Rosaliens Briefe - Sophie von La Roche - ebook

Rosaliens Briefe ebook

Sophie von La Roche

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Opis

Ein Briefroman in 120 Briefen, angeblich unter Mitwirkung von Goethe entstanden.

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Rosaliens Briefe an ihre Freundin Mariane von St**

Sophie von La Roche

Inhalt:

Marie Sophie von La Roche – Biografie und Bibliografie

Rosaliens Briefe an ihre Freundin Mariane von St**

Erster Theil

Vorbericht des Herausgebers

Erster Brief

Zweyter Brief

Dritter Brief

Vierter Brief

Fünfter Brief

Sechster Brief

Siebenter Brief

Achter Brief

Neunter Brief

Zehnter Brief

Eilfter Brief

Zwölfter Brief

Dreyzehnter Brief

Vierzehnter Brief

Funfzehnter Brief

Sechszehnter Brief

Siebzehnter Brief

Achtzehnter Brief

Neunzehnter Brief

Zwanzigster Brief

Ein und zwanzigster Brief

Zwey und zwanzigster Brief

Drey und zwanzigster Brief

Vier und zwanzigster Brief

Fünf und zwanzigster Brief

Sechs und zwanzigster Brief

Bild des Glücks der edlen Liebe.

Sieben und zwanzigster Brief

Acht und zwanzigster Brief

Neun und zwanzigster Brief

Dreyßigster Brief

Ein und dreyßigster Brief

Zwey und dreyßigster Brief

Drey und dreyßigster Brief

Vier und dreyßigster Brief

Fünf und dreyßigster Brief

Sechs und dreyßigster Brief

Sieben und dreyßigster Brief

Acht und dreyßigster Brief

Neun und dreyßigster Brief

Vierzigster Brief

Ein und vierzigster Brief

Zwey und vierzigster Brief

Drey und vierzigster Brief

Vier und vierzigster Brief

Fünf und vierzigster Brief

Sechs und vierzigster Brief

Sieben und vierzigster Brief

Acht und vierzigster Brief

Neun und vierzigster Brief

Funfzigster Brief

Ein und funfzigster Brief

Zwey und funfzigster Brief

Drey und funfzigster Brief

Vier und funfzigster Brief

Fünf und funfzigster Brief

Sechs und funfzigster Brief

Sieben und funfzigster Brief

Acht und funfzigster Brief

Neun und funfzigster Brief

Sechszigster Brief

Ein und sechszigster Brief

Zwey und sechzigster Brief

Drey und sechzigster Brief

Zweiter Theil

Vier und sechzigster Brief

Fünf und sechzigster Brief

Sechs und sechzigster Brief

Sieben und sechzigster Brief

Acht und sechzigster Brief

Neun und sechzigster Brief

Siebzigster Brief

Ein und siebzigster Brief

Zwey und siebzigster Brief

Drey und siebzigster Brief

Vier und siebzigster Brief

Fünf und siebzigster Brief

Sechs und siebzigster Brief

Sieben und siebzigster Brief

Acht und siebzigster Brief

Neun und siebzigster Brief

Achzigster Brief

Ein und achzigster Brief

Zwey und achtzigster Brief

Drey und achtzigster Brief

Vier und achtzigster Brief

Fünf und achzigster Brief

Sechs und achzigster Brief

Sieben und achtzigster Brief

Acht und Achtzigster Brief

Neun und achtzigster Brief

Neunzigster Brief

Ein und neunzigster Brief

Zwey und neunzigster Brief

Drey und neunzigster Brief

Vier und neunzigster Brief

Dritter Teil

Fünf und neunzigster Brief

Sechs und neunzigster Brief

Sieben und neunzigster Brief

Acht und neunzigster Brief

Neun und neunzigster Brief

Hunderter Brief

Hundert und erster Brief

Hundert und zweyter Brief

Hundert und dritter Brief

Hundert und vierter Brief

Hundert und fünfter Brief

Hundert und sechster Brief

Hundert und siebender Brief

Hundert und achter Brief

Hundert und neunter Brief

Hundert und zehnter Brief

Hundert und eilfter Brief

Hundert und zwölfter Brief

Hundert und dreyzehnter Brief

Hundert und vierzehnter Brief

Hundert und funfzehnter Brief

Hundert und sechszehnter Brief

Hundert und siebenzehnter Brief

Hundert und achtzehnter Brief

Hundert und neunzehnter Brief

Hundert und zwanzigster Brief

Rosaliens Briefe, Sophie von La Roche

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849618544

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Vladislav Gansovsky - Fotolia.com

Marie Sophie von La Roche – Biografie und Bibliografie

Schriftstellerin, geb. zu Kaufbeuren am 6. December 1731, Tochter des in Frankreich und Holland gebildeten Arztes Gutermann von Gutershofen, das älteste von 13 Kindern eines herben strengen Vaters und einer milden, schwärmerischen Mutter, folgte 1743 den Eltern nach Augsburg. Gleich Wieland las und lernte sie erstaunlich früh und viel; nicht zum Vorteil origineller Produktionskraft. Dem frühreifen gebildeten und hübschen Mädchen fehlte es nicht an Freiern (Mein Schreibetisch, 2, 131). Als liebende Braut des geistvollen Arztes Bianconi ging sie, 1748 der Mutter beraubt, zu ihrem Großvater Gutermann nach Biberach, die Hochzeit war bestimmt, doch die schon anfangs kaum überwundenen Konflikte des protestantischen Vaters mit dem Katholiken Bianconi lösten in letzter Stunde die Verlobung. 1750 finden wir Sophie, deren Vater zu einer zweiten Ehe schritt, wieder in Biberach bei Pastor Wieland’s, ihren Verwandten. Sie schloss eine empfindsame Seelenfreundschaft mit dem um zwei Jahre jüngeren Haussohn Christoph Martin, wurde dem Scheidenden Geliebte, Ideal, Muse und empfing aus Tübingen und Zürich Klopstockisirende Oden und Briefe. Sie ist die Doris seiner verstiegenen Lyrik, für sie entstand „Die Natur der Dinge“ und der antiovidische „Lobgesang auf die Liebe“, in den „Moralischen Erzählungen“ erscheint sie als Serena, in den „Sympathien“ als Ungenannte etc., noch im „Don Sylvio“ als Felicia. Aber der junge Schwärmer ließ sich durch Klatschereien seiner Mutter zum sachten Rückzug bestimmen. Sophie gab ihm den Abschied und schloss eine Vernunftheirat mit dem kurmainzischen Hofrat Georg Michael Frank von La Roche, einem liebenswürdigen sicheren Mann, der durch taktvolles Benehmen auch den murrenden Wieland gewann. Sie zogen 1754 nach Mainz. Hier im bunten und leichten Treiben wandelte sich die Klopstock-Enthusiastin an der Seite ihres kühleren Gatten, eines aufgeklärten Katholiken, und seines Gönners, des Ministers Graf Stadion, eines französisch gebildeten Skeptikers, in eine gewandte Weltdame, die fortan auch die geliebte Schwärmerei nicht ohne kokett bewusste Selbstgefälligkeit betrieb. Die spätere Flucht zu Jean-Jacques und den Engländern hat daran nichts geändert. 1762 übersiedelten sie mit Stadion auf Schloss Warthausen bei Biberach. Wieland trat in den angeregten Kreis, neue Freundschaft erblühte, er häutete sich als Mensch und Poet, Sophiens Schriftstellerei regte sich zunächst nur in der Korrespondenz mit der klugen Julie von Bondeli, um einen größeren Anlauf im Amthaus von Bönigheim zu nehmen, wo La Roche nach dem Tode des Grafen von 1768-70 wohnte. Sophie würzte auf Rath des Pfarrers Brechter durch Abfassung ihres ersten, berühmtesten und besten Buchs, der „Geschichte der Fräulein von Sternheim“, die Einsamkeit, die ihrer geselligen Natur nicht behagte.

1771 kam ihre Glanzperiode. La Roche wurde kurtrierscher Geheimrath, bald Kanzler mit dem Sitz in der schönsten deutschen Landschaft, zu Ehrenbreitstein nämlich, wo sich nun der bedeutendste deutsche Salon jener Zeit auftat. Neben der Mutter, die so stattlich die Honneurs machte, stand die reizende „Max“ (Maximiliane Euphrosyne), bei der sich schon der Dichter der „Sommernacht“, J. G. Jacobi, allerdings fast provoziert durch einen anonymen Huldigungsbrief und eine Amorstatuette aus Bönigheim, einen Korb geholt. Auf den Tischen lagen neue Bücher und die gehaltvollen Briefe der Bondeli, neben denen Leuchsenring seine Portefeuilles ausschüttete. Die Brüder Jacobi kamen und waren Zeugen einer in Freytag’s „Bildern“ hübsch verwerteten Rührscene zwischen Sophie und Wieland. Merck führte den jungen Goethe ein, der, inzwischen berühmt geworden, einen zweiten Besuch mit Lavater und Basedow abstattete, Heinse erschien, aus der Nähe sprachen häufig vor die Familien v. Stein, Minister Groschlag, Dumeix, Domherr von Hohenfeld als Intimus: alle von Loeper (s. u.) trefflich charakterisiert. Junge Talente, wie Lenz, näherten sich ihr brieflich. Konversierend, korrespondierend, reisend gewann die Kanzlerin einen an Zahl und Bedeutung ungemeinen Anhang. An sie richtete der kleine Jacobi ein offenes Schreiben in Sachen Klotz-Hausen, um sich vor der Welt als lieblicher Unschuldsfänger zu behaupten. Aber den Darmstädter Damen missfiel, wie Caroline an Herder berichtet, das anspruchsvolle, pretiöse Gebaren der berühmten Frau, oder wie sie allenthalben hieß: der „Sternheim“.

Der Roman erschien 1771 in zwei Teilen als „Geschichte der Fräulein von Sternheim. Von einer Freundin derselben aus Originalpapieren und andern zuverlässigen Quellen gezogen“. Sophie ist in die Schule der Engländer gegangen und ihr später Erstling weist auf Richardson zurück. Die Intrige erinnert an „Clarissa“, ist aber reicher, ebenso die stark in Briefen und Tagebüchern arbeitende Komposition. Sophie von Sternheim steht neben Clarissa, wie Lord Derby neben seinem Landsmann Lovelace. Dem gewissenlosen Roué sieht man den blassen Schwärmer Seymour und den zweiten Grandison Lord Rich (Hohenfeld) gegenüber. Das Ganze ist die Leidensgeschichte weiblicher Tugend, die aber endlich nach vieler Täuschung, Verfolgung und Misshandlung an der Seite eines würdigen Mannes belohnt wird. Die Verfasserin liebt die englischen Romane „wegen der Reinheit und Zartheit des Gefühls, auch wegen der schönen Schwärmerei für melancholische Naturszenen“. Diese Elemente sind bei ihr selbst reichlich vertreten, aber auch in der Stimmung geht der Roman entschieden über die monotone Richardsoniade hinaus, denn die L. R. kontrastiert als Rousseauistin Land und Stadt, Tugend und höfisches Laster, wagt revolutionäre Anklagen gegen die Wollust der Fürsten und wendet sich als liebevolle Pädagogin den Bauerkindern zu. So sprach aus den langatmigen Sätzen des frauenzimmerlichen Romans zugleich schönselige Tugend, patriotischer Freimut, mannigfaltiger Natursinn, werktätiger Philanthropinismus. Man begreift den Erfolg. Herder war entzückt, Goethe in den „Frankfurter gel. Anzeigen“ nennt den Roman kurzweg „eine Menschenseele“; nur Einer hatte schon dem ersten Manuskript von 1769 keinen Geschmack abgewinnen können, eben der Vertrauensmann und Herausgeber: Wieland, der seine Abneigung gegen die Richardsonsche Richtung, die er mühsam, aber gründlich überwunden, brieflich und in Noten kundgab. Er hatte kein Verhältnis zu dem Buch und, offen gesagt, kein Verhältnis mehr zu der „Sternheim“ selbst. Man schalt und höhnte ihn. Sophie setzte ihn ab und erhob Goethe zu ihrem geheimen Sekretär, der nun in das handlungsleere zweite Buch „Rosaliens Briefe an Mariane von St.“, einen Würzruch seines Fäßleins dämpfte und selbst als schlittschuhlaufendes Genie vorgeführt wurde. Erfindungsarm, im puren Erlebnis schwelgend, bringt Sophie auch in ihren Romanen alle lieben Bekannten, Stadion und Wieland zuvörderst, an und geht später zur breiten intimen Mittheilung von Erinnerungen über, wie das nachmals die Enkelin Bettina auf ihre poesievolle Weise tat. Strenge der Technik fehlte schon der „Sternheim“, „Rosaliens Briefe“ (1791 hinkt „Rosalie und Cleberg auf dem Lande“ nach) lassen sich möglichst bequem gehen. Ein paar Episoden geben Facta, sonst bilden „Freundschaftliche Frauenzimmerbriefe“ ein „Seelentagebuch“ voll Naturempfindung, reich an Volksfiguren, die bereits kleine „Bauernromane“, d. h. Dorfgeschichten abspielen. Zu Rousseau und Richardson ist Goethe’s „Werther“ getreten, aus dessen zweitem Teil uns nicht mehr Lotte und Kestner, sondern die schwarzäugige Max und ihr Gatte anschauen. Die La R. war nicht nur schwärmende Sternheim, sondern auch praktische hausbackene Schwäbin. Sie hatte auch von dem harten Wesen des Vaters etwas geerbt und, wie sie selbst auf Liebe verzichtet, aber doch ein tüchtiges, glückliches Leben gezimmert, so meinte sie jetzt als Mutter heiratsfähiger Töchter rücksichtslos verfahren zu dürfen. Im Frühjahr 1774 musste die Max den verwitweten Kaufmann Brentano in Frankfurt heiraten. 1779 wurde Luise dem Hofrat Möhn angetraut, den Frau Rath kaum zu ausfallend ein „Ungeheuer“ nennt und in dessen Haus der kleine Clemens Brentano trostlose Tage verleben sollte. Drei von acht Kindern Sophiens sind im zartesten Alter gestorben. Fritz, eine Zeit lang bei Wieland in Erfurt, ging in einem Abenteurerleben unter, Karl wurde ein tüchtiger Beamter der preußischen Bergverwaltung, ihr Liebling Franz, Lerse’s Schüler, der eben als junger Forstbeamter die Braut heimführen wollte, starb 1791.

Im Herbste 1780 übersiedelte sie nach dem Sturz des Kanzlers nach Speier. Dem sehr geschmälerten Einkommen suchte Sophie mit der Feder aufzuhelfen. Sie hatte spät begonnen und auch dann mit der Veröffentlichung nicht geeilt. Jetzt wird die Dilettantin zur unermüdlichen Berufsschriftstellerin, die Herrin des literarischen Salons zur Lehrerin der weiblichen Jugend, die Mitarbeiterin an Jacobi’s Frauenzimmerjournal „Iris“ zur fleißigen, wortreichen Herausgeberin einer Zeitschrift für „Teutschlands Töchter“, „Sternheim“ zur „Pomona“. Sie gewann einen Stab namhafter Gehilfinnen und ihrer „Pomona“, 1783, gefördert auch durch die Gunst einiger Großen, weite Verbreitung. „Briefe an Lina, ein Buch für junge Frauenzimmer, die ihr Herz und ihren Verstand bilden wollen“, schloss sich an. Wieland stand ihr durch die Aufnahme „moralischer Novellen“ à la Marmontel in den „Merkur“ bei. Noch immer erweiterte sich ihr Kreis, besonders durch die Winteraufenthalte in Mannheim. 1783 stellte sich Schiller ihr vor; „Kabale und Liebe“ fand sie aber „abscheulich“ (an Jacobi, 20 I. 85). Ihren Franz brachte sie zu Pfeffel nach Colmar. Das Alter schien die Energie und auch die Reiselust der Unverwüstlichen nur zu steigern. Hatte man sie früher in Hamburg freundlich aufgenommen, so feierte sie 1784 wahre Triumphe in der Schweiz, wo sie nicht nur die Landschaft bewunderte und auf Wieland’s und Juliens Spur wandelte, sondern eine Menge interessanter Menschen, wie Gibbon, Raynal, Mercier, Tissot, Saussure, Madame Necker kennen lernte; Bonstetten, Matthisson, Salis gehören dann zu ihren Intimen. 1785 besuchte sie Paris und teilte sich zwischen Busson und Mad. de Genlis, einer ihr verwandten Gouvernantennatur. So verkehrte sie 1786 in England mit Herschel und mit Miß Burney. Ihre Virtuosität im Bekanntschaftschließen, in empfindsamen Begrüßungen, schmeichelnder Konversation und interessanten Anspielungen auf Wieland’s Jugendliebe und dazu das süßsaure Verhalten der Kolleginnen sind nicht ohne Komik. Von London heimgekehrt, folgte sie dem Gatten nach Offenbach, wo dieser am 21. Nov. 1788 starb. Sie ist mehrmals in die Schweiz gereist und war 1799 mit ihrer Enkelin Sophie Brentano der Gast Wieland’s in Osmannstädt, herzlich aufgenommen, aber ein mehr drückender, als willkommener Besuch. Ihre Wärme fand bei Schiller, Herder und Goethe keine Nahrung. Sie sei eine nivellierende Natur, die das Niedrige empor-, das Hohe herabziehe und alles in derselben Sauce, einer altmodischen Rührseligkeit nämlich, anrichte, lautet Goethe’s scharfes, aber nicht ungerechtes Urteil. Clemens brachte sie nach Offenbach zurück, wo sie im kleinen Haus und Garten der Erziehung ihrer Enkelinnen oblag und die Erlebnisse, besonders ihrer Reisen mit oder ohne romanhafte Zutat verarbeitete. Eine Gruppe bilden: 1787 „Tagebuch einer Reise durch die Schweiz“, 1788 „Tagebuch einer Reise durch Holland und England“, 1791 „Briefe über Mannheim“, 1793 „Erinnerungen aus meiner dritten Schweizerreise“, 1799 „Reise von Offenbach nach Weimar und Schönebeck“. Es fehlt nirgends an Beweisen vielseitiger und verständiger Anteilnahme, mannigfaltiger Lektüre und feiner Empfindung, aber alles wird zu weich gekocht, sie kann nicht scharf charakterisieren, macht zu viele Worte, kramt in Sentiments und stellt sich etwa in der „Dritten Schweizerreise“ („Meinem verwundeten Herzen zur Linderung, vielleicht auch mancher trauernden Seele zum Trost geschrieben“) aller Welt als Mutter der Max und Luisens, die sie apostrophiert, als des teuren Franz beraubte Greisin vor. Außer den verschiedenen ausdrücklich „moralisch“ genannten Erzählungen veröffentlichte die alternde Pädagogin 1789 „Geschichte von Miß Lony“, das lesbarste ihrer späteren Werke, wieder die Leiden einer schönen Seele behandelnd, bei Reventlows in Richmond entworfen und ein Monument für Gräfin Julie; 1795 „Schönes Bild der Resignation“ und 1797, auf Grund von Mittheilungen der Schwiegertochter, „Erscheinungen am See Oneida“, mit Beziehungen auf die politischen Stürme; 1794–97 die Fortsetzung der Linabriefe „Lina als Mutter“; als matter Nachzügler seit 1801 „Fanny und Julia“, „Liebehütten“, „Herbsttage“, „Melusiens Sommerabende“ angelehnt an St. Pierre, mit ihrem Porträt und einer Lebensskizze, herausgegeben von Wieland, dem Pathen ihres ersten Versuchs. 1799 hatte sie in dem zweibändigen Sammelwerk „Mein Schreibetisch“ alle Läden dieses treuen Möbels, das ihr seit Biberach überallhin gefolgt war, vor dem Publikum umgekehrt: Lesefrüchte aus allen Ländern und Zeiten mit Bevorzugung der Engländer, Idealistisches und Abschnitzel fürs praktische Leben im besonderen Hinblick auf Erziehung, Gedichte verschiedener Verfasser, Listen von Bildern, Verzeichnisse zu lesender Bücher, abgerissene Erinnerungen, Schreiben von Jacobi und Schiller, die französischen Briefe Juliens von Bondeli.

Die Greisin mit ihrem vornehmen Wesen, der altmodischen Grandisonschwärmerei und daneben der schwäbelnden Gemütlichkeit tritt uns am anschaulichsten aus dem Buch „Die Günderode“ ihrer Enkelin Bettina entgegen. Sie starb am 18. Februar 1807.

Rosaliens Briefe an ihre Freundin Mariane von St**

Erster Theil

Vorbericht des Herausgebers

Diese Briefe, die ich hier besonders Leserinnen gedruckt vorlege, bedürfen keiner Empfehlung; und wenn sie einer bedürften, wäre ich, wie ich mich sehr gerne bescheide, der Mann nicht, der ihnen diesen Dienst leisten könnte. Denn außerdem, daß ich, in der litterarischen und übrigen feinen Welt gleich unbekannter Alte kein Gewicht haben möchte, käme ich auch zu spät, da schon verschiedene dieser Briefe in der Iris gedruckt stehen.

Also nur ein Paar Worte über diese Ausgabe in Gestalt eines ordentlichen Büchleins für sich selbst: –

Der oft unwahre Fürwand, »man hat mich ersucht, drucken zu lassen« ist hier nicht nur völlig wahr, sondern es wird sogar auch, da die Veranlassung zu diesem Ersuchen in der Iris zu Tage liegt, nicht einmal unwahrscheinlich seyn, daß verschiedene gute Frauenzimmer, von manchen Orten her, die Verfasserinn ersucht haben. – Ob außer mir Alten auch viele junge Mannspersonen? weiß ich nicht; sollte es aber fast nicht glauben, weil mir es scheint, als müßten viele darunter es fühlen, daß die Verfasserinn ihnen ihre Puppen zu verderben und zu verschließen Willens ist.

Also hätte die natürliche Neigung der Frau Verfasserinn, ihre junge Schwestern zu verbinden, schon den Entschluß, »drucken zu lassen,« erzeugen und rechtfertigen können. Es kam aber noch eine Ursach hinzu. – Ich sagte diese gerne, weil sie so gut ist, als – – aber, wer würde nicht glauben, daß zwischen der Verfasserinn und dem Herausgeber eine Verbindung sey? Und, Gottlob! sag' ich, es ist eine da; aber sie hat keine Lobrednerey zum Zwecke.

Vielleicht wundert es einige Leser, warum ich Unbekannter die Ausgabe besorge, und weder ihr Ehegemahl, noch der Herausgeber der Sternheim, noch der Iris, oder sonst jemand von ihren bekannten würdigen Freunden? Wenn ich noch jung wäre, könnte die nicht unerlaubte Absicht dabey Statt gefunden haben, mich bekannt zu machen; so aber, ist die Ursach blos diese: vorgedachte Männer sind jeder mit eignen, für das Publikum mehr oder minder nützlichen Unternehmungen beschäftigt, und ich Müssiggänger, in Vergleichung mit ihnen, konnte die männlichen Verrichtungen bey Besorgung des Drucks besser abwarten; deswegen bat ich darum, und erhielt meine Bitte.

Daß ich (in allem Ernste! ohne Vorbewußt meiner Freundinn,) auf den Titel gesetzt: »Von der Verfasserinn des Fräuleins von Sternheim,« hoffe ich dey. Ihr dadurch zu entschuldigen, daß das schon in den letzten Bänden der Iris gesagt worden ist; denn sonst denke ich über diesen Stempel eben so, wie sie selbst.

Also bloße Nachricht (denn es soll weder Drohung noch Schmeicheley für Leser und Leserinnen seyn, da mirs vorkommt, als sagte ich dies hiermit im Namen meiner edlen Freundinn,) füge ich hinzu, daß ich noch Vorrath an Handschrift zur Fortsetzung besitze, und es nunmehr bey den Leserinnen hauptsächlich steht, wie bald sie den Verleger, Herrn Richter, zum Druck des folgenden Bandes bereden, und dadurch die hier ungesagte gute Absicht der Verfasserinn befördern helfen wollen.

W–r, den 26sten März, 1779.

B**.

Erster Brief

Lassen Sie mich, meine geliebte, so lang gewünschte Freundin, einige Thränen über mein Schicksal weinen, das mich von Ihnen entfernt, und alle die süsse Freuden zerstört, die mir ihre Güte und Ihr Geist wechselsweise schenkten. Was ist Leben, Glück und Wissen, wenn sie nicht von antheilnehmender Liebe und Freundschaft mit genossen werden! – Wie lange wartete mein Herz auf diese irrdische Seligkeit! – Ihr feiner aufgeklärter Geist, Ihre edle, liebreiche Seele, haben mir solche in vollem Maaß gegeben. – Sie erforschten mich, und da sie sahen, daß mein Herz gut ist, und mein Kopf denken und fassen kann, so waren Sie zufrieden, ohne zu fodern und zu hoffen, daß ich fehlerlos seyn sollte. – Ihre Gesinnungen waren zärtlich, Ihre Hochachtung aufrichtig, ohne den hohen Grad Schwärmerey, aus welchem die Unverträglichkeit entspringt. Sie sind das zweyte wahre Geschenk des Himmels, das mir zu Theil wurde; denn nachdem ich ein Herz voll Gefühl des Edlen und Guten erhalten hatte, so fehlte mir noch ein anderes, auch dessen Zeugniß ich mich stützen konnte. Ihre moralische Seele war mein zweites Gewissen, Ihr geübter Geist die Bewährung des meinigen. Ihnen ist weder die Lebhaftigkeit meines Kopfs, noch die überfliessende Empfindsamkeit meines Herzens jemals anstößig gewesen. –

Bey Ihnen, meine Mariane, kann ich mich der süssen Empfindung, jemand imhöchsten Grad hochzuachten, ohne Sorge überlassen; die Eigenschaften Ihres Geistes und Herzens versichern mich daß ich durch Sie den Schmerzen niemals fühlen werde, diese Gesinnungen zurück zu nehmen. Ihre Bekanntschaft, Ihr Umgang war für meine Seele das; was ein heiterer Himmel, reine Luft und freye Aussicht in eine fruchtbare Gegend, einem Menschen ist, der lange verbannt war, eine niedrige Hütte, in einem sumpfigen mit unangebauten Bergen umgebenen Thale, zu bewohnen. Manchmal sah er einzelne schöne Büsche auf einer Ecke des Gebürgs. Mit Begierde und Freude stieg er dazu, an dem Geruch ihrer Blumen und ihrer schönen Gestalt sich zu ergötzen; aber häufige versteckte Dornen verletzten ihn; der lockere, wenige Sand, in dem der Busch stund, wich unter seinen Füssen; er wankte und beschädigte sich noch an umliegenden Felsstücken. Traurig kam er in seine Hütte zurück, und versuchte dann wieder einmal in trockenen Tagen, ein nah' an dem Felsen liegendes Stück grünen Rasen zu betreten. Der Gedanke, der so wohlthätigen Graspflanze gab ihm Zuversicht. Aber es deckte einen trügerischen Haufen von Schlamm, und er hatte Mühe, sich vor dem Sinken zu retten. Niedergeschlagen über die vergeblichen Versuche, blieb er in dem Kämmerchen seiner Hütte, und überdachte das Glück derer, die auf einer schönen Anhöhe, mit Weingärten, Wiesen und Feldern umgeben, wohnen, und mit jedem Blick Freude fühlen. Nachdem aber ein Geschick ihn auch dahin rufte, ist gewiß jeder Athemzug Dank zu der gütigen Vorsicht. – Wie oft zog mich bey meinen ehmaligen Bekannten der schöne Schein von Sanftmuth und Güte! – wie sehr trogen und verwundeten sie mich! – Wie grundlos fand ich ein andermal die schönsten Anzeigen von Stärke und Edelmüthigkeit der Seele! – Nun reise ich mit meinem Oheim. Die Pflichten, welche ihm aufgegeben sind, und die Absichten seines Herumwanderns, führen ihn in verschiedene Gegenden. In einigen werden wir uns lange aufhalten; da will ich, während mein Oheim politische Beobachtungen sammlet, auf meiner Seite suchen jede thätige Tugend zu bemerken, welche ich in dem Laufe meiner Reise ansichtig werden kann. Darüber will ich Ihnen schreiben, und Sie können, nach Ihrer Lieblingsgewohnheit, und des Herrn Hume Anweisung zufolge, das Maaß meiner moralischen Kräfte nach dem Grade sympathetischer Bewegung berechnen, welche die Betrachtung übender Tugend in mir hervorbringen wird; denn Sie pflegten so gern den Umfang eines öden oder angebauten Kopfs zu bestimmen, je nachdem Sie sein Vergnügen und Aufmerksamkeit bey den Unterredungen der Vernunft und Wissenschaften stark oder schwach sahen. In diesem Felde hoffe ich Nutzen für meinen Geist zu sammlen. Sie werden alles, auch den leisesten Gedanken, zu lesen bekommen, und mich also auf allen Seiten kennen lernen. – Denn, meins Mariane, meine Seele ist bey Ihnen, mit Ihnen allein redet sie durch mein Vertrauen, und in meinen Briefen mit andern redet meine Achtung, meine Höflichkeit, welches Abgaben und Anforderungen sind, die ich niemand versagen werde. – Aber Sie, meine Freundinn, Sie allein haben die besten Gesinnungen des Herzens

Ihrer

Rosalia.

Zweyter Brief

Sie haben Recht, meine Freundinn. Sie haben Recht, wenn Sie mir sagen, daß der beste Trost, den ich jemals gegen die Schmerzen einer geraubten Freuds, oder eines mißlungenen Wunsches finden könne, in dem Gedanken der Erfüllung meiner Pflichten liege, und daß eine edle gefühlvolle Seele das Maaß dieser Pflichten in der Gewalt finde, die ihr zum Wohlthun gegeben worden. Ich sehe, daß meine Gesellschaft ein wahres Vergnügen für meinen theuren Oheim ist; und ich werde davon am meisten in den Stunden überzeugt, wo er sein Tagebuch mit mir durchlieset. – Er ist so gut, daß ihn mein Beyfall freuet. – Meine Sorgfalt für seine Gesundheit, das kleine Stück Munterkeit und Talente meines Geistes, meine Liebe für ihn, nennt er die Freude seines Lebens; und wenn er mir dieses sagt, so liebe ich den Entschluß mit ihm zu reisen, und fühl selbst die Entfernung von meiner Freundinn Mariane nicht mehr mit so viel Bitterkeit – denn es ist mir süß, sehr süß, die Freude des Lebens eines rechtschaffenen Mannes zu seyn, und es in meiner Gewalt zu haben, Gaben des Glücks, die ich von meinem zwölften Jahre an von meinem Oheim genoß, mit Wohlthaten des Herzens zu belohnen! – Dennoch, meine Mariane, fühle ich, daß dieser Trost über die verlohrne Freuden Ihres Umgangs nicht so wirksam seyn würde, wenn ich die Erreichung meiner Absicht nicht vor mir sähe. – Ich erinnere mich hier, daß Sie einst sagten: »Nahes Glück reitzt und treibt zu Ausübung vieles Guten, so wie allein die gerade neben uns liegende Strafe vom Bösen zurück hält; denn wenn die in der weiten Zukunft ruhende Freude oder Elend viel Gewalt über uns hätten, so geschähe mehr Gutes; und weniger Böses.« – Ich wünsche würklich, daß die Idee von Belohnung bey der Kinderzucht mehr gebraucht werden möchte als die von Strafe, weil dabey der Geber und die Zusehende zugleich als Zeugen unsers Wohlverhaltens erscheinen, als solche geliebt werden, und natürlicherweise die Begierde entsteht, ihnen immer gefällig zu seyn. So, wie man im Gegentheil die Zeugen seiner Fehler und seiner Strafen haßt, und oft aus der Begierde sich in rächen, die Fehler behält, die dem Vorgesetzten und andern am meisten Mißvergnügen geben. Die Menschen sind gewiß, im Ganzen genommen, viel edler und besser, als man glaubt. – Ich bin diese angenehme Ueberzeugung dem Nachdenken schuldig, mit welchem ich bemerkte, daß sich die schönsten jungen Leute so gern zum Krieg werben liessen, und sich dem Tode dadurch eher weihten, als die Natur es gefodert hätte. – Und meistens ist es die Versicherung des Lohns der Ehre, des Vorzugs, des Ruhms, der Tapferkeit, des Antheils an der Vertheidigung der gerechten Sache, die so viele Tausende ihrem sichern Tode entgegen führet. Mein Herz ist ganz gewiß, daß ein Fürst, der das Maaß der Strafen und Unkosten, die damit verbunden sind, in ein Maaß Wohlthat und Belohnung für den guten und arbeitsamen Bewohner seiner Staaten verwandelte, vielleicht in kurzer Zeit meistens lauter gute Unterthanen haben würde. Denn die Bande der Liebe ziehen die Herzen vester an, als die Ketten der Furcht. Sie hörten mich einst behaupten, daß die gelinde Todesstrafe, mit welcher in England die Strassenräuber beleget werden, die gewisse Ursache bey, warum diese Art Bösewichter eine Gattung Großmuth unter ihre Uebelthaten mische, indem sie selten morden, und noch seltener einen Reisenden ganz ausplündern, sondern, nach Berechnung seines Weges, ihm lassen, was er nöthig hat. Dahingegen die schreckliche Strafe des Radbrechens in Frankreich die Summa der Diebstähle und Mordthaten nicht verminderte. – Aber, meine Mariane, wo komme ich hin! Die Stärke dieser Betrachtung giebt meinem Briefe einen harten Ton, unter dem nur Sie die sanfte Stimme einer bewegten Menschenliebe hören werden, welche sagt, daß, wenn wir das Gepräge der Glückseligkeit nicht auf den Ueberfluß des Reichthums und der Wollüste gelegt hätten, so würde man weniger Leidende und weniger Uebelthäter sehn. –

Rosalia.

Dritter Brief

Ich schreibe Ihnen, meine Mariane, von einem schönen Dorfe, das auf einer kleinen Anhöhe liegt, die mir das Glück schaft, aus dem Fenster, wo ich sitze, eine Reihe der majestätischen Schweitzergebürge zu sehen. Die untergehende Sonne färbt sie Blau und Rosenroth, mit grossen Stücken Glanzsilber dazwischen. Meine Seele fühlt mit innigem Vergnügen die Grösse der Allmacht meines Schöpfers. Es freut mich, mein Daseyn aus der nehmlichen Hand erhalten zu haben! und es ist Ueberzeugung in mir, daß auch ich die Fähigkeit zu großen und edlen Handlungen in mir habe. – Ach, warum sind Sie nicht in diesem Augenblicke bey mir! Warum sieht das geistreiche Auge meiner Mariane diese schöne Gegenstände nicht mit mir! – Ihre Gegenwart würde meine Freude erhöhen; meine Blicke begegneten den Ihren; Sie kennten den Werth der Thräne, die in meinem zum Himmel erhabenen Auge schwimmt! – Meine, mit Bewunderung des Schöpfers gefalteten Hände, die ich einsam an meine Brust drücke, würden Sie, beste Freundinn, und mit Ihnen Ihre tugendvolle Seele umarmen. Sie theilten das selige Gefühl des Lebens und der Anbetung unsers Schöpfers mit mir, und, auf Ihre Brust gelehnt, dankte ich ihm für Sie, für jede Tugend Ihres Herzens, und für die Schönheit Ihres Geistes! Denn, meine Mariane, ich könnte, ich bekenne es, ich könnte Sie nicht lieben, wie ich Sie liebe, wenn Sie nicht so viel Geist und Kenntnisse hätten, als Sie haben. – Aber, meine Freundinn, wenn die Stärke meiner Empfindungen bey dem nähern Anblick dieser Berge zunimmt: so bin ich begierig, wie ich sie ausdrücken werde! – Bald, meine Mariane, bald kann ich dieses wissen; denn wir gehen diese Stunde noch weiter, und mein Oheim sagte mir, da ich die Angst vor dem Nachtreisen verrieth, daß ich ohne Kummer seyn könne, weil während der Erndtezeit das Feld voller Bauersleute wäre, die wegen der Tageshitze des Nachts durch das Korn schnitten, und man also ganz sicher seyn könne. –

Aus dem schönen St**. Dorfe W**.

Wie angenehm, meine Mariane, wie sehr angenehm war mir der Schutz meines Lebens aus der redlichen Hand der Arbeitsamkeit! Ruhig, unbesorgt, setzten wir unsern Weg fort, weil wir unter der Obhut der Tugend und des Fleisses waren. Mit dankbarer Liebe und mit Segen sah' ich die Schnitter an, und dachte: so schaffen übende Tugenden die Menschen wechselsweise zu Schutzgeistern des Glücks und der Freude ihres Nächsten; so, wie man vom Laster sagen kann, daß es seine Untergebene durch Verführen und Quälen der Guten zu Satans macht. –

Wir kamen den andern Tag sehr frühzeitig hieher, wo mein Oheim mit dem Oberbeamten des Grafen von St**. etwas zu bereden hatte. Wir wurden zur Tafel geladen, und erhielten die schmeichelhaftesten Höflichkeitsbezeugungen. Es war mir lieb, daß Nachmittags der Graf mit so vieler Aufmerksamkeit den ernsthaften Geschäftshandlungen beywohnte, weil ich dadurch das Glück hatte, um seine Gemahlinn zu seyn, die eine liebenswürdige und verdienstvolle Dame ist, von deren angebauten Geist, Gottesfurcht, angenehmen Umgang und jeder Geschicklichkeit, die eine Frauenzimmerhand beseelen kann, ich schon lange hatte reden hören. Ich fand sie edel, natürlich, ohne das geringste Gepränge, weder auf ihren Stand noch ihre Talents. Die ungemein schöne Ordnung des Hauses zeugt von ihrer Einsicht in Wirthschaftssachen, und ihre zwey ganz vortreflich erzogene Söhne beweisen die feine Wahl, die man in den Fähigkeiten ihrer Lehrmeister gemacht hatte. Es freute mich, diese würdige Frau als eine so glückliche Mutter zu sehn, indem sie Geist, Talente und Character in ihren Kindern blühen sieht. Gerne hätte ich ihr meine besondere Verehrung und Liebe bewiesen, aber die Umstände hinderten mich, sie auszudrücken, und gewiß hätten sie auch ihre Empfindungen zurück gehalten. Ich wünschte ihr im Grunde meiner Seele jede Glückseligkeit ihres Ranges und fühle Zufriedenheit, diese meine wahre Gesinnungen bey Ihnen, meine Mariane, die mich kennt, so ganz ungekünstelt auszudrücken. Bey Ihnen haben weder Umstände noch Personen die Gewalt, einen Nebel oder Rauch um mich zu ziehen, die meine wahre Gestalt undenklich machen würden! – Das Schloß W**. liegt auf einem Halbberg, möchte ich sagen, und gewiß, nach der Einrichtung der Zimmer, Eintheilung des Gartens und der Felder umher, kann man sagen, daß es einer der schönsten Edelmannssitze in ganz Deutschland sey. Uebermorgen Abend hoffe ich in einer Schweißerischen Gränzstadt zu schlafen. Da werde ich Freyheit und Vaterlandsliebe träumen.

Rosalia.

Vierter Brief

Vorgestern Abend konnte ich nichts als ein kleines Zetteichen an Sie schreiben, weil die Post und mein Oheim mir die Zeit vorsagten, wo ich fertig seyn mußte. Gestern aber machten wir schon verschiedene Bekanntschaften, die meinem Oheim bey seinen Aufträgen nöthig seyn werden. Von all diesen Leuten aber habe ich nichts, als die Gesichter und den Ton der Stimme kennen gelernt, weil, wie Sie wissen, Anfangs der angekommene Fremdling sich nur zu einer freundschaftlichen Aufnahme zu empfehlen, und der Einwohner ihm höfliche Anerbietungen zu machen sucht. Ich kann Ihnen also noch ganz gemächlich die Gedanken und Wünsche erzählen, die seit den zwey letzten Tagen der Reise in mir liegen. – Ein inniger Wunsch ist, daß man bey Erziehung der Kinder, besonders aber der Knaben die Kenntniß der physikalischen Welt niemals verabsäumen möge, weil diese Kenntniß den Genuß des Lebens verdoppelt, und Spatziergänge und Reisen um so viel nützlicher für uns und andere macht. Mein Oheim kennt jeden Baum, jedes Gesträuch; alle angebauete und wild wachsende Pflanzen. Ich, die bishero nur auf ihre Mannigfaltigkeit in Formen und Farben achtsam und empfindlich war, bis es nun auch bey den meisten für ihre Nutzbarkeit, die beynah eben so verschieden ist, als ihre Gestalt. Wenn ich Sie wieder sehn, und an Ihrem Arm längst der Ufer des schönen Flusses gehen werde, der die Gegend unserer Vaterstadt so angenehm macht, dann werde ich Ihnen von dem erquickenden Geiste, den man aus diesem Gewächse, von dem heilenden Balsam, der aus jenem zu ziehen ist, von den nährenden Tugenden so vieler andern, und dem tausendfachen Nutzen der Gehölze, Gebürge und Steine, aus ihrem Anblick reden können, und Sie werden den milden Einfluß bemerken, den das Nachsuchen des Gepräges der Wohlthätigkeit, womit Gott unsere physikalische Welt bezeichnete, auf unsere Seele hat. Denn jemehr Spuren ich davon erkannte, je inniger wurde meine Verehrung gegen den Vater der Natur und meine Liebe für meine Mitgeschöpfe. – Die Tage und die Wege verschwanden mir bey den lehrreichen Unterhaltungen meines unschätzbaren Reisegefährten. Eine Stadt, ein zerfallenes oder wohlstehendes Schloß gab den Anlaß zu Auszägen der Geschichte von Deutschland, dessen grossen und kleinen Regenten; dem Zerreissen der alten, und Zusammenheftung der neuen Verfassungen. Aber wie sehr traurig war mir oft der Anblick von Dorfschaften, in denen entweder die harte Arbeit, welche der rauhe Boden erfordert, oder das Joch des Kummers und der Armuth, womit kleine Despoten ihre Unterthanen drücken, in dem Alter von zwanzig Jahren den Besitz und Genuß einer schönen Gestalt, der Gesundheit und Freuden der Jugend zerstören; da welke Wangen die Sorgen des weiblichen, und niedergeschlagene, unmuthige Gesichter das mühselige Leben des männlichen Geschlechts eben so deutlich zeigten, als ihre baufällige Wohnungen und elende Kleider. – Die hiesige Stadt ist sehr schön gebauet. Grosse, reinliche Straßen und Häuser. Unter vermögenden Personen scheint große Pracht zu herrschen; auch sollen viele Künstler hier seyn. Wissenschaften des Geistes aber müssen nicht sehr blühen, weil zwey Buchhändler kurz nach einander Bauquerott gemacht haben, die Modekrämerinnen hingegen sich sehr bereichern sollen. – Dieses ist der Auszug von Antworten, die gestern der Hauswirth beym Abendessen auf die Frage meines Oheims ertheilte. – Wir werden etliche Wochen hier bleiben, und ich daher noch bessern Stoff zu Briefen an meine Mariane bekommen. – Jetzo einen schönen Tag! in Eil von

Ihrer

Rosalia.

Fünfter Brief

Mein letztes Schreiben war klein, sagen Sie? – Ich fühlte es auch, meine Freundinn; aber, ich mußte abbrechen, weil ich mit meinem Oheim zu Gast essen mußte. Ich dachte aber nicht, daß der Verdruß, mich von Ihnen loszureissen, durch einen ganz eigenen Auftritt begleitet seyn würde.

Der Sohn des Hauses, wo wir assen, erzählte bey Tische seiner Schwester, daß sein schöner Freund St**. diesen Morgen von der alten Frau von B**. einen vergoldeten Becher zum Geschenk bekommen hätte. – Der Vater fragte nach der Ursache. – Es war Vorgestern früh, wegen des kleinen Regens, sehr übel die Berggasse hinunter zu gehen; die alte Frau von B**. wollte von ihrem Neffen nach Hause, und sorgte, sie möchte fallen, bat daher oben am Berge eine junge Magd, die im Hinuntergehen begriffen war, sie möchte sie mitnehmen und führen! Das unbesonnene Ding sagte ihr: alten Weibern gebührte bey schlimmen Wetter zu Hause zu bleiben u. s. w. Herr St**. sprach mit mir, oben am Eckhause, sah die Thräne der alten Frau, und hörte die schlechten Reden der jungen Dirne, packt diese beym Arme: »Schweigt,« sagt er, »elendes Ding, und geht eurer Wege,« und reicht hierauf der Frau von B**. seinen Arm: »Wollen Sie, ehrwürdige Frau, sich auf meinen Arm stützen? Ich will Sie mit kindlicher Sorgfalt nach Hause führen.« Meine Alte sieht ihn an, ergreift seine Hand, und sagt gerührt: »Ja, führen Sie mich, mein schöner Sohn! Gott wird Ihre junge Jahre zu glücklichen Jahren machen, weil Sie sie so edel gebrauchen.« – Mein St**. bringt sie in ihre Wohnung, wo sie nach seinem Namen und Aufenthalt fragte, und heute früh schickte sie ihm einen vergoldeten Becher mit der Umschrift: »Zum gesegneten Andenken der liebreichen Begegnung der blühenden Jugend gegen das welkende Alter. Von Elisabetha von B**. an Hrn. St**.« – Mit Eifer sagte ich: Ihr Freund hat dieses Geschenk auf eine edle Art verdient, ich geb' ihm auch meinen Segen. – O, erwiederte er, bey seiner artigen Braut war er nicht so glücklich, Beyfall zu finden. Sie wissen, sagte er zur Gesellschaft, daß St**. der schönste junge Mann ist, den man sehen kann, so wie die Frau von B**. die garstigste Alte, die noch dazu die Kleidung unserer Urälter Mütter trägt, St**. ist hingegen allezeit nach dem neusten Geschmack und in muntern Farben geputzt. Hierauf stützte das Fräulein von A**. ihren Spott, und trieb ihre Anmerkungen über die Verschiedenheit der Gesichter und Kleidung so weit, daß ich nicht weiß, wie es gehen wird, denn sie hat die enthusiastische Seite meines guten St**. verwundet.

Er kommt doch zu uns in die Gesellschaft, fiel die Schwester ein. – Ich zweifle sehr! Aber sie kommt gewiß, denn sie will mit Dir über ihn lachen, besonders da sie gehört hat, daß die junge Magd, die er so wegschleuderte, ein artiges Gesichtchen wäre. – Gegen Abend kam die Gesellschaft; die Braut auch, welche eine von den niedlichsten weiblichen Figuren ist, die ich jemals gesehn habe. Gleich sing sie an, die Beschreibung des Auftritts zu machen; von den Runzeln und der braunen Gesichtsfarbe der alten Frau zu reden, auch gleich den Hrn. St**, bey seinem Eintritt ins Zimmer, damit aufzuziehen. –

So schön als dieser St**. mag Antinoiis gewesen seyn, als er sich mit sechs und zwanzig Jahren der Miene des männlichen Alters näherte. – Er trat mit etwas ernsten Gesichtszügen gegen die Frau vom Hause, ohne dem Fräulein von A**. eine Antwort zu geben. Diese fuhr unbesonnen fort: Es fehle ihm nichts, als die Falten und die Warzen der Frau von B**, so würde er eben so knurrig aussehen, wie sie! – Aber, ohne seine Braut anzublicken, kam er zu mir, küßte meine Hand, und sagte mit Bewegung: »Ich danke Ihnen, mit aller Empfindsamkeit meines Herzens, für den Segen, mit welchem Ihr schöner Mund die Erfüllung einer meiner Pflichten belohnte.« –

Denken Sie sich, meine Mariane, mein Erstaunen und die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft, welche mein Oheim zu einer unmäßigen Höhe trieb, da er einfiel: »Gewiß, meine Rosalia hätte über eine schöne Handlung der Nächstenliebe niemals gespottet. – Ich weiß noch, wie mit vieler Achtsamkeit Du mit dem häßlichen und unfreundlichen Vater meiner Baase umgiengest!« – O, mein Oheim, sprach ich ganz verwirrt, alle Welt muß sagen, daß Sie zu viel Güte für mich haben! – Auch sahen alle meinen Oheim, mich und Herrn St**, an. Dieser hatte seine Augen auf mich geheftet. – Meine Bestürzung war ihm leid, und er wandte sich an den nächsten Tisch: »Spielen Sie fort, ich bitte recht sehr! die Schönheit der Seele ist allezeit mit Bescheidenheit verbunden. – Die Mademoiselle C**. will nicht mehr umsehn, da sie Sich so bewundert sieht.« – Ich gieng mit der Frau des Hauses in ein Fenster, wo ich mich über ihren Sohn beklagte, der die Ursache dieser Scene war, da er seinem Freund von meinem ihm ertheilten Lobe gesagt hatte. Es schmerzte mich, dem Herrn St**. zu seiner Rache Anlaß gegeben zu haben. – Gerne wäre ich zu dem Fräulein von A**. gegangen, und hätte mit ihr gesprochen, aber sie warf Feuerblicke gegen mich und meinen Oheim. Endlich ging sie weg, ohne vom Herrn St**. etwas anders, als eine tiefe Verbeugung erhalten zu haben. Nun redte ihm alles zu, sich wieder auszusöhnen! Ich bat ihn darum als um eine Genugthuung für den Verdruß, den mir die Rachsucht seiner Eigenliebe dabey verursacht hätte. »O, verdammen Sie mich nicht,« sagte er, »Ihr Mißvergnügen durchbohrt mein Herz, aber, es ist unmöglich, ganz unmöglich, daß ich meine Verbindung mit dem Fräulein von A** vollziehe. Wir haben uns betrogen! es ist keine Simpathie unter unsern Seelen!« – Ich eilte durch ein Nebenzimmer fort; und zu Hause sagte mein Oheim bey der Wiederholung, daß oft die Umstände den Werth einer Handlung erhöhten oder verminderten. – Wäre der junge Mann weniger schön, oder hätte er diesen schuldigen Dienst der Menschenliebe einer schönen Frau angeboten, so hätte man nicht davon geredet. – Hätte seine Braut nicht gespottet, da ihn andere lobten, so hättest Du keinen Liebhaber an ihm bekommen; und gewiß hätte die alte Frau einem übel aussehenden Menschen kein so schönes Geschenk gemacht! – Das schlimmste ist, sagte ich, daß die Tugenden der Nächstenliebe so selten geworden sind, sonst würde man ihn nicht so gelobt und beschenkt haben! Aber zum Liebhaber möchte ich keinen jungen Mann, der alles so arg nähme, und mir sein Herz nur in dem Augenblick seiner geschmeichelten Eigenliebe anböte.

Sagen Sie mir was über diesen kleinen Vorfall in der Liebeswelt! Der junge G**. war heut bey uns und versicherte, daß die ganze Heyrath aufgehoben wäre. St**. gäbe keinen Menschen mehr eine Sylbe Antwort, der vom Fräulein von A**. redete. –

Schönheit und Reichthum machen also auch Männer zu Stutzköpfen. Dennoch bekenne ich Ihnen, daß mir der Unmuth des von St**. sehr edel scheint. Denn auf was für einen andern Grund können wir daurende Liebe bauen, als auf übereinstimmende Neigungen?

Herr St**. unterbrach mein Schreiben. Der Mann ist wunderlich! er will mich und meinen Oheim überzeugen, daß der gestrige Tag hinreichend gewesen sey, ihm den ganzen Werth meines Charakters zu zeigen. – Ohne Zweifel denkt er dabey auch mir seine Verdienste bewiesen zu haben! – O, meine Mariane, wie froh würde ich seyn, von hier abzureisen, aber ich habe noch wenigstens drey Monathe hier auszudauren! –

Sechster Brief

Mein Oheim ist Heute sehr zeitig schlafen gegangen, weil er von dem Herumgehen in der Stadt gar müde geworden. Der Tag war schön, und unsere hiesige Freunde wollten, daß wir uns mit den Straßen und Gebäuden bekannt machen sollten. – Die vielen engen Gassen machten mich zu Herrn K**. sagen: daß die erste Anlage der Stadt von sehr nachbarlichen Leuten müssen gebaut worden seyn, weil sie die Häuser so fetzten, daß sie sich die Hände über die Straße reichen konnten. – Vielleicht, sagte er, geschah es auch, um die Gläser, bey einem alten deutschen Trunk, aus dem Fenster an einander zu stosen! –

Er führte uns in die Werkstätte von Künstlern, wo ich meinen herzlichen Antheil an der billigen Freude nahm, mit welcher ich sie, aus edler, gerechter Selbstzufriedenheit, auf die Geschöpfe ihrer Hand umherblicken sah. – Ich dachte, schätzbarer Mann, wie viel Vergnügen hat Dein Fleiß um Dich versammlet! Du genossest es in der Kenntniß Deiner Fähigkeiten, in der Versicherung Deines Wohlstandes, und der Unterhaltung Deiner Frau und Kinder; die quälende Langeweile ist nie über Deine Schwelle gekommen, und wenn einst das Alter deine Hände steif macht, so kannst Du sie noch mit Dank zum Himmel erheben, daß Du sie den Müßiggang niemals Preis gabst, der Dich zum Laster und Verderben gezogen hätte! – So oft ich bey der Bude eines Handwerkers vorbey ging, wünschte ich ihm Seegen und daurende Kräfte. Kaufmannsgewölbe, die tausend Gegenstände der Nothdurft und des muthwilligen Vergnügens des Ueberflusses in sich faßten, waren mir angenehm zu sehen. Sie dünkten mich Wasserleitungen zu seyn, die den fruchtbaren Boden der Erfindung und der Arbeit des Handwerkers bewässern; so wie die unzählbare Nothwendigkeiten, die unsere Einbildung sich schuf, die Quellen davon sind. Also knüpft das Verhängniß den Ueberfluß an den Mangel, weil das überlaufende Maaß des Reichen der erquickende Antheil des Aermern wird. – Gewächse und Arbeiten von allen vier Welttheilen, Betrachtungen, die mein Oheim über den Geist der Handlung machte, gaben mir einen schönen Blick auf die den ganzen Weltkreis als eine Kette umfassende Tugend der Redlichkeit und Treue, an welche der Handelstand bevestiget ist. – Es war ein Augenblick sonderbarer Bewegung in wir, da ich die Menge Zirkel dachte, die man in der physikalischen Geschichte unserer Erde beschreibt, und nur einen einzigen moralischen Kreis sah, der im Zusammenhang unsere Menschenwelt durchläuft; denn alle andere geistige Bande der Erdkinder sind nur in abgerissenen Stücken zu sehen! – Einen Wunsch fügte ich hinzu: daß, da der Wohlstand der Kaufleute sie verbindet, Treue und Glauben, als persönliche Eigenschaften, zu besitzen, und die Triebfeder des Eigennutzes hinreicht, sie in ihre Kinder zu pflanzen und als nöthige Tugend ihres Standes anzusehen; so sollten Gelehrte, in ihren Familien, auch das Glück haben, die eigne Vorzüge des Geistes und Denkens ihren Kindern einzugraben! – Meine Feder wiederholte hier den Gang meiner Empfindungen von dem ganzen Tage, weil ich unter allen, die uns begleiteten, Niemand gestimmt fand, diesen Ton zu hören, und ich Herrn St**, der sich zu uns gedrungen hatte, keinen einzigen Zug meines Charakters weiter zeigen will. – Denn warum sollte ich das glimmende Feuer anfachen, da weder meine Neigungen, noch die Umstände meiner Bestimmung, sein Verlangen vortheilhaft sind? – Ich wollte mich also heut lieber in seiner Meynung heruntersetzen, und ihn dadurch beruhigen, als, meiner Eitelkeit zu Liebe, seine Hochachtung vermehren. – Möchten nur Sie, meine Freundinn, über die Verwendung dieses Tags, zufrieden seyn mit

Ihrer

Rosalia.

Siebenter Brief

Es ist schön, meine Mariane, es ist gewiß sehr schön, wenn man die Gabe hat, sich Glück zu schaffen, da, wo andre nichts, als die gewöhnliche Lage des Hausstands sehen. – Gestern machte ich die Bekanntschaft einer Frau, welche diese Fähigkeit ganz besitzt, und ihre Unterredung mir der jungen Braut, so bey uns war, schien mir eine Anweisung zu seyn, wie man jedes Stück mühsam angebautes Feld mit einer Reihe ergötzender Blumen einfassen könne. – Die ganze Ordnung und Stärke der Gedanken kann ich Ihnen nicht wiederholen, nur einen Auszug, der sich mir stückweis einprägte. –

Nach den Glückwünschen, die Frau K**. dem artigen Mädchen gemacht, sagte diese halb ängstlich: »Ach, wenn ich hoffen könnte, in meinem Ehestande so munter und vergnügt zu seyn, wie Sie Madame, es sind!« – Das wird leicht seyn, mein Kind! Sie dürfen sich nur Ihre Verbindung als die Gelegenheit vorstellen, die Sie haben werden, Ihren Verstand, Ihre Geschicklichkeit und die Güte Ihres Herzens zu zeigen. – Durch Ihre unausgesetzte zärtliche Achtsamkeit, die Liebe des Herrn B**. zu erhalten, werden Sie das beste Glück seines Lebens seyn. – Das Maaß Wohlergehn, welches gute Hausbediente wünschen, hängt auch nur von Ihnen ab. – Durch Gefälligkeit, Sanftmuth und Munterkeit im Umgang, werden Sie die Gewalt haben, den Freunden des Herrn B**. Vergnügen zu machen. Den Tag, wo Sie Mutter werden, müssen Sie nicht denken, daß Ihre Beschwerden und Sorgen sich häufen, sondern, daß ein Geschöpfe mehr lebt, dessen Glück und Wohlseyn aus Ihrem Herzen fliessen wird. – Ist dieses nicht eine angenehme glänzende Aussicht für eine junge Schöne? Der Grund des freudigen Tons meiner Seele ist die häusliche Zufriedenheit meines Gatten; das sorgenfreye Lächeln meiner Kinder; der frohe Diensteifer meiner Bedienten, und die vergnügte Miene unserer Freunde; weil ich zum Theil sagen kann, daß es mein Werk ist! – Glauben Sie, meine Liebe, die Vorsicht hat uns Frauenzimmern ein schönes Gebiet anvertrauet; es kommt nur darauf an, wie wir es anbauen! – Wenn wir Tugenden und Klugheit ausstreuen: so wächst uns gewiß Liebe, Hochachtung und Wohlstand auf. Eigensinnig müssen wir nicht seyn, und Rosen ohne Dornen fodern, oder, daß der Stein, an den wir uns stossen, weich seyn solle! Merken Sie sich, mein Schatz, die Züge Ihres Geistes und Charakters, die Herr B**. bis jetzo an Ihnen belobte, und suchen Sie diese Eigenschaften vollkommen zu machen, weil dieses die Fesseln sind, die er freywillig um sein Herz band, und die ju ihm den Wunsch einer immerwährenden Vereinigung nach sich zogen. Seyn Sie auch sorgfältig auf die Erhaltung Ihrer Schönheit bedacht: denn die Natur hat den Reizen, die sie uns mitgetheilt, eine auf die Herzen der Männer ewig würkende Kraft gegeben. Feine Auswahl im Putze und der äusserste Grad von Reinlichkeit, sind die materiellen Stützen der häuslichen Liebe. Eine unveränderliche Gleichheit des Gemüths; Ausdruck der Hochachtung für die Verdienste des Gatten; liebreiches, nicht stockendes Schweigen, bey Unannehmlichkeiten; der heitre Ton der Zufriedenheit, bey seinem Anblick; die Ueberzeugung, daß man ihm mit Vergnügen das Glück seines Lebens danke; daß man jede Pflicht der Gattinn, der Mutter, liebe; der Anbau des Verstandes, um die nöthigen Reize der Abänderung in den Unterredungen einstreuen zu können: – dieses, meine artige junge Freundinn, sind die tugendhaften Kunstgriffe, deren ich mich bediente, einen geistvollen, die schöne Welt kennenden Mann, zwanzig Jahre lang zärtlich, und mit seiner Verbindung vergnügt zu erhalten. Ohne Mühe erlangen wir nichts. – Der Bauer und Gärtner muß säen und pflanzen, um von der Erde Brod und Früchte zu ziehen. – Arbeiten des Geistes und der Hände, sind die Kette, an welche das Wohlsein und Unterhalt gehängt ist. Ihr Gatte wird für Ihr Glück, Sie müssen für seine Ruhe und sein Vergnügen sorgen; und nachdem Sie den Segen der Eltern, wegen getreuer Erfüllung der Pflichten einer guten Tochter, erhalten haben, so muß es Ihr Herz freuen, wenn Sie auch in Zukunft den Segen und das Lob des Gatten, als liebenswerthe Frau erwerben können. –

Eine zärtliche Umarmung endigte diesen kurzen reizenden Unterricht, der für uns alle gut war; denn die zwo Baasen der Mad. G**. waren auch mit da. Das junge Bräutchen schien halb zu lächeln, halb zu weinen. Wir drey älteren aber hatten, glaube ich, das Aussehen, zu wünschen, diese schöne Vorschrift bald ausführen zu können, indem sie uns unfehlbar scheint.

Achter Brief

Diesesmal, meine Freundinn, schreibe ich in vollem Zorn an Sie, über Schwätzer, die mich hinderten, zwey Stunden eher mit Ihnen zu reden! – Artige Sachen hatte ich gesammlet, und meine besten Ideen dazu gedacht. Mit der Feder in der Hand saß ich da, meinen Brief anzufangen! aber, da ich weg mußte, um die Leute zu unterhalten, die auf meinen Oheim warteten, so wurde alles zerstört; die feinsten Gedanken sind verschwunden! Ich bin, wie eine Person, die schöne Blumen gepflückt hatte, und just begriffen war, ihrer Freundinn ein Bouquet davon zu binden: jähling kommt ein böser Geist, und wirft einen Haufen Sand, Spreu und Geniste auf ihr Blumenkörbchen. Nach dem ersten Unmuth sucht sie das Zeug wegzuräumen; aber die meisten Blumen sind zerknickt, haben theils ihre schöne Form, theils Blätter und alle den frischen Glanz verlohren! Ist man da nicht böse, meine Mariane? Nun ists noch dazu Zeit, zu Tische zu gehen, und da höre ich gewiß nichts, das mir meine verflogene Gedanken zurück rufte.

Nachmittags 4 Uhr.

Da! gewiß ist selten ein Mißvergnügen allein! Ich denke aber, das ist eine Folge der üblen Stimmung des Gemüths, in welche uns das Erste versetzte. – Ich komme mit meinem halb mürrischen Gesicht ins Speisezimmer, und fand wider mein Vermuthen einen Fremden, der der feinste Beobachter moralischer Charaktere seyn soll. Auf diesem muß der trockne widrige Ausdruck, der auf meiner Stirne saß, eine schöne Wirkung gemacht haben! – Denn die heitre Miene, die ich bey dem Anblick meines Oheims bekam, konnte ihn nicht anders denken lassen, als daß ich diesem zu Lieb die wahre Beschaffenheit meines Gemüths verberge, und es vielleicht aus eigennützigen Absichten, und nicht aus der feinen zärtlichen Sorge für sein Vergnügen thue. – Denn was für Ursachen kann ein gesundes hübsches Mädchen von zwanzig Jahren angeben, die ihr verdrüßliches Aussehen, beym Eintritt in das gesellschaftliche Zimmer, entschuldigten? zumal, wenn ihre Glücksumstände durch die Liebe eines Verwandten, wie mein Oheim, so vortheilhaft sind, muß man sie sorgenfrey achten, und ihre üble Laune einer verkehrten Gemüthsart, oder Ungeduld der Liebe zuschreiben; und beydes ist höchst nachtheilig! O, möchte ich, meine Mariane, für mein ganzes Leben, so schnell und so stark jeden Fehler meiner moralischen und geselligen Pflichten fühlen, wie jetzt meine geängstigte Eigenliebe dieses, dem Ruhme meines artigen Humors so schädliche Verhalten empfindet!

Herr L**. ist mit meinem Oheim und seinem Freund zu Besuch gegangen. – Er kommt wieder mit Ihnen nach Hause. Ich will Gelegenheit suchen, von meinem heutigen Gesicht zu reden! Dieser Mann soll nicht übel von mir denken, durchaus nicht; eher zehn Andre!

Abends 11 Uhr.

Ich bin mit mir ausgesöhnt! und Herr L**. hat mich gegen jede Besorgniß wegen seiner Gesinnungen gesichert.

Er hatte bey Tisch, Mittags, sehr wenig geredt, und nur andre reden zu machen; wobey er mich, wie mich dünkte, mehr als die andern beobachtete. Nach der Zurückkunft, da mein Oheim auf einige Zeit in sein Zimmer ging, redte mich Herr L** ganz sanft, aber mit so ganz forschenden durchdringenden Blicken an. Ich gerieth in eine ganz sichtbare Verlegenheit, aus welcher mich nichts, als Freymüthigkeit erlösen konnte. – Ich sagte ihm, die Ursache meines Stottern und Erröthens wäre ein kleiner Kampf zwischen meiner Eigenliebe und der Wahrheit. Das unfreundliche Wesen, so er an mir müßte bemerkt haben, wäre Ursache daran. – Ganz fein, ganz schonend fragte er mich: warum ich deswegen besorgt wäre? – Weil ich die Hochachtung sah, die Sie meinem Oheim, und er Ihnen bewieß, so wäre mirs leid, daß er ein Verhalten von mir gesehen hätte, welches der glücklichen Nichte dieses unschätzbaren Mannes nicht anstünde. – Er lächelte beynah etwas satyrisch hierüber. – Dieses bewog mich, sogleich aus meinem Zimmer den Anfang meines Briefs an sie zu holen, und ihm solchen ganz im ernsten Schweigen zum Lesen zu geben. – Er lächelte wieder, aber nicht mehr bitter; seine Augen, dünkt mich, wurden größer, glänzender, und gewiß war ein Ausdruck von staunender Achtung darinn, da er mir meinen Brief gab, und für mein Vertrauen dankte. Den Augenblick ward mir leicht, mit ihm zu reden, ob ich schon fand, daß alle seine Fragen nothwendigerweise charakteristische Antworten nach sich zogen. Er fragte auch nach der Mariane, an die ich alles schreibe. Er sah meine Seele, da ich von Ihnen sprach. Und nun endige ich meinen Brief mit einem herzlichen Gott sey Dank! daß ein edler, scharfsinniger Mann, und die geistvollste tugendhafteste Person meines Geschlechts, in jedem Augenblicke meines Lebens in meiner Seele lesen dürfen.

Rosalia.

Neunter Brief

Seit fünf Tagen habe ich Ihnen nicht geschrieben; bald, meine Mariane, möchte ich bey lebenden Leibe an eine Seelenwanderung glauben, und denken, daß die meinige diese Zeit über nicht bey mir war. – O, Gefälligkeit, wie viel Opfer foderst du! Bald von der Wahrheit unsrer Gedanken, bald von unsern Empfindungen; trügest du nicht die Farbe der Menschenliebe, so würde ich dich hassen!

Die Frauenzimmer im Hause, wo wir wohnen, haben mich in den Wirbel ihrer Bekanntschaften und Ergötzungen gezogen, ohne daß sie eigentlich wissen, was sie mit mir thun sollen. Das Vermögen meines Oheims, die in Deutschland so seltene Erscheinung eines reisenden Mädchens von meinem Stande, macht, glaube ich, daß mich die einen zeigen, und die andern sehen wollen; und ich, meine Mariane, bin schwach genug, meinem Widerwillen zu Trotz, Einladungen nachzugeben, die mir fünf ganzer Tage die Freude rauben, mich mit Ihnen zu unterhalten! Vorgestern dachte ich einen langen Brief an Sie zu schreiben, da kam noch Morgens Herr G**. von seinem Amte, und brachte seine Frau und Schwester mit, um sie in das Concert zu führen; da wurde ich gleich dem Frauenzimmer vorgestellt, in Gespräche verwickelt, und sah mein Zimmer erst beym Schlafengehen. Sie wissen, wie feyerlich ich meinem Oheim, nach meiner Augenkrankheit, versprechen mußte, in meinem Leben des Nachts nicht mehr zu lesen und zu schreiben; ich habe mir auch ein Gesetz gemacht, dieses seiner Liebe gethane Versprechen in keiner Gelegenheit zu übertreten; also konnte ich mich auch des Nachts nicht schadlos halten; und Gestern früh kam der muntre Schwarm der drey Töchter des Hauses, zweyer Nachbarinnen, Mad. G**. und ihre Schwägerinn, mit dem Caffee in mein Zimmer; da wurde vielerley, und auch von dem Concert gesprochen. Bey dem Artikel des Putzes hofte ich ihrer los zu werden, und noch einige Minuten zu einem Briefchen an Sie zu haschen, indem ich sagte, daß ich fürchtete, nicht Zeit genug zu meinem Aufsatz zu finden: aber, die rauschende Frölichkeit dieser Personen bemerkte den leisen Wink nicht, womit ich sie um Räumung meines Zimmers bat; ich mußte harren, gefällig seyn, und den Wünschen meines Herzens ihre Befriedigung auf Heute anweisen.

Mad. G**. hat die heiterste Gemüthsart, die ich jemals an einer Person meines Geschlechts gefunden habe. Verstand und viel Belesenheit. Aber, da Lustigkeit der Hauptzug ihres Charakters ist; so sind alle Wendungen ihrer Ideen drollig, und auch die Farben ihrer Beobachtungen bunt. – In dem Concert, wo eine große Menge sehr artiger Personen beyderley Geschlechts war, bemerkte ich noch einen sonderbaren Schwung, den sie manchmal ihren Gedanken giebt, indem sie mir diese Gesellschaft als das Schauspiel eines Wettstreits nennte, den die Phantasie der Mutter Natur und die Einbildungskraft ihrer Kinder gegen einander hielten: wo Erstere ihre Weisheit, Stärke und Gewalt, in Verschiedenheit der Gesichtszüge, Größe und Kleine der Gestalt, in Mannigfaltigkeit der Physiognomie und dem Ton der Stimmen bewiese – die Menschen hingegen, in der Abänderung der Verzierungen, in Wahl der Farben, Form der Kleider und Kopfputz, in künstlicher Anmuth der Geberden und des Bezeigens. – Mit vieler Schalkhaftigkeit behauptete sie dieses und jenes in dem einen und andern Gesichte zu lesen; sagte darauf, da sie mich starr angesehen, daß in meinem Kopf Ideen wären, die das Seitenstück zu ihren moralischen Betrachtungen ausmachten, und daß sie, ohne anders, es im ganzen wissen wolle! Jemehr ich mich weigerte, je ungestümer foderte sie; und da ich ein übereinstimmendes Stück zu ihrem Gemählde liefern, und die Ideen von Vielfältigkeit und Menge beybehalten mußte; so sagte ich: mein Nachdenken hätte sich auf die unendliche Summe des verflossenen und gegenwärtigen Vergnügens bezogen, das unser aller liebreiche Mutter, durch Fähigkeit, zu erfinden und zu genießen, unter ihre oft so undankbare Kinder ausgetheilt habe. So hätte, zum Beweis, jede Gattung der verschiedenen Kleiderzeuge dem Arbeiter, bey dessen Endigung, ein Gefühl von Freude, über seine Geschicklichkeit gegeben; die Person, die sich mit der Schönheit des Zeugs Ansehen gab, auch ihr Antheil Vergnügen dadurch erhalten; so wäre es der Putzmacherinn, bey Erfindung der Moden, dem Frauenzimmer, die ihre Reize dadurch erhöhte, dem Tonkünstler bey der Aufsetzung und Fügung der Stücke gegangen, die wir gehört hätten. – Gewiß, sagte sie, es giebt viel kleine Freuden in der Welt, über die man, wie über die Millionen Grashälmchen, hingeht, die den schönen Rasen machen. Tausend Vergnügen werden von einem Theil unsers Gefühls ohne Nachdenken genossen, und ihr Daseyn erst bemerkt, wenn man, wie bey dem Spatzierengehen, auf einmal, bey Betretung des steinigten Weges, an das sanfte Gehen auf dem Grasboden denkt.

Dieser Ton rührte mich; ich hörte ihr staunend zu, und antwortete ihr mit zärtlicher Achtung. – Sie erwiederte dieses mit einem Drücken meiner Hand, und sagte: Es freue sie, daß ich ihr Achtung beweise; sie liebte mich auch besonders, weil ich so viel Geist hätte, alles aufzufassen, und man keinen Gedanken bey mir verlöhre. – Hiemit scheuchte sie meine pünktliche Zärtlichkeit ein wenig zurück; aber ich wurde gleich wieder so billig, zu finden, daß wir alle nichts lieben, als was uns Vergnügen macht, und Frau G**. so freymüthig ist, es zu sagen.

Gefällt Ihnen diese Frau nicht auch, meine Mariane? Sie macht eine eigene Farbe im Character aus. – Ich werde einige Tage mit ihr aufs Land gehen, wo ich mit mehr Freyheit, in ganz reiner Luft, beim Gesang der Lerche, an meine Mariane denken und schreiben werde.

Zehnter Brief

Wie vortreflich ist Ihr vor mir liegendes Schreiben! wie gütig Ihre Freundschaft für mich! Ich kann auch die ganze weibliche Welt aufbieten, um mir noch eine Mariane zu weisen! Mit was für einer schmeichelhaften Wendung sagen Sie mir, daß Sie sehr zufrieden sind, in acht Tagen keinen Brief von mir gesehen zu haben. So macht es die edle Liebe, die Freude, das Glück des Freundes wird dem eigenen vorgezogen. Es ist Ihnen lieb, sagen Sie, daß mein Kopf und Herz Beschäftigungen hatte, die mich hinderten, Ihre Abwesenheit zu fühlen, und meine Arme auszustrecken, um von allen Wesen allein Sie zu umschlingen; und gerne wollen Sie meine feurige Zärtlichkeit für Sie in gemäßigte Wärme verwandelt sehen, wenn ich zugleich gerechter und liebreicher gegen andre werde. O, Mariane! gerecht war ich just in dem Augenblick, da Sie den vorzüglichsten Theil meines Herzens und meiner Hochachtung erhielten! Fodern Sie mich nicht auf, gerecht zu seyn, denn da muß ich jedem geben, was ihm gebührt, und dann kommt noch viele Nahrung zu dem Feuer meiner Zärtlichkeit für Sie. – Aber liebreich, meine Mariane, liebreich und billig will ich seyn! – Ich weiß es, nicht jeder Geist kann, wie der Ihrige, angebauet, nicht jede weibliche Seele so groß, so edel, wie die Ihrige, seyn; aber, alle könnten doch – ich sehe Ihre Hand, die mir den Mund zuhalten will. – Ich schweige selbst, und gewiß, ich wollte nichts Hartes sagen. Sie wollen, daß ich durch Thaten rede! Ja, meine Freundinn, ich will; und da meine armen Briefe das einzige Kennzeichen sind, nach welchen Sie meine Handlungen beurtheilen können: so sollen diese beweisen, ob ich so gut werde, als Sie es wünschen; und gleich will ich mir eine artige, ganz romantische Begebenheit unsers Concerts zu Nutz machen, um Sie zu überzeugen, daß ich nicht so unverträglich bin, als der manchmal heftige oder nur eifrige Ton meiner Gedanken es vermuthen läßt.

Ich muß in meinem Gespräch mit Mademoiselle G**, nachdem sie gesungen hatte, billig genug gewesen sein, und sie nicht verhindert haben, jede gute Eigenschaft ihres Verstandes und Herzens zu zeigen, weil Sie sich durch diese Unterredung eine vortheilhafte Heyrath zuzog. Sie hatte Italienisch gesungen. – Ich fragte, ob sie die Sprache verstünde? munter sagte sie mir: Signora fi. Ich redte gleich im Italienischen fort, und sie sagte sehr schön, sehr geläufig, alles Gute, was sie über meine Frage dachte. Wir vermutheten nicht, daß gleich hinter uns ein Fremder saß, der aus Venedig kam, und alles, was wir redeten, um so eher hörte, als es meistens von uns Deutschen geschieht, eine fremde Sprache