Neringa - Stefan Moster - ebook

Neringa ebook

Stefan Moster

0,0

Opis

Es ist eine einzige Einstellung in einem Film, die ihn aufrüttelt: eine kurze Szene am Mont­-Saint­-Michel, der berühmten Felseninsel im normannischen Watten­meer. Der Mann, den dieses Bild an eine längst vergessen geglaubte Postkarte erinnert, ist ein Deutscher, der in London lebt, er ist soeben fünfzig geworden und voller Zweifel an seinem Lebensentwurf. Zwar mangelt es ihm nicht an Erfolg, doch vermisst er das Gefühl, der Nachwelt etwas Sichtbares zu hinter­ lassen - und Nachkommen, die seine Hinterlassenschaft schätzen und sich an ihn erinnern könnten. So scheint es kein Zufall, dass gerade jetzt die Erinne­rungen an seinen Großvater Jakob Flieder - den damaligen Absender der Karte vom Mont­-Saint­-Michel - wach werden, der als einfacher Pflasterer ein die Jahrzehnte überdauerndes Werk geschaffen und eine Familie ernährt hatte ... Trotzdem entfaltet die Flut der Fragen, die sich dem Enkel plötzlich aufdrängen, eine ungeahnte Wucht. Getrieben von der unbestimmten Sehnsucht nach einem Leben voller Bestim­mung, begibt sich ein Mann auf die Spuren seiner Familie - und muss sich fragen, wie zuverlässig die Geschichten sind, die man sich über sich selbst erzählt, und wie zufällig die Quellen und Überlieferungen, derer man sich dafür bedient. Und mitten in der biografischen Sinnsuche, die der Autor virtuos mit deutschen Schicksalen vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegen­wart verknüpft, führt die Begegnung mit einer jungen Frau aus Litauen zu einer ganz neuen Möglichkeit des Glücks im Hier und Jetzt.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 311

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
Oceny
0,0
0
0
0
0
0



mare

Stefan Moster

NERINGA

oderDie andere Artder Heimkehr

Roman

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.ddb.de abrufbar.

© 2016 by mareverlag, HamburgUmschlaggestaltung Nadja Zobel / Petra Koßmann, mareverlag, HamburgAbbildung [M]: mare, Foto: © Howard Pugh / Getty Images

Typografie (Hardcover) Farnschläder & Mahlstedt, HamburgDatenkonvertierung eBook bookwire

ISBN eBook: 978-3-86648-322-4ISBN Hardcover-Ausgabe: 978-3-86648-245-6

www.mare.de

»Ich sagte, daß ich gar wohl wüßte,welche Unordnungen, in der natürlichen Graziedes Menschen, das Bewußtsein anrichtet.«

Heinrich von Kleist,Über das Marionettentheater

EINS

 

An einem hellen Mittag im Juni 1964 versucht Jakob Flieder, seine Frau zu töten. Er folgt keinem heimtückischen Plan, sondern handelt im Affekt, wie sein Schwiegersohn, der unmittelbar daneben steht, später bezeugt. Er will sie lediglich zum Schweigen bringen.

Jakob ist Choleriker, ein an sich umgänglicher Mensch, der aber, wenn seine Reizschwelle überschritten wird, aus der Fassung geraten kann. Da diese Schwelle äußerst hoch liegt, gelingt es kaum einem Menschen, sie zu überwinden. Die wenigsten haben ihn je in Rage gesehen, sie ahnen nichts von seinem Temperament. Seine Frau kennt es, wiegt sich aber, wenn der letzte Ausbruch lange genug zurückliegt, immer wieder in Sicherheit.

So auch an diesem Junitag. In zwei Monaten soll das erste Enkelkind geboren werden. Noch ruht es im seligen Zustand der Unschuld im Bauch seiner Mutter, und doch trägt es indirekt zur Attacke des Großvaters bei, denn die bevorstehende Ankunft des Kindes macht eine Erweiterung des kleinen Hauses nötig, das Jakob dreißig Jahre zuvor gebaut hat und nun mit seiner Frau, der gemeinsamen Tochter und deren Ehemann bewohnt. Der Anbau steht bereits, nur am alten Teil werden noch Renovierungsarbeiten durchgeführt.

Am Morgen steigen die Männer aufs Dach, um den Schornstein zu erneuern. Jakob ist kein Maurer, trotzdem weiß er mit Steinen umzugehen und traut sich daher ohne Bedenken eine so einfache Mauerarbeit zu. Sein Schwiegersohn dient als Handlanger, mischt Mörtel, schlägt Backsteine zu, reicht sie an. Bis zum Mittagessen soll die Arbeit erledigt sein, hat Jakob sich ausgerechnet, doch es dauert länger. Dem Schwiegersohn unterlaufen Missgeschicke, mal bricht ein Ziegel, mal gerät das benötigte Stück zu lang – alles Fehler, die Jakob wortlos korrigiert. Der wachsende Ausschuss an Baumaterial facht allerdings ersten Ärger in ihm an. Insofern trägt neben dem Ungeborenen auch dessen argloser Vater zu der folgenden Affekthandlung bei.

Aufgrund der Verzögerung verlassen die Männer nämlich nicht wie geplant um zwölf Uhr das Dach, was Jakobs Frau Agnes dazu veranlasst, wiederholt vors Haus zu treten und die Arbeiter aufzufordern, endlich bei Tisch zu erscheinen. In immer kürzeren Intervallen und mit zunehmender Ungeduld ruft sie nach ihrem Mann und stört ihn beim konzentrierten Steinesetzen. Bis sie schließlich gar nicht mehr ins Haus zurückgeht, sondern schimpfend vor der Tür stehen bleibt und zum Dach hinaufschaut. Ihr langes Lamento lässt sie in einem abfälligen Attribut gipfeln, von dem Jakobs Schwiegersohn später behauptet, er könne sich nicht mehr daran erinnern, was vermutlich nicht stimmt, jedoch einiges über die Wucht des gewählten Wortes verrät.

Bis dahin hat sich Jakob beherrscht, nun ist die Reizschwelle überschritten. Es kommt zum jähen Ausschlag seines Temperaments, und er stößt den frisch gemauerten Kamin in die Richtung, aus der die Stimme seiner Frau kommt.

Jakob ist ein kleiner, aber kräftiger Mann, mit einem Brustkasten, der diese Bezeichnung verdient, und mit den schweren Armen eines Turners, der täglich an der Teppichstange Klimmzüge mit nach vorne ausgestreckten Beinen macht. Seine Kraft hat sich jedoch bei der Ausübung seines Berufs gebildet. Er arbeitet als Pflasterer und schafft mit seinen Händen etwas, worauf andere gehen und mit schwerem Gerät fahren. Stein ist sein Metier. Kein Wunder, dass er ihn als Waffe wählt.

Aufgrund der Wucht des Stoßes bricht der Schornstein nicht, sondern fliegt in einem Stück hinab und zerfällt erst beim Aufschlagen im Hof in seine Einzelteile.

Unten herrscht Schweigen.

Die Männer lugen über den Dachrand. Niemand ist unter den Trümmern begraben worden, Jakobs Frau hat im entscheidenden Moment einen Schritt zur Haustür gemacht.

Das Schweigen dauert an, bis Agnes nach ihrem Mann ruft: Jakob! Es klingt ängstlich, als befürchte sie, ihm könne etwas zugestoßen sein. Dann weckt auch schon der Anblick der Zerstörung ihren Unmut: Was hast du jetzt wieder gemacht?

Jakob antwortet nicht. Er steigt vom Dach, geht in die Küche, nimmt schweigend sein Mittagessen ein und spricht für den Rest des Tages mit niemandem ein Wort. Am nächsten Tag ist er fast wieder der Alte, schnappt sich die Karre mit den Gummirädern und holt damit beim Baustoffhändler neue Ziegelsteine.

 

Jakobs Schwiegersohn erzählte die Geschichte im Familienkreis, als Jakob nicht mehr lebte, und alle lachten das leicht ungläubige Lachen, das sich angesichts einer bizarren Unfassbarkeit, die gerade noch einmal gut ausgegangen ist, oft löst. Niemand wäre auf die Idee gekommen, wegen dieser Episode sein Bild von Jakob zu revidieren. Er war trotz seiner seltenen Zornesausbrüche ein Mann gewesen, der es stets gut gemeint hatte.

Auch ich dachte nicht daran, meinen Großvater nach der kuriosen Geschichte mit anderen Augen zu sehen, doch erschien sie mir bedeutungsvoll genug, um meinem Vater vorzuwerfen, sie mir bis dahin verheimlicht zu haben.

Über den Vorfall sei nie geredet worden, beteuerte mein Vater. Er sei sich nicht einmal sicher, ob meine Großmutter damals überhaupt begriffen hatte, dass sie gerade einem Totschlag im Affekt entgangen war.

Meine Großeltern waren im Juni 1964 bereits vierzig Jahre verheiratet gewesen und sollten es weitere vierundzwanzig Jahre, bis zu Jakobs Tod, bleiben. Das machte vierundsechzig einvernehmliche Jahre gegenüber dem Impuls eines Augenblicks. Einunddreißig Millionen Sekunden gegen eine, die alles hätte auslöschen können, die meine Großmutter getötet und meinen Großvater zerstört, einen Schatten auf meine Geburt geworfen hätte. Eine Sekunde, die alles verändert hätte, jedoch über die Zeit in Vergessenheit geraten war, da sie ihre fatale Wirkung verfehlt hatte, dachte ich, als sich das Lachen über die Episode allmählich legte.

Und wie gesagt, betonte mein Vater, der alles gern bei günstigem Licht betrachtete, abschließend noch einmal, Jakob hat im Affekt gehandelt.

Ich aber dachte, dass Absicht auch im jähen Impuls steckte. Sie hatte nur noch nicht die Gestalt eines Plans angenommen.

Zwei Monate nach der glücklich gescheiterten Attacke kam ich auf die Welt, wenig später ging Jakob in Rente. Es begann die Zeit, in der ich ihn als stets zu Hause anwesenden Großvater mit nie versiegender Geduld erlebte. Seinen Jähzorn lernte ich zeit meines Lebens nicht kennen. Nicht einmal als aufsässiger Jugendlicher gelang es mir, seine hohe Reizschwelle zu erklimmen. Der Jakob Flieder, den es vor meiner Geburt gegeben hatte, existierte für mich nicht.

Das war normal, doch im Licht des Tötungsversuchs erschien es mir nun bemerkenswert. Man nahm seine Großeltern als ganze Persönlichkeiten erst nach ihrem Tod wahr und konnte sie auch dann erst der Epoche zuordnen, die von den Jahreszahlen auf dem Grabstein markiert wurde. Erst wenn sie nicht mehr zu einem sprachen, wenn die Vorstellung, die man von ihrem Leben hatte, sich von der selbstverständlichen Anwesenheit ihrer Stimme gelöst hatte, ahnte man, als welche Verkörperungen von Erfahrungen sie einem tatsächlich begegnet waren. Man erkannte, wie viele Umstände, Wechselfälle, Widerstände ihre Persönlichkeit beeinflusst hatten, und begriff endlich, dass sie keineswegs schon immer alt gewesen waren. Sie hörten auf, Großeltern zu sein, sie wurden Menschen, die vor der Geburt der Enkelkinder bereits eine Geschichte hatten.

Dann gab man ihnen die Vornamen, die man selbst nie benutzt hatte, sah sie als Träger dieser Namen jedoch nur unvollständig, da man über eigene Erinnerungen an sie als Erwachsene in der Mitte des Lebens nicht verfügte. Man war auf die Erinnerungen ihrer Kinder angewiesen, doch kamen die selten auf die Idee, von ihren Eltern zu erzählen, weil sie so gut wie nie danach gefragt wurden.

Gemessen an der Ereignisfülle eines Menschenlebens hüteten Familien erstaunlich wenige Erinnerungen. Hielt sich eine Generation – warum auch immer – mit Erzählungen zurück, füllten sich bei der nächsten Generation die Speicher von Erinnerung und Wissen noch spärlicher, weshalb sie ihren Kindern kaum noch etwas zu erzählen hatte. Diesen blieb nichts anderes übrig, als mit den wenigen überlieferten Episoden ihre Einbildungskraft zu füttern und sich die toten Großeltern so bildhaft wie möglich vorzustellen, damit sie lebendig wurden.

 

Die Geschichte mit dem Schornstein, die mein Vater bei einer Familienfeier erzählte, als wir Anekdoten austauschten, um nicht über uns selbst reden zu müssen, fiel mir über fünfundzwanzig Jahre nach Jakobs Tod wieder ein, in einer Stadt, die dieser nie gesehen, und in einem Zustand, dessen gängige Bezeichnung er wahrscheinlich nie gehört hatte.

Nach vierzehn Stunden Flug war ich mit schwerem Jetlag, also in einer Verfassung, in der sämtliche Raster und Regularien verschwimmen, am Freitagvormittag in Heathrow gelandet und direkt in die Firma gefahren, um über die gigantische Hausmesse des Cloud-Konzerns zu berichten, der zu unseren wichtigsten Kunden gehörte. Die Stadt San Francisco hatte die Howard Street zwischen den beiden Teilen des Moscone Center sperren lassen, damit die hundertfünfzigtausend Besucher genügend Auslauf hatten zwischen den Ständen der mehreren Hundert Aussteller, die ihre Lösungen rund um die Angebote des Konzerns präsentierten. Außerdem wurde Platz fürs Entertainment benötigt, für die Musikbühnen, die Sport- und Spielanlagen und natürlich die Gastronomie. Was als Messe deklariert war, glich einer riesigen, viertägigen Party, und dass die Stadt dafür einen Teil ihres Zentrums räumte, sagte alles über die Macht des Konzerns.

Ich war einer von den Ausstellern gewesen, hatte also vier Tage lang am Stand unserer Firma pausenlos gelächelt und alle dreißig Sekunden great gesagt. Alle sagten es bei solchen Anlässen in einem fort, als befürchteten sie, die gesamte Branche könnte zusammenbrechen, wenn man nicht genügend positive Attribute in dichten Intervallen ausspuckte. Es war anstrengend gewesen, aber wichtig, denn wir versorgten besagtes Unternehmen lukrativ mit Dienstleistungen. Man war in Kalifornien mit uns zufrieden, blieb jedoch betont anspruchsvoll, damit wir bloß nicht nachließen.

Beim Blick auf die expansive Selbstgewissheit der Wolkenmanager unter der kalifornischen Sonne war mir allerdings der Verdacht gekommen, dass wir in Wahrheit an unserer eigenen Abschaffung arbeiteten – eben weil wir ein überdurchschnittlich guter Partner waren. Die Logik der Branche wollte es, dass eine Firma, die brauchbare Anwendungen produzierte, gekauft wurde. Ihre Gründer – meist zwei, drei junge Männer, die noch ihre Kapuzenpullis aus der Start-up-Phase trugen – machte das schlagartig reich, während für die übrigen Mitarbeiter die Zeit der Ungewissheit anbrach.

Um das zu verhindern oder wenigstens hinauszuzögern, mussten wir unseren Kundenstamm weiter vergrößern und die Anwendungsbereiche für unsere Daten-Management-Produkte erweitern. Das war mein Job, das wurde von mir verlangt, dafür bekam ich die Anerkennung meiner Kollegen, die zehn, fünfzehn, zum Teil sogar mehr als zwanzig Jahre jünger waren als ich und die ich im Verdacht hatte, mich ein bisschen zu belächeln, weil ich stets im Anzug herumlief und nicht in knitterfreier Baumwolle und weil mir die jugendliche Elastizität abhandengekommen war.

Vielleicht hatten sie aber auch Mitleid mit mir. An jenem Freitag nach meiner Rückkehr aus San Francisco muss ich so erschöpft gewirkt haben, dass sie regelrecht fürsorglich wurden. Sie drängten mich, beizeiten Feierabend zu machen, mit ihnen ein Bier zu trinken und mich am nächsten Tag auszuschlafen. Ich lebte inzwischen seit über einem Jahr in dieser Stadt, hatte mir aber noch nie ein ganzes Wochenende freigenommen. Nun fand ich mich mit dieser Aussicht vor dem nächstgelegenen Pub wieder. Die Abendsonne wärmte mir den Rücken und ließ das Bier in den Gläsern feierlich leuchten. Vor dem Lokal drängten sich Menschen in euphorischer Stimmung, es wurden Witze gemacht, es wurde gelacht und diskutiert, es war laut, und ich musste die letzten Kräfte meiner Stimmbänder mobilisieren, um die Fragen meiner Kollegen zu beantworten, die sich für die Dauer des ersten Bieres sehr für meine Eindrücke aus Kalifornien interessierten. Schon während der zweiten Runde zerfaserte ihr Interesse allerdings, sie diskutierten vermehrt untereinander, warfen sich die jüngsten Kuriositäten und Absonderlichkeiten der Branche zu, und ich versank in Jetlag-Passivität, hörte kaum noch zu, ließ die Lärmwellen der vielen Männer- und wenigen Frauenstimmen über mir zusammenschlagen, wunderte mich über das Ausmaß meiner Müdigkeit und gab mich ihr sekundenweise im Stehen hin, fuhr aber immer wieder auf, wenn etwas Bemerkenswertes besonders laut ausgerufen wurde, hundert Millionen, stellt euch das vor, hundert Millionen Menschen auf diesem Planeten spielen Candy Crush, das bringt den Machern 800 000 Dollar am Tag, und als von meinem zweiten Bier noch die Hälfte übrig war, holte mich ein kräftiger kollegialer Schulterhieb endgültig in den Wachzustand zurück. Alle sahen mich an. Ich musste auf blödsinnige Art desorientiert gewirkt haben, denn sie lachten, als ich fragte, was los sei. Über vierzig Prozent aller Nutzer von Spiele-Apps sind über 39 Jahre alt, Mann, sagte einer, was spielst du eigentlich so?

Ich spiele nicht, sagte ich.

Du spielst nicht, kam es ungläubig und vielleicht auch etwas vorwurfsvoll zurück, aber bevor die Stimmung ernst wurde, purzelten auch schon wieder die Scherze, es wurden Vorschläge für Games genannt, die zu mir passen könnten, und es wurde spekuliert, womit ich mir wohl meine tägliche Belohnungsdosis Dopamin besorgte. Noch einmal schäumte allgemeines Gelächter auf, dann verabschiedeten sich alle, wieder mit Schulterklopfen, sieh zu, dass du Schlaf kriegst, Mann, sagten sie, und dann waren sie weg, die Sonne verschwand hinter einem Haus, kühler Schatten fiel über den Pub, und wer noch draußen stand, ging hinein. Auf einmal wurde mir bewusst, dass ich allein im Freien zurückgeblieben war und tatsächlich ein langes, leeres Wochenende vor mir lag. Ich trank aus und beschloss, es mit einem ruhigen Abend in meiner Wohnung zu beginnen.

Zu Hause wollte es mir jedoch nicht gelingen, Ruhe zu finden. Beim Auspacken des Koffers, beim Umziehen und beim Frischmachen störte mich die Lautstärke der Geräusche, die ich verursachte, darum führte ich jede Verrichtung mit Ungeduld aus, um sie hinter mich zu bringen, und wurde dabei nur noch nervöser. Vorhin in der U-Bahn hatte ich mir vorgestellt, mich auf der Couch auszustrecken und den Jetlag loszuwerden, indem ich mich einfach in den Schlaf sinken ließ und nach dem Erwachen an der richtigen Stelle der Zeit wieder auftauchte, aber sobald ich mich nun ausstreckte, erfasste mich ärgerliche Unruhe, die damit zu tun hatte, dass ich nichts mit mir anzufangen wusste. Eine Zeit lang kämpfte ich gegen den Drang an, aufzustehen und den Computer einzuschalten, dann gab ich nach, ging allerdings nicht ins Arbeitszimmer, sondern in die Küche, um mir etwas zu essen zu machen. Du brauchst Pausen, sagte ich mir. Aber wenn du dann eine machst, hältst du es nicht aus. Du bist also ein Schwächling oder inkonsequent. Und schon nahm die Spirale der Vorwürfe rapide Fahrt auf, immer mehr hackte ich auf mir herum, und als ich schließlich die Besteckschublade aufzog und nach einem Messer greifen wollte, wurde ich von einem Impuls durchzuckt, der mich erschreckte.

Sofort stieß ich die Schublade wieder zu.

Nicht das, sagte ich halblaut vor mich hin. Bitte, nicht das!

Wenig später verließ ich die Wohnung und eilte wie von einem Termin getrieben unter Bäumen und an hohen Zäunen entlang zu der langen Straße, die Pembridge Gardens hieß, lückenlos von niedrigen Häusern gesäumt wurde und im rechten Winkel auf die belebte Hauptstraße des Stadtteils führte. Erst dort, wo die Geräusche so vielfältig waren, dass man sie nicht mehr auseinanderhalten konnte, gelang es mir, langsamer zu gehen.

Ich hatte sie schon fast vergessen, die Impulse, nach spitzen Gegenständen zu greifen und sonst was zu tun. Bisher hatten sie mich in dieser Stadt in Ruhe gelassen, jetzt war ich unvermutet zurückgeschleudert worden in eine Zeit, in der diese Momente so häufig vorkamen, dass sie zur quälenden Normalität gehörten.

Sobald ich wieder Augen für die Umgebung hatte, fiel mein Blick auf das Kino, das aussah wie die Lichtspieltheater mit Namen wie Rex oder Capitol, in denen mir als junger Mensch die Augen aufgegangen waren, Kinos mit Aschenbechern in den Armlehnen der abgeschabten dunkelroten Samtsessel und mit Filmszenen auf der Leinwand, die ich zitternd vor Aufregung bestaunte. Ich sah dieses Kino jeden Tag auf meinem Weg zur U-Bahn, hatte aber noch nie eine Karte gekauft. Nun überquerte ich die Straße, sah, dass in Kürze ein Film anfing, den die Zeitungen gelobt hatten, und glaubte, für diesen Freitagabend gerettet zu sein.

Schon zwei Minuten nach Filmbeginn langweilte ich mich entsetzlich. Mir graute vor den folgenden anderthalb Stunden, ich fürchtete, die Langeweile werde in Beklemmung umschlagen und mir den Atem rauben. In einer so frühen Phase der Vorstellung mochte ich mich jedoch nicht durch die Reihen drängen und davonstehlen. Ich beschloss, dreißig Minuten durchzuhalten und dann zu gehen. Derweil vertrieb ich mir die Zeit mit der Erfassung all dessen, was mich an dem Film störte: das affektiert Balletthafte, mit dem zwei schöne Menschen einander umkreisten, ihr ritueller Paartanz, die pathetische Art des plumpen Amerikaners, die Hand auf die Hüfte der mädchenhaften Russin zu legen, die übermütigen Kameraschwenks in den Straßen und Parks von Paris. Alles in mir sträubte sich, und die Intensität meiner Ablehnung ließ mich vermuten, dass mehr als nur ästhetischer Unwille im Spiel war. Neid zum Beispiel.

Bald nahm das Pathos auf der Leinwand Formen an, die mich zum Lachen brachten. Die Pariser Tänze wurden von Zwischensequenzen in einem Zugabteil unterbrochen, wo die Frau sich unter Verrenkungen über den Tisch zum Mann hinüberschlängelte. Das sollte die Ausgelassenheit der Verliebten darstellen, spielerische Verstöße gegen die Etikette. Dann färbte sich das Bild auf einmal grau. Die Szenerie wechselte, der Zug war angekommen, Mann und Frau befanden sich an einem bewölkten Wintertag am Meer, sie schlugen die Kragen hoch, zogen die Hände in die Ärmel, rieben sich gegenseitig Rücken und Oberarme und drückten ihre Körper aneinander. Das geschah im Vordergrund, doch meine Aufmerksamkeit richtete sich ganz auf die Kulisse, die das Weitwinkelbild der Kamera nach einem Schnitt zeigte. Das Paar ging über eine weite, geriffelte, stellenweise spiegelnde Fläche, und diese Fläche war der Meeresgrund bei Ebbe. Er umgab eine markante, dicht bebaute, von einem Kirchturm gekrönte Insel, deren Umrisse schrittweise näher rückten.

Ich erkannte den Inselberg auf Anhieb, so wie jeder seine unverwechselbare Silhouette erkannte, auch wenn er ihn nie besucht hatte. Auf Uhr und Ultimatum achtete ich nun nicht mehr, ich wartete ab, bis alle Szenen an dem Schauplatz absolviert waren, und verließ danach das Kino. Mir war, als hätte der Film, den ich bis dahin als den Inbegriff aufgebauschter Unwesentlichkeit abgetan hatte, auf etwas Wesentliches gedeutet. Es steckte im Mont-Saint-Michel, oder genauer gesagt in der Erinnerung, die mein Blick auf die Klosterinsel vor der französischen Küste freigelegt hatte, wie das Meer den Sand bei Ebbe.

 

Der Mont-Saint-Michel war bei einer Familienfeier von Hand zu Hand gewandert. Einer meiner Cousins hatte die Postkarte aus dem Urlaub geschickt, sie umrundete die Tafel während des Essens und benötigte dafür nicht sonderlich lange, denn die Esser mochten sich nicht stören lassen. Sie warfen nur kurze Blicke auf die Abbildung und gaben die Karte sogleich weiter. Erst als sie meinen Großvater erreichte, kam es zur Unterbrechung. Er nahm die Ansichtskarte zur Hand, betrachtete sie ausführlich, las den Text auf der Rückseite, kehrte wieder zur Abbildung zurück und sagte: Da war ich schon. Dann reichte er sie weiter.

Da warst du schon?, fragte jemand ungläubig. Mein Großvater war in seinem ganzen Leben nicht in Urlaub gefahren, nie hatte er auch nur eine Ferienwoche im Taunus oder Hunsrück verbracht, das wussten alle, die am Tisch saßen.

Ja, sagte er, im Krieg. Am Morgen sind wir mit dem Lastwagen hingefahren, und am Nachmittag war überall Wasser.

Er gab seinem Satz über die Wirkung der Gezeiten, die er damals offenbar zum ersten Mal beobachtet hatte, einen Ton, als spreche er von einem Wunder.

Nun hätte einer der Anwesenden nachfragen müssen, aber nichts geschah. Die Karte wurde weitergegeben, das Essen wiederaufgenommen, niemand wollte weitere Erläuterungen hören.

Mich erstaunte das, aber ich war zu jung, um vor der ganzen Verwandtschaft das Wort zu ergreifen, weshalb ich beschloss, mir meine Fragen für später aufzuheben. Später musste ich es jedoch vergessen haben, denn ich hatte mir die Geschichte, die damals nicht erzählt worden war, nie bei meinem Großvater abgeholt. Sie selbst kannte ich nicht, aber der Moment, in dem die Erwachsenen dabei versagt hatten, sie hervorzulocken, war mir in Erinnerung geblieben. Ich erinnerte mich an das Defizit. Mein Gehirn hatte die Leerstelle gespeichert, und nun hatte eine ganz bestimmte Kombination von Impulsen sie wieder in den Vordergrund gerückt.

Gewiss hatte ich in all den Jahren nach der durch die Postkarte entstandenen Irritation Bilder vom Mont-Saint-Michel gesehen, aber nie hatte ich mir dabei etwas gedacht. Erst der pathetische Film ließ mich auf den Anblick reagieren – der Film im Zusammenspiel mit meiner Nervosität an jenem Freitagabend, mit der Empfindsamkeit des Einsamkeitsflüchtlings im Jetlag, die ich mit ins Kino gebracht hatte.

Wenn sich die Verwandtschaft zu einer Feier in unserem Haus versammelte, kannte das allgemeine Gespräch kein Ende. Es wurde unablässig erzählt, in alle Richtungen, zu den Nachbarn rechts und links ebenso wie quer über die Tafel hinweg. In den Stunden vom Kaffee bis zum Ausklang lange nach dem Abendessen herrschte nicht eine Sekunde Stille, und die Themen wechselten sprunghaft. Erinnerungen an früher nahmen dabei besonderen Raum ein, und es war allen eine ungeheure Lust, Personen, Umstände, Orte einer vergangenen Zeit heraufzubeschwören. Ich weiß nicht, was mir größeren Spaß bereitete, die alten Geschichten oder die Freude der alten Leute am Erzählen.

Sie beschränkten sich dabei fast ausschließlich auf Begebenheiten aus der Zeit vor dem Krieg. Hin und wieder fand eine Episode aus der schlechten Zeit oder den Aufbaujahren Platz, aber der Krieg selbst – ebenso wie die Machtergreifung und ihre deprimierenden Folgen – wurde nur selten Thema des vielstimmigen Gesprächs. Meinen Großvater hörte ich anlässlich der Postkarte zum ersten Mal in großer Runde eine Episode aus der Kriegszeit erzählen – sofern zwei lakonische Sätze schon eine Episode waren. Bisweilen rutschte den Brüdern meiner Großmutter eine kleine Geschichte von den Stellungen oder vom Rückzug heraus, aber das führte kaum einmal zu einer Verkettung ähnlicher Erinnerungen, wie es bei anderen Themen üblich war, meist wurde rasch zu einem anderen Sujet übergeleitet.

Dafür konnte es nur zwei Gründe gegeben haben. Der erste musste der Tod meines Onkels gewesen sein, den ich nie kennengelernt hatte. Er war als Neunzehnjähriger bei Königsberg von einer Granate getroffen worden. Seine Mutter Agnes, meine Großmutter, hatte den Verlust nie verwunden. Alle wussten: Käme die Rede auf den Krieg, würde sie an den toten Sohn denken und unweigerlich in Tränen ausbrechen.

Der zweite Grund hatte mit meinem anderen Großvater zu tun. Der trug in jener Gesellschaft, die aus der Verwandtschaft seiner Schwiegertochter bestand, nie viel zum Gespräch bei, sondern saß stets wie ein Fremder am Tisch, auch wenn er sich vielleicht gar nicht unwohl fühlte, denn immerhin verließen er und seine Frau, die für mich immer nur der andere Opa und die andere Oma waren, da sie nicht mit uns im Haus lebten, die Feiern nie auffallend frühzeitig.

In der Gegenwart meines anderen Großvaters jedenfalls wurde nicht vom Krieg erzählt, weil alle die Gefahr der Zwietracht ahnten. Sie wussten, auf welcher Seite er nach der Machtergreifung gestanden hatte, wie lange er im Feld und anschließend in Gefangenschaft gewesen war. Und sie konnten sich vorstellen, was davon noch in ihm steckte.

Über den Krieg erfuhr ich daher nur etwas, wenn ich mit einem der Alten allein war und plötzlich eine Erinnerung bei ihm ausgelöst wurde, die er des Erzählens wert befand. Das kam selten vor, und von dem Wenigen, das ich erfuhr, blieb wiederum nur ein Teil im Gedächtnis haften. Aus diesen Splittern ergab sich kein geschlossenes Bild, sondern lediglich ein lückenhaftes Mosaik, dessen Muster man nicht erkennen konnte.

Mein Großvater Jakob war in Frankreich desertiert, nachdem er von der Landung der Alliierten und ihrem Näherrücken gehört hatte. Das wusste ich, und auch, dass er als Simulant Zuflucht in einem amerikanischen Lazarett gefunden hatte, doch wie er von Frankreich nach Hause gekommen war, wusste ich nicht. Meine spärlichen Kenntnisse setzten erst wieder mit der Szene ein, in der meine damals achtjährige Mutter ihm entgegenläuft und ihn am Ortsrand in Empfang nimmt.

Ich wusste auch, dass mein anderer Großvater in England und Kalifornien gefangen gewesen war, doch war mir unbekannt, in welcher Reihenfolge, in welchen Lagern und an welcher Front er dem Feind überhaupt in die Hände gefallen war. Auch über seiner Heimreise lag dichter Nebel, nur von dem Moment, in dem der Heimkehrer nach acht Jahren Krieg und Gefangenschaft zum ersten Mal seinem Sohn wiederbegegnete, wusste ich, denn davon hatte mein Vater zwei, drei Mal gesprochen.

Ein Kind war nicht imstande, Rätsel dieses Ausmaßes durch gezielte Fragen zu lösen, einem Jugendlichen fehlten dazu Energie und Interesse, und wenn der Erwachsene allmählich die sich hinter diesen Rätseln verbergende Bedeutung ahnte, waren diejenigen, die seine Fragen hätten beantworten können, nicht mehr am Leben. Dann konnte nur die Vorstellungskraft noch die Lücken im Mosaik füllen, indem sie die ausgesparten Geschichten erzählte.

Als ich am Freitagabend im Westen Londons allein aus dem Kino kam, wunderte ich mich über die vielen Gedanken, die der Film ausgelöst und mich so weit in meine Kindheit zurückgeführt hatte, und während ich auf dem Heimweg noch die Kette der Assoziationen zu deuten versuchte, lief ich geradewegs in eine weitere Erinnerung hinein, die mich nicht weniger überraschte und zwei Lebenszeiten auf einmal ins Bewusstsein rief.

 

Im Februar 1988, ein halbes Jahr bevor mein Großvater starb, trat ich im Untergeschoss des Münchner Hauptbahnhofs in eine Telefonzelle und wühlte in den dort wie eine Hängeregistratur angebrachten Telefonbüchern nach einer rettenden Nummer. Ich war zum Studieren mit großen Hoffnungen in die Großstadt gezogen, hatte aber nach Monaten immer noch keinen Anschluss gefunden. Das Gift der Niedergeschlagenheit erfüllte mich, ich machte mir mein Alleinsein zum Vorwurf und registrierte zunehmende Abscheu vor mir selbst. Bald ekelte ich mich vor meinem Spiegelbild, hasste alles, was ich tat und dachte, fand mich nichtswürdig und schlecht und verfiel anfallartig in Verhaltensweisen, die mich dennoch erschreckten, weil sie bestrafenden Charakter hatten und mir und den Gegenständen, die mich umgaben, beträchtliche Schäden zufügten. Also versteckte ich die scharfen Messer, schloss die wenigen wertvollen Dinge, die ich besaß, in der Schreibtischschublade ein, mied Bahndämme und hohe Brücken und achtete darauf, keine Jobs anzunehmen, bei denen ich Auto fahren musste und mich somit der Gefahr aussetzte, dass ich plötzlich einen Baum am Straßenrand ansteuerte. Was genau man gegen solche Zustände unternehmen konnte, wusste ich nicht, aber es musste in dieser Stadt Institutionen geben, die in solchen Fällen Hilfe leisteten.

Es dauerte eine Weile, bis ich im Telefonbuch eine infrage kommende Beratungsstelle fand und mich überwinden konnte, anzurufen. Man verwies mich an eine andere Stelle, wo man mich mit wochenlangen Wartezeiten konfrontierte, mir aber noch weitere Nummern nannte, und nach mehreren vergeblichen Telefonaten stieß ich am Ende auf eine kirchliche Einrichtung, wo man bereit war, mich zwei Tage später zu empfangen. Ich ging hin und schilderte der Mitarbeiterin, welche Symptome mich plagten, woraufhin sie mir weitere Gespräche anbot. Nachdem ich sie mehrmals aufgesucht hatte, riet sie mir zu einer gründlichen Behandlung. Sie schlug eine Therapieform vor, die ich dem Namen nach kannte, weil sie die berühmteste von allen war, und nannte mir einen Therapeuten, den sie für geeignet hielt. Auch dieser ließ mich nicht lange bis zum Vorgespräch warten. Noch in derselben Woche saßen wir uns in seinem dämmrigen, da im Erdgeschoss und zum Hof gelegenen Behandlungszimmer gegenüber. Wie auf einem alten Gemälde drang das gedämpfte Licht von links herein und teilte den Körper meines Gegenübers in eine helle und eine dunkle Hälfte.

Er gab uns fünfzig Minuten Zeit, um Klarheit darüber zu erlangen, ob wir uns eine mehrjährige Zusammenarbeit vorstellen konnten. Im Gespräch gab er sich verbindlich, war jedoch spürbar auf Distanz bedacht. Es sollte gar nicht erst der Eindruck gewöhnlicher Freundlichkeit aufkommen.

Als die Zeit fast abgelaufen war, bat er mich, ihm eine Kindheitserinnerung zu erzählen.

Irgendeine?

Was Ihnen als Erstes einfällt.

Ich sträubte mich gegen diese Willkür des Erinnerns. Waren solche Zufallsmethoden seriös? Zwar kam mir sofort etwas in den Sinn, eine kleine Szene ohne Handlungsverlauf und Pointe, doch schien sie mir zu geringfügig zu sein, weshalb ich im Stillen nach Begebenheiten, die mehr über mich verrieten, suchte. Aber ich fand nichts. Die erste Szene, die mir eingefallen war, verstellte in ihrer Schlichtheit den Blick auf alles andere. Mir blieb nichts übrig, als auf sie zurückzugreifen.

Im Zustand der Halt- und Mutlosigkeit war ich zu dem Therapeuten gekommen, doch nun erzählte ich ihm eine Erinnerung, die geradezu als Inbild von Halt, Geborgenheit und Zuversicht gelten konnte. Ich erzählte ihm, wie ich als kleiner Junge von drei oder vier Jahren auf dem Fahrradkindersitz saß, im Fahrtwind, begeistert und gespannt, wo es hingehen würde, obschon ich es ahnte: am Tierpark vorbei zum Friedhof, und vielleicht weiter in den unmittelbar angrenzenden Wald.

Der Kindersitz war vorne am Gestänge angebracht und bestand aus einem Blechgeflecht in Schalenform, das mit einem dünnen Polster ausgelegt war. Meine Füße standen auf ausklappbaren Fußrasten, meine Hände umfassten den inneren Teil der Lenkstange. Natürlich trug ich keinen Helm, natürlich war ich nicht angeschnallt, niemand wäre in den Sechzigerjahren auf die Idee gekommen, das für gefährlich zu halten, und auch ich fühlte mich sicher, denn hinter mir saß mein Großvater. Er lenkte das Rad, ein Damenrad, er fuhr immer mit einem Damenrad, weil man bequemer aufund absteigen konnte. In der Erinnerung spürte ich die Anwesenheit seines Körpers, die Rückendeckung, die er mir gab, und ich sah rechts und links seine Arme mit den Händen, die unerschütterlich die Lenkstange hielten.

Das ist alles, sagte ich. Wahrscheinlich schaute ich mein Gegenüber dabei an, als rechnete ich mit einer schlechten Zensur für meinen handlungsarmen Vortrag.

Danke, sagte er. Sehen wir uns dann nächste Woche um die gleiche Zeit?

Er hätte durchaus mehr als Danke sagen können, dachte ich auf dem Heimweg vom Kino. Aus dem Abstand von fünfundzwanzig Jahren betrachtet, nahm sich das betont korrekte Verhalten des Psychoanalytikers etwas zwanghaft aus. Seine Zuwendung war rein beruflicher Natur, das wollte er mir gleich zu Beginn deutlich machen. Ich wusste noch, wie ich deswegen eine leichte Gereiztheit verspürt hatte. Trotzdem war ich eine Woche später erneut in die Hinterhofpraxis gegangen, wo ich aufgefordert wurde, mich für die Dauer der Sitzung auf einer Liege niederzulassen.

Und nun überkam mich an einem zufälligen Freitagabend bei der Erinnerung an ebendiese Szene, die mich von meinem Großvater umfasst auf dem Kindersitz des Fahrrads zeigte, eine Rührung von verwirrender Wucht. Ich wusste nicht, warum, konnte Selbstmitleid aber ausschließen. Offenbar brach sich ein auf Anhieb nicht zu differenzierender Gefühlsüberschuss Bahn.

Zu Hause angekommen, musste ich mir das Salz aus dem Gesicht waschen, doch fühlte ich mich weder erschöpft noch bedrückt, sondern erstaunlich frisch. Keine Spur mehr vom Jetlag. Ich mochte nicht ins Bett gehen, da ich befürchtete, den angenehmen Zustand an den Schlaf zu verlieren. Also zog ich Schuhe und Strümpfe aus, setzte mich auf den Fußboden, was ich sonst nie tat, und betrachtete meine nackten Füße, was ich noch nie getan hatte. Sie erinnerten mich an die Füße von antiken Statuen, weil die zweiten Zehen etwas über die großen Zehen hinauswuchsen, was in der Antike als Schönheitsideal galt.

Ich schämte mich ein wenig für meine Selbstbetrachtung, doch ich fühlte mich wohl, wie ich so dasaß und nichts Zweckmäßiges tat, und darum versuchte ich das Gefühl aufrechtzuerhalten, indem ich weitere Bilder weckte. Ich stellte mir die Arme meines Großvaters in allen Einzelheiten vor – kräftig wie die eines Turners, der täglich an der Teppichstange Klimmzüge machte – und landete prompt bei der Geschichte vom Attentat mit dem Schornstein, die mein Vater erzählt hatte und die meinen Großvater so gar nicht als Menschen darstellte, der Geborgenheit gab. Seine Arme besaßen vielmehr auch die Kraft, Schaden anzurichten.

Es war, wie wenn nach einem bewegenden Film das Licht angeht und man sich in einem kahlen Kinosaal wiederfindet. Es war eine Desillusionierung. Ich deutete sie als Mahnung, mich beim Blick auf die Vergangenheit nicht der Nostalgie hinzugeben, sondern das Erinnern unter Berücksichtigung der größeren Zusammenhänge strategisch anzugehen.

Barfuß ging ich zum Regal. Da ich keine Fotoalben besaß, in denen ich meine Großeltern hätte betrachten können, nahm ich einige Bücher über ihre und meine Heimatstadt heraus. Mein Vater hatte sie mir über die Jahre hinweg geschenkt, jeweils zu Weihnachten und zum Geburtstag, ich hatte sie mir alle angesehen, doch meist mit oberflächlichem Interesse, weshalb sie nun wie neu vor mir lagen, eine illustrierte Chronik der Stadt, Publikationen über den Dom, mehrere Bildbände mit Stadtansichten sowie im roten Schutzumschlag ein Buch über die Kriegsjahre. Es dokumentierte hauptsächlich die Luftangriffe der Alliierten und die daraus resultierende Zerstörung. Trümmerbilder füllten die Seiten, eines schlimmer als das andere. Schon blätterte ich wieder flüchtiger, weil das alles nichts mit mir zu tun hatte und ich mir weder meine Eltern noch meine Großeltern in die Fotografien hineindenken konnte, aber dann stieß ich auf eine Information, die mich elektrisierte.

Die Große Bleiche, jene breite, lange, vom Münsterplatz aus auf den Rhein zuführende Straße, eine der zentralen Achsen der Stadt, sei mit Holz gepflastert gewesen, hieß es in dem Buch. Bei den Luftangriffen sei sie deshalb zur Todesfalle geworden. »Aus der geteerten Holzpflasterdecke züngelten Flammen. Wer hier eine Flucht wagte, blieb im flüssigen Teer haften und verbrannte bei lebendigem Leibe. Die Windböen vereinigten sich über dem brennenden Pflaster zu einem Feuersturm. Umherfliegende Elektronspritzer explodierender Brandbomben tanzten auf dem Pflaster und ließen Tausende von Sternen sprühen.«

Ich betrachtete das dazugehörige Bilddokument ganz ruhig, gefasst, könnte man sagen, obschon mich bei seinem Anblick eine unglaublich grelle, ja geradezu blendende Erkenntnis durchzuckte: Ich wusste von etwas, das zu diesem Bild und seinem Text gehörte, und wenn mich nicht alles täuschte, wusste niemand außer mir davon.

 

Wir hätten zum Rochusberg pilgern müssen, murmelt der Vater am frühen Morgen beim Anlegen der Arbeitskleidung. Der Sohn weiß, was gemeint ist. Bevor man eine so gewaltige Arbeit aufnimmt, wie sie ihnen bevorsteht, rät es sich, die größtmögliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Immerhin hat der Junge einen Teil seines Morgengebetes an den heiligen Rochus gerichtet, den Patron der Pflasterer.

Sie laden das Werkzeug in die Karre mit den Gummirädern, Hämmer in unterschiedlicher Größe, den Stampfer, Hölzer und Schnur, die umschnallbaren, einfüßigen Hocker, dann ziehen sie los. Sie gehen vier Kilometer durchs Morgengrauen und erreichen die Baustelle, als die Sonne gerade die Pappeln auf der rechten Rheinseite übersteigt und quer über den Fluss hinweg ein Strahlenbündel durch die Häuserschneise jagt, in der sie von diesem Tag an mehrere Monate lang arbeiten werden, sechs Tage die Woche, den ganzen Frühling und Sommer hindurch, gewiss bis weit in den Herbst hinein. Ihre Aufgabe lautet, die Schneise, die jetzt für wenige Minuten wie eine erleuchtete Bühne vor ihnen liegt, zu einer Vorzeigestraße zu machen. Seit aus Amerika und England von den Vorzügen hölzerner Straßenbeläge zu hören war, hat es vermehrt Aufträge gegeben, Straßen mit Holz zu pflastern, bevorzugt solche, an denen Schulen liegen, damit die vorbeirollenden Wagen weniger Lärm verursachen und den Unterricht nicht stören. Dabei hat sich Jakobs Vater hohes Ansehen erworben. Inzwischen ist seine Firma die einzige, die solche Aufträge überhaupt noch ausführen kann, obwohl sie lediglich aus zwei Personen besteht, aus Vater und Sohn: Philipp und Jakob Flieder. Ein Mann und ein Jugendlicher. Nur die beiden wissen noch, wie man Holzpflaster verlegt, und jetzt haben sie eine Baustelle von einem Kilometer Länge und zwanzig Metern Breite vor sich. Zwanzigtausend Quadratmeter, zwei Millionen Holzklötze. Sie werden monatelang auf ihren einbeinigen Schemeln hocken und Holzklotz für Holzklotz setzen, sie werden jede Reihe in der Mitte beginnen, Seite an Seite, und Klotz für Klotz nach außen rücken, jeder in seine Richtung, und nachdem sie den Rand erreicht haben, treffen sie sich in der Mitte der nächsten Reihe wieder. Allerdings arbeitet der Vater mit seiner Erfahrung schneller als der Sohn, zumal dieser die zusätzliche Aufgabe innehat, frische Klötze herbeizuholen, wenn die bereitliegenden aufgebraucht sind.

Städtische Angestellte haben unter der Aufsicht von Philipp die Baustelle vorbereitet und notdürftig abgesperrt. Darum können die beiden Pflasterer, der alte und der junge, sich an diesem Morgen sogleich ans Werk machen. Kaum hocken sie auf ihren Schemeln und führen die ersten Hammerschläge aus, lockt das Geräusch Schaulustige an. Die beiden Männer arbeiten zügig, wie im Akkord, sie wissen, wie viele Klötze sie jeden Tag verarbeiten müssen, um vor den nassen Novembertagen fertig zu werden. Philipp gibt die Anzahl der Reihen vor, die sie bis zur Mittagspause schaffen wollen, dann werden die Klötze in den Sand gesetzt, und die Gummihämmer sprechen.

Die Baustelle hat den Vorteil, dass die beste Metzgerei der Stadt in der Nähe liegt. Man kann sich dort zum Mittag heiße Fleischwurst kaufen und aus dem Papier essen. Jakob lässt sich gern zum Essenholen schicken, denn er mag alles an der Metzgerei, die Kacheln, die Gerüche, die Würste an den Haken, die dünn gestreiften Schürzen der Verkäuferinnen, die ganze Geschäftigkeit, die vermittelt, dass hier mit Kostbarem gehandelt wird.