Nele & Paul - Michel Birbæk - ebook

Nele & Paul ebook

Michel Birbæk

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Opis

Es roch nach Frau. Ich schlug die Augen auf und lächelte. Bis ich sah, wo ich war. Ein fremdes Schlafzimmer. Über mir hing eine Wanduhr, deren Ticken mich die ganze Nacht genervt hatte. Auf der Kommode neben dem Bett lag kein Zettel. Es duftete nicht nach Kaffee. Niemand küsste mich wach. Niemand legte sich noch mal zu mir. Niemand verpasste mir einen süßen Blick wegen letzter Nacht. Nachts ließen One-Night-Stands einen bisweilen vergessen, dass es nicht die Frau des Lebens war, die da so schön seufzte. Doch das Morgenlicht rückte das Verhältnis zurecht. Bloß zu Besuch. Ich rollte mich aus dem Bett, griff nach meiner Hose und dachte an Nele. Das ist das Problem mit der großen Liebe - sie versaut einen für die kleinen.

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Buch

Es roch nach Frau. Ich schlug die Augen auf und lächelte. Bis ich sah, wo ich war. Ein fremdes Schlafzimmer. Über mir hing eine Wanduhr, deren Ticken mich die ganze Nacht genervt hatte. Auf der Kommode neben dem Bett lag kein Zettel. Es duftete nicht nach Kaffee. Niemand küsste mich wach. Niemand legte sich noch mal zu mir. Niemand verpasste mir einen süßen Blick wegen letzter Nacht. Nachts ließen One-Night-Stands einen bisweilen vergessen, dass es nicht die Frau des Lebens war, die da so schön seufzte. Doch das Morgenlicht rückte das Verhältnis zurecht. Bloß zu Besuch. Ich rollte mich aus dem Bett, griff nach meiner Hose und dachte an Nele. Das ist das Problem mit der großen Liebe - sie versaut einen für die kleinen.

Autor

Michel Birbæk, geboren in Kopenhagen, lebt seit vielen Jahren in Köln. Als Sänger war er fünfzehn Jahre mit Rockbands unterwegs. Danach arbeitete er unter anderem als Kolumnist für mehrere Frauenmagazine und seit zwanzig Jahren als Drehbuchautor für einige der erfolgreichsten deutschen TV-Serien. Seine bisherigen Romane haben sowohl die Kritiker als auch eine große Fanbase erobert.

Weitere Informationen unter: www.birbaek.de

Von Michel Birbæk bereits erschienen:

Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen. Roman

Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr. Roman

Beziehungswaise. Roman

Die Beste zum Schluss. Roman

Das schönste Mädchen der Welt. Roman

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Michel Birbæk

Nele & Paul

Roman

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© 2018 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkterstr. 28, 81673 München

Zuerst erschienen 2009 bei Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Köln

Umschlaggestaltung und -abbildung: semper smile, München

NG · Herstellung: sam

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-22670-1V001www.blanvalet.de

prolog

Es roch nach Frau. Ich schlug die Augen auf und lächelte. Bis ich sah, wo ich war. Ein fremdes Schlafzimmer. Über mir hing eine Wanduhr, deren Ticken mich die ganze Nacht genervt hatte. Auf der Kommode neben dem Bett lag kein Zettel. Es duftete nicht nach Kaffee. Niemand küsste mich wach. Niemand legte sich noch mal zu mir. Niemand verpasste mir einen süßen Blick wegen letzter Nacht.

Nachts ließen One-Night-Stands einen bisweilen vergessen, dass es nicht die Frau des Lebens war, die da so schön seufzte. Doch das Morgenlicht rückte das Verhältnis zurecht. Bloß zu Besuch.

Ich rollte mich aus dem Bett, griff nach meiner Hose und dachte an Nele. Sie war immer noch die Frau, an die ich dachte, wenn ich mich bei einer anderen einsam fühlte. Vielleicht fühlte ich mich auch bei den anderen einsam, weil ich immer noch an Nele dachte. Das ist das Problem mit der großen Liebe – sie versaut einen für die kleinen.

zehn

Das Thermometer zeigte siebenunddreißig Grad. Es waren Gewitter angesagt, aber der Himmel blieb blau, und der Wind hatte nachgelassen. Eine schwere Schwüle lag über allem, als sei die Welt aus Sirup. Das Bürofenster stand sperrangelweit offen, dennoch drang kein Lüftchen zu uns herein. Ich blätterte in einem Frauenmagazin und versuchte, mich nicht totzugähnen. An manchen Tagen konnte man die Anrufe kaum entgegennehmen, und dann gab es Tage wie heute. Seit fünf Stunden hatte sich im ganzen Landkreis kein Unfall zugetragen, niemand hatte sich geprügelt, jemanden verletzt oder sonst wie geschädigt. Eine Nachricht, die nie in den Medien auftauchen würde.

»Hör dir das an …«, sagte Rokko und fächelte sich mit einer Zeitung Luft zu, während er auf seinen Monitor starrte. »Klassefrau sucht Klassemann für Klassesachen. Kein B und B. Keine Spinner, Frustrierten und … oh, schade.« Er warf mir einen bedauernden Blick zu. »Keine Muttersöhnchen.«

»B und B?«, fragte ich.

»Bauch und Bart«, sagte er und ließ seinen Finger über den Monitor gleiten. Bei jeder Bewegung spielten die Muskeln unter seiner Haut. »Hm, das könnte passen: Ich, dick, 63, Freude am Essen und Kochen, suche dich, lustig, mit Spaß am Zuhören … Zuhören kannst du ja.«

Er grinste, und wie zum Beweis blinkte die Telefonanlage und mit ihr die Lichterkette, die wir letztes Jahr Weihnachten angeschlossen hatten. Die Nummer einer Telefonzelle im Nachbardorf. Ich ging ran.

»Polizeinotruf.«

»Ich bin mit dem Fahrrad gestürzt. Ich glaube, ich habe mir den Arm gebrochen.«

»Ich schicke Ihnen einen Krankenwagen. Ich sehe, Sie stehen in einer Telefonzelle, bleiben Sie bitte da, bis der Krankenwagen eintrifft. Wie ist Ihr Name?«

»Das können Sie sehen?«

»Nein, darum frage ich ja.«

»Was?«

»Ihren Namen, den kann ich nicht sehen. Dass Sie in einer Telefonzelle stehen, wird angezeigt.«

»Wirklich?«

Die Wunder der Technik schienen ihn mehr zu interessieren als seine Verletzung. Schließlich verriet er mir seinen Namen, ich schickte ihm den Rettungswagen und eine Streife. Kaum hatte ich aufgelegt, blinkte die Lichterkette wieder. Eine Festnetznummer aus dem Ort. So war es oft. Stundenlang nichts, dann alle auf einmal.

»Polizeinotruf.«

Ein Kind kicherte unterdrückt.

»Ich will fiiiickennn!«

Ich drückte den Anruf weg und lehnte mich wieder zurück. Bei Hitze und Vollmond nahmen die Anrufe der Verrückten zu. Das war wie Ebbe und Flut. Kinder waren davon allerdings ausgenommen, die kannten zu keiner Zeit Pardon.

»Spinner?«, fragte Rokko, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen.

»Kind.«

Ich las einen Artikel über die Probleme moderner Großstadtfrauen, einen Mann zu finden, und versuchte, mich dabei möglichst wenig zu bewegen. Die Hitze war überall, und wenn man sich zu schnell bewegte, spürte man sie auf der Haut wie nach einem Saunaaufguss. Als ich aufstand, löste mein Rücken sich mit einem Klettgeräusch von der Rückenlehne des Bürostuhls.

»Was aus dem Kühlschrank?«

Rokko winkte ab, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Ich ging raus auf den leeren Flur. Vorne am Empfang plärrte ein Radio, ein Ventilator lief, sonst war nichts zu hören. Die Dienstküche war ein vier Quadratmeter großes Loch ohne Fenster, dafür mit einer Espressomaschine, die wir beim Polizeibingo gewonnen hatten. Ich holte eine Flasche Wasser aus meinem Kühlschrankfach und trank einen halben Liter auf ex. Man sollte meinen, dass man sich an Temperaturen gewöhnte, aber auch nach zehn Wochen Hochsommer schwitzte man die Flüssigkeit genauso schnell wieder aus, wie man sie aufnahm. Ich trank noch einen Schluck und lauschte der Trägheit im Revier. Das Radio spielte die allergrößten Hits der wirklich allergrößten Hits, zwischendurch hörte man leisen Funk und gelegentlich eine Antwort von Karl-Heinz, der die Wagen koordinierte, sonst war alles ruhig. Die Temperaturen lähmten sogar das Verbrechen. Alles, was die schweren Jungs momentan wollten, war hitzefrei und ein schattiges Plätzchen.

Als ich in unser Kabuff zurückkehrte, blinkte die Lichterkette. Rokko machte keine Anstalten, seine Lektüre zu unterbrechen. Ich ließ mich auf meinen Stuhl sinken und griff nach dem Hörer.

»Polizeinotruf.«

Ich nahm den Hinweis entgegen, dass zwei junge Männer sich auf einem Parkplatz an einem Wagen zu schaffen machten. Der Anrufer war etwas älter und half mit einer Wegbeschreibung, die die Kollegen ins Ausland verfrachtet hätte. Während ich versuchte, die korrekte Adresse in Erfahrung zu bringen, blinkten die Lichter erneut, und Rokko nahm notgedrungen einen Notruf auf der zweiten Leitung entgegen. Ich schickte einen Streifenwagen los und lauschte mit einem Ohr, wie Rokko seinen Anrufer mit Paragraf 145 zusammenstauchte. Er beendete das Gespräch, schwang sich auf seinem Stuhl herum und grinste mich an.

»Bingo!«

»Lass hören.«

Er musste einen Augenblick warten, weil die Lichterkette wieder blinkte. Unfall auf dem Zubringer. Ein Verletzter. Ich schickte Streife und Rettungswagen los und wendete mich Rokko zu, der die Aufzeichnung laufen ließ. Eine weib­liche Stimme wünschte ihm einen guten Tag und sagte, dass ihr Handy soeben in die Badewanne gefallen sei und sie nur sehen wollte, ob es noch funktionierte. Rokkos Entgegnung, dass sie gleich herausfinden würde, wie eine Strafanzeige funktioniert, kannte ich schon. Die Frau fing an zu stottern, entschuldigte sich kleinlaut und versprach ihm, so was nie wieder zu tun. Zum Schluss flehte sie ihn förmlich an, keine Anzeige zu erstatten. Er sampelte den Anruf in unserem Best-of-Ordner. Eigentlich waren Notrufe vertraulich und sollten nach sechs Monaten aus Datenschutzgründen gelöscht werden, aber wir archivierten die schrägsten Anrufe und brannten zu Weihnachten Best-of-CDs, die wir im Revier verschenkten. Eine Aktion, die super ankam. Mittlerweile kamen schon im August die ersten Anfragen.

»Hör dir das an … « Rokko klopfte mit einem Fingernagel gegen den Bildschirm. »Schöne, kluge Frau, 37, alleinerziehend mit vierjährigem Sohn, voll berufstätig. Happy, aber irgendwie einsam. Es muss doch da draußen noch … hm … vergiss es.«

Ich hob die Augenbrauen.

»Bauch und Bart?«

»Nee, der Typ soll klug sein.«

»Immerhin bin ich klug genug, keine Kontaktannoncen zu lesen, wenn ich liiert bin.«

»Aber doof genug, keine zu lesen, wenn du Single bist.« Er verzog das Gesicht. »Mann, Dicker, ich bin in einer Beziehung und hab mehr Sex als du. Du bist ’ne echte Schande für alle Singles.«

Wenn man nicht mit seinen Eroberungen prahlte, hatte man in Rokkos Welt keinen Sex. Für einen Augenblick überlegte ich, ihm von letzter Nacht zu erzählen, aber ich war nicht stolz darauf, mit Simone nach Hause gegangen zu sein. Als ich noch Streife gefahren war, hatte ich ihren Mann zweimal wegen kleinerer Dealereien drangekriegt. Jetzt, wo er länger im Gefängnis saß, fühlte sie sich einsam und tat manchmal was dagegen. Vielleicht war es okay, dass sie das tat. Vielleicht war es aber nicht okay, dass ich mit Frauen schlief, deren Männer ich zuvor verhaftet hatte. Vielleicht würde ich bald den Ehemännern attraktiver Frauen gefälschte Beweise unterjubeln.

Die Lichterkette blinkte, und ich beruhigte eine alte Frau, deren Katze sich in Luft aufgelöst hatte. Unter freund­licher Anleitung stellte die alte Dame den brüllend lauten Fernseher ab, und in der folgenden Stille hörte sogar ich das kläg­liche Maunzen einer eingesperrten Katze. Die alte Frau fand das Tier im Schrank, legte den Hörer weg und vergaß mich auf der Stelle. Ich hörte eine Zeit lang zu, wie sie sich freute, dass Maxi wieder da war, und sie sanft ermahnte, so etwas ja nie wieder zu machen. Schließlich wünschte ich dem Hörer einen schönen Tag, legte auf und bekam Kopfschmerzen. Das Büro war eine Sauna, und wir hatten immer noch keine Klimaanlage, ein Zustand, den Rokko als die wahre Klimakatastrophe bezeichnete. Der Antrag war vor zwei Jahren bei der Zentralverwaltung eingereicht worden, doch seitdem hatte keiner was gehört. Alles, was man tun konnte, war flach zu atmen und sich gelegentlich kalte Tücher in den Nacken zu legen.

Ich las den Artikel über die Probleme moderner Großstadtfrauen zu Ende und hoffte, ich würde in den Genuss kommen, meine neu gewonnenen Erkenntnisse irgendwann am lebenden Objekt anzuwenden, als die Lichterkette wieder blinkte. Rokko machte keine Anstalten, sich zu bewegen, doch ich starrte so lange in mein Magazin, bis er ranging und den Namen meiner Mutter sagte. Mein Puls hüpfte. Mein Bauch wurde hart. So musste der Anruf damals reingekommen sein. Autounfall. Eine Schwerverletzte. Der Name meiner Mutter.

Rokko verabschiedete sich artig und legte mir den Anruf rüber. Ich nahm das Gespräch an.

»Polizeinotruf«, sagte ich streng.

»Hallo, mein Schatz.«

»Ist das ein Notruf?«

»Wenn du nachher was essen willst, ja. Es waren wieder Kaninchen im Garten, wozu haben wir eigentlich einen Hund? Bringst du bitte Mohrrüben vom Markt mit? Und Chilischoten. Und Olivenöl. Außerdem brauchen wir noch Rotwein. Und spar nicht wieder beim Öl. Bis später, Schatz.«

Sie küsste in den Hörer und legte auf. Ich nickte vor mich hin und tat, als sei sie noch dran.

»Weißt du eigentlich, dass Rokko den ganzen Tag Krüppelwitze macht?«

Am Nebentisch zuckte Rokkos Kopf hoch.

»Was? Echt …?«, sprach ich weiter und hob die Augenbrauen. »Ach so.« Ich warf Rokko einen kurzen Blick zu und nickte. »Ja, gut, sag ich ihm. Bis nachher.«

Ich unterbrach, lehnte mich zurück, nahm das Magazin und tat, als würde ich lesen. Von Rokko drang erwartungsvolle Stille zu mir. Schon bald nannte er mich einen Penner und las mir weitere Annoncen vor. Vielleicht hätte ich besser zuhören sollen, denn es war schon einige Zeit her, seitdem ich eine feste Beziehung gehabt hatte. Vielleicht lag es an mir. Vielleicht lag es auch an dem knappen Angebot in der Gegend. Die Frauen waren entweder verheiratet, oder man kannte sich seit Jahrzehnten. Vielleicht sollte ich in die Großstadt ziehen, um meine Chancen zu erhöhen. Vielleicht aber auch nicht, denn wenn die Exdörfler Weihnachten einfielen, um bei ihren Familien zu feiern, konnte man feststellen, dass die meisten von ihnen auch Singles waren, obwohl sie in Städten lebten mit Singlepartys, Kontaktannoncen und Kneipen. Die Großstadt schien auch nur ein leeres Versprechen zu sein.

Hundert gefühlte Aufgüsse später war die Frühschicht zu Ende, und Gernot und Schmidtchen kamen zur Spätschicht herein. Schmidtchen nahm meine Liste mit den eingegangenen Notrufen ohne zu murren entgegen und nickte, als ich ihn bat, das Protokoll für die Kriminal- und Unfallstatistik zu schreiben. Er machte sich gleich an die Arbeit, während Gernot sich über unsere Unordnung aufregte. An ihm sah man, was eine Beziehung mit der falschen Frau anrichten konnte. Seit Jahren tauschte er seine Früh- und Spätschichten gegen Nachtschichten. Wenn er morgens nach Hause kam, war seine Frau schon in der Bäckerei. Wenn sie nachmittags von der Arbeit kam, schlief er noch. Wenn er aufwachte, schlief sie schon. Bald hatten sie goldene Hochzeit, und jeder war gespannt, ob sie feiern würden, und wenn ja, ob zur selben Zeit.

Gernot meckerte, Rokko nannte ihn Spießer. Die Lichterkette blinkte. Ich ging ein letztes Mal ran.

»Polizeinotruf.«

»Hallo, mein Schatz.«

»Du sollst mich nicht unter dieser Nummer anrufen.«

»Es ist ein Notfall.«

»Lass mich raten, wir haben keinen Rhabarber, und es könnte jemand zu Besuch kommen, der Lust auf Rhabarberkuchen hat?«

»Ich stecke mit dem Rollstuhl fest.«

»Wo?«

»Oben am Steinbruch.«

»Du sollst doch damit nicht ins Gelände fahren.«

»Hilfst du mir nun, oder soll ich hier verenden?«

»Bleib, wo du bist.«

Sie lachte nicht. Ich schnappte mir das Funkmikro.

»Zentrale an alle. Ist ein Wagen in der Nähe des Steinbruchs?«

»Wagen vier ist in der Nähe«, meldete sich eine weib­liche Stimme.

Im Kabuff war schlagartig Stille. Alles starrte zum Funkgerät, aus dem die einzige weib­liche Stimme gesprochen hatte, die es im Revier gab. Die Kollegin war erst vor kurzem aus Köln zu uns versetzt worden. Über die Gründe zerriss sich das ganze Revier das Maul. Was auch immer der Grund sein mochte – unser Revierleiter Hundt würde sie fertigmachen. Eine Frau. Aus der Großstadt. Die mehr Berufserfahrung hatte als er. Jetzt war schon mal eine Frau im besten Alter hergezogen, und dann das. Nicht nur die Junggesellen wetzten die Messer, sogar ein paar der Liierten waren bereit, die Scheidung zu riskieren, um mal an der Superbullette zu naschen. Man musste sich ranhalten, denn Hundt schikanierte sie, wo er konnte, und alle befürchteten, dass sie sich bald wieder in die Großstadt zurückversetzen lassen würde.

Ich gab ihr Mors Aufenthaltsort durch. Sie nahm die Sache an sich. Ich bedankte mich. Sie sagte, kein Problem. Ich legte das Funkmikro weg.

Nach einem Augenblick der Starre erwachte das Kabuff wieder zum Leben. Rokko drückte Gernot noch ein paar Sprüche über putzgeile Untote rein, schob Schmidtchen das Wachtagebuch rüber, dann winkten wir Karl-Heinz, der im Empfangsraum eine Anzeige aufnahm, und traten ins Freie.

Wir schnappten nach Luft. Obwohl es Nachmittag war, biss die Hitze immer noch auf der Haut wie ein aggressives Insekt. Der Parkplatz flimmerte, am Himmel war trotz der Gewitterwarnung nicht eine einzige Wolke, um die Lage zu entschärfen.

»Scheiße«, stöhnte Rokko, »geht denn dieser verfluchte Sommer nie zu Ende?«

»Doch, und dann wirst du dich aufregen, dass es so verflucht kalt geworden ist.«

»Haha«, sagte er und schimpfte dann auf die Bande. Die Bande bestand aus drei, vier Mann und räumte seit Monaten sporadisch Häuser aus. Bis vor zwei Wochen war es bloß eine gewöhn­liche Einbrecherbande gewesen, doch dann hatten sie einen der Hausbesitzer gezwungen, zum Geldautomaten zu fahren. Dort hatten sie ihn mit Kopfverletzungen zurückgelassen. Diese Strategie gefiel ihnen offenbar so gut, dass sie beschlossen, sie zu manifestieren. Sie hatten es schon dreimal durchgezogen und sich so zum Dorfthema Nummer eins gemacht.

Wir erreichten Rokkos gelben Opel GT, den er vorausschauend im Schatten geparkt hatte. Ein Zivilwagen rollte auf den Parkplatz und hielt neben uns. Zwei Drittel unserer Kripo stieg aus. Schröder fluchte über Hundt, der keine Gnade mit der Dienstkleidung kannte, und verfluchte dann uns, die wir in Shorts, T-Shirts und Baseballkappen vor ihm standen. Er verfluchte die Sonne, den Sommer, das Mittagessen, seine Prostata, die Raststättenklos und noch ein Dutzend weiterer Sachen, während der Schweiß unter seinem Toupet hervortropfte. Schröder war ein Stradivari der Verdammungen, er erhob Fluchen zur Kunstform. Gerade hatte er eine Orientphase. In seinen Flüchen wimmelte es nur so von exotischen Tieren und Familienangehörigen.

»Einen Dromedarschiss auf Hundt … seine Eltern waren Geschwister … einen Kamelpimmel in den Mund seiner Mutter!«

Telly schüttelte lächelnd den Kopf und setzte sich die Dienstmütze auf, um seine Halbglatze zu schützen.

»Hast du schon die Neue gesehen?«

»Nein.«

Er nickte eifrig.

»Sie hat wirklich gute Referenzen. Da fragt man sich, was sie hier draußen auf dem Land will.«

»Vielleicht das nächste Fernsehding: Frau sucht Bauer.«

Er lächelte.

»Willst du darauf wetten?«

Es liefen Wetten auf Telefonnummer, erstes Date und ersten Sex. Rokkos Quote stand bei allem 229 zu 1. Wenn man 229 Euro auf ihn setzte, bekam man einen Euro zurück, falls er die Neue als Erster rumkriegte. Ich reichte Telly einen Zehner und sagte ihm, er solle ihn auf Schröder setzen. Bei 1 zu 1112 konnte man da richtig Geld machen, und die Chancen standen nur ein bisschen schlechter als beim Besuch von Marsmenschen. Die hatten 1 zu 1000.

Schröder ging allmählich der Atem aus. Rokko fragte ihn, ob er sich in die Hosen gemacht habe, was einen neuen Lavastrom an tierischen Verwünschungen auslöste, der sich auf Rokkos Vorfahren und deren Berufe bezog.

Ich ging zum GT und klopfte aufs Dach. Rokko folgte mir, doch bevor er einstieg, prüfte sein Blick die Stelle, auf die ich geklopft hatte. Kein Kratzer. So musste er seinen besten Freund nicht töten. Schwein gehabt.

Als wir vom Dienstparkplatz runterfuhren, begann er, von der Neuen zu schwärmen, die er am Tag zuvor zum ersten Mal gesehen hatte. Sie musste ziemlich attraktiv sein. Allein die Aussicht, dass eine Frau herzog, die er noch nicht gehabt hatte, ließ Rokko aufblühen. Während wir für Mor einkauften, beschrieb er feuchte Träume. Hauptdarsteller: die Neue und er. Es war mir ein Rätsel.

Seit fünfzehn Jahren war er mit Anita zusammen. Anita war schön, versaut und schlau – und sie liebte ihn. Alle Junggesellen in der Gegend gruben sie permanent an, aber sie wollte nur den Einen. Doch der wollte sie alle. Oder zumindest die Option. Und so bestand die Beziehung der beiden aus Ruhepausen zwischen Streit und Versöhnung. Immerhin wurden die Pausen länger, denn in den letzten Jahren war Rokko ruhiger geworden. Er hatte sich ewig nicht mehr auf einem Schützenfest geprügelt oder ein Autorennen geliefert und war, soviel ich wusste, seit mindestens einem Jahr nicht mehr fremdgegangen. Nach seinem letzten Seitensprung hatte es zwischen den beiden so gekracht, dass Anita zum ersten Mal seit elf Jahren ohne ihn in Urlaub gefahren war. Das hatte ihm zu denken gegeben. Sein Ende als Dorfhengst vom Dienst war eingeläutet, aber nach außen hin klammerte er sich weiter an seinen Machoruf wie ein Obdachloser an seine letzte Pulle.

Auf dem ganzen Heimweg kannte er nur ein Thema. Das Radio spielte Blues, und neben mir malte mein ältester Freund begeistert Sauereien in den Sommertag, während er uns mit leichter Hand durch den Feierabendverkehr lenkte. Ich genoss den Fahrtwind, der mit meinen Haaren spielte wie ein neugieriges Kind, und machte mir so meine Gedanken. Als Nele ging, war ich Anfang zwanzig und dachte, dass es normal ist, ein Mädchen zu haben, das man bedingungslos liebt. Ich dachte, dass irgendwann die Nächste kommt, mit der es dann genauso wird. Der Irrsinn solcher Annahmen wird einem erst später bewusst. Seine große Liebe zu verlieren wirft ein neues Licht auf die Dinge.

Aber diesbezüglich hatte das Leben Rokko bislang ungeschoren davonkommen lassen. Anita verließ ihn nicht, egal was er anstellte. Ihm passierte nicht mal im Straßenverkehr etwas, obwohl er auch da nicht zurücksteckte. Wir schossen über die Landstraße, überholten Trecker, schnitten PKWs und ließen erschrockene Kurortbesucher hinter uns zurück. Eine Zeit lang hatte ich versucht, ihm den Zusammenhang zwischen zu schnellem Fahren und dem fehlenden Bein meiner Mutter zu erklären, aber auf dem Ohr war er taub.

Als wir in die Einfahrt einbogen, kam November aus dem Haus gerannt und führte einen Freudentanz auf. Rokko erinnerte mich an die wöchent­liche Pokerrunde und scheuchte mich aus dem Wagen, damit die Töle ihm nicht den heiligen Lack zerkratzte. Der GT schoss in einer Staubwolke vom Hof. Ich packte die Einkäufe und kämpfte mich in Richtung Haus, während ich versuchte, nicht über November zu stolpern, der mit wedelnden Ohren um mich herumhüpfte wie eine Wolke Flöhe.

»Hast du mich vermisst?«

Er legte einen schrägen Sprung hin. Man brauchte nur fünf Minuten wegzugehen, um empfangen zu werden, als kehre man von einer Weltreise zurück. So eine Frau wollte ich.

Mein Blick blieb an dem Rollstuhl hängen, der neben der Garage stand und auf den ersten Blick okay aussah. Als ich näher kam, sah ich, dass sich lange, vertrocknete Grashalme in der Radachse verflochten hatten. Mit dem, was da noch so alles rumhing, hätte man ein Naturkundemuseum eröffnen können. Langsam hatte ich die Nase voll.

In der Küche roch es nach Béarnaisesoße. Mor stand am Herd und rührte in einem Topf. Sie trug einen grünen Trainingsanzug, der einen starken Kontrast zu ihren roten Haaren bildete, die sie sich beim Kochen hochgesteckt hatte. Dort, wo ihr rechtes Bein sein sollte, pendelte ein leeres Hosenbein – zusammengeknotet, um nicht im Weg zu sein. Der Beinstumpf ruhte auf dem Griff einer Krücke.

»Hast du sie angesprochen?«

Ich stellte die Einkäufe auf den Küchentisch, drückte Mor einen Kuss auf die Wange und sah in den Topf.

»Wen?«

»Die Neue. Sie sieht wirklich klasse aus, oder?«

»Keine Ahnung. Der Rollstuhl ist übrigens nicht fürs Gelände geeignet.«

»Sehr attraktiv. Und so freundlich.«

»Kein Grund, das Ding zu zerstören.«

»Sie trug keinen Ring.«

»Dann werde ich mal nach dem Gartenzaun schauen, aber zuerst geh ich duschen.«

Ich marschierte los.

»Wenn du sie nicht anrufst, tu ich es!«, rief sie mir nach.

»Wusste gar nicht, dass du lesbisch bist!«, rief ich und ging die Treppe hoch in mein Reich. Eine ganze Etage für mich. Großes Zimmer, Bad mit Wanne, Gästezimmer, Abstellraum. Ich hatte mehr Platz, als ich brauchte. Ein weiterer Luxus, den das Dorfleben mit sich brachte.

Als ich wieder runterkam, summte Mor mit dem Radio, und der wunderbare Duft von frischem, warmem Essen trieb mir das Wasser in den Mund. November hatte den Kopf gesenkt und schielte erwartungsvoll zum Herd hoch, jederzeit bereit, aus den Startlöchern zu springen, wenn der Topf einen Fluchtversuch wagen sollte. Das Radio spielte Unforgettable. Wir sangen mit. Wie immer dachte ich dabei an Nele. Wer weiß, an wen Mor dachte.

Im Garten war es still. Der Wind machte Siesta. Kein Blatt bewegte sich. Die Nachmittagssonne knallte erbarmungslos auf den Sonnenschirm, unter dem wir ein frühes Abendessen zu uns nahmen. Mors Haut glänzte vor Schweiß, und sie war schwer genervt von den Fliegen. In der Küche hatte sie einen Handstaubsauger, mit dem sie Fliegen, Mücken und Motten entsorgte, doch hier draußen erwischte sie sie nicht. Ich pellte Kartoffeln und lachte über ihre vergeb­lichen Versuche, einerseits die Viecher zu verjagen und anderseits mir den Ernst der Lage zu erklären. Sie hatte mich geboren und alleine großgezogen, jetzt musste sie mich nur noch verheiraten, dann würde sie von der Vereinigung kompetenter Mütter die goldene Ehrennadel erhalten und könnte sich endlich entspannen. Vor meiner Geburt hatte sie in Dänemark als Köchin gearbeitet. Sie hatte sich von einer Auszubildenden zur Assistentin des Küchenchefs in einem Fünfsternerestaurant hochgedient, dann verliebte sie sich in einen deutschen Musiker und wurde schwanger. Mor zog zu meinem Vater nach Deutschland, lernte ihn besser kennen, und als er sie sitzen ließ, um mit einer Band auf Tour zu gehen, beschloss sie, mich alleine aufzuziehen. Sie meinte, dass mein Vater für eine Frau gut wäre, aber nicht für eine Familie. Also zog sie aufs Land und brachte mich zur Welt.

Als ich drei war, begann sie, Kochworkshops anzubieten und erwischte den Kochboom. Ihre Workshops waren voll, sie hatte Spaß an der Arbeit, und auch wenn sie meine Mutter war, wusste ich schon als Kind, dass sie gut aussah – rothaarig, lebensfroh und voller Energie. Die Männer machten mir Komplimente für sie. Sie verschwand gelegentlich auf Kurzreisen und kam gut gelaunt zurück. Einmal glaubte ich sogar, dass es über einen längeren Zeitraum derselbe Mann war, mit dem sie loszog, aber sie redete nie darüber, und ich fragte nicht. Der Einzige, der je bei uns übernachtet hatte, war immer noch mein Vater.

Als ich sieben war, stand er plötzlich vor der Tür. Ein fremder, großer, tätowierter Mann, der nicht still sein konnte. Er verbrachte den Nachmittag mit uns, den Abend in der Küche bei Mor und die Nacht im Gästezimmer. Er erzählte mir, dass er Mor liebe und alles gut werden würde. Als ich am nächsten Tag von der Schule nach Hause kam, war er weg. Ich habe Mor nie stiller erlebt. In der Folgezeit kam sie mehrmals mit verweinten Augen zum Frühstück, und ich hasste ihn dafür. Sie erklärte mir noch mal ausführlich, dass mein Vater ein netter Mensch, aber kein guter Vater sei, und da machten wir den Deal. Ich konnte jederzeit Bescheid sagen, dann würde sie mir seine Nummer geben. Bis dahin würden wir so tun, als wäre er nie aufgetaucht. Daran hielten wir uns. Er kam nie wieder. Genauso wenig wie irgendein anderer Mann. Und das gefiel mir. Fakt war: Ich war ihr Ein und Alles, dann kam der Job, dann kam lange nichts, und erst dann kamen irgendwann die Männer.

Und dann kam der Unfall. Über Nacht wurde aus einer attraktiven Unternehmerin ein Krüppel. Über Nacht wurde aus einer Wählerischen eine Ungewählte. Mor hatte gelernt, wie schnell sich alles ändern konnte, und wollte, dass ich mir eine Frau suchte, solange ich die Wahl hatte, denn später würde es schwerer werden, jemanden zu finden. Ich fragte mich, ob es nicht schon später war, als sie dachte.

Beim Dessert war ich immer noch Single. Mor verlor auch den Kampf gegen die Fliegen, und so nahmen wir den Zitronenfromage in der Küche zu uns. Während ich im Nachtisch schwelgte, lag der Handstaubsauger griffbereit. Sie brannte darauf, es ein paar Viechern heimzuzahlen, doch die Fliegengitter, die ich letzten Sommer angebracht hatte, funktionierten, so konnte sie sich leider ganz auf mich konzentrieren.

»Ich mach dir da keinen Vorwurf, du bist jung, du kannst es nicht wissen, wie es ist, alt zu sein, aber glaub mir – besser man entscheidet sich zu früh als zu spät. Mit der Liebe ist es wie mit der Altersvorsorge: Man muss früh investieren, damit man später etwas davon hat. Und du weißt, wie selten gute Frauen hierher ziehen.«

»Woher weißt du, dass sie ’ne gute Frau ist?«

»Sie ist ledig.«

»Vielleicht ist sie ja ledig, weil sie nicht gut ist.«

Von solchen Kleinigkeiten ließ sie sich nicht beeindrucken. Erst beim Abwaschen wechselte sie das Thema.

»Schaust du nach dem Rollstuhl? Der macht Schwierigkeiten.«

»Kein Wunder, das Getriebe ist total verdreckt. Du warst wieder im Gelände.«

Sie hüpfte zum Kühlschrank und holte eine Flasche Weißwein heraus.

»Soll ich etwa mit dem Hund auf der Hauptstraße hin- und herfahren? November ist ein Jagdhund, er muss jagen.«

»Und das Ding ist ein Rollstuhl, er muss rollen, und das tut er am besten, wenn er nicht bis zur Achse im Dreck steckt. November musst du einfach laufen lassen, der kommt schon zurück.«

November hörte seinen Namen und hob den Kopf. Als er merkte, dass es nichts zu essen gab, legte er ihn mit jämmer­licher Miene wieder auf den Boden. Mor reichte mir die Flasche und den Korkenzieher.

»Was für Menschen stellen diese Dinger bloß her? Kennen die überhaupt einen Behinderten, kannst du mir das sagen?«

Ich zuckte die Schultern und schwieg aus gutem Grund, denn nächste Woche war ihr sechzigster Geburtstag, und ihr Geschenk stand schon in Rokkos Garage.

Ich öffnete die Flasche und füllte Mors Glas. Sie nahm einen tiefen Schluck, löste ihr Haarband und schüttelte die roten Haare.

»Um aufs Thema zurückzukommen …«

Ich stieß das Fliegengitter auf und ließ ein paar Viecher in die Küche, bevor ich in den Garten hinaustrat. November folgte mir. Nicht mal er ertrug Mors Kuppelversuche. Noch bevor wir den Zaun um den Gemüsegarten erreichten, ging der Handstaubsauger in der Küche an. Ich hockte mich hin und besah mir die Sache. Der Zaun war hoch genug, aber was das Eingraben der Pfosten anging, da war ich nicht in Topform gewesen. Die Kaninchen hatten sich unter dem Maschendraht durchgegraben und sich dabei wahrscheinlich schiefgelacht.

Während ich in der Sonne schwitzte, lag November im Schatten und sah neugierig zu, wie ich die Löcher für die Pfosten vertiefte, einen kleinen Graben aushob und den Maschendraht mit Querstreben versah. Das Küchenfenster öffnete sich, Mor steckte den Kopf heraus.

»Wie sieht’s aus?«

»Immer noch Single.«

»Und der Zaun?«

»Mach ich dicht.«

Sie sah zu November hinüber.

»Das ist doch ein Jagdhund, oder?«

»Denke schon.«

November sah uns unter seinen Schlabberohren an und schien zu grinsen.

»Wieso jagt er keine Kaninchen?«

Ich zuckte noch einmal die Schultern. Mor verpasste November einen Blick.

»Böser Hund.«

November legte seinen Kopf aufs Gras und schloss die Augen. Ich fand derweil noch ein Loch auf der anderen Seite. Die Kaninchen hatten es sich nicht nehmen lassen, sich an zwei Stellen durchzubuddeln. Ich versprach Mor, den Gemüsegarten in Fort Knox zu verwandeln, und schließlich zog sie sich zurück, um ihre Lieblingsvorabendserie zu sehen. Als sich das Fenster schloss, öffnete November ein Auge.

»Ja, sie ist weg. Aber die Frage ist berechtigt.«

Er schloss das Auge wieder. Ich grub weiter und dachte an die Neue. Vielleicht war sie meine letzte Chance, eine Frau zu küssen, mit der ich nicht aufgewachsen war. Vielleicht hatte das Schicksal sie hergeschickt und uns füreinander bestimmt. Wahrscheinlich dachte jeder Junggeselle im Landkreis in diesem Moment dasselbe.

Im Haus begann eine Frau zu weinen. Ich ging in die Küche, trank einen Schluck Wasser, schnappte mir die Weinflasche und ging ins Wohnzimmer. Mors linkes Bein lag ausgestreckt auf einem Fußschemel. Ich schenkte ihr das Glas voll. Auch nach all den Jahren suchten meine Augen automatisch den Schemel nach dem zweiten Bein ab. Ohnmacht der Gewohnheit.

»Danke«, sagte sie, als ich ihr Glas füllte und es auf den Tisch neben ihrem Fernsehsessel stellte.

Ich deutete auf den Bildschirm, auf dem eine Frau verzweifelt weinte.

»Ist die verheiratet?«

»Dir wird das Lachen noch vergehen.«

»No woman, no cry …«, begann ich und marschierte singend in die Küche.

Hinter mir hörte ich Mor lachen. Ich stellte die Flasche in den Kühlschrank und ging wieder in den Garten. November hob den Kopf und überprüfte meine Hände auf Essbares.

»Kaninchen«, erklärte ich ihm. »Das sind so Tiere. Bei anderen Hunden auf der Speisekarte.«

Er hörte mir aufmerksam zu, aber ich machte mir keine Illusionen. Aus irgendeinem Grund hatte er beschlossen, Kaninchen aus seiner Nahrungskette zu streichen. Für einen Augenblick verdächtigte ich ihn, die Löcher selbst gegraben zu haben, damit seine besten Freunde an den Salat konnten, aber ich hoffte, er kannte die Grenzen.

Als die Erde festgeklopft war, richtete ich mich auf und stützte mich auf den Spaten. Aus dem Haus drangen hysterische Streitdialoge. Die Sonne hing mittlerweile zwei Handbreit über der Erde, bald würde es dunkel, doch immer noch war kaum Abkühlung spürbar. Ende September, und man konnte sich täglich einen Sonnenbrand holen.

Ich schnipste mit den Fingern. November öffnete ein Auge.

»Tja, was meinst du? Laufen wir ’ne Runde? Hast du Lust? Vielleicht treffen wir unterwegs ein paar Kaninchen, mit denen du kuscheln kannst.«

Als ich die Küchentür öffnete, strich er an mir vorbei. Ich nahm die Weinflasche mit ins Wohnzimmer. Sich ein Glas Wein aus der Küche holen. Eines der Dinge, um die man sich keine Gedanken machte, wenn man zwei Beine hatte.

»Wir drehen eine Runde«, sagte ich und füllte Mors Glas.

»Und der Zaun?«, fragte sie, ohne ihre Augen von dem Drama auf der Mattscheibe abzuwenden.

»Ist erst mal dicht. Ich mache den Rest, sobald die Selbstschussanlage eintrifft.«

»Gut«, sagte sie und warf einen Blick auf ihr Glas.

»Soll ich die Flasche stehen lassen?«

Ihr Blick verschleierte sich.

»Wozu?«

»Vielleicht möchtest du noch ein Glas?«

»Dann gehe ich in die Küche und hole mir eins«, sagte sie und wandte sich wieder dem Elend zu.

Ich blieb neben ihr stehen, bis ich verstanden hatte, dass die Tragödie aus einer Frau bestand, die ihren Job verloren hatte. Als ich rausging, dachte ich darüber nach, wie dieses Problem für jemanden, der auf einen Schlag Beruf, Bein und Attraktivität verloren hatte, Relevanz haben konnte. Mir war klar, dass sie sich langweilte. Mir war nicht klar, was man dagegen tun konnte.

Auf halber Strecke versank die Sonne hinter dem Steinbruch. Die Dämmerung nahm Gestalt an. Ich trabte den Hügel hoch. Die Luft war immer noch zu warm, und Insekten schwirrten besoffen herum. November hüpfte voller Energie neben mir her. Manchmal vollführte er diese seit­lichen Sprünge, die Mor Kragehop getauft hatte. Es sah aus wie ein Megaschluckauf. Er war schon als Welpe merkwürdig gewesen. Ein Sechserwurf. Als wir uns die Kleinen ansahen, taumelten sie neugierig auf uns zu. Die Eltern braun gefleckt, fünf Welpen braun gefleckt, nur einer war schwarz und kam seitwärts auf uns zugesprungen wie ein bockendes Pony. Mor lächelte, Nele lächelte, und ich hatte einen Hund. Seit neun Jahren war Nele weg, aber November war immer noch da und erinnerte mich an sie. Auch nach all diesen Jahren war es schwer, etwas in meinem Leben zu finden, das mich nicht an sie erinnerte. Das Joch des Zurückgebliebenen.

Als ich oben auf dem Hügel ankam, warf ich automatisch einen Blick zum Nachbargrundstück hinüber. Wie immer wirkte die Villa ausgestorben. Das Fenster in Neles altem Zimmer war dunkel. Doch der Ausblick von hier oben war überwältigend. Das Haus stand genau richtig. Es hatte Sonne von allen Seiten, dennoch strahlte der Ort eine Verlorenheit aus, als wäre er schon vor hundert Jahren verlassen worden. Dabei war es noch kein Jahr her, dass Neles Vater ausgezogen war. Hans, ein ruhiger Mann, der uns Kindern Eis spendiert hatte, ein Schauspieler, der mit uns kleine Theaterstücke einstudiert hatte, ein Nachbar, der nie über den Tod seiner Frau hinweggekommen war. Neles Mutter war vor über zwanzig Jahren bei einem Unfall umgekommen, seitdem war Hans mit Nele allein. Wir hatten uns immer gewünscht, dass er und Mor sich mehr als nur anfreunden. Es hätte perfekt gepasst; er und Mor, Nele und ich. Aber es war nicht passiert. Vor zehn Monaten hatte ein Schlaganfall ihn zum Pflegefall gemacht, und er war in ein Kölner Luxuspflegeheim übergesiedelt. Seitdem gab es einen Grund weniger für Nele, sich je wieder hier blicken zu lassen.

Ich spürte einen flüchtigen Stich, lief auf der anderen Seite des Hügels wieder runter und nahm den Aufstieg zum Steinbruch in Angriff. Hier und da begegnete ich vereinzelten Spaziergängern, die vom See zurückkamen, aber außer mir lief niemand, ich hatte die Strecke für mich. Der Abend war still. Ein paar Grillen zirpten. Der feine Schotter knirschte leise unter meinen Schuhen. Ich lief und genoss das Gefühl, wie mein Geist sich entspannte. November trabte locker neben mir her. Zwischendurch sauste er ins Gebüsch, um ein Kaninchen zu knutschen, kam wieder hinausgesaust und legte einen Kragehop hin.

Ich lief eine Runde um den Baggersee, aus dem wir früher oft Teenager rausgefischt hatten, damals, als die Klippen noch der Treffpunkt für die Jugend­lichen gewesen waren. Immer, wenn ein Jugend­licher hineingesprungen war, ohne wieder aufzutauchen, kamen Taucher von der Bundeswehr und suchten den Steinbruch ab. Sie hatten topografische Karten und Unterwasserfotos, die unterirdische Landschaften zeigten mit plötzlich aus der Tiefe hervorschießenden Felsspitzen.

Jedes Mal fanden die Taucher geklaute Mofas, Schrottwagen, alte Kühlschränke und kaputte Herde, und egal, wie oft wir hier Streife fuhren – die Umweltsäue ließen sich genauso wenig davon abhalten, ihren Müll im See zu versenken, wie die Jugend­lichen sich davon abhalten ließen, die Klippen für Partys, Entjungferungen und andere Mutproben zu nutzen. Vor allem eine Felsplatte, die in zwölf Metern Höhe über allem thronte, hatte es ihnen angetan. Von dort hatte man einen wunderbaren Ausblick auf den See und konnte sich in die Tiefe stürzen. Schaute man genau hin, bevor man sprang, tauchte man ins eiskalte Wasser, doch wenn man in der Hierarchie aufsteigen wollte, sprang man in den Sonnenuntergang. Wenn die Sonne auf der anderen Seite des Sees unterging, wurde die Wasseroberfläche zu einem Riesenreflektor und blendete jeden, der auf der Felsplatte stand. Wer dann sprang, konnte nur hoffen, dass sein Anlauf stimmte. Das hatte vielen Ruhm, anderen den Tod und manchen noch Schlimmeres eingebracht.

Die Stadt hatte alles versucht, um die Jugend­lichen von hier fernzuhalten. Verbotsschilder, Zäune, Kontrollen, Strafen – nichts hatte funktioniert. Bis man auf der anderen Seite des Sees Sand aufgeschüttet hatte. Seitdem wurde drüben auf dem künst­lichen Strand gefeiert und entjungfert, aber nicht mehr gestorben. Nur die Umweltsäue kippten immer noch ihren Müll von den Klippen. Wie tief der See war, konnte man daran erkennen, dass die Wasserqualität bei jeder Probe erstklassig blieb.

Wir waren halb um den See herum, als November plötzlich regungslos verharrte, den Körper senkte und ein Gebüsch anknurrte. Ich blieb sofort stehen und schaute mich nach einem Baum mit niedrigen Ästen um, auf den ich mich notfalls flüchten konnte. Manchmal liefen hier noch Wildschweine herum. Ich gab November das Zeichen. Er stellte sich geduckt neben mich und knurrte weiter. Was auch immer da im Gebüsch war, ein Kaninchen konnte es ja dann nicht sein.

»Verdammt, halt den Köter fest«, keuchte eine Stimme.

Es raschelte im Gebüsch, und Schröder kam hervor. Er trug eine kurze Jogginghose, unter der weiße, wabblige Beine zum Vorschein kamen, und ein Bayerntrikot, das über seiner Wampe spannte. Sein Gesicht war puterrot und schweißüberströmt, seine Haare waren staubtrocken. Ich starrte ihn an.

»Was soll das werden?«

»Was wohl? … Scheiße«, keuchte er. Er kämpfte sich aus dem Gebüsch auf den Pfad hinauf, wo er stehen blieb, sich vornüberbeugte, seine Hände auf die Knie stützte und nach Luft schnappte.

»Bist du in Ordnung?«, fragte ich. »Ich meine, klar, ich sehe, du bist Bayernfan, aber davon abgesehen …«

»Leck … mich … verflucht. Mir … geht’s … verdammt noch mal … bestens!«

»Wusste gar nicht, dass du joggst. Halten deine Gelenke das aus?«

Er schnitt Fratzen und versuchte durchzuatmen. Bevor er sich erholen konnte, kam jemand leichten Schrittes den Pfad entlanggelaufen. Zuerst sah man einen drahtigen Körper mit einer erstklassigen Körperhaltung, dann eine Baseballkappe, aus der hinten dichtes blondes Haar hervorquoll. Ich hielt sie für ein Mädchen, doch als sie näher kam, sah ich, dass sie Anfang dreißig sein musste. Sie blieb neben uns stehen, trabte auf der Stelle, nickte mir zu und heftete ihren Blick dann auf Schröder, der sich aufrichtete und versuchte, das Trikot unten zu halten. Jedes Mal, wenn er losließ, rollte es wie ein Rollo über seine Wampe zurück.

»Kollege Schröder, sind Sie in Ordnung?«

Schröder nickte, zog das Trikot wieder runter und sah zu Boden. Ihn verlegen zu erleben war fast ein größerer Schock, als ihn in Sportsachen zu sehen.

»Wir sind zehn Kilometer gelaufen«, sagte ich. »War vielleicht zu viel nach dem Boxtraining.«

Sie warf mir einen Blick zu, aus dem nichts herauszulesen war, und sah wieder Schröder an.

»Haben Sie Kreislaufprobleme? Ich habe mein Handy dabei. Wenn Sie wollen, rufe ich einen Arzt.«

»Mir geht’s gut«, murmelte Schröder und musterte ausgiebig den Boden vor seinen Füßen. Neben ihm ließ November sich gelangweilt auf den Hintern plumpsen. Die Neue musterte Schröder, dann nickte sie.

»Na gut. Aber lassen Sie es ruhig angehen. Am besten gehen Sie langsam weiter. Guten Abend.«

Wir schauten ihr nach. Der Pferdeschwanz wippte im Takt, als sie leichtfüßig und locker weiterlief. Man hörte ihre Schritte kaum. Ich tippte auf Leichtathletik.

»Was meinst du?«

»Geiler Arsch«, sagte er.

»Trottel.«

Er schaute beleidigt drein.

»Als hättest du verflucht noch mal nicht hingeguckt.«

»Sie ist Polizistin und wollte dir helfen. Wärst du umgefallen, hätte sie erste Hilfe leisten müssen. Es wäre ihre Pflicht gewesen, dir Mund-zu-Mund-Beatmung zu verpassen. Aber du musstest ja einen auf taff machen.«

Sein Mund öffnete sich schlapp.

»Scheiße …«, flüsterte er.

»Jaja, ich lauf dann mal weiter, du kannst dich ja wieder im Gebüsch verstecken, vielleicht kommt sie morgen noch mal vorbei.«

Ich setzte mich wieder in Bewegung. November folgte mir, erleichtert, dass es endlich weiterging. Mir fiel auf, dass er keinmal geknurrt hatte.

»Soso, Kaninchen und Polizistinnen, was?«

Er belohnte mich mit einem Kragehop, bevor er ins Unterholz verschwand, um einen Höllenkrach zu veranstalten, ein paarmal zu bellen, zurückzukommen und zufrieden zu wirken. Automatismen. Hunde bellten, um Eindruck zu schinden, Männer machten sich lächerlich, um Frauen zu beeindrucken. Mir war nicht danach, mich an diesem Spiel zu beteiligen.

Als ich auf dem Rückweg an der Villa vorbeikam, wanderte mein Blick wieder zu Neles Fenster. Ich weiß nicht, ob es der Vollmond war, aber zum dritten Mal an diesem Tag dachte ich an sie. Das Fenster war immer noch genauso dunkel wie auf dem Hinweg, und zum ersten Mal seit Langem schwang in dieser Erkenntnis die alte Enttäuschung mit. Kein flüchtiger Stich, sondern das alte Verlustgefühl. Es war lange her, seitdem ich so empfunden hatte, und ich hatte dieses Gefühl nicht vermisst. Es erinnerte mich daran, wie wir uns am Ende gestritten hatten, als sie dieses verdammte Modelcasting gewann. Es erinnerte mich daran, dass ich nicht mitgegangen war, als sie loszog, die Welt zu erobern. Es erinnerte mich an das Grundvertrauen, das wir hatten. Alle Beziehungen, die ich nach ihr führte, gingen an den Vergleichen zu Grunde. Ich hatte immer das Gefühl, dass etwas fehlte. Ein Zweifel, der jede Beziehung effektiver beendete als ein Schuss ins Herz.

Mor schlief vor dem Fernseher, in dem eine Talkmasterin verbissen versuchte, einem Politiker eine Antwort abzuringen. Auf dem Tisch stand eine Weinflasche. Es war nicht die von vorhin. Einerseits war ich froh, dass Mor von den Schmerzmitteln runter war, die sie manchmal komplett ausgeschaltet hatten, andererseits war ich genügend Alkoholikern im Außendienst begegnet, um zu wissen, dass Alkohol keine Bagatelle war. Wer jahrelang zu viel trank, verlor erst den Faden, dann den Respekt und dann meistens noch den Verstand. Vielleicht sollte ich es ansprechen, aber ich wollte auch nicht, dass sie heimlich trank und sich schuldig dabei fühlte. Sie sollte das Leben genießen. Das hatte sie verdient.

Der Politiker schlug eine weitere Minute tot. Ich ließ den Apparat laufen, füllte Mors Glas, brachte die Flasche in den Kühlschrank, duschte und ging in die Garage, um mir den Rollstuhl vorzunehmen.

Als ich ihn mir ansah, verlor ich die Lust. Keine Ahnung, wo Mor sich wieder herumgetrieben hatte. Um die Radnaben und die Speichen hatten sich lange Halme geschlungen, die die Räder völlig blockierten. Auch wenn ich ihn wieder hinkriegen würde, war es bloß eine Frage der Zeit, bis er wieder kollabierte. Das Ding war ein normaler Rollstuhl, an dem Rokko und ich einen schwindsüchtigen Hilfsmotor angebracht hatten. Man konnte damit zwar über die Straße rollen, aber um mit November durchs Gelände zu sausen, brauchte man ein anderes Kaliber. Eines wie das in Rokkos Garage. Er hatte ein wenig daran herumgeschraubt, und ich hoffte, es würde Mor nicht wie der Besatzung der Challenger ergehen, wenn sie das Ding startete.

Ich ging wieder rein, fütterte November, genehmigte mir ein Bier und setzte mich in den Sessel neben Mor. Die investigativen Angriffe der Talkmasterin prallten weiterhin an der politischen Rhetorikwand ab. Niemand schien es zu stören. Mor schlug die Augen auf und gähnte.

»Wie spät?«

»Kurz vor zehn.«

Sie leckte sich über die Lippen. Ihr Blick huschte zu dem vollen Glas.

»Ich hab Schröder beim Laufen getroffen. Er joggt. In kurzen Hosen. Ich glaube, er hat ’ne Midlife-Crisis.«

»Hatte er schon immer.«

Sie nahm das Glas und nippte dran. Sie nippte noch mal, dann nahm sie einen tiefen Schluck. Als sie das Glas abstellte, war es halb leer. Wir schalteten passenderweise um auf eine Sendung über gesunde Ernährung. Die Fenster standen sperrangelweit offen. Insekten mühten sich an den Fliegengittern ab, während ein gut gelaunter Moderator uns erklärte, dass man ist, was man isst.

Als Rokko draußen hupte, holte ich die Weinflasche ein letztes Mal, um Mors Glas aufzufüllen, und küsste sie zum Abschied.

»Warte nicht auf mich.«

»Gut, und wenn du die Neue siehst …«

»… erst schwängern, dann reden.«

Sie lächelte.

»Das ist mein Sohn.«

Im Schaukelstuhl empfing uns der üb­liche Eau-de-Dorfkneipengeruch, eine Mischung aus Qualm, verschüttetem Bier und abgestandener Luft. Vorne waren alle Tische voll, die Theke quoll über vor Stammgästen. Überall sah man die Zeichen langer, auswegloser Nächte. Im hinteren Raum stand der Pokertisch, an dem das Revier die Gehälter neu verteilte. Wie immer saß Gunnar, der Wirt, an seinem Ecktisch, von dem aus er den Raum überblickte. Er hatte das Gesicht eines Kapitäns, der im Krieg zur See gefahren war und dabei mehr gesehen hatte, als ein Mensch je sehen sollte. Bloß, dass er das Dorf nie verlassen hat. Er hörte nur seit sechzig Jahren Besoffenen zu. Konnte einem zu denken geben.

Wir quetschten uns an die Theke und riefen nach Bier. Als Anita uns sah, glaubte ich ein kleines Lächeln zu sehen, konnte aber auch Wunschdenken sein, denn sie ignorierte Rokko komplett, obwohl er sie butterweich anschaute. Immerhin stellte sie zwei Bier vor uns, bevor sie zur nächsten Bestellung weiterzog. Das Bier war nicht richtig kalt. Der Kühlschrank funktionierte nicht, aber da kein Lebender je mitbekommen hatte, dass die Zapfanlage gereinigt wurde, trank man besser aus der Flasche. Die Quoten standen 1 zu 2, dass die TÜV-Plakette der Zapfanlage noch das Reichssiegel trug.

Ich sah Rokko an.

»Habt ihr Streit?«

Er zuckte die Schulter und sah zum Pokertisch hinüber, an dem Schröder, Telly und Karl-Heinz saßen. Schröder tat, als würde er mich nicht sehen. Karl-Heinz trug etwas, das wie ein Tweedanzug aussah. Tweed. Bei dreißig Grad. Eine einzige neue Frau reichte, um ein ganzes Dorf um den Verstand zu bringen.

»Okay, Dicker, machen wir sie fertig.«

»Ich komme gleich nach.«

Rokko packte seine Flasche und schlenderte zum Pokertisch. Ich blieb an der Theke stehen und kippte das Bier, bevor es noch wärmer wurde. Udo Jürgens begann sich bei Chérie zu bedanken, und jemand schlug fluchend auf die Musikbox ein. Sie hatte die Angewohnheit, selbst zu entscheiden, welche Titel sie spielte. Auch in dieser Angelegenheit kam niemand auf den Gedanken, sich bei Gunnar zu beschweren. Man ging ja auch nicht zum Kreuz Jesu und bat ihn herunterzukommen, um etwas zu reparieren.

Anita blieb auf der anderen Seite der Theke stehen und stellte mir eine neue Flasche vor die Nase.

»Brennst du mit mir durch?«

»Was wird dann aus diesem Palast hier? Hast du schon mit Gunnar über die Pacht gesprochen?«

»Ich hab grad andere Baustellen.«

Sie begann Gläser zu spülen. Ihr schwarzer Pony hing ihr in die Stirn, als sie zum Pokertisch rüberschaute, wo Rokko mir Zeichen machte, mich auf den freien Stuhl neben ihm zu setzen.

»Was hat er diesmal angestellt?«

Sie heftete ihre blauen Augen auf mich.

»Was er angestellt hat?« Sie wischte sich einen Tropfen Spülwasser von der Wange. »Gestern Abend hat er vor meinen Augen die Neue nach ihrer Telefonnummer gefragt.«

»Das ist bloß eine Wette.«

Sie funkelte mich an.

»Erspar mir den Scheiß, Paul.« Sie warf einen Blick zum Pokertisch. »Ich frage mich langsam, ob er überhaupt je erwachsen wird.«

»Irgendwann erwischt es jeden.«

»Die Frage ist nur, wann.« Ein Gast rief nach Bier. Sie nickte als Zeichen, dass sie es gehört hatte. »Die Neue sieht toll aus und wirkt nett, wär die nichts für dich?«

»Oh, bitte, nicht du auch noch. Mor macht mich schon wahnsinnig.«

Für einen Augenblick lächelte sie, dann wanderte ihr Blick wieder zum Pokertisch, und ihre Miene verdüsterte sich.

»Einen Konkurrenten bist du jedenfalls los. Sie hat ihn gestern voll auflaufen lassen.«

»Ach, wirklich? Hat er irgendwie vergessen zu erwähnen.«

Wir tauschten einen Blick. Ein weiterer Gast rief seine Bestellung. Anita legte wieder los. Ich ging zu Gunnar rüber, vor dem ein Herrengedeck stand. Er konnte die Klaren stundenlang in sich reinkippen, ohne dass man ihm etwas anmerkte. Ich hielt meine Bierflasche hoch.

»Was ist das?«

Sein Blick huschte über die Bierflasche, suchte den Haken.

»Ein Scheißflaschenbier«, sagte er mit seinen von tausend Kettenrauchernächten gefolterten Stimmbändern.

»Ein lauwarmes Scheißflaschenbier«, korrigierte ich. »Der Kühlschrank ist im Arsch, die Musik ist scheiße, die Klos sind ’ne Katastrophe, dein Laden geht den Bach runter, ist nur ’ne Zeitfrage, bis das Gesundheitsamt ihn schließt. Also, wieso verpachtest du ihn nicht an Anita? Sie macht doch eh schon die ganze Arbeit.«

»Zwingt sie ja keiner.«

»Du hast ihr vor einem Jahr versprochen, dass du ihr den Laden verpachtest.«

»Hab ich?«

»Vor Zeugen.«

Er schaute an mir vorbei durchs Lokal wie ein Kapitän über die See.

»Hab ich auch gesagt, wann?«

»Ich würde dir ja androhen, dir die Bude anzuzünden, aber das würde den Verkaufswert steigern, also denk doch mal darüber nach, ob du nicht dein Wort halten willst.«

Ich ging zum Pokertisch rüber, und zwei Bier später legte ich drei Asse auf den Tisch. Schröder fluchte. Dazu gab es keinen Grund, denn vor ihm lagen die meisten Münzen. Aus irgendeinem unerfind­lichen Grund war er beim Pokern allen überlegen. Ein Polizist, der einen Psychopathen nicht mal erkennen würde, wenn der ihm die Beine mit einer Axt rasierte, las uns am Pokertisch wie offene Bücher und zockte uns gnadenlos ab. Es gab schon Überlegungen, ihn in richtige Pokerrunden einzuspannen und damit unser aller Altersbezüge aufzubessern.

Ich zog den Pott mit beiden Händen an mich, als plötzlich eine Frau leidenschaftlich stöhnte. Jeder am Tisch erstarrte. Die Frau stöhnte wieder. Wir sahen uns an. Karl-Heinz legte seinen Kopf schief und öffnete den Mund, um besser hören zu hören. Die Frau stöhnte wieder. Und hatte einen Orgasmus. Ich bemerkte, dass mein Handydisplay aufleuchtete.

Ich sah Rokko an.

»Lass, verflucht noch mal, die Finger von meinen Klingeltönen!«

Rokko brach zusammen. Er schmiss sich fast vom Stuhl. Alle anderen am Tisch stöhnten genervt. Letzte Woche hatte er einen Furz auf mein Handy geladen, war aufs Klo gegangen und hatte mich angerufen.

Die Frau kam noch mal. Ich schnappte mir das Handy.

»Hansen.«

»Paul«, flüsterte Mor, »es ist jemand im Haus.«

»Wie meinst du das, jemand im Haus?«

»Hier schleicht jemand rum.«

Meine Körpertemperatur sank schlagartig ab.

»Schließ dich im Bad ein. Bin gleich da.« Ich ließ das Handy sinken und sah in die Runde. »Es ist jemand in unserem Haus.«

Der Tisch erstarrte.

»Verfluchte Scheiße …«, flüsterte Schröder.

»Die Bande«, sagte Karl-Heinz.

Von der Fahrt merkte ich nichts. Endlich machte Rokkos Fahrstil mal Sinn. Als er den Motor ausmachte und mit Restschub auf den Hof rollte, war der Hof leer. Wir waren die Ersten. Ich sprang aus dem Wagen und lief aufs Haus zu. In Küche und Wohnzimmer brannte Licht, der Fernseher flimmerte, sonst war alles dunkel. Von November war weit und breit nichts zu sehen. Ich griff nach der Türklinke. Rokko riss mich an der Schulter zurück.

»Warte!«, fauchte er leise.

Er glitt neben die Tür und lauschte. Seine Dienstwaffe schimmerte in seiner Hand.

»Wieso bist du bewaffnet?«, flüsterte ich.

»Allzeit bereit. Los, rein.«

Er entsicherte die Waffe. Die Bilder alter Tatorte schossen mir durch den Kopf. Mein Herz klopfte bis zum Hals.

»Lenk sie ab«, flüsterte er glücklich. »Los geht’s! Jetzt!«

Ich atmete durch und öffnete die Tür. Ich spazierte in die Küche, als sei es das Normalste der Welt. Hinter mir glitt Rokko geduckt herein und suchte den Raum mit der Waffe ab. Nichts. Das Wohnzimmer war ebenso leer. Die kleine Tischleuchte brannte. Der Fernseher lief ohne Ton. Wir schlichen zu Mors Schlafzimmer und wiederholten dort unser Entree. Nichts. Rokko warf mir einen Blick zu: Wo? Ich spreizte die Hände und schaute mich um. Mors Krücken standen an die Wand gelehnt, direkt neben der Badezimmertür. Ich trat einen Schritt vor und lauschte. Nichts. Ich schaute Rokko an. Er nickte und hielt die Waffe im Anschlag. Ich atmete durch und drückte die Türklinke runter. Die Tür schwang auf. Das Badezimmer war dunkel. Mor saß im Bademantel auf der Toilettenschüssel. Neben ihr lag November. Er sprang auf und begrüßte mich mit Schwanzwedeln, doch Mor machte das Handzeichen, er fiel neben ihrem Fuß zu Boden und blieb regungslos liegen. Ich sank auf die Knie und umarmte sie.

»Was ist los?«, flüsterte ich.

»Oben ist jemand«, flüsterte sie.

»Sicher?«

Sie nickte an meiner Wange.

»Ich war mit November draußen, und als ich zurückkam, hörte ich Schritte. Hast du die Neue getroffen?«

Die Frage ließ mich fast kichern. Mein Nacken schmerzte vor Anspannung. Rokko hatte die Waffe auf die Tür gerichtet und sicherte den Weg ins Wohnzimmer.

»Lass uns hochgehen und ihnen in den Arsch treten, bevor sie abhauen«, flüsterte Rokko.

»Wir sollten auf Verstärkung warten«, flüsterte ich.

»Die Wichser sind in deinem Haus!«, fauchte er.

»Wir haben keine Chance, über die Treppe unbemerkt da hochzukommen. Falls überhaupt noch jemand da ist.«

»Ach, scheiße«, flüsterte Rokko, blieb aber stehen.

Draußen kamen mehrere Fahrzeuge auf den Hof geschossen. Wagen kamen schlitternd zum Stillstand. Mehrere Wagen. Türen klappten auf und zu, entschlossene Schritte liefen aufs Haus zu, Stimmen riefen Kommandos. Wer auch immer oben im ersten Stock sein mochte, der wusste jetzt, dass er in der Klemme saß, und würde vielleicht etwas Blödes machen. Ich stand auf.

»Warte hier«, flüsterte ich.

Mor hielt meine Hand fest.

»Du auch«, flüsterte sie.

Ich befreite meinen Arm sanft aus ihrem Griff, gab November noch mal das Zeichen, liegen zu bleiben, und griff nach der Türklinke. Als ich die Tür öffnete, spürte ich Rokko dicht hinter mir. Wir schlichen durch das Wohnzimmer in den Flur und gaben uns Mühe, in der Dunkelheit nirgends gegenzurennen. Wir waren fast bei der Treppe angelangt, als die Holzdecke über uns knarrte. Da oben war wirklich jemand! Ich kniff die Augen zusammen, starrte die Treppe hoch und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Die Haustür wurde aufgestoßen, und grelles Licht erfasste uns.

»POLIZEI! STEHEN BLEIBEN!«

Ich blieb stehen, Rokko lief gegen meinen Rücken.

»WAFFE RUNTER!«

Mehrere Personen kamen in die Küche gepoltert.

»Es ist Rokko«, sagte eine Stimme.

»Und Paul«, sagte eine andere.

Ich erkannte die Malik-Brüder aus der Nachtschicht hinter dem gleißenden Licht.

»Wo sind sie?«, schnarrte Hundt.

Bei dem Krach längst aus dem Fenster und über alle Berge, wollte ich gerade sagen, als die Holztreppe knarrte und das Licht angeknipst wurde. Wir standen wie erstarrt da und blinzelten uns im Licht an. Hundt, Karl-Heinz, Schröder, Telly, die Malik-Brüder, Rokko und ich. Wie auf Kommando schwangen die Waffen zur Treppe hin, und November bellte. Mir fiel auf, dass er bisher noch nicht mal geknurrt hatte. Im selben Moment fiel mir ein, dass der Hof leer gewesen war. Waren die zu Fuß gekommen?

Bevor ich den Gedanken weiterverfolgen konnte, wurden ein paar nackte Füße auf den oberen Treppenstufen sichtbar. Es folgte ein Paar lange, schlanke Frauenbeine, die in einen weißen Slip mündeten, dann kam mein AC/DC-Tour-Shirt zum Vorschein, unter dem sich Brüste abzeichneten. Nach weiteren Stufen folgte ein Hals, und schließlich wurde ein Frauengesicht sichtbar. Die Frau rieb sich gähnend die Wange und erstarrte, als sie die Phalanx an Waffen sah, die auf sie gerichtet war. Meine Kinnlade klappte nach unten, und ich musste mich auf einen Stuhl stützen. Es gab wohl keinen im Flur, der nicht nach irgendwas suchte, woran er sich festhalten konnte. Wo wir die Bande erwartet hatten, kam eine halbnackte Schönheit zum Vorschein. Und nicht irgendeine. Nele stand auf der Treppe, in Slip und Shirt und mit kurzen Haaren.

Niemand bewegte sich.

Dann schoss November an uns vorbei, nahm mehrere Stufen auf einmal und sprang winselnd an ihr hoch.

»November!« Sie sank auf die Knie und umarmte ihn. »Oh, Süßer … oh, Süßer …«

Sie drückte ihn an sich, und November drehte durch. Er winselte und leckte ihr übers Gesicht und drehte sich und wusste nicht, auf welchem Bein er stehen sollte. Ich klammerte mich an die Stuhllehne, während mein Puls auf mich einschlug.

Mor kam aus dem Wohnzimmer gehüpft, blieb am Fuß der Treppe stehen und strahlte über das ganze Gesicht.

»Engelchen.«

Nele hob den Kopf aus Novembers Fell. Ihre Augen glänzten, sie sahen fast schwarz aus. Sie lächelte kläglich.

»Mor.«

Plötzlich riefen alle durcheinander. Hundt bellte Kommandos und verlangte eine Erklärung. November winselte um Nele herum, die die rest­lichen Stufen hinunterlief und Mor in die Arme schloss. Schröder fluchte, Rokko erklärte, Hundt wollte einen Ausweis sehen, und ich klammerte mich immer noch an die Stuhllehne. Nele warf mir über Mors Schulter einen Blick zu. Ich hob mein Kinn als Zeichen, dass ich ihren Blick gesehen hatte. Herrje, wir waren uns näher als zwei Meter. Eine Welle von Übelkeit raubte mir den Atem. Mein Herz schlug wie eine Kirchenglocke. Das Pochen setzte sich in meinen Knochen fest. Ich sackte schwer auf den Stuhl, während ich nach Luft schnappte.

Alles, was ich von den folgenden Minuten weiß, ist, dass wir uns nicht berührten und dass ich mich fühlte, als würde mir jemand unentwegt elektrische Schläge verpassen. Hunderte Male hatte ich mir ausgemalt, wie es sein würde, so hatte ich es mir nicht vorgestellt. Da stand sie, nur ein paar Schritte entfernt, aber der Raum war voller durcheinanderrufender Menschen, und alles, was ich tun konnte, war, auf dem Stuhl zu sitzen und sie anzustarren.

Nach und nach klärte sich die Lage. Nele war mit dem Taxi gekommen, es war niemand da gewesen. Sie war hineinspaziert, hatte einen Zettel an den Kühlschrank geklebt, war in ihr altes Zimmer gegangen, hatte ihr Bett freigeräumt, es bezogen und sich hingelegt, um ihr Schlafdefizit wettzumachen. Den Zettel hatte Mor übersehen, dafür hatte sie gehört, wie sich oben jemand bewegte. Nele wurde von dem Krach geweckt und war heruntergekommen, um nachzuschauen, was der Aufstand sollte und … Hundt ließ sich die Sache noch ein zweites und ein drittes Mal erklären. Er ließ sich ihren Ausweis zeigen, rief bei der Taxizentrale an, ließ sich Neles Aussage von dem Taxifahrer bestätigen, und dann musste Nele ihre Geschichte noch ein viertes Mal erzählen. Es dauerte, bevor er einsah, dass es hier nie eine Bande gegeben hatte. Er ließ noch Garten und Garage durchsuchen, doch schließlich konnte ich ihn und die Kollegen endlich auf den Hof hinausbugsieren, wo ich ihm ein weiteres Mal erklärte, dass Nele früher bei uns gewohnt hat und wir nicht wussten, dass sie zu Besuch kommt. Schließlich stieg er in seinen Wagen und rollte vom Hof. Schröder verfluchte mich, weil er seinen ganzen Pokergewinn auf dem Tisch liegen gelassen hatte. Auch die rest­lichen Kollegen kommentierten die Lage gepflegt und gingen zu ihren Wagen. Ich brachte Rokko zum GT und versprach ihm, dass ich nie wieder über seinen Fahrstil meckern würde. Er machte eine Kopfbewegung zum Haus hin.

»Ich dachte, sie ist in Amerika …«

»Dachte ich auch.«

»Was will sie dann hier?«

»Weiß ich nicht.«

»Ich dachte, ihr habt keinen Kontakt.«

»Hatten wir auch nicht, bis eben.«

Er schaute zum Haus rüber und schüttelte den Kopf.

»Ich muss dich nicht daran erinnern, wie die Sache letztes Mal endete, oder?«

»Beziehungstipps? Von dir? Hast du wirklich die Neue nach ihrer Nummer gefragt, während Anita dabei war? Alter, verlierst du allmählich den Verstand?«

Er stieg wortlos in den Wagen und ließ den Kies fliegen, als er vom Hof rauschte. Während ich dem Wagen nachsah, hatte ich ein Déjà-vu. In den Monaten bevor Nele damals abgereist war, hatte Rokko dauerhaft schlechte Laune. Erst später wurde mir klar, dass er die ganze Zeit befürchtet hatte, dass ich mitgehe. Vielleicht stand uns jetzt dasselbe bevor. Es konnte aber auch an Anita liegen. Immer, wenn sie sauer auf ihn war, wurde er sauer auf alle.

Die Motorengeräusche wurden leiser. Die Nachtstille kehrte zurück. Es wehte kein Lüftchen, der Sternenhimmel war wie gemalt. Grillen zirpten, draußen auf den Feldern meldete sich eine Eule zu Wort. Irgendwann sah ich ein, dass Rumstehen die Sache nur hinauszögern würde.