Moralische Erzählungen - Sophie von La Roche - ebook

Moralische Erzählungen ebook

Sophie von La Roche

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Teilweise in der Zeitschrift "Pomona" und im "Teutschen Merkur" erschienen gehören diese stark an die englischen moralischen Geschichten angelehnten Erzählungen zu den wichtigsten Werken der La Roche.

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Moralische Erzählungen

Sophie von La Roche

Inhalt:

Marie Sophie von La Roche – Biografie und Bibliografie

Erste Sammlung

Der schwermüthige Jüngling

Liebe, Misverständniß und Freundschaft.

Ein guter Sohn ist auch ein guter Freund.

Die glükliche Reise.

Die zwey Schwestern.

Zweyte Sammlung

Das wahre Glück ist in der Seele des Rechtschaffenen

Miß Kery und Sophie Gallen.

Herrn von Wohlheims Geschichte, bey einem Besuch erzählt von Frau B.. an Frau L..

Gürdenhall und Mis Elma.

Ursprung des kleinen Baurenhofes treue Magd.

Moralische Erzählungen, Sophie von La Roche

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849618612

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Vladislav Gansovsky - Fotolia.com

Marie Sophie von La Roche – Biografie und Bibliografie

Schriftstellerin, geb. zu Kaufbeuren am 6. December 1731, Tochter des in Frankreich und Holland gebildeten Arztes Gutermann von Gutershofen, das älteste von 13 Kindern eines herben strengen Vaters und einer milden, schwärmerischen Mutter, folgte 1743 den Eltern nach Augsburg. Gleich Wieland las und lernte sie erstaunlich früh und viel; nicht zum Vorteil origineller Produktionskraft. Dem frühreifen gebildeten und hübschen Mädchen fehlte es nicht an Freiern (Mein Schreibetisch, 2, 131). Als liebende Braut des geistvollen Arztes Bianconi ging sie, 1748 der Mutter beraubt, zu ihrem Großvater Gutermann nach Biberach, die Hochzeit war bestimmt, doch die schon anfangs kaum überwundenen Konflikte des protestantischen Vaters mit dem Katholiken Bianconi lösten in letzter Stunde die Verlobung. 1750 finden wir Sophie, deren Vater zu einer zweiten Ehe schritt, wieder in Biberach bei Pastor Wieland’s, ihren Verwandten. Sie schloss eine empfindsame Seelenfreundschaft mit dem um zwei Jahre jüngeren Haussohn Christoph Martin, wurde dem Scheidenden Geliebte, Ideal, Muse und empfing aus Tübingen und Zürich Klopstockisirende Oden und Briefe. Sie ist die Doris seiner verstiegenen Lyrik, für sie entstand „Die Natur der Dinge“ und der antiovidische „Lobgesang auf die Liebe“, in den „Moralischen Erzählungen“ erscheint sie als Serena, in den „Sympathien“ als Ungenannte etc., noch im „Don Sylvio“ als Felicia. Aber der junge Schwärmer ließ sich durch Klatschereien seiner Mutter zum sachten Rückzug bestimmen. Sophie gab ihm den Abschied und schloss eine Vernunftheirat mit dem kurmainzischen Hofrat Georg Michael Frank von La Roche, einem liebenswürdigen sicheren Mann, der durch taktvolles Benehmen auch den murrenden Wieland gewann. Sie zogen 1754 nach Mainz. Hier im bunten und leichten Treiben wandelte sich die Klopstock-Enthusiastin an der Seite ihres kühleren Gatten, eines aufgeklärten Katholiken, und seines Gönners, des Ministers Graf Stadion, eines französisch gebildeten Skeptikers, in eine gewandte Weltdame, die fortan auch die geliebte Schwärmerei nicht ohne kokett bewusste Selbstgefälligkeit betrieb. Die spätere Flucht zu Jean-Jacques und den Engländern hat daran nichts geändert. 1762 übersiedelten sie mit Stadion auf Schloss Warthausen bei Biberach. Wieland trat in den angeregten Kreis, neue Freundschaft erblühte, er häutete sich als Mensch und Poet, Sophiens Schriftstellerei regte sich zunächst nur in der Korrespondenz mit der klugen Julie von Bondeli, um einen größeren Anlauf im Amthaus von Bönigheim zu nehmen, wo La Roche nach dem Tode des Grafen von 1768-70 wohnte. Sophie würzte auf Rath des Pfarrers Brechter durch Abfassung ihres ersten, berühmtesten und besten Buchs, der „Geschichte der Fräulein von Sternheim“, die Einsamkeit, die ihrer geselligen Natur nicht behagte.

1771 kam ihre Glanzperiode. La Roche wurde kurtrierscher Geheimrath, bald Kanzler mit dem Sitz in der schönsten deutschen Landschaft, zu Ehrenbreitstein nämlich, wo sich nun der bedeutendste deutsche Salon jener Zeit auftat. Neben der Mutter, die so stattlich die Honneurs machte, stand die reizende „Max“ (Maximiliane Euphrosyne), bei der sich schon der Dichter der „Sommernacht“, J. G. Jacobi, allerdings fast provoziert durch einen anonymen Huldigungsbrief und eine Amorstatuette aus Bönigheim, einen Korb geholt. Auf den Tischen lagen neue Bücher und die gehaltvollen Briefe der Bondeli, neben denen Leuchsenring seine Portefeuilles ausschüttete. Die Brüder Jacobi kamen und waren Zeugen einer in Freytag’s „Bildern“ hübsch verwerteten Rührscene zwischen Sophie und Wieland. Merck führte den jungen Goethe ein, der, inzwischen berühmt geworden, einen zweiten Besuch mit Lavater und Basedow abstattete, Heinse erschien, aus der Nähe sprachen häufig vor die Familien v. Stein, Minister Groschlag, Dumeix, Domherr von Hohenfeld als Intimus: alle von Loeper (s. u.) trefflich charakterisiert. Junge Talente, wie Lenz, näherten sich ihr brieflich. Konversierend, korrespondierend, reisend gewann die Kanzlerin einen an Zahl und Bedeutung ungemeinen Anhang. An sie richtete der kleine Jacobi ein offenes Schreiben in Sachen Klotz-Hausen, um sich vor der Welt als lieblicher Unschuldsfänger zu behaupten. Aber den Darmstädter Damen missfiel, wie Caroline an Herder berichtet, das anspruchsvolle, pretiöse Gebaren der berühmten Frau, oder wie sie allenthalben hieß: der „Sternheim“.

Der Roman erschien 1771 in zwei Teilen als „Geschichte der Fräulein von Sternheim. Von einer Freundin derselben aus Originalpapieren und andern zuverlässigen Quellen gezogen“. Sophie ist in die Schule der Engländer gegangen und ihr später Erstling weist auf Richardson zurück. Die Intrige erinnert an „Clarissa“, ist aber reicher, ebenso die stark in Briefen und Tagebüchern arbeitende Komposition. Sophie von Sternheim steht neben Clarissa, wie Lord Derby neben seinem Landsmann Lovelace. Dem gewissenlosen Roué sieht man den blassen Schwärmer Seymour und den zweiten Grandison Lord Rich (Hohenfeld) gegenüber. Das Ganze ist die Leidensgeschichte weiblicher Tugend, die aber endlich nach vieler Täuschung, Verfolgung und Misshandlung an der Seite eines würdigen Mannes belohnt wird. Die Verfasserin liebt die englischen Romane „wegen der Reinheit und Zartheit des Gefühls, auch wegen der schönen Schwärmerei für melancholische Naturszenen“. Diese Elemente sind bei ihr selbst reichlich vertreten, aber auch in der Stimmung geht der Roman entschieden über die monotone Richardsoniade hinaus, denn die L. R. kontrastiert als Rousseauistin Land und Stadt, Tugend und höfisches Laster, wagt revolutionäre Anklagen gegen die Wollust der Fürsten und wendet sich als liebevolle Pädagogin den Bauerkindern zu. So sprach aus den langatmigen Sätzen des frauenzimmerlichen Romans zugleich schönselige Tugend, patriotischer Freimut, mannigfaltiger Natursinn, werktätiger Philanthropinismus. Man begreift den Erfolg. Herder war entzückt, Goethe in den „Frankfurter gel. Anzeigen“ nennt den Roman kurzweg „eine Menschenseele“; nur Einer hatte schon dem ersten Manuskript von 1769 keinen Geschmack abgewinnen können, eben der Vertrauensmann und Herausgeber: Wieland, der seine Abneigung gegen die Richardsonsche Richtung, die er mühsam, aber gründlich überwunden, brieflich und in Noten kundgab. Er hatte kein Verhältnis zu dem Buch und, offen gesagt, kein Verhältnis mehr zu der „Sternheim“ selbst. Man schalt und höhnte ihn. Sophie setzte ihn ab und erhob Goethe zu ihrem geheimen Sekretär, der nun in das handlungsleere zweite Buch „Rosaliens Briefe an Mariane von St.“, einen Würzruch seines Fäßleins dämpfte und selbst als schlittschuhlaufendes Genie vorgeführt wurde. Erfindungsarm, im puren Erlebnis schwelgend, bringt Sophie auch in ihren Romanen alle lieben Bekannten, Stadion und Wieland zuvörderst, an und geht später zur breiten intimen Mittheilung von Erinnerungen über, wie das nachmals die Enkelin Bettina auf ihre poesievolle Weise tat. Strenge der Technik fehlte schon der „Sternheim“, „Rosaliens Briefe“ (1791 hinkt „Rosalie und Cleberg auf dem Lande“ nach) lassen sich möglichst bequem gehen. Ein paar Episoden geben Facta, sonst bilden „Freundschaftliche Frauenzimmerbriefe“ ein „Seelentagebuch“ voll Naturempfindung, reich an Volksfiguren, die bereits kleine „Bauernromane“, d. h. Dorfgeschichten abspielen. Zu Rousseau und Richardson ist Goethe’s „Werther“ getreten, aus dessen zweitem Teil uns nicht mehr Lotte und Kestner, sondern die schwarzäugige Max und ihr Gatte anschauen. Die La R. war nicht nur schwärmende Sternheim, sondern auch praktische hausbackene Schwäbin. Sie hatte auch von dem harten Wesen des Vaters etwas geerbt und, wie sie selbst auf Liebe verzichtet, aber doch ein tüchtiges, glückliches Leben gezimmert, so meinte sie jetzt als Mutter heiratsfähiger Töchter rücksichtslos verfahren zu dürfen. Im Frühjahr 1774 musste die Max den verwitweten Kaufmann Brentano in Frankfurt heiraten. 1779 wurde Luise dem Hofrat Möhn angetraut, den Frau Rath kaum zu ausfallend ein „Ungeheuer“ nennt und in dessen Haus der kleine Clemens Brentano trostlose Tage verleben sollte. Drei von acht Kindern Sophiens sind im zartesten Alter gestorben. Fritz, eine Zeit lang bei Wieland in Erfurt, ging in einem Abenteurerleben unter, Karl wurde ein tüchtiger Beamter der preußischen Bergverwaltung, ihr Liebling Franz, Lerse’s Schüler, der eben als junger Forstbeamter die Braut heimführen wollte, starb 1791.

Im Herbste 1780 übersiedelte sie nach dem Sturz des Kanzlers nach Speier. Dem sehr geschmälerten Einkommen suchte Sophie mit der Feder aufzuhelfen. Sie hatte spät begonnen und auch dann mit der Veröffentlichung nicht geeilt. Jetzt wird die Dilettantin zur unermüdlichen Berufsschriftstellerin, die Herrin des literarischen Salons zur Lehrerin der weiblichen Jugend, die Mitarbeiterin an Jacobi’s Frauenzimmerjournal „Iris“ zur fleißigen, wortreichen Herausgeberin einer Zeitschrift für „Teutschlands Töchter“, „Sternheim“ zur „Pomona“. Sie gewann einen Stab namhafter Gehilfinnen und ihrer „Pomona“, 1783, gefördert auch durch die Gunst einiger Großen, weite Verbreitung. „Briefe an Lina, ein Buch für junge Frauenzimmer, die ihr Herz und ihren Verstand bilden wollen“, schloss sich an. Wieland stand ihr durch die Aufnahme „moralischer Novellen“ à la Marmontel in den „Merkur“ bei. Noch immer erweiterte sich ihr Kreis, besonders durch die Winteraufenthalte in Mannheim. 1783 stellte sich Schiller ihr vor; „Kabale und Liebe“ fand sie aber „abscheulich“ (an Jacobi, 20 I. 85). Ihren Franz brachte sie zu Pfeffel nach Colmar. Das Alter schien die Energie und auch die Reiselust der Unverwüstlichen nur zu steigern. Hatte man sie früher in Hamburg freundlich aufgenommen, so feierte sie 1784 wahre Triumphe in der Schweiz, wo sie nicht nur die Landschaft bewunderte und auf Wieland’s und Juliens Spur wandelte, sondern eine Menge interessanter Menschen, wie Gibbon, Raynal, Mercier, Tissot, Saussure, Madame Necker kennen lernte; Bonstetten, Matthisson, Salis gehören dann zu ihren Intimen. 1785 besuchte sie Paris und teilte sich zwischen Busson und Mad. de Genlis, einer ihr verwandten Gouvernantennatur. So verkehrte sie 1786 in England mit Herschel und mit Miß Burney. Ihre Virtuosität im Bekanntschaftschließen, in empfindsamen Begrüßungen, schmeichelnder Konversation und interessanten Anspielungen auf Wieland’s Jugendliebe und dazu das süßsaure Verhalten der Kolleginnen sind nicht ohne Komik. Von London heimgekehrt, folgte sie dem Gatten nach Offenbach, wo dieser am 21. Nov. 1788 starb. Sie ist mehrmals in die Schweiz gereist und war 1799 mit ihrer Enkelin Sophie Brentano der Gast Wieland’s in Osmannstädt, herzlich aufgenommen, aber ein mehr drückender, als willkommener Besuch. Ihre Wärme fand bei Schiller, Herder und Goethe keine Nahrung. Sie sei eine nivellierende Natur, die das Niedrige empor-, das Hohe herabziehe und alles in derselben Sauce, einer altmodischen Rührseligkeit nämlich, anrichte, lautet Goethe’s scharfes, aber nicht ungerechtes Urteil. Clemens brachte sie nach Offenbach zurück, wo sie im kleinen Haus und Garten der Erziehung ihrer Enkelinnen oblag und die Erlebnisse, besonders ihrer Reisen mit oder ohne romanhafte Zutat verarbeitete. Eine Gruppe bilden: 1787 „Tagebuch einer Reise durch die Schweiz“, 1788 „Tagebuch einer Reise durch Holland und England“, 1791 „Briefe über Mannheim“, 1793 „Erinnerungen aus meiner dritten Schweizerreise“, 1799 „Reise von Offenbach nach Weimar und Schönebeck“. Es fehlt nirgends an Beweisen vielseitiger und verständiger Anteilnahme, mannigfaltiger Lektüre und feiner Empfindung, aber alles wird zu weich gekocht, sie kann nicht scharf charakterisieren, macht zu viele Worte, kramt in Sentiments und stellt sich etwa in der „Dritten Schweizerreise“ („Meinem verwundeten Herzen zur Linderung, vielleicht auch mancher trauernden Seele zum Trost geschrieben“) aller Welt als Mutter der Max und Luisens, die sie apostrophiert, als des teuren Franz beraubte Greisin vor. Außer den verschiedenen ausdrücklich „moralisch“ genannten Erzählungen veröffentlichte die alternde Pädagogin 1789 „Geschichte von Miß Lony“, das lesbarste ihrer späteren Werke, wieder die Leiden einer schönen Seele behandelnd, bei Reventlows in Richmond entworfen und ein Monument für Gräfin Julie; 1795 „Schönes Bild der Resignation“ und 1797, auf Grund von Mittheilungen der Schwiegertochter, „Erscheinungen am See Oneida“, mit Beziehungen auf die politischen Stürme; 1794–97 die Fortsetzung der Linabriefe „Lina als Mutter“; als matter Nachzügler seit 1801 „Fanny und Julia“, „Liebehütten“, „Herbsttage“, „Melusiens Sommerabende“ angelehnt an St. Pierre, mit ihrem Porträt und einer Lebensskizze, herausgegeben von Wieland, dem Pathen ihres ersten Versuchs. 1799 hatte sie in dem zweibändigen Sammelwerk „Mein Schreibetisch“ alle Läden dieses treuen Möbels, das ihr seit Biberach überallhin gefolgt war, vor dem Publikum umgekehrt: Lesefrüchte aus allen Ländern und Zeiten mit Bevorzugung der Engländer, Idealistisches und Abschnitzel fürs praktische Leben im besonderen Hinblick auf Erziehung, Gedichte verschiedener Verfasser, Listen von Bildern, Verzeichnisse zu lesender Bücher, abgerissene Erinnerungen, Schreiben von Jacobi und Schiller, die französischen Briefe Juliens von Bondeli.

Die Greisin mit ihrem vornehmen Wesen, der altmodischen Grandisonschwärmerei und daneben der schwäbelnden Gemütlichkeit tritt uns am anschaulichsten aus dem Buch „Die Günderode“ ihrer Enkelin Bettina entgegen. Sie starb am 18. Februar 1807.

Erste Sammlung

Der schwermüthige Jüngling

Eduard Rose, ein liebenswürdiger junger Mensch, einziger Sohn eines sehr reichen Kaufmanns, hatte von der Natur den Hang zu stillen und sanften Freuden des Lebens erhalten, wie sie oft einer lieblichen Quelle, die ihren Ursprung auf der nahen Anhöhe einer prächtigen Stadt erhielt, ihren Lauf durch ein kleines Thal bezeichnet, da sich nur Wiesenblümgen und niedrige Sträuche in ihrem Wasser spiegeln, – weil es dem Gärtgen und der einsamen Hütte eines redlichen Armen zur Erquickung zufliessen sollte.

Die Erziehung unsers Eduards war vortreflich, weil ihm das Glük an Herrn Gutheim einen weisen liebreichen Lehrer gab, der den Plan seines Unterrichts erst aus den Umständen und Befehlen der Eltern zusammensetzte, und dann alles dies hineinlegte, was er dem Charakter seines Zöglings angemessen glaubte. Der Reichthum des alten Rose versicherte dem jungen Menschen völlige Unabhängigkeit, und alle Mittel seine Begierden zu vergnügen. Die Befehle waren, Eduard sollte zu nichts gezwungen, zu nichts streng angehalten werden. Da suchte Gutheim seinem Zögling die Begierde nach Kenntnissen durch den Reiz des Vergnügens beyzubringen, und zugleich seinem Herzen den Hang zu edelmüthiger Güte zu geben. –

Eduard war zwölf Jahr alt, wußte seine Muttersprache sehr gut, und auch französisch lesen und schreiben. Der Hofmeister hatte eine grosse Sammlung Bücher in verschiedenen Sprachen und Wissenschaften, nebst vielen Kupferstichen, und dem schätzbaren Talent selbst alles, was er wollte, zeichnen zu können. Er war voll Freundlichkeit und Würde, so wie es Lehrer und Väter immer seyn sollten, und bat den jungen Eduard, ihm seine Bücher und Geräthe auspacken und aufstellen zu helfen, und dachte wohl, daß der kleine Mann über die Menge Bücher erschrecken würde, in der Vermuthung, sein Hofmeister werde fodern, daß er sie alle durchlerne. Daher gab ihm Gutheim gleich ein grosses Heft voll Kupferstiche, das er nur wie von ohngefähr aufmachte, und sagte: das ist gut – dieses legen Sie auf unsern Tisch, denn dies Buch wollen wir zuerst durchgehen. So machte er fort bald mit illuminirten Thieren und Pflanzen, bald mit geometrischen Figuren, Vestungen, Gärten, Gebäuden, Münzen und Antiken; die übrige Bücher ließ er im Koffer, weil sie, wie er sagte, nur für ihn selbst seyen, indem er in Eduards Freystunden seine eigene Studien fortsetzen wollte. Der Knab fand sich sehr glüklich in dem Gedanken – Freystunden für ihn – die meiste Bücher für den Hofmeister – und die für ihn bestimmte, voll schöner Bilder zum Zeitvertreib –

Als das Zimmer in Ordnung war, bat ihn Herr Gutheim, ihm das ganze Haus bekannt zu machen, und dann ein halbes Stündgen mit ihm spazieren zu gehen, damit er die Leute und die Stadt kennen lerne. – Gutheim that dieses, weil es der natürliche Anlaß zu tausend Fragen war, die er dem Eduard machen, und aus deren Beantwortung er seinen Geist und Gemüthsart auf der wichtigsten Seite sehen konnte. Denn dies, was er ihm auf Fragen nach Personen, und ihrer Stelle im Haus, oder von dem Leben und Umständen einiger Bewohner von schönen Gebäuden sagen würde, konnte ihm Eduards Herz, seine Fähigkeiten zur Beobachtung, und den Gang zeigen, den man den jungen Menschen in Ansehung des Nächsten geführt hatte. Antworten, die er gab, als Gutheim nach Künsten und Merkwürdigkeiten fragte, bewiesen ihm, wie weit Eduard in Kenntnissen und Geschmak gebracht worden sey, wornach er sich in der Anleitung des Knaben, ohne Zwang, und ohne irre zu gehen, richten könnte.

Den zweyten Tag mußte Eduard erzählen, was er bisher gelernt, und was ihn unter diesem am meisten gefreuet habe: Und hierin suchte Gutheim die Merkzeichen, wie weit des jungen Rose Eigenliebe im Selbstlob, und auch seine Wißbegierde giengen. Alsdann sagte er ihm dagegen, worin die Pflichten eines Lehrers gegen seinen Zögling bestünden, und was Vater und Mutter ihm aufgetragen hätten – ihr Eduard solle nichts lernen, als dieß, was ihm Vergnügen mache, und was er wolle. Nun sagte Gutheim, da man mehrere Sachen kennen müsse, um sich etwas zu wählen, so wollten sie miteinander alle die Bilderbücher durchgehen, die er mitgebracht habe, welche Wissenschaft davon Eduarden am besten gefiele, die wolle er ihn lehren.

Der gute Knabe wählte zuerst die Pflanzen und Bäume, weil er das Land und Gärten liebe. Es wäre da, sagte er, alles auch an den heitersten Tagen so stille und ruhig, denn das leichte hin und her Wanken der Blumen und der Blätter an den Bäumen wäre wohl recht angenehm, wenn er auf dem Landgut seines Vaters so ganz allein oben an dem Teich sitze, der halb in den Wald und halb in den Blumengarten gezogen wäre, da sähe er dann den Himmel, die Bäume und vorübergehende Wolken in dem Wasser, höre nichts als den Gesang der Vögel, und dieß freue ihn gar sehr.

Gutheim war mit dieser Wahl sehr zufrieden. Er fand, daß das gute weiche Herz des jungen Eduard die sanfte Pflanzenwelt ganz sympathetisch lieben müsse, weil ihre blühende Farben, die schöne Gestalt so mancher Art, mit dem Frühling seines Lebens, mit seinem schlanken Wuchs und der jugendlichen Begierde, Abändrung zu sehen, in dem wahresten Verhältniß stünde. Er sahe zugleich, daß er ihm dadurch einen grossen Theil der Naturgeschichte beybringen, und ihn die ewige Weisheit und Güte anbeten und erkennen lehren könnte. Geographische Kenntnisse und die Geschichte so vieler Künste und Erfindungen waren auch damit zu verbinden. Denn schon die Blumen führten sie in fremde Lande, wo sie herstammten, am meisten gepflegt und am schönsten gezogen würden. Arzneykräuter brachten sie in entfernte Weltgegenden, und zu der, natürlicher Weise damit verbundenen Schiffarth, auf Schiffbau, auf einen Auszug der Chymie, welche den Saft von Wurzeln und Kräutern zu Heilungsmitteln und Farben bereitete. Die Bäume und Waldungen zeigten die viele Arten Gehölze, und ihren Nutzen neben den Handwerkern, die sich damit beschäftigen, vom Zimmermann bis auf den Färber. Das Silbergeschirr und Porcelan im Hause, die Diamanten der Frau Rose, wurden zu einem Anlaß der Mineral und Steinkenntniß, woraus wieder das Nachsuchen und Betrachten der Kupferstiche in der grossen Encyclopädie folgte, wo man Künstler und Arbeiten in allen Gattungen Metallen und Steinen fand. Das grosse Haus des alten Rose in der Stadt ward der Gegenstand der Architectur, und der so verschiedenen Talente, die sich bey der Baukunst und Verfertigung des Hausgeräthes zeigten. Seidene, wollene und leinene Kleidungsstücke gaben Stof zur Einsicht und Bewunderung der tausendfachen alten und neuen Erfindungen des menschlichen Fleisses, und der Eigenschaften von so mancherley Thieren. Die Büchersammlung war ein reichhaltiger Unterricht, nur in Erzählung der Geschichte davon. Auf dem Landgut, wo sie den Sommer zubrachten, waren die Gartenkunst, der Feldbau, Viehzucht und Erkenntniß des Werths der so schäzbaren, und uns allen so nüzlichen Klasse der Landleute, der Gegenstand ihrer Betrachtungen. Dann erzählte Gutheim, was Fürsten, Kriegsleute, Gelehrte und Kaufleute wissen, lernen und thun müßten, um ihr Leben mit Ruhm und mit der Liebe ihrer Nebenmenschen zu geniessen. Hier kam der Unterricht in der Geschichte der Völker und Staaten, der Wissenschaften, ihrer Wanderungen, ihres Blühens, Welkens und Vergehens in diesen, und neuen Entstehens in andern Ländern.

Die so nöthige Geschichte der Religion gab er seinem Eduard mit grosser Vorsicht nicht ganz, nicht zu weitschweifig; er zeigte ihm nur, wie Uebermuth der vorzüglichen Macht und des Wissens selbst die Lehrer und die Beschützer des Volks zu gewaltthätigen Handlungen gebracht, und das Unglück von Millionen Menschen verursacht habe. Eduard liebte daher die Geschichte gar nicht, aber Gutheim sagte: man müsse die Geschichte auch darum lernen, daß wir einsehen, wie viel Verdienste unsere Voreltern um uns haben, wie weit der Fortgang und Verbesserung der Menschheit gekommen, und wie wir uns um die Nachwelt verdient machen können. Eduard sagte, er würde nie so viel Geist haben, daß er gelehrte Bücher schreiben sollte. Gutheim erwiederte, daß dieses auch nicht nöthig seye – Lassen Sie, fuhr er fort, seinen Zögling bey der Hand fassend – ihren Mitbürgern das Beyspiel eines edel verwendeten Lebens und Vermögens, o so werden Sie mehr thun als Sie denken – Mein Eduard! Ihr Vater, Ihr Oheim sammeln Ihnen Güter, die Natur gab Ihnen einen Reichthum von edeln Gefühlen der Seele, und ich will Sie beydes gebrauchen lehren.

Eduard hörte ihm mit sichtbarem Vergnügen zu, sagte aber am Ende, daß er seinen Vater und andre Kaufleute manchmal über den Stolz der Gelehrten hätte klagen hören, und daß sie den Handlungsstand verachteten. – Ein wahrer Gelehrter, mein lieber Eduard! antwortete Gutheim, wird dieses niemals thun, denn er kennt den Werth aller Sachen und Beschäftigungen, und weiß daher auch, was für grosse Verdienste und Talente der Geist der Handlung in sich faßt: der weise und menschenfreundliche Mann verachtet nur das, was unnütz, und der Beschäftigung eines vernünftigen Wesens unwürdig ist, so wie er nichts haßt, als was schädlich und bösartig ist. Er setzte hinzu, er wisse auch, daß es Kaufleute gebe, welche die Gelehrte mit Geringschätzung ansähen – Aber der Vater meines Eduards ist nicht so, sonst würde er seinem einzigen Sohn keinen Gelehrten zum Erzieher gegeben haben.

Durch solche Unterredungen erhielt Eduard grosse Vortheile. Denn Gutheim sagte ihm auch immer die wahre Bedeutung und den Sinn der Worte und Ausdrücke. Aber Eduard hatte eine sonderbare Stimmung des Gemüths: denn, wäre er erster Sohn eines grossen Fürstenhauses gewesen, er würde nie Selbstherrscher, nur Mitregent geworden seyn. Die Idee von Pflicht gegen Nebenmenschen, die von der Gleichheit vor Gott, vom Mittheilen, Mitleiden, andern nichts thun, als was man von ihnen erwartet, dieß war in ihm. So wuchs er auf, mit einer reinen fühlbaren Seele, reich an schöner Kenntniß. Je mehr er lernte, je mehr liebte er seinen Hofmeister: Sein Herz war dankbar. Er sagte einst: Herr Gutheim! Sie thun so viel aus Liebe für mich, und immer dieß, was mich am meisten freut – Sagen Sie, kann ich Ihnen auch Freude machen?

In diesem Augenblik, da Eduards Seele durch die Liebe geöfnet war, sagte ihm Gutheim, daß diese Bewegung seines Herzens sehr schön sey; und daß er wohl wisse, daß eine edle Seele, wie seines Eduards, gerne Freude mit Freude belohne. Er solle also, ihm zu lieb, die Sprachen der alten Völker lernen, da ihre Thaten und die Bilder von den noch übrig gebliebenen Gebäuden, Vasen und Statuen ihrer Zeiten ihm so wohl gefallen hätten. Mit Eifer, mit Vergnügen lernte jetzo unser Eduard latein und griechisch, um seinem Lehrer Freude zu machen, so wie er dem Klavier und Singen zu lieb Italienisch gelernt hatte, und durch die Hofnung des Reisens auch die Englische Lehrstunden fleißig gehalten wurden.

Nach dem Tod der Frau Rose traten Eduard und Gutheim ihre Wandrungen an, mußten aber alle Jahre einmal nach Haus zu dem Vater, welcher seinen Sohn immer wieder sehen wollte. Sie mochten es sehr wohl leiden, da sie allezeit einen neuen Weg hin, und einen andern zurüknahmen, und dann während ihres kleinen Aufenthalts zu Haus die Natur-und Staatsgeschichte des Landes lasen, welches sie wieder durchreißen wollten.

Eduard bat seinen Führer, ihm nichts als das Gute zu zeigen, das Menschen unsers Jahrhunderts gethan hätten, weil von den vorigen Zeiten so viele Zerstörung und Uebelthaten in seinem Gedächtnis geblieben seyen. Gutheim sagte ihm da: Nach diesen Erinnerungen, mein Lieder! können Sie das Gute selbst finden, denn dazu dienen Bücherkenntnisse und Gedächtnis, daß sie uns verflossene, oder entfernte Begebenheiten zu einem Maasstab machen, nach welchem wir das Gegenwärtige beurtheilen. Er fand aber bald, daß sein geliebter Zögling nichts als die Güte in seinem Geist und Herzen ernähren, und nur ihre Spuren in Menschen, und Sachen ausser sich aufsuchen und sehen wollte. – Der Vater hatte ihm sehr viel für Kleider und Spielgelder ausgesetzt. Dieses verwendete Eduard meistens für Arme in allen Gegenden. Oft wenn sie zu Mittag essen, oder Pferde erwarten mußten, gieng er in arme Hütten, theilte Allmosen aus, oder gab dem Pfarrer des Orts eine Summe dazu; – Grosse lärmende Städte liebte er gar nicht, und sobald sie alle Werke der Kunst und merkwürdige Menschen gesehen hatten, so bat er um die Abreiße. Naturalien-Kabinete sah er gern, wie auch alle Art Arbeiten; die Wunder der Natur und des Kunstfleisses waren ihm lieb und ehrwürdig. – Den Herrn Neker in Paris achtete er als einen der grösten und beneidungswürdigsten Männer, der auf eine weise und edle Art die Last von Millionen Menschen erleichterte, und mit wahrer Gerechtigkeit aus der Schaale des Uebermuths und des Misbrauchs den Ueberfluß wegnahm, um ihn zu Lohn und Hülfe der Verdienste und der Bedürfnisse zu machen. – Der Gedanke: Ein junger König, Vater seines Volks, der Genius eines Negocianten, Schuzgeist einer ganzen Nation – erhob seine Seele. Es freute ihn, der Sohn eines Kaufmanns zu seyn. Die Wasserleitung, welche der Chevalier Littelton für ein Drittheil der Stadt London hatte bauen lassen, rührte ihn zur edlen Thräne; er hätte sie mögen erbaut haben – so wie er gerne der Erfinder der Buchstaben gewesen wäre, weil es ihm die wahre Grösse zu seyn dünkte, Jahrtausende hindurch der Wohlthäter von einer unzählbaren Menge Menschen zu seyn, wie der Mann es wurde, der das erstemal den Griffel führte, um daurende Gedankenzeichen darzustellen, wodurch nützliche Lehren und Erfindungen ausgebreitet, und schöne Thaten guter Menschen zum Beyspiel und Vergnügen edler Nachkommen aufbehalten würden. Unter den Königen war ihm Alfred, der Grosse, der liebste; und er gieng mit Ehrfurcht und Zärtlichkeit in Oxford umher, weil es von diesem vortreflichen Fürsten gestiftet worden. Er wußte seine ganze Geschichte, und nahm jungen Engländern übel, wenn sie nicht mit dem Eifer und der Liebe von Alfred sprachen, wie er. Der Canal des Herzogs von Bridgewater machte ihm grosses Vergnügen. Aber in Irland blieb er nicht lange: der Anblik so vieler armen gedrükten Menschen, so vieles unangebauten Lands grämte ihn. Er sah mit Schmerz, daß eine aufgeklärte und in so vielen Theilen grosse Nation, wie die Engländer, ein verschwistertes Königreich, und so viele seiner Bewohner hassen könnte, weil sie Christen einer andern Kirche sind – Er sagte so traurig: – O Herr Gutheim! welch ein Unterschied zwischen dem Gebrauch der Worte, und zwischen der Nachfolge des sanften duldenden Geists Christi!! – Das Bild des Herzogs von Bucgleuhg zog ihn ganz an sich, weil er so viel edles und melancholisches darinn sah. – Rom, wo ihn Gutheim, mit dem Auszug der Geschichte in der Hand, herumführte – Neapel – der Vesuv – der ausgegrabene Theil von Pompeji – Bildsäulen und Vasen der Alten, alles machte einen sonderbaren Eindruk auf ihn. Er wurde immer stiller, immer stärker an Gutheim geheftet. In Venedig beschäftigte ihn die Vorstellung, daß anfangs nur Fischerhütten auf diesen Inseln waren, die nun mit Pallästen bedeckt sind. Die herrliche Stimmen der Klosterfrauen entzükten ihn anfangs, aber bald machte die Idee des ewigen Einschliessens eine Schwermuth in ihm rege, die den Herrn Gutheim zu einer schnellen Abreise bewog. – Die Schweizergebürge, der treue Sinn, und die einfache Sitten ihrer Bewohner, die Plätze, wo ihre Vorväter die Freyheit erfochten – die Hütte von Winkelried, das Dorf, wo Rousseau sich aufgehalten – O wie alle das auf ihn würkte, so wie nur gutes und edles ihn reizen und glüklich machen konnte!

Aber ach! auf dieser Reise sollte Ruhe und Vergnügen auf lange Zeit aus Eduards Seele verbannt werden. Gutheim starb, nachdem er Eduards Krankenwärter gewesen, welcher sich wieder erholt hatte, und dann seinen Freund verlohr. Seines Hofmeisters letzte Lehre bestund in seinem Betragen auf dem Todbett, in der Gelassenheit, mit welcher er die gröste Schmerzen trug, in der männlichen Ruhe des Geistes, mit welcher er seinem Zögling vom Tod und Sterben sprach. So als ob er, älterer Bruder, früher zu einem gütigen Vater zurükreißte, und Eduard, als den jüngern, noch in einem fremden Lande lassen müßte, damit er noch mehr Kenntnisse und Vollkommenheiten sammeln möge. Aber Eduard war traurig, genesen zu seyn; er wünschte mit seinem Lehrer zu sterben, oder wenigstens alle sein Vermögen zu verlieren, und nur – Gutheim zu behalten. – Dieser lächelte ihm zu, und sagte:

»Du, mein Eduard! alle dein Vermögen hingeben, du! dessen Herz allein von Wohlthun lebt, du hättest ja dann auch nichts mehr für mich – der Tod, mein Lieber! ist kein Uebel, sonst hätte Gott die Menschen nicht zum Tode erschaffen. Ich bin am Ende meiner Bahn auf Erden, und werde nun zu einer neuen berufen, die ich mit Muth und Freude antrette. Du leidest darunter, mein Eduard! ich fühle es mehr, als ich meine Schmerzen fühle, aber unsere Grundsätze müssen uns die Unterwerfung in göttliche Fügungen lehren. Du kommst nun auch in einen neuen Zirkel von Denken und Handeln, den du allein, ohne von einer andern Hand geleitet und unterstützt zu seyn, durchlaufen must. Gieb mir die Freude, daß ich dich den ersten Schritt mit Entschlossenheit machen sehe. Du verlierst viel mit mir, mein Eduard! aber um so schöner, um so grösser ist dein gelassenes Ertragen dieses Verlusts. – Du liebtest immer die Natur – Ihre ewige Gesetze trennen uns, und werden uns wieder vereinigen – Mein Geist wird dich umschweben, sanfter, guter Jüngling! alle Edle werden dich lieben, und ich weiß – ich weiß es, die Tugend und die Menschenliebe werden immer in deiner Seele herrschen. – Zehen Jahre habe ich für dich gelebt – mein Loos war schön, da ich berufen wurde, den Anbau des Geists eines der besten Menschen zu besorgen, und seine Seele in ihrer ursprünglichen Reinheit bis in das 22ste Jahr zu führen – meine Arbeit war mir süß, war Verschönerung meiner Tage, so wie ich die Bereicherung der deinigen gewesen bin. – Ich segne dich für die Freude, welche deine Folgsamkeit und Offenherzigkeit, dein Auffassen alles Guten, und deine Liebe für mich mir gaben, so wie du gewiß mein Andenken, meinen Unterricht, und meine Sorge für dich auch segnen wirst. – Von den Sternen herab werde ich mich freuen, das fortlaufende Gewebe von Tugend und Güte in deinem Leben zu sehen. – Umarme mich! Umarme mich, Lieber! – weil mein Herz noch schlägt – noch fühlt – O! möchte ich aus der Umarmung deiner reinen Menschen Seele – in die von meinem Engel übergehen!« –

Sein Wunsch wurde erfüllt – er verschied in den Armen seines Eduards, den man ohnmächtig, mit dem Todesschweiß seines Freunds bedeckt von der Leiche wegnahm.

Gutheim hatte noch für alles gesorgt, und an den alten Rose geschrieben, was die Reisen und Rechnungen, und auch, was den Charakter des guten Eduards angienge. Ein Kaufmann, an den sie Wechsel hatten, und ein treuer Bedienter brachten ihn zu seinem Vater zurük. – Gutheim hatte besonders befohlen, Eduarden keine Trostgründe aufzudringen, sondern ihn weinen zu lassen, seine Klagen anzuhören, und Mitleiden zu zeigen. Der Kaufmann und Bediente befolgten es, und Eduard kam glüklich, aber – voll tiefer, inniger Trauer nach Haus, und sein Vater hatte die Unvorsichtigkeit, ihm übel zu nehmen, daß Eduard im ersten Augenblik des Wiedersehens, ihm um den Hals fiel und sagte: – O mein Vater! ich habe keinen Freund mehr –

Gutheim hatte keine nahe und keine arme Verwandte zurükgelassen, und daher in seinem letzten Willen alle sein Vermögen, Bücher, Schriften, Zeichnungen und Kupferstiche zu einer kleinen Stiftung verordnet, welche hinreichte, einen armen jungen Gelehrten zu unterhalten, welcher aber die Verbindung eingehen müßte, vier arme Knaben unentgeldlich nach Gutheims Lehrart zu unterrichten. Er bat Eduarden, daß er einst ein Haus dazu kaufen, und der Stiftung so viel zusetzen solle, daß die armen Knaben davon in grauen Kleidern und reiner Wäsche besorgt würden, und im Haus wohnen könnten: doch setzte er ausdrüklich dazu, daß zu keiner Zeit, unter welchem Vorwand es seyn möchte, mehr als vier Knaben angenommen werden sollten – es sey ein Denkmal, das er seinem Eduard und sich errichten wolle.

Dieses beschäftigte den jungen Rose unendlich. Er kaufte ein Haus mit einem artigen Garten, und ließ die Wohnungen des Lehrers und der jungen Leute so einrichten, daß alle die Aussicht in den Garten erhielten. Als es fertig und ganz berechnet war, gab er dem Haus den Nahmen von Gutheimsstift – und nahm einen jungen Mann zum Lehrer darein, der ihn schreiben gelehrt, und den Herr Gutheim geliebt hatte. Die arme Knaben waren bald gefunden, und des Lehrers Mutter, eine arme Wittib, besorgte das Hauswesen.

Eduard war fast immer in diesem Hause, weil ihn däuchte, daß Gutheims Genius sich darinn aufhalten würde. Sein Vater wurde darüber verdrüßlich, noch mehr aber sein reicher Oheim, welcher den Verstorbenen wegen dieses Stifts allerley Ränke beschuldigte, und sagte, daß er gewiß deswegen den jungen Rose mit so wenigem Ansehen in der Welt herumgeführt habe, um Geld zu sammeln, Eduard sey leicht zu allem zu bereden gewesen, und es sey unverschämt, daß es nicht einmal die Rosische Stiftung heissen solle, da doch lauter Rosisches Geld dazu verwendet worden sey. – Dieser rauhe Ton, und die Anklagen der Niederträchtigkeit gegen einen Mann, dessen Andenken Eduarden so heilig war, den er überall vermißte, der Zwang, den er sich anthat, zu schweigen, und nicht mehr so oft in das geliebte Haus zu gehen – alle das drang durch die sanfte Seele des Jünglings mit einem neuen bittern Schmerz; denn seine Arbeit mit dieser Stiftung war eine Art süsser Zerstreuung für ihn geworden, die man nur hätte sollen gehen lassen, um ihn nach und nach wieder erheitert zu sehen. Denn er würde sich in den Zusätzen seiner Wohlthätigkeit, in jedem neuen Buch, in jeder Zeichnung durch den von ihm gestifteten Maler gefallen haben, und eine so edle, gutthätige Selbstgefälligkeit stimmt gemeiniglich zur Gefälligkeit für andre. Jeder Besuch des Stifthauses, den sich Eduard aus kindlicher Achtung für den Willen seines Vaters versagte, schien ein Abbruch an seinem Leben zu seyn; und da er zugleich in grosse Gesellschaften gezwungen wurde, die er nie hatte leiden können, weil ihm aller Prunk und alles Geräusch zuwider war, und er auch nicht Stärke genug hatte, sich zu überwinden, oder vergnügt zu stellen, so bekam er doch immer hie und da Vorwürfe über sein Gutheimisches Wesen.

Daher entstund der innere Gram, und ein Kampf zwischen seinen natürlichen Neigungen und der Begierde, seinen Vater und seinen Oheim zu befriedigen. Beydes versenkte ihn in eine Schwermuth, die an seinem Leben nagte. Man wandte alle Mühe an, ihn daraus zu ziehen, aber – es waren lauter verkehrte Hülfsmittel, die seinen Trübsinn nur vermehrten. – Er suchte meistens allein zu seyn – da ließ ihn sein Vater belauschen. Man bemerkte, daß er Klavier spielte, und dabey sang – da gab der Vater Konzert, und ließ mit vielen Kosten Sänger und Sängerinnen kommen. – Aber Eduard hörte kaum zu, und gieng an der Seite seines Vaters blaß, hager, vor sich hinschauend in dem Saal umher, gleich als ob ein schönes Gespenst mit neumodischer Kleidung geschmükt, den alten Rose umschwebte. – Eduard hatte in England alle die herrliche Kupfer von Angelikas, Reynolds und Wests Gemälden gekauft: diese besah er auch manchmal, wenn er allein war. Als man ihn gerad bey den lieblichen Bildern verschiedener Engländerinnen antraf, so wurde vermuthet, die Liebe müsse einen Antheil an seinem Tiefsinn haben – da war Spiel und Ball veranstaltet, wo Witz, Schönheit und Anmuth der artigsten Frauenzimmer aufgefodert wurden, um den Geist der schwarzen Schwermuth von dem jungen Rose zu verscheuchen. – Aber auch dieses Mittel gleitete fruchtlos vor seinen Augen und an seinem Herzen vorüber. –

Sein Oheim starb, und man rieth nun dem Vater eine Reise mit seinem Eduard zu machen, um zu sehen, ob nicht etwa ein andrer Himmel, und andre Gegenstände mehr würken sollten. Der Vater that es, und führte ihn nach H. – Es schien Eduarden zu gefallen: da ließ er ihn bey seinem Freund Walden, und bat diesen, ja alles anzuwenden, um das traurende Gemüth seines einzigen geliebten Sohns wieder zurecht zu bringen, und Kosten darauf zu wenden, so viel er wollte.

Nun gab es wieder eine Menge Versuche, ihn durch Musik, Gastmale, Land- und Wasserspazierfarthen zu ermuntern. Viele Wochen lang ließ es Eduard aus stiller Gefälligkeit so hingehen, war dankbar für jede Mühe, die man sich für ihn gab, lächelte Beyfall zu artigen Entwürfen, die man ihm vorlegte, aber immer sank sein edel gebildeter Kopf mit tieferer Trauer, und tieferer Stille auf seine Brust. – Als sie eines Tags von einem sehr schönen Landfest zurükkamen, wurde er gefragt, wie es ihm gefallen habe – da sagte er Herrn Walden, indem er ihn bey der Hand faßte: –

»Es war alles recht schön, und viele schätzbare Menschen da – aber ich bitte Sie! führen Sie mich nicht mehr oft in Gesellschaft zu reichen und lustigen Leuten. Ich gönne herzlich allen ihre Freude und ihr Wohlseyn. Aber ich fühle es, mein Gram wird sich da nicht heilen – er wird stärker – und er wird mich tödten – dann komm ich in ein stilles – stilles Land, zu meinem Gutheim – ich – wäre es wohl zufrieden, wenn nur mein lieber Vater nicht um mich jammerte« –

Herr Walden wurde über diese Erklärung etwas verlegen, und glüklicher Weise gab ihm halber Unmuth, und halbes Mitleiden den Gedanken ein, dem jungen Rose zu sagen:

»O wenn der Anblik von muntern und glüklichen Leuten Ihre Schwermuth vergrösert, so sollen Sie morgen mit mir in ein Haus gehen, wo Sie keine Spur davon antreffen werden. – Beruhigen Sie sich über unser heutiges Fest.« –

In der That führte er Eduarden den andern Tag mit sich in das Haus einer Wittib mit sechs Kindern, die von dem vereinigten Allmosen lebte, welches acht Familien zusammenlegten, und worüber Herr Walden die Rechnung führte, der immer den vorletzten Tag des Monats zu der Frau gieng, und nach ihr und den Kindern umsah. Er sprach beynah nichts mit Eduard, da er ihn durch die Strassen führte. Dieser glaubte, er würde in ein Spital geleitet, wo er freylich unglükliche Menschen genug finden würde; aber sie kamen durch einen einsamen Hof in ein niedrig Gebäude. Herr Walden klopfte an: eine freundliche Kinderstimme rief – herein – und es hüpfte auch gleich ein hübscher kleiner Knabe zu Herrn Walden, der voraus gegangen war, und unsern Eduard jeder Empfindung überließ, die ihn fassen möchte. In einer grossen Stube war in einer Ecke ein Tisch, an welchem drey Mädchen von verschiedenem Alter sassen, und ämsig nähten; auf der andern Seite im Fenster war eine Frau von etlich und vierzig Jahren, und ein gefälliger Knab von dreizehn, die an grosen Rädern Wolle spannen; der kleine Bube und ein Mädchen sassen auf der Erde, und zupften Wolle. In der ganzen übrigen Stube war nichts als ein kleines Gesimß mit Büchern, und ein Klavier. Aber die Fenster, der Boden und die hölzerne Stühle waren äusserst reinlich und nett, und die Kinder alle in grober, aber sehr weisser Leinwand, und starkem braungestreiftem Zeug gekleidet, die Mädchen ohne Haube, nur ihre Haare in Flechten um den Kopf geschlungen. Alle waren so sittsam, und dabey mit einer Art froher Bewegung der Seele aufgestanden, und hatten sich gegen Herrn Walden geneigt, bey Eduards Anblik aber etwas zurük gestuzt. – Herr Walden gieng zu der Frau, und gab ihr ein Päkchen, welches sie mit einer Thräne im Aug annahm, und sich mit vielem Anstand dabey verbeugte, alsdenn aber leise mit Herrn Walden sprach, wobey ein halber Blick auf unsern Eduard ihm anzeigte, daß die Rede von ihm seye. Herr Walden antwortete auch ganz laut, Sie möchte es nicht übel nehmen, daß er jemand mitgebracht habe, es wäre der gute Sohn eines Freunds, der mit ihm spazieren gegangen. Die Frau sah Eduarden mit einer nachdenkenden sorglichen Mine an, und dann auf ihre Töchter, welche auch um sich gesehen hatten, aber nach dem ernsthaften Blick ihrer Mutter die Augen gleich wieder auf ihre Arbeit hefteten, und nicht mehr aufsahen, selbst da Eduard mit Herrn Walden weggienge. Denn die Frau sagte: Es kann für den fremden Herrn nicht angenehm in dieser Stube seyn – ich will sie in unser Gärtgen führen, wo ich Ihnen etwas zu zeigen habe. –

Herr Walden wandte sich, und Eduard, der zunächst an der Thüre war, mußte zuerst hinaus: aber – er wankte – er hatte Thränen in den Augen – das Bild der Armuth dieser Familie hatte ihn ausserordentlich gerührt – diese blühende Kinder alle – in einer Art von Gewölbe – weit von allen Freuden des Lebens, von allem Genuß der Jugendjahre – der strenge Blick der Mutter, in welchem er ihre Beängstigung wegen seines Daseyns laß – ihr Eilen aus der Stube, alles bekümmerte ihn.

Nun waren sie an dem kleinen Gärtgen, welches durch die mühsame Arbeit der Wittib und ihrer Kinder entstanden war. Denn sie hatte den Eigenthümer dieses öden Platzes gebeten, aus dem dritten Theil des Hofs, welches der einzige Platz des ganzen Umfangs war, der von der Sonne beschienen wurde, die Steine ausheben zu dörfen, um den Boden umzugraben, damit sie etwas Gemüs pflanzen, und ihre Kinder einige Freude haben möchten. Es wurde ihr gerne gestattet, und sie hatte es in zwey Jahren so gut bearbeitet, daß würklich recht schöne Beeten Grünes da standen. Jedes grosse Kind hatte eines angebaut, und besorgte es. Ein grosses Stük war lauter Graß, auf welchem Wäsche und Garn zum Bleichen ausgebreitet lag. –

Hier – sagte die Frau, auf eine Ecke der Mauer weisend – sehen Sie, was unser freundlicher Nachbar, Herr Garbe, meinen Kindern für ein Geschenke gemacht hat – der Gärtner wollte bey dem Beschneiden der Bäume einige Aeste mit Blüthen abnehmen, die über die Mauer herunter hiengen – meine Juliane arbeitete gerad in ihrem Garten-Feldgen, und bat den Gärtner, er möchte doch die Zweige stehen lassen: er lachte sie aus, schnitt einen Zweig ab, und warf ihn für sie hin – Sie hob ihn auf, und sagte mit Thränen:

»Ach Gott! wenn wir arme Kinder nur einen einzigen Baum mit so schöner Blüthe hätten, wie glüklich wären wir?« –

Herr Garbe, der in seinem Garten spazieren gieng, hörte dieses, und stieg selbst auf die Leiter des Gärtners, um herüber zu sehen. – Julchen hatte den Blüthenzweig noch in der Hand, und sah nach dem Baum hinauf – Herr Garbe sprach mit ihr, und schenkte ihr den ganzen Baum, und ließ eine Lücke in die Mauer brechen, damit man ihn herüber biegen konnte – Julchen war fortgelaufen, alle ihre Geschwister zu holen, daß sie das schöne Geschenk sehen möchten – die Jubelfreude meiner Kinder ergötzte den Herrn Garbe, und da mein Friz sagte:

»O wenn ich nur ein paar Reife hätte, so bände ich sie in die Ecke der Mauer, und einige Aeste daran! – das würde eine kleine Laube, wo die Mutter im Schatten sitzen, und uns zusehen könnte, wenn wir im Gärtgen arbeiten.«

Der gute Mann wurde gerührt, und schickte gleich den Gärtner mit Reifen, der sie befestigen, und auch die Zweige binden mußte. Er schenkte uns die Bank dazu, und – sagte sie mit Bewegung – es geschieht noch mehr – denn ich finde nun alle Sonnabend einen Gulden auf der Bank in Papier, mit der Aufschrift: für Frau Sittens Kinder, ohne nach dem Geber zu fragen – ich habe den zweyten Tag auch ein Papier an den Bindfaden befestigt, in welchem ich meinen Dank und meinen Segen ausdrükte, aber seit diesem Tag sahen wir Herrn Garben nie wieder.

Walden wünschte der Wittib Glück, und Eduard dachte an das holde Mädchen, welches über dem Blüthenzweig geweint hatte. Hübsch hatten ihm alle drey Töchter geschienen, aber Juliane war nun das Mädchen seines Herzens geworden. Der Gedanke, daß ihr sanftes Mitleiden mit dem Baum das Herz des Herrn Garbe zu der edelmüthigen Wohlthat gestimmt hatte, durch die sie alle Sonnabend den Gulden erhielten, machte ihm das Mädchen um so werther – denn alles, was Tugenden erweckte, war anziehend für ihn. Herr Walden war weit entfernt, die nachdenkende Mine, mit welcher Eduard seine Augen auf das Feld geheftet hielt, das Juliane anbaute, nach diesen Ideen zu beurtheilen, und dachte in sich, er würde ihn doch wieder klagen hören. Er schickte sich zum Weggehen, Eduard verbeugte sich gegen die Frau Sittens, und sah aus, als ob er von seiner Mutter weg müßte. Er zögerte, und endlich faßte er den Muth zu sagen:

»Frau Sittens! darf ich Sie nicht manchmal besuchen?« –

Sorge und Sehnsucht war in seinen auf sie gerichteten Augen. – Frau Sittens war verlegen, sie fühlte Freundschaft für den Jüngling: Aber er war schön, und eben das anziehende, das sie empfand, gab ihr um so mehr Sorge für ihre Töchter. Sie wollte nicht Nein – und nicht Ja sagen, sondern antwortete mit der Frage:

»O wie können Sie verlangen, Besuche in einem Hause zu machen, wo Sie nichts als Kummer und Armuth sehen werden?« –

Eduard, dessen Gesichtszüge und Ton der Stimme so voll Empfindung waren, faßte sie bey der Hand:

»Ich wünschte, theure Frau Sittens! daß Sie unter der Hülle dieses, meinen Reichthum anzeigenden Roks mein redliches Herz sehen könnten, so wie ich Ihre Tugend in ihrer Armuth sehe!«

Die Frau sah ihn mit Rührung an, dachte nach, und wandte sich endlich zu Herrn Walden: –

»Ich kan erst morgen eine Antwort geben, verzeihen Sie mir heute.« –

Eduard bückte sich bescheiden und schweigend; aber seine Blicke waren lauter Bitten um eine günstige Antwort. Herrn Walden sagte er, das gröste Vergnügen, so er ihm machen könnte, wäre ihm den Zutritt in das Haus der Wittib zu schaffen. Dieser Mann war froh, ihn einmal etwas mit Eifer wünschen zu hören, und gieng zu Frau Sittens, um es ihr vorzutragen. Sie machte Bedenklichkeiten wegen ihrer Töchter. Da ihr aber Herr Walden von dem Gemüthszustand des jungen Rose erzählte, so willigte sie endlich ein, daß Eduard manchmal kommen dörfte, – weil sie hofte, Gott würde, da sie das Kind eines Fremden retten helfe, die ihrige nicht zu Grund gehen lassen. Doch solle Herr Rose nicht zu oft kommen, und wenn sie nicht zu Haus sey, gleich wieder weggehen, und mit ihren Töchtern nie viel reden.

Eduard verehrte die mütterliche Vorsicht, und kam dabey in einer äuserst simpeln Kleidung mit seiner bescheidenen gefühlvollen Mine, der Sittens zu danken, und bat sie, ihm zu sagen, was ihre Söhne lernten. Sie antwortete mit einem Seufzer – »Ach lieber Herr Rose! dieß, was ich sie lernen kann, Religion, Lesen, Schreiben, etwas Rechnen und Geographie, die mir von meiner Erziehung geblieben ist – Mein guter Friz war in einer Lehre, er wurde aber so hart gehalten, daß er diesen Winter, von Schlägen und Kälte blau und starr zu meinen Füssen kniete, und mich bat, ihn wieder anzunehmen. Er will lieber Taglöhner werden, als die Kunst des Mannes lernen, der ihm so unmenschlich begegnete – Ich bin über meine mütterliche Liebe getadelt worden, aber ich konnte mein Kind nicht in das Elend bannen, da es Hülfe bey mir suchte. Er arbeitet Tag und Nacht am Spinnrad – Sonn-und Feyertäge lernt er mit seinen Schwestern bey mir, und unterrichtet auch seinen kleinen Bruder.« – Eduard sah mit thränendem Aug nach dem Knaben, gab ihm die Hand, und nahm auch eine von der Mutter, welcher er sagte: –

»Wollen Sie, gute Frau Sittens! mir erlauben, Ihren Friz zu unterrichten, und für ihn zu sorgen? Herr Walden kann Ihnen sagen, daß ich gereißt bin, und etwas gelernt habe.« –

Die gute Mutter war es zufrieden, Frize aber noch mehr, und den andern Tag brachte Eduard schon Bücher und Kupferstiche mit, denn er wollte den jungen Sittens führen, wie Gutheim ihn geführt hatte. Da nun aber Friz nicht mehr so viel spinnen, und Geld verdienen konnte, so zahlte Eduard alle Wochen ein schönes Kostgeld für seinen Schüler, mit welchem er auch den Garten ganz allein bearbeitete, und also die Mutter und die Töchter überhob; und so begierig er gewesen, den Nahmen Julchen einmal aussprechen zu hören, so nahm er doch eine ruhige Mine an, als er die liebenswürdige zweyte Tochter bey diesem Ruf aufstehen, und der Mutter folgen sah. Eine gleich zärtliche Ahndung hatte ihn abgehalten wegen des Klaviers zu fragen: er hofte, und wünschte, daß es Julchen seyn möchte. Aber er forchte sich vor der doppelten Bewegung seiner Seele, welche die sanfte Töne des Klaviers, und der Gedanke, daß sie unter Julchens Fingern klingen würden, hervor bringen könnten – da würde die Mutter das Geheimniß seines Herzens errathen, und neue Sorgen bekommen. – Er schwieg also lang von der Musik, ob er schon manchmal bey dem Eintritt in den Hof merkte, daß jemand spielte, und auch endlich Julchen davon wegeilen sah, als sie ihn erblickte. – Oft beobachtete er, daß Julchen stille auf ihre Näharbeit hinweinte, wenn er mit ihrem Bruder so innig von Gott, von den Wundern der Natur, von der Schönheit der Tugend, und dem Vergnügen des Wissens sprach, oder ihren Bruder lobte und umarmte, weil er alles so gut faßte, so gern lernte, und ihm Liebe zeigte. – Eduard sagte ihm einst: »Bester Friz! du lohnst mich für die Freude, die ich meinem Gutheim gab, denn dies, was ich über dich fühle, empfand er durch mich.«

Er gab der Mutter alle Wochen zwey Dukaten, aber – sie solle ihren Kindern nichts davon sagen, denn diese sollten ihn immer als Freund, niemals als einen Wohlthäter ansehen. – Die redliche Frau sagte es Herrn Walden. Dieser versicherte sie, daß sie dieses Geld mit Ruhe behalten könne, indem diese Ausgabe des jungen Rose sehr wenig sey, wenn man betrachte, was andre Söhne von nicht so reichen Häusern in Spiel und schlechter Gesellschaft verschleuderten. Doch schrieb er alles an den alten Rose, der über die anfangende Heiterkeit seines Eduards sehr erfreut war, und der Wittib noch ein schönes Geschenk für ihre Kinder versichern ließ, und seinem Sohn die Erlaubnis gab, einmal den Friz Sittens zu sich zu nehmen, aber mit den Töchtern möchte sie sich in Acht nehmen, daß Eduard nicht angekettet würde. Dieses schmerzte die vortrefliche Frau, die ehemals selbst in einer blühenden Handlung gestanden, und nur durch Unglück und den frühen Tod ihres Mannes herunter gesunken war. – Eduards gute, edelmüthige Seele, der ganz andre Gesinnungen als der Vater zeigte, hinderte sie, ihm den nämlichen Augenblick ihr Haus zu verbieten.

Die Sachen blieben also, wie sie bey Ankunft dieses Briefs waren, von welchem Eduard nichts gesagt wurde. Dieser hatte die Mutter auch um etwas frühere Feyerstunden gebeten, wo sie sich mit ihren Kindern in das Gärtgen zusammen setzten, ein Abendbrod assen, das Eduard besorgte, und er ihnen dann von seinen Reisen und seinem Lehrmeister erzählte, und oft das süsse Glück genoß, Julchens schönes blaues Auge mit der reinsten Anhänglichkeit auf sich geheftet zu sehen, in denen immer eine sympathetische Thräne glänzte, wenn sein grosses braunes Auge überfloß.

So giengen vier Monate hin, als Eduards Vater seinen Sohn wieder zu sehen verlangte, indem es ihm nur halb recht war, daß sein Eduard niemand als eine arme Familie besuchte. Er dachte auch genug nachgegeben zu haben. – Eduard versprach in vierzehn Tagen zu kommen. Aber sein Herz empfand, daß er ohne Juliane Sittens nicht mehr leben könnte: doch war er unschlüßig zwischen dem, was er für sein Glück, und dem, was er für die Zufriedenheit seines Vaters thun wollte, und nahm sich vor, auf einige Zeit zu seinem Vater zu gehen, und sich zu bemühen, ihn zu dem Besten der Sittenschen Familie einzunehmen. Aber ohne von Julianens Herz versichert zu seyn, wollte er nicht fort, und da ihm in den Tagen dieses innerlichen Streites gar nicht um vieles reden zu thun war, so gieng er im Sittenschen Hause an das Klavier, spielte vortreflich, aber lauter melancholische Gänge und Aufschlüsse. Julchen wandte sich mit ihrem Stuhl und Näharbeit so, daß sie gänzlich seitwärts, hinter ihn zu sitzen kam, und ihn spielen sehen konnte. Der kleine Heinrich hörte ihm eine Weile aufmerksam zu, denn die andern waren alle bey der Garnbleiche im Garten – endlich sagte der Junge: – »O! Sie müssen was Lustiges spielen – es ist heute Julchens Geburtstag.« – Wie ein Pfeil drang es durch seine Seele: – »Ach! ist sie für mich gebohren?« –

Er hatte aufgehört zu spielen, und sah nach Julchen hin, die durch sein trauriges Spiel gerührt, durch das Geschwäz ihres Bruders etwas ungedultig, und durch Eduards Blicke völlig aus aller Fassung gebracht wurde. Er stund auf, wünschte ihr Glück, aber er stammelte, als er sprach, setzte sich wieder zu spielen, aber es klang verwirrt und abgesetzt – er gieng zu der Mutter in die Küche – »Frau Sittens! es ist heut Julchens Geburtstag, wie ich höre. Wollen wir ihn nicht feyern, und diesen Nachmittag eine Spazierfarth auf dem Wasser machen?« –

Lieber Herr Rose! das ist unmöglich, ich kann meinen Kindern kein anders Fest, als eine Umarmung und meinen Seegen geben, und dieß hat Julchen heut früh erhalten. –

»Ey Frau Sittens! Sie denken doch wohl, daß ich die Ausgabe besorgen werde.«

Das glaube ich gewiß, aber ich bin nicht in Umständen, mit meinen Kindern Belustigungen zu geniessen, die nur begüterten Leuten zukommen. Ich bitte Sie, lieber Herr Rose! sagen Sie ja keinem nichts davon, lassen Sie die arme Schafe in der Unwissenheit der Freuden dieser Welt –

»Seyn Sie ruhig, liebe Mutter! ich habe noch nichts gesagt« –

Das ist recht gut, antwortete sie. –

Eduard gieng dann allein in den Hof, um mit sich zu sprechen. – Die Frage, ob Julchen für ihn geboren sey, erfoderte Antwort – er kam in die Stube zurük. Er fand Julchen noch auf ihrem Stuhl sitzend, aber ihr Kopf lag auf dem, welchen er verlassen hatte. Sie war allein – er näherte sich ihr, faßte sanft, und mit etwas Zittern das erstemal ihre Hände –

»Julchen! was fehlt Ihnen, meine Beste? – sagte er mit der Stimme der innigsten Liebe. – O seyn Sie nicht traurig! lassen Sie mich trauren, ich muß abreisen« –

Julchen fuhr auf, schlug die Hände zusammen, und mit Schmerz ihn anblickend, sagte sie nur mit halbem Laut – Abreisen müssen Sie?

»Es ist Ihnen also leid, mein theures Julchen! wenn ich weggehe! Könnten Sie mich wohl mein ganzes Leben um sich sehen?«

Dieß fragte er, eine ihrer Hände an sich drückend, mit der schönen Feuerröthe der nun, zu Sehnsucht und Hofnung gewordenen Liebe eines jungen Mannes von 24 Jahren –

Julchen ohne Verstellung, ohne Künsteley – sagte voll Unschuld und Zärtlichkeit: –

O wie glüklich wäre ich, lieber Herr Rose! wenn ich Sie immer sehen könnte!

In diesem Augenblick fand Eduard auf einmal, durch die Stärke der Liebe, einen entschlossenen Ton. – Er umfaßte Julchen mit Entzücken – drückte sie an seine Brust, und sagte mit erhabener Stimme: –

»Julchen! ja du sollt mich immer um dich sehen, als deinen Gatten, als deinen Eduard Rose – denn du bist in diesem Augenblick meine Braut.«

Julchens Kopf sank unter der Bürde von Freude, und neuen überwältigenden Gefühlen auf Eduards Arme. Die Mutter hatte laut reden hören, und kam in die Stube – ein tödtlicher Schrecken befiel sie, als sie ihre Julie von Rose umfaßt, da sitzen sah – Eduard rief ihr zu: –

»Mutter! sey nicht böse – Julchen ist meine Braut – gieb uns deinen Seegen.« –

Die arme Frau schlug die Hände zusammen, und schrie: Ewiger Gott! und sank unmächtig auf einen Stuhl – Julchen fiel mit einem Strom von Thränen und Jammergeschrey zu ihren Füssen auf die Knie – Eduard holte Wasser, um die Frau zur Erholung zu bringen. Als sie wieder bey sich war, schwur er ihr, daß Julchen allein seine Gattin werden sollte – die Mutter umarmte das Mädchen –

O mein Kind! – mein armes Kind! das hab ich befürchtet, o Herr Rose, wie unglüklich machen Sie uns!

»Ich – Sie unglüklich?« – rief er mit Staunen.

Sie erzählte ihm nun das Verbot seines Vaters, und Herrn Waldens Ermahnungen. Schnell nahm Eduard seinen Hut, und eilte weg. Julchen und ihre Mutter weinten laut: da kamen die andre Kinder auch, und ohne zu wissen, was vorgegangen war, nahmen sie Antheil an dem Weh ihrer Mutter und Schwester –