panows in dem Raum auf, wie er nun feststellte. Es befanden sich zwei grobschlächtige, echsenartige Stacwa und sogar einige Anschmie, schlangenartige Geschöpfe mit Armen unterhalb des Kopfes, unter den ansonsten humanoid erscheinenden Häftlingen. Sie alle schienen noch mit den Folgen des Betäubungsmittels zu kämpfen und wirkten stark benommen und angeschlagen. Die Gefangenen regten sich kaum auf ihren Feldbetten, und wenn doch, dann nur, um sich den Kopf zu halten oder ächzend eine andere Liegeposition einzunehmen.

»Was meinst du, Amy«, raunte Dhark seiner Lebensgefährtin zu, »befinden wir uns in der Gesellschaft der Gegner des überlichtschnellen Raumfluges oder ihrer Befürworter?«

»Ich schätze, dass wir es mit Vertretern beider Gruppierungen zu tun haben«, erwiderte Amy gedämpft. »Jedenfalls meine ich, unter den hier Anwesenden einige Individuen wiederzuerkennen, die sich während der Demonstration gegenseitig in den Haaren lagen.«

Dharks Miene verfinsterte sich. »Hoffentlich verhalten sie sich wenigstens in dieser Zelle ruhig. Ich verspüre nicht die geringste Lust, während ihrer Streitigkeiten wieder zwischen die Fronten zu geraten.«

»Momentan sind die Panowen jedenfalls mehr mit sich selbst beschäftigt«, gab Amy gelassen zurück. »Die hämmernden Kopfschmerzen haben ihnen die Lust am Streiten offenbar vorerst ausgetrieben.«

Der Commander setzte sich auf und schwang vorsichtig die Beine vom Feldbett. Das Pochen in seinem Schädel wurde daraufhin noch um eine Spur stechender. Doch Dhark versuchte, den Schmerz zu ignorieren, und kämpfte sich auf die Beine. Als Amy Anstalten machte, ihn zu stützen, stieß er ihre Hände von sich. Stattdessen deutete er auf den Worgunmutanten. Doorn war ebenfalls aufgestanden und beugte sich nun über Shanton, um ihn wachzurütteln.

»Sehen wir nach, wie es Chris und Arc geht«, bestimmte Dhark und bewegte sich auf unsicheren Beinen auf seine Freunde zu.

Als Sass und Yello bemerkten, dass sich der Commander und Amy den Wissenschaftlern näherten, standen sie ebenfalls auf und setzten sich leicht wankend in Bewegung. Kurz darauf scharten sich sämtliche Exkursionsteilnehmer um die Betten von Shanton und Doorn.

*

»Bist du dir auch wirklich sicher, dass ich ganz bestimmt keine Kopfverletzung davongetragen habe, Arc?«, pflaumte Shanton den Worgunmutanten an.

»Dein holder Schädel ist äußerlich vollkommen unversehrt«, versicherte Doorn leicht amüsiert.

»Das kann nicht sein«, jammerte der Ingenieur und tastete fahrig seinen Scheitel ab. »Für mich fühlt es sich an, als hätte ich mir einen Kopfschuss eingefangen.«

»Uns ergeht es nicht anders«, beteuerte Dhark. »Sehen Sie sich um. Jeder in dieser Zelle wird von heftigen Kopfschmerzen geplagt. Äußere Verletzungen hat jedoch kaum einer davongetragen.«

Shanton warf den Cyborgs daraufhin einen mürrisch-zweifelnden Blick zu. Doch er verkniff sich die Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag und die Behauptung beinhaltete, dass wenigstens drei der hier Anwesenden ihre Leiden nur simulierten.

»Uns wurden die Armbandviphos und alle anderen technischen Gerätschaften abgenommen, bevor man uns in den Schweberbus verfrachtete«, erläuterte Bram Sass.

Tatsächlich fiel es schwer, dem stämmigen Mann mit den buschigen Augenbrauen und dem stark sonnengebräunten, grobkantigen Gesicht, das von schulterlangen, dunklen Haaren umrahmt wurde, abzunehmen, dass er in diesem Moment Schmerzen durchleiden musste. Trotz der Leidensmiene, die er aufgesetzt hatte, wirkte der in Südtirol geborene Ladiner und ehemalige Landwirt topfit.

Nicht viel anders verhielt es sich mit Jes Yello. Der kleinwüchsige, ziemlich dünn erscheinende Australier gab zwar insgesamt ein unauffälliges Erscheinungsbild ab, dennoch wirkte er im Vergleich zu den an Kopfschmerzen leidenden Gefangenen sehr agil und ausgeglichen.

»Es ist ein Segen, dass wir nur Taschenmesser und keine Schusswaffen bei uns trugen«, erläuterte Yello mit gedämpfter Stimme. »Es hätte uns sicherlich eine Menge Ärger eingehandelt, wenn wir uns entschlossen gehabt hätten, zu dieser Forschungsreise bewaffnet aufzubrechen. Am Ende hätten die Polizisten Attentäter in uns vermutet und uns in Einzelhaft gesperrt, anstatt uns zusammen mit den gewöhnlichen Demonstranten in eine Großraumzelle zu verfrachten.«

»Wozu benötigt man denn auch Waffen, wenn man in Begleitung von drei Cyborgs und einem intelligenten Großserienroboter reist?«, entgegnete Doorn bärbeißig. »Jimmys Zungenstrahler hat es ebenfalls in sich.«

Shanton reckte den Kopf. »Apropos Jimmy: Weiß jemand, was aus unseren elektronisch gesteuerten Begleitern geworden ist?«

»Vermutlich wurden sie in der Fußgängerzone zurückgelassen«, äußerte sich Amy. »Mit Sicherheit wissen wir es allerdings nicht.«

Shanton furchte zerknirscht die Stirn. »Ohne unsere Viphos können wir uns momentan keine Gewissheit über ihr Schicksal verschaffen.« Verstohlen sah sich der Ingenieur unter den Gefangenen um.

Sass, der dies bemerkte, schüttelte den Kopf. »Den Demonstranten wurden ihre Armbandgeräte ebenfalls abgenommen«, erklärte er. »Alles, was nach einem technischen Gerät oder einer Waffe aussah, wurde den Bewusstlosen weggenommen. Sie werden hier keinen Apparat finden, mit dessen Hilfe Sie mit Artus oder Jimmy in Kontakt treten könnten.«

Shanton seufzte zerknirscht.

»Die beiden werden schon zurechtkommen«, gab sich Dhark zuversichtlich. »Gegenwärtig haben wir ganz andere Sorgen. Mit Sicherheit wird man bald unsere Personalien aufnehmen wollen. Doch wir besitzen weder die hier gängigen Identifikationspapiere noch verfügen wir über eine glaubhafte Geschichte unsere Herkunft betreffend.«

»Wir sollten uns so schnell wie möglich etwas einfallen lassen«, bestätigte Doorn. »Dass wir aus einem Kuhkaff namens ›Menschenenklave‹ kommen, sollten wir lieber nicht noch einmal behaupten. Wir benötigen dringend eine plausibler erscheinende Herkunftsgeschichte.«

Alarmiert richtete sich Amy auf und schielte verstohlen zu dem Zellengitter hinüber. »Wir bekommen Besuch!«, zischte sie ihren Freunden warnend zu.

*

Voller Sorge beobachteten die Gefährten, was sich auf dem Flur hinter den Gitterstäben zutrug.

Zwei Uniformierte traten vor die Tür hin. Einer der beiden Polizisten, bei ihm handelte es sich um einen Glandaren, klemmte sich eine automatische Waffe unter den Arm, während er sich mit einer Schlüsselkarte an dem Türschloss zu schaffen machte. Das etwa einen Meter siebzig große Echsenwesen mit der blauen Lederhaut wirkte in der Uniform extrem schneidig und willensstark.

Im Vergleich dazu trat sein Kollege, bei dem es sich um einen Murip handelte, eher unscheinbar auf. Das eineinhalb Meter große Wesen blickte scheu durch die Gitterstäbe in die Zelle hinein. Die leichte Fellbehaarung setzte sich im Gesicht als weicher, hellgrauer Flaum fort und erstreckte sich bis über die Wangen. In seinen Händen hielt er ein Tablett, auf dem eine ganze Batterie Trinkgläser und ein hoher Glasbehälter standen, in dem sich offenbar Tabletten befanden.

Der Glandare stieß die Tür auf und trat ein. »Keiner rührt sich!«, rief das Echsenwesen und brachte, wie um seine Worte zu unterstreichen, seine Waffe in Anschlag. Der klobige Kopf, der fast nur aus Gesicht zu bestehen schien und von einer kurzen Schnauze dominiert wurde, ruckte angriffslustig herum, während die gelben Augen aggressiv umherspähten. »Ihr habt es in meinen Augen zwar nicht verdient, trotzdem werdet ihr jetzt ein Mittel bekommen, das die Nachwirkungen des Betäubungsgases, mit dem ihr ruhiggestellt wurdet, ein wenig abmildern wird.«

Der Murip näherte sich einer Liege und beugte sich zu dem darauf ruhenden Stacwa hinab, damit dieser das Tablett mit den Händen bequemer erreichen konnte. Der Stacwa nahm eines der mit einer Flüssigkeit gefüllten Gläser an sich, griff in den Krug und fischte eine Tablette heraus.

Nachdem das klobige Echsenwesen die Pille hinuntergespült und das leere Glas wieder auf dem Tablett abgestellt hatte, wandte sich der Murip dem nächsten Inhaftierten zu.

»Wann werden wir wieder freigelassen?«, rief ein Snake, wie die Terraner die Anschmie nannten, dem Bewaffneten zu. »Zu Hause wartet meine Brut auf mich!«

»Als du dich entschlossen hast, dich der nicht genehmigten Demonstration anzuschließen, hast du dir auch keine Gedanken über deine Angehörigen gemacht!«, fuhr der Glandare das Schlangenwesen an. »Jetzt werden deine Familienangehörigen mit den Konsequenzen deines Tuns ebenso leben müssen wie du selbst.«

»Bitte gebt mir wenigstens meinen Kommunikati zurück, damit ich meine Lieben über meine Situation unterrichten kann«, flehte der Anschmie.

»Einen Teufel werden wir tun!«, blaffte der Glandare. »Wir werden uns hüten, euch eure Kommunikationsgeräte auszuhändigen. Ihr werdet sie erst wieder zurückbekommen, wenn zweifelsfrei festgestellt wurde, dass ihr keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit mehr darstellt. Und das wird von Fall zu Fall strengstens geprüft werden!«

Eingeschüchtert ließ sich der Snake auf die Liege zurückgleiten. Dankbar griff er nach dem Glas und dem Pillenbehälter, als der Murip sich kurz darauf zu ihm hinabbeugte.

»Was wird denn jetzt mit uns geschehen?«, rief ein anderer Inhaftierter voller Ungeduld herüber.

Doch der Glandare ignorierte die Frage kurzerhand und schwenkte stattdessen die Waffe herum, als erwartete er, einer der Festgenommenen könnte sich auf ihn stürzen.

Doch die Panowen schienen noch viel zu benommen zu sein, um einen Gedanken an einen Aufstand oder an einen Ausbruchsversuch zu verschwenden.

Schließlich langte der Murip bei den Raumfahrern an. Die Hälfte der Trinkgläser war bereits leer und der Inhalt des Tablettenbehälters arg geschrumpft.

»Wir wurden gegen unseren Willen in diese Demo hineingezogen«, unternahm Amy einen Versuch, den ihr etwas umgänglicher erscheinenden Polizisten anzusprechen, während sich ihre Begleiter an dem Tablett bedienten. »Ich verlange, dass man uns sofort wieder freilässt!«

»Nimm deine Medizin«, forderte der Murip einsilbig.

»Wir sind nur zu Gast in dieser Stadt«, unterstützte Dhark die Bemühungen des weiblichen Cyborgs. »Weder mit den Befürwortern noch mit den Gegnern des überlichtschnellen Raumfluges haben wir etwas zu schaffen.«

»Die Klärung des Grades eures Verschuldens steht erst noch bevor«, ließ der Murip sich schließlich zu einer etwas ausführlicheren Erwiderung herab. »Bis es so weit ist, werdet ihr euch gedulden müssen.«

Der Polizist drehte sich um und wandte sich einem anderen Inhaftierten zu.

Dhark horchte in sich hinein. Er meinte, bereits zu spüren, dass das Schmerzmittel wirkte. Das Hämmern und Pochen in seinem Schädel nahm an Intensität ab. Doch gleichzeitig wuchsen in ihm die Ungeduld und der Zorn darüber, unschuldig in diese Situation hineingeraten zu sein. Dass sie nun mit der Polizei in Konflikt geraten waren, erschwerte ihr Vorhaben ungemein, mehr über das Leben und die Verhältnisse auf den Welten dieses nach außen hin abgeschirmten Sonnensystems herauszufinden.

»Hast du eine Ahnung, was uns jetzt bevorsteht?«, wandte sich Sass mit einer Frage an einen in der Nähe stehenden Utaren.

Der blauhäutige Zwerg zuckte genervt mit den Schultern. »Woher soll ich das wissen? Glaubst du etwa, ich gerate öfter in Situationen wie diese?«

»Du musst doch wissen, wie mit den Teilnehmern einer illegalen Demonstration für gewöhnlich verfahren wird«, blieb der Cyborg hartnäckig.

»Du weißt es ja offenkundig auch nicht«, gab der Utare zurück und schleuderte mit einer schnippischen Kopfbewegung eine blaue Haarsträhne aus seiner Stirn. »Und jetzt belästige mich gefälligst nicht länger! Verstanden?«

Sass verdrehte genervt die Augen und wandte sich dann einem Luwaren zu, der mit angezogenen Beinen auf seiner Liege kauerte. »Kannst du mir sagen, was …«

Mit einer herrischen Geste brachte das dürre humanoide Wesen den Cyborg zum Schweigen. Dann deutete der Luware mit einer vielbedeutenden Geste zu den in die Decke eingelassenen Lampen hinauf und zeigte anschließend auf seine schmalen Ohrmuscheln.

»Diese Zelle ist offenbar verwanzt«, raunte Yello seinen Kameraden daraufhin zu. »Die Gespräche der Inhaftierten werden abgehört. Das will uns dieser Luware mit seinen Gesten zu verstehen geben.«

Dhark stieß ein unwilliges Knurren aus. »Hoffentlich konnten die Mikrofone unsere gedämpften, auf Angloter geführten Gespräche nicht auffangen«, äußerte er sich dann mit wispernder Stimme. »In Zukunft sollten wir darauf achten, was wir sagen; es könnte sein, dass die Ordnungshüter mithören und uns Schwierigkeiten aus dem erwachsen, was wir von uns geben.«

*

Hinter den schmalen Fenstern, die sich unterhalb der Zellendecke dahinzogen, kündigte ein grauer Schimmer das Hereinbrechen der Abenddämmerung an. Inzwischen litt keiner der Inhaftierten mehr an Kopfschmerzen, das Gegenmittel hatte seine Wirkung getan. Dennoch wirkten die Gefangenen niedergeschlagen und verschlossen.

Die Blessuren, die sich die Demonstranten während der gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Fußgängerzone zugezogen hatten, waren vor einer Stunde von einem Sanitäter notdürftig versorgt worden. Seitdem harrten die Inhaftierten der Dinge, die da auf sie zukommen würden. Die meisten kauerten tatenlos auf ihren Lagerstätten und starrten dumpf vor sich hin. Nur selten wurde ein Wort gewechselt, und wenn dies doch geschah, dann brach die Unterhaltung meist ebenso abrupt wieder ab, wie sie aufgeflammt war. Die Angst davor, dass die Gespräche abgehört wurden, drückte auf die Stimmung und sorgte für eine beklemmende Atmosphäre.

Davon, dass sich diese Individuen noch vor wenigen Stunden wegen Meinungsverschiedenheiten an die Gurgel gegangen waren, war nun kaum noch etwas zu bemerken. Anstatt sich anzufeinden, Vorwürfe zu äußern oder den Disput über das Für und Wider der interstellaren Raumfahrt wieder aufzunehmen, brüteten die Inhaftierten nur dumpf vor sich hin und schwiegen verbissen.

Unter den gegebenen Umständen gestaltete es sich für die terranischen Raumfahrer äußerst schwierig, sich untereinander abzusprechen. Gemeinsam zu beschließen, was sie den Polizisten während eines eventuell stattfindenden Verhörs sagen sollten, stellte sich als fast unmöglich heraus.

Entsprechend nervös reagierten Dhark und seine Begleiter, als der Glandare und der Murip wieder vor der Gitterwand erschienen und sich Zutritt zu der Großraumzelle verschafften.

Mit dem Lauf seiner Waffe deutete das Echsenwesen auf einen Stacwa und einen Luwaren. »Ihr da, mitkommen!«, befahl er streng. Weil die Angesprochenen der Aufforderung nur zögernd nachkamen, fuchtelte er unwirsch mit der Feuerwaffe, um die Gefangenen zur Eile anzutreiben. Schließlich packte der Murip die beiden Demonstranten bei den Handgelenken und zerrte sie mit sich auf den Flur hinaus.

Krachend schlug der Glandare die Tür zu, sperrte ab und marschierte dann mit vorgehaltener Waffe hinter seinem die Gefangenen abführenden Kollegen her.

»Wenn sie mir doch nur nicht mein Vipho abgenommen hätten«, jammerte Shanton auf Angloter. »Dann könnte ich mich jetzt in das planetare Datennetzwerk einwählen und nach einer kleinen abgelegenen Siedlung suchen, die wir während der Verhöre als unsere Heimat angeben könnten.«

»Wir müssen eben so vage und unbestimmt wie nur irgend möglich auf die Fragen der Polizisten antworten«, entgegnete Doorn ebenfalls auf Angloter. »Dann kommen wir vielleicht noch einmal mit einem blauen Auge davon.«

Shanton schluckte trocken. »Glaubst du etwa, man wird uns während der Befragungen Gewalt antun, Arc?«

»Woher soll ich das denn wissen?«, blaffte der Worgunmutant mürrisch. »Das mit dem blauen Auge war doch nur eine Redewendung, Mann!«

»Wir alle besitzen genug Erfahrung mit derartigen Situationen«, beendete Dhark das Geplänkel seiner Freunde. »Jeder von uns wird intuitiv wissen, wie er auf die entsprechenden Fragen antworten muss, ohne dabei Verdacht zu erregen oder einen anderen Gefährten in Gefahr zu bringen.«

»Am besten, wir bleiben so dicht an der Wahrheit dran wie möglich«, warf Amy ein. »Nur durch einen dummen Zufall sind wir in diesen Konflikt hineingeraten, und das müssen wir den Polizisten auch so verkaufen.«

Die Raumfahrer verfielen ins Schweigen und warfen der Deckenbeleuchtung argwöhnische Blicke zu. Hatten sie sich durch ihre Gespräche hier in der Zelle nicht schon verdächtig genug gemacht, mussten sie sich fragen.

Eine halbe Stunde später wurden die zuvor abgeführten Gefangenen wieder in die Zelle zurückgebracht. Dhark musterte die beiden Demonstranten argwöhnisch, konnte jedoch keine frischen Verletzungen an ihnen feststellen.

Mit finsteren Mienen kehrten sie zu ihren Feldbetten zurück und nahmen darauf Platz, den Blick eingeschüchtert auf den Boden gerichtet.

Unterdessen wies der Glandare zwei andere Inhaftierte an, mit ihm zu kommen. Der Murip packte die beiden Dizin bei den Handgelenken und führte sie aus dem Raum hinaus.

Amy blies die Wangen auf und stieß hörbar Luft aus. »Irgendwann werden auch wir an die Reihe kommen, Freunde.«

*

Während die beiden Dizin von den Polizisten in die Großraumzelle zurückgebracht wurden, starrten sie eingeschüchtert zu Boden. Wie geprügelte Hunde kehrten sie zu ihren Feldbetten zurück und ließen sich darauf nieder.

Wieder vermochte Dhark an den beiden Humanoiden keine Spuren zu entdecken, die darauf hindeuteten, dass sie während des Verhörs gefoltert worden waren. Zumindest körperlich schien ihnen kein Leid zugefügt worden zu sein. Doch irgendetwas musste die beiden katzenartigen Wesen stark eingeschüchtert haben. Die Muskulatur ihres Raubtiergebisses, die bei dem stark ausgeprägten Knochenkamm auf dem Kopf ansetzte, mahlte sichtlich, und die katzenartigen Augen mit den runden Pupillen blickten unstet umher. Der Dizinmann, der sich durch eine glatte Gesichtshaut auszeichnete, knetete nervös die Hände, und die Frau fuhr sich mit den Fingern ständig durch das dichte Gesichtshaar, das nur bei den Weibchen dieses Sternenvolkes auftrat.

Diesmal wählte der Glandare einen Utaren und einen Kolk zum Verhör aus. Der blaue Zwerg und der Vogelartige mit dem schwarzen Gefieder gebärdeten sich, als sollten sie zum Schafott geführt werden, während sie die Zelle verließen.

»Wie lange soll diese Prozedur denn noch andauern?«, rief Amy plötzlich aus und schnellte von ihrem Feldbett hoch.

Während der Glandare den Ruf kurzerhand ignorierte, wandte sich der Murip dem weiblichen Cyborg zögernd zu.

»Nachdem dieses Pärchen befragt wurde, werden die Verhöre erst einmal ausgesetzt«, erläuterte er. »Morgen früh geht es dann mit den Vernehmungen weiter.«

»Soll das etwa bedeuten, dass wir die ganze Nacht in dieser Zelle verbringen müssen?«, wurde Amy aufbrausend.

»Die Untersuchungshaft bleibt so lange bestehen, bis geklärt wurde, welche Rolle jeder Einzelne von euch während der illegalen Demonstration gespielt hat«, entgegnete der Murip in ruhigem Tonfall.

Missmutig verschränkte Amy die Arme vor der Brust. Dhark konnte es ihr deutlich ansehen, wie sehr sie sich zusammenreißen musste, um nicht lauthals gegen das Vorgehen der Sicherheitskräfte zu protestieren. Schließlich setzte sie sich wieder auf die Bettkante. Offenbar hatte sie eingesehen, dass sie zu wenig über das Rechtssystem dieser Welt wusste, um effektiv gegen die Methode der Polizei angehen zu können.

Nachdem die Ermittler zusammen mit den beiden Gefangenen die Zelle verlassen hatten, wandte sich Dhark seiner Lebensgefährtin zu. »Denk daran, dass wir so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf uns ziehen sollten, Amy.« Der Commander sprach mit gedämpfter Stimme und bediente sich vorsorglich wieder des Angloter.

Der weibliche Cyborg nickte kaum merklich. »Ich befürchte nur, dass sich unsere Lage weiterhin verschlechtern wird, wenn wir noch länger untätig in dieser Zelle ausharren müssen.«

»Das sehe ich ähnlich«, bekräftigte Doorn.

Dhark, der ahnte, worauf seine Freunde anspielten, furchte angestrengt die Stirn. Auch er machte sich Gedanken, wie die Besatzung der POINT OF und im Speziellen die in einem entlegenen Wald stationierten Flashpiloten sich in den kommenden Stunden verhalten würden. »Ich hoffe, Wonzeff wird nicht auf die Idee verfallen, irgendetwas zu unternehmen, um herauszufinden, warum ich mich seit Stunden nicht mehr bei ihm gemeldet habe«, äußerte er sich zerknirscht. »Bestimmt macht er sich bereits Sorgen und bespricht sich mit den anderen Flashpiloten, welche Schritte jetzt unternommen werden sollen.«

»Wonzeff ist bekannt für sein Draufgängertum und seine gelegentlichen Anflüge von Leichtsinn«, bekräftigte Amy. »Er würde mit seinem Flash lieber durch die Hölle fliegen, als einen Kameraden im Stich zu lassen.«

Sass schlug in dieselbe Kerbe. »Sollte Wonzeff sich zu einer Hilfsaktion hinreißen lassen, würde dies unsere bisherigen Bemühungen zunichtemachen. Unsere ganze Erkundungsmission wäre dann für die Katz.«

»Wenn Wonzeff die Rundfunksendungen und Aktivitäten im planetaren Datennetzwerk verfolgt, wird er erkennen, dass wir nicht in akuter Gefahr sind«, hielt Shanton dagegen. »Solange in den Medien keine besorgniserregenden Meldungen über uns kursieren, gibt es für ihn und die Offiziere an Bord der POINT OF keinen Grund, anzunehmen, dass wir ihrer Hilfe bedürfen.«

Yello rieb sich den Nacken. »Bleibt für uns nur zu hoffen, dass unsere Kameraden tatsächlich einen kühlen Kopf bewahren werden und uns nicht in die Parade fahren.«

Shanton seufzte. »Viel mehr als eine unbedachte Hilfsaktion seitens der Besatzung der POINT OF fürchte ich, dass Artus und Jimmy irgendetwas Unüberlegtes tun könnten. Die beiden sind dort draußen ganz auf sich allein gestellt, wer weiß, was in diesem Moment in ihren Schaltkreisen vor sich geht.«

»Die Panowen halten die beiden für einen harmlosen Dienstroboter und ein exotisches Haustier«, gab Yello leichthin zurück. »Ich glaube kaum, dass sie dort draußen etwas werden ausrichten können.«

Shanton schüttelte den Kopf. »Wenn Sie die beiden da mal nicht gehörig unterschätzen, Jes. Artus und Jimmy haben mitbekommen, was uns widerfahren ist, und werden die Zeit, die sie im Ungewissen über unser Schicksal sind, ganz bestimmt nicht untätig verstreichen lassen.«

Dhark knetete nervös die Finger. »Wir müssen dieses Verhörtheater irgendwie beschleunigen«, fasste er zusammen. »Andernfalls droht unsere Mission zu scheitern. Und was geschehen wird, sollten die Panowen die Wahrheit über uns erfahren und herausfinden, dass außerhalb ihres Sonnensystems entgegen ihrer Überzeugung tatsächlich weitere bewohnte Systeme existieren, wage ich mir gar nicht erst auszumalen.«

2.

Etliche Stunden zuvor

 

Der Stacwa starrte mich mit seinen Glupschaugen entgeistert an. Dass ich den Knüppel, den er Dhark auf den Rücken hatte schmettern wollen, mit einer blitzschnellen Bewegung abfangen und ihm den Prügel darüber hinaus auch noch mit einem Ruck entreißen würde, hatte er mir offenbar nicht zugetraut. Dem wirren Blick des Echsenwesens glaubte ich darüber hinaus entnehmen zu können, dass ihm nun langsam dämmerte, dass mehr in mir steckte als in einem gewöhnlichen Dienstroboter.

Doch bevor er irgendwelche Schlussfolgerungen ziehen konnte, wurde seine Aufmerksamkeit plötzlich auf die Polizeigleiter gelenkt, die in diesem Moment im Tiefflug über die Köpfe der Demonstranten hinwegjagten und dabei einen Sprühnebel absonderten.

Natürlich hatte ich das Herannahen der Gleiter schon vor etlichen Sekunden bemerkt, doch das um mich herum herrschende Handgemenge hatte es mir nicht erlaubt, den Commander auf die Fluggeräte aufmerksam zu machen.

Anscheinend hatten Dhark und die anderen zu unserer Gruppe Dazugehörenden die Polizeigleiter ebenfalls längst wahrgenommen. Doch auch ihnen nützte diese Beobachtung nur wenig. Nach wie vor stellte es sich uns als unmöglich dar, aus dem Pulk auszubrechen, in den wir da ungewollt hineingeraten waren.

Als gelte es, eine essenzielle politische Überzeugung gegen Anfeindungen zu verteidigen, gingen die beiden Demonstrantengruppen aufeinander los. Dabei handelte es sich bei den beiden Gruppierungen doch bloß um Anhänger zweier unterschiedlicher Ansichten über den Sinn und Zweck des überlichtschnellen Raumfluges. Während die einen forderten, dass die Entwicklung eines solchen Raumschiffsantriebes unbedingt vorangetrieben werden sollte, waren die anderen strikt dagegen – nicht mehr und nicht weniger.

Verständlicher wurde das Verhalten der Panowen dem Betrachter vielleicht dann, wenn er bedachte, dass die Bewohner dieser Welt fest davon überzeugt waren, dass außerhalb ihres Sonnensystems nichts als gähnende Leere existierte. Die Sterne am nächtlichen Himmel hielten sie bloß für rätselhafte Lichterscheinungen, denen keine Himmelskörper zugrunde lagen; viele hielten die funkelnden Lichter am Nachthimmel sogar nur für eine optische Täuschung.

Mit diesem Hintergrundwissen konnte man vielleicht verstehen, dass sich unter den Panowen um die Entwicklung des interstellaren Raumfluges ein derartiger Streit entfachen konnte. In der Peripherie ihres Sonnensystems befanden sich technische Abschirmanlagen, von denen die Planetenbewohner nichts wussten und die dafür sorgten, dass die hiesigen Wissenschaftler zu keinem anderen Schluss kommen konnten als den, dass außerhalb dieses Sonnensystems nichts existierte, was sich zu erforschen lohnte. Mit diesem Wissen erschien die Vehemenz, mit der sich die beiden Demonstrantengruppen momentan in den Haaren lagen, vielleicht nicht mehr ganz so abnormal – im Gegenteil, sie konnten einem leidtun.

Momentan erübrigten sich derartige Überlegungen allerdings, denn mit dem Auftauchen der Ordnungskräfte war eine dritte Fraktion auf den Plan getreten, die offensichtlich danach trachtete, die in der Fußgängerzone stattfindenden Kämpfe mithilfe einer chemischen Substanz sofort zu beenden.

Prüfend saugte ich etwas von dem Nebel, den die Gleiter über die Demonstranten versprühten, ein, um das Aerosol mit meinem Gasanalysator zu untersuchen.

Meine Programme brauchten nicht lange, die von den Sensoren erhobenen Daten auszuwerten. Bei dem Aerosol handelte es sich um ein äußerst aggressives und schnell wirkendes Betäubungsmittel. Dabei war das Anästhetikum chemisch so zusammengesetzt, dass es bei allen Vertretern der unterschiedlichen Sternenvölker, aus denen sich die Bevölkerung Panows zusammensetzte, eine völlig identische Wirkung erzielte. Das Gemisch würde bei den Individuen, die es einatmeten, heftigste Nebenwirkungen und Folgeerscheinungen hervorrufen, doch dafür entfaltete es zuverlässig und schonungslos die gewünschte Wirkung.

Und die ließ auch nicht lange auf sich warten. Reihenweise kippten die Demonstranten um; wie erschlaffte Gliederpuppen stürzten sie, wo sie gerade stritten, zu Boden. Individuen, die eben noch mit Fäusten und Knüppeln aufeinander losgegangen waren, lagen nun in scheinbar friedlicher Eintracht neben- oder sogar übereinander und regten sich nicht mehr.

Leider ereilte meine Freunde dasselbe Schicksal wie die Demonstranten. Dhark schaffte es mit Mühe und Not gerade eben noch, den Cyborgs, die längst ins Zweite System gewechselt und darüber hinaus gephantet hatten, zuzurufen, das Spiel mitzuspielen.

Stewart, Sass und Yello zögerten keinen Moment, den Befehl des Commanders auszuführen, und brachen wie plötzlich betäubt zusammen. Stewart blinzelte mir noch verschwörerisch zu, bevor sie die Augen schloss. Doch auch ohne diese Geste hätte ich das Täuschungsmanöver der drei Cyborgs selbstverständlich durchschaut.

Auch Jimmy beschloss, seiner Rolle als exotisches Haustier weiter nachzukommen und legte sich auf die Seite, wobei er vorsichtshalber die Zunge ausstreckte, um den darin verborgenen Strahler im Notfall sofort einsetzen zu können.

Ein extrem schwacher Funkimpuls erreichte mich aus seiner Richtung.

Du solltest auch besser tun, was der Commander verlangt und das Spiel mitspielen, schlug er mir vor.

Damit zeigte ich mich einverstanden. Und so kam es, dass ich weit und breit schließlich die einzige Person war, die noch aufrecht auf zwei Beinen stand. Ich befand mich inmitten einer sich nach allen Seiten hin ausbreitenden Masse aus dahingestürzten Intelligenzwesen. Reglos verharrte ich zwischen all den sedierten Echsenwesen, Insektenartigen und Humanoiden und wartete ab, wie sich die Dinge um mich herum entwickeln würden.

Um nicht gänzlich untätig zu erscheinen, verfiel ich schließlich auf die Idee, um Hilfe zu rufen, wie es ein gewöhnlicher Dienstroboter in meiner Situation sicherlich auch getan hätte. Dhark, meinem Herrn, ging es ganz offensichtlich nicht gut; zu diesem Schluss wäre auch das simpelste Mustererkennungsprogramm eines in Massenfertigung hergestellten Serienroboters gekommen. Es erschien mir daher nur recht und billig, ein Hilfeersuchen von mir zu geben. Mein grünes Stirnband mit dem goldenen »A« darauf hatte ich unlängst abgenommen und in einem Fach verstaut, sodass ich auf den ersten Blick tatsächlich wie ein handelsüblicher panowischer Dienstroboter aussah.

Allerdings war momentan weit und breit niemand zu sehen, der mein Flehen hätte hören, geschweige denn darauf reagieren können. Sämtliche Passanten, die sich nicht in die Auseinandersetzung mit hatten hineinziehen lassen wollen, hatten sich, als die Gruppen sich zu formieren begannen, in die inzwischen verrammelten Geschäfte ringsum geflüchtet. Und es sah nicht danach aus, als würden sie in absehbarer Zeit wieder daraus hervorkommen. Dies war auch nicht ratsam, denn das betäubende Aerosol hing noch immer wie zäher Morgendunst über der Fußgängerzone.

*

Es dauerte gut zehn Minuten, bis sich das Gasgemisch schließlich gänzlich verflüchtigt hatte. Die Sedierten lagen schlafend am Boden, und aus Shantons Richtung drang sogar ein vernehmliches Schnarchen zu mir herüber. Die Cyborgs regten sich ebenfalls nicht, und dies sogar, obwohl über Stewarts Handrücken langsam eine Spinne hinwegkroch.

Schließlich nahm ich am Rand meines Blickfeldes mehrere Bewegungen wahr. Aus den Seitenstraßen strömten Uniformierte in die Fußgängerzone hinein. Die Polizisten steckten in gepanzerten Ledermonturen, Helme schützten ihre Köpfe, und an ihren Koppeln hingen Schlagstöcke und Stromschocker.

Mir schwante nichts Gutes, trotzdem bewahrte ich die Ruhe und setzte mein verzagtes Rufen fort. Derweil zählte ich die heraneilenden Sicherheitskräfte; es waren weit mehr als dreihundert Polizisten, die aus allen Richtungen auf die Bewusstlosen zurannten.

Von der Straße her näherten sich nun mehrere schwarze Schweberbusse, die mit dem Signet der Polizei versehen waren. Sie setzten auf den Kufen auf, und die Hecktüren öffneten sich.

Unterdessen begannen die herbeigeeilten Polizisten damit, sich der Sedierten anzunehmen. Allerdings schienen sie nicht um das Wohlergehen oder die Gesundheit der Bewusstlosen besorgt zu sein.