Religion und Kult der Germanen - Alexander Rubel - ebook

Religion und Kult der Germanen ebook

Alexander Rubel

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Opis

In übersichtlicher Form fasst das Buch unser Wissen über die religösen Vorstellungen der Germanen zusammen. Unter Rückgriff auf archäologische Quellen der germanischen Frühzeit und der Zeit der Völkerwanderung werden die sich besonders durch den Kontakt mit dem Römerreich wandelnden und regional sehr unterschiedlichen religiösen Gebräuche der Germanen vorgestellt, verständlich diskutiert. Angesichts der in der Vergangenheit durch ideologische Verirrungen und in der Gegenwart durch neuheidnische Fantasiekulte verzerrten Perspektiven, stellt dieses Buch, nüchtern und verständlich klare Sachverhalte und plausible Erklärungen aus dem disparaten Quellenmaterial zusammen das ganz unterschiedliche Fachgebiete wie Archäologie, Alte Geschichte und Germanistik dar.

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Alexander Rubel

Religion und Kult der Germanen

Verlag W. Kohlhammer

1. Auflage 2016

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN: 978-3-17-029266-6

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-029267-3

epub:    ISBN 978-3-17-029268-0

mobi:    ISBN 978-3-17-029269-7

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

 

 Inhaltsverzeichnis

 

 

Danksagung

1 Einleitung

2 Wer waren die Germanen?

3 Die Quellen

4 Heiligtümer und Opferpraxis

5 Die Götterwelt der Germanen in der Frühzeit

6 Mythologie

7 Magie und Runen

8 Tod und Jenseits

9 Römische Auslegung: Die Rheinlande als Kontaktzone der Religionen

10 Weibliche Gottheiten

11 Germanische Echos in der Gegenwart: Neuheidentum und Fantasykultur

12 Die Christianisierung

13 Schlussbetrachtung: Was bleibt?

14 Literaturverzeichnis

Abkürzungen

Literatur

Anmerkungen

Personenverzeichnis

Götterverzeichnis

Ortsverzeichnis

Sachverzeichnis

 

Danksagung

 

 

Die Arbeit an diesem Buch wurde zum Teil durch ein Förderungsprogramm der rumänischen Regierung im Rahmen des Projekts The ›Other‹ in action. The Barbarization of Rome and the Romanization of the World (UEFISCDI PN-II-ID-PCE-2012-4-0490) ermöglicht. Dank schulde ich Harald Derschka (Konstanz) für eine kritische Durchsicht des Manuskripts und nützliche Einschätzungen zum Frühmittelalter. Hans-Ulrich Voß (Frankfurt/M) verdanke ich wertvolle Hinweise hinsichtlich archäologischer Fragen zum germanischen Barbaricum. Zu besonderem Dank bin ich aber einer Institution verpflichtet, ohne die dieses Buch gar nicht hätte geschreiben werden können: Die Universitätsbibliothek der Universität Konstanz hat mich auch in der Ferne mit Literatur versorgt und ohne ihre Bestände, die ich bei mehreren Gastaufenthalten nutzen konnte, wäre die Arbeit zu diesem Thema an meinem derzeitigen Aufenthaltsort nicht möglich gewesen.

Iaşi, Rumänien im April 2016

1

Einleitung

 

 

Dieses Buch handelt von der Religion der Germanen. Bereits dieser erste Satz wirft Fragen auf. Innerhalb der mehr als 1000 Jahre von den Anfängen einer als »germanisch« anzusprechenden und erst nur archäologisch fassbaren materiellen Kultur über die Völkerwanderungszeit bis zur beginnenden Wikingerzeit lassen sich anhand der Quellen unterschiedlichste Ausprägungen von »Religion«, ja selbst von Kulturerscheinungen, die allgemein als »germanisch« angesprochen werden, belegen. Zwischen den ungestalten Astgabelidolen oder Pfahlgötzen der Eisenzeit (hierzu ausführlich Kap. 5) bis hin zu den klar definierten Götterdarstellungen auf den Brakteaten (silbernen oder goldenen, medaillienartigen Amuletten der Völkerwanderungszeit) liegen Welten. Der römische Feldherr Caesar behauptet um 50 vor Christus von den Germanen, sie verfügten über gar keine »echte« Religion im Sinne der Römer, da sie keine personifizierten Gottheiten verehrten. Sie beteten lediglich Naturerscheinungen an, und zwar besonders die Sonne, das Feuer und den Mond, ohne einzelne Götter mit Namen zu nennen (De bello gallico, 6, 21)1. Demgegenüber verweisen schon Tacitus (um 100 n. Chr.) und später die skandinavischen Quellen des Mittelalters auf ein ausgebildetes Pantheon und eine komplexe Mythologie. Welche Religion wird hier also behandelt? Wer genau waren die Germanen? Scheinbar einfache Fragen, die sich aber bei genauerem Hinsehen als durchaus komplex erweisen und denen in den folgenden Kapiteln annäherungsweise nachgegangen werden soll.

Konzeption und Schwerpunkt des Bandes

Der Schwerpunkt dieses Buches liegt auf den früheren Epochen der germanischen Geschichte, etwa bis zum Ende der sogenannten Völkerwanderungszeit und der Zeit der sich etablierenden »germanischen Reiche« des Frühmittelalters (grob bis ins 6./7. Jahrhundert)2, wobei literarische, inschriftliche und besonders archäologische Quellen, sowie Erkenntnisse der historischen Sprachwissenschaft als Hauptzeugen herangezogen werden.

Die wikingerzeitlichen Zeugnisse und die v. a. aus der isländischen Literatur des Mittelalters gewonnenen Vorstellungen über die Götterwelt der Germanen, die eigentlich v. a. die der Skandinavier der Wikingerzeit meint, über Odin, Frîja, Thor und Loki, werden auch heute noch oft leichtfertig auf die germanische Welt außerhalb Skandinaviens und auf die frühe Zeit der germanischen Völker und Kulturen übertragen. Die Verzerrungen der späten Quellen aus christlicher Zeit, wie auch die an sich späte Bestandsaufnahme dieser auch heute noch allgemein bekannten Götter- und Sagenwelt, die bestenfalls eine mittelalterliche Interpretation der heidnischen Traditionen bewahrt hat, sollten nicht unterschätzt werden. Deswegen behandelt diese Darstellung, auch der Handlichkeit und Übersichtlichkeit wegen, die skandinavische Spätzeit nur knapp, auch wenn bedeutende späte Quellen wie Snorri Sturluson oder die Lieder der Edda an den passenden Stellen zur Sprache und zu ihrem Recht kommen.

Gedacht ist dieser kurze Überblick für ein breites Publikum, das über keine fachspezifischen Vorkenntnisse in den für dieses Forschungsfeld relevanten Disziplinen Alte Geschichte, Archäologie und germanistische Linguistik verfügt. Deswegen werden Fachausdrücke meist kurz erklärt oder durch allgemeinsprachliche Umschreibungen ersetzt. Das dient der leichteren Lesbarkeit, fortgeschrittene Studenten und Fachleute, die dennoch zu diesem handlichen Überblick greifen, mögen gnädig darüber hinwegsehen. Für das angesprochene Format weist das Buch eine recht große Anzahl an Literaturhinweisen und Belegen auf, auf die jedoch nicht verzichtet werden konnte (Quellenbelege finden sich jedoch meist in Klammern im Haupttext). Die Literaturangaben sind als weiterführende, vertiefende Hinweise zu verstehen und entsprechend als Anmerkungen am Textende angefügt, so dass der Lesefluss nicht unterbrochen werden muss. Die Anmerkungen enthalten nur weiterführende Informationen und Literaturangaben zu Vertiefung besonders bei strittigen Themen, alle für das Verständnis des Dargestellten nötigen Angaben finden sich im Text. Die Anmerkungen enthalten jeweils auch die (meist lateinischen) Originalzitate der ansonsten in deutscher Übersetzung wiedergegebenen Quellenstellen.

Die Religion und der Kult der Germanen werden also unter diesen Rahmenvorgaben hier vorgestellt. Aber was bedeutet Religion und was bedeutet Kult im Hinblick auf vorgeschichtliche Völkerschaften, von denen nur archäologische Zeugnisse und Quellen aus zweiter Hand (nämlich meist von Römern und Griechen verfasste Außenansichten) bekannt sind? An dieser Stelle müssen ein paar grundlegende Begrifflichkeiten wenigstens ansatzweise geklärt werden.

Der Begriff Religion

Religion bezeichnet zunächst einmal in einem allgemeinen, vorwissenschaftlichen Verständnis die Vorstellung von übergeordneten, mächtigen Wesenheiten (im vom Lateinischen geprägten Jargon Numina genannt), zu Deutsch und nur leicht vereinfacht: Göttern also, die die menschliche Lebenswelt beeinflussen und mit denen man – meist durch gesellschaftlich geformte Rituale – kommunizieren kann, um Gunstbezeugungen zu erlangen oder Schaden abzuwenden. Wissenschaftlich ausgedrückt dient Religion als sinngebendes Symbolsystem, dem in seinen kulturell unterschiedlichen Ausprägungen meist die Funktion eines Welterklärungsmodells zukommt, dessen sinnstiftende Elemente es dem Menschen ermöglichen, eine Ordnung hinter den chaotisch anmutenden Gegebenheiten der Natur zu erkennen3. Für unsere Zwecke wird im Folgenden das vorwissenschaftliche Verständnis von Religion völlig ausreichen. Dennoch sind einige präzisierende, hoffentlich einleuchtende Bemerkungen über die Vergleichbarkeit von Religionen nötig (etwa beim Vergleich unserer modernen, christlich geprägten Erfahrungswelt mit der religiösen Welt der Germanen).

Bei der Behandlung prähistorischer und antiker Religionen tauchen neben der Quellenproblematik auch bestimmte methodische (eigentlich philosophisch-erkenntnistheoretische) Probleme auf: Unser Begriff »Religion« ist ein abendländisches, stark von christlichen Vorstellungen geprägtes Konstrukt (der dem Lehnwort zugrunde liegende römische Begriff religio meint etwas anderes, nämlich in erster Linie den Vollzug kultischer Handlungen). Die Religionswissenschaft ist ebenfalls eine abendländische, in christlichen Traditionen verhaftete Disziplin. Diese Parameter prägen ungewollt unsere Herangehensweise, und die Vorstellung einer »unbefangenen«, »objektiven« Annährung an fremde Religionen ist nach begründeter Meinung des Religionswissenschaftlers Fritz Stolz »pure Naivität«4. Zur Illustration dieses Sachverhalts mag ein Beispiel aus der Ethnologie dienen: Der grönländisch-dänische Polarforscher und Ethnologe Knud Rasmussen (1879–1933), der sein Leben dem Studium der Kultur der Inuit, der Ureinwohner des Polarkreises, widmete, fragte in einem seiner Interviews einmal einen Schamanen: »Glaubt ihr an die Götter?«. Der so angesprochene antwortete ihm nach einer längeren Pause verwundert: »Wir glauben nicht an sie, wir fürchten sie!«.

Für prähistorische und antike Gesellschaften hat man also mit einem ganz anderen Bezugsrahmen zu rechnen, der sich von unseren allgemeinen wie auch wissenschaftlichen Vorstellungen stark unterscheidet. Was Menschenopfer und Waffenniederlegungen in Mooren oder Kultfeste in heiligen Hainen für die Beteiligten wirklich bedeutet haben mögen, ist aufgrund der augenfälligen Andersartigkeit dieser religiösen Praktiken für uns heutige überaus schwer nachzuvollziehen.

Bei aller notwendigen Betonung dieser Fremdheit und der Distanz, die uns von den Realitäten der germanischen Kultur nachhaltig trennt, darf jedoch – sofern die Beschäftigung mit der germanischen Religion nicht in resignierender Ratlosigkeit enden soll – eines nicht übersehen werden: Phänomene, die unserer Erfahrungswelt eigentlich fremd sind und die den Charakter ihrer Fremdheit nie ganz verlieren, müssen und können in die Sprache unseres Verständnishorizontes »übersetzt« oder in dieser Sprache umschrieben werden. Daran können auch die Appelle derjenigen Gelehrten wenig ändern, die sich dem ethnologischen Vergleich, der durch die Betonung der Fremdheit und Andersartigkeit der beobachteten Phänomene die nötige Distanz zum Gegenstand schaffen kann, verschrieben haben.

Um überhaupt vergleichendes Verstehen innerhalb der Religionsforschung zu ermöglichen, muss eine religionswissenschaftlich fundierte Metasprache als Instrument zur Benennung und Klassifikation religiöser Phänomene zur Anwendung kommen, die sich dort, wo Begrifflichkeiten der neuzeitlichen europäischen Religionskultur, wie etwa »Glauben«, »heilig« etc., verwendet werden müssen, deren Problematik bewusst ist. Betrachtet man nun vor diesem erkenntnistheoretischen Problem antike und vor- und frühgeschichtliche Symbolsysteme, dann existieren trotz aller deutlichen Unterschiede, die unsere Vorstellung von Religion von der Vorstellungswelt der Germanen oder anderer vorchristlicher Völker trennen, und trotz aller Problematik, einen umfassenden und allgemeinen Religionsbegriff mit universaler Geltung zu finden, doch gewisse grundlegende Übereinstimmungen, die den Vergleich verschiedener Religionen ermöglichen. Zum Umgang etwa mit der griechischen Religion (ebenfalls einem polytheistischen Symbolsystem) hat sich der Gräzist Albert Henrichs einmal sehr treffend geäußert und diese Einschätzung gilt gleichermaßen für andere antike Religionen, auch für die Religion der Germanen:

»Nur wenn wir den Bezug auf die Gegenwart gegebenenfalls wagen, setzen wir uns wirklich mit der Antike auseinander, solange wir uns der gänzlichen Andersartigkeit unserer historischen Situation bewusst bleiben«5.

Kult und Religion

Im Folgenden gilt es also, bis zu einem gewissen Grad von unseren Alltagsvorstellungen von Religion zu abstrahieren. Natürlich »glaubten« die Germanen an ihre Götter und an deren Einfluss auf ihr Leben und Handeln, auf Schlachtenglück und auf persönliches Schicksal. Jedoch war – wie bei den meisten uns bekannten antiken polytheistischen Religionen6 – weniger die innere Überzeugung entscheidend, als die sogenannte Kultpraxis, also der nach bestimmten Vorschriften regelgerecht (also rituell) vollzogene Akt der Götterverehrung durch Kulthandlungen. Den Übergang zum Christentum nennen die nordischen Schriften deshalb auch passend »Sittenwechsel« (siðaskipti) und nicht etwa Glaubensänderung o. ä. Diese Kulthandlungen – darauf wird im Laufe der Darstellung noch ausführlicher eingegangen – sind in erster Linie als Opfer anzusprechen, zumindest diejenigen, die wir archäologisch und damit verhältnismäßig leicht erkennen können, während andere Formen der kultischen Verehrung, wie etwa Prozessionen, Tanz, Gesang, Gebet usw., nur in den seltensten Fällen – wenn historische oder literarische Quellen darüber glaubwürdig berichten oder eindeutige und klar zuzuordnende bildliche Darstellungen vorliegen – als solche erkannt werden können. Dass Lieder eine wichtige Rolle bei der Götterverehrung spielten und überdies die einzige Form der Kulturvermittlung der schriftunkundigen, oder mindestens schreibfaulen – die Runenschrift war wohl seit spätestens dem 2. Jahrhundert bekannt – Germanen gewesen sei, bezeugt Tacitus (Germ. 2, 2, zur Runenschrift mehr im Kapitel 7). Über die rituelle Waschung des Kultbildes der germanischen Göttin Nerthus im Rahmen einer Prozession wüssten wir ohne die Angaben des Tacitus ebenfalls schlicht und einfach gar nichts (Germ. 40, 2-4). Aufgrund der sporadischen Überlieferung liegt es auf der Hand, dass wir wichtige Elemente des konkreten Handelns bei der Götterverehrung nie werden entschlüsseln können.

Das wichtigste – und zur allgemeinen christlichen, auf Innerlichkeit bauenden Glaubensvorstellung im Gegensatz stehende – Merkmal solcher antiker Kulthandlungen ist jedoch, dass sie fast immer in der Gemeinschaft begangen wurden, meist im Rahmen von Kultfesten. Die kleineren Rituale konnten im Familienkreis durchgeführt werden, große Kultfeste erforderten die gesamte Gemeinschaft einer Stadt, eines Dorfes, oder gar überregional verbundene Kultverbände, wie bei den Griechen aus Delphi oder Olympia bekannt ist, aber auch für die Germanen im Falle des berühmten, überregional bedeutenden Heiligtums der Semnonen gilt (Tac. Germ. 39). Antike Religionen brauchen Gemeinschaft. In diesen Kontext gehört auch die Beobachtung, dass man etwa im Gegensatz zu unseren modernen, in Folge der Aufklärung entwickelten Vorstellungen im Falle vormoderner Gesellschaften den Bereich der Religion von anderen Lebensbereichen nicht wirklich trennen kann. So durchziehen Kulthandlungen in antiken Religionen generell und auch bei den Germanen die Sphäre des politischen Handelns, der kriegerischen Auseinandersetzungen, die durch vorbereitende Opfer und Weihungen von Beutegut gekennzeichnet waren, wie auch den Bereich des Rechts.

2

Wer waren die Germanen?

 

 

Die Germanen seien »unsere barbarischen Vorfahren«1, sie seien »die ersten Deutschen«2 gewesen, welche die deutschen Lande vor der Eroberung durch die Römer bewahrt hatten, frei nach Heinrich Heine: »Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann/ Mit seinen blonden Horden/ So gäb’ es die deutsche Freiheit nicht mehr/ Wir wären römisch geworden!«3.

Diese Klischees sind altbekannt, werden bis in die Gegenwart bedient und sind allesamt falsch. Als Vorfahren könnten auch die Spanier (Westgotenreich von Toledo), oder gar die Tunesier (Vandalenreich), besonders aber die Engländer (Angeln und Sachsen) die Germanen reklamieren. Das tun bis heute jedoch nur die Deutschen, die mindestens genauso gut die Kelten als Stammväter hätten wählen können. Deutsche waren die Germanen sicher nicht.

Germanenbegriff

Der Begriff, der eng mit der Ausbildung des Nationalbewusstseins im 18. und 19. Jahrhundert verbunden ist, taucht erstmals im Mittelalter auf. Es ist darüber hinaus auch höchst unwahrscheinlich, dass die in Mitteleuropa siedelnden Stämme sich selbst überhaupt als einer durch Verwandtschaft verbundenen Gemeinschaft zusammengehörig und derartig eng verbunden als »Germanen« begriffen haben. Sie betrachteten sich eher als Franken, Alamannen oder Goten, wenn nicht gar als Römer, sofern sie zu denjenigen germanischen Stämmen gehörten, die auf dem Gebiet des römischen Imperiums siedelten, oder zu solchen, deren Mitglieder oft jahrzehntelang in römischen Diensten standen und sich assimiliert hatten. Mit den Römern verstanden sich »die Germanen« in der Kaiserzeit im Allgemeinen recht gut. Handel und Austausch dominierte die beiderseitigen Kontakte, wenngleich die spektakulären Auseinandersetzungen, v. a. in der Spätantike beim »Kampf um Rom«, das Bild einseitig dominieren4.

Forschungsgeschichte

Die scheinbar so simple Frage, wer denn nun die Germanen gewesen seien, entpuppt sich also bei genauerer Betrachtung als gar nicht so einfach zu beantworten5. Das 19. Jahrhundert und der deutsche Nationalismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit seiner in der Nazizeit geradezu pervertierten Germanenideologie hatten recht klare Antworten parat. Die rassistisch konnotierten Auffassungen über die den anderen Völkern überlegenen Germanen führten zu auch von gestandenen Wissenschaftlern mitgetragenen Verzerrungen, welche die Germanenforschung fast für ein halbes Jahrhundert komplett diskreditierten. Die Erforschung der vorchristlichen, heidnischen Religion der »Germanen« war immer Gegenstand wissenschaftlicher und vor allem ideologischer Kontroversen. Bereits im 19. Jahrhundert nationalistisch befrachtet und durch seinerzeit einflussreiche Forscher wie Gustaf Kossinna im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zur »hervorragenden nationalen Wissenschaft« erhoben, wurde die Germanenforschung in der Nazizeit gänzlich desavouiert. Das politisch und ideologisch motivierte Interesse der nationalsozialistischen Politiker und Kulturfunktionäre an dem Thema wurde leider auch von vielen Wissenschaftlern geteilt, welche die Konjunktur für ihre »Wissenschaft« als Gelegenheit sahen, ihre Forschungsinteressen aber auch ihre privaten Interessen in den Mittelpunkt zu rücken und persönliche Erfolge zu erzielen, also »Karriere zu machen«. Das führte dazu, dass nach dem Krieg das Interesse an der Thematik völlig erlosch und das »kontaminierte« Forschungsfeld lange unbeachtet blieb. Handbücher und Standardwerke wurden lange – nur um die unerträglichen Vorwörter und die schlimmsten Formulierungen gekürzt – wieder in Neudrucken in Umlauf gebracht. Eine Auseinandersetzung mit der problematischen Vergangenheit des Fachs »Vor- und Frühgeschichte« und der Schriften zur germanischen Religion setzte erst in den späten 1960er und in den 1970er Jahren ein6. Somit schleppt die Germanenforschung und besonders der Bereich der germanischen Religion eine Hypothek mit sich herum, die sich bei jeder Beschäftigung mit dem Thema auch heute noch bemerkbar macht, und auch diese kurze Vorbemerkungen nötig gemacht hat.

In Laufe dieses langwierigen Prozesses der Neuorientierung, befördert auch durch die kritische Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte der Disziplin, ist die deutsche Germanenforschung wieder zu Ehren gelangt. Dabei spielte die neuere archäologische Forschung in diesem früher recht exklusiv von der Philologie beherrschten Feld eine herausragende Rolle7.

Kernfragen der Germanenforschung bilden bis heute die Probleme der Herkunft der Germanen und ihrer Ethnizität. Heute werden diese Fragen freilich ganz anders und viel überzeugender beantwortet als zu Hochzeiten der Germanenideologie. In Kurzform lassen sich die neusten, v. a. von der Archäologie gewonnenen und durch neue Theoriebildung untermauerten Erkenntnisse folgendermaßen zusammenfassen8.

Ethnogenese der Germanen

Die Germanen stammen ursprünglich aus Skandinavien, zumindest behaupteten sie das von sich selbst. Die meisten Herkunftssagen der historisch besser fassbaren germanischen Stämme der Völkerwanderungszeit verweisen auf den Norden. Sprachwissenschaftliche Forschungen (Onomastik, besonders Hydronomie) legen jedoch nahe, dass dieser skandinavische Ursprung eher spätere Einbildung war, denn nach dem sprachwissenschaftlichen Befund entstand das Urgermanische im heutigen Niedersachsen (westlich der Elbe, nördlich der Mittelgebirge) und hat möglicherweise zunächst in den Norden ausgestrahlt9. Vom »Norden« aus jedenfalls (in römisch-mediterranen Vorstellungen ein sehr vager Begriff) hat sich die germanische Kultur bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. immer weiter nach Süden ausgebreitet und mit dem Zug der Kimbern und Teutonen, welche die Römer in helle Aufregung versetzten, erstmals den Raum der Geschichte betreten, weil nun antike Autoren von ihnen berichteten (auch wenn diese beiden Stämme zur Zeit ihres Auftauchens noch nicht mit dem Germanennamen bezeichnet wurden)10.

Während man sich früher die Ausbreitung einer als germanisch anzusprechenden Sachkultur (typische Keramik und vor allem als Fibeln bekannte verschließbare Gewandspangen, unseren Sicherheitsnadeln vergleichbar, nur wesentlich kunstvoller, die man typologisch und chronologisch sehr gut einordnen kann) im Sinne großer Wanderbewegungen von ganzen Völkern vorgestellt hat und – wie die Germanen selbst – eine skandinavische Auswanderung angenommen hat, begreift die neuere Forschung diese Verbreitung der germanischen Kultur über weite Teile des heutigen Deutschland und Polens (und später bis ans Schwarze Meer) mehr als die Ausbreitung attraktiver Traditionen aus Skandinavien. Vereinfacht gesagt: die Ausbreitung von Ideen und Moden. Wenn die Archäologie bei der Bestimmung von zusammengehörigen oder verwandten Kulturkreisen anhand von Trachtelementen, Waffen und Formen von Keramik einigermaßen belastbare Ergebnisse liefern kann, ist die Bestimmung der als Tradition aus Skandinavien importierten Ideen, Herkunftssagen und Mythologemen aufgrund der Quellenlage wesentlich schwieriger. Dennoch lassen sich einige Grundzüge identifizieren.

So ist es schlechterdings kaum vorstellbar, dass das ohnehin nie bevölkerungsreiche Skandinavien (das große und reiche Land Schweden hat heute weniger als 10 Millionen Einwohner) große Völkerschaften nach Mitteleuropa ausgeschickt haben könnte. Man muss eher von sogenannten Traditionskernen ausgehen, kleineren Gruppen, deren Prestige und deren kulturelles »Gepäck« bei den einheimischen Bevölkerungen des südlicheren Teils des europäischen Kontinents großen Anklang fanden. Diese als ehrwürdig erachteten Traditionen blieben in der Folge nicht auf eine ethnische Gruppe oder eine bestimmte Region beschränkt, sondern konnte auf andere Gruppen und Gebiete übergehen, etwa durch Heirat oder durch »Ansippung« verbreitet werden. Ansippung meint die kreative Anknüpfung von Einzelpersonen (etwa Königen) an eine berühmte Genealogie, meist an einen Gott oder Helden als Urvater, bzw. von ganzen Gruppen, Stämmen oder gar Völkern an eine genealogische Tradition11. Sicher verbreiteten sich diese alten Traditionen auch durch Wanderungen, die aber vor der Völkerwanderungszeit begrenzt blieben und auch wohl eher kleine Gruppen betrafen.

So schließt Herwig Wolfram bündig:

»Skandinavien exportierte daher keine Massen von Heeren und Völkern, sondern vielmehr hervorgehobene sakrale Traditionen, die weite Strecken überwinden konnten, entweder mit kleinen Traditionskernen, […] oder noch häufiger ohne direkte Vermittlung«12.

Diese Traditionskerne spielten nach Auffassung der jüngeren Forschung auch die entscheidende Rolle bei der Ethnogenese (Volkswerdung) der germanischen Völker, die nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches überall in Europa kleinere Herrschaften oder gar germanische Reiche bildeten, etwa Vandalen, Goten oder Franken. Entscheidend war dabei die Bildung von Gefolgschaften, also Heeresverbänden unterschiedlicher ethnischer Zusammensetzung, die sich einer Kriegergruppe, die über einen solchen prestigeträchtigen Traditionskern verfügte, anschlossen und sich deren kulturellen »Überbau« aneigneten13. Auf diese Weise entstanden etwa die Franken oder Alamannen, deren Namen bereits auf ihre Volkswerdung verweist: Es handelt sich um einen Zusammenschluss »aller Männer/Menschen« im Falle der Alamannen, unabhängig davon, woher einzelne Teile dieser sich um einen Traditionskern scharenden Gruppe stammte. Während die Franken sich – wie die Bedeutung des Namens nahelegt (noch erhalten in der Wendung »frank und frei« oder im Verb »frankieren«) wohl aus den freien, also nicht von den Römern beherrschten Gruppen jenseits des germanischen Limes zusammensetzten. So sind in den wohl zunächst suebisch dominierten Alamannen, die erst im 3. Jahrhundert am Oberrhein auftauchen, wohl die vorher dort siedelnden Hermunduren aufgegangen, die Franken dürften Stämme wie die Chamaven, Brukterer oder Chatten vereint haben14. Ethnische Zuordnungen, also reale Abstammungszugehörigkeit, spielte für das 19. Jahrhundert der Nationen eine größere Rolle, als für die als Germanen zusammengefassten Bevölkerungsgruppen der Völkerwanderungszeit, die sich unter verschiedenen Traditionsbannern zusammenfanden. Erst die klassische Germanenforschung der letzen beiden Jahrhunderte hat die ethnische Frage mit Bedeutung aufgeladen und zu einem historischen Politikum gemacht15.

Ob man allgemein bei den Germanen und nicht nur bei einzelnen Stämmen überhaupt von einer zusammenhängenden Ethnogenese sprechen kann, ist fraglich. Überspitzt formuliert könnte man nämlich sagen, dass »die Germanen« eine Schöpfung von Caesar sind16. Während der Eroberung Galliens stieß der Feldherr nämlich auf bestimmte Stämme, unter anderem auf die Sueben unter dem Heerkönig Ariovist, die er als Germanen bezeichnete. Dabei stellte er zwei angebliche Sachverhalte fest, welche die spätere Wahrnehmung dieser als Germanen bezeichneten Völker bis in die moderne Forschung hinein prägten. Erstens fasste er – und nach ihm viele andere – bestimmte Völker, die sich möglicherweise seinerzeit keineswegs als irgendwie zusammengehörig empfunden hatten, unter dem Namen »Germanen« zusammen, ein Begriff, der ursprünglich Name eines bestimmten Stammes gewesen sei (so Tac. Germ. 2, 2-3) und zunächst an kleinen ethnischen Einheiten als Selbstbezeichnung haftete17. Zweitens verortete er diese Germanen exklusiv rechts des Rheins. Beide Festsetzungen Caesars waren bestenfalls fahrlässig, sicher aber von großer historischer Wirkung.

Caesar und die Germanen

So hat Caesar, obwohl nachweislich und ihm bekannt auch Germanen auf der linken Rheinseite siedelten und oftmals die kulturellen Unterschiede zu den benachbarten Galliern sehr gering waren, sowohl die keltischen Gallier streng von den Germanen getrennt als auch diese für alle Zeiten auf die rechte Seite des Rheins verbannt (wo andererseits auch Kelten archäologisch nachgewiesen sind). Dass die Realitäten in der linksrheinischen Kontaktzone ganz andere waren, zeigt u. a. der archäologische Befund. Aber auch vom Rhein entferntere frühgermanische Fundkomplexe (etwa die Przeworsk-Kultur im heutigen Polen) zeigen starke Einflüsse durch die keltische Kultur (die nach dem namensgebenden Fundort sogenannte LaTène-Kultur), die damalige »Leitkultur« Europas, deren Keramikformen und -verzierungen ebenso wie Schmuckgestaltung (Fibeln, die auch im germanischen Bereich die Gewandnadeln zunehmend ablösen) beginnend etwa seit der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. europaweit stilbildend waren.

Erst nach der Eingliederung der keltischen Kultur ins Imperium der Römer konnte es auch zu einer kulturellen Angleichung der östlich und nördlich des Limes siedelnden Bevölkerungsgruppen kommen, die erst dann auch archäologisch-kulturell als eine germanische Einheit erfasst werden können, während vorher bis nach Jütland hinein v. a. keltische Einflüsse erkennbar sind und Teile der heute als typisch germanisch geltenden Regionen »im Begriff gewesen« sind, »in die keltische Koine einbezogen zu werden«18. Auch in diesem Sinne haben also erst die Römer die Germanen erschaffen.

Dass eine Vielzahl von Stämmen in der Folge vom mächtigen Rom als zusammengehörig betrachtet wurde und einen gemeinsamen Namen erhielt, musste Auswirkungen auf die Binnenstruktur dieser Völker gehabt haben, und wenn auch die Selbstbezeichnung »Germanen« sich immer weiter verbreite, so lag das sicher zu einem großen Teil an der von Caesar begründeten Kategorisierung durch die Römer.

Sprache

Eine nachweisliche Zusammengehörigkeit dieser als Germanen bezeichneten Stämme gab es jedoch auf einem anderen Feld, als dem der ethnischen Zugehörigkeit: Die gemeinsame Sprache. Die vergleichende Sprachwissenschaft hat belegen können, dass innerhalb der indogermanischen Sprachfamilien19 das Germanische eine besondere Entwicklung durchgemacht hat, die mit den Gesetzen der ersten Lautverschiebung verbunden ist (Grimm’sches Gesetz). Dabei ist allgemein vom »Germanischen« oder von »Ur-Germanisch« die Rede, obwohl dies nur ein wissenschaftlicher Hilfsbegriff ist, denn dieses Urgermanisch wurde nie dokumentiert, es handelt sich lediglich um eine plausible Rekonstruktion der Sprachwissenschaft. Ohne zu sehr in germanistische Details abzuschweifen und zu viel »Fachchinesich« zu verbreiten, etwa dass stimmlose Verschlusslaute sich zu stimmlosen Reibelauten (Frikativen) wandeln (für Interessierte gibt es einschlägige Literatur)20, bringe ich an dieser Stelle nur ein paar wenige, hoffentlich anschauliche Beispiele:

Während andere indogermanische Sprachen den Verschlusslaut p behalten, wird dieser im Germanischen zu f; Beispiel gri. pús, πούς, lat. pes, wird in germanischen Sprachen zu dt. Fuß, got. fotus, engl. foot, dän. fod. Ähnlich ändert sich k zu h: Lat. centum (c wird wie k gesprochen) wird zu dt. hundert, engl. hundred; lat. canis, gri. kíon, κύων, wird zu dt. Hund, engl. hound. D verhärtet zu t: lat. decem, gri. déka, δέκα wird zu nl. tien, engl. ten, got. taíhun, isländ. tíu.

Entscheidend ist in diesem Zusammenhang aber auch, dass die Sprachwissenschaftler diesen Lautwandel ungefähr datieren können. Das geschieht anhand von Lehnwörtern, also Wörtern, die aus fremden Sprachen ins Germanische übernommen wurden. Je nachdem, ob ein Wort nun die Lautverschiebung beim Eintritt ins Germanische mitgemacht hat oder nicht, kann man feststellen, ob es vor dem Lautwandel oder danach Eingang ins Germanische gefunden hat.

Da kein lateinisches Lehnwort die Lautverschiebung mitgemacht hat, dürfte diese im 2., spätestens im 1. Jahrhundert v. Chr., als Römer und Germanen in direkten Kontakt traten, weitgehend abgeschlossen gewesen sein, wobei es sich bei dem Lautwandel um einen längeren Prozess gehandelt haben dürfte. Begonnen hat dieser Prozess nach herrschender Meinung wohl im 5. Jahrhundert v. Chr., da Lehnworte, die nach 500 v. Chr. aus dem Südosten eingeführt wurden (etwa über das Griechische aus dem Skythischen) den Lautwandel bereits mitvollzogen haben. Den ersten schriftlichen Beleg des Germanischen haben wir erst aus dem letzten Drittel des 3. Jahrhunderts v. Chr. In Olbia am Schwarzen Meer wird in einer Inschrift der Stamm der Skiren erwähnt. Diese Selbstbezeichnung ist nun eindeutig germanisch – sie bedeutet »die Reinen« – und zeugt davon, dass das Germanische bereits mit seinen frühen Trägern, die kaum gewusst haben dürften, dass sie Germanen waren, einen weiten Weg gereist war21. Noch heute haben wir die Bedeutung dieses Wortes im selten verwendeten »schier« erhalten (etwa in der Redewendung »schier gar nichts«).

Germanische Kulturen

Etwa um diese Zeit weisen auch die Archäologen die ersten Funde aus, die sie als germanisch ansprechen. Sie stammen von der sogenannten Jastorf-Kultur, benannt nach dem gleichnamigen Fundort in Niedersachsen (Landkreis Uelzen), wo bereits Ende des 19. Jahrhundert ein Urnengräberfeld entdeckt wurde. Siedlungsform, Trachtelemente und Keramikproduktion dieser sich von Schleswig-Holstein, Mecklenburg und Niedersachsen bis nach Thüringen und Hessen im Süden und bis nach Jütland im Norden verbreitenden Kultur zeigen Ähnlichkeiten im Sinne von Vorläuferschaft mit den später eindeutig germanischen Fundkomplexen der Przeworsk- oder Wielbark-Kultur auf, auch ist sie von Elementen der skandinavischen Bronzezeit geprägt22. Als solche erscheint diese Jastorf-Kultur hinsichtlich des Fundguts als fremdartig, nicht bodenständig, vergleicht man sie mit der vorangehenden Lausitzer- (im Osten) und Urnenfelderkultur (im Süden)23. Aber auch die Gewässernamen der Region (Hydronomie) zeigen den Sprachwissenschaftlern den wahrscheinlich germanischen Charakter dieser eisenzeitlichen Kultur auf, was darauf schließen lässt, dass die Lautverschiebung in dieser Region ihren Ursprung hatte24. Die Jastorf-Kultur gilt damit bis auf weiteres in Übereinstimmung mit dem linguistischen Befund für die Gegend als die Keimzelle des Germanischen, das sich dann auf nördliche und östliche Nachbarn ausbreitete. Diese plausible und derzeitig allgemein anerkannte These von der Entstehung der germanischen Sprache in Nord- bzw. Mitteldeutschland, bringt das Problem mit sich, im Umkehrschluss nun eine – zumindest sprachliche – »Germanisierung« des Nordens anzunehmen. Wie diese sprachliche oder kulturelle Germanisierung des Nordens vor sich ging, muss offen bleiben, ebenso »wie die Ausbreitung und Aufgliederung der germanischen Sprache[n] erfolgt ist«25.

Es war auch die Sprachwissenschaft, welche die Vielzahl der später aus den Quellen bekannten germanischen Stämme aufgrund linguistischer Merkmale in Untergruppen unterteilte. So sprach man früher aufgrund (manchmal vermeintlicher) linguistischer Gemeinsamkeiten von West-, Ost- und Nordgermanen als Sprachgruppen, während die heutige historische Forschung rein geographisch definiert und die Begriffe Skandinavier, Elb-, Rhein- und Donaugermanen bevorzugt26.

Was wir wissen

Halten wir zu den Germanen also folgendes fest: Zu bestimmen, wer sie waren und woher sie kamen, ist ein unsicheres Geschäft. Sie unterschieden sich kulturell nicht ganz so sehr von ihren keltischen Nachbarn, wie Caesar uns glauben machen möchte (erst nach dem Verschwinden der keltischen Selbstständigkeit war ihre endgültige und eigenständige kulturhistorische Entwicklung wirklich möglich), allerdings war ihnen städtisches Leben und ausgebildete Arbeitsteilung, wie schon aus vorrömischer Zeit für die keltischen Siedlungen belegt ist, eher fremd. Sie lebten – wie alle Bewohner Mitteleuropas seit der Jungsteinzeit – im Wesentlichen von der Landwirtschaft. Archäologisch und sprachwissenschaftlich finden sich erste Spuren, die man mit aller Vorsicht Germanen zuordnen kann, frühestens im 5. Jahrhundert v. Chr., wobei die Ausbreitung der archäologischen und sprachlichen Merkmale (materielle Kultur und Lautverschiebung) über weitere Teile Mittel- und Südosteuropas in einem längeren Prozess erfolgte. Ihre Ursprünge bleiben im Ungewissen, sie selbst beriefen sich auf Skandinavien, zumindest Namen und Traditionen stammen von dort.

Diese germanischen Stämme, die in der Römerzeit auch mit einzelnen Namen bekannt werden und zuerst von Außenstehenden, dann wohl auch durch die so bezeichneten selbst, als Germanen benannt wurden, können kaum ein »Volksbewusstsein« ausgebildet haben, wenngleich sie eng verwandte germanische Dialekte sprachen, die eine Verständigung möglich machten.

Als die Römer im Kontext ihrer Expansion nach Norden und Osten in engeren Kontakt mit diesen Bevölkerungsgruppen traten, fanden sich Germanenstämme rechts und links des Rheins, an der Ostsee, der Elbe und bis ins heutige Rumänien (die bereits um 200 v. Chr. dort ansässigen Skiren und Bastarnen, die jedoch nicht gewusst haben dürften, dass sie Germanen waren, später kamen auch die Goten ans Schwarze Meer). In der Folge hatten sie immer wieder mit ihnen zu tun. Besonders unangenehm war für das Römerreich die Auseinandersetzung mit den im böhmischen Raum siedelnden Markomannen und Quaden, die im 2. Jahrhundert das Reich in eine Zeit der Instabililität stürzten.

In der Völkerwanderungszeit, als die Germanenstämme, von den Hunnen im Osten bedrängt und aus früheren Siedlungsgebieten verdrängt, teils gegen die Römer kämpften, teils Bündnisse mit diesen eingingen oder in ihren Diensten standen, sogar in hohe militärische Funktionen der römischen Armee vordrangen, waren die germanischen Stämme der Alamannen, der Goten, der Franken oder der Vandalen ein wichtiger Faktor römischer Bündnis- und Militärpolitik geworden und weithin bekannt, wobei ihre Siedlungsgebiete sich mittlerweile bis zum Schwarzen Meer erstreckten (Goten). Welchen religiösen Vorstellungen diese weit über den Kontinent verstreuten Völker anhingen und wie sich diese über die Zeit wandelten, wird in den folgenden Kapiteln näher ausgeführt.

Dabei muss vorausgeschickt werden, dass man entgegen früherer Einschätzungen eigentlich eher von »germanischen Religionen« als von der germanischen Religion sprechen sollte, denn anhand der im folgenden Kapitel zu besprechenden, disparaten Quellen erscheinen die Unterschiede oftmals größer zu sein als die Gemeinsamkeiten27. Eine Religion der Germanen als einheitliche Größe hat es nie gegeben. Ein Sachverhalt, der angesichts der weitgehend mündlichen Tradierung, der regionalen Unterschiede und der lokalen Sonderentwicklungen bei geographisch weit verstreuten Stämmen kaum verwundern kann.

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Die Quellen

 

 

Wie bereits in den beiden vorigen Abschnitten angemerkt wurde, stehen uns bei der Rekonstruktion der germanischen Religionsgeschichte drei Kategorien von Quellen zur Verfügung. Die nach wie vor wichtigsten Informationen bieten uns die literarischen Quellen; sie allein stellen Zusammenhänge her, die selbst mittels der wertvollsten archäologischen Befunde oder bildlichen Darstellungen nicht rekonstruierbar wären. Sie stammen von antiken Autoren, die auf Lateinisch oder Griechisch über die Germanen und – meistens beiläufig – ihre Religion geschrieben haben, von christlichen Autoren des frühen Mittelalters, die das Heidentum bekämpften und deshalb bisweilen (wenn auch tendenziös) über die Abgöttereien der Germanen berichten, von Reisenden, die den Norden besuchten und noch heidnische Traditionen beschrieben und letztlich von den Verfassern und Sammlern der nordischen Mythologie, wie etwa Snorri Sturluson. Allen diesen Schriftquellen, seinen sie nun von ausgewiesenen Geschichtsschreibern wie Tacitus oder von wackeren Kirchenmännern wie Adam von Bremen verfasst, ist gemeinsam, dass sie mit klaren politischen oder literarischen Zielvorgaben geschrieben wurden und im Gegensatz zu modernen Auffassungen von Geschichtsschreibung nur bedingt redlich wiedergeben wollten, »wie es gewesen« (Ranke). Deshalb müssen diese Quellen einer strengen Quellenkritik unterworfen werden. Durch diese seit dem 19. Jahrhundert vermehrt geübte Quellenkritik haben sich einige neue Einsichten ergeben, wobei viele Angaben dieser Quellen, die früher eins zu eins in die Geschichtsbücher übernommen wurden, heute als übertrieben oder unglaubwürdig gelten.

Inschriften

Weniger problematisch ist in dieser Hinsicht die zweite Kategorie von Quellen: Die Inschriften. Sie wurden als Originalzeugnisse verfasst und in Stein von denjenigen gesetzt, die eine bestimmte Mitteilung für lange Zeit sichtbar öffentlich dokumentieren wollten. Zwar sind auch die Inschriften von den Intentionen ihrer Verfasser bestimmt und wollen der Mit- und Nachwelt eine bestimmte Auffassung aufnötigen, aber gerade im Bereich der religiösen Weihungen, reflektieren sie auch unmittelbare religiöse Praxis. In der Antike haben die Griechen und Römer, in deren Gefolge auch zunehmend die Reichsbewohner, die römische Gepflogenheiten bereitwillig annahmen, die Sitte ausgebildet, aus allen möglichen Anlässen Inschriften zu setzen. Diese auffällige und im ganzen Römerreich um sich greifende Sitte wurde vom amerikanischen Gelehrten Ramsay MacMullen treffend als epigraphic habit bezeichnet.

Eine Vielzahl dieser über das ganze römische Imperium verstreuten Inschriften ist nun eindeutig religiösen Inhalts. Es handelt sich meist um Weihinschriften, also Dankesbezeugungen an eine Gottheit. Leider haben diese Sitte nur diejenigen Germanen ausgebildet, die ins Römerreich integriert wurden, das Lateinische erlernt und ihre germanischen religiösen Vorstellungen an die römischen Gepflogenheiten angepasst hatten. Aber gerade durch diese Inschriften, auch solche von germanischstämmigen Soldaten im römischen Heer, erfahren wir viele Details und erahnen die Vielfalt der göttlichen Wesen, die teilweise nur regional verehrt wurden und uns aus keiner anderen Quelle bekannt sind. Das einschlägigste Beispiel hierfür dürften die sogenannte Matronen sein, mütterliche Fruchtbarkeitsgöttinnen, denen besonders im Rheinland eine besondere Rolle zukam und denen auch bedeutende Heiligtümer gewidmet waren (siehe unten Kap. 10).

Leider haben die Germanen, die außerhalb der Grenzen des Imperiums nur geringfügig von Rom beeinflusst ihre religiösen Traditionen pflegten, keine derartige Leidenschaft für das Inschriftensetzen entwickelt. Zwar erscheinen nach 200 zunächst vereinzelt germanische Inschriften in der vom lateinischen oder etruskischen Alphabet beeinflussten Runenschrift, durchaus auch religiösen Inhalts. Mit dieser eigens erfundenen Schrift hat es allerdings eine besondere Bewandtnis – viel einfacher hätten die Germanen ja zu dieser späten Zeit das lateinische Alphabet übernehmen können – und niemals bildeten die Germanen eine runische Schriftkultur oder gar einen epigraphic habit aus (zu den Runen ausführlicher in Kap. 7). Die unter den rund 6500 bekannten Runendenkmälern wirklich für die Religionsgeschichte relevanten sind außerdem gering an der Zahl, die meisten stammen darüber hinaus aus Skandinavien und datieren in die Wikingerzeit oder später. Darüber hinaus sind sie auch von ausgewiesenen Experten nur schwer zu entziffern, unterschiedlichste, manchmal gegensätzliche Lesarten halten die Runologen und Altnordisten bei Laune1.

Dennoch sind Inschriften – lateinische wie Runeninschriften – ganz wichtige Originalzeugnisse, die bedeutende Informationen liefern und die Schriftquellen oftmals um erstaunliche Sachverhalte ergänzen und (etwa durch Eigennamen) wichtige sprachwissenschaftliche Erkenntnisse für die Rekonstruktion des »Germanischen« ermöglichen.

Brakteaten