Richard von Weizsäcker - Der stille Revolutionär - Klaus Wiegrefe - ebook

Richard von Weizsäcker - Der stille Revolutionär ebook

Klaus Wiegrefe

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Opis

Über sechs Jahrzehnte lang hat der SPIEGEL den Lebensweg Richard von Weizsäckers begleitet. Kritisch, wenn es um Weizsäckers Vater Ernst ging, den die Alliierten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilten und den der Sohn bis zum Lebensende verteidigte. Mit Respekt, als der Bundespräsident 1985 die berühmte historische Rede zum Jahrestag des Kriegsendes hielt, und wohlwollend, als er 1987 nach Moskau reiste. Dort mühte sich der Christdemokrat um Schadensbegrenzung, nachdem Kanzler Helmut Kohl den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow mit dem Nazi Joseph Goebbels verglichen hatte. SPIEGEL-Gespräche mit dem liberalen Konservativen waren stets Zeugnisse unorthodoxen Denkens, wie es in politischen Eliten kaum verbreitet ist. Eine besonders interessante Auswahl finden Sie in diesem E-Book; darüber hinaus Analysen des Aufstiegs Weizsäckers vom politischen Seiteneinsteiger ins Schloss Bellevue und Hintergrundberichte über seinen jahrelangen Konflikt mit Kanzler Kohl. Die Texte sind im SPIEGEL erschienen und geben Antwort auf die Fragen, wer Richard von Weizsäcker war - und warum er zu den bedeutendsten Präsidenten der deutschen Geschichte zählt.

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Inhaltsverzeichnis

Richard von Weizsäcker

Vorwort

Richard von Weizsäcker - der stille Revolutionär

Die Weizsäckers verkörpern die besten Traditionen des deutschen Bildungsbürgertums – aber ihr Weg führte auch in die Abgründe des Holocaust

Hitlers langer Schatten

„Es war grauenhaft“
SPIEGEL-Gespräch über die Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg und die Rolle des Vaters bei Judendeportationen
„Die Erinnerung gibt uns die Kraft“
Weizsäcker hat 1943 an der Belagerung Leningrads teilgenommen. Nun kehrt er zurück.

"Richie", der Bürgermeister

„Neue Gesichter – alte Filzokratie“
Die magere Bilanz als West-Berliner Stadtoberhaupt

Helfer Willy Brandts

„Wir müssen mitmachen, von Alpha bis Zulu“
CDU-Mann Weizsäcker rettete die Ostverträge

Der Präsident

„Ich bin ein Kind der Aufklärung“
Warum Weizsäcker Präsident wird
Dokument:
Die große Rede vom 8. Mai 1985
„Der Erste und Einzige“
Rudolf Augsteins Kritik an der Rede vom 8. Mai 1985. Auszüge aus einem bisher unveröffentlichten Briefwechsel
„Wir können den Frieden nicht exportieren“
SPIEGEL-Gespräch über das Verhältnis zu Israel und die Rede zum 8. Mai
„Lassen Sie doch mal den Präsidenten weg“
Weizsäcker wird schon im ersten Amtsjahr zum bewunderten Staatsoberhaupt
Mission in Moskau
Das Verhältnis zu Moskau ist am Tiefpunkt. Weizsäcker will mit einem Besuch eine Generalüberholung der Beziehungen einleiten.
In Watte verpackt
Die Sowjets reagieren zurückhaltend auf Weizsäckers Werben
Paten der Einheit
Der Ausgleich mit Polen liegt Weizsäcker besonders am Herzen
Ins Schwarze
Der Präsident setzt sich für Asylanten ein – und erntet Protest aus seiner Partei

Das Duell mit Helmut Kohl

Ein Präsident für – fast – alle Deutschen
Weizsäcker wirft dem Kanzler Konzeptionslosigkeit vor
Die verfeindeten Nachbarn
Die Parteienkritik des Staatsoberhaupts zielt vor allem auf den CDU-Vorsitzenden
Weizsäcker und sein „Traditionsbruch“
SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein kritisiert Weizsäckers Parteienschelte
„So kann es nicht weitergehen“
SPIEGEL-Gespräch über die Spätphase der Ära Kohl
Die Zierde der Partei
Vergeblich versuchte Kohl, Weizsäcker aus der CDU zu werfen

Der Nachruf

Richard von Weizsäcker (1920-2015)
Ein Präsident, der Geschichte schrieb

Anhang

Impressum
Richard von Weizsäcker • Vorwort

Vorwort

Über sechs Jahrzehnte lang hat der SPIEGEL den Lebensweg des jetzt verstorbenen Richard von Weizsäcker begleitet. Kritisch, wenn es um Weizsäckers Vater Ernst ging, den die Alliierten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilten und den der Sohn bis zum Lebensende verteidigte. Mit Respekt, als der Bundespräsident 1985 die berühmte historische Rede zum Jahrestag des Kriegsendes hielt, und wohlwollend, als er 1987 nach Moskau reiste. Dort mühte sich der Christdemokrat um Schadensbegrenzung, nachdem Kanzler Helmut Kohl den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow mit dem Nazi Joseph Goebbels verglichen hatte. 
SPIEGEL-Gespräche mit dem liberalen Konservativen waren stets Zeugnisse unorthodoxen Denkens, wie es in politischen Eliten kaum verbreitet ist. Eine besonders interessante Auswahl finden Sie in diesem E-Book; darüber hinaus Analysen des Aufstiegs Weizsäckers vom politischen Seiteneinsteiger bis ins Schloss Bellevue und Hintergrundberichte über seinen jahrelangen Konflikt mit Kanzler Kohl. Die Texte sind im SPIEGEL erschienen und geben Antwort auf die Fragen, wer Richard von Weizsäcker war – und warum er zu den bedeutendsten Präsidenten der deutschen Geschichte zählt.
Klaus Wiegrefe
Richard von Weizsäcker - der stille Revolutionär • SPIEGEL-Titel 11/2010

Der stille Revolutionär

Seit gut 150 Jahren zählen die Weizsäckers zu den bedeutenden Familien des Landes: herausragende Wissenschaftler, führende Politiker, höchste Beamte. Sie verkörpern die besten Traditionen des Bildungsbürgertums. Aber auch ihr Weg führt in die Abgründe des Holocaust. Jetzt wird Richard von Weizsäcker 90 Jahre alt. Von Klaus Wiegrefe
Der Plenarsaal des Bonner Bundestags ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Leises Rascheln erfüllt den Raum, gelegentlich ist ein Husten oder ein gedämpftes Lachen zu vernehmen. Kanzler Helmut Kohl und seine Minister sitzen in der ersten Reihe, auch die höchsten Richter der Republik sind anwesend, und natürlich Abgeordnete aus dem Bundestag und aus Landtagen, Vertreter von Kirchen, dem Zentralrat der Juden, Vertriebenenfunktionäre, Offiziere, Gewerkschafter und Arbeitgeber.
Alle warten. Da tritt Bundespräsident Richard von Weizsäcker ans Rednerpult. Er spricht etwas mehr als 4500 Worte, und als er sich nach 45 Minuten für die Aufmerksamkeit bedankt, erheben sich die Anwesenden und singen leise die Nationalhymne. Es ist der 8. Mai 1985, und sie haben eben eine der bedeutendsten Reden der deutschen Geschichte gehört.
Dabei enthielt der Text „nicht eigentlich neue Einsichten“, wie Weizsäcker später einräumte. Andere hatten schon Ähnliches gesagt; dass die Deutschen 40 Jahre nach dem Ende von Weltkrieg und Holocaust der Wahrheit ins Gesicht sehen müssen. Dass jeder miterleben konnte, was jüdische Mitbürger erlitten. Dass es zu Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten ohne Hitlers Krieg nicht gekommen wäre. Dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war.
Es ist weniger der Inhalt als vielmehr der Redner, der dem Auftritt seinen Rang gab. Denn wenn Richard von Weizsäcker das Wort zur deutschen Katastrophe ergreift, schwingt nicht nur die Autorität des Amtes mit, sondern auch und vor allem mehr als 150 Jahre deutsche Geschichte.
Wie wohl keine andere Familie spielen die Weizsäckers beim großen Drama der Deutschen mit, das die Welt über Generationen hinweg in Atem hält. Bei der Gründung des deutschen Nationalstaats unter Bismarck, beim Ersten Weltkrieg mit seinen Hekatomben an Toten, bei Hitlers Welteroberungsplänen und dem Holocaust, im geteilten und auch im geeinten Deutschland:
Der Vater unter Hitler Staatssekretär im Auswärtigen Amt, einer der Architekten des Münchner Abkommens und ein Wegbereiter des Hitler-Stalin-Pakts, von den Alliierten in Nürnberg 1949 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt.
Der ältere Bruder ein weltberühmter Atomforscher und Naturphilosoph, der von sich sagte, er habe für Hitler die Atombombe nicht bauen wollen, und von dem Kritiker behaupten, er habe es nur nicht gekonnt.
Ein Großvater in der wilhelminischen Ära Ministerpräsident im Königreich Württemberg und erklärter Gegner einer Demokratisierung Deutschlands.
Ein Urgroßvater und ein Urgroßonkel waren bedeutende Köpfe der nationalliberalen Bewegung, die in den entscheidenden Momenten des 19. Jahrhunderts die Freiheit der nationalen Einheit opferten.
Und dann Richard von Weizsäcker selbst. Offizier in der Eliteeinheit Infanterieregiment 9, 1943 Belagerer von Leningrad, 1944 Verbündeter der Attentäter um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, später Berlins Regierender Bürgermeister und Bundespräsident.
Mehr deutsche Geschichte geht nicht.
Sicher, es gibt auch andere politische Familien in diesem Land. Die Listen der Kabinettsmitglieder in Bund und Ländern belegen dies. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist Enkel eines ehemaligen Parlamentarischen Staatssekretärs im Kanzleramt, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen Tochter eines langjährigen Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Innenminister Thomas de Maizière Cousin des letzten DDR-Ministerpräsidenten und Sohn eines langjährigen Generalinspekteurs der Bundeswehr.
In der Familienrepublik Deutschland sind die Kauders heute mit zwei Sprösslingen im Bundestag vertreten, die Schäubles stellten zeitweise Minister in Berlin und in Stuttgart, die Vogels kämpften um ihre politischen Ziele in unterschiedlichen Parteien, Hessens Ministerpräsident Roland Koch ist Sohn eines ehemaligen hessischen Ministers.

Wer den Mythos Weizsäcker verstehen will, muss zurück in die achtziger Jahre.

Aber nie vollzog sich ein Aufstieg über derart viele Generationen hinweg und in derart unterschiedlichen politischen Systemen wie bei den Weizsäckers. Ob unter dem König von Württemberg oder dem Deutschen Kaiser, unter Weimarer Ministerpräsidenten, Diktator Hitler oder Kanzler Helmut Kohl – stets schwammen die Weizsäckers oben. 2005 hat vorerst der letzte Weizsäcker den Bundestag verlassen: Ernst Ulrich, ein Neffe Richards, saß dort für die SPD.
Und so ist es auch die Faszination des Dynastischen, die das Interesse am wohl berühmtesten Spross der Familie unverändert hochhält – sogar heute noch, im betagten Alter. Richard von Weizsäcker feiert am 15. April seinen 90. Geburtstag.
Dabei trägt kein Gesetz Weizsäckers Namen, keine Reform verbindet sich mit ihm. Auch an den diplomatischen Weichenstellungen der deutschen Nachkriegspolitik ist er allenfalls am Rande beteiligt gewesen. Als Konrad Adenauer in den frühen fünfziger Jahren die Westbindung der Bundesrepublik vorantrieb, saß Weizsäcker als „wissenschaftlicher Hilfsarbeiter“ des Mannesmann-Konzerns in Gelsenkirchen und brütete über Kartellrecht. Als Willy Brandt in den siebziger Jahren für Versöhnung mit den osteuropäischen Nachbarn warb, zählte Weizsäcker zur Opposition im Bundestag; und während der deutschen Einigung 1989/90 konnte er als Bundespräsident qua Verfassung zwar gelegentlich Kanzler Kohl mahnen, gestalten konnte er nicht.
Und doch wird dieser Mann verehrt wie außer ihm wohl nur noch Helmut Schmidt. Schon zu Lebzeiten sind diverse Schulen nach dem 20-fachen Ehrendoktor benannt, regelmäßig belegt er bei Umfragen zur Bedeutung deutscher Politiker vordere Plätze. Zu seinem runden Geburtstag kommen die großen Publikumsverlage mit mehreren, durchweg wohlwollenden Biografien auf den Markt.
Mythos Weizsäcker.
Wer diesen Mythos verstehen will, muss zurück in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Das Land ist unruhig, als ob die Deutschen in Ost und West ahnten, dass große Veränderungen bevorstehen. Und in Bonn regiert Helmut Kohl, dessen Selbstzufriedenheit wie Mehltau auf der Politik liegt.
Gesten und Haltungen wirken rückwärtsgewandt. Der Verband der Schlesier verkündet: „Schlesien bleibt unser“, und Helmut Kohl trifft sich mit US-Präsident Ronald Reagan zur Versöhnung ausgerechnet auf dem Soldatenfriedhof von Bitburg, wo Angehörige der Waffen-SS bestattet sind.
Es ist die Zeit, in der Kohl die CDU zu einer ideenlosen Machtmaschine deformiert, in der die Union schwarze Konten führt, in der der Kanzler den Eindruck erweckt, Kritik sei Nestbeschmutzung.
Und dazwischen steht mit Weizsäcker ein intellektueller Konservativer, der sich in jeder Hinsicht abhebt.
Er hält den Ausgleich mit dem Osten schon seit den sechziger Jahren für einen moralischen wie politischen Imperativ. Er wirft den Parteien (auch der eigenen) vor, sich den großen Fragen zu verweigern und nur auf Machterhalt fixiert zu sein. Er lässt sich von Kohl nicht ducken.
Legendär sind die Bilder vom Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Türkei in Berlin 1983. Auf der Ehrentribüne liefern sich Weizsäcker, damals Berlins Regierender Bürgermeister, und Kohl erkennbar eine heftige Auseinandersetzung. Dann, nach dem Anpfiff, schweigen sie, und zwar für die gesamte Spieldauer. Wie Weizsäckers damaliger Redenschreiber, der CDU-Politiker Friedbert Pflüger, jetzt enthüllt, ging es um die Bundespräsidentschaft*. Weizsäcker will Präsident werden, Kohl will das verhindern.
Weizsäcker setzte sich durch. Im neuen Amt wird er rasch für jene zur Identifikationsfigur, die von einer Harmonie zwischen Macht und Moral träumen. Ein Bundespräsident, der keine Wahrheiten zu verkünden vorgibt, sondern Zweifel einräumt, Argumente öffentlich abwägt, Unsicherheiten formuliert. Und der als Konservativer in seiner Rede vom 8. Mai Dinge sagt, die für manche Konservative noch keine Selbstverständlichkeit sind. Etwa dass der Holocaust einmalig und die polnische Westgrenze nicht mehr in Frage zu stellen ist.
Schon bald sieht eine ganze Generation in In- und Ausland in dem Christdemokraten einen Repräsentanten des besseren Deutschland, dem man vertrauen kann und von dem keine Gefahr mehr ausgeht. Auch dank Weizsäcker wächst das Vertrauenskapital der Deutschen in der Welt, von dem die Regierung Kohl 1989/90 dann so ausgiebig zehrt.
Dass Weizsäcker wohl mehr als jeder andere Politiker der Bundesrepublik über die Parteigrenzen hinweg integriert, bringt ihm den Ruf ein, das Amt auszufüllen wie kein Präsident vor ihm, mit Ausnahme von Theodor Heuss.
Von der französischen Deutschland-Kennerin Brigitte Sauzay stammt das Urteil, Weizsäcker sei unter den Politikern der Bundesrepublik „derjenige, der die Aura und das Charisma des Deutschland von ehedem am meisten bewahrt hat“.
Das „Deutschland von ehedem“. Wer mit dem hellwachen Greis auch nur wenige Minuten spricht, weiß sogleich, welchen Teil des „Deutschlands von ehedem“ Sauzay meint. Humanistisch gebildet, weltoffen, kompetent. Es sind die besten Traditionen des deutschen Bildungsbürgertums, die die erst 1916 in den Adelsstand erhobene Familie der von Weizsäckers verkörpert.
Aber es gibt auch die anderen Traditionen des Bildungsbürgertums, und es gab sie auch bei den Weizsäckers. Das Berauschen am preußisch-deutschen Machtstaat, Demokratiefeindlichkeit und Illiberalität, Antisemitismus und Untertanengeist.
Natürlich träumte niemand aus der Familie von Rasseimperien im Osten Europas oder der Vernichtung des europäischen Judentums. Und doch lässt sich an der Geschichte der Weizsäckers das Entstehen jener politischen Kultur nachzeichnen, welche Krieg und Holocaust erst möglich machte.
Damit nach 1945 gebrochen zu haben ist ohne Zweifel die größte Leistung der Generation Richard von Weizsäckers, und wohl kein lebender deutscher Politiker verkörpert Deutschlands „langen Weg nach Westen“ (Heinrich August Winkler) in gleicher Weise wie der Bundespräsident a. D.
Nicht zufällig ist er nach dem Ausscheiden aus dem Amt 1994 ein weltweit gesuchter Ansprechpartner geblieben. Der Uno-Generalsekretär berief ihn in die Kommission zur Reform der Weltorganisation, zwischen Tokio und Aspen bemühen sich Stiftungen und Kuratorien um seine Mitgliedschaft. Noch vor wenigen Wochen trat Weizsäcker gemeinsam mit Henry Kissinger und anderen ehemaligen Spitzenpolitikern vor die Kameras, um für eine nuklearwaffenfreie Welt zu werben. Der geschliffen formulierende Staatsmann zählt mit seinem vornehmen Auftreten zu den herausragenden Repräsentanten der Zivilmacht Bundesrepublik.
Stolze Bilanz eines langen Lebens.
Dennoch vermeidet es Weizsäcker, Deutschlands Sonderweg mit der Geschichte seiner Familie zu verknüpfen. Zu den auffälligen Auslassungen in der berühmten Rede von 1985 zählt die Verantwortung der alten Oberschichten für die deutsche Katastrophe. Kein Wort verlor er über deren Anteil am Untergang der Weimarer Republik und dem Aufstieg Hitlers. Stattdessen sagte er: „Wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrwegs deutscher Geschichte zu erkennen.“
Er hätte auch sagen können: 1945 markiert das Ende eines Irrwegs, den auch Mitglieder meiner Familie beschritten haben.
Die Anfänge sind leicht auszumachen. Der Publizist Martin Wein hat sie vor Jahren in einem Bestseller beschrieben. Sie finden sich in den Weinbergen im lieblichen Hohenlohe bei Heilbronn, wo Müllersleute namens Weidsäcker die Bernhardsmühle betreiben.
Da nur einer die Mühle erben kann, liegt es für die leer ausgehenden Kinder nahe, den Aufstieg am Hofe des im nahen Öhringen residierenden Fürsten anzustreben. 1768 wird ein Weidsäcker „fürstlicher Mundkoch“, also eine Art Küchenchef. Schon seine Söhne schaffen es als Stadtpfarrer auf die Kanzel und als Bürgermeister in den Ratssaal Öhringens; in der übernächsten Generation – Mitte des 19. Jahrhunderts – finden sich bereits Apotheker, Theologen, Wissenschaftler.
Die Weidsäcker schreiben sich jetzt Weizsäcker.
Im überschaubaren Württemberg, das zu den Armenhäusern im Staatenbund Deutschland zählt, suchen sie ihr Heil vor allem in einer geschickten Heiratspolitik. Vom Historiker Thomas Lau stammt das böse Wort, bei den Weizsäckers gleiche die Liste der Ehefrauen „den Sprossen der Leiter des sozialen Aufstiegs“. Aber es stimmt ja auch. Noch der Vater Richard von Weizsäckers ehelicht als junger Berufsoffizier die Tochter eines Generalmajors, der Großvater des ehemaligen Bundespräsidenten becirct als aufstrebender Jurist die Tochter eines Reichsrichters.
Schon der Begründer der Polit-Dynastie heiratete 1816 in eine hochgestellte Hohenloher Beamtenfamilie ein. Als der Mann früh stirbt und seine 34-jährige Frau mit zwei Söhnen zurücklässt, nutzt diese ihre Verbindungen. Ihre Eingaben beim Württembergischen König finden Gehör, Julius und Carl Heinrich erhalten die begehrte Ausbildung an Pfarrersschulen. Beide studieren am Tübinger Stift, der berühmten Theologenuniversität, beide renommieren als Hochschullehrer, beide zieht es in die Politik.
Es sind bewegte Zeiten. Überall in Deutschland werben Intellektuelle dafür, die Kleinstaaterei hinter sich zu lassen und „das Vaterland lieber zu haben als Herren und Fürsten, als Väter und Mütter, als Weiber und Kinder“ (Dichter Ernst Moritz Arndt). Auch die Weizsäcker-Brüder werden vom nationalen Rausch erfasst. Begeistert verfolgen sie die Nachrichten über den Bau am bislang unvollendeten Kölner Dom, der jetzt zum Symbol deutscher Größe wird.
Nationalisten gelten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als linke Revoluzzer. Schließlich richtete sich ihre Forderung nach einem Nationalstaat gegen die Fürstenhäuser in den Kleinstaaten. Als 1848 die Revolution losbricht, schließt sich der Student Julius Weizsäcker an.
Fortan trifft man den 20-Jährigen freitagabends meist im Heckenhauerschen Saal, dem frisch errichteten Anbau eines Wirtshauses. Dort trommelt er für die gesamtdeutsche Republik, für die er „Gut und Blut lassen“ will. So steht es in einer Petition an die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, die er öffentlich in zwei Museen und seiner Wohnung auslegt. Wer will, kann unterschreiben. Vor allem Studenten tun es.
Doch die Revolution scheitert bekanntlich. Für das politische Bewusstsein der Deutschen hat die Niederlage von 1848/49 verhängnisvolle Folgen, denn liberales und demokratisches Selbstbewusstsein, wie es aus erfolgreichen Revolutionen erwächst, kommt nicht zustande. Einheit vor Freiheit lautet die neue Devise, auf die auch die Weizsäckers setzen. „Macht ist es ja vor allem, was wir brauchen, und abermals Macht“, schreibt Julius 1849, „Macht schafft Einheit, die Einheit aber wird die Mutter der Unabhängigkeit nach außen und der Freiheit im Innern.“
Im beschaulichen Tübingen zählen die Weizsäcker-Brüder zu den Wortführern der kleindeutschen Lösung, also der deutschen Einheit unter preußischer und nicht österreichischer Führung. Denn die Macht, so Julius Weizsäcker, „suchen wir in Preußen, weil sie in Preußen ist“. Er ist mit dem Pressesprecher der preußischen Regierung in Berlin befreundet und lässt sich von dort instruieren. Der ältere Carl Heinrich, der als Erster von beiden Professor wird, bedrängt den württembergischen König Karl, er möge doch einen Berlin-freundlichen Kurs einschlagen.
Zunächst verpuffen die Aktivitäten, aber 1862 übernimmt in der preußischen Hauptstadt der Junker Otto von Bismarck als Ministerpräsident das Kommando. Er setzt auf die Einheit von oben, durch Monarchen geschaffen, und zwar mit Kriegen. Denn ohne Kriegsbegeisterung – so glaubt der Regierungschef – könne er die Deutschen nicht für Preußens Vorherrschaft erwärmen.
In Vorlesungen, Zeitungsartikeln und auf Versammlungen werben die beiden Herren Professoren Weizsäcker für Bismarcks Weg. Es gehe eben nur mit „Blut und Eisen“, zitiert Julius Weizsäcker vor Studenten das berühmte Bismarck-Wort.
Trotz ihrer in Württemberg wenig populären politischen Auffassungen machen die Brüder Karriere. Erstklassige Ausbildung, ein strapazierfähiges Netzwerk, protestantischer Arbeitsethos und natürlich auch Begabung – das sind die Ingredienzen.
1870 geht Bismarcks Strategie auf. Frankreich erklärte den Krieg – und nun laufen auch die Süddeutschen ins preußische Lager über. Carl Heinrichs schmächtiger 17-jähriger Sohn Karl Hugo, der Großvater Richard von Weizsäckers, meldet sich freiwillig zu den Grenadieren.
Mit der Reichsgründung erfüllt sich für die Weizsäckers ein generationenübergreifender Traum. Die Einheit sei „ein Zeichen, größer als vieles Herrliche, was uns die Geschichte alter Zeiten erzählt“, begeistert sich der Theologe Carl Heinrich.
Willkommener Nebeneffekt: Der Bedarf an Akademikern vervielfacht sich. Überall werden im neuen Deutschland Professoren, Beamte, Richter gebraucht. Carl Heinrich nutzt ein Angebot aus Berlin, um in Tübingen fast eine Verdoppelung des Salärs herauszuschlagen. Historiker Julius wiederum besetzt nacheinander Lehrstühle im eroberten Elsass, in Göttingen und dann in Berlin.
Das Bildungsbürgertum umfasst damals ungefähr 300 000 Menschen, weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Die jüngere Generation der Weizsäckers nutzt ihre Chancen beim Aufbau Deutschlands. Kriegsveteran Karl Hugo, ein blitzgescheiter Jurist, hilft im Ländle bei der Umsetzung des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB), des ersten gesamtdeutschen Privatrechts – und wird mit dem Amt des Kulturministers in Stuttgart belohnt. 1906 ernennt ihn der König sogar zum Ministerpräsidenten. Mehr kann ein Bürgerlicher in diesen Zeiten kaum erreichen.
Die Weizsäckers sind nun, nach hundert Jahren Aufstieg, oben angekommen. Jedes Jahr feiert die Familie die Reichsgründung an jenem Datum, an dem Vater Karl Hugo 1870 in der Schlacht um Paris verwundet worden war. Eine Welt in Silber, Kristall und Porzellan, mit Dienstboten und Dienstwohnung.

Der Großvater sagt von sich, er sei „mit Leib und Seele Reaktionär“.

Wie es innen aussieht, lässt sich nur mühsam rekonstruieren. Vor allem die Jungen müssen sich messen und werden gemessen, untereinander und an den Vätern. Der Satz „Ich wünsche dir, dass du es in deinem Leben weiter bringst als ich“, geschrieben in einem Geburtstagsbrief, klingt da wie eine Mahnung.
Und die Seele?
Kein Aufschrei ist überliefert, als 1914 der älteste Sohn Carl des königlichen Ministerpräsidenten fällt. Sein Bruder Ernst ringt sich die tröstend gemeinten Sätze an die Mutter ab: „Carl hat sein lebenswertes Leben für eine große Sache heldenhaft beschlossen. Darum darf man doch still weinen um ihn.“ Wenige Wochen zuvor hat Ernst den Eltern noch geschrieben, sie müssten „stolz sein, drei Söhne ins Feld zu schicken“.
Wie viele andere aus dem Bürgertum glauben auch die Weizsäckers, das neue Reich komme im internationalen Wettlauf um Macht und Märkte zu kurz. Ministerpräsident Karl Hugo will zwar keinen Krieg, hält wenig von Kaiser Wilhelm II., und doch applaudiert er dem wilhelminischen Größenwahn.
Das Bildungsbürgertum ist im Laufe des 19. Jahrhunderts gewachsen, weil Menschen durch Qualifikation vorwärtskommen wollen. Bildung sollte sich lohnen, Herkunft nicht zählen. Im Kaiserreich gehen diese Ideale nach und nach verloren. Das Lesen von Horaz, die Hausmusik, der Theaterbesuch dienen nun auch der Abgrenzung – gegenüber der Arbeiterschaft und den Neureichen aus der boomenden Industrie.
In den eigenen vier Wänden lästern die Weizsäckers über die „Protzia“ in den Geschäftsführungen florierender Firmen; nur Wissenschaft und Verwaltung zählen in dieser staatsgläubigen und lebensfernen Familie. Erst rund zwei Jahrhunderte nach Beginn der industriellen Revolution, im Jahr 1950, wird Richard von Weizsäcker als erstes Familienmitglied in der Wirtschaft anheuern.
Historiker sehen in der Abgrenzung des liberalen Bürgertums von der Arbeiterschaft einen wichtigen Grund dafür, warum das sonst so moderne Kaiserreich politisch rückständig bleibt. Ohne Verbündete vermag das Bürgertum sich gegenüber dem Adel nicht durchzusetzen, und diese Machtlosigkeit wird durch das Denken in machtstaatlichen Kategorien kompensiert. Von der einst lauthals verkündeten Absicht, nach der Einheit auch die Freiheit zu erlangen, ist keine Rede mehr. Der verbindlich auftretende Ministerpräsident Karl Hugo sagte von sich selbst, er sei „mit Leib und Seele Reaktionär“.
Der Monarchist lässt die Lehrpläne an den Schulen überarbeiten, um „Vaterlandsliebe und Staatsgesinnung der akademischen Jugend“ zu stärken. In der Arbeiterbewegung sieht er nicht etwa einen Verbündeten gegen den Adel, sondern spricht von der „roten Flut“.
Gegen Fluten muss man bekanntlich die Dämme verstärken, und so würgt Karl Hugo alle Versuche ab, im Königreich Württemberg die Rechte des Parlaments zu stärken oder gar eine parlamentarische Demokratie einzuführen. „Das staatliche Ideal meines Vaters war das römische zur Blütezeit des Imperiums“, notiert später einer seiner Söhne. Beamte definieren und vertreten das Allgemeinwohl; Parteien, Vereine, Politiker gelten als egoistisch und korrupt.
Es ist eine Haltung, die der Ministerpräsident auch nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 vertritt. Für Deutschland markiert diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts eine tiefe Zäsur. Nach der Niederlage 1918 treten in Berlin, München, Sachsen und Stuttgart die Könige und der Kaiser zurück, in Deutschland hält die Demokratie Einzug.
Da auch der Adel abgeschafft wird, gelten die Weizsäckers heute unter alteingesessenen Nobilitäten als Last-Minute-Freiherren. Schließlich ist ihnen der Titel erst kurz zuvor verliehen worden.
Der kühl kalkulierende Karl Hugo von Weizsäcker hat den Absturz des alten Deutschlands kommen sehen. Er zählt nicht zu den Scharfmachern, doch als 1917 Russlands Diktator Lenin mit den Deutschen Frieden um jeden Preis schließen will, kennt auch er kein Halten mehr. Im Bundesrat, laut Verfassung das eigentliche Regierungszentrum des föderalen Kaiserreichs, schlägt er sich auf die Seite der Falken. Man müsse alles verlangen, was verlangt werden könne.
Im November 1918 ist der Spuk vorbei. Der 65-jährige Karl Hugo von Weizsäcker tritt noch vor dem württembergischen König zurück. Seine Lebensarbeit, klagt er verbittert, sei „vernichtet“.
In der Revolution von 1918/19 sind die Weizsäckers nur noch Zuschauer. Mit freilich bemerkenswerten Erlebnissen. In Berlin liquidiert eine rechtsradikale Todesschwadron die KPD-Gründer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Am Tag danach taucht einer der Mörder, der 29-jährige Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Harttung, im Marineamt auf, wo Marineoffizier Ernst von Weizsäcker gerade Dienst tut. Der redselige Pflugk-Harttung verlangt „absolute Geheimhaltung“ und erzählt dann dem Kameraden, wie sie mit Liebknecht im Auto eine Panne im Tiergarten fingierten und dem Mann in den Rücken schossen.
Statt den Mörder anzuzeigen, rät Weizsäcker ihm zur Flucht.
Seltsame Ehrenmänner.
An diesem Punkt wäre es nicht verwunderlich gewesen, wenn der Aufstieg der Familie ein Ende gefunden hätte. Nichts deutete darauf hin, dass die Weizsäckers in der nächsten Generation mehr sein würden als ganze normale Deutsche.
Dem nun ältesten Sohn, dem 36-jährigen Ernst, droht bei Kriegsende der soziale Abstieg. Der Vater dreier Kinder erwägt, sich als Dorflehrer oder Journalist zu verdingen. Dank des Renommees der Familie landet er schließlich im Auswärtigen Amt. Knapp 20 Jahre später wird der Seiteneinsteiger unter Adolf Hitler Weltpolitik machen.
Von allen Weizsäckers ist Ernst die umstrittenste Gestalt, denn an ihm haken sich jene Fragen ein, die bis heute die Deutschen umtreiben. Warum hat niemand den Weltkrieg verhindert, obwohl die meisten Deutschen 1939 einen solchen Waffengang ablehnten? Wie konnte es Hitler und seinen Schergen gelingen, den gesamten Staatsapparat für den Holocaust einzuspannen? Und was sind die Maßstäbe ethischen Handelns in einer Diktatur?
Dabei hat Ernst von Weizsäcker mit dem Aufstieg Hitlers nichts zu tun. Er wählt nie die NSDAP, und während die Weimarer Republik im Chaos versinkt, klettert er überwiegend im Ausland die Karriereleiter empor.
Das Gehalt ist nicht üppig. Aber natürlich besuchen die Kinder gute Schulen, natürlich liest die Familie am Sonntagnachmittag klassische Dramen mit verteilten Rollen, werden Freundschaften geknüpft und gepflegt, zur Dichterin Ricarda Huch, dem genialen Physiker und späteren Nobelpreisträger Werner Heisenberg, dem Industriellen Robert Boehringer. Eben das Prinzip Weizsäcker.
Für die Republik mag sich der Veteran nicht erwärmen, und das ist typisch für die alten Eliten, die zu den Verlierern der neuen Zeit zählen. Sie haben keinen Blick für die Chancen, die sich aus Niederlage und Regimewechsel für Deutschland ergeben. Sie empfinden vor allem die Kränkung aus der Niederlage. Auch Weizsäcker empört sich über den harten Versailler Vertrag („Schandvertrag“), den die Sieger Deutschland auferlegen.
1932 schreibt er der Mutter, die Demokratie sei ein „Krebsschaden“. Er sei eben Monarchist gewesen, wird er sich nach dem Zweiten Weltkrieg rechtfertigen.
Und die Nazis?
Ernst von Weizsäcker teilt Hitlers Forderung nach bedingungsloser Revision des Versailler Vertrags. Mit gedämpfter Sympathie verfolgt er den Aufstieg der braunen Bewegung.
Wie viele andere konservative Beamte glaubt der Diplomat, dass die Nazis auf die Expertise der Beamtenschaft angewiesen seien (was zutrifft) und deswegen unter Kuratel gehalten werden können (was sich als Irrtum erweist). Und der Diktator lässt Weizsäcker und die anderen in ihrem Glauben.
An der Spitze des Auswärtigen Amts hält sich der zu Weimarer Zeiten berufene Konstantin von Neurath, ein Monarchist und guter Bekannter Weizsäckers aus Württemberg – was dessen Aufstieg nicht schadet. 1936 wird er, zunächst kommissarisch, Leiter der Politischen Abteilung, er ist damit die Nummer drei in der Wilhelmstraße.
Einheit vor Freiheit, Machtstaat statt Demokratie, Nationalismus statt universellen Menschenrechten – nun zeigen sich die Spätfolgen jener Weichenstellungen der deutschen Geschichte, an denen die Weizsäckers beteiligt waren und die sich auch an ihnen ablesen lassen.
Denn Ernst von Weizsäcker ist nicht frei von jenen Ressentiments, die Hitler so meisterhaft für sich zu instrumentalisieren weiß. In den Aufzeichnungen des Spitzendiplomaten ist von einer „Judenüberschwemmung“ die Rede, Tschechen werden mit Läusen und der Krätze verglichen. Der Mann liest „Mein Kampf“ und notiert hinterher, ihn beeindrucke „am meisten“ die „Warmherzigkeit gegenüber dem sozialen Elend“.
Hitlers Rassismus und Antisemitismus sind nicht Grund genug, um von vornherein zur NSDAP auf Gegenkurs zu gehen.
Was zählt, ist Deutschlands Gloria.
Der Diplomat plädiert ganz ungeniert für ein „föderatives Großdeutschland“, natürlich mit Österreich, mit dem Sudetengebiet (das zur Tschechoslowakei gehört), mit dem Polnischen Korridor, der Ostpreußen vom Reich trennt, und mit anderen Gebieten. Sein Großdeutschland wäre größer als ehedem das Kaiserreich.
Allerdings will Ernst von Weizsäcker dieses Ziel nur auf friedlichem Weg erreichen. Das Ehepaar Weizsäcker hat im Ersten Weltkrieg insgesamt drei Brüder verloren, die drei Söhne sind wehrpflichtig oder nähern sich dem entsprechenden Alter. „Keinen, keinen bin ich bereit … zu opfern“, schreibt Mutter Weizsäcker.
Mitte der dreißiger Jahre beginnt der Spitzendiplomat an den Friedensschwüren der Nazis zu zweifeln. Allerdings glaubt er, Hitler schwanke zwischen einem gemäßigten Flügel und fanatischen Kriegstreibern wie etwa SS-Chef Heinrich Himmler und sei für die richtige Seite zu gewinnen. So bleibt der Freiherr an des Führers Seite – und erreicht 1938 den Gipfel seiner Karriere. Hitler hat Joachim von Ribbentrop zum Außenminister ernannt, einen ebenso glühenden wie bornierten Nationalsozialisten. Und Ribbentrop beruft Weizsäcker zum Staatssekretär. Mit dem neuen Posten tritt er, jetzt 55 Jahre alt, der NSDAP bei – und wird SS-Oberführer. Bereits zwei Jahre zuvor hat sich seine Frau der Partei angeschlossen.

Der Vater intrigiert gegen den Außenminister und versucht, Hitler zu beeinflussen.

Weizsäcker empfindet die neue Aufgabe als „Kreuz“. In sein Tagebuch schreibt er, er übernehme das Amt nur, um einen Weltkrieg zu verhindern.
Und die Judenverfolgung?
Zu den spektakulärsten Dokumentenfunden der letzten Jahre in der Causa Weizsäcker zählt ein Vermerk, den der Schweizer Gesandte in Paris nach einem Mittagessen mit Weizsäcker fertigt.
Der Eidgenosse notiert lobend, dass Weizsäcker „nicht den geringsten Versuch“ unternehme, die antisemitischen Ausschreitungen des Regimes zu rechtfertigen. Der Staatssekretär warnt vielmehr: Die NSDAP sei „derart im Kampf gegen das Judentum engagiert, dass sie nicht mehr zurück, ja nicht einmal mehr stillehalten kann“. Die Juden müssten unbedingt Deutschland verlassen, „sonst gingen sie eben über kurz oder lang ihrer vollständigen Vernichtung entgegen“.
Es gibt wenige, die so klar das Kommende sehen. Und es so kühl kommentieren.
Im neuen Amt gerät Weizsäcker gleich mit Ribbentrop aneinander. Es geht um die Sudetendeutschen, die „heim ins Reich“ wollen. Auf dem Flugplatz Tempelhof liefert er sich eine Brüllerei mit dem kriegslüsternen Außenminister („Ich muss Ihnen auf das Bestimmteste widersprechen“). Er intrigiert gegen den Vorgesetzten, versucht Hitler zu beeinflussen und überschreitet die Grenze zum Landesverrat, als er London bittet, Hitler von einem Angriff abzuschrecken.
Auf das Sudetenland will freilich auch der Nationalist Weizsäcker nicht verzichten. Er befürwortet einen „chemischen Auflösungsprozess“ für die Tschechoslowakei, will sie durch diplomatischen und wirtschaftlichen Druck zerstören.
Ende September 1938 ist es so weit. Er hat Mussolini ein von ihm und anderen entworfenes Papier zur friedlichen Abtrennung des Sudetenlandes zukommen lassen. Der „Duce“ macht sich den Vorschlag zu eigen, und da Briten und Franzosen auch zustimmen, gibt Hitler schließlich wütend nach. Von der Intrige weiß er nichts.
Das Sudetenland kommt ohne Krieg zu Großdeutschland. Später sagt Weizsäcker, es sei der „letzte glückliche Tag meines Lebens“ gewesen. Die Kriegsgefahr scheint gebannt. Aber die Illusion währt nicht lange, dann stellt sich heraus, dass Weizsäckers Coup Hitler den Weg in den Krieg erleichtert. Ohne das Sudetenland ist die verbliebene Tschechoslowakei wehrlos und wird von der Wehrmacht im März 1939 überrollt, was wiederum die Lage Polens drastisch verschlechtert.
Weizsäcker bekommt von Hitler persönlich den Auftrag, einen Ausgleich mit Stalin zu suchen. Er fördert das Zustandekommen des Hitler-Stalin-Pakts mit der ihm eigenen Tüchtigkeit. Der Freiherr hofft noch immer auf Frieden mit den Westmächten. Aber ein zweites Mal zuckt Hitler nicht zurück.
Am 1. September überfallen die deutschen Truppen Polen, der Zweite Weltkrieg beginnt.
Ernst von Weizsäcker berichtet später, er habe in der Nacht zum 31. August bei einem Gespräch mit Hitler eine Waffe in der Tasche gehabt, sich aber zum Tyrannenmord nicht durchringen können. „Ich bedauere, es hat in meiner Erziehung nicht gelegen, einen Menschen zu töten“, sagt er hinterher – eine für einen Weltkriegsveteranen erstaunliche Aussage.
Bereits am zweiten Kriegstag fällt Weizsäckers zweitältester Sohn. Der Diplomat empfindet den Kriegsbeginn auch deshalb als ganz persönliche Tragödie. Er notiert in jenen Tagen, sein Name sei „unweigerlich verknüpft“ mit der „größten und unentschuldbarsten Katastrophe der neueren deutschen Geschichte“.
Und es kommt noch schlimmer. Im Krieg schüttelt Hitler alle noch verbliebenen zivilisatorischen Fesseln ab, will seinen Traum von einem „judenfreien“ Europa umsetzen – und das Auswärtige Amt ist häufig dabei. Es hilft bei den Deportationen aus der Slowakei, Kroatien, Rumänien, Ungarn oder Frankreich.
Weizsäckers Stern sinkt nun deutlich, er gilt in SS-Kreisen als „Mann ohne Verantwortung“. Sein ruchloser Stellvertreter Martin Luther steigt auf zum „einflussreichsten Spitzenbeamten“ des Ministeriums (Historiker Hans-Jürgen Döscher). Aber da Weizsäcker Staatssekretär bleibt und nicht etwa zurücktritt, informiert Luther ihn, fragt um seine Meinung, bittet um seine Unterschrift.
Nicht häufig, aber oft genug.
Dokumente belegen, wie sich Weizsäcker windet. Im März 1942 will Adolf Eichmann 6000 französische oder staatenlose Juden nach Auschwitz deportieren. Hat das AA Bedenken? Weizsäcker versucht, den Kreis der Abzuschiebenden einzuschränken. Im Entwurf für das Antwortschreiben steht, das AA habe „keine Bedenken“. Weizsäcker korrigiert. Das AA erhebe „keinen Einspruch“.
Und dann paraphiert er.

Von der Ausrottung der Juden habe man gewusst, räumt Carl Friedrich ein.

Am 22. Juni 1942 fragt das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) an, ob es „seitens des Auswärtigen Amtes Bedenken“ gebe, wenn 90 000 Juden aus Holland, Frankreich und Belgien zum „Arbeitseinsatz“ deportiert würden. Luther schreibt zurück, es gebe „keine Bedenken“. Weizsäcker zeichnet ab.
Dann stocken die Deportationen aus der Slowakei, weil der Vatikan und die katholische Kirche im Lande intervenieren. Der schwache slowakische Mi-nisterpräsident, ein Judenhasser und katholischer Priester, bittet das „Dritte Reich“, ihn in einem abgekarteten Spiel unter diplomatischen Druck zu setzen. Weizsäcker liefert den gewünschten Protest, wenn auch nicht in voller Schärfe.
Manchmal wirft der Staatssekretär auch Stöckchen in die Räder der Todesmaschinerie, und nicht immer sind die Motive eindeutig. Er rät davon ab, nord- und südamerikanische Juden im besetzten Frankreich zu drangsalieren, weil das diplomatische Verwicklungen nach sich ziehen würde. Die SS stimmt zu. Ist das Ausdruck professioneller Umsicht? Oder will er den Opfern helfen?
Als es zwischen dem RSHA und den Ministerien um das Schicksal sogenannter Mischlinge geht, formuliert er als grundsätzliche Leitlinie, „die jeweils mildere der zur Diskussion stehenden Lösungen“ verdiene den Vorzug. Natürlich ist auch die „jeweils mildere Lösung“ bei Nazis immer noch schlimm genug.