Schwarz und ohne alles - Gabriele Wohmann - ebook

Schwarz und ohne alles ebook

Gabriele Wohmann

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Opis

Wenn Holy die Decke auf den Kopf fällt, geht sie in "Vanessas Salon". Hier findet sie außer Klatsch auch ein offenes Ohr für ihre Sorgen, immer Trost und manchmal Rat. Der Mensch braucht Kontakt, sonst wird er sonderbar, meinen dort alle, und wenn Holy wieder zu Hause ist, hat sie nicht nur eine neue Frisur, sondern weiß, wie andere mit dem Leben umgehen, und fühlt sich gleich besser. In so einem Salon ließen sich Geschichten hören wie die von Holy oder Paul oder Ottilia. Und wenn man so genau beobachten würde wie Gabriele Wohmann, könnte man den Moment ausmachen, in dem sie erkennen, wie die Liebe ist oder das Unglück. Man kann sich aber auch gleich in das Wohmann'sche Parallel-Universum aus skurrilen oder tröstlichen Beziehungen begeben und eines lernen: sie zu durchschauen.

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Liczba stron: 297




Über Gabriele Wohmann

Gabriele Wohmann, 1932 in Darmstadt geboren, gehörte zu den wichtigsten Schriftstellerinnen Deutschlands. Ihr umfangreiches Werk umfasst Romane, Gedichte, Essays, Hör- und Fernsehspiele, vor allem aber galt sie als eine Meisterin der Kurzgeschichte. Mit scharfem, ironischem Blick und einem Gespür für die verborgenen Dramen des Alltags schrieb sie unverwechselbare und stets pointierte Shortstorys über die Abgründe und Tröstungen des normalen Lebens. Gabriele Wohmann erhielt zahlreiche Preise, darunter den Bremer Literaturpreis und den Hessischen Kulturpreis, und das Große Bundesverdienstkreuz. Sie starb am 22. Juni 2015 in Darmstadt. Im Aufbau Verlag erschienen die Sammlungen »Scherben hätten Glück gebracht«, »Schwarz und ohne alles«, »Wann kommt die Liebe«, »Eine souveräne Frau. Die schönsten Erzählungen« (Hrsg. von Georg Magirius) sowie »Weihnachten ohne Parfüm«.

Informationen zum Buch

Wenn Holy die Decke auf den Kopf fällt, geht sie in »Vanessas Salon«. Hier findet sie außer Klatsch auch ein offenes Ohr für ihre Sorgen, immer Trost und manchmal Rat. Der Mensch braucht Kontakt, sonst wird er sonderbar, meinen dort alle, und wenn Holy wieder zu Hause ist, hat sie nicht nur eine neue Frisur, sondern weiß, wie andere mit dem Leben umgehen, und fühlt sich gleich besser. In so einem Salon ließen sich Geschichten hören wie die von Holy oder Paul oder Ottilia. Und wenn man so genau beobachten würde wie Gabriele Wohmann, könnte man den Moment ausmachen, in dem sie erkennen, wie die Liebe ist oder das Unglück. Man kann sich aber auch gleich in das Wohmann’sche Parallel-Universum aus skurrilen oder tröstlichen Beziehungen begeben und eines lernen: sie zu durchschauen.

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Im Karijini-Park

Little Land

Call-a-pizza

Sperrmüll

Keiner da

Die Urnengeschichte

Oh, ein Termin!

Glorias Witz

Der Mann im Schlafrock

»In allen meinen Taten«

Am Tyrrhenischen Meer

Sag mir die drei Wörter

Manchmal ist es beinah schön

Vanessas Salon

Pfarrer Bonnets Start in den Tag

Die New Yorker machen doch auch weiter

Gnade vor Recht

Impressum

Im Karijini-Park

Bei Amanda abends trank ich sogar heiße Milch. Wenn es später wird, hört es für sie mit Whisky auf, ich vermute, dass sie bei dieser Angewohnheit geblieben ist. Damals folgte ich ihr in die Küche und sah ihr zu, in jede ihrer Bewegungen und in jeden ihrer Handgriffe verliebt, und wenn sich auf der schneeweißen Oberfläche in dem kleinen Tiegel winzige Löcher bildeten und ein bisschen blubberten, stellte sie die Herdplatte von Drei auf Einhalb, dann ganz aus, aber das hätte sie früher tun sollen. Sie sagte, sie hätte sich noch nicht an Elektroherde gewöhnt, Gasherde hätte man besser unter Kontrolle, und mit Gasherden wäre sie groß geworden. Es bildete sich immer Haut auf der Milch, und die löffelte sie ab, schmiss sie ins Spülbecken, bevor sie ihr Lieblingsgetränk in unsere Becher goss. Ich war doch schon mehr als verliebt, ich war mir ziemlich sicher, wenn ich mir sagte: Das ist sie nun also, die Liebe. Aber das war vor dem Karijini-Park.

Es hatte mich vor einem Jahr, und hier bin ich noch gar nicht richtig eingelebt, an die australische Westküste verschlagen, genauer ans Perth-Institut für mein Sabbatical, und schon an meinem zweiten Tag dort lief Amanda mir über den Weg, und obwohl ihre Figur in ihrem weißen Kittel nicht voll zur Geltung kam, konnte man merken, dass es eine tolle Figur war, zumindest für Leute, die etwas für ziemlich dünne Frauen übrighaben, Leute mit Kennerblick für einen sehr speziellen, nicht sofort augenfälligen Sex Appeal. Und dann ergab es sich auch noch, dass Amanda meine Nachbarin in dem hellblau angestrichenen Holzschindelhaus gegenüber in der South View Lane war. Es ist keine von den besseren Straßen im westlichen Außenbezirk von Perth, der hübschen, etwas verschlafenen Großstadt am Indischen Ozean, den man leider von der South View Lane weder sehen noch hören kann, aber mir kam es so vor, als würde es nach Meer riechen und die Luft wäre salzig. Ich war vom Ankunftstag an gern in Perth. Unser Bezirk hätte genauso gut eine amerikanische Kleinstadt sein können, mich hat er an Basingstoke am Avon im Delaware-Delta erinnert und die South View Lane an eine der schäbigeren Straßen mit den schmalen einstöckigen Häusern und ihren Vorderveranden nur ein paar Meter weg vom Gehweg und winzigen Gärten, in denen sich die Pflanzen zusammendrängen, hier vor allem der blasse grünliche Spinifex; in Basingstoke wohnten in so einer Gegend die Farbigen.

Ich war also abends wieder einmal zu Amanda rübergegangen. Dass wir uns bei ihr und nicht bei mir trafen, war schon bald zur Gewohnheit geworden, und einen bestimmten Grund dafür hatte es nicht gegeben. Wir hatten uns geliebt und dann geraucht und vom Bett aus ein bisschen ferngesehen, später sind wir aufgestanden und haben Toasts gegessen, am liebsten mit Lachspastete, und dazu einen fremdartigen Salat, längliche hellgrüne Blätter, und Amanda macht ihn mit Cottage Cheese an. Wir haben Bitter getrunken, oft trinken wir auch Weißwein, australischen, aus der Shiraz-Traube. Das Abendessen war noch eine kulturelle Angelegenheit, wegen der vernünftigen Getränke, aber dann kam, so wie auch diesmal, Amandas heiße Milch dran. Sie sagte manchmal noch: Ich weiß, Whisky wäre dir lieber, und nur weil ich so liebesbeduselt war, behauptete ich: Die Milch ist schon okay, und dass ich entweder den Whisky nachher drüben bei mir nachholen würde oder auch nicht, und es wäre mir egal, was natürlich nicht stimmte.

Auch an diesem Abend, an dem die Würfel fielen, hatten wir es uns in den wuchtigen weichen Sesseln bequem gemacht, mit denen das gemietete Wohnzimmer möbliert ist, übrigens fast genauso möbliert wie bei mir, und Amanda sagte mit einer Imperativ-Stimme: Paul, ich weiß jetzt, was wir über die Feiertage machen. Irgendwas an der Art, wie sie das vorbrachte, klang problematisch. Als wäre es etwas, das nicht verlockend war, nicht für mich.

Na wunderbar, sagte ich, bin gespannt, was das sein soll.

Es war Dezember, also bis März der australische Hochsommer mit penetranter Sonne und schon morgens viel zu heiß, und Weihnachten stand bevor, die Feiertage, die Amada meinte.

Schieß los. Ich höre. Was werden wir Schönes machen, sagte ich.

Wir werden überleben, sagte Amanda.

Das hoffe ich. Ich habe nicht daran gezweifelt, sagte ich.

Das, was wir machen, überleben. In Stiefeln und bei 45 Grad. Amanda hörte sich triumphierend an, jeden Widerstand verbannend.

Und wie, bitte, ist das gemeint? Ich suggelte an meiner heißen Milch und war alles zusammen: belustigt mit unentschlossenem Spott, neugierig, etwas schockiert und auch selbstverständlich verliebt. Ich sagte: Klingt extrem lusterweckend.

Und Amanda warnte: Bleib so gut gelaunt. Und meinetwegen ironisch.

Schließlich bin ich ein erwachsener Mensch mit selbständigem Willen, und wenn mich hundertmal die Liebe im Griff hat, blind macht sie mich nicht. Und widersetzen könnte ich mich, wenn ihre Idee zu verrückt wäre, was sie zu sein schien. Dachte ich.

Amanda redete im angeschlagenen Ton weiter: Er hat mich schon immer gelockt, und ich höre von allen Seiten, wie grandios und ein Must für jeden Westaustralienbesucher er ist, der Karijini-Nationalpark. Er ist voller Wunder. Keine Menschen, nur Natur. Du bist Biologe, ich bins, Biologin, demnach gehört der Karijini zum Pflichtprogramm, und wir dürfen ihn uns nicht entgehen lassen. Nicht aus Bequemlichkeit.

Ich halte eine Menge von Bequemlichkeit. Für Bequemlichkeit würde ich Amandas Wunder der Natur sausen lassen, und der verdammte Karijini konnte mir gestohlen bleiben, wenn Überleben in Stiefeln und bei 45 Grad die Voraussetzungen waren, unter denen man ihn kennenlernte. Der australische Hochsommer ist keine Reisezeit für zivilisierte Menschen.

Und wir werden in einem Auto ohne Klimaanlage fahren, sonst gilt es nicht, drohte Amanda, sie war zufrieden und vergnügt, und ihre Stimme war sanfter geworden, fast zärtlich. Wir werden die Reise und das Land ohne Weichzeichner erleben. Im Handschuhfach werden wir eine Broschüre griffbereit haben, das Handbuch Surviving in the Outback.

Ich kannte dich nicht von dieser Seite, sagte ich. Und dass ich um keines Naturwunders willen auf Mutproben scharf wäre und Überleben auch ohne außergewöhnliche Taten für schwierig genug hielte.

Wenn du mich enttäuschst und kneifst, nehme ich Jackson mit oder Bill Higgins. Vielleicht auch Teddy Gordon, der sieht bloß so weich aus, aber er kennt sich mit dem Outback aus, und mein Risiko wäre geringer.

Ich dachte, sie wollte mich übers Anfachen meiner Eifersucht verwirren und damit umstimmen, aber da sagte sie, in ihrem Sessel vorgebeugt, den rechten Arm ausgestreckt, um mit der Hand mein Knie zu streicheln, und diesmal klang sie samtig und tief und wie bei unseren Pausen im Bett:

Aber ich will es mit dir machen. Es würde uns noch viel enger zusammenschmieden, ich glaube, etwas fehlt noch, eine existenzielle Erfahrung oder so was, und danach gibt es nichts Trennendes mehr. Beziehungsweise schon währenddessen. Unterwegs und nur auf uns gestellt.

Und dann ist sie aufgestanden und hat sich neben mich in den Mammut-Sessel gedrängt und zuerst nur an meinen Hemdknöpfen herumgespielt und sie geöffnet, und so weiter und so weiter, und ich bin auch nicht untätig geblieben, und meine Entscheidung, wenn man das noch Entscheidung nennen kann, war getroffen: Karijini. Australien auf die harte Tour.

Als wir uns dem Karijini näherten, schon verschwitzt in dem alten Ford, war ich bereits am Ende, Amanda immerhin auch strapaziert, nur hatte sie mir den Vorteil ihrer hochgespannten Erwartung voraus. Wir kamen aus dem Outback, endlose staubige Straßen hatten wir hinter uns, von Fliegenschwärmen verfolgt und alles unter der ungnädig brennenden australischen Sonne. Die Überleben-im-Outback-Broschüre hatte Amanda studiert, bevor sie sie im Handschuhfach deponierte. Ihren Ratschlägen folgend, waren wir mit sechzig Liter Wasser in Kanistern versorgt, die wir auf dem Autodach und im Gepäckraum und auf den Rücksitzen verstaut hatten. Amanda dozierte im Übereifer ihrer Vorfreude: Keine Panne kann uns erschrecken. Der Mensch braucht bei über vierzig Grad mindestens drei bis vier Liter pro Tag.

Wir hatten unsere sechzig Liter noch nicht angebrochen, als wir den Pilbara erreichten. Der Pilbara ist die tropische Halbwüstengegend Westaustraliens, erfuhr ich, und vom Wendekreis des Steinbocks und der südlichen Grenze des Pilbara und dass die fast identisch wären, und es interessierte mich nicht die Spur, nicht in meinem Zustand, und es hätte mich auch in keinem anderen Zustand interessiert. Es waren ausschließlich Amanda und die Liebe, durch die meine Stimmung nicht gänzlich zusammensackte. Wir peilten den Karijini von hinten an, vom Great Northern Highway aus. Trotz seines imposanten Namens ist der so spärlich befahren wie irgendeine Nebenstraße auf dem Land, und ich verstand jeden, der hier nicht herumkutschierte. Wir kamen von Newton, einer Bergwerksstadt, die in dieser unbewohnbaren Gegend wohl nur wegen des Eisenerzvorkommens existiert. Hinter Newton steigen die Hamersley Ranges auf, las Amanda aus einem anderen Handbuch vor, das sind flache Berghänge, bewachsen mit Spinifex und grünen Graspolstern, die vom Highway aus ganz weich aussehen. Aber das Zeug sticht, sagte Amanda, da kann man nur in richtig hohen Stiefeln durch, unsere sind zu kurz, und dicke Jeans werden auch empfohlen.

Amanda hatte weiße Boxershorts und ein komisches matrosenartiges T-Shirt an, mit blauem Anker auf weißem Stoff, und weil es ihr nicht stand, rührte es mich, und auch die Shorts rührten mich, weil sie verkrumpelt und für ihre dünnen Beine zu weit waren. Sie hatte ihre nicht langen dunklen Haare am Hinterkopf mit einer Hornklemme hochgesteckt, und das sah zu ihrem schmalen Gesicht sehr gut aus. In unseren für den Spinifex zu kurzen Stiefeln heizten wir uns von unten noch zusätzlich auf, und ich sagte: In diesen Dingern bei fünfundvierzig Grad zu überleben ist auch alles andere als einfach. Und Amanda tätschelte mir mit der linken Hand mein rechtes Bein, in der rechten hielt sie das Lenkrad. Sie steuerte uns jetzt durch eine Gebirgslandschaft aus rotem Fels, in der sich immer neue Täler öffneten, endlos weit, endlos leer.

Um mich aufzumuntern, kündigte Amanda eine Rast an, aber es dauerte noch zwanzig Minuten, bis sie in die Zufahrt zum Auskie Roadhouse einbog, der letzten Station vor dem Karijini, Außenposten der Zivilisation und Anblick der Verlorenheit mit Tankstelle, Schnellimbiss, kalten Getränken, einer Kellnerin aus Neuseeland. Vor uns rollte ein Monster-Truck mit Anhänger auf das Gelände und umhüllte uns mit einer roten Staubwolke, und wir mussten husten, als wir ausstiegen und unsere Sachen abklopften, und ich spottete grimmig: Gut, dass du dich so weiß angezogen hast. Doch Amandas Gemütsverfassung nahm keinen Schaden, sie war ganz Erwartung der Wunder der Natur. Und in diesem Moment brauchte ich die Erwartung eines Getränks und Imbisses, um verliebt zu bleiben. Außerdem half mir, dass sie zu verschwitzt war, um Shorts und Shirt wieder weiß zu kriegen, Mitleid hilft oft.

Ein paar Männer hockten schon an der Bar, als wir mit den beiden aus dem Truck eintraten; keine Ahnung, von woher die kamen, denn andere Autos hatten wir auf dem Parkplatz nicht gesehen, es waren uns auch seit langem unterwegs keine mehr begegnet. Wir setzten uns an einen kleinen rötlichen Plastiktisch, und die verwitterte, noch knapp junge und auf ihre Weise hübsche Kellnerin lächelte und sagte: Na, ihr zwei armen Schätzchen, habt ihr euch hierher verirrt, oder was? Aus dem Radio tönte Country & Western, und es hätte wieder in Amerika sein können. Amanda in ihrer unbegreiflichen Hochform stimmte in das wehmütige Lied des Sängers ein, und die Kellnerin sagte: Für mich bleibt er doch immer der Beste, erst recht jetzt, wo er tot ist. Ich habe damals um ihn geweint, ehrlich. Und was für eine Henkersmahlzeit darf ich euch bringen?

Ich sagte zu Amanda: Da hörst du es, Henkersmahlzeit.

Wir bestellten Rühreier und Amanda Wasser, ich wollte Kaffee, und sie sagte: Kaffee zieht Wasser aus dem Körper, aber ich orderte trotzdem Kaffee, und der war wässrig genug, also wieder amerikanisch. Wir kauften einen großen Beutel mit Eiswürfeln für unseren Eskie, eine spezielle Kühlbox, ohne die man verloren ist: Innerhalb weniger Stunden verdirbt zum Beispiel Obst bei über vierzig Grad. Die Kellnerin sagte, zuerst habe sie gedacht, hier halte ich es nicht aus, und unter Heimweh nach Hazefield in Neuseeland gelitten, aber mittlerweile habe sie sich eingelebt, und sie würde ihren Job sogar lieben. So viel ich gehört habe, sind alle Straßen im Nationalpark zur Zeit frei, sagte sie. Aber macht die Fenster zu, wenn ihr durch den Yampire Gorge reinfahren wollt. Der Asbeststaub von der alten Mine ist immer noch gefährlich. Sie ging weg und kam mit Mais-Muffins zurück und sagte: Stärkt euch, wer weiß, was kommt. Im Nationalpark müsstet ihr erst ein Känguru erschlagen. Die Muffins sind gut, sie sind vom Haus, gratis schmeckts noch besser.

Und jetzt wollte auch Amanda diesen contraindizierten Kaffee. Sie sagte: Auf Asbest sind wir wirklich nicht scharf, aber wir haben keine Wahl. Die Kellnerin wünschte uns viel Glück, und von da an kümmerte sie sich wieder um ihre anderen Gäste.

Vom Auskie Roadhouse führt der Weg nur mitten durch das Gelände der alten Asbestmine in den verdammten Karijini, und wir banden unsere Mund- und Nasentücher um und fuhren mit geschlossenen Fenstern und abgedrehter Lüftung da durch, und mir brannte der Schweiß oder was sonst das war in den Augen.

Warum all die Quälerei? Ich wusste die Antwort: Wegen Karijini, warts nur ab, er entschädigt dich für alles. Noch vor wenigen Jahren hieß er übrigens Hamersley Range National Park, bis man ihn an seine ursprünglichen Bewohner zurückgegeben hat. An die Clans der Panyjama, Innawoga und Kurrama, und die hatten das Gebiet Karijini genannt, was so viel heißt wie: sehr alt, kommt von weit her. Amanda musste die Broschüre, die zugleich auch Wegweiser war, auswendig gelernt haben. Ich erfuhr, dass seit ungefähr 20 000 Jahren in diesem wilden Land die Aborigines lebten. Dass das Land wie eine Idealform des Outback gestaltet ist, worunter ich mir nichts vorstellen konnte.

Und ab 1860 verdrängten nach und nach die Engländer die Ureinwohner, berichtete Amanda. Die rötlichen Felsstaubspuren auf ihren weißen Sachen und auch auf dem blauen Anker rührten mich schon nicht mehr genug. Hinausgedrängt, sagte Amanda, und zwar von Goldsuchern und Farmern, und die machten die Ureinwohner zu Randexistenzen, aber die Aborigines sind selbstbewusste Leute, und mit der Zeit sind sie wieder in das Land ihrer Ahnen und Legenden zurückgekehrt.

Ich habe mir nie was aus dem Ureinwohner-Kult gemacht, sagte ich, er ist mir zu ideologisch, genauso wie der mit den Indianern.

Du bist nur schlecht gelaunt. Amanda trällerte ein bisschen Johnny Cash, der angeschmutzte blaue Anker klebte schief auf ihrem kleinen Busen, und ich war wieder verliebt, obwohl das kaum etwas an meiner allgemeinen Unlust änderte. Ich solle bedenken, sagte die unverzagte Amanda, dass vor über 2,5 Millionen Jahren die Berge des Karijini sich aus dem Meer erhoben. Das Alter hat sie so abgeschliffen, dass ihre Strukturen offen liegen, geschwungene Erzbänder, gefaltet, gequetscht. Und in den Hochebenen klaffen tief Risse von jahrtausendealten Gewässern, das sind die Gorges.

Könnte Arizona sein, könnten irgendwelche roten Canyons sein.

Das wäre ja auch nicht das schlechteste. Bis zu hundertfünfzig Meter tief sind sie, und es gibt zwanzig verschiedene. Übrigens, wir sind längst im Karijini. Ich meine, das müsste er sein.

Aber er war es noch nicht, wir fuhren zwar durch ein weites Tal, aber der Karijini war es erst von einem großen Schild links von der roten staubigen Straße an, das die Besucher an die Eintrittsgebühren erinnerte: fünf Dollar pro Tag, das Doppelte für Typen wie Amanda, die zelten wollten. Zwei Trinkwasserstellen wurden angegeben zusätzlich zum Tipp, genügend Vorräte mitzubringen. Den Müll sollte man selbst wieder mit zurücknehmen.

Lass uns nur die fünf Dollar zahlen, sagte ich. Erspare uns das Zelten.

Ich möchte aber, dass wir uns im Karijini lieben. Amanda machte ein Schmatzgeräusch und strahlte mich an: Noch ein Wunder der Natur inmitten all ihrer Wunder. Unter den Ghost Gums, zwischen den weißen Stämmen der Geistereukalyptusbäume, auf der roten Erde, der Karijini hat circa 630 000 Hektar, mein armer Liebling, wir lieben uns auf dem blassgrünen Spinifex, im blaugrünen Blätterwirrwar der Mulgas, die sind hart, aber wir haben die Matratze, und ringsum knallgrüne und dunkelblaue und dunkelrote Blüten, und wenn die Sonne schon tief steht und die Berge zu Saphiren werden.

Und wirklich bestand Amanda auf den Farben der Wildnis, und wir übernachteten unter dem Sternenhimmel, und sie bestand auch darauf, dass die Sterne hier viel größer und viel näher wären als irgendwo sonst. Aber ich hatte sie gewarnt: Wenn du noch irgendwelchen Wert legst auf solche Beiläufigkeiten gemessen am Karijini, dass es mit uns beiden nach all deinen Naturwundern so weitergeht wie vorher in unserer zivilisierten South View Lane, dann schlagen wir das verdammte Zelt auf und morgen wieder ab und machen uns davon. Aus dem Staub, im Wortsinn: Staub. Wir haben genug gesehen. Und du hast mir erzählt, worauf man nach Einbruch der Dämmerung achten soll.

Das waren Kängurus, die plötzlich aus dem Busch springen könnten, und Nachtvögel mit dem Bedürfnis nach Staubbädern. Schon tagsüber war man vor diversen Viechern nicht sicher. Eidechsen und werweißwas für Schlangen sonnten sich auf unserer staubigen Fahrbahn, Spinifex-Täubchen saßen herum und flogen nicht auf, wenn unser alter Ford vor ihnen stoppen musste.

Schätzchen, säuselte Amanda, das sind die Abenteuer, die der Karijini für zehn Dollar liefert, die gezähmten und die ungezähmten. Und wir werden zum Crocodile-Dundee-Look fahren, und dort werden uns die Ranger beraten, das Surviving-Buch beschreibt sie als freundlich, und wenn du das möchtest, können wir einen mieten und uns führen lassen. Nach ihrem Plan allerdings würden wir mit einem Aborigine ein Walkabout machen, es wäre viel professioneller, und Walkabout bedeute irgendwohin losgehen, herumwandern. Bruce Chatwin hätte das gemacht und er, ein Reiseschriftsteller, sie denke, als so einer wäre man viel herumgekommen, und nichts könnte einen noch wirklich überraschen, doch Bruce Chatwin hätte von Traumpfaden gesprochen, auf denen sei er gegangen, nein: gewandelt. Und zu meiner Beruhigung: Diese Ureinwohner-Begleitung wäre gut organisiert, nichts Verwegenes, in der Karijini Aboriginal Corporation mit Sitz in Tom Price.

Tom Price ist die einzige Stadt nah am Park, aber nur sogenannte Stadt. Und selbstverständlich bezahlten wir einen von diesen Ureinwohnern, die grimmig-hässlich nur aussehen, für sein Geleit auf diesen Traumpfaden, bei schlechter Laune mehr Stresspfade. An die Hitze gewöhnt man sich sowieso nicht. Wir stiegen in die Gorges hinunter, auf brüchigem Gestein, und daran war das Beste das Dämmerlicht, in das wir tief unten tauchten. Bei guter Laune hätte ich zugegeben, dass auch ich auf dieser Strecke beeindruckt war. Aber nicht nur für Liebhaber der Bequemlichkeit war es eine harte Tour. Immerhin erreichte uns in der Schlucht entlang einem ausgetrockneten Flussbett die feindselige Sonne nicht. Durch enge Felsdurchgänge zwängten wir uns, umgeben von einer seltsam besorgniserregenden Stille, und meine leisen Flüche kamen nirgendwo an, unser Ureinwohner verstand sie nicht, Amanda beachtete sie nicht.

Als Anblick gefiel mir Amanda jetzt besser als beim Reiseantritt in ihren unpassenden kindischen Sachen, die sie anhatte. Rotverstaubt und verdrückt vom Schwitzen und der blaue Anker fleckig, sahen sie oder sie in ihnen jetzt besser aus, und ihre angeschrammten schmutzigen Beine, die zu dünn aus den zu weiten Shorts stakten, nach Kinderspielplatz. Aber ihre nicht niederzuzwingenden Hochgefühle isolierten mich in meiner missmutigen Kontraststimmung. Auch weil sie von ihr überhaupt nicht beachtet wurde, fühlte ich mich ausgesperrt. Ich bin sicher, ihre Euphorie, die ich außerdem ziemlich lächerlich fand, gab den Ausschlag, mehr als die Strapaze drängte sie meine Liebesverliebtheit weg, oder es war wie Absaugen, und es tat mir leid um all das Gute zwischen uns. Unserem von sich aus bestimmt lieber stummen Aborigine gegenüber hörte sie nicht auf mit Flirt-Versuchen, und der finstere untersetzte Adressat schien damit einverstanden zu sein, wenn auch ohne Gegenleistung. Nur ein Etwas von einem Lächeln, eine leichte Erhellung, brachte er aus seinem knorrigen Gesicht heraus.

Wir waren plötzlich zu einem Wasserbecken vorgedrungen, es sah tief und gefährlich aus und schimmerte grün, und Amanda kündigte an, mitsamt ihren beschmutzten Sachen hineinspringen zu wollen, und der Aborigine sagte kein Wort dazu, und ich sagte auch kein Wort dazu, weil ich nicht gut genug auf sie zu sprechen war, nur deshalb, aber aus einer Gruppe von Männern nicht weit von uns am Ufer trat einer, der unserem Ureinwohner ähnlich sah, und der war es, der Amanda zurückhielt. Er sagte, zuerst müsse jeder, der hier in dieses Gewässer eintauchen wolle, sein Gesicht benetzen und den Geist der Schlucht um Genehmigung bitten. Er sagte: Ich bin Sprengmeister auf der Hamersley Eisenerzmine in Tom Price, und wir müssten dem Geist versprechen, dass wir diesen Platz behüten und beschützen würden, und er meinte es ernst, und Amanda, für mich längst nicht mehr überraschend, ging mit gläubiger Begeisterung auf sein Gebot ein, hüpfte dann, sie hatte etwas gemurmelt und ihr Gesicht nass gemacht, ins Wasser, ohne ihre Sachen auszuziehen, und sagte: Vielleicht werden sie sauber, und aus dem Wasser rief sie: Es ist herrlich, es kühlt ab, komm rein! Und selbstverständlich folgte ich ihr nicht.

In ihrer nassen Kleidung, auf der die Schmutzflecken nach dem Bad ineinander verschmiert waren, hatte sie zwar wieder dieses Rührende, doch zum für das Lieben so nützlichen Mitleid reichte es nicht. Außerdem war sie, weiterhin auf abenteuerbegierigem Höhenflug, besonders glücklich, als der Sprengmeister uns zu alten Felszeichnungen führte, verborgen in einem Seitental der Eisenbahnlinie, und ich bekam den tasmanischen Beuteltiger zu sehen und erfuhr, dass der schon seit über tausend Jahren ausgestorben ist. Wieder sollten wir auch an diesem Ort dem hier ansässigen Geist unsere Ehrerbietung zeigen, Amanda tat es dem Sprengmeister nach und verneigte sich tief, ich hatte schon ein Problem damit, den Kopf zu senken, denn ich musste an Pinkelhaltung denken und war erbost, übelnehmerisch. Was war eigentlich los mit Amandas liebenswerter und oft sehr einfallsreicher, origineller Ironie? Abhanden gekommen, seit wir unterwegs waren, endgültig dann vom Karijini verschluckt. Wieder spürte ich meine Isolation.

Die Eisenbahnlinie verbindet Tom Price mit der Hafenstadt Dampier am Indischen Ozean, und ich wünschte mich dorthin und sagte es, und Amanda lachte, und der Sprengmeister erklärte: Täglich fahren zwei oder drei Züge die Strecke, die Wagen sind mit Tausenden von Tonnen Eisenerz beladen. Amanda sagte: Der Karijini ist umkreist von Baggerrüsseln. Das liegt am Schatz in seiner Erde. Er ist in jeder Hinsicht etwas ganz Besonderes. Die Wunder der Natur, ich hab sie dir versprochen.

Und eine halbwegs kultivierte Nacht hätte sie mir auch versprochen, schwindelte ich ihr vor. Sie sagte, das hätte sie vergessen, aber obwohl ihr der freie Himmel oder das Zelt lieber wäre, würde sie ihr vergessenes Versprechen halten. Wir fuhren nach Tom Price, die Abendtemperatur, achtundzwanzig Grad, kam mir schon wie eine Wohltat vor, obwohl es nicht komfortabel im The Crown war. Vielleicht weil wir alles andere als taufrisch aussahen und ihm Amandas Aufzug verdächtig schien, machte der Portier einen misstrauischen Eindruck, doch kann es sein, dass einfach nur seine Lebensjahrzehnte in der heißen Ödnis diese Physiognomie herausgebildet hatten.

Ich misstraute den Fleischgerichten auf der abgegriffenen Speisekarte im kleinen Hotelrestaurant und aß wie im Auskie Roadhouse Rühreier, die hier aber vertrocknet waren, und dazu gebutterte Toasts, während Amanda vergnügt an ihrem Stück Kängurubrust herumsäbelte und behauptete, mir entginge was. Serviert hat übrigens wieder der Portier, außer ihm und einem unsichtbaren Koch sahen wir kein Personal, Gäste genauso wenig, und vermutlich gab es nicht einmal den Koch, und das The Crown war im Hochsommer, wenn nur Wahnsinnige wie wir reisten, ein Einmannbetrieb. Als der Portier uns den Kaffee brachte, lächelte Amanda ihn an und sagte: Erzählen Sie uns ein bisschen was. Wie lebt es sich in Tom Price?

Und wahrhaftig, der Gesichtsausdruck täuschte, setzte sich der ältliche Mann zu uns, erzählte von den Eisenerzmenschen, die Tom Price bewohnen: Sie hassen ihre Stadt, aber sie lieben sie auch. Ihre Bungalows sind in Ordnung, ganz modern mit Klimaanlage wie hier im The Crown, ohne die wäre man verloren. Und sie haben ihre Gärten, aber was sie hassen, das ist zuerst mal die Hitze. Dazu kommt die Einsamkeit, wir sind hier völlig abgeschieden, nur zwischen August und November ist es erträglicher. Sie hätten irgendwann in dieser Zeit kommen sollen, vom Klima her ist es besser, und dann haben wir auch oft das Haus voll, obwohl es noch billigere Unterkünfte gibt und das Hamersley und das Tom Price. Und die King Browns hassen sie, die Giftschlangen, ein Biss genügt, und man ist tot.

Wir wollten das harte Australien, sagte Amanda.

Sie wollte es, sagte ich. Die Klimaanlage, das kalte Bier vorhin und überhaupt der Abend unter einem richtigen Dach und zwischen festen Wänden hatten meine Laune erheblich verbessert.

Ich weiß, dass wir die Wildblütenzeit verpasst haben, sagte Amanda. Und was die Einwohner trotz allem lieben, das ist sicher der Karijini. Die einmalige Natur.

So ist es, sagte der Portier, und nicht zuletzt das kalte Bier.

Morgen kaufe ich mir was zum Anziehen, sagte Amanda.

Der Portier, obwohl er sie lang genug gesehen hatte, taxierte ihre drollige Aufmachung und riet: Gehen Sie zu Jeanie’s, die dürfte etwas nach Ihrem Geschmack haben.

So zieht sie sich sonst nicht an, sagte ich.

Es ist in der Drummond, nur einen Block von hier, sagte der Portier.

Wunderbar, sagte Amanda. Er sollte auch was Frisches haben. Sie drehte mir ihr lustiges Gesicht zu. Es ist nett, dass Sie uns überhaupt aufgenommen haben, zwei Schmutzfinken. Wir waren in einer Asbestwolke. Und heute haben wir ein Walkabout gemacht, eine der schwierigen Level-2-Routen. Auch nicht gerade eine chemische Reinigung. Was gibts sonst noch Interessantes von Tom Price zu wissen?

Die Minen hier, und das sind Paraburdoo und Channar, fördern so circa fünfundfünfzig Millionen Tonnen Eisenerz pro Jahr. In der Reisesaison machen sie Führungen durch die Minen, es ist Tagebau, und ganze Berge werden weggesprengt, damit sie das Erz rausholen können. Die Minen sind richtige Monster, gigantisch. Alles in Australien ist das, gigantisch.

Oh, rief Amanda, das müsste toll sein, eine Wanderung durch die Minenlandschaft.

Nur in der Reisesaison, nur dann kannst du da rein, sagte ich. Das tat mir zwar gut, aber mittlerweile hatte ich die abenteuerversessene andere Seite meiner Freundin zur Genüge kennengelernt, und schon summte sie, die Unterarme auf den Tisch gestützt und zum Portier einschmeichelnd vorgebeugt: Wärs nicht möglich, doch einen Führer zu organisieren? Wir haben an einem Wasserbecken in einer Gorge einen Sprengmeister kennengelernt, und er war sehr nett und hat uns viel beigebracht, aber natürlich weiß ich seinen Namen nicht. Gute Bezahlung, ich meine das Ausnahme-Extra, ist selbstverständlich.

Könnte sein, dass sich was tun lässt, sagte der Portier, trotz physiognomischer Gegebenheit erkennbar empfänglich für Amandas Getue. In den Minen sind sogar die Wholepacks sehenswert, auch Giganten, diese Kipplaster.

Für eine Naturwunder-Anbeterin bist du mir nicht gewissenhaft genug, sagte ich später im Bett mit der Absicht, Amanda nicht zu lieben, du dürftest nicht vor lauter Überschwang sogar auch noch diesen Baggern und Lastern applaudieren. Das ist doch in den verdammten gigantischen monströsen Minen Ausbeutung. Ausbeutung der Ressourcen. Je drüber nachgedacht?

Und wie! Amanda lachte. Den Reiz der Region machen diese Kontraste aus. Kontraste zwischen der allermodernsten Ausbeutung, ja, da hast du recht, es ist Ausbeutung, und sie haben nun mal diese Bodenschätze in der absoluten, totalen Wildnis. Alles gigantisch, wie der Portier gesagt hat. Die Wildnis der Region Pilbara und die Kontraste sind ihr Reiz. Und Westaustralien ist das Ultimative an Abenteuerland. Wir beide haben hierhin gewollt.

Perth war nicht ganz meine Wahl, nicht die erste, sagte ich. Es war nur das schnellste zu verwirklichende Angebot.

Der fünfte Kontinent. Fast ist er noch unentdeckt. Amanda legte ihren nackten Oberschenkel über meinen Bauch. Im Gegensatz zu ihr war ich nicht nackt. Der Ayers Rock … Amanda flüsterte, mit ihren Fingern bearbeitete sie meine Hemdknöpfe, und sie zählte auf, was es noch alles zu besichtigen gäbe, und dass sie neugierig auf die Minen wäre.

Zwei Tage Karijini, Amanda, und keinen mehr, so wars abgemacht. Ich flüsterte nicht. Und ich werde jetzt runtergehen und dem Portier sagen, dass er sich morgen früh nicht um einen Minenführer zu bemühen braucht. Dass wir zurück nach Perth müssten. Genau das werde ich tun.

Meine energische Abfuhr erschreckte Amanda nicht, ihr schönes langes Bein bewegte sich streichelnd auf meinem, und sie klang nicht anders als vorher, weder ärgerlich noch enttäuscht, alles beim Alten: Gut, du wirst das tun, Verabredungen soll man einhalten; zwei Tage Wildnis; aber bevor du es tust, werden wir selber die Wildnis sein, und in unserer vielfach bewährten Wildnis, denk an unsere Abende in der South View Lane, werden wir unsere Ressourcen ein bisschen ausbeuten. Dicht an meinem Ohr sagte sie: Das verstößt gegen keinen Plan, Liebling, das tut es wahrlich nicht. Und danach werden wir sehen, was du dem Portier erzählst.

Ich fand jedes Wort albern. Ich sagte, dass ich keine Ressourcen mehr hätte, und Macht nichts, sagte sie, und fast sofort schlief sie ein, was mich dann doch wieder mitleidsähnlich rührte. Ich bin nicht runter zum Portier gegangen. Wir haben die verdammten Minen besichtigt, aber sofort hinterher hat mich Amanda mit Vollgas durch die Hitze und den verdammten Asbeststaub gefahren, und die Kellnerin im Auskie Roadhouse hat uns wie alte Bekannte bewirtet und auch wieder mit Mais-Muffins gratis verwöhnt, und wir hatten sogar noch zwei Kanister Wasser im Kofferraum, als wir in der South View Lane parkten, und ich war zurück in meiner Bequemlichkeit, und Amanda sagte, bevor jeder in sein dem andern ähnliches und fast genau gleich möbliertes Haus ging: Du kommst doch nachher rüber, alles wie immer. Und sie hatte sich in Tom Price keine neuen Sachen gekauft, bei dieser Jeanie’s in der Drummond, und der Anker und alles drumherum war noch schmutziger als vor der Rückfahrt.

Alles wie immer? Aber das war vor dem Karijini, als ich mir sagte: Das ist sie nun also, die Liebe. Viel darüber nachgedacht hatte ich nicht, unterwegs hatte ich oft gedacht, mit der Liebe hätte ich mich schwer getäuscht, ich liebte Amanda nicht in der Wildnis, es war ein rissiges, kratziges Gefühl. Aber vielleicht ist sie anders nicht zu haben, die Liebe. Nicht ohne ein paar Knackse und Einbußen. Vielleicht ist sie gerade das, etwas Verwundetes. Fest steht, es ist nicht mehr alles wie immer. Andererseits: Ich bin auch kein Typ für die Wildnis.

Little Land

Ich musste sehr früh aufstehen, ich hoffte, nicht wieder vergeblich wie so oft in den letzten Wochen. An diesem Montag sollte es trocken bleiben. Endlich könnten die Anstreicher für mein Landhäuschen kommen, mein Little Land. Alle finden mein Leben zu hart, irgendwie streng, und einsam auch. Und niemand hat sich mit mir begeistert, als ich draußen in der Prärie Little Land erworben habe. Noch mehr Sparta, erst recht Einsamkeit: Mein nächster Nachbar wohnt sieben Meilen von Little Land entfernt. Ich entbehre nichts, Shakespeare genügt mir.

Neun Uhr, hatte David gesagt, neun Uhr am Landhäuschen, aber nach früheren Erfahrungen mit ihm konnte ich das nur halb ernst nehmen. Es ist auch schon vorgekommen, dass er vor der verabredeten Zeit an Ort und Stelle war. Weil ich nichts riskieren wollte, habe ich mich aus einem schlingpflanzenartigen Traumschlafdickicht gerissen und dabei, wie immer bei sehr frühem Aufstehen, das ist kriminell gedacht. In Little Land müsste ich die Sicherung für die elektrische Pumpe anstellen, Shakespeare in den Zwinger sperren und werweißwas noch vorbereiten. Nach dem Sonntagsausflug mit Shakespeare fühlte ich mich eigentlich für jede Bewegung zu abgenutzt. Wir hatten Spitzmorcheln und Maipilze gesucht, ich sage wir, Shakespeare hat natürlich keine Pilze gesucht, war jedoch als Gesellschaft eine große Hilfe. Fast, weil ich so bleiern war, hätte ich mir Regen gewünscht und damit einen Aufschub der dringenden Arbeit in Little Land. Da klingelte um halb acht das Telephon. Es war David. Er sagte, ihr Arbeitsplan habe sich verschoben, und sie könnten nicht kommen. Also bis dann, Dienstag.

Wirklich, verrückt, aber ich war richtig erleichtert. Ich bin sonst nicht so. Ich holte die Lokalzeitung herein, ich abonniere sie fast nur wegen der lokalen Wettervorhersage. Für Montag lautete sie: cooler, late t-storms 67 °/36°. Für Dienstag: cooler yet, with showers 53°/ 33°. Das machte auch den Dienstagstermin ziemlich unwahrscheinlich. Aber David hatte entschlossen geklungen, und ich fragte Shakespeare, der zweimal aufmunternd bellte, alles okay?, und er grinste auch. Ich sage lieber keinem mehr, dass Shakespeare grinsen kann, sogar lachen, ich habe keine guten Erfahrungen damit gemacht.

Ich hatte an diesem Montag aus Nervosität mein Zigaretten-Gesetz überschritten, eine pro Stunde, wie Breshnew mit seiner eigens dafür konstruierten Maschine oder was immer es bei ihm war, das ihn vor der Stundenfrist an keine Zigarette heranließ. Und den zweiten Pulverkaffee hatte ich mir auch schon aufgegossen, war jetzt richtig wach und konnte mir einen Tagesplan machen. Ich bereitete mein Osteoporose-Frühstück zu: mit einem aus Algen hergestellten Calcium-Pulver. Ich leerte zwei der Kapseln in einen Glasnapf, verrührte es mit drei Löffeln Yoghurt, garnierte alles mit etwas Gefriergelee. Danach esse ich meistens einen Toast mit Tomate und zusammen mit Shakespeare ein bisschen Thunfisch. Keine Ahnung, ob das Osteoporose-Frühstück meinen Knochen nützt, ich habe mich entschlossen, daran zu glauben.

Und der Tagesplan nahm Gestalt an. Ich würde noch heute nach Little Land hinausfahren und übernachten, um morgen David und seine Gehilfen früh gleich dort zu empfangen. Vorher würde ich einige Besorgungen in der Stadt machen, zu Haus gab es auch eine Menge zu erledigen, mehrere Telephonate, eine dringende E-Mail beantworten (mein Doktorand hatte Fragen, die nicht bis Semesteranfang warten konnten, er hatte sich in eine Sackgasse geschrieben, wie es aussah). Es hat übrigens etwas geregnet,