Shake your Life - Ralph Goldschmidt - ebook

Shake your Life ebook

Ralph Goldschmidt

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Opis

Der Traum von der schnellen Karriere ist ausgeträumt. Bei den Menschen heute steht eine gesunde Mischung aus Privatem und Arbeit ganz oben auf der Wunschliste an ihren Arbeitsplatz. Work-Life-Balance ist besonders für jüngere Arbeitnehmer wichtiger als Arbeitsplatzsicherheit, Höhe des Gehalts, Unabhängigkeit, Firmenwagen - so das Ergebnis einer Umfrage der Zeitschrift WirtschaftsWoche (11/2009). Work-Life-Balance bedeutet heutzutage, überall top zu sein: im Sport, im Job, als Eltern, im Bett. Wie kann man all diesen An- und Überforderungen gerecht werden und sich dabei die Leichtigkeit und den Spaß am Leben bewahren? Das ist allabendlich das Thema in der Jangada Bar. In sieben frech und dynamisch erzählten Geschichten, erfährt der Leser, wie er seinen individuellen Lebensstil finden und scheinbare Gegensätze integrieren kann. Im Mittelpunkt steht Barmixer Bruno, der seinen Gästen sieben Prinzipien für mehr Leistungskraft und Lebensglück vermittelt und daraus sehr individuelle und süffige Cocktails mixt. Ein hochprozentiges Lesevergnügen!

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Ralph Goldschmidt

ShakeyourLife    

Der richtige Mix aus Karriere,       Liebe, Lebensart

Die Deutsche Nationalbibliothekverzeichnet diese Publikation inder Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Lektorat Ute Flockenhaus, GABAL VerlagUmschlaggestaltung,Satz und LayoutMartin Zech Design, Bremen,www.martinzech.deUmschlagfotoBirgit Bernt, Berlin, www.media-b.deKleine UmschlagfotosSteve Allen, Brand X Pictures/getty imagesgbh, www.morguefile.comCornerstone, www.pixelio.de

©2014 GABAL Verlag GmbH, OffenbachDas E-Book basiert auf dem 2010 erschienenen Buchtitel „Shake your Life“ von Ralph Goldschmidt, ©2010 GABAL Verlag GmbH, Offenbach.

ISBN Buchausgabe: ISBN 978-3-86936-107-9ISBN epub: 978-3-86200-911-4

© 2010 GABAL Verlag GmbH, OffenbachAlle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

www.gabal-verlag.de

Vorwort

Hi! Und bei dir?

1

Double Vision

Geld Beziehung Sinn

2

Piña Colada

Gesundheit Erfolg Familie

3

Absolutely Fabulous

Leistung Lifestyle Sex

4

Beam me up, Scotty

Wohnen Sport Bildung

5

Painkiller

Status Luxus Macht

6

Screwdriver

Kultur Drogen Altersvorsorge

7

Forbidden Fruits

Freundschaft Träume Ziele

Nachwort

Mach’s gut!

Die Handschuhe fühlen sich innen rau an.

Ich packe die Schere, trete zur nächsten Rebe und schneide sie runter. Mein Atem bildet eine weiße Wolke. Eine gesunde, kräftige Rebe lasse ich stehen. Ihr traue ich zu, viel zu tragen. Ich lasse nicht zwei stehen, ich will nicht auf Menge produzieren. Sondern auf allerhöchste Qualität. Es geht um Kraft, um Energie. Am Ende um Geschmack und Charakter. Nicht um möglichst viele Liter. Es geht um mehr als mehr.

Die Rebe lasse ich etwa 80 cm lang, sie steht senkrecht nach oben. Das Restholz wird runtergeschnitten. Was bleibt, ist die Rebe, der Stock und die Wurzel.

Ich atme die schneidend kalte Luft ein. Und schaue mich um. Ich stehe in einem Steilhang – in meinem Steilhang. Unter mir windet sich die Mosel, die Sonnenstrahlen lassen das Wasser glitzern. Die niedrig stehende Sonne hat noch nicht ihre volle Kraft, aber sie ist gleißend hell, ich muss die Augen zukneifen, wenn ich in den stahlblauen Himmel schaue.

Aus den Trauben dieser Rieslingreben wird einmal Sekt werden. Und mit diesem Winzersekt werden Menschen miteinander anstoßen. Auf ihre Erfolge, auf ihre Pläne und Hoffnungen, auf ihr Glück. Vielleicht ein Liebespaar bei Kerzenschimmer. Vielleicht ein stolzer junger Mann, der mit seinen Freunden auf den nächsten Karriereschritt anstößt. Vielleicht eine alte Dame, die zum Geburtstag mit ihren Gästen das Glas erhebt und ihre Jahrzehnte vor dem inneren Auge Revue passieren lässt.

Am Horizont biegt die Mosel um die Ecke. Wenn in Hollywood ein Moselwinzerfilm den Oscar als beste ausländische Filmproduktion gewinnen würde, dann wäre genau dieses Bild die Eröffnungsszene.

Absurder Gedanke. Ich muss laut lachen und gehe einen Schritt weiter, zur nächsten Rebe.

3 cl schwedischer Wodka Blackcurrant3 cl dänischer Wodka Citron4 cl klarer Apfelsaft (Direktsaft)3 Spritzer Angostura Bitter

»Einen Blue Lagoon, bitte.«

»Aber gerne.«

Blue Lagoon – Wodka und Curaçao. Ich öffne den Kühler.

»Oder … Moment«, sagt der Gast mit scharfer Stimme. »Nein, bitte lieber einen Caipirovka.«

»Genauso gut. Kommt sofort.«

Ich nehme also nur den Wodka raus, schließe den Kühler. Caipirovka. Ich greife nach den Limetten und meinem scharfen Messer.

»Oh, halt! Tut mir leid. Jetzt weiß ich’s. Ich hätte lieber gerne einen Double Vision. Geht das?«

»Mein lieber Freund!« Ich lege das Messer hin, lege die Limetten zurück in den Alessi und lache ihn offen an. »Natürlich geht das. Ich warte auch gerne noch eine Weile. Könnte ja sein, dass Ihnen noch ’ne andere Idee kommt.«

»Nein. Nein. Keine Sorge. Ich bleib dabei.« Er schaut mich verblüfft an.

»Okay.« Ich zwinkere ihm zu. »Dass Wodka drin sein soll, das scheint ja jedenfalls ausgemacht. Wollen Sie einen Wodka pur? Das wäre die sichere Lösung.«

Jetzt lächelt er. »Njet. Danke. Sorry, ich unterschreib Ihnen auch gerne ein Formular. Ich will wirklich einen Double Vision. Der passt gerade am besten.«

Was meint er damit? Double Vision passt am besten? Eins liegt auf der Hand: Der Typ sieht im Moment irgendwie nicht klar.

»Gut. Dann mache ich’s Ihnen leicht. Sie haben hier ab sofort eine persönliche Getränkekarte, die ist speziell für Sie. Und auf der steht nur ein Getränk: Double Vision. Sie können also bestellen, was Sie wollen, ich mache Ihnen in jedem Fall einen Double Vision. Klare Sache. Einverstanden?«

Mr. Wodka lacht. Jetzt schaut er richtig fröhlich aus. »Gut, Chef. Dann hätte ich gerne eine Bloody Mary!«

Wir lachen beide. Netter Kerl. Er geht ein paar Schritte von der Bar in den Raum hinein und macht sich’s in einem der Ledersessel gemütlich. Seinen schokobraunen Pal-Zileri-Mantel wirft er lässig auf den anderen Sessel neben sich. Lockert die Krawatte. Das sieht nicht so aus, als ob er sich noch mit jemandem treffen würde. Der Mann geht heute Abend mit sich alleine aus.

Ich schreite zur Tat. Double Vision. Keine Zutat wird in Cocktailbars öfter verwendet als Wodka. Wodka ist eine klare Sache. Und Klarheit, das kann dieser Beau hier in meiner Bar gerne haben.

Ich fülle vier Eiswürfel in meinen Boston Shaker. Das ist das Teil mit dem Metallbecher oben und dem großen Glas unten. Meine Eiswürfel sind glasklar. Wir sind hier ja auch nicht bei Um-die-Ecke, sondern in der Jangada Bar – meiner Bar. Und bei mir gibt es keine weißen Eiswürfel. Ich koche das Wasser auf, bevor es in die Eismaschine kommt, das ist der Trick. Und die Maschine stelle ich auf superkalt, denn zum Mixen brauche ich kalte, trockene Würfel, und das Eis muss immer frisch sein, sonst schmeckt es nicht neutral. Erst ganz heiß, dann ganz kalt, kein Wischiwaschi. Das Longdrinkglas stelle ich schon mal bereit und fülle es mit Eiswasser aus der Karaffe, damit das Glas nachher kühl ist. Dabei achte ich darauf, dass die Außenseite des Glases trocken bleibt.

In den Shaker zum Eis kommen jetzt 3 cl Wodka mit Johannisbeeraroma, also bei mir schwedischer Wodka Blackcurrant, sowie 3 cl dänischer Wodka Citron. Die beiden finde ich entschieden am besten. Dazu 4 cl klarer Apfelsaft. Direktsaft.

Wir sind hier ja auch nicht bei Um-die-Ecke, sondern in der Jangada Bar.

Becher drauf, kleiner Schlag mit dem Handballen obendrauf und schütteln. Beim Schütteln wir die Luft innen kälter, zieht sich zusammen, es entsteht ein leichter Unterdruck, der Glas und Becher zusammenhält. Ist wirklich dicht.

Beim Shaken schaue ich wieder nach Mr. Wodka. Er sitzt da und schaut ins Leere. Strahlendes Glück sieht anders aus. Auf den ersten Blick ist er ein verdammt gut aussehender Bilderbuch-Mann, wie frisch vom Armani-Laufsteg. Schlank, groß, sportlich, über den Schläfen geht der Haaransatz schon leicht zurück. Super Friseur. Ein Gesicht wie Viggo Mortensen, gepflegter Dreitagebart, Grübchen am Kinn. Wow, denke ich, toller Hecht. Aber er schaut irgendwie verdrossen ins Leere.

Mit der linken Hand drücke ich den umgedrehten Shaker auf die Platte und haue mit der rechten Hand kräftig gegen den Rand des Metallbechers. Das Teil öffnet sich, ich nehme das Glas raus, gieße das Eiswasser aus dem Cocktailglas und fülle dann den Drink durch das Barsieb ein und …

Mist!

Ich habe den Angostura vergessen.

Der Double Vision hat es in sich. Nicht nur wegen des kräftigen Anteils Wodka, sondern auch wegen der unverzichtbaren paar Spritzer Angostura Bitter, der die Fruchtsäure perfekt ausgleicht. Das Wundermittelchen enthält unter anderem Extrakte von Enzianwurzel, Bitterorange, Nelken, Kardamom, Zimt und Chinarinde und wurde im 19. Jahrhundert vom deutschen Arzt und Waterloo-Veteran Dr. Johann Gottlieb Benjamin Siegert in der Stadt Angostura entwickelt, die mitten im Regenwald in Venezuela liegt und heute Ciudad Bolívar heißt. Der Bitterlikör wurde damals als Medikament gegen Malaria, Gelbfieber und Denguefieber genutzt. Dr. Siegert war einer der rund 300 europäischen Legionäre im Freiheitskampf der Südamerikaner gegen die spanische Krone und wirkte als Generalstabsarzt in Simon Bolivars Separatistentruppen. Aber er war auch ein cleverer Geschäftsmann. Als er nämlich merkte, dass Söldner und Seefahrer seine Medizin mit Gin mischten und so als Drink für echte Kerle auf der ganzen Welt verbreiteten, hing er seinen Arztkittel an den Nagel und begann, den Angostura Bitter professionell zu produzieren und zu vermarkten. Die Firma existiert seit 1850, das Rezept ist natürlich geheim. Feine Sache, hochkonzentriert, saubitter.

Und nicht in diesem Drink!

Also, alles noch mal von vorne …

Als ich ihm sein Glas bringe,

hängt Mr. Wodka im Sessel wie ein nasser Sack.

»Hallo, Señor, Sie wollten die Piña Colada, stimmt’s?«

Er rafft sich auf, lacht etwas angestrengt und nimmt seinen Double Vision (mit drei Spritzern Angostura).

»Danke. Schöner Laden.«

»Na, dachte ich mir doch, dass Sie zum ersten Mal hier sind. Sind Sie auf Geschäftsreise? Oder frisch zugezogen? Oder haben Sie heute Abend plötzlich Ihre Liebe zum Wodka entdeckt und dann schnell die nächstgelegene Bar aufgesucht?«

Ich setze mich kurz auf die Lehne des Sessels neben ihm. Der Mann wirkt verschlossen. Aber die Typen mit der Ritterrüstung finde ich besonders spannend.

Geld hat er, das sieht man. Und verheiratet ist er, jedenfalls trägt er einen Ehering am Finger. Sein Gesichtsausdruck und seine Gesten sind hart, wenn er spricht. Eine Menge Testosteron ist da im Blut.

»Ich bin weder neu hier noch auf der Durchreise. Habe eben gerade Ihre Bar entdeckt und hatte Lust auf ’nen Drink. So was gibt’s doch, oder?«

Viel bekomme ich aus ihm nicht raus an diesem Abend. Die Bar füllt sich auch so langsam, ich habe gut zu tun. Irgendwann legt er Geld auf den Tisch und geht, ohne Tschüss zu sagen oder rüberzuschauen.

Eine Woche später.

Vor mir sitzt Mr. Wodka und nickt mir zu.

»Guten Abend. Möchten Sie einen Double Vision oder einen Double Vision?«

Er lacht laut, die Rüstung bekommt Risse, das Visier klappt hoch. »Hm, dann nehme ich einen Double Vision, oder was meinen Sie?«

»Keine Ahnung. Ich mach Ihnen erst mal einen Double Vision.«

An diesem Abend erfahre ich mehr. Mr. Wodka bleibt am Tresen sitzen und beim zweiten Drink erzählt er.

Er arbeitet in der Pharmabranche. Seine alte Firma wurde vor einem Jahr übernommen. Ganz neue Kultur seitdem. Ich weiß, welche Firma das ist, in der Stadt gibt es da nur eine Möglichkeit. Riesenladen, einer der drei größten weltweit. Sein Metier ist Vertrieb, er ist gerade aufgestiegen, führt fünf Teamleiter und hat insgesamt 70 Leute unter sich. Sein oberster Chef ist neu. Auch das Produkt, das er pushen soll, ist neu. Stressig, das alles. Aber es läuft gut für ihn. Kommt gerade aus dem Büro, es ist kurz vor neun.

»Hm, 70 Leute, Vertrieb, da muss man tough sein, oder?«

»Schon.« Er blickt in sein Glas.

Ich nehme eine Bestellung von drei neuen Gästen auf, mixe ein paar Drinks, komme zurück zu ihm und gehe zum Angriff über. »Ich hab da mal ’ne Frage: Sie sind doch verheiratet, oder? Und wenn ich Sie so anschaue, dann tippe ich darauf, dass Ihre Frau kein Besen ist. Reine Erfahrungssache. In Ihrer Brieftasche ist ein Bild von einem supersüßen Mädchen, höchstens drei Jahre alt. Ich tippe, das ist Ihre Tochter. So, und jetzt will ich von Ihnen wissen: Warum in aller Welt hängen Sie zum wiederholten Male nach Feierabend in einer – zugegebenermaßen äußerst stilvollen – Bar herum und schauen trübe in Ihren Longdrink, anstatt mit Siebenmeilenstiefeln nach Hause zu hüpfen, Ihrer Tochter eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen und dann Ihre Frau glücklich zu machen? Hand aufs Herz!«

Ich bleibe kurz stehen und beobachte, wie sich seine Rüstung in Einzelteile auflöst und zu Boden scheppert. Er schaut mich entgeistert an, seine ganze Selbstsicherheit scheint verflogen, er holt Luft und … sagt nichts. Schluckt. Ich drehe mich um, greife zum Kühler und denke: Scheiße, Bruno, zu direkt, der geht jetzt. Warum kannst du auch nicht die Schnauze halten!

Während ich noch innerlich mein latentes Helfersyndrom verfluche, räuspert sich Mr. Wodka. »Also …«

Ich drehe mich zu ihm, schaue ihm gerade in die Augen und sage: »Entschuldige, Mann, ich wollte Ihnen nicht …«

»Schon gut. Nein, ist okay.« Er umfasst sein Longdrinkglas mit beiden Händen, als wäre es sein Sicherungsseil in der Felswand. »Also, ehrlich gesagt, habe ich einfach noch keinen Bock, nach Hause zu gehen.«

»Wieso das denn?«

»Keine Ahnung, ich blick da selbst nicht so ganz durch. Meine Frau ist toll. Aber … ich weiß nicht. Ich check’s selber nicht richtig.«

»Ihnen geht’s scheiße, oder?«

Er schaut mich jetzt an wie ein Hund, dessen Herrchen ihn beim Zerfetzen von Frauchens Strümpfen erwischt.

»Ähm, ich weiß nicht, wie’s mir geht. Ich weiß nur, dass es nicht so ist, wie es sein soll.«

»Inwiefern?«

»Na, ja. Früher hat mir das alles Spaß gemacht. Aber seit einer Weile quäle ich mich morgens nur noch aus dem Bett und habe überhaupt keine Lust, zur Arbeit zu fahren. Den ganzen Tag gibt es dort Druck von oben. Verkaufszahlen, Kundenzufriedenheitsquote, Responsezeiten, alle möglichen Kennzahlen, es wird irgendwie immer mehr. Dann schwierige Mitarbeiter, Umstrukturierungen. Am Abend bin ich nur noch platt. Keine Energie mehr für die Kinder. Meine Frau ist dann auch anstrengend. Wenn ich nach Hause komme, wollen irgendwie alle was von mir. Und keiner fragt, was ich will. Kann ich noch mal einen Drink haben, bitte?«

»Klar.« Ich räume sein leeres Glas ab. »Erzählen Sie weiter.«

Dann erzählt er von seiner Frau, die tatsächlich super aussehen muss. Sie verstehen sich gut. Sie ist seine zweite Frau, hat einen neunjährigen Sohn mit in die Ehe gebracht, gemeinsam haben sie die kleine Tochter, deren Bild ich gesehen hatte. Allen geht es gut, der Alltag ist bestens organisiert. Sie ist stolz auf ihn und seinen beruflichen Erfolg. Sie fährt einen schicken BMW. Trägt Designerklamotten. Genießt ihren Status und zeigt ihn gerne. Urlaub machen sie im Robinson-Club. Überall erzählt sie, was für ein toller Hecht er doch ist. Alle denken: Wie toll so eine Patchworkfamilie funktionieren kann.

Aber wenn er sich fragt, ob er lieber kommt oder lieber geht, merkt er: Im Moment geht er weder gerne zur Arbeit noch kommt er gerne heim. Er fragt sich, was das kleinere Übel von beiden ist.

Zu Hause wie im Büro ist es einfach nur anstrengend. Immer muss er sein Image aufrechterhalten, den starken Mann spielen. Dabei ist er einfach nur müde. Saumüde. Auf dem besten Weg, in den Club der Smiling Depressives aufgenommen zu werden. Er würde sich so gerne mal wieder gut fühlen, Spaß haben, Energie spüren.

»Und woran liegt das? Sie müssten doch eigentlich auf Wolke sieben schweben. Ich meine, Sie haben doch alles, was man so haben will, oder? Aber trotzdem scheint Ihnen was zu fehlen. Also: Was ist es?«

»Das ist es ja!« Jetzt bekommt er wieder diesen harten Ausdruck im Gesicht. »Ich habe keine Ahnung! Ich habe kein Problem, weißt du … äh, wissen Sie!«

»Schon okay, ich heiße Bruno.« Ich gebe ihm die Hand.

»Victor. Angenehm.« Er zieht einen Mundwinkel hoch, wieder ganz der Lässige. Das hat er echt gut drauf.

Ich lege den Pfeil auf, spanne den Bogen, ziele und: »Also, woran liegt’s? Redet ihr nicht miteinander? Geht’s ums Geld? Um Status? Traust du dich nicht mit ihr zu streiten? Klappt’s nicht in der Kiste? Hast du den falschen Job? Traust du dich nicht ihn zu ändern?«

Jetzt hält er die Luft an. Treffer, versenkt.

Des Geldes wegen

kriseln viele Beziehungen. Das Thema birgt riesiges Konfliktpotenzial und ist einer der häufigsten Gründe für Krach. Er hält es zusammen, sie gibt es aus. Oder umgekehrt. Sie liebt Statussymbole – Dior-Kette, Yohji-Yamamoto-Kleid, Christian-Louboutin-Pumps, Cayenne Turbo, Haus am See, Kitzbühel, Trakehnerhengst, Golfclub … – er könnte auch gut und gerne darauf verzichten. Oder umgekehrt. Sie braucht Sicherheit durch gut angelegtes Vermögen. Ihm wäre es nicht wichtig. Oder umgekehrt.

Noch schlimmer aber, als über Geld zu streiten, ist es, wenn darüber geschwiegen wird. Denn Geld ist zwar wichtig, aber nicht in Bezug auf unser Glück. Jedenfalls nicht in den Einkommensregionen von Victor Wodka. Mit anderen Worten: Sie können mit Geld glücklich sein oder ohne. Ganz egal. Eine der schlimmsten Fallen unserer Zeit ist die Vorstellung, eines Tages, wenn genügend Geld da ist, um diesen oder jenen Traum zu verwirklichen, glücklich zu sein. Entweder Sie sind auch ohne das viele Geld glücklich und zufrieden gewesen, dann haben Sie gute Chancen, auch weiterhin glücklich und zufrieden zu sein, wenn Sie mehr davon haben. Oder Sie waren es nicht, dann tendieren Ihre Chancen gegen null, glücklich und zufrieden zu sein, wenn Sie eines Tages steinreich geworden sind.

Geld kann auch keine Beziehung aufrechterhalten oder retten. Die Liebe und Zuneigung, Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit des Partners kann man nicht mit Geld und schönen Dingen kaufen. Nicht auf Dauer.

Die Realität ist aber: Paare nehmen sich gemeinsame Projekte vor, die mit Geld zu tun haben. Das Traumhaus zum Beispiel. Da laufen Bausparverträge und rauben den tapferen Sparern im Alltag die Luft zum Atmen, damit eines Tages das frei stehende Haus gebaut werden kann, von dem schon Zeichnungen und Grundrisse existieren. Oder die Einrichtung. Das Ledersofa, die Küche, das Bad auf Kredit gehören in zehn Jahren nicht mehr der Bank, sondern dem Ehepaar.

Die fehlende Entwicklung im Innern wird kompensiert im Außen.

»Schatz, die Hubers haben einen Mercedes gekauft. Die M-Klasse, du weißt schon.«

»Na und?«

»Was na und! Ich mein ja bloß!«

Die gemeinsame Wunscherfüllung funktioniert über Geld. Der eine finanziert, der andere organisiert. So gibt es auch immer ein gemeinsames Gesprächsthema. Wenn das Projekt vorbei ist, steht das Paar genau da, wo es vorher stand. Dann muss ein neues Projekt her. Aber die Beziehung ist wie vorher. Es gibt keine Entwicklung von innen heraus. Die fehlende Entwicklung im Innern wird kompensiert im Außen.

Dass Sie mich nicht falsch verstehen: Gemeinsame Projekte sind nicht schlecht. Sie sind gut. Aber man muss sich bewusst machen, welches Projekt welchen Zweck erfüllt, und darüber reden, was das alles wirklich bedeutet. Offen reden.

Sonst läuft das so wie bei den meisten Paaren: Hauptsache, wir haben was zu tun. Dann müssen wir nicht darüber nachdenken, was eigentlich alles schiefläuft zwischen uns. Wenn Ihnen das irgendwie bekannt vorkommt, sollten Sie mal eine Projektpause einlegen!

Geld ist auch ein Aphrodisiakum, Geld macht Männer sexy. Das können Sie finden, wie Sie wollen, es ist so! Wieso? Weil Geld Sicherheit bietet. Das ist der Versorgeraspekt, der seit Millionen von Jahren unbewusst und ganz schlicht funktioniert. Heutzutage noch wichtiger ist aber etwas anderes: Die meisten Menschen definieren sich über Geld, ordnen sich über den Kontostand in die gesellschaftliche Hierarchie ein. Ganz unbewusst. Wer Geld hat, gewinnt Selbstwertgefühl. Wer Geld verliert, verliert Selbstwertgefühl. Mit steigendem Selbstwertgefühl gewinnt man persönliche Ausstrahlung, das macht attraktiver für das andere Geschlecht. Mit sinkendem Selbstwertgefühl verliert man Attraktivität. Ganz unabhängig vom physischen Aussehen.

Nur: Sie können sehr attraktiv sein, aber gleichzeitig unglücklich. Denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Wenn die Frau nach dem traditionellen Muster Küche, Kirche, Kind dem Mann den Rücken frei hält, damit der beruflich erfolgreich sein kann, dann kann das ein wohltuendes Arrangement für beide sein – oder die Hölle auf Erden. Dann nämlich, wenn die Frau subtil Druck ausübt: Lieber Mann, du bist nur dann etwas wert, wenn du in der Firma Gas gibst und ordentlich Kohle heimschaufelst!

Wenn der Job den Mann dann gar nicht ausfüllt, er sinnlos findet, was er tut, er sich eigentlich eine andere Arbeit wünscht, dann wird es problematisch. So wie bei Victor.

Ihn kotzt der Job nämlich in Wahrheit an. Er möchte raus da, am liebsten etwas ganz anderes machen. Aber seine Frau sperrt sich. Denn das würde einen Umzug bedeuten. Umziehen? Dann müsste sie sich den Freundeskreis, in dem sie sich über Jahre eine Stellung erarbeitet hat, ja wieder komplett neu aufbauen! Und die ganze Organisation der Familie! Und das schöne Haus, das doch ideal ist! Und warum überhaupt? Ihnen geht es doch gut! Er hat einen sicheren Job, verdient gut. Was will er denn überhaupt?

Sie kann ihn überhaupt nicht verstehen. Denn ihr geht es um völlig andere Dinge. Sie hat offenbar eine andere Sortierung der Werte. Das ist der Punkt.

»Was ist denn überhaupt

das Problem bei deinem Job?«, frage ich Victor, als er sich wieder gefangen hat.

»Ich gehe mal davon aus, dass Barkeeper ein Schweigegelübde ablegen wie Priester oder Ärzte oder so. Richtig?«

»Na, klar!«

»Also, es ist so: Ich finde das ganze Geld ja auch gut. Ich mag gute Klamotten und so. Mir fällt es leicht, viel Geld zu verdienen, ich finde auch irgendwie, dass das für mich normal ist, es steht mir zu, habe ich das Gefühl. Das soll jetzt nicht überheblich klingen, ich will nur sagen, dass ich mich damit ganz wohlfühle. Ich bin ja auch leistungsfähig. Oder anders gesagt, ich habe kein Problem mit meinem Selbstwertgefühl.«

»Echt?«

»Ja, echt. Wieso echt? Jetzt bring mich nicht aus dem Konzept!«

»Schon gut.«

»Also, jedenfalls gefällt mir meine Gehaltsabrechnung so, wie sie ist. Nur …«

»Nur?«

»Nur nicht um jeden Preis. Faule Tricks anwenden zu müssen, das ist es nicht wert. Ich will mein Geld ehrlich verdienen. Mich kotzt es an, was bei uns läuft! Ich muss mir täglich auf die Zunge beißen, um nicht rumzuschreien, was der ganze Laden für ein Misthaufen ist!«

Oh, mein lieber Scholli. Jetzt merkt man, was der für einen Druck aufm Kessel hat. Mit dem würde ich mich nicht unbedingt anlegen wollen. »Du brauchst mir nicht zu sagen, was da genau läuft, wenn du nicht willst.«

»Doch, das will ich. Ich kann ja mit niemandem drüber reden, das ist ja Teil des Problems, ich will das einfach mal erzählen, wenn’s dir recht ist.«

»Ja, nur zu. Ich höre und vergesse. Das ist mein Job. Und wenn ich mal ein Buch schreibe, werde ich deinen Namen ändern, okay?«

Victor Wodka grinst. »Okay, also pass auf. Es ist ganz einfach. Mein Job besteht darin, überteuerte Medikamente von mittelmäßiger Qualität, die eigentlich keiner braucht, mit Vertriebspower in den Markt zu drücken. Wir werden subtil gedrängt, alle Register zu ziehen, um Kohle zu machen. Ich muss meinen Leuten die Mohrrübe hinhalten oder ihnen richtig in den Arsch treten, damit sie rennen wie die Blöden. Zuckerbrot und Peitsche. Und das macht mir überhaupt keinen Spaß.«

Jetzt merkt man, was der für einen Druck aufm Kessel hat.

Er rührt mit dem Strohhalm in seinem Drink herum, macht eine Pause. Holt tief Luft und redet weiter: »Weißt du, es ist so sinnlos. Kein Mensch wird durch diese Medikamente gesünder. Im Gegenteil. Die Dinger haben alle Nebenwirkungen, manche machen abhängig. Wir machen Deals, die nicht sauber sind, um Ziele zu erreichen, die verrückt sind, und Zahlen zu generieren, die unrealistisch sind. Den Apothekern wird in Veranstaltungen der Hintern gepampert, alle Key-Accounts werden mit Macht gedrängt, beeinflusst, bestochen. Ein Medikament ist besonders übel. Ich weiß, dass da nachweislich Studien gefälscht worden sind. Und von einer Studie weiß ich, dass das Medikament ganz übel dabei wegkommt. Das Zeug ist gefährlich. Und diese Studie wird unter Verschluss gehalten, mit sehr viel Geld natürlich.«

Er schaut mich an, ich bin ganz still.

»Ich finde das so scheiße. Ich würde das Zeug, das ich verkaufe, niemals selbst schlucken. Wenn schon, dann würde ich ein Konkurrenzprodukt nehmen. Wenn überhaupt. Für einen Großteil der Patienten ist das Produkt der Konkurrenz nämlich das verträglichere, außerdem wirkt es besser. Und ist billiger. Wir haben da ein ganz mieses Produkt, und ich bin gerade dabei, es zum Blockbuster zu machen. Weil ich nämlich ziemlich gut darin bin.«

»Oh, Mann.« Das trifft mich jetzt wirklich. »Da würde ich mich an deiner Stelle auch ganz schön beschissen fühlen«, sage ich. »Dafür hältst du dich noch ziemlich gerade, würde ich sagen.«

Dieser Mann lebt eindeutig nicht seine Werte. Und ich frage mich, warum.

»Und was sagt deine Frau dazu?«, frage ich ihn.

»Meine Frau?« Er lacht, denn er hat durchschaut, dass ich ihn durchschaut habe. »Meine Frau will nächstes Jahr einen Porsche Panamera fahren.«

So, jetzt bin wohl ich dran. Ich werde ihm ein wenig von mir erzählen. Das ist nur fair. Außerdem habe ich mir bereits in den Kopf gesetzt, dass ich diesen Typen nicht so aus meiner Bar rauslaufen lasse, wie er hereingekommen ist. Ich meine nicht den Alkoholspiegel im Blut, sondern seine innere Verfassung.

»Moment, ich geh schnell mal die da drüben bedienen. Ich komme gleich zurück und dann will ich dir was erzählen.«

Während ich zwei netten Damen die Cocktailkarte erkläre, sehe ich, wie mein Mr. Wodka durch den Raum Richtung Toilette schlurft: Er geht wie ein Siebzigjähriger mit achtzig Kilo Gepäck auf den Schultern. Das stachelt meinen Ehrgeiz an.

Zurück hinterm Tresen schneide, fülle, schüttle ich, was das Zeug hält, haue mir die Handkante am Edelstahlbecher taub und liefere zwei saubere Drinks aus. Dann komme ich zurück und knöpfe mir Victor den Schönen vor, der mittlerweile ein wenig erleichtert von der Toilette zurückgekommen ist.

»Jetzt hör du mal zu. Ich weiß auch, wie es ist, einen Haufen Geld zu verdienen. So richtig viel Geld. Aber ich tippe, ich habe dir eins voraus, denn ich weiß auch, wie es ist, alles zu verlieren. Ich habe nämlich mal einen Crash hingelegt. Die Umstände sind legendär, aber das tut jetzt nichts zur Sache.«

»Hört, hört …«

»Jedenfalls hatte ich nichts mehr. Kein Geld. Kein Auto. Keine Wohnung. Nur Schulden. Ich habe im Büro auf einer Matratze gepennt. Zum Duschen bin ich ins billigste Sportcenter in der Stadt. Jeden Tag habe ich mir überlegt, ob ich mir einen Kaffee leisten soll oder nicht. Ich war um sehr viel Geld betrogen worden. Richtig viel. Natürlich gab es einen Prozess. Ich habe recht bekommen – aber trotzdem kein Geld. Das Geld war nämlich weg.

Mein Business lag im Staub. Meine Ex-Frau hing bei mir finanziell am Tropf, mitsamt den Kindern. Genau in der Zeit habe ich meine Freundin kennengelernt, vor der ich mich natürlich auch nicht auf dem Boden im Dreck rumwinden wollte. Kurz: Der Druck, einen Ausweg zu suchen, war riesengroß.

Und da begab es sich, wie das Leben so spielt, dass ich ein lukratives Angebot bekommen habe, bei einem großen Beratungshaus als Senior Consultant anzufangen. Richtig gut Kohle. Die Rettung? Auf einen Schlag wäre ich alle finanziellen Sorgen los gewesen. Aber es war nicht die Rettung, sondern eine Versuchung. Dieser Beraterjob wäre nämlich nicht das gewesen, was ich eigentlich im Leben machen wollte. Er hätte überhaupt nicht zu dem gepasst, was mir wirklich wichtig ist. Denn ich war und bin mir über eines völlig im Klaren: Mein persönliches Leitbild beinhaltet zwingend Unabhängigkeit.«

»Leitbild?«

»Ja, Leitbild. Bitte hör genau hin, ich kann es auswendig …«

Dann bete ich ihm mein Leitbild herunter, in dem ich beteure, die volle Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und das Bestmögliche daraus zu machen. Meine wichtigsten Werte kommen auch darin vor: Sinn, Spaß, Pro-Aktivität, Unabhängigkeit und Integrität.

»… Balance in meinen wichtigsten Lebensbereichen. Ich liebe meine Frau und meine Kinder aus tiefstem Herzen … und ich zeige es ihnen. Und ich liebe mich selbst. Ich habe immer die Wahl. Es liegt an mir!«

»Oh, das klingt gut. Alle Achtung!« Victor scheint wirklich beeindruckt. »Und so, wie du das vorträgst, glaubst du da fest dran, oder?«

»Ja, natürlich glaube ich daran. Ich habe diese Sätze schließlich mit Blut, Schweiß und Tränen und viel Hilfe von außen aus meinem Innersten herausgeholt. Da geht’s um meine wichtigsten Werte, das, was wirklich für mich zählt im Leben. Du hast gehört: Sinn, Spaß, Pro-Aktivität, Unabhängigkeit und Integrität.

So, und wenn ich jetzt diesen Beraterjob angefangen hätte, dann hätte ich etwas gemacht, von dessen Sinn ich nicht überzeugt gewesen wäre, bei dem mir der Spaßfaktor gefehlt hätte. Und ich hätte meine berufliche Unabhängigkeit aufgegeben – wieder ein Chef, vor dem ich mich zu rechtfertigen gehabt hätte, was ich tue oder lasse.«

»Du hast den Job sausen lassen? Das kann ich nicht glauben!«

»Na, sagen wir so. Ich war mir sicher, dass der Job ein Pakt mit dem Teufel gewesen wäre. Ich hätte mich verkauft, verschachert, prostituiert. Auf der einen Waagschale lagen meine Werte, meine Identität. Aber auf der anderen Waagschale lagen Frauen, Kinder, Gläubiger und vieles mehr.

Ich hatte mir eine Frist gesetzt: Wenn du es in einem halben Jahr nicht schaffst, von selbst wieder auf die Füße zu kommen, musst du eben auf den Strich gehen. Aber dann, vermutlich weil ich so entschlossen und klar war, habe ich einen Weg gefunden.«

»Oh, und was hast du gemacht?« Er hängt mir jetzt förmlich an den Lippen.

»Erst mal hatte ich meinen 40. Geburtstag und lag mit 40 Grad Fieber im Bett. Kein Zufall. Gott sei Dank war’s nicht der 42ste … Danach war ich klar. Meinen Kindern habe ich mein letztes Hemd gegeben. Dann habe ich Privatinsolvenz angemeldet. Kein leichter Schritt, das kannst du mir glauben.«

»Hammer!«

»Die Gläubiger haben noch ein bisschen was bekommen, ich habe meinen Kopf hingehalten, obwohl ich selber betrogen worden war. Alles weg. Fast alles. Mit zwei Sporttaschen, also meinem kompletten Eigentum, bin ich bei meiner neuen Freundin eingezogen.«

»Was, und die hat dich reingelassen? Bist du dir nicht vorgekommen wie ein Straßenköter, der von einer Tierschützerin mit Helfersyndrom aufgesammelt worden ist?« Victor kann es wohl noch nicht so recht fassen, aber er ist fasziniert.

»Nein, ganz und gar nicht. Ich war klar. Ich wusste genau, was ich wollte. Ich habe nach meinen Grundüberzeugungen gehandelt und ich hatte einen Plan, was ich künftig tun wollte. Ich war selbstbewusst. Und deshalb alles andere als unattraktiv. Meine Freundin hat kein Helfersyndrom und nimmt keine streunenden Hunde auf. Nein, ich war voller Energie. Der Neustart hatte schon begonnen.«

»Ich muss schon sagen, das finde ich ganz schön mutig. Ich meine …«

»Ich weiß nicht, ob es mutig ist, nach seinen Überzeugungen zu leben. Problematisch ist vielmehr, sich seiner Überzeugungen gar nicht bewusst zu sein. Wenn du weißt, was du willst, gibt es ja ohnehin keinen anderen Weg als deinen eigenen. Das ist dann kein Mut, sondern einfach nur Klarheit, Bewusstsein, Bei-sich-Sein.«

»Also, am unglaublichsten finde ich an der Sache, dass deine Freundin kein Problem damit hatte, dass du fertig warst.« Victor hält sein Longdrink-Glas wieder fest umklammert. Noch will er nicht loslassen.

Ich kontere: »Weißt du, das sagt doch jetzt mehr über dich als über mich. Warum glaubst du, dass ich fertig war, nur weil ich kein Geld mehr hatte? Ich habe das nicht geglaubt. Ich war nicht fertig, ich fing gerade erst richtig an. Und weil ich das glaubte, glaubte mir das auch meine Freundin. Frauen wollen Männer, die für etwas stehen, egal für was. Und die für sich einstehen. Und ich bin gestanden. Klar, das war nicht so einfach. Da gab es Gegenwind. Ihr Vater zum Beispiel hat schon Fragen gestellt. Ein Schwiegervater in spe steht nicht gerade drauf, wenn seine Tochter einen Typen hat, der zwei Kinder mitbringt und finanziell am Boden liegt. Aber auch ihm gegenüber habe ich mit offenen Karten gespielt. Und siehe da: Auch der hat das akzeptiert.«

Jetzt schaut Victor nachdenklich ins Leere und spielt an seinem Strohhalm rum. Ich denke, er braucht mal eine Pause. Ich gehe in den Keller, die Chips sind aus.

Als ich wieder hochkomme,

sitzt er immer noch da wie eine Statue. Ich gehe durch den Raum, sammle die Schälchen von den Tischen ein, kümmere mich um die paar Gäste, nehme zwei Bestellungen auf, komme zurück, stelle ein Espresso-Glas unter die Fiorenzato, schäume Milch für einen Cappuccino und frage Victor Wodka dreist: »Was ist dir wichtiger: deine Aufrichtigkeit oder keinen Ärger mit deiner Frau zu riskieren?«

Ich bringe die beiden Kaffees raus. Komme zurück, säubere die Chipsschälchen und frage: »Was ist dir wichtiger: dein Einkommen oder deinen Kindern gerade in die Augen sehen zu können?«

Ich kippe die Chips in die Schälchen und stelle die Schälchen aufs Tablett. Und frage: »Was ist dir wichtiger: tun, was du wirklich tun willst, oder deine Frau behalten?«

Ich trage das Tablett in den Raum und verteile die Schälchen, räume ein wenig auf und scherze mit einem Gast. Ich komme zurück und frage ihn: »Was ist dir wichtiger: dein …«

»Hör schon auf! Ich hab’s ja kapiert!«, knurrt er und blitzt mich an. Holla, da kommt ja die Energie wieder zurück. Die Akkus scheinen noch nicht ganz leer zu sein.

Er zahlt und geht. Ich freue mich darauf, wenn er wiederkommt.

Wenn.