Tibor 8: Expedition in die Urzeit - Achim Mehnert - ebook

Tibor 8: Expedition in die Urzeit ebook

Achim Mehnert

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Opis

Diese werkgetreue Umsetzung als Roman umfasst den Inhalt des achten Abenteuers aus den Piccolo-Comicheften 81-120 von Hansrudi Wäscher. Die Expedition, die von Tibor in einen unerforschten Teil des Dschungels geführt wird, steht unter keinem guten Stern. Eine junge Forscherin wird von fremden, weißen Kriegern entführt und in ein fernes Land verschleppt. Um sie zu befreien, muss Tibor nicht nur einer geheimnisvollen Schiffsflotte folgen, sondern auch die schneebedeckten Gipfel des Hochlands bezwingen, in dem das sagenumwobene Volk der Bergbewohner lebt. Doch das Zusammentreffen mit dem eigentlichen Feind steht Tibor erst noch bevor, denn niemals hat jemand den Kampf mit dem großen Abal überlebt.

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Impressum

Originalausgabe März 2016

Charakter und Zeichnung: Tibor © Hansrudi Wäscher / becker-illustrators

Text © Achim Mehnert

Copyright © 2017 der eBook-Ausgabe Verlag Peter Hopf, Petershagen

 

Lektorat: Katja Kollig

Umschlaggestaltung: etageeins, Jörg Jaroschewitz

Hintergrundillustration Umschlag: © Binkski – fotolia.com

E-Book-Konvertierung: Thomas Knip | Die Autoren-Manufaktur

 

ISBN ePub 978-3-86305-250-8

 

www.verlag-peter-hopf.de

 

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Hansrudi Wäscher wird vertreten von Becker-Illustrators,

Eduardstraße 48, 20257 Hamburg

www.hansrudi-waescher.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

 

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg, sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erfolgen.

 

Inhalt

WIE ALLES BEGANN

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

 

 

WIE ALLES BEGANN

 

Der junge Millionenerbe Gary Swanson erfüllte sich den Wunsch seiner Jugend. Von New York aus begab er sich auf Safari in den noch weitgehend unerforschten schwarzen Kontinent Afrika. Was wie ein Traum begann, entwickelte sich zu einem Albtraum.

Nach einem Ausflug zum Kilimandscharo geriet sein Flugzeug in eine ausgedehnte Schlechtwetterzone und stürzte ab. Swanson überlebte das Unglück nur leicht verletzt, konnte sich aber weder an seine Identität noch an seine Herkunft erinnern. Er hatte das Gedächtnis verloren.

Mit dem Willen zu überleben schlug er sich durch die Wildnis. Im Dschungel stieß Swanson auf einen von einem umgestürzten Baum eingeklemmten Gorilla und befreite ihn. Dafür bedachte ihn der große Affe Kerak mit dem Namen »Tibor«, was so viel bedeutet wie »der Hilfsbereite«. Kerak brachte Tibor das Überleben im Dschungel bei und lehrte ihn die Sprache der Tiere. Schnell wurden sie zu unzertrennlichen Freunden.

Bei einem Kampf im Urwald erlangte Swanson sein Gedächtnis schließlich zurück. Er spielte mit dem Gedanken, in die Zivilisation zurückzukehren, entschied sich aber dagegen. Im Einsatz für ihre Rechte wurden die Tiere seine Freunde und der Dschungel seine neue Heimat. Aus Gary Swanson war endgültig Tibor geworden.

 

 

 

ACHIM MEHNERT

Expedition in die Urzeit

 

Tibor Band 8

 

 

 

EINS

 

Hinter den toten Sümpfen zeichneten sich die sanft geschwungenen Hänge einer Hügelkette ab. Zwei Bergkegel erhoben sich darüber, aus denen Rauchfahnen in den wolkenlosen blauen Himmel stiegen. Tibors Blick glitt über die brackige Oberfläche des trügerischen Sumpfgeländes. Ein dreitägiger Marsch lag hinter dem Sohn des Dschungels und seinen Begleitern. Tibor und Kerak hatten den Paläontologen Professor Dobbs und seine Assistentin Miss Hudson an den Rand der toten Sümpfe geführt. Auf Tibors Schultern hockten die Äffchen Pip und Pop, Kerak trug das Gepäck der beiden Forscher. Nun ging es jedoch zu Fuß nicht weiter.

»Ich hoffe, Sie sind sich darüber im Klaren, dass das vor uns liegende Unternehmen nicht ungefährlich wird«, warnte Tibor die beiden Forscher. »Bis auf wenige Ausnahmen gehorchen die Tiere des Dschungels mir aufs Wort. Hinter den Sümpfen sieht das anders aus. Über die Saurier habe ich keine Macht.«

Dobbs winkte ab. »So gefährlich wird es schon nicht sein. Bangemachen gilt jedenfalls nicht. Wir sind nicht bis hierher vorgedrungen, um vor dem entscheidenden Schritt umzukehren. Ich bezweifle sowieso, dass dazu Anlass besteht. Die Urweltforschung hat ergeben, dass der Schädelraum von Sauriern ausgesprochen klein ist. Das Gehirn dieser Tiere muss daher im Vergleich zu anderen Spezies stark unterentwickelt sein. Die Reaktionsfähigkeit mancher Arten ist so langsam, dass sie, bildlich gesprochen, schon halb aufgefressen sind, bevor sie überhaupt merken, was geschieht.«

»Das mag für einige Pflanzenfresser zutreffen«, räumte Tibor ein. »Aber die Raubarten unter den Sauriern reagieren verteufelt schnell. Ich habe es bei verschiedenen Begegnungen mit dem Tyrannosaurus rex zu meinem Schrecken selbst erfahren.«

»Sogar diese Tiere existieren noch? Das ist fantastisch! Ich kann es kaum erwarten, sie zu sehen.«

Ein Lächeln grub sich in Dobbs’ Mundwinkel. Es schien nichts zu geben, was den Forscher in seinem Enthusiasmus bremsen konnte. Seine Beharrlichkeit beeindruckte Tibor. Allerdings schien der schwarzhaarige Mann mit dem Vollbart, dem Oberlippenbart und der schmalen Brille – das Aussehen eines typischen Gelehrten – ein wenig blauäugig zu sein. Er ließ sich mehr von seinem Herzen als von seinem Verstand leiten. Und Miss Hudson stand ihrem Chef an Begeisterungsfähigkeit kaum nach.

»Wie durchqueren wir den Sumpf?«, fragte die junge Frau, die das lange blonde Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden trug.

»Wir durchqueren ihn nicht, wir überqueren ihn«, verbesserte Tibor. »Einen Weg durch den Sumpf zu suchen wäre viel zu gefährlich. Wir gelangen durch die Luft ans andere Ufer.«

»Und wie?«, fragte der Professor. »Wollen Sie etwa über den Sumpf hinwegfliegen?«

»Das Fliegen überlassen wir anderen«, eröffnete der Sohn des Dschungels. »Wir lassen uns auf die andere Seite tragen.«

Er ließ seinen weithin zu vernehmenden Urwaldschrei erklingen. Danach zückte er sein Messer und schnitt mehrere Bündel Lianen ab, die er zu reißfesten Seilen zusammenknüpfte. Es dauerte nicht lange, bis sich ein Schwarm Adler näherte. Der Flügelschlag ihrer mächtigen Schwingen versetzte das Blattwerk der Bäume in Aufruhr. Sie landeten unweit des morastigen Sumpfufers. Tibor begrüßte seine Freunde in der Sprache der Tiere. Sofort gingen sie auf seine Bitte ein, ihn und seine Begleiter sicher über den Sumpf zu tragen.

Menschen und Affen banden sich die Seile um den Leib. Auch das Gepäck wurde befestigt und die Adler ergriffen die Lianen mit ihren Klauen. Pip und Pop schnatterten aufgeregt, als die Könige der Lüfte sich vom Boden erhoben. Professor Dobbs und Miss Hudson gaben keinen Kommentar ab. Tibor merkte den Forschern aber an, dass ihnen nicht ganz wohl in ihrer Haut war.

Bald waren alle in der Luft. Unter den Expeditionsteilnehmern flogen die toten Sümpfe dahin. Von oben sahen sie besonders bedrohlich aus. An manchen Stellen brodelte die düstere Brühe, Blasen stiegen an die Oberfläche und zerplatzten schmatzend. Der Sumpf schien ein unheimliches Eigenleben zu besitzen. Die Adler beeindruckte das nicht. Majestätisch glitten sie mit ihrer menschlichen Last dahin.

 

 

Sicher erreichten die Gefährten das andere Ufer, wo sie von den Adlern abgesetzt wurden. Tibor bedankte sich bei den Tieren, die sich daraufhin auf den Rückweg in bekanntes Gebiet machten. Vor der Expedition lag hingegen unerforschtes Land. Dobbs störte das nicht. Er konnte es kaum erwarten, endlich aufzubrechen, um die ersten Saurier zu Gesicht zu bekommen.

Tibor setzte sich an die Spitze der Gruppe, Kerak bildete den Abschluss. Beim Eindringen in den unbekannten Landstrich machten es die kleinen Äffchen sich wieder auf Tibors Schultern bequem.

Andere Tiere begegneten ihnen nicht. Die von Dobbs so sehnsüchtig herbeigesehnten Saurier ließen sich nicht blicken. Der Rest des Tages verging ohne besondere Vorkommnisse.

Stunden später kam die Zeit für eine Rast, denn allmählich neigte sich der Tag dem Ende entgegen. Tibor hielt Ausschau nach einem geeigneten Lagerplatz für die Nacht. Ein aus dem Dschungeldickicht aufragender Felsenhügel kam ihm wie gerufen.

»Wir klettern hinauf«, entschied er. »Oben schlagen wir unser Lager auf. Da sind wir vor unangenehmen Überraschungen sicher.«

Sie machten sich an die Kletterpartie. Die Affen turnten vorneweg und Tibor half den Forschern beim Aufstieg. Von oben hatten sie einen hervorragenden Ausblick. Dobbs’ Augen weiteten sich.

»Sehen Sie nur, Miss Hudson, äsende Dinosaurier! Geben Sie mir bitte das Fernglas aus dem Gepäck!«

»Helfen Sie mir lieber, die Zelte aufzuschlagen, Professor«, schritt der Sohn des Dschungels ein. »Ich verstehe Ihre Freude, aber Sie haben in den kommenden Wochen noch Zeit genug, die Tiere zu studieren. Es wird gleich dunkel. Wenn die Zelte bis dahin nicht stehen, müssen Sie und Miss Hudson unter freiem Himmel übernachten.«

Dobbs zügelte seinen Forscherdrang und ging Tibor zur Hand. Der Sohn des Dschungels hatte nicht von ungefähr zur Eile gedrängt. Die Zelte standen kaum, als sich die Nacht über das Lager legte. Alle begaben sich zur Ruhe. Tibor legte die Arme unter den Kopf und schlief augenblicklich ein.

 

*

»Wacht auf, ihr Schlafmützen!«

Eine laute Stimme weckte den Sohn des Dschungels. Als er sich aufrichtete und aus dem Zelt blickte, war Dobbs bereits auf den Beinen. Der Forscher gestikulierte mit den Armen.

»Guten Morgen, Professor. Sie sind schon wach?«, wunderte sich Tibor. »Die Sonne ist kaum aufgegangen.«

»Ich habe vor Aufregung kaum geschlafen, also konnte ich auch aufstehen. Die Saurier warten auf uns.«

Tibor stieg auf die Füße. »Vor allem wartet ein erfrischendes Bad auf uns und anschließend ein kräftiges Frühstück. Danach können wir uns Ihren Lieblingen widmen.«

»Ja, Sie haben recht. Ich hole etwas von unseren Vorräten.« Dobbs stapfte zwischen den Zelten hindurch. Gleich darauf drehte er sich ungläubig um. »Das gibt es doch nicht – unsere Lebensmittel sind verschwunden!«

Sofort war Tibor bei ihm, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen. »Tatsächlich! Jemand hat sie gestohlen, während wir schliefen. Kerak, wart ihr das?«

»Wir sind ganz unschuldig!«, riefen die drei Affen wie aus einem Mund.

Inzwischen war auch Miss Hudson aus ihrem Zelt gekommen. »Wie ich höre, wird es nichts mit dem Frühstück?«

»Keine Angst, wir werden schon nicht verhungern. Ich schicke Kerak los.« Tibor wandte sich an den Gorilla. »Kümmere dich um etwas Essbares.«

»Gerne. Aber ich frage mich, wer uns bestohlen hat. Wer konnte sich so leise anschleichen, dass wir nicht aufgewacht sind?«

Das hätte Tibor auch gerne gewusst. »Ich versuche es herauszufinden, während du uns Früchte holst.«

»Gut, ich beeile mich.«

»Aber wir bleiben hier!« Pip und Pop sprangen von Keraks Schultern. »Wir helfen dir bei der Suche nach Spuren.«

»Einverstanden. Bleiben Sie bitte hier oben, bis ich zurückkehre«, bat Tibor die beiden Forscher. »Sobald wir wissen, wer uns den ungebetenen Besuch abgestattet hat, kümmern wir uns um Ihre Saurier. Es gefällt mir nicht, dass sich jemand heimlich in unserer Nähe herumtreibt.«

Dobbs wühlte in seinem Bart. »Wer oder was immer es gewesen sein mag, gefährlich scheint der Besucher nicht zu sein. Sonst wäre er nicht so heimlich vorgegangen.«

»Man kann nie wissen«, blieb Tibor vorsichtig. »Immerhin ist es dem Unbekannten gelungen, uns im Schlaf zu überraschen. Ich will mir Gewissheit verschaffen, dass uns keine Gefahr droht.«

 

*

Der Sohn des Dschungels machte sich an den Abstieg. Die Äffchen kletterten neben ihm und hielten vergeblich nach Spuren Ausschau.

»Wir waren wohl etwas voreilig«, stellte Pip zerknirscht fest. »Auf den Felsen findet man keine Fußabdrücke.«

»Nicht so ungeduldig«, antwortete Tibor. »Auf den meisten Vorsprüngen hat sich Sand abgelagert. Ich bin sicher, da entdecken wir etwas. Irgendwo muss sich unser unbekannter Besucher ja festgehalten haben.«

»Vielleicht war es ein Vogel«, überlegte Pop laut.

»Unsinn! Die Lebensmittel waren nicht leicht, es hätte also ein sehr großer Vogel sein müssen. Das Rauschen der Schwingen hätte uns geweckt.«

»Du hast aber auch für alles eine Erklärung«, zeterte Pop.

Pip war dem Verlauf eines Felssimses gefolgt. Er machte mit lautem Geschrei auf sich aufmerksam. »Kommt hierher! Ich habe etwas gefunden!«

Tibor lief über den Sims und ging in die Hocke. Etwas lag zwischen den Steinen. »Sieh an, das ist der Faden, der den Rollschinken zusammengehalten hat. Gut aufgepasst, Pip! Ohne deine guten Augen wären wir daran vorbeigeklettert. Unser Besucher muss gewaltigen Hunger gehabt haben, sonst hätte er sich zunächst in Sicherheit gebracht, statt sich so nah am Lager über seine Beute herzumachen.« Tibor erhob sich wieder und sah sich um. »Dort drüben ist der leichteste Abstieg. Der Unbekannte wird diesen Weg gewählt haben, um hinunterzugelangen.«

Die Freunde stiegen bis zum Grund hinab. Der Felsenhügel war umgeben von weichem Erdreich. Es dauerte nicht lange, bis Tibor fand, wonach er Ausschau hielt. Jemand war hier gewesen.

»Was habe ich euch gesagt? Spuren nackter Füße.«

»Sehr kleiner Füße«, sagte Pip.

»Ja, das ist seltsam. Entweder leben in dieser Gegend kleinwüchsige Menschen, die ich noch nicht kenne, oder die Abdrücke stammen von einem Kind.«

»Du meinst, von einem Ogk-Kind?«

»Ja.«

»Wie sollte ein Ogk-Kind hierherkommen?«

Tibor hatte keine Antwort auf Pops Frage. »Vielleicht hat es sich verirrt. Ich hoffe, wir erfahren es bald. Folgen wir den Spuren! Sie scheinen dort drüben entlangzugehen.«

Die Abdrücke ließen sich leicht verfolgen. Sie führten auf einen weiteren Hügel zu. Der Dieb verwischte seine Spuren nicht. Er rechnete offensichtlich nicht damit, verfolgt zu werden. Plötzlich hielten die Äffchen inne und lauschten.

»Leise«, zischte Pip. »Jemand verbirgt sich im Gebüsch.«

»Er schmatzt unüberhörbar«, wisperte Pop. »Unser Besucher verschlingt den Rest der Lebensmittel. Eine gute Gelegenheit, um ihn zu erwischen.«

»Wartet!«, mahnte Tibor die Äffchen.

Sie hörten nicht auf ihn. In ihrer typischen vorwitzigen Art rannten sie los und sprangen zwischen die Büsche. Im nächsten Moment kreischten sie um Hilfe. Tibor konnte es ihnen nicht verdenken. Sie waren geradewegs auf einen fleischfressenden Raubsaurier gestoßen. Er schnappte gierig nach ihnen. Da er sie verfehlte, sprang er brüllend aus dem Buschwerk hervor. Tibor brachte sich mit einem geistesgegenwärtigen Sprung in Sicherheit. Der wütende Raubsaurier stapfte mit aufgerissenem Maul an ihm vorbei. Der Boden zitterte unter den mächtigen Pranken des grünen Giganten.

 

 

 

ZWEI

 

Auf der anderen Seite des Felsenhügels, auf dem die Zelte standen, äste eine Gruppe Brontosaurier am Ufer eines Sees. Ihre langen Hälse ragten über die Baumriesen hinaus. Unermüdlich rissen die Saurier Blattwerk aus den Kronen und fraßen sich daran satt.

»Ein unglaubliches Schauspiel!« Professor Dobbs war völlig in seinem Element. »Der Anblick von hier oben ist überwältigend. Alles ist im Urzustand verblieben. An diesem Ort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Schnell, geben Sie mir die Kamera, Miss Hudson. Ich will ein paar Schnappschüsse in den Kasten bekommen. Würden wir das alles erforschen wollen, müssten wir bis an unser Lebensende bleiben.«

»Gott behüte!« Die Assistentin reichte ihrem Chef die Kamera. »So eine fanatische Forscherin bin ich nicht. Ich gehe unserer Expedition gerne nach, doch was zu viel ist, ist zu viel. Ich habe keine Lust, bis an mein Lebensende hierzubleiben.«

Dobbs lachte. »Keine Sorge, ich will auch zurück in die Zivilisation. Wir verschaffen uns lediglich einen Überblick, der die Grundlage für spätere Expeditionen bildet. Sie werden viel besser ausgerüstet sein, als wir es heute sind.«

»Spätere Expeditionen?«, fragte Miss Hudson. »Die wird es nicht geben. Wir wollen das Material doch für uns behalten. Oder haben Sie Ihr Tibor gegebenes Versprechen vergessen?«

»Ich habe es nicht vergessen, aber ich fühle mich auch nicht daran gebunden. Es wurde mir von Tibor abgezwungen. Er ließ mir gar keine andere Wahl, als zuzustimmen. Deshalb fühle ich mich nicht zur Einhaltung dieses Versprechens verpflichtet.«

»Tibor ist bestimmt anderer Ansicht.«

»Meinetwegen. Das kann ich nicht ändern.« Dobbs winkte ab und brachte die Kamera in Anschlag. »Jeder hat seine eigene Sichtweise. Für mich geht es darum, all den Skeptikern unleugbare Beweise vorzulegen. Deshalb sammeln wir genügend Material, mit dem ich meine Theorien bei meinen Kollegen untermauern kann. Stellen Sie sich die Sensation auf einem wissenschaftlichen Kongress vor, wenn ich den Zweiflern meine Filmaufnahmen vorführe.«

Die blonde Frau schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, Tibor wird Ihnen nicht gestatten, Filme aus dem Gebiet hinauszubringen.«

»Das werden wir noch sehen. Er wird mich sicher nicht mit Gewalt daran hindern. Die ersten beeindruckenden Bilder habe ich jedenfalls im Kasten.« Dobbs ließ die Kamera sinken. »Kommen Sie, wir pirschen uns näher heran. Ich will einige Großaufnahmen von den Brontosauriern machen.«

»Halten Sie das für eine gute Idee, Professor? Tibor sagte doch …«

»Tibor, immer wieder Tibor«, fiel der Forscher seiner Assistentin ins Wort. »Ich kann den Namen bald nicht mehr hören. Wer weiß, wie lange er hinter dem Unbekannten her ist! Wollen Sie etwa so lange Däumchen drehen? Na, sehen Sie! Brontosaurier sind Pflanzenfresser. Sie sind ungefährlich für uns. Wir klettern hinunter und schießen sensationelle Bilder.«

Miss Hudson gab ihren Widerstand auf. Wenn ihr Chef sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ er sich nur schwer davon abbringen. Sie begab sich zum Rand des Felsenhügels und kletterte hinter dem Professor her.

 

*

Kerak hatte Bananen und andere Früchte gepflückt. Es waren so viele, dass er sie kaum tragen konnte. Sie reichten aus, um alle im Lager satt zu machen. Geschickt kletterte der Gorilla zum Lager hinauf und legte die Früchte auf dem Boden ab.

Bei den Zelten herrschte Stille. Sie waren verlassen. Kerak grunzte laut, um die Zweibeiner auf sich aufmerksam zu machen, doch sie meldeten sich nicht. Sie hatten das Lager verlassen, begriff er. Kerak kratzte sich ratlos am Kopf. Tibor hatte ihnen ausdrücklich gesagt, sie sollten auf seine Rückkehr warten. Wieso nur hatten sie nicht auf ihn gehört? Der Hilfsbereite war klug. Wenn er etwas befahl, dann hatte er seine Gründe dafür. Wer seine Warnungen ignorierte, der war selbst schuld.

Kerak machte sich Vorwürfe. Wäre er doch nur schneller wieder im Lager gewesen, um die Zweibeiner aufzuhalten! Er fürchtete, dass sie in Gefahr gerieten, wenn Tibor sie nicht begleitete. Wie unvernünftig sie doch waren!

Da Kerak nicht wusste, in welche Richtung sie aufgebrochen waren, lief er am Rand der Felsen entlang. Vielleicht konnte er sie von oben ausmachen und ihnen folgen, bevor ihnen etwas zustieß.

Schließlich entdeckte er sie. Sie hielten sich am Ufer eines Sees auf, an dem riesige Echsen an den Kronen der Bäume ästen. Der eine Zweibeiner hielt etwas in der Hand, das Tibor als »Kamera« bezeichnete. Man konnte damit von allem, was man sah, Bilder machen. Anfangs hatte der große Affe sich vor solchen Geräten gefürchtet, doch da Tibor keine Angst davor hatte, hatte auch Kerak keine.

Die Zweibeiner schlichen immer näher an die Saurier heran. Ein einziger Tritt der Riesen konnte sie zermalmen.

Sie müssen nicht ganz richtig im Kopf sein. Diese Worte hatte Tibor einmal benutzt und Kerak wusste, was sie bedeuteten.

 

*

Die Hälse der Brontosaurier reckten sich in die Baumkronen, ihre Körper waren von den Bäumen verdeckt. Die Perspektive war noch schlechter als oben auf den Felsen. Professor Dobbs bekam immer nur einen Ausschnitt der Urzeittiere in den Erfassungsbereich seiner Kamera. Es gelang ihm nicht, sie in ganzer Pracht aufzunehmen. Enttäuscht ließ er die Kamera sinken.

»So wird das nichts. Bäume und Pflanzen sind im Blickfeld und verdecken die Saurier«, murmelte er enttäuscht. Der Forscher sah sich suchend um und entdeckte einen umgestürzten Baum. »Den Baumstamm schickt uns der Himmel!«

»Sie haben hoffentlich nicht vor …?«, begann Miss Hudson.

»Aber sicher doch«, fiel Dobbs ihr ins Wort. »Der See hat keine Strömung. Uns kann nichts passieren. Helfen Sie mir, Miss Hudson. Wir schieben den Stamm ins Wasser und setzen uns drauf. Vom Wasser aus gelingen uns bestimmt hervorragende Schnappschüsse.«

Seine Assistentin legte mit Hand an. Gemeinsam gelang es ihnen, den abgebrochenen Baumstamm ins flache Wasser zu schieben und darauf Platz zu nehmen. Der Stamm war glitschig, doch ein paar verbliebene Äste boten Halt. Gemächlich trieb er aufs offene Wasser hinaus.

»Wunderbar, ganz wunderbar«, jubelte Dobbs. »Das ist genau die richtige Perspektive! Von hier bekomme ich die Tiere vollständig aufs Bild. Meine Aufnahmen werden Geschichte machen.«

Ein Stück weiter kräuselte sich die Wasseroberfläche. Ein grüner Kopf stieß aus dem See, gefolgt von einem langen Hals. Miss Hudson zuckte zusammen, als sich der Kopf in alle Richtungen drehte.

»Ein Saurier! Er sieht zu uns herüber. Das ist mir nicht geheuer, Professor. Ich habe Angst.«

»Kein Grund zur Beunruhigung.« Die Begeisterung ging mit Dobbs durch. »Das ist ein Plesiosaurus. Plesiosaurier ernähren sich von Fischen.«

»Das nehmen Sie an. Aber ob er das auch weiß? Sehen Sie nur, wie bösartig er uns anglotzt.«

»Nein, nein«, tat der Forscher die Befürchtung seiner Assistentin ab. »Ihn interessieren nur die Fische im See. Auf uns achtet er überhaupt nicht. Großartig, dass wir Gelegenheit erhalten, ihn bei der Nahrungssuche zu beobachten.«

Die junge Frau runzelte die Stirn. »Er nähert sich. Hoffentlich hält er uns nicht für zu groß geratene, absonderliche Fische.«

»Ach was! Wir brauchen keine Angst vor ihm zu haben.« Glückselig rückte Dobbs das neue Motiv in den Aufnahmefokus seiner Kamera.

 

*

Kerak war weniger naiv als die Zweibeiner. Durch das Verhalten des Sauriers spürte er instinktiv, dass die große Echse zum Angriff überging. Was sollte er bloß tun? Die Zweibeiner schwebten in Lebensgefahr und schienen es nicht einmal zu begreifen. Der Gorilla stapfte mit den Beinen auf. Er brüllte und winkte, um die Zweibeiner zu warnen, aber sie hörten ihn nicht.

Kerak beschloss, ihnen zu Hilfe zu eilen, bevor sie als Beute des Sauriers endeten. Er schwang sich über den Rand der Felsen und kletterte hinunter.

Wasser, dachte er. Nasses, kaltes Wasser. Ganz abscheulich.

Doch ihm blieb nichts anderes übrig. Ohne ihn waren die Zweibeiner verloren, denn Tibor war nicht in der Nähe. Kerak musste seine Scheu vor dem Wasser überwinden.

 

*

Der Kopf des Plesiosaurus schnellte vor, sein Maul war weit geöffnet. Miss Hudsons entsetzter Aufschrei ging im krachenden Bersten von Holz unter. Die kräftigen Kiefer der Echse packten den Baumstamm und schüttelten ihn, bis er splitternd entzweibrach. Die beiden Hälften flogen davon und klatschten in den See.

Die Forscher konnten von Glück reden, dass der Saurier sie nicht erwischte, weil sie von dem glitschigen Stamm rutschten und ins Wasser fielen. Dobbs streckte seinen Arm in die Höhe.

»Meine Kamera!«, schrie er. »Sie darf nicht nass werden, sonst war alles vergeblich.«

»Denken Sie an Ihr Leben und nicht an die alberne Kamera, Professor«, gab Miss Hudson prustend zurück. »Werfen Sie das Ding weg. Wir müssen schwimmen, und zwar schnell.«

Dobbs dachte nicht daran, sich von dem wertvollen Bildmaterial zu trennen. Er hielt seine Kamera fest und paddelte mit einer Hand hinter seiner Assistentin her. Miss Hudson versuchte mit kräftigen Schwimmzügen ans Ufer zu gelangen.

»Wir sind verloren. Das Untier folgt uns.«

»Ganz unmöglich. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen fressen Plesiosaurier nur Fische.«

Miss Hudson antwortete nicht. Offensichtlich handelte es sich bei den Erkenntnissen um einen Irrtum. Hastig schaute sie sich um. Die Echse war Menschenfleisch keineswegs abgeneigt. Meter für Meter holte sie auf. Der Vorsprung der beiden Forscher schmolz dahin. Sie waren zu weit aufs offene Wasser hinausgetrieben worden, um dem hungrigen Verfolger schwimmend entkommen zu können.

Der Saurier pflügte wie ein Geschoss durch den See. Sein Schwanz peitschte das Wasser und dem zahnbewehrten Maul entrang sich ein wütendes Fauchen.

Ein hungriges Fauchen.

Der lange grüne Hals streckte sich, der Kopf zuckte der Wasseroberfläche entgegen. Das Maul des Sauriers verfehlte Dobbs um eine Mannslänge. Der nächste Angriff würde nicht mehr fehlgehen. Miss Hudson drohte in Panik zu geraten und allmählich dämmerte auch Dobbs, was die Stunde geschlagen hatte. Dennoch trennte er sich nicht von seiner Kamera.

Tierisches Grunzen drang vom Ufer herüber. Kerak stand am Fuß des Felshügels, ein grauer Schatten, der einen Steinbrocken packte, ausholte und ihn dem Plesiosaurus mit aller Kraft entgegenschleuderte. Dem Treffer an dem grün gepanzerten Kopf folgte gequältes Fauchen. Der Saurier schwankte und kippte hintenüber, richtete sich aber gleich wieder auf.

»Kerak hat ihn abgelenkt.« Miss Hudson spuckte Wasser aus. »Schneller, Professor, wir haben es fast geschafft.«

Das rettende Ufer war nur noch wenige Meter entfernt. Der Gorilla tobte und brüllte. Er raffte weitere Steine an sich und deckte den Saurier mit einem Geschosshagel ein. Schließlich hatte das Urzeittier genug. Es ließ von seiner vermeintlichen Beute ab, warf sich herum und zog sich in tieferes Gewässer zurück. Die blonde Frau erreichte das Seeufer und ergriff die Pranke des großen Affen. Der Gorilla zog sie an Land.

»Danke, Kerak«, japste sie. »Ohne deine Hilfe hätten wir es nicht geschafft.«

Hinter ihr entstieg Dobbs den aufgewühlten Fluten. Auch ihn zog der Gorilla an Land.

»Vorsicht, du plumper Affe. Ich habe meine Kamera gerettet, aber du schaffst es noch, sie zu ruinieren«, protestierte der Professor. Weiter kam er nicht.

Plötzlich begann der Boden zu schwanken und zu dröhnen. Bäume knickten um wie Grashalme, als sich eine donnernde Walze in Bewegung setzte.

»Ein … ein Erdbeben«, krächzte Dobbs.

Er und seine Assistentin erhielten einen heftigen Stoß von Kerak. Bevor sie begriffen, was geschah, fanden sie sich unter der Uferböschung im Wasser wieder. Geschickt wich der Gorilla der heranstürmenden Gefahr aus. Statt ebenfalls ins Wasser zu springen, turnte er zwischen den Felsen herum. Aus aufgerissenen Augen verfolgten die Forscher das Schauspiel. Wo sie gerade noch gestanden hatten, trampelten Saurier in wilder Flucht vorbei.

»Kein Erdbeben.« Dobbs hielt sich an den Wurzeln der Böschung fest. »Etwas hat die Saurier in Panik versetzt.«

»Ja, das ist der reinste Weltuntergang. Kerak hat uns schon wieder gerettet.« Der jungen Frau war der Schreck in alle Glieder gefahren. »Wo wollen Sie hin, Professor?«

Kaum dass die unmittelbare Gefahr vorbei war, sprang Dobbs an Land. »Ich muss nachsehen, was die Tiere so erschreckt hat. Vielleicht ein Raubsaurier?«

»Das ist viel zu gefährlich.«

Dobbs ließ sich nicht aufhalten. Ohnehin waren die Befürchtungen seiner Assistentin unbegründet. Es hielt sich kein Raubsaurier in der Nähe auf. Die Echsen waren geflohen, weil das Getümmel im Wasser sie erschreckt hatte. Es hatte eine kurze Weile gedauert, bis ihre mickrigen Gehirne das Geschehen verarbeitet hatten, doch dann waren sie umso heftiger in Panik verfallen.

»Fünf Minuten hat es gedauert«, überlegte der Wissenschaftler laut. »In diesem Punkt stimmen unsere Forschungen also. Das Gehirn der Pflanzenfresser arbeitet so langsam, dass sie erst Minuten später reagieren. Notieren Sie diese Beobachtung in allen Einzelheiten, Miss Hudson.«

Inzwischen war auch die blonde Frau aus dem Wasser gestiegen. »Gern, aber erst wenn wir wieder oben auf den Felsen in Sicherheit sind.«

»Na schön.« Dobbs nickte bedächtig. »Aber solche kleinen Nebensächlichkeiten dürfen unseren Forscherdrang nicht dämpfen. Wo ist eigentlich meine Kamera? Sie ist mir aus der Hand geglitten, als Kerak uns ins Wasser geworfen hat. Oh nein, da schwimmt sie! Dieser dumme, stinkende Affe hat die Kamera ruiniert.«

»Seien Sie nicht ungerecht, Professor. Immerhin hat Kerak uns nicht weniger als das Leben gerettet.« Miss Hudson wandte sich von ihrem Chef ab. »Langsam bemerke ich, dass Sie eine Kamera höher als ein Menschenleben werten.«

»So war das doch nicht gemeint«, verteidigte sich Dobbs. »Sie haben ja recht. Ohne Kerak hätten die Saurier uns niedergetrampelt. Zum Glück habe ich zwei weitere Kameras dabei. Der Verlust lässt sich also verschmerzen.«

 

 

 

DREI

 

Seit dem Zusammenstoß mit dem Raubsaurier war es zu keinen weiteren Zwischenfällen gekommen. Die Bäume blieben hinter Tibor zurück. Am Waldrand, hinter dem ein Streifen offenen, unebenen Geländes begann, hielt er inne. Bis hierhin waren die Spuren des unbekannten Diebes mühelos zu verfolgen gewesen und sie setzten sich in Richtung des Hügels fort.

»Am besten wartest du hier, während Pip und ich dem weiteren Verlauf der Spur folgen«, schlug Pop vor. »In offenem Gelände bist du schon von Weitem zu sehen.«

Der Sohn des Dschungels nickte. Er hatte die gleiche Idee gehabt und auf die kleinen Äffchen war Verlass. Außerdem erregten sie keinen Verdacht, wenn der Unbekannte ihre Annäherung bemerkte.

»Aber seid vorsichtig«, gab Tibor ihnen mit auf den Weg.

»Das weißt du doch. Wir sind immer vorsichtig«, behauptete Pip.

Wenn es nur so wäre. Tibor seufzte, als die Äffchen davoneilten. Unbekümmert tollten sie über den offenen Landstreifen. Sie liefen hin und her, bis Pop eine Entdeckung machte.

»Da ist der Eingang zu einer Höhle, Pip.«

»Komm, wir gehen hinein.«

Jetzt entdeckte Tibor das schwarze Loch im Fels. Auf allen Vieren liefen die Äffchen auf die Öffnung zu. Bevor sie den Höhleneingang erreichten, kam ein Stein aus dem düsteren Loch geflogen und traf Pip am Kopf. Der Kleine schrie schmerzerfüllt auf und stürzte zu Boden. Sofort war Pop bei ihm.

»Er ist ohnmächtig, Tibor.«

Der Sohn des Dschungels erhob sich, um zu seinen Freunden zu eilen und ihnen gegen den heimtückischen Steinewerfer beizustehen. In diesem Moment kam ein Junge, kaum älter als zwölf Jahre, aus der Höhle gelaufen. Ein Lendenschurz, der von einem schmalen Gürtel gehalten wurde, fiel bis auf seine Oberschenkel. Bunte Bänder schmückten seine Hand- und Fußgelenke. Mit einer flinken Bewegung packte er Pop am Schwanz. Das ängstliche Quieken des Äffchens kommentierte er mit glockenhellem Lachen.

»Eine schöne Beute!«, stieß er aus, wobei er auch den bewusstlosen Pip aufhob. »Heute gibt es saftigen Affenbraten.«

Da hatte der Junge die Rechnung ohne Tibor gemacht. Schon war der Sohn des Dschungels heran. »Du bist also unser Dieb. Lass sofort die Affen los, Bürschchen.«

Der Junge wirbelte herum. Geistesgegenwärtig ließ er die Äffchen fallen und griff nach der hinter seinem Gürtel steckenden Steinschleuder. Damit also hatte er Pip attackiert. Bevor er einen Stein in die Schleuder legen konnte, war Tibor heran und packte ihn. Der Junge gab sich dem Erwachsenen nicht geschlagen. Er war geschickt und wand sich wie ein Aal. Tatsächlich gelang es ihm, sich Tibors Griff zu entringen. Wieselflink sprang er davon, um sich in der Höhle in Sicherheit zu bringen.

»Warte! Ich will dir nichts tun. Nun bleib doch stehen, damit wir miteinander reden können«, schickte der Sohn des Dschungels ihm hinterher. Es war sinnlos. Der Junge tauchte im Halbdunkel unter. Tibor lief bis zum Höhleneingang. Vorsichtig ging er weiter. »Hör mich an. Du hast nichts von mir zu befürchten. Ich will nur wissen, wie du hierherkommst.«

»Er ist weg. Komm wieder raus, Tibor.«

Die Äffchen waren ihrem Freund gefolgt. Pop sah sich misstrauisch um und Pip rieb sich den Schädel.

»Mein armer Kopf«, jammerte er.

»Gott sei Dank bist du wieder auf den Beinen«, sagte Tibor erleichtert.

»Ja, aber ich habe eine dicke Beule am Kopf. Dieser blöde Stein hat mich ganz schön erwischt. Lass uns verschwinden, bevor du auch noch eine Beule abbekommst.«

Es widerstrebte Tibor, sich aus der Höhle zurückzuziehen. Er wollte wissen, wer der Junge war und woher er kam. Plötzlich richteten sich seine Nackenhärchen auf. Als er die drohende Gefahr erkannte, war es bereits zu spät. Polternd rollten Felsbrocken den Abhang hinunter und ergossen sich in den Höhleneingang.

»Steinschlag! Schnell, tiefer in die Höhle hinein!«

Ein Fluchtversuch nach draußen wäre Selbstmord gleichgekommen. Die Brocken wirbelten Sand und Staub auf und verschütteten den Eingang. Keifend sprangen die Äffchen hinter Tibor her, der sich zur Seite warf und dem drohenden Verhängnis um Haaresbreite entging. Verärgert kam er wieder auf die Beine.

»Seid ihr verletzt?«

»Zum Glück nicht, aber der Höhleneingang ist völlig verschüttet«, klagte Pop.

Es sah in der Tat böse aus. »Da kommen wir nicht raus. Nur gut, dass die Felsbrocken nicht herabgestürzt sind, als der Junge und ich noch draußen waren. Sie hätten uns erschlagen und euch vielleicht auch.«

Pip strich vorsichtig über die Beule an seinem Kopf. »Wo steckt der freche Lümmel eigentlich?«

Das fragte Tibor sich auch. Er sah sich um. Obwohl der Eingang zugeschüttet war, herrschte in der Höhle Zwielicht. Eigentlich hätte es stockdunkel sein müssen. Von dem Jungen war nichts zu sehen.

»Willst du nicht endlich herauskommen? Du brauchst dich nicht vor uns zu verbergen. Wir müssen gemeinsam versuchen, wieder ins Freie zu gelangen«, rief Tibor. Er erhielt keine Antwort. »Vermutlich ist er völlig verängstigt und wagt nicht, sich zu melden.«

»Das schadet ihm gar nichts«, zeterte Pip. »Ohne seinen Stein hätte ich jetzt keine Kopfschmerzen.«

Der Sohn des Dschungels überlegte kurz. »Wartet hier auf mich. Ich dringe weiter vor. Irgendwo muss der Bursche ja stecken.«

»Aber pass auf, sonst fängst du dir auch einen Stein ein.«

Der Sohn des Dschungels beherzigte die Warnung. Der Junge benahm sich wie ein in die Enge getriebenes Tier und die waren bekanntlich besonders gefährlich. Eine Steinschleuder war zudem eine nicht zu unterschätzende Waffe. Vorsichtig bewegte sich Tibor weiter, bis er auf ein notdürftig aus Blättern und Gras errichtetes Lager stieß. Eine kurze Untersuchung ergab, dass der Junge nicht allein war. Neben seinen Abdrücken zeichneten sich die einer zweiten, viel größeren Person im Laub ab. Neben dem Jungen hatte ein Erwachsener geschlafen. Doch nun waren beide verschwunden.

Tibor setzte seinen Weg fort und es wurde zunehmend heller. Er rechnete jeden Augenblick mit einem Angriff, doch er blieb unbehelligt, bis sich die Höhle schließlich verengte. Er gelangte an ein Loch, durch das Tageslicht hereinfiel. Enttäuscht erkannte er, dass er nicht durch die Öffnung passte, die dem Jungen als Fluchtweg nach draußen gedient hatte.

Allmählich begann er zu begreifen. Der Steinschlag war kein Zufall gewesen – ganz im Gegenteil. Der erwachsene Begleiter des Kleinen hatte ihn vorsätzlich ausgelöst. Ihm war klar, dass der Junge durch das enge Loch schlüpfen konnte, sein Verfolger jedoch in der Höhle gefangen war. Ein raffinierter Plan, der tatsächlich aufgegangen war.

Wer mochten die beiden sein? Vater und Sohn, die aus einem unbekannten Grund keinem Stamm angehörten, sondern sich allein durchs Leben schlugen?

Müßige Überlegungen, die Tibor nicht weiterbrachten. Hier kam er jedenfalls nicht weiter. Er musste versuchen, den verschütteten Eingang frei zu räumen. Er lief den Weg in den vorderen Höhlenbereich zurück. Pip und Pop hockten auf den Steinen und erwarteten ihn ungeduldig.

»Hast du den kleinen Zweibeiner gefunden?«

»Nein, er ist entwischt«, bedauerte Tibor. »Hinten gibt es einen engen Durchgang, groß genug für den Jungen, aber zu klein für mich. Ich versuche hier mein Glück.«

Er machte sich daran, die Felsbrocken beiseitezuräumen. Es war ein aussichtsloses Unterfangen. Die meisten Brocken waren so schwer, dass er sie nicht einmal bewegen konnte. Ernüchtert stellte Tibor seine Bemühungen ein.

»Ich schaffe es nicht. Ich komme weder vorne noch hinten aus der Höhle raus.«

»Und was machen wir nun?«, fragte Pop.

»Für euch ist das Loch hinten groß genug.« Tibor hatte eine Idee. »Lauft zu Kerak. Er soll mit einem Gork hierherkommen.« Gork, so lautete die Bezeichnung der Ogk-Menschen für den mächtigen Triceratops. »Das große Tier kann die Felsen mit seiner Kraft mühelos in die Höhle stoßen. Wir haben gesehen, wie die Ogks ihre Gorks zur Arbeit abrichten. Kerak war dabei. Er wird sich daran erinnern.«

»Wir machen uns sofort auf den Weg.«

Tibor führte die kleinen Äffchen zu dem Durchgang. »Beeilt euch, aber seid vor dem Jungen und seinem Begleiter auf der Hut.«

»Darauf kannst du dich verlassen. Eine Beule genügt mir«, schnaubte Pip.

Pip und Pop stiegen durch die Öffnung. Tibor ließ sich auf dem Boden nieder und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Felswand. Er konnte nichts anderes tun als warten.

 

*

Die Äffchen kletterten durch den engen Tunnel bis zu einer Öffnung an der Oberfläche, durch die Sonnenlicht hereinfiel. Pip hielt den vorauseilenden Pop am Schwanz fest.

»Halt! Siehst du den Schatten nicht?«

»Oh, dort oben kauert jemand. Der kleine Zweibeiner will uns abfangen. Er will verhindern, dass wir Hilfe für Tibor holen.«

»Ja, und am Schatten erkennt man, dass er einen Knüppel in der Hand hält.«

Pop kratzte sich hinterm Ohr. »Was nun?«

»Wir müssen hinaus«, drängte Pip.

»Ich weiß auch schon, wie. Du steckst deinen Kopf hinaus und …«

»Nein, nein«, protestierte Pip. »Nicht schon wieder ich. Jetzt kannst du deinen Kopf mal hinhalten.«

»Lass mich ausreden.« Pop hatte sich genau überlegt, was zu tun war. »Du sollst nicht abwarten, bis dir der Knüppel auf den Kopf saust. Wir überlisten den kleinen Zweibeiner. Du ziehst dich blitzschnell wieder zurück und wenn er sich vorbeugt, werfe ich ihm eine Handvoll Sand ins Gesicht.«

»Du meinst, dann kann er für kurze Zeit nichts sehen und wir entwischen ihm?«

»Genau, du hast verstanden.«

Pip kicherte. »Sehr gut. Das hat er verdient.«

 

*

»Es wird nicht lange dauern, bis sie herauskommen«, ahnte Urak.

Gemal nickte wortlos. Der Junge lag geduldig auf der Lauer. Der Fremde, dem er die Lebensmittel gestohlen und der ihn verfolgt hatte, war in der Höhle gefangen. Den rückwärtigen Ausgang konnte er nicht passieren, dazu war er zu groß. Wohl aber waren die Äffchen, die ihn begleiteten, klein genug, um auf diesem Weg in die Freiheit zu gelangen. Es war Gemals Aufgabe, ihre Flucht zu verhindern.

Urak täuschte sich nicht. Aus dem Felstunnel drangen Geräusche. Die Äffchen kletterten hindurch. Gemal hörte sie in ihrer Affensprache miteinander sprechen. In dem düsteren Loch zeichneten sich Bewegungen ab. Ein Kopf tauchte darin auf.

Gemal hob die Keule. Doch er kam nicht dazu, sie zu benutzen. Dreck flog ihm in die Augen und raubte ihm die Sicht. Der Junge ließ die Keule fallen und riss schreiend die Hände vors Gesicht.

»Meine Augen, Urak! Sie brennen. Ich kann nichts sehen.«

Der Mann eilte herbei. »Bleib ganz ruhig und schließe die Augen. Nicht mit den Händen reiben. Die Tränen spülen den Sand heraus. Gleich ist alles wieder in Ordnung.«

Die tröstenden Worte konnten den Jungen nur wenig beruhigen. Durch einen Schleier aus Tränen sah er undeutlich, wie die beiden Affen aus dem Loch sprangen und davonliefen. Er glaubte ihr hämisches Gelächter zu vernehmen.

 

*

»Das hat prima geklappt«, freute sich Pop. »Die Zweibeiner haben ganz schön dumm aus der Wäsche geguckt. Nun laufen wir schnell zu Kerak.«

»Nicht wir, nur du«, sagte Pip.

»Was machst du? Willst du zu Tibor zurückgehen?«

»Nein. Ich behalte die heimtückischen Zweibeiner im Auge.«

»Aber warum?«, wollte Pop wissen. »An Tibor kommen sie nicht heran. Bis wir mit Kerak eintreffen, ist er sicher.«

»Ja, aber sicher erwarten die bösen Zweibeiner, dass wir zurückkommen«, erklärte Pip. »Falls sie etwas gegen euch unternehmen wollen, wenn ihr die Felsen vor der Höhle wegräumt, kann ich euch warnen. Und nun mach dich auf den Weg!«

»In Ordnung. Ich beeile mich«, versprach Pop. Er rannte los, so schnell er konnte.

 

*

Professor Dobbs und Miss Hudson saßen vor den Zelten und erwarteten Tibors Rückkehr. Sie schossen in die Höhe, als an seiner statt einer der beiden kleinen Affen die Felsen heraufgesprungen kam. Aufgeregt schnatterte das Äffchen auf Kerak ein.

»Was mag nur mit dem Kleinen los sein?«, überlegte Dobbs. »Er ist völlig aus dem Häuschen.«

»Hoffentlich ist Tibor nichts zugestoßen«, sorgte sich die junge Frau. »Wer weiß, in welche Lage er bei der Verfolgung des geheimnisvollen Lebensmitteldiebs geraten ist. Da, jetzt wird auch Kerak ganz unruhig. Die Nachricht des Kleinen hat ihn aufgeregt. Wenn wir doch nur wie Tibor ihre Sprache verstehen könnten.«

»Kerak will aufbrechen.«

»Bestimmt ist Tibor etwas zugestoßen. Was fuchtelt Kerak denn mit den Händen herum?«

»Ich glaube, er will, dass wir hierbleiben«, interpretierte Dobbs die Handzeichen des Gorillas. »Die Affen brechen auf. Schnell, wir schließen uns ihnen an.«

Miss Hudson zögerte. »Kerak scheint etwas dagegen zu haben.«

Tatsächlich unterbrach der Gorilla seinen Aufbruch. Er packte den zappelnden Forscher, setzte ihn vor einem der Zelte ab und reichte ihm einige Früchte.

»Ich verstehe, was du willst«, brummte Dobbs. »Du willst, dass wir hierbleiben, aber ich lasse mich nicht von einem Affen herumkommandieren. Ja, du hast richtig verstanden. Ich bin ein Mensch und du bist ein großer, dummer Affe.«

»Sie sollten ihn nicht so nennen«, protestierte die Assistentin. »Nach unserem Abenteuer mit dem Plesiosaurus habe ich den Eindruck, dass dieser dumme Affe zuweilen mehr Verstand besitzt als ein gewisser Professor.«

»Ich muss doch sehr bitten, Miss Hudson.« Dobbs rückte seine verrutschte Brille zurecht. »Überlegen Sie doch nur mal! Es kann sein, dass Tibor in eine Lage geraten ist, aus der er nur von einem Menschen befreit werden kann. Ich denke dabei zum Beispiel an eine Falle, in die ihn der Dieb gelockt haben könnte. Um sie zu öffnen, bedarf es womöglich komplizierter Denkvorgänge, zu denen ein Affe nicht fähig ist.«

»Ja, das wäre möglich«, räumte die junge Frau ein.

»Deshalb folgen wir Kerak, ob es ihm passt oder nicht.«

»Einverstanden, Professor.«

Nach dem Aufbruch der Affen machten sich auch die beiden Forscher auf den Weg. Beim Weg durch den Dschungel gaben sie sich Mühe, Kerak und Pop nicht aus den Augen zu verlieren.

 

*

»Ein Triceratops «, keuchte Dobbs.

Der Professor und seine Assistentin verharrten geräuschlos. Der mächtige Triceratops kauerte träge unter einem Baum. Noch hatte er nicht mitbekommen, dass er nicht alleine war. Drei Hörner, zwei oben und eins weiter vorne auf der Schnauze, zierten den gepanzerten Schädel des Sauriers, der sich träge umdrehte, als er Geräusche vernahm.

»Was soll das? Kerak geht genau auf den Triceratops zu«, wunderte sich der Professor. Und nicht nur das: Der Gorilla hob einen starken Ast auf und schwang ihn wie eine Keule. »Da, jetzt geht der Saurier auf ihn los! Was hat dieser dumme Affe nur vor?«

Die Forscher erlebten es Sekunden später. Statt dem Dickhäuter auszuweichen, stellte Kerak sich ihm entgegen. Er versetzte dem Saurier zwei Schläge mit dem Knüppel, direkt gegen das vordere Horn. Rasend vor Wut stapfte der Dickhäuter los, um den dreisten Angreifer aufzuspießen. Mit einem schnellen Sprung entging Kerak der tödlichen Attacke, doch statt sich in Sicherheit zu bringen, stemmte er die Pranken in die Hüften und brüllte den Saurier an.

»Kerak reizt den Triceratops absichtlich«, schloss Dobbs aus dem Verhalten des Gorillas. »Verstehen Sie das?«

»Nein.« Die Blondine schüttelte den Kopf. »Aber statt Kerak anzugreifen, bleibt er wieder stehen.«

Es kam sogar noch toller. Vor den Augen der gebannt zuschauenden Forscher stieg der Gorilla auf den Rücken des Sauriers und nahm in seinem Nacken Platz. Der Riese setzte sich in Bewegung und trottete zwischen den Bäumen davon.

»Das ist ja nicht zu glauben! Kerak benutzt ihn als Reittier. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen sehen würde …«

»Ja.« Dobbs richtete sich auf. »Aber wir haben es gesehen. Kommen Sie! Wir dürfen die Tiere nicht aus den Augen verlieren. Sicher ist Kerak weiterhin auf dem Weg zu Tibor.«

Hinter den Forschern brach Geäst und unvermittelt schrie Miss Hudson auf, als eine kräftige Hand nach ihr griff und sie festhielt. Der Professor und seine Assistentin sahen sich zahlreichen Berittenen gegenüber. Bei den Männern auf den Pferden handelte es sich um mit Speeren und Schilden bewaffnete Weiße. Sie hatten ausnahmslos helle Haare, die von Stirnbändern gebändigt wurden, und wuschelige Bärte.

Vergeblich versuchte Miss Hudson sich aus dem Griff des einen zu befreien. Ohne nachzudenken, trat Dobbs vor und griff nach der Hand des Reiters.

»Lass sie sofort los!«

Eine Faust flog auf den Professor zu, doch er wich ihr geistesgegenwärtig aus. Den Speer, den einer der Reiter gegen ihn führte, sah Dobbs zu spät. Er spürte einen schmerzhaften Stich in der Brust, dann wurde es schwarz um ihn.

 

 

*

»Das sind nicht die Gesuchten.« Kurdals Tonfall verriet Enttäuschung.