Schriften und Fragmente meines Lebens - Ernst Barlach - ebook

Schriften und Fragmente meines Lebens ebook

Ernst Barlach

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Opis

Diese Sammel-Edition beinhaltet viele Fragmente und Schriften aus Barlachs ereignisreichem Leben. Aus dem Inhalt: Aus einem Taschenbuch Wider den Ungeist Die wortlose Wahrheit Über das Magdeburger Mal Fragmente von weitläufigen Auslassungen Lob der Bodenständigkeit Als ich von dem Verbot der Berufsausübung bedroht war Diario Däubler Gesprächsphantasien über Däubler mit Fräulein Tina Konto Kollmann Max Liebermann Sturm Schulze und Spiegelschwab gehen über den Kamelshöcker Landstraße am Abend Weidegang am Abend Frost-Sonntagsmorgen Gen Osten Der Klaus gibt Ruh Begräbnis Moritz der Hund So leben wir Keuchhustentage Geborgenheit Reise des Humors und des Beobachtungsgeistes Winterabend an der Seine Artistes de l'âme Märzwetter Sturm auf der Seine Quer durch Paris Winterabend in Friedrichroda Der Frühling Friedrichroda geht zu Bett Spaziergang nach Tabarz Die Mädchen bei der Feldarbeit Die Stunden Die Fiedel Sommermorgen Sommertag Sturms Heimkehr Junge Sturmgedanken ... u.v.m. ...

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Schriften und Fragmente meines Lebens

Ernst Barlach

Inhalt:

Aus einem Taschenbuch

Wider den Ungeist

Die wortlose Wahrheit

Über das Magdeburger Mal

Fragmente von weitläufigen Auslassungen

Lob der Bodenständigkeit

Als ich von dem Verbot der Berufsausübung bedroht war

Diario Däubler

Gesprächsphantasien über Däubler mit Fräulein Tina

Konto Kollmann

Nachruf auf Albert Kollmann

Max Liebermann

Sturm

Weihnachtsfesttag 1912

Schulze und Spiegelschwab gehen über den Kamelshöcker

Landstraße am Abend

Weidegang am Abend

Frost-Sonntagsmorgen

Gen Osten

Eis, Schnee und Januarwetter 1913

Januar 1913

Der Klaus gibt Ruh

Begräbnis

Moritz der Hund

So leben wir

Keuchhustentage

Sonntag, den 2. März 1913

Chronik 4. März 1913

Geborgenheit

Reise des Humors und des Beobachtungsgeistes

Winterabend an der Seine

Artistes de l'âme

Märzwetter

Sturm auf der Seine

Quer durch Paris

Winterabend in Friedrichroda

Der Frühling

Friedrichroda geht zu Bett

Spaziergang nach Tabarz

Die Mädchen bei der Feldarbeit

Die Stunden

Die Fiedel

Sommermorgen

Sommertag

Sturms Heimkehr

Junge Sturmgedanken

Im Märchenlande

Besuch bei mir

Grimmstunden

Das Glück

Dr. Eisenbart

Auf Deichwegen

Karls Vormittagszüge

Die Stundenhexe

Die Dämmerungshexe

Die Hexe der Einsamkeit

Unsere lieben Haushexen

Das Kochbuch

Vom Abend geletzt

Mondscheinspuk

Die Bildhauer gehen über Land

Gebet

So, so scheint mir

So, so ist es

Eilzug

Die Hausspinne

Nicht »Ich«

Aus den Erlebnissen des jungen Humors

Der Strandwächter

Die Todesreise

Die Zeichnung

Schriften und Fragmente meines Lebens, E. Barlach

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN:9783849606589

www.jazzybee-verlag.de

www.facebook.com/jazzybeeverlag

[email protected]

Aus einem Taschenbuch

1906

Die Gedankenwelt des Plastischen ist an die solidesten Begriffe des Materials, des Steins, des Metalls, des Holzes, fester Stoffe gebunden. Das Gebirge, der Baum, haben die Gefühlswelten in sich, die herausgearbeitet werden können. Die absolute Bestimmtheit, die Umgrenztheit des Gefühls sind ihr Reich, das in Ruhe und Majestät Himmelsstürmerische, der Trotz der Titanen, die Schroffheit, Weltabgeschiedenheit des innigstvertieften Weltgefühls. Keine Wolke, kein Wind, kein Licht und kein Dämmer geben ihm Nahrung. Es gestattet kein Schwanken und kein Schillern, kein Zittern und kein fürchtendes Hoffen. Es will. Im Plastischen findet die Menschenseele den Ausdruck ihrer Urgestalt, wie sie das Gebirge dem Denkenden darbietet. Die Möglichkeit, das Letzte herauszustoßen. Das schlechthin Erhabene der Überzeugung zu predigen, das Bewußtsein des absoluten Ichs zu entblößen, nicht zu verhüllen.

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Aus dem Charakter des Steins, der Bronze heraus ist die Formgebung des Bildhauers abzuleiten. Material-Begriffe werden zu Anschauungs-Normen; nach den Maßen von Erz und Stein wird die darstellbare Welt gemessen, auf Eigenschaften, die Stein und Erz entsprechen, geprüft. Die bildhauerische Anschauung reißt wie ein Sturm alle krause Sinnliche lichkeit und alles Zufallsspiel, allen Überfluß und Ornamentluxus vom Knochenbau der Welt.

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Nicht leicht wird der plastische Blick zum freudigen Schauen. Den meisten erscheint es ernüchternd, und mir will erscheinen, als ob es gerade diejenigen wären, die vor den Werken der Plastik nicht ihre Echtheit, sondern ihre Unechtheit bewundern. In die nicht durch das Mittel des Kunstwerks der innere Ernst von Stein und Erz hineinschauert wie eine kühle, klare, tröstliche Offenbarung, wie beruhigende Absolutheit.

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Der plastische Blick sieht, auf die Natur gerichtet, Zeit und Ewigkeit zugleich; er sieht im Boden den Knochenbau der Erde eher als die vielen Härchen, die über ihre Haut gesät sind und ihre Klarheit verwischen, er sieht in der Luft den Atem aus der Brust des großen Raums und erst später oder gar nicht die vielen Spielwirbel von tausenderlei Farben und Tönen, sieht in Baum und Strauch individuelle Gestalten als Kinder der Rasse des Bodens anstatt wie die Kamera tausend Allerlei, was auch da ist wie der Schaum auf den Wellen.

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Wie der Bildhauer mit der Faust, räumen wir mit dem Gefühl den Schutt wichtigtuerischer Nichtigkeiten vom Lebensbilde hinweg, das wir für unser Inneres schöpferisch umgestalten; nicht die Welt sehen, wie sie scheint, sondern wie sie ist – vor unsern naiv zutappenden, aber immer nach dem Knochenbau und dem Muskelwerk tastenden Fingern. Die Federn der Erscheinungsvögel mögen einstweilen stieben, bis wir ihren Bau architektonisch begriffen und den Umkreis ihrer Flugkraft ausgemessen haben. Daß ihr Gefieder dann prächtig in der Sonne blitzt, wenn sie sich aufschwingen und als lebendige Spiele köstlicher Formen den Himmel beleben, soll uns dann so freuen, wie wir bei den Werken der Plastik die zarten Ziselierungen der Oberfläche oder die mattglänzende Hautfläche des Marmors mitgenießen.

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Wie der Dramatiker am absoluten Maßstab mißt und nun, mit dem Bewußtsein dieses Maßstabs in der Brust, gestaltet und erhöht, schlichtet und klärt, so lebt in der Seele des Plastikers das Bewußtsein einer fordernden Notwendigkeit, die ihn zwingt, seine Absicht mit den Plänen einer heldenhaften Großzügigkeit, einer Freude am Unkleinen, am Überwinden des Peinlichen und Gestalten des Unfreien zum Selbstverständlichen zu tränken. Die Gesetze, denen er gehorcht, sind nicht mehr die kleinlichen der Vernünftigkeit, sondern die großen der willkürlichen Vernunft, die andere Gesetze hat als jene.

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Ich kenne einen Bildhauer, der seine Anregungen nicht am Modell, nicht am Leben der Menschen, sondern in der Natur sucht; er gewinnt da Begriffe höherer Personen als es ihm das Leben liefert. Ein Schauen von Mythen. Das Sausen des Sturms, das Drängen und Überstürzen der Wellen sind Charaktere, zu denen er die entsprechenden Personen schaffen muß.

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Mit der Forderung des Sehens hat man die des Schauens unterdrückt. Das Schaffen in Visionen ist göttliche Kunst, Kunst in höherem und also besserem Sinne als die Wirklichkeits-Kunst, die sich vom bloßen Können ableitet. Visionen haben ist Fähigkeit des sinnlichen Blicks. Sollte dieses »Fest des Schauens« nicht ein höheres Sakrament sein als das andere? Sind Visionen unwirklich? Sie unterliegen ebenso dem Begriff »Selbstverständlichkeit« und »Richtigkeit« wie körperliche Gegenständlichkeit.

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Die gewissenhaftesten Studien können als unwahr empfunden werden wie die kühnste Vision als wahr.

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Wenn der Künstler zeigt, wie mystisch alles ist, so ist das aussichtslos, es sagt dem Publikum bloß, daß es im Trüben verharren muß. Wenn der Künstler das Mystische so sinnlich gestaltet, daß es vertraute Welt wird, so hat er erhoben: durch das Gewöhnliche zum Unendlichen. Und hat gezeigt: sieh, die ganze Welt ist großartig, überall, denn der mystische Gehalt geht vollauf im Gewöhnlichen auf.

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Was unter mythologischer Anschauung zu verstehen ist: natürlich keine Götterlehre, sondern der Prozeß, der zur Götterlehre geführt hat. Keine Wagnertümeleien. Kein Dichten und kein romantisches Ausdeuten und Beleben der Landschaft mit Gestalten. Sondern das Gestalten selbst, in dem Sinn, der vormals zur Mythenbildung führte. Jeder Gegenstand kann mythisch angesehen werden; man kann es auch anders nennen: Ausschöpfen der Ewigkeitszüge, deren Stimmung lebendig ist (Persönlichkeit darstellt), die zu der Menschenseele redet. Bei der es nicht heißt: so kann es sein, sondern: so kennen wirs, so kennen wir uns wieder.

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Und da die Menschenseele des Ästhetischen doch bloß als Schmuck bedarf, so werden ihre andern Forderungen: die Erhebung zum Weltgefühl, des Gottesgefühls, der Wunder-Gegenwart (wozu ja das Wunder des Lichts nicht allein gehört), die Erinnerung an die ersten grundlegenden Ausbrüche des Schauens vorwiegend aus der Natur herausdemonstriert werden, sagt ruhig: hineingelegt, aber so wie man einen lebendigen Keim in den Boden pflanzt, der auch nichts vom Boden hat, im Ansehn, aber ganz aus ihm besteht.

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Noch andere Arten des mythischen Kunstschaffens: das Sehen des Architektonischen, die Form des Bodens, der sich bäumt, wellt, jagt mit dem Gefühl eines zur Form gewordenen gewaltigen Tuns, der endliche Prozeß unendlicher Versuche, Experimente, Tragödien, die seit tausenden von Jahrtausenden gleichgebliebene Sprache, der man immer deutlicher ihre Worte abfangen möchte und sie darum von der Hülle der Wettervorgänge befreit. Man reißt den Schleier vom Gesicht einer geheimnisvollen Person.

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Im Ganzen des Architektonischen ist der Ausdruck des Strebens nach Wahrheit, dessen, was man wirklich wissen kann, und wenn ichs übertreibe, so ists keine Willkür, sondern der Ausdruck des Suchens meiner Persönlichkeit nach unzweifelhaften Bestimmtheiten.

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Die Vereinfachung und Monumentalisierung, die gibt mir den Begriff der ewigen Ideen. Das Stück vom Angesicht der Natur wird seiner Runzeln, Härchen usw. entkleidet, und ich versuche mir zu zeigen, wie es eigentlich aussieht. Der Prozeß bedeutet eine Erhebung der Persönlichkeit zu gleicher Größe, Person zu Person.

Wider den Ungeist

Das Organ des Königin-Luise-Bundes macht sich am 24. November 1928 über angebliche Unterzeichner des kommunistischen Volksbegehrens in der Panzerkreuzerfrage her, so gut es eben geht. 600 Namen von Künstlern waren zu Propagandazwecken in der Zeitung Klassenkampf vom ... Oktober 1928 aufgeführt, darunter auch der meine, und so sitzt man denn zu peinlicher Befragung unschuldig angeschuldigt da und muß auf sich mit Fingern deuten lassen. Der schrille Ton des Organs schreckt mich, ich bekenne, wo Ausdrücke knallen, wie »Gipfel der Selbstentmannung« (Gipfel?), »Bankerotterklärung des Nationalgefühls«, »Künstler, die sich als Führer des Volkes aufspielen«, »Geistesführer«, »Russisch asiatischer Brei«, »Abtötung des deutschen Nationalgefühls« und ähnlich klappernde Hergebrachtheiten – da muß ich mich taub stellen, da ist eine Vernunft am Werke, vor deren Äußerungen ich das Hasenpanier entrolle und um Schonung signalisiere. Ich bitte die geehrten Damen, mich feiglings flüchten zu dürfen, das Hohngelächter vom Gipfel, wo der Luisenbund sich aufgebaut hat, nehme ich in Kauf.

Es genügt zu veranlassen, daß ernsthafte Männer die Köpfe zusammenstecken und munkeln, weil ein Bildhauer bei der Bewerbung um einen Auftrag – wodurch seine Würdigkeit fraglich gemacht? Hat nicht selbiger Bildhauer, während er einerseits Entwürfe für ein Ehrenmal der Gefallenen des Weltkrieges in der Nachbarschaft vorlegt, andererseits und vorher, damals als das Volksbegehren wegen des Panzerkreuzers schäumte, seinen Namen in die kommunistische Liste geraten lassen? Nein, er hat es nicht, denn der Name hat nicht darin gestanden, aber immerhin soll er darin gestanden haben. Es steht nun so, daß vom Stahlhelmbund die Rede sein muß, weil sonores Aufschwellen und Abgrollen von Männerrede wegen des Verdachts brandet, ich könnte einen Knopf kommunistischer Färbung an meiner Weste haben. Es wird also gemunkelt, anläßlich meiner Bewerbung um ein Ehrenmal, aber freilich nicht offiziell. Der Kreisführer im Stahlhelm B. d. F. stellt unter dem 29. 1. 1929 fest: »... daß in meinem Befehlsbereich offiziell die Sache des Herrn Barlach nicht behandelt worden ist, sondern daß es sich höchstens um Gespräche einzelner Kameraden über diese Angelegenheit gehandelt haben kann.« Die Entwürfe wurden abgelehnt, und es war dieselbe Munkelei aus dem gleichen Vorstellungskreise, die die Ablehnung bewirkte, freilich, ohne daß ich einen andern als den geräusch- und geruchlos wirkenden weltanschaulichen Zusammenhang zwischen dem hiesigen und dem nachbarstädtischen Gerede nachweisen könnte. Was meiner Mißliebigmachung noch ein bißchen förderlicher wurde, indem man mich als jüdischen und von Juden »gemachten« Bildhauer stigmatisierte, war ein Hilfsapparat, der zwar auf einem Nebengeleise in Schwung gebracht wurde, aber auf den gleichen Zielpunkt meiner Verfemung hinwirkte. Die antisemitischen Artgenossen zwinkerten den mit ebenso falschen Tatsachen bedienten zu, und sie machen dabei gewiß auf monopolisierte Rassetugenden Anspruch, vermutlich unter den zahllosen andern auf exemplarische Lauterkeit des Gemüts, Gradheit und, wie sich von selbst versteht, auf Mut und völkisch angeborene Treuherzigkeit, lauter vermeintliche Einzigkeiten. Aber warum stehen die dergestalt von mir Abrückenden, indem sie von fern auf mich hindeuten, mit ihren Signalpfeifen an einem schimpflichen Ort? Denn wer aus anonymer Verantwortungslosigkeit heraus agiert, dessen Standort ist der einer schäbigen Verborgenheit. Gehören Gradheit, Mut, Treuherzigkeit an einen schimpflichen Ort? Wer bringt sie dahin? Sie, die antisemitischen Artgenossen! Und wie gedenken sie mir in der Meinung der Leute zu schaden? Eben dadurch, weil Rassenstolz kein Werk eines Juden bei einem Anlaß wie der Errichtung eines Ehrenmals erträgt. Hier muß ich der Versuchung widerstehen, breiter auszuführen, wie ich mich dieses reinen Rassegenossen schäme. Als Nichtjude gerate ich auf den Holzweg des Nichtverstehens, denn ich habe jüdische Freunde und nehme an ihnen die Eigenschaften der Gradheit, der exemplarischen Lauterkeit, des Mutes und angeborener Treuherzigkeit wahr, lauter Einzigkeiten, auf die sie nicht einmal stolz sind, weil sie ihnen als selbstverständlich eigentümlich sind. Mir will aber scheinen, daß ein Artgenosse, und sei er noch so antisemitisch, solange er sein schäbiges Geschäft mit der Signalpfeife an einem schimpflichen Ort betreibt, bei allem inbrünstigen Stolz wohl im Ernst auf Gradheit, Lauterkeit, Mut und die andern exemplarischen Rasserügenden nicht Anspruch erheben kann. So sage ich, wer versteht, wie man auf mangelndes Gut dennoch stolz sein kann, der versteht es eben auf die Art der zeitgenössischen Gesinnungsbrüder mit der Signalpfeife. Hier ist eine schief angesetzte Raison zu enthülsen.

Hier machen Denkpfuscherei und Rechtfertigung durch Weltanschauung gemeinsame Sache.

»Er soll unterzeichnet haben, also ...« »Also« heißt hier nicht: daraus folgt (nämlich als organisch wachsendes Ergebnis ), sondern: wir folgern (nämlich mit der organisierten Spezialanschauung unsrer unter uns Kameraden gültigen Parteilogik). Den Herren ist ein Ehrenmal für Gefallene von der Hand eines Künstlers, die eine kommunistische Liste unterzeichnet haben soll, ein Werk, nicht geeignet, Tote zu ehren, sondern geeignet für Rechthaberei und Meinungszwang – ein Gedankengang in Krümmungen, und wer ihn betritt, sind die lieben Parteikinder, die das Bundesschema vielstimmig im Chore absingen. Weltanschauung rechtfertigt? Ach Gott, hinter den Bergen wohnen auch Leute, aber Onkel Doktor Dogma verschreibt gar zu leckere Sachen, und Selbstverhätschelung und leichtlöslichen und halbverdauten Brocken kommt sich im Spiegel der Eigenliebe wunder wie brav vor.

Ich frage, wenn ich Jude und Kommunist wäre, könnte ich nicht vielleicht für meine Arbeit eine die Erinnerung beschwörende Formel gefunden haben, ein Mahnbild hinstellen können, das die Hunderte in einer Gestalt symbolisch wiederkehren hieß, damit sie wissen, wie unausgelöscht ihr Wirkliches und Letztes, ihr gemeinsamer Verzicht auf das, was andern blieb, im Gedächtnis haftet? Ist es danach gegangen? Nein, und was geschieht, da man erfährt, wie falsch die mißliebigmachenden Umstände waren? Man hätte sich doch sagen können: obgleich – vielleicht – doch wohl – am Ende das kameradschaftliche Gemunkel den Verlauf nicht bestimmt hat, so sind die Ursachen und Gründe des Gemunkels doch in dem so beschaffenen Falle hinfällig, also »folgt«, daß die hinfälligen Gründe nicht gelten und es an der Zeit ist, sie hinfallen zu lassen wie andre Peinlichkeiten, die man auch nicht bei sich behält.

Wenn ich nun zu bedenken mahne, daß hinter den Bergen auch Leute wohnen, so flüstert eine melancholische Frage, wer will es denn wissen? Daß die Welt weit ist, sagt man so; die Welt ist nicht geräumiger als die Köpfe, die sie in sich fassen, und die Köpfe sind zumeist enge Nester für selbstbehaglich schmorende Gedanken.

Eine freimütige Widerrede an mich könnte so lauten: Allerdings, aufgeregter Herr, rechtfertigt Weltanschauung und so auch uns die unsre, wir lassen uns nichts Fremdes aufdrängen, Jude hin, Jude her, Kommunist oder nicht, das ist alles Geschmus drumrum. Munkelei oder nicht, laut geworden gegen Sie, geltend gemacht in öffentlichem Abtun Ihrer Sache, ist nichts dergleichen. Man kann es bei Seite schieben, und was dann bleibt, ist das, worum es geht. Und es geht darum, daß Sie in Ihren Entwürfen dem verderbenden Walten des Geschicks zuvörderst, vielleicht nicht ohne Gelingen, ein Wahrzeichen errichten wollen. Die Idee des Opfers, die Sie sodann hervorheben, selbst wenn Seelenstärke im Unterliegen aufstrahlt, gründet nicht den Bau unsres Trostes. Uns geht es um Aufrichtung, wir sind »kampffrohe Christen«, und unser ist das Reich und die Herrlichkeit der flammenden Zuversicht. Auf dem Grunde der Ungebrochenheit stillt sich der unsterbliche Glaube an das Heil der germanischen Weltordnung ... Darum stillgestanden im Gehorsam gegen den Führergedanken, und keinen Platz in unsrer Weltanschauung haben Leute, die hinter den Bergen in der Welt wohnen sollen.

Darauf erbiete ich mich zu antworten: Meine Aufgabe war, ein Erinnerungszeichen zu schaffen, die Toten wären vielleicht berechtigt zu fordern, daß man nicht um Sinn oder Unsinn ihres Sterbens zankt, die Zeit, die über Trauer und Schmerz hinschreitet, wird im Hineilen durch ein Mal gehemmt, ihr Schritt hält an, sie soll im fortfahrenden Hasten, Weiterwerden und Neugestalten die Spur des Augenblicks in sich fassen – Nichtvergessenwerden sei als Ehre ohne Vorbehalt gewertet, aber durch keinerlei Dialektik darf den Toten, die nicht zustimmen oder ablehnen können, eine Teilnahme an den Zwecken der Überlebenden aufgedrängt werden. Unter den Hunderten Gefallener in der Nachbarstadt sind vielleicht einige Juden und Kommunisten, deren Tod rechthaberisch gegen sie ausgenutzt werden würde, wenn man sie mir nichts, dir nichts zu Eideshelfern einer fremden Anschauung machen wollte. Das ist ja nicht der Sinn des Wortes von der freien Meinung, daß sie nach freiem Belieben geknechtet wird, und dies wäre grade das Ergebnis, wenn man ein Gedenkendürfen als Gelegenheit zum Vorschreiben und Unterstellen einer strammen Gesinnung ersähe, wie sie sich aus spezieller Weltanschauung ergibt. Die Toten sind politischen Notwendigkeiten entronnen, und sollte die Frage nach dem Fortleben im Reich des Geistes bejaht werden, so würden sie sich gewiß verbitten, in unsrer Vorstellung als Geistesgruppen verschiedener Nationalitäten oder als Parteimitglieder in absentia fortzuleben. Vielleicht wünscht der Tote, hienieden unvergessen zu sein, aber wohl hat der Nicht-mehr-Mensch alle Ursache, mit seiner Befreitheit aus dem Kerker des menschlich zwanggläubigen Denkens zufrieden zu sein, und spottet einer Zumutung, die ihn erniedrigt – aber vielleicht fordert die »Vaterländische Einstellung« doch ein Fortkämpfen der Entkörperten in Gedanken an die Legende von der Hunnenschlacht in Gebundenheit an schwarz-weiß-rote Ideenkomplexe, dann spreche ich allerdings nicht mehr von Leuten hinter den Bergen.

Es ist zweifelhaft, ob die Abneigung zur Scheidung zwischen Denkschusterei und echter Einsicht in persönlicher Mißratenheit wurzelt. Durch Paukenschlag und billigen Rhythmus werden mit der Gewalt des Schlagwortes die Gemüter berauscht, die Allerweltsseele will übergern beseligt werden, und rednerische Überschwungtheit reißt die unbedachte Bereitwilligkeit in ihren Strudel; denn es verhält sich so, daß das Kauderwelsch zeitgenössischer Hast, der massenhafte Auftrieb von halbgaren Vorstellungen, in lauter platzende Unfertigkeiten des Worts ausbrechend, wie Fusel die Fähigkeiten der Köpfe lähmt. Das Ungefähr, der Schein der Schlüssigkeit dünkt sich überleidig gut genug, nur daß auch der Schein hübsch kunterbunten Schaum schlägt und die leckere Bereitwilligkeit den Mund recht voll geschleckt bekommt. Die Zeitläufte haben lange Beine, und dem bißchen Gerede über mich mag vielleicht bald der Atem ausgehen. Doch in den Köpfen spukt der schonungslos eingehämmerte Rhythmus, der den wilden Tanz von in Unfreiheit dressierten Vorstellungen zum Wüten und Wirbeln bringt. Wie heute mir, kann es morgen Andern ergehen, wie Andern morgen kann es bald ganzen Reihen und Schichten gehen, denn das Schlagwort hat einen furchtbaren Schwanz, und seine Schwänze treffen nicht nur in die Nachbarstädte, und der Vollzugswille der kameradschaftlich organisierten Artgenossen mag einmal wie im Kleinen gegen den Kurs meines Schiffleins machtfreudig gegen die »janze« nicht passende Richtung strömen.

Wie steht der Künstler im elementaren Geschehen derart aufmarschierender Massenurteile da? Als ein Spänlein und verkrümeltes Nichts zwischen brechenden Erdschollen und Lavastürzen. Aber wohl mag er in unbetäubter Besinnung die Frage stellen nach der Verläßlichkeit von Ursachen und Gründen so mastiger Vorgänge.

Es gibt eine gespickte und gepolsterte Wirklichkeit und eine andre, sozusagen abgeschabte, unansehnliche, der als einziger Pomp und Pathos Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit wortlos innewohnt. Ihr, die ihr die Dinge auspolstert, wißt nichts von dem Adel der Einfachheit, ihr setzt der Wirklichkeit solange zu, bis sie die Backen aufbläst und in Trompetenstößen Laut gibt, und wißt nichts von einem Ewigkeitswort, dessen Raunen nur aus der Stille vernehmbar wird. Donnergefühle müssen sein, und in Knallworten müssen sie sich entladen, nichts liegt bei euch zwischen den Zeilen als das Pfeifen eurer Blasbälge.

Kann man nun riskieren, von der Tragik des Seins überhaupt zu sprechen, dem Dämonischen einen Fingerzeig zu gönnen? Nichts da in eurem Wissen von Segen und Fluch, wie der Fluch den auftrumpfenden Erfolg infiziert, wie der Segen den Erliegenden mit Stolz beschenkt. Es gibt, wenn auch nicht in eurer Vorstellung, einen Ruhm der Einfachheit, aber nebenan prunkt zufrieden eure stampfende und weithin anrüchige Aufgewichstheit in augenrollender Verbiesterung.

»Unser der Sieg« ist euer Leitmotiv. Ein bißchen Nachspüren dem wehen Hauchen, das über Gräber zieht? Der »kampffrohe Christ« brüllt Racheschwüre, und der Hauch, der wie leichtes Seufzen sang, schauert in sich zusammen. Ein bißchen unverzagtes Hinblicken auf die Härte des Geschehens? Oh, nein, nur nichts Trauriges, beileibe kein andres Gefühl, als die hackenklappende Gesinnungsordre vorschreibt.

Nicht viel ist anders geworden im geistigen Reglement, der weite Wald, der zu Kreuzen geworden, ist umsonst gefallen, der Schiffe, die im vergossenen Blut schwimmen könnten, ist eine gewaltige Flotte, aber: »Unser der Sieg«. Als ob es mit dem Niedertrampeln der Andern getan wäre, als ginge es ohne siegende Vernunft, ohne Sieg über sich selbst, ohne Verständnis für die Besiegten, worin ihr es unsern Feinden genau so ausgiebig hättet fehlen lassen wie diese uns. Gewalt wird gelobt, solange sie Andern gilt, aber von den Andern gegen uns gerichtet, heißt sie nicht »die in Herrlichkeit gerechtwaltende Gewalt«, sondern »barbarischer Vernichtungswille«.

Ist die Tragik des Erliegens euch so unverständlich? Wißt ihr nichts von der ewigen Unbefriedigung des Seins? Daß es immer zerstört, um neu zu werden, sich seiner selbst entledigt, um seiner selbst im Bessern habhaft zu werden, immer wieder das Unmögliche will, um am Möglichen zu scheitern? Nein, ihr wißt es nicht. Ihr wollt in unverdrossener Selbstbefriedigung was sein? Die ewig Gleichen, und ahnt nicht, daß das Gleiche immer verworfen ist, weil es mit seinem Anspruch den schöpferischen Trieb im Sturm des Weltgeschehens beleidigt.

Wollt ihr die Toten ehren, so laßt sie in ihrem Bereich der Ruhe. Spickt nicht die Tragik ihres Schicksals mit fetter Pietät, gebt zu, daß sie waren, aber nicht sind, indem ihr das Andenken vom Zweckschwall säubert, und gönnt ihnen die Vollendung, deren sie teilhaftig wurden durch Letztgültigkeit, durch Eingehen ins Unwiederbringliche, in zeitlos geordnete Ewigkeit. Ehrt vergangenes Sein, wie es am höchsten war, als Wertsetzung des Selbst trotz des Erlöschens. Der Begriff »Sieg« ist im innersten der eines neuen Beginns, einer frischen Aufgabe, aber Vergehen ist Krönung; die höchste Weihe ist dem gegeben, der zu Unvergänglichkeit im Unveränderlichen gelangte, und unvergänglich ist das Bild des Gewesenen, der in der hinrollenden Ewigkeit einen einmaligen Wert bewiesen und seine höchste Möglichkeit erschöpfte. »Ehrung« ist kein Preisliedsingsang, damit schafft man nur sich selbst eine herzliche Genugtuung in Schmerz und Sehnsucht. Eine Ehrung mag vornehmer beweisen, daß der Lebende den Toten im Heiligsten seines Herzens erkennt als vom Schicksal geformte und bedeutsam erhobene Einzigkeit ohne Hinzutun von einer Hand, die nun doch einmal von Ausdeutungslust stümperhaft geführt wird.

Das Lange und Breite von dem Allen ist, daß ihr Siegesdenkmäler haben wollt, hinten herum, wenns von vorn und ohne Umschweife nicht angeht, also Eitelkeitsbefriedigung, da ja die Toten nichts davon haben, bei den sich selbst einsetzenden Erben ihrer Taten. Mit Unterschätzung der Andern fängt es an, und mit Selbstbetäubung hört es nimmer auf. Nur immer unverzagt Jene beschuldigen und nie um die eigene Beschaffenheit gesorgt! Der ist schon ein schlechter Kerl, in dem sich einmal Selbstbesinnung aufraffen will. Wer den Parteianforderungen gewachsen ist, der habe das Bund statutengerechter Dietriche in der Tasche, und wehe, wollte er sich unterstehen, irgend ein Ding aus frei schaltender Vernunft zu erschließen!

Die Ehrfurcht des Künstlers vor dem unfaßbar Dunkeln im übermächtigen Geschehen mag immerhin als einseitig abgetan werden. Aber das Notwendige bei so mythischem Anlaß kann nur Abwendung von jeder Zeitbedingtheit sein. Keine Anlässe, die sich, heranmachen, haben Rang neben dem einen, der in dem Kreis eines Verlaufs von absoluter Größe gegen Vor- und Nachwelt beschlossen ist.

Man versage es sich doch endlich, Selbstiges vor solchem Kreise der im Segen ewiger Stille ruht, laut werden zu lassen, und trete in den Schatten schweigender Bescheidenheit zurück. Mit allem Zutun erweist ihr doch nur euch selbst einer. Gefallen und macht euch peinlich wichtig mit rauschenden Bannerreden, die so ewigkeitsfern sind von der Erhebung zur lächelnden Weisheit der Toten, die im Symbol der Zeitlosigkeit Gerechtigkeit sucht.

Die wortlose Wahrheit

Die Gläubigkeit meines Wesens möchte um alles Heiligen willen von Befragung verschont bleiben. Sie ist sich ihrer selbst kaum bewußt und viel zu stolz, wenn sie schon gestellt wird, es darauf ankommen zu lassen, daß man sie zu etwas Worthaftem nötigt, mit dem sie ihre nackte Unfaßbarkeit in scheinbare Verständlichkeit kleiden müßte, um es an notdürftiger Vernünftigkeit nicht fehlen zu lassen ...

Meine liebste Erwartung ist auf die Möglichkeit freien Atmens gerichtet, – wollte ich disputieren, und sei es nur mit meinem andern Ich, so käme das einer Grabschaufelei gleich, und so viel vermag ich disputierend nicht zu fördern, daß ich darum das Bessere darangeben dürfte. Ich fürchte dabei, daß ich zeither überleidig disputiert habe, und fühle, daß ich dem reinen Gestalten allzuviel schuldig geblieben bin.

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Die Wahrheiten vergehen, die Wahrheit selbst bleibt, die wortlose, die, zwischen den Formulierungen der Dogmen als Sturm den erhabensten Irrtum aufrührend, den vergänglichen Leibern, nämlich den Dogmen, ihr Blühen und prunkendes Dauern [und] bis zum Überdruß ihres Alterns Kraft und Odem gibt. Die Wahrheiten sind sinnliche, menschliche Erfindungen, die Wahrheit ist die Unsichtbarkeit selbst, das Sein des Seins, das Unnennbare, für das der zweisilbige Klang nichts als Beweis ist, daß die menschliche Unzulänglichkeit eines zulänglichen Übermenschlichen bewußt ist, das sie benamst, um es nur als etwas Existentes zu bezeichnen: die Ausströmung des ewig unbekannten Gottes, dessen, was eben nicht menschenmäßig ist und darum nicht von Menschen erfaßbar, also ihnen unbekannt ist und bleibt. Aber das künstlerische Vertrauen ohne arge Vernünftigkeit glaubt sich selbst sein Schöpferrum und beweist es sich zufriedenstellend als Teilhabung im großen schöpferischen Geschehen ...

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Ich bin froh, wenn mir einige handgreifliche Dinge gelingen, aus denen eine Ahnung von der Möglichkeit des Hinübergelangens in Bereiche klingt, die einmal »über« uns sind, aber darum nicht hoffnungslos verschlossen, – eine Ahnung, die mit Ernst und Strenge nicht unvereinbar, schon an sich selbst beglückend ein Übersichselbsthinaus erfahrbar macht. Es ist wohl so, daß der Künstler mehr weiß, als er sagen kann, weshalb er sich überzeugt ans Bilden macht.

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Ich muß mich dem Geheiß eines Sollens fügen, das mich in jedem einzelnen Fall bestimmt; und wäre es nicht so, daß ich, wie es sich auch aus dem Unbewußten gestaltet, immer doch Zusammenhang, Einheit, Folgerichtigkeit des Gewordenen zu erkennen genötigt bin, so wäre mir das Wesen, aus dem ich gekommen und in dem ich mich bewege, kaum eine Gewalt, zu der man Vertrauen haben dürfte. So aber geschieht, was geschieht, in immer mehr sicher werdender Gutgläubigkeit. Freilich von einer Art, die sich immer weniger formulieren läßt, der es unabweisbares Bedürfnis ist, sich in solcher Freiheit zu bewegen, daß sie Andersgewohnten, nach beglückender Begrenzung und Sicherheit Verlangenden als schlechter Glaube, ja als Ungläubigkeit erscheinen möchte. Doch gehöre ich zu den gläubigen Menschen, deren Letztes allerdings sich nicht in Worte bringen ließe, indem ich der Überzeugung bin, daß die mir gegebene Sprache und Darstellung – wenn auch stammelnderweise – von Etwas zeugt, das vom Wort, von Wille, Verstand und Vernunft überhaupt nicht berührt wird. Es sei denn wiederum in der Art der Kunstsprache, indem ihr innewohnt und übertragen wird aus ihr, vermöge übervernünftiger Eigenschaft als Schönheit, Größe, Majestät oder erschütternde Eindringlichkeit, was vom Jenseits der Wortmathematik kommt, nicht gewollt, gelernt, gewonnen oder ursächlich erkannt werden kann, sondern zweckfreie Gnade ist.

Über das Magdeburger Mal

Sie wünschen von mir einige Daten, deren Niederschrift mich im Umsehen in eine Auslegung der Darstellung meiner Absichten bei Herstellung der Arbeiten verwickelte, eine Darlegung, die ich am Ende entschlossen verwarf, indem ich mich in meiner Lage als Autor bloßgestellt fühle, wenn ich mit andern als künstlerischen Mitteln eine Beeinflussung der Meinungen versuchen wollte. Mein Teil ist getan. Was ich zu sagen hatte, ist von mir nicht anders zu leisten. Die meiner Aufgabe gebührenden Aufwendungen an Kraft und Hingebung sind bis zur äußersten Möglichkeit getan. Alles, was ich noch dazutun könnte, wird schwächer ausfallen, als ich im Werk vermochte. Dazu kommt, ich spreche für mich, wenn ich in Worten verdeutlichen wollte, was ich in plastischer Form zu sagen mich gedrungen fühlte.

Mein größtes und – wie ich hinzufügen muß – verantwortungsvollstes Holzbildwerk ist aus einer realistischen Bildvorstellung erwachsen. Im Dom gilt nicht die Rede des Alltags, das Wunder des Bogens schließt aus seinem Bereich das Wirkliche aus und fordert das Gleichnis. Die Wirklichkeitsgestalten meines Totenmals ordnen sich zum Einklang mit dem überwölbenden Bogen und bekennen sich als Individuen zu Gliedern einer übergeordneten Wirklichkeit, dienen bei allem Bleiben im Persönlichen einem Begriff des Gestaltseins über den menschlichen Bereich hinaus. Ihr Gewesenes ist durch Fugung und Linienführung zu einem Gewordenen eingegangen, sie nehmen an einem Ganzen teil, das durch sie ein verklärtes Leben empfängt, – nicht ohne ihnen wieder davon mitzuteilen. Die Erschütterung der Todgeweihten durch Leiden brachte ihnen nicht den Zusammenbruch, sondern ließ sie in eine höhere Sphäre hinaufgelangen, wo kein Sinnloses mehr schreckt, keine bittere Notwendigkeit immanentes Vertrauen begräbt. Zwar das Kreuz, das große Grabkreuz des Massentodes, ist schicksalhaft zwischen sie gestellt, zwar eint sie ein furchtbares Verhängnis, aber sie sind der schwersten Mahnung gewachsen.

Fragmente von weitläufigen Auslassungen

Wer Ohren hat zu hören, riskiert, wenn er den Gebrauch seiner Augen zu gleicher Zeit vernachlässigt, daß ihm etwas eingeredet wird über Dinge, die zu erfassen es zunächst und vor allem der Augen bedarf. Allzuviele wissen nicht, daß, oft wissentlich-gewissenhaft aus der Stille verschieden gearteter Gemütslagen heraus gesehen, die Dinge lebendig werden in der Seele, die sich ihres sehenden Organs bedient, geklärt, – kurz in den eigenen Besitz überführt und nach eigenem Maße gemessen und ergriffen werden. Wenn das, was man allgemein von einer Sache sagt, den Vielen genügt, so wird ihnen ein fremder Besitz aufgedrängt, ein Wert ohne Verlaß und Dauer. Wer möchte aber darauf verzichten, selbst zu wissen, was er in sich bergen und zum Teil seines Ich machen möchte?

Um von meinem Ehrenmal im Dom zu Magdeburg zu sprechen, so war im voraus ein Wort gegen das Wortemachen wohl angebracht. Ich begebe mich somit freiwillig des Anspruchs, mehr zu erstreben, als den Leser zu eigener Urteilsfindung anzuregen und sich für seinen Teil der eifernden Freudigkeit fremder Beeinflussung zu entziehen ...

Wenn ich selbst etwas über das Ehrenmal in Magdeburg beibringe, nehme ich gern den Vorwurf der Nüchternheit hin, sogar unwirksamer Kargheit, die mir in eigener Sache geboten scheint. Es sieht so aus, als ob die äußere Gelassenheit der Gestaltung erkältend wirke, als ob die architektonische Anordnung, eine Rücksicht auf den Standort, ja seine sakrale Haltung, verwirre, als ob das dreiteilige Aufstreben, gegliedert durch die Querbänder einmal der Hände, dann der Kopflinie der unteren Halbfiguren, nicht als Ausdruck unlösbarer Zusammengehörigkeit, als Bändigung von zwei Gegensätzen zur Einheit verstanden werde, – daß Verhängnis und Untergang und, ihnen widerstrebend, das Mahnbild unerschütterter Schicksalsgemeinschaft gewissermaßen als unzulässige Mischung von nicht gleichwertigen Verkörperungen verschiedener innerer Zustände ungern hingenommen würden, – daß die dramatische Spannung plastischen Ausdruck erhalten und also nicht einer Empfänglichkeit genügt, deren unplastischer Aufnahmebereitschaft naturalistisch vortragiert werden muß, dieser Umstand verschlechtert die Aussichten auf Duldung meines Ehrenmals. Denn es ist Spannung und nur äußere Gelassenheit aus architektonischer Notwendigkeit in der Darstellung. Auf einem Gräberfeld erheben sich drei Krieger, das ragende Grabkreuz der vor ihnen Hingesunkenen umringend in der Haltung solcher, die sich behaupten werden. In der Mitte, hochaufgereckt, obwohl am Kopf verwundet, heroisch dem Tod ins Auge blickend, der junge Führer, rechts von ihm, schon tiefer im Bereich des Todes fußend, der ältere Landsturmmann, links von ihm der noch knabenhafte Neuling in dieser Welt der Ungeheuerlichkeit, trotz seiner Zagheit und Unerfahrenheit der Erprobung gewachsen; der Sturm des Kampfes hat die Gestalt des schon skelettierten Soldaten, den Stahlhelm auf dem im Fleisch verfallenen Kopfe, halben Leibes emporgeworfen, und ihn flankieren zwei durch alle Stadien des Schreckens gezwungene, kaum noch dem Leben angehörige Genossen der noch Aufrechten. Wollte man das Ganze symbolisch unterbauen, so müßte man sagen: hier ist auf Not, Tod und Verzweiflung als Gradmesser der wahren Bedeutung unverhohlener Opferbereitschaft hingewiesen. Sie beweisen den Wert der Selbstentäußerung jener Andern.

Ich lehne es ab, darüber zu streiten, ob solche Darstellungen Bestandteile eines Ehrenmals sein dürfen. Ich benötigte sie zur Ganzwerdung eines aller Beschönigung unzugänglichen Geschehens. Die Fürsprecher einer solchen Beschönigung wünschen Gefallen an ihrem Mal zu finden, es soll gefällig sein und freundlich ansprechen; aber erst indem das Gebrochene durch das Ungebrochene überwunden ist, die eine Wirklichkeit sich mit der andern gekreuzt hat, das Vollendete dem Bruchstück übergeordnet worden, ist ein Ganzes geschaffen. Alles Vereinzelte, möge es gefällig oder grausig erscheinen, wäre Fälschung an der Wahrheit.

Den Andern nun, die meine Bändigung der Spannung durch das, was sie vielleicht Starrheit und lebloses vertikales Nebeneinander nennen, unbefriedigt läßt, sei gesagt, daß sie nicht weit genug denken. Die Würde des sakralen Raums besteht auf dem Zwang zum Gleichmaß. Die unleugbare Unbewegtheit der Fassung des Mals wurzelt in der Selbstbezwingung des Künstlers, in der Nötigung zu Übersichtlichkeit und Ruhe, die in Jahrhunderten gewachsen sein muß. Das Gedächtnismal sollte nicht nur einer Generation genügen. Den Stolz dieses Selbstvertrauens mag man mir vorwerfen, kann ihn aber nicht beugen.

Lob der Bodenständigkeit

Mir wird das Wort »artfremd« zugeworfen – ich ergreife es und prüfe es am Lichte. Und siehe, es ist ein häßliches Wort, möge man es getrost einen Mißklang heißen! Wer möchte artfremde Kunst zwischen seinen vier Wänden gewahren, sie in den Kirchen, auf Plätzen, in repräsentativen Räumen dulden ...

Ohne Umschweif aber bekenne ich, nicht zu wissen, was artgemäß oder artfremd ist. Von welchem Jahrhundert, welcher Vergangenheit soll man sich belehren lassen, etwa vom letztvergangenen? Da galten herzlich wenig diejenigen, die wir, einmütig, wie es scheint, zur Zeit als ganz besonders prägnant deutsch berufen. Dem arglos-artgemäßen Geist jener Zeit beliebte das Gedeihen der großen Dekorateure, und er belegte niemanden mit dem Schimpf als »Welscher«, der in Italien ausstudiert, seine Falten bei Michelangelo, seine Hände bei Donatello, seine Raumorganisation bei Piero della Francesca und Raffael ausgeborgt hatte. Oder soll man sich in welcher sonstigen Früh- oder Spätzeit orientieren, welche Einflüsse als nachweisbar bemängeln oder mit mehr oder weniger Gnädigkeit gelten lassen, mit welchem Belieben will man in der herrlichen Grenzenlosigkeit von Entfaltungen einen gültigen Maßstab des Artgemäßen, des wahren deutschen Kunstschaffens gewinnen? Eine wahrhaft überwältigende Verlegenheit! Nur unumgänglich, gleichzeitig festzustellen, daß es immerhin nicht Wenige gibt, die der Übergewalt dieser Verlegenheit auszuweichen verstehen, einen Triumph des Aus- und Unterlegens feiern und denen es vor den aufgetanen Weiten schwindelt, über die sich Goethe mit den Worten ausließ: »Der Dichter wird als Bürger und Mensch sein Vaterland lieben, aber das Vaterland seiner poetischen Kräfte und seines poetischen Wirkens ist das Gute, Edle und Schöne, das an keine besondere Provinz und an kein besonderes Land gebunden ist und das er ergreift und bildet, wo er es findet. Er ist darin dem Adler gleich, der mit freiem Blick über Länder schwebt und dem es gleichviel ist, ob der Hase, auf den er hinabschießt, in Preußen oder in Sachsen läuft.« Oder in guter Gelassenheit wie folgt: »... wenn wir Deutschen nicht aus dem engen Kreise unsrer eigenen Umgebung hinausblicken, so kommen wir gar zu leicht in diesen pedantischen Dünkel ...« und so weiter, und zwar nicht weniger unmißverständlich.

Wer schimpft, hat immer Unrecht, und so sei denen, die nach der Elle langen, um damit die eigene Begrenztheit selbstzufrieden auszumessen, ihr Gefallen am gutgemeinten Tun gegönnt – aber da ist nichts zu beweisen, wo die Unbegrenztheit des schöpferischen – um bei der Kunst zu bleiben – Entfaltens und Freiwaltens aus ungestümem Drang und Willen künstlerischer Kräfte ihre Bahn breitet. Ich glaube als gewißlich wahr, daß es nur eine einzige Artfremdheit gibt, als welche man das bewußte Wollen aus Gründen der längeren oder kürzeren Gültigkeit bestimmten Herkommens und Eingewohntheit heißen könnte. Wer möchte dem ins Blinde tappenden Sucher den Weg weisen, wer hat studiert das Unbegreifliche im Werdenden, auch das Kommen des noch Unbekannten?

Wie gut, daß es diese Goetheschen »Pedanten« nicht ums 11. Jahrhundert herum gab, denn die französische Plastik gab der schöpferischen Energie des deutschen Bildhauers um das Jahr 1200 entscheidenden Anstoß, einen Anstoß, bedeutungsvoll und frische Möglichkeiten weisend. Ohne das Eingreifen oder Zutun desselben Goetheschen »Dünkels« geschah, was uns mit Dank und Stolz erfüllt – so waren die Auftraggeber ihrer Meister frei umschauende Männer, die wußten, daß hinter den Bergen auch Menschen wohnen, sie hießen die Botschaft aus der Fremde willkommen und gestalteten sie zur Artechtheit um.

Ich bekenne mich zur Schülerschaft von unbekannten Meistern, wie etwa des Christus am Kreuz, als oberdeutscher Herkunft bezeichnet, 13. Jahrhundert, zu sehen im Germanischen Museum in Nürnberg, oder eines anderen Christus schwäbischer Herkunft, 12. Jahrhundert, ebenda – und [des] Ungarnkreuz [es] von St. Severin in Andernach, von einem Kölner Meister des 13. Jahrhunderts. Oder der Jesus am Kreuz der Gruppe eines Tiroler Meisters in Innichen, Südtirol, offenbar aus Willen zum Grotesken mit rauh hackendem Beil gestaltet und mit einem regelrechten Schifferbart – heute würde man dieses Antlitz aus eingebildeter Rassenkunde als negroid bespeien – unsre unbekannten Meister, falls sie dergleichen zur Zeit riskierten, wer gäbe ihnen Brot und Aufträge? Aber weiter, der weltberühmte und gewiß nicht artfremde Thorwaldsen mit seinem Christus, er wäre um Anno ... höchstens bei der Zuckerbäckerinnung Meister geworden. Wenn vor solchen Werken wie den vorher genannten heute die meisten gebildeten Zeitgenossen aus artechter Empörung zu Bilderstürmerei übergingen – schon gut, ihre Elle ist eine Art von Wünschelrute in der Hand suggestionsbesessener Leute, die finden, was sie wollen, und das Besserwissen um so fleißiger ausüben, je weniger sie wissen.

Soll immerhin das Lob der Bodenständigkeit erschallen! Da lebe ich seit fast einem Menschenalter in meinem Städtchen und betrage mich, falls ich einmal, und sei es nur für Tage, fort muß, wie ein Chinese. Und doch sitze ich denen und jenen, vielen von dieser oder jener Art, wie ein Übel im Halse, und sie raunen einander das Ärgernis meiner Fremdheit, nicht einer schlichten, sondern einer bösartig-verzwickten, aus entzündeter Wutkehle zu ...

Es ist ja nicht mehr nötig, heute Liebermann einen sehr deutschen Maler zu nennen – aber, da wir unversehens auf der Streife von früheren ins jetzige Jahrhundert gelangt sind, so muß ich das Erlebnis des französischen Impressionismus preisen. Ihm auf dem ziemlich mühsamen und arg verworrenen Wege meines langsamen Vorankommens begegnet zu sein, dankte ich als bereicherndes Geschehen einem guten Geschick zu einer Zeit, wo ich, einen originalsüchtigen Gestaltungstrieb gewissermaßen ausbeutend, dennoch um das Mißliche des gewaltsam vordringenden Persönlichen ahnungsvoll wissend, erfuhr, daß der Sohn den Vater nicht nur beerben soll, um mit dem nicht selbst erworbenen Gut großzutun, sondern die Väterlichkeit in sich behutsam pflegen und, wenn das Glück das Seine dazutut, ohne Posaunenschall und Fahnenschwingen ausweiten, erhöhen und vollerer Bewährung des Herkommens zuführen. Ich gewann langsam und beinahe dem Instinkt widerstrebend die Idee des Aussprechens der Dinge ohne dicke Deutlichkeit, der Niemand zum zweitenmal zuhören mag, die Idee des Geschehens aus der Sicherheit persönlicher Zurückhaltung – gleich wie die Natur und alles gestalttreibende Sein sich betätigt, ohne daß der Meister des guten Gelingens zur Seite seines Vollbrachten paradiert und als Ausrufer sein eigenes Tun überschreit: Seht, so ein Kerl bin ich, Achtung für mich und meine Hochleistung! Daß ich in dieser Hinsicht ausgelernt, wage ich nicht zu behaupten, riskiere aber zu sagen, daß ein Auslernen nirgendwo stattgefunden habe und zu keiner Zeit.

Irre ich nicht, so war es Nietzsche, der darauf hinwies, wie die Griechen, immer wieder neuen und fast überwältigenden Einwirkungen von außen preisgegeben, diese Einflüsse immer wieder aus Eigenem umgestaltet, einbezogen, ins eigene Wesen umgeschmolzen haben. Es sei erlaubt, mit einem Zitat zu enden. Nietzsche, im »Basler Philosophenbuch«, sagt, nichts sei törichter, als den Griechen eine autochthone Bildung nachzusagen – »sie haben vielmehr alle bei allen Völkern lebende Bildung in sich eingezogen.« »So wie sie sollen wir von unsern Nachbarn lernen.« Und in der Zweiten Unzeitgemäßen: »Niemals haben sie in stolzer Unberührbarkeit gelebt: ihre Bildung war vielmehr lange Zeit ein Chaos von ausländischen, semitischen, babylonischen, lydischen, ägyptischen Formen und Begriffen – ähnlich etwa, wie jetzt die ›deutsche Bildung‹ ein ... Chaos des gesamten Auslandes, der gesamten Vorzeit ist ... Die Griechen lernten allmählich, das Chaos zu organisieren, dadurch, daß sie sich, nach der delphischen Lehre, auf sich selbst, das heißt auf ihre echten Bedürfnisse zurückbesannen –. Dies ist ein Gleichnis für jeden einzelnen von uns: er muß das Chaos in sich organisieren ...«

Als ich von dem Verbot der Berufsausübung bedroht war

Im Vaterlande zu einer Art von Emigrantendasein genötigt, bleibt mir nur die Wahl zwischen dem Vollzug der wirklichen Emigration oder dem Entschluß, koste es, was es wolle, mein volles Recht auf ungehemmte berufliche Betätigung durchzusetzen. Ersteres habe ich niemals einer Erwägung gewürdigt, und so wird das Zweite für mich zu unabweislicher Notwendigkeit.

Daß ich nunmehr einer der Älteren meines Standes geworden, begründet an sich keinen Anspruch; immerhin dürfte zu erwägen sein, welche seltsam aufbegehrenden Regungen einen seit gut fünfzig Jahren zünftigen und seinem Beruf verschworenen Künstler deutscher Geburt und Verwurzelung bestürmen müssen, wenn ihm was mir geschieht. Von meinen insgesamt siebenundsechzig Lebensjahren habe ich wiederum fünfzig Jugend- und Mannesjahre auf der Scholle zwischen meinem Geburtsort bei Hamburg und meiner Wahlheimat Güstrow zugebracht und fühle bei zunehmenden Jahren immer mehr die unauflösliche Verbundenheit mit dem Heimatboden. Ich weiß, daß ich nur dahin gehöre, wo ich bisher gearbeitet und gelebt habe, und da man mir Fremdsein nachredet, so behaupte ich, eine bessere, stärkere und weitaus tiefer eingewachsene Zugehörigkeit, eine mehr aus Geschichte und Erleben geformte Angehörig-, ja Hörigkeit zu meinem Geburtslande zu besitzen als alle meine solches absprechenden Mißgönner meiner Ungeschorenheit, Abseitigkeit und Arbeitsruhe, die auf Grund höchst jüngsterrungener Vorstellungen meinen ganzen Lebensbau glauben zerbrechen zu können. Sie haben, sagte ich, damit so viel Erfolg gehabt, daß ich im Vaterlande eine Art Emigrantendasein führe.

Ich erfahre somit eine Ausgestoßenheit, die der Preisgabe an Vernichtung gleichkommt. Das Verdikt von ... bedeutet Verurteilung zur Absperrung meines persönlichen Daseins von allen bisherigen Lebensvoraussetzungen. In dieser Hinsicht ist mein Zustand noch übler als der eines echten Emigranten, und wenn es nicht ausdrücklich formuliert ist, so ergibt sich doch die Verhängung der langsamen Erdrosselung, deren Absicht klar genug zu Tage tritt. Diese mir zugedachte langsame Erdrosselung umgeht nur jene andre der echten Garottierung, aber das Verschleierte ist wegen Vermeidung des graden Weges nicht weniger verhängnisvoll, es ist nur ein ungrader. Bemäntelungen werden nur gewählt zur Bequemlichkeit des Vollziehers, nicht zur Erleichterung des Verurteilten.

Man macht mir jeden Versuch einer Aufhellung und Klärung der zur Verurteilung führenden Tatsachen, Widerspruch gegen die irrige Betrachtung meiner zur Schuld gestempelten Tätigkeit unmöglich, das Rechtsgut der Verwahrung gegen schief gesehene Werturteile. Der Darlegung und Aufführung von innersten Notwendigkeiten meiner Art zu sein und zu wirken wird kein Gehör geliehen, und ich frage mich mit Grund, warum dieses als erster Rechtsgrundsatz überall Selbstverständliche einem Künstler versagt wird, während es jedem gemeinen Rechtsbrecher, jedem Zuhälter, Dieb, Mörder und Hochstapler zugestanden wird. Die Möglichkeit der Rechtfertigung, des Erweises ungehöriger Beklagtheit, der Versuch zu überzeugen und der Versuch, die Einsicht des zum Richten Berufenen von der vorgefaßten zur geläuterten zu leiten, ist ein Menschenrecht. Und sollte ausgerechnet der Künstler hiervon bloß darum ausgeschlossen sein, weil künstlerische Wesensprobleme nicht beweisbar, sondern erfühlbar, seelisch ertastbar sind? Man sollte denken, daß ein Rechtsspruch auf Grund solcher Findungsweise um so peinlicher zu geschehen habe, da seine Fällung von so ganz andrer und jeder Wortfolgerung und Buchstäblichkeit nach Paragraphen entzogener Erkenntnis abhängt.

Die Überantwortung eines Lebensschicksals an Entscheidung durch Unreife ist eine sehr angreifbare Verfügung. Unreife zugesprochen zu bekommen, ist gewiß kein Makel, unreif ist jeder einmal, aber was hat Unreife mit Vollmachten wie solchen zu schaffen, wie sie gegen mich geltend gemacht werden? O nein, Urteil und Vollzug des Urteils kann nur dem Geprüften und zur Reife seiner Natur Gelangten überantwortet werden, und wenn ein Mann wie ich den manchen Phasen seines Lebens gewachsen war, so darf man einen Zuwachs an Reife ohne beleidigenden Nebenton für die erforderlich halten, die noch nicht erfahren haben, daß jeder Lebensweg immer wieder rhythmisch in neue Räume tritt, daß zu Lebenskundigkeit das Wissen um die Not und Notwendigkeit der Entwicklung zu neuem Aufblick und frischer Erkenntnis gehört, daß jedem einmal wiederum die Augen geöffnet werden und er erfährt, was des Erfahrens Glück und Herrlichkeit ausmacht, Wille und Bereitschaft zu neuer Erkenntnis und Gewinn des Muts zu ihrer Befolgung. Die Folgerung der Voreiligen, daß sodann alle endgültigen Wertbestimmungen unstatthaft wären, ist nicht stichhaltig. Freilich gibt es im Ganzen keinen Stillstand an einem Ziel, aber jeder Einzelne gelangt einmal zu jenem Punkte, den ich Reife nannte; auch er kann irren, aber er wird mit Vorsicht und Umsicht entscheiden, immer der Erfahrung bewußt, daß jede Orthodoxie, auch die in Kunstdingen, unversöhnlich und engherzig ihr Werk vollzieht. Heute aber abschließend ein zeitgenössisches Streben aus der unseligen Einstellung des Unverstands, welches Wort bedeutet: das Maßanlegen der nicht Verstehenden, abzulehnen, und zwar mit dem Erfolg und Zweck seiner Ausmerzung, kann sich nur der ebenfalls zeitgenössische und seiner Auffassung von Zeit und Zeitwerten einzig Verbundene, also ohne Zweifel in seinem persönlichen Horizont Befangene zumuten, als ohne Abstand und Wissenwollen um etwas Andres, als was er selbst ist, – eben der Unreife. Sollte es möglich sein, daß Urteil ohne Einsicht in das Wesen des dem Urteil Preisgegebenen angemaßt werden könnte? Wo aber an Stelle des guten Willens zur Schau in fremden Seelenbereich der Verlaß auf orthodoxe Gutgläubigkeit, wo an Stelle des höheren, ja edlen Mißtrauens ins eigene schnell fertig gewordene Belieben das ungehemmte Vertrauen zu Selbstgerechtigkeit tritt, da holt das Schlagwort mit seinem gewaltigen Schwanz aus und zerschlägt aus Unkenntnis alles Gute oder Böse.

Eins dieser Schlagworte ist das vom Kunstbolschewismus, das auf Alles angewandt wird, wo Ungeklärtes als unerklärlich angesehen, wo Umstrittenes schon als verderblich gekennzeichnet gilt und zwar »umstritten« geheißen, aber als unbestritten schädlich behandelt wird. Dieses auf mich angewandte Schlagwort scheint einer gewissen Orthodoxie unentbehrlich, jener rettungslosen Verwurzelung in bodenloser Auslegungsfreudigkeit nach einer Weltanschauung, die das Ihrige mutvoll und gläubig unternimmt mit dem Anspruch auf Berechtigung zum Handeln nach Gültigkeit der unerhörtesten Entschlußfreiheit und Urteilsfällung und also, dieses hohe Vermögen des Menschengeistes als oberstes Gesetz und beste Rechtfertigung ihres Handelns für sich in Anspruch nehmend, nicht zögern dürfte, der Freiheit eine Gasse zu brechen und der Selbstbestimmung aus Überzeugung die Ehre zu gewähren, die solch höchstem Menschenrecht gebührt; wobei wohl die Frage unerörtert bleiben darf, ob schon jemals irgend einem Menschenwerk der Ruhm der Unfehlbarkeit hat zuerkannt werden können. Denn was man sich selbst in dieser Hinsicht zuerkennt, kann billig nicht gezählt werden, und so mag gefragt werden, wie weit ich und mein Streben vor mir selbst gerechtfertigt sind. Sie sind gerechtfertigt aus der gesetzlichen Notwendigkeit eines weiter nicht erklärlichen Müssens, dem schuldigen Gehorsam zu leisten keine Wahl und Zweifel geduldet werden. Ob diesem treibenden Müssen ein verantwortungslos-persönliches Belieben nachgeredet wird, darf weiter unerörtert bleiben. Mir ein solches Belieben zuzuschreiben wäre schlechthin beleidigend; ich darf davon absehen, mich gegen derartige Unterstellungen zu wenden, die in allzu durchsichtiger Absicht ausgesprochen werden, und erwähne solche Möglichkeit lediglich, weil der Generalbegriff des Kunstbolschewismus jede Art von Übelrede und Absprechung zuzulassen scheint, – und nicht nur scheint, sondern wirklich eine gute Handhabe für Erhebung von Beschuldigungen im Gassenton bietet, wogegen hier in Rücksicht auf die Würde der Gelegenheit nichts vorzubringen ist.

Nach dem Erlaß des Ministerpräsidenten Göring sollen alle im Lande Preußen vorhandenen öffentlichen Kunstsammlungen ohne Rücksicht auf Rechtsform und Eigentumsverhältnisse im Sinne der Richtlinien des Führers und Reichskanzlers überprüft und die erforderlichen Anordnungen getroffen werden. Diese so befohlene Nichtbeobachtung der Form des Rechts kann dem Rechte selbst, dem Begriff des Rechten, unmöglich gelten. Recht war, ist und bleibt Recht. Die Anordnung, es zu beugen, kann niemals erfolgen. Rechtsungültigkeit ist ein Unding, und so, da an der Tatsache des Rechts selbst, des Rechten und unweigerlich Gültigen, nicht gerüttelt worden ist, nicht es selbst und sein Bestand, sondern nur seine Form bei bewußtem Anlaß keine Abgrenzung bei den befohlenen Maßnahmen gewähren soll, so ist das letztliche Vertrauen in das Geschehen des Rechten unerschüttert, und mit ihm bleibt der Anspruch auf nicht willkürliches, sondern verantwortliches Entscheiden zuständig.

Diario Däubler