Polen - Brigitte Jäger-Dabek - ebook

Polen ebook

Brigitte Jäger-Dabek

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Opis

Das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen müsste eigentlich eng und herzlich sein - aus Berlin kommend überquert der Besucher nach nur einer Autostunde die Oder. Doch beiderseits der ehemaligen "Friedensgrenze" halten sich hartnäckig Klischees über die Nachbarn, an denen auch der EU-Beitritt Polens im Jahr 2004 kaum etwas geändert hat. Brigitte Jäger-Dabek führt in die bewegte Geschichte und reichhaltige Kultur Polens ein, räumt mit Vorurteilen auf und ebnet dem Leser so einen Weg zum Verständnis des unbekannten Nachbarn. Sie gibt praktische Tipps für den täglichen Umgang miteinander und weckt die Neugier auf eigene Entdeckungen in einem Land voller Naturschönheiten und freundlicher Einwohner.

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Brigitte Jäger-Dabek

Brigitte Jäger-Dabek

Polen

Ein Länderporträt

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

1. Auflage, September 2013 (entspricht der 3. Druck-Auflage von Dezember 2012) ©Christoph Links Verlag GmbH, 2003 Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 440232-0www.christoph-links-verlag.de; [email protected] Satz: Agentur Siegemund, Berlin / Ch. Links Verlag

Inhalt

Unbekannter Nachbar Polen

Einleitung

Die Lage in Mitteleuropa

Land der Gegensätze

Vielfalt und Reichtum

Armenhaus Nordosten

Warschau, die Boomtown

Das Hochgebirge

Polens Geschichte

Die Piastendynastie (960–1370)

Die Jagiellonen (1370–1572)

Die Adelsrepublik (1572–1795)

Volk ohne Staat (1795–1918)

Die Zwischenkriegsrepublik (1918–1939)

Der Zweite Weltkrieg (1939–1945)

Die Volksrepublik (1945–1980)

Solidarność und das Ende der sozialistischen Ära (1980–1989)

Die Nachwendezeit: Von der Solidarność zur Post-Solidarność

Kulturvolk Polen

Die Kultur des Messianismus

Literatur: Asche oder Diamant?

Malerei und patriotische Mission

Musik: mehr als nur Chopin

Film: Wajda und anderes

Polen und Deutsche in ihrer gemeinsamen Geschichte

Mythen, Nationalismen und Kalter Krieg

Die schwierige Freundschaft mit der DDR

Die neue Normalität nach der Wende

Helmuty: Das Deutschlandbild der Polen

Autodiebe und polnische Wirtschaft: Das Polenbild der Deutschen

Polen in der EU

Wechselbilder: Polen und die EU

Polnische Wirtschaft

Bauern und Landwirtschaft

Deutsche Ängste: Kommt die Migrantenwelle?

Polnische Ängste: der Ausverkauf des Bodens

Brüche und Umbrüche

Gesellschaft im Wandel – Polen A und B

Der schwierige Start: überflüssige Jugend?

Die Rolle der Kirche

Jedwabne und das neue polnische Selbstbild

Postkommunisten, Fundamentalisten und Post-solidaristen: Die politische Gegenwart

Phänomen Łapówka – Kriminalität, Schmuggel und Korruption

Alltag in Polen

So lebt Jan Kowalski

Bekanntschaft braucht ein Pole

Als Deutscher in Polen

Anhang

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Kontaktadressen

Basisdaten

Unbekannter Nachbar Polen

Einleitung

»›La Pologne? La Pologne? Schrecklich kalt dort, nicht wahr?‹ fragte sie mich und atmete erleichtert auf. Es gibt jetzt so viele von diesen Ländern, dass es am sichersten ist, über das Klima zu sprechen.

›Oh ja‹, möchte ich entgegnen, ›die Dichter meines Landes schreiben in Handschuhen. Ich behaupte nicht, sie zögen sie niemals aus; wenn der Mondschein wärmt, dann schon. In ihren Strophen, vom lauten Getöse skandiert, denn nur Getöse dringt durch das Heulen der Stürme, besingen sie das einfache Leben der Seehundhirten. Die Klassiker wühlen mit Tintenzapfen in den festgetretenen Dünen. Der Rest, die Dekadenten, beweint das Schicksal der kleinen Sterne aus Schnee. Wer sich ertränken will, muss zum Beil greifen, um eine Wake zu schlagen. So ist das, meine Liebe.‹«1

Ja, so ist das. Und seit den 60er Jahren, als die polnische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska (1923 – 2012) diese Zeilen schrieb, hat sich an der Ahnungslosigkeit der Europäer gegenüber Polen nicht viel verändert.

Mit schöner Regelmäßigkeit ging ein Aufschrei durch meinen Freundes- und Bekanntenkreis, wenn ich auf die Frage, wohin ich im Sommer fahre, »nach Polen« antwortete. Die Heimat meiner Familie hätte ich doch nun gesehen, die 22 Jahre nach Kriegsende eher zufällig wiedergefundenen Verwandten besucht, und das müsse es nun sein.

Als ich einige Zeit später auch noch verkündete, einen Polen heiraten zu wollen, hielten mich alle für ein wenig verrückt. Und man war erstaunt, dass mein Zukünftiger nicht keuleschwingend und in Felle gewandet auftrat und er auch noch abstritt, dass in seiner Heimatstadt Warschau die weißen Bären auf den Straßen herumliefen.

Mit Enthusiasmus hatte ich von Polen erzählt, von der tollen Landschaft geschwärmt und den offenen, überwältigend gastfreundlichen Menschen in ihrer so schwierigen Lebenssituation in den 70er und 80er Jahren. Hören wollte das kaum jemand, alles was östlich der Elbe lag, interessierte meine westdeutschen Altersgenossen nicht. Polen wurde irgendwo kurz vor Sibirien verortet, war aber dennoch nicht weit genug entfernt, um exotische Reize zu verströmen, außerdem galt Polen als rückständig, arm und langweilig, manchen auch als deutschfeindlich.

So gab es, als mein Mann und ich uns Jahre später trennten, immer noch Zeitgenossen, die meinten, unsere Scheidung sei darin begründet, dass Polen und Deutsche eben doch nicht so richtig miteinander könnten.

Im Westen zeigten allenfalls die politisch Interessierten eine gewisse Anteilnahme an den Geschehnissen im August 1980 und der Solidarność-Gründung. Manche erinnerten sich auch meiner Polenkontakte, als die großen Paketaktionen und Hilfssendungen Anfang der 80er Jahre liefen. Spenden beruhigt, man hat ja geholfen, aber sich genauer informieren? Das passierte genauso wenig, wie sich auch Spender für die Sahelzone nicht interessieren, wenn sie für Dürreopfer Geld geben.

Da die Polen bis auf die Kriegsrechtszeit 1981 ins westliche Ausland reisen konnten, hatte ich natürlich regelmäßig Besuch von dort, nicht nur die Schwiegereltern, auch Verwandte und Freunde in meinem Alter kamen. Dadurch erhielten die aus dem Fernsehen bekannten Probleme des Landes plötzlich ein Gesicht. Wie die meisten meiner Landsleute zugeben mussten, ein meist sympathisches Gesicht. Das zumindest bewirkte in meinem Umfeld erste Nachdenklichkeiten, und mancher Bekannte schaute nun hin, wenn im Fernsehen Berichte aus Polen liefen.

Die aus eigener Kraft errungene politische Wende in Polen ging an Deutschland Ost und West relativ unbemerkt vorüber, hier war ein jeder von den Umwälzungen im eigenen Land gefangen. Als die Mauer am 9. November 1989 fiel, war Bundeskanzler Kohl in Warschau zu Besuch, beim damals ersten demokratisch legitimierten Ministerpräsidenten des Ostblocks, dem katholischen Intellektuellen Tadeusz Mazowiecki.

Die Westorientierung in der alten Bundesrepublik färbte auch auf den Ostteil ab; selbst die Verlegung des Machtzentrums vom Rhein im Westen in das östliche Berlin erweiterte die Perspektive kaum. Dass Polen tatsächlich unser Nachbar ist, drang in manche westdeutsche Gegend noch nicht so recht durch, dabei liegt die polnische Grenze keine 100 Kilometer und gerade mal eine Autostunde von Berlin entfernt. Inzwischen gibt es die Europa-Universität »Viadrina« in Frankfurt (Oder), intensiven Jugendaustausch und freundschaftliche Beziehungen auf höchster Ebene. Trotzdem bleibt Polen für die meisten Deutschen der unbekannte Nachbar, bedacht mit Klischees. Während die Franzosen die raffiniertesten Liebhaber sein sollen, die Deutschen die Ordnung in Person sind und die Engländer angeblich vor hintergründigem Humor sprühen, gelten Polen gemeinhin als faul bei der Arbeit und fleißig beim Mitnehmen fremden Eigentums. Erst die Überwindung solcher tief verwurzelter Vorurteile macht ein echtes Kennenlernen möglich.

Zwischen der Ebene offizieller Kontakte, geförderter Begegnungen, institutionalisierter Treffen und dem Alltag im Verhältnis beider Völker zueinander besteht immer noch eine große Diskrepanz. Um sie zu überwinden, genügt es aber nicht, jede normale Handlung zwischen Deutschen und Polen als Versöhnungstat zu bezeichnen, die dann auch noch meist von deutscher Seite ausgeht. »Versöhnungskitsch« nannte der deutsche Journalist und langjährige Polenkorrespondent Klaus Bachmann dieses verkrampfte Streben nach Normalität. Er gab zu bedenken, was der damalige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1992 bei seinem Besuch in Warschau gesagt hatte: »Versöhnen können sich nur Polen mit Deutschen, nicht umgekehrt. Das wäre ja sonst so, als fordere der Täter das Opfer zur Versöhnung auf.«2

So bleibt das deutsch-polnische Verhältnis eine Herausforderung, solange wir nicht gelernt haben, ganz selbstverständlich im Alltag miteinander umzugehen, solange die Grenze an der Oder nicht genauso wenig trennend ist wie die am Rhein.

Wie viele von uns kennen einen Franzosen oder Schweizer, einen Belgier, Holländer oder Schweden. Aber wer kennt schon einen Polen?

Es wird Zeit für eine kleine Brücke über die Oder, die ich mit diesem Buch bauen möchte. Kommen Sie einfach mit, schauen Sie mal herein bei unserem unbekannten Nachbarn und lernen Sie Polen ein bisschen besser kennen und verstehen.

Die Lage in Mitteleuropa

Vom polnischen Publizisten Adam Krzemiński stammt der Ausspruch: »Polen will zurück nach Europa.«3 Sie werden fragen: wieso zurück? Polen liegt doch in Europa, oder nicht? Womit wir bei einem nicht ganz unkomplizierten Fragengeflecht wären.

Was ist eigentlich Europa? Einfach nur ein geographischer Raum? Und wenn ja, wie weit reicht er? Ist dieses Europa ein Kontinent mit überwiegend natürlichen Grenzen, der sich im Osten irgendwo in den Weiten Sibiriens verliert? Ist Europa ein Kulturraum? Oder doch vielmehr, wie Philosophen behaupten, eine Idee?

Drei Viertel aller Deutschen meinen, die Grenze europäischer Kultur verliefe am Ural. Diese Grundthese des deutschen Bildungsbürgertums, die beinhaltet, dass Europa nicht nur ein geographischer, sondern gleichzeitig ein Kulturraum ist, kommt bei unseren Landsleuten auch heute noch wie aus der Pistole geschossen. Fragt man weiter, werden alle bestätigen, dass Polen zu diesem Europa gehört.

Die Frage, warum Polen zurück nach Europa will, findet auf diesem Weg also keine Antwort.

Endgültig schwierig wird es bei der Einteilung in Ost-, West- oder Mitteleuropa. Die Deutschen sehen sich klar als Land der Mitte, mehr als drei Viertel aller Deutschen betrachten sich als Mitteleuropäer. Auf die Frage, wer denn zu Mitteleuropa gehöre, was Mitteleuropa ausmache und von den anderen Teilen des Kontinents unterscheide, folgt allerdings schnell das große Schweigen.

Einigen wird man sich lediglich darauf, dass auch Mitteleuropa nicht nur ein geographischer, sondern ein Kulturraum ist, ohne allerdings Näheres bestimmen zu können.

Eine heute noch verbreitete Definition stammt aus dem Jahr 1915 und ist von Friedrich Naumann in seinem Buch »Mitteleuropa« dargestellt worden. Demnach umfasst Mitteleuropa den Raum des Deutschen Reiches und der österreichisch-ungarischen Monarchie. In der Weiterführung sind auch die Nachfolgestaaten der beiden nach dem Ersten Weltkrieg aufgelösten Monarchien mitteleuropäische Länder, also selbstverständlich auch Polen.

Das Problem dieser Definition ist aber, dass der gemeinsame, reiche Kulturraum, aus dem sowohl das heutige Deutschland als auch das heutige Polen hervorgingen, nicht mehr existiert. Nach dem Osteuropahistoriker Karl Schlögel4 ging dieses Mitteleuropa mit dem Holocaust an den hier ansässigen Juden unter, in dem verschiedene Kulturen sowohl in der Diaspora als auch in Mischzonen gelebt hatten, mit einerseits dem Deutschtum und andererseits dem Judentum als integrativen Kräften und Deutsch als Lingua franca.

Nach 1945 spaltete der Kalte Krieg Europa in Ost und West, die Teilung grub sich fest in die Köpfe ein und wirkt bis heute nach. Für uns in der Bundesrepublik Geborene begann Osteuropa an der Oder, und spätestens dort endete die bekannte Welt. Tatsächlich aber waren Oder und Neiße nie die Grenze zu Osteuropa, weder kulturell noch sprachlich oder historisch.

Die Oder-Neiße-Grenze war bis zur politischen Wende 1989 eine ideologische Grenze, die von beiden Seiten aus politische Blöcke mit geographischen Räumen gleichsetzen sollte. Der Ostblock wurde so mit Osteuropa gleichgesetzt. Eine Mitte konnte es nicht geben zwischen den beiden Extremen. Der Eiserne Vorhang rückte im Empfinden des Westens die Grenzen Europas plötzlich vom Ural westwärts bis an die Oder. Vom Westen aus gesehen gab es zwischen Warschau und Wladiwostok kaum noch einen Unterschied.

Wir hatten es so sehr verinnerlicht, nach Westen zu sehen, möglichst bis über den Atlantik, dass wir unsere östlichen Nachbarn immer im Rücken hatten und anscheinend grundsätzlich hinter uns sahen – und wir wurden uns fremd.

So gesehen erscheint die Frage, warum Polen zurück nach Europa will, in einem neuen Licht. Die Forderung Krzemińskis betrifft vor allem ein Ende der Ausgrenzung jener Staaten, die bis zur Wende hinter dem Eisernen Vorhang lagen. Fast 45 Jahre lang waren sie ein weißer Fleck im Bewusstsein der westlichen Welt, ihr kultureller, historischer und zivilisatorischer Beitrag zu dem, was Europa ausmacht, wurde nicht zur Kenntnis genommen, totgeschwiegen in einer Zeit, in der Europa so weit nach Westen rückte, dass es fast in Amerika ankam. Wo lag da Polen?

Zwar verlief der Eiserne Vorhang eigentlich nicht an der Oder, sondern an der Elbe, aber trotzdem wurde im Kalten Krieg ein Unterschied gemacht. Die DDR wurde nicht als souveräner Staat angesehen und als eine vorübergehende Fußnote der Geschichte betrachtet, eine Art zeitweilig ausgegliederter Außenposten der Bundesrepublik. Da sich die BRD in ihrem Selbstverständnis aber immer als Teil Mitteleuropas einschätzte, gehörte die DDR zwar nicht als Staat, weil nicht existent, wohl aber die Bevölkerung der DDR in ihren kulturellen und historischen Wurzeln zu Mitteleuropa. In eine ähnliche Kerbe hieben die rhetorischen Übungen des »dreigeteilt niemals« der Nachkriegsjahrzehnte, mit denen Parteien jeglicher Couleur in der Bundesrepublik ein vereintes deutsches Reich in den Grenzen von 1937 forderten.

Was aber bildet seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Mitte Europas? Wenn wir Mitte sagten, meinten wir – je nach Standpunkt – den Westen des Ostens oder den Osten des Westens. Das galt wie für alle Ostblockländer auch für Polen, der Aphoristiker Stanisław Jerzy Lec schrieb damals: »Auch uns nennt man im Westen den Osten und im Osten den Westen.«5 Die Mitte Europas war längst in einzelne nationale Kulturen zerfallen, es existierte keine gemeinsame Kultur eines nationenübergreifenden Raumes mehr.

Wie viel unserer Kultur stammt aus einer Region, die noch weit, weit jenseits des Eisernen Vorhangs lag! Das verbindet uns Deutsche mit den Polen, denn bedeutende Zentren beider Kulturen liegen außerhalb der Staatsgrenzen. Aber wer wollte bestreiten, dass Joseph Roth, Paul Celan oder Rose Ausländer deutschsprachige mitteleuropäische Kultur geschaffen haben? Sie stammten aus der Bukowina und Galizien, dem Raum Lemberg – Czernowitz – Brody, der heute zur Ukraine gehört, bis zum Ersten Weltkrieg aber Bestandteil der österreichischungarischen Monarchie war. Nicht nur deutschsprachige Kunst und Kultur bereicherte Europa, auch jiddische Literaten kamen aus dieser Region. Kaum zur Kenntnis gelangte bei uns, dass daneben bedeutende polnischsprachige Künstler aus Lemberg kommen, beispielsweise die Schriftsteller und Dichter Zbigniew Herbert, Adam Zagajewski und Stanisław Jerzy Lec. Nirgends wird so deutlich wie am Beispiel Lemberg, das heute L’viv heißt, was Mitteleuropa einst bedeutete: Der Name des Kontinents bezeichnete immer eher einen Raum unterschiedlicher, sich gegenseitig in reicher Vielfalt beeinflussender Kulturen, als ein geographisch eng umrissenes Gebilde, und in diese Mitte gehörte auch Polen.

In ihrem Selbstverständnis sehen die Polen den östlichen Rand Mitteleuropas an der eigenen Grenze zur Ukraine und zu Weißrussland. Dort nämlich endet die Zugehörigkeit zum westlichlateinischen Kulturkreis. Sie selbst sind seit mehr als 1000 Jahren katholisch und nach Rom orientiert. Außerdem bedienen sich die Polen des lateinischen Alphabets, während die Russen kyrillisch schreiben und orthodox sind.

Diese Trennlinie zwischen Westslawen und Ostslawen bewerten die Polen in erster Linie als zivilisatorisch und nicht als ethnisch bedingt, woran auch die jahrzehntelange zwangsweise Eingliederung in den Ostblock nichts änderte.

Selbstverständlich ist Polen ein mitteleuropäisches Land, und nicht Polen muss an Europas Türen klopfen, sondern Europa sollte begreifen, wie viel kulturellen Reichtum Polen uns zu bieten hat.

Mittlerweile leben wir in einem Europa der neuen Grenzen, die – außer auf der Balkanhalbinsel – friedlich zustande kamen. Auf diesem Kontinent wird sich eine neue Mitte bilden. Geographisch gesehen liegt der Mittelpunkt Europas ohnehin viel weiter im Osten, als wir denken, nämlich in der Nähe von Wilna (Vilnius) in Litauen. Das geistige Zentrum wird sich dort bilden, wo sich politische Macht und kulturelle Elite ballen, und auch das wird vermutlich östlicher sein als bisher.

Land der Gegensätze

Vielfalt und Reichtum

Wenn man die Oder in Richtung Osten überquert hat, bemerkt man als Erstes: Hier gibt es noch Platz, das Land scheint wenig bevölkert. Die Zahlen bestätigen diesen Eindruck. Polen, das mit fast 313 000 Quadratkilometern größer ist als Großbritannien oder Italien und fast so groß wie die Bundesrepublik, hat nur halb so viele Einwohner wie Deutschland. Außerhalb der Ballungsgebiete, vor allem im Nordosten und den Bergen des Südens, gibt es sogar einige Landstriche, die fast menschenleer und unberührt zu sein scheinen.

Polens traumhafte Naturräume ziehen jährlich fast 13 Millionen Touristen an, von denen die meisten mehr erhoffen als nur die preiswerten Märkte und den günstigen Friseurbesuch. Die abwechslungsreichen Landschaften passen in ein von Ost nach West verlaufendes Streifenmuster. Von Nord nach Süd folgen der Ostseeküste die Gebiete der Moränenlandschaften Pommerns und Masurens, die durch die Weichsel voneinander getrennt sind. Nach Süden hin schließen sich die Tiefebenen Großpolens (Wielkopolska) und Masowiens an, und die Berggürtel der Sudeten und Karpaten westlich und östlich der Oder vervollständigen das Muster.

Diese verschiedenartigen Landschaften werden von mindestens ebenso verschiedenen Menschen mit vielfältigen Traditionen und Mentalitäten bewohnt. Wie überall gibt es auch unter Polen Bissigkeiten und Vorurteile gewissen Regionen und ihren Bewohnern gegenüber.

Die Warschauer werden als laut und poltrig angesehen, immer etwas großspurig und arrogant, überdies gelten sie als die wildesten, risikofreudigsten und rücksichtslosesten Autofahrer im Land. Die Krakauer hingegen sollen besonders kultiviert leben, und man erkennt ihnen deutliche Überreste des südlich heiteren Charmes zu, den die Habsburger Monarchie hinterließ. Die Großpolen der Region Wielkopolska wiederum gelten ob ihres Geizes als die Schotten Polens, während die Masuren als rückständig und die Bergbewohner der Beskiden, die Goralen, als Hinterwäldler bezeichnet werden.

Dass Polen kein Warmwasserland ist – die Ostsee erreicht im Gegensatz zu den Seen selten 20 Grad Celsius – und, im kontinentalen östlichen Klimaraum liegend, kalte und schneereiche Winter hat, mag man noch vermuten. Wie heiß die kurzen Sommer sind, weiß schon kaum jemand. Stabile Wetterlagen mit über 30 Grad Hitze sind nicht eben selten, auch dieser Aspekt spricht für einen Urlaub.

Von den zehn im Mai 2004 der Europäischen Union (EU) beigetretenen Staaten ist Polen das bei weitem größte Land, fast so groß wie die restlichen neun zusammen. Entsprechend ist seine Bedeutung: Einerseits wird Polens Stimme Gewicht haben im neuen Europa, andererseits ist das aufstrebende Land ein Markt mit riesigen Potenzialen im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich.

Es überrascht wohl niemanden, dass Polen, das immer noch in der Transformation zur Demokratie und Marktwirtschaft steckt, ein Land der Gegensätze ist. Immer noch geht die Rede von Polen als Agrarland mit einer rückständigen Landwirtschaft, und Medien zeigen die große Armut und dörfliche Idylle vergangener Zeiten. Oft möchte man meinen, hinter jedem klapprigen Pferdefuhrwerk ist ein Kamerateam her.

Polen bietet malerische Natur: einsame Landschaften im Nordosten des Landes, breite Strände an der 500 Kilometer langen Ostseeküste mit Dünenlandschaften von außerirdischer Schönheit, ruhige weite Ebenen in der Mitte und im Süden alpine Hochgebirgsregionen mit wunderbaren Ski- und Wandergebieten.

Aber Polen ist auch Industriestandort. An rauchenden Fabrikschloten und modernsten Tankstellen zuckelt ein von einem Pferd gezogener Heuwagen vorbei. Polens leistungsfähige Werften stellen Hightech-Schiffe her und haben der Seefahrt die modernen Technologien für Luxus-Großsegler beschert. Daneben schaukeln marode, uralte Fischerkähne auf den Wellen. In pulsierenden Städten findet der Besucher lebendige Zentren, um später die ländliche Abgeschiedenheit zu genießen.

Polen hat eine hoch industrialisierte Landwirtschaft auf endlosen Flächen mit riesigen Maschinenparks und Klitschen mit der Fläche eines mittleren Reihenhausgartens, die nicht für den Markt, sondern allenfalls für den Eigenbedarf produzieren.

Ja, Polen ist ein Land der Gegensätze, das gilt besonders für das enorme Gefälle von der Hochglanzmoderne Warschau zu ländlichen Räumen, in denen die Zeit im 19. Jahrhundert stehen geblieben zu sein scheint. Es lohnt sich, diese Extreme einmal etwas näher zu betrachten.

Armenhaus Nordosten

Die Landschaft ist hügelig, auf kurvenreicher Straße geht es kilometerlang auf und ab durch dichte Wälder. Ab und zu blitzt es silbern zwischen den Bäumen hindurch – ein See. Immer wieder wird die Straße zur Allee und führt durch dicht belaubte grüne Tunnel. Dazwischen weite, satt gelbe Felder und Seen, bis man nach Stunden in das nächste traumverlorene Dorf kommt, und über allem der hohe, weite Himmel mit den weißen Pustewolken.

Masuren, einst ein Teil Ostpreußens, liegt im Nordosten Polens direkt an der Grenze zum russischen Kaliningrader Gebiet und gehört heute zur Woiwodschaft Warmia i Mazury, die kurz Mazury (Masuren) genannt wird. Zu weiten Teilen entspricht die erst seit 1999 in den heutigen Grenzen bestehende viertgrößte Woiwodschaft Polens immer noch dem Klischee der abgeschiedenen Idylle. Mit nur 1,46 Millionen Einwohnern ist sie nur halb so dicht besiedelt wie das übrige Polen.1

Noch heute ist Masuren ein ländlich geprägter Raum, 40 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Land und mehr als ein Viertel bezieht das Einkommen aus Ackerbau und Viehzucht. In dieser grünen Lunge Polens gibt es nur zwei größere Städte, Elbląg mit 100 000 und die Hauptstadt Olsztyn mit 180 000 Einwohnern.

Der Bauboom scheint Olsztyn noch viel mehr als Elbląg aus allen Nähten platzen zu lassen, Hochhäuser schießen rings um das Zentrum wie Pilze aus dem Boden. Die Innenstadt wird immer schicker, ein Laden nach dem anderen eröffnet.

Also geht es Masuren doch gut? Weit gefehlt, der Aufschwung ist kaum über Olsztyn hinausgekommen, Stadt und Land driften immer mehr auseinander, und je weiter man sich von Olsztyn nach Norden oder Osten entfernt, desto trüber wird die Lage. Werden in der gesamten Woiwodschaft noch 75 Prozent des polnischen Lebensstandards erreicht, sind es an der russischen Grenze gerade 50 Prozent.

Die Arbeitslosenstatistiken liefern hier regelmäßig neue Negativrekorde. Bei einer Arbeitslosenrate um die 11,8 Prozent in ganz Polen sind es in Masuren 21,1 Prozent. Hätte nicht die Regionalmetropole lediglich 7,9 Prozent Arbeitslose, sähe die Quote noch fürchterlicher aus, denn fünf Kreise der Woiwodschaft verzeichnen über 30 Prozent Beschäftigungslose.

Grund für diese katastrophale Lage ist die Strukturschwäche der Region. Der Prozentsatz der kollektivierten landwirtschaftlichen Fläche war hier besonders groß, fast 40 000 Arbeitsplätze auf den Staatsgütern PGR (Państwowe Gospodarstwo Rolne) fielen nach der Wende ersatzlos weg, weil sich keine Investoren fanden. Nirgends in Polen ist die Zahl der Arbeiter in der Industrie geringer und die der in der Landwirtschaft tätigen Menschen höher, die Anzahl der Höfe mit durchschnittlich knapp sieben Hektar nirgends so klein. Wer keinen Ackerbau betreibt, arbeitet fast ausschließlich in der Lebensmittelherstellung, im Tourismus und in der Möbelproduktion, nennenswerte Industrie gibt es außer in Olsztyn und Elbląg nicht.

Trostlos sieht es dort aus, wo die großen Staatsgüter das Wirtschaftsleben bestimmten. Sie sind leicht zu erkennen, die alten PGR-Dörfer, mit ihren tristen, maroden Plattenbauten, die seit wer weiß wie langer Zeit keine Renovierung gesehen haben. Die PGR war oft einziger Arbeitgeber weit und breit, in einer ganzen Siedlung ist die Zahl derer, die heute noch Arbeit haben, meist an den Fingern einer Hand abzuzählen.

Mit geringer Schulbildung, oft ohne richtige Berufsausbildung sind diese Arbeitskräfte, hinter denen nicht selten kinderreiche Familien stehen, am Markt nicht zu vermitteln. Hoffnungslosigkeit und der zermürbende Kampf ums Überleben bestimmen den Alltag, an dem Familien zerbrechen und Kinder unter die Räder kommen.

Immer mehr junge Leute fühlen sich überflüssig in Masuren, nicht nur Schulabgänger, sondern zunehmend auch Hochschulabsolventen. Die jüngsten Statistiken bestätigen, dass jeder zehnte Arbeitsuchende einen Hochschulabschluss vorweisen kann und jeder dritte eine höhere Schulbildung. Viele Jugendliche haben übervölkerte Modeberufe gewählt, weil es keine funktionierende Beratung gibt. Auch fehlen dem Woiwodschaft-Arbeitsamt die Mittel für eine gezielte Förderung neuer Arbeitsplätze.

Bisher ist diese Region von allen seit 1989 amtierenden Regierungen mehr als stiefmütterlich behandelt worden. Versprochen wurde der Region allerdings schon vieles. Wie Professor Eugeniusz Niedzielski, Wirtschaftsexperte an der Universität Olsztyn, meint, besteht ohne Hilfe von außen keine Chance, das wirtschaftliche Missverhältnis zu anderen Regionen abzubauen, da das Wachstumstempo der besser entwickelten Regionen nun einmal schneller sei.

Doch nicht Masuren allein, der ganze ländliche Raum von Polen B ist zu einem Archipel der Überflüssigen geworden, denn jeder zweite polnische Arbeitslose wohnt auf dem Land.

Dabei ist Masuren nur ein Beispiel von vielen im ganzen nordöstlichen und östlichen Polen, das mittlerweile als Polen B bezeichnet wird. Abhilfe versprachen schon viele Politiker, passiert ist bis 2004 wenig. Der EU-Beitritt mit seinen Subventionsmitteln, die nun seit 2004 stetig gerade auch in die unterentwickelten Regionen fließen, ist zumindest ein Hoffnungsschimmer. In den regionalen Unterzentren, also den kleineren Städten in den Woiwodschaften, zeigen sich durch starke regionale Selbstverwaltungen eine optimierte Nutzung der EU-Fördermittel, und viele selbst inszenierte Mikro-Booms, die auch Arbeitsplätze schufen. Manche vor wenigen Jahren noch verschlafene Provinzstädte sind kaum wiederzuerkennen. Das westmasurische Ostróda mit seinen 36 000 Einwohnern ist so ein Beispiel. Das Gesicht der Stadt mit der Traumlage an mehreren Seen ist völlig verändert worden mit einer Wasserskianlage, mehreren Hotelbauten, einem Sportpark, dessen Zentrum ein ultramodernes Fußballstadion bildet und einem spektakulären Amphitheater mit Seeblick. Nicht nur von den EU-Fördertöpfen profitierte man, auch das gewaltige Investitionsprogramm anlässlich der Fußballeuropameisterschaft 2012 half. Doch wirklich voran geht es nur dort, wo vereinzelte Investoren oder die Tourismusförderung Arbeitsplätze aufs Land bringen, denn die umliegenden Dörfer profitieren kaum von den neuen Regionalzentren.

Warschau, die Boomtown

Warschau steht im Stau, kilometerlange Schlangen auf den breiten Straßen sind zum Alltag geworden in Polens Hauptstadt. Im Kriechtempo schleichen die Blechlawinen entlang der Weichsel an der malerischen Kulisse der Altstadt vorbei. Eindeutig, Warschau ist das Symbol des neuen Polens und der Motor für Polen A, die Welt westlich der Weichsel und der großen Städte des Landes.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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