Natti - Camilla Gripe - ebook

Natti ebook

Camilla Gripe

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Opis

Natti steckt in der Klemme. Mitten in der Pubertät kommen viele Fragen auf, die niemand wirklich beantworten oder erklären kann. Menschen passen sich anderen Menschen an, verändern sich, verlieren sich selbst. Auch Natti stellt sich Fragen, vor allem wenn sie mit Danny zusammen ist: Bin ich das wirklich? Benehme ich mich wirklich so? Passt das zu mir? Oder tue ich nur so, weil ich weiß, dass ich so sein sollte?.- Spannendes Buch über einen Teenager auf der Suche nach sich selbst.

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Camilla Gripe

Natti

Deutsch von Birgitta Kicherer

Saga

1

Ostern stand vor der Tür, die Osterzweige mit ihren bunten Federn leuchteten in den Schaufenstern und wollten so gar nicht zu dem Schneematsch draußen auf den Straßen passen.

In einer Boutique in Gamla Stan, der historischen Altstadt von Stockholm, verpackte die Ladeninhaberin Annette eine purpurfarbene Abendbluse in Seidenpapier.

»Handwäsche, nur dreißig Grad«, sagte sie zu der Kundin. »Und tropfnaß aufhängen.«

Ihre Hände flatterten um den glänzenden Stoff, sorgfältig, aber routiniert. Ihre Augen wanderten zu dem kleinen grauen Viereck aus Licht, das durch die Oberlichte der Tür hereindrang. Dann senkte sich ihr Blick und folgte den nassen Spuren, die von der Tür an den Ladentisch führten, wo die pelzbekleidete Kundin stand, eine jugendlich aufgemachte Dame mittleren Alters in modischen italienischen Stiefeln. Vermutlich eigene Unternehmerin, wie sie selbst. Inhaberin eines Frisiersalons. Oder möglicherweise Zahnärztin. Der Preis der Bluse hatte sie jedenfalls nicht abgeschreckt.

Annettes Vermutungen über den Beruf der Kundin waren genauso automatisch und routiniert wie ihr Umgang mit den Kleidern. Daß man die Kundschaft einschätzen lernte, gehörte zum Beruf.

»Ist das ein Wetter! Man kann kaum glauben, daß bald April ist«, bemerkte die Dame.

»Nein, die Leute trauen sich ja kaum aus dem Haus«, sagte Annette mit einem kleinen Seufzer.

Während der letzten Tage waren die Kunden nur spärlich hereingetröpfelt. Trotz Ostern.

Aber jetzt läutete die Ladenglocke, und eine kleine graue Gestalt schlüpfte herein. Die Dame im Pelz nahm ihre Tüte und nickte zum Abschied. Sie verließ die Boutique mit einem raschen abschätzenden Blick auf die Gestalt an der Tür und einem vielsagenden Kopfschütteln in Annettes Richtung. Dieser Neuankömmling würde wohl kaum besonders einträglich fürs Geschäft sein, schien das ausdrücken zu wollen.

Das Mädchen, denn es war ein Mädchen, stand mit hochgezogenen Schultern neben einem der Kleiderständer. Die schwarzumrandeten Augen blickten düster auf den Ladentisch, von der nassen Jacke tropfte Schneewasser auf ein Paar Wildlederstiefel hinab, die den Kampf ums Dasein schon längst aufgegeben hatten. Über dem weißen Gesicht spreizten sich die traurigen Überreste einer ehemals »starken« Frisur. Die ganze Gestalt strahlte Verlassenheit aus, wie eine entlaufene, halbverwilderte Katze. Sie hatte die Hände tief in die Taschen der unförmigen Jacke gerammt.

»Natti!« rief Annette und runzelte bekümmert die Augenbrauen.

»Tag«, erwiderte die Angesprochene.

Eine kleine, weiße Hand tauchte aus der Jackentasche auf und begann nervös an den aufgehängten Kleidern herumzuzupfen. Ihre Fingernägel waren mit schwarzem Nagellack dekoriert, der teilweise bereits wieder abblätterte.

Annette erschauerte.

»Du siehst fürchterlich aus!« sagte sie.

»Weiß ich selbst«, kam die mürrische Antwort.

»Was hast du eigentlich getrieben, Natti? Gestern abend habe ich immer wieder angerufen, aber es war entweder besetzt, oder niemand hat sich gemeldet.«

»Ach, nichts Besonderes. Hab nur ein paar Kumpel dagehabt ...«

Annette seufzte ein weiteres Mal und begann, Seidenkordeln an einem Haken neben dem Ladentisch aufzuhängen. Die Falte zwischen ihren Augenbrauen war schärfer geworden. Die Kordeln wanden sich wie dünne bunte Schlangen zwischen ihren gepflegten Fingern.

»Also, im Ernst, Natti, wäre es nicht doch besser, wenn du für diese Zeit zu mir herausziehen würdest? Du scheinst jemanden zu brauchen, der nach dir schaut! Papa ist erst seit drei Tagen verreist, aber du siehst aus, als wärst du seit einem halben Jahr herumvagabundiert!«

»Na und! Nur weil ich keine Zeit gehabt hab, mich zu kämmen. Und bei diesem Sauwetter sieht doch eh kein Mensch ordentlich aus! Nein, ich hab keine Lust, jeden Tag so weit in die Stadt reinzufahren. Da draußen bei dir kenn ich keinen Menschen. Und ich bleib ja sowieso nur noch eine Woche allein. Übrigens, was für ein Tag ist heute eigentlich?«

»Mittwoch. Morgen ist Gründonnerstag.«

»Oh, schon Mittwoch!«

Nattis Stimme überschlug sich. Die schwarzumrandeten Augen füllten sich mit Entsetzen.

»Aber Natti! Um was geht es denn? Was ist mit dir los?«

»Ach was, mit mir ist nichts los ... das heißt ... ich ...«

Die halbverwilderte Katze begann nach Rückzugsmöglichkeiten zu suchen. Sie bewegte sich langsam auf die Tür zu. Der einladenden Menschenhand war vielleicht doch nicht so recht zu trauen.

»So, jetzt raus mit der Sprache! Irgendwas ist los, das sieht ja ein blindes Huhn! Du wolltest doch etwas ganz Bestimmtes von mir?«

Natti machte wieder ein paar zögernde Schritte auf den Ladentisch zu. Die Schultern schossen in die Höhe, auf die Ohren zu, die Hände verkrochen sich wieder in den Taschen. Verteidigungshaltung.

»Also, ich würde dringend etwas Kohle brauchen ... nur geliehen, meine ich ... es ...«

»Ach? Komisch! Hat Papa dir denn nichts gegeben, bevor er und Kerstin abgereist sind? Er ist doch sonst alles andere als knauserig.«

Annette stützte sich mit fragendem Gesicht auf den Ladentisch. »Er hat’s irgendwie vergessen. Da kam so viel anderes dazwischen. Kerstin hat Migräne bekommen und so, du weißt schon ...«

Annettes lange Fingernägel klopften irritiert auf den Ladentisch. »Vergessen! Soll das etwa heißen, daß er vergessen hat, dir Geld zu geben, bevor sie abgereist sind?«

Das Mädchen wand sich vor Unbehagen und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Tür.

»Vergessen nicht direkt, aber ... Also, sie haben zuwenig im Haus gehabt, und dann bekam sie Migräne, und da hat’s nicht mehr für die Bank gereicht. Aber wenn du nichts ... Also, ich wollte es ja sowieso bloß leihen ...«

»Sind sie ohne Geld abgereist? Wie eigenartig! Wieviel hast du denn jetzt?«

Halber Rückzug. Die Hand auf dem Türgriff.

»Fünfzig ungefähr ... Ach was, vergiß es, Mama! Es wird auch so gehen ...«

Hinter Natti ging die Tür auf. Sie sprang rasch zur Seite, um drei Damen Platz zu machen. Dabei verspritzte sie ein wenig Schmelzwasser, wie ein nasser Hund, und die Damen brachten sich rasch in Sicherheit.

»Komm gleich nach dem Lunch zurück«, sagte Annette bestimmt. »Dann geh ich rasch auf die Bank. Das hier müssen wir klären!«

3

Natti klappte ihr rosa Tagebuch zu und steckte es zusammen mit dem Stift in ihre Umhängetasche. Dann sammelte sie die vielen kleinen Quittungen und Zettel ein, die sie auf dem Tisch verstreut hatte, und stopfte sie in den Geldbeutel, bis er prall und wohlhabend aussah. Doch ach, wie der Schein trog!

Sie trank noch das letzte Schlückchen Kaffee, das inzwischen kalt geworden war, und genehmigte sich einen letzten Zuckerwürfel gegen den bitteren Geschmack.

Natti war der einzige Gast in dem kleinen Lokal, das mit sieben runden Tischen mit rot-weiß karierten Tischdecken und einer Bartheke ausgestattet war. Ein dunkelhäutiger Mann ging pfeifend umher und wischte die Tische ab. Irgendwo im Hintergrund hämmerte Discomusik aus einer unsichtbaren Stereoanlage.

Der Mann blieb vor Nattis Tisch stehen.

»Mehr Kaffee?«

Natti schüttelte den Kopf.

»Du nur büffeln! Viel büffeln – viel Kaffee! Kaffee gut für Kopf. Besonders sehr guter Espresso!«

Plötzlich hatte Natti eine Idee.

»Wie wär’s, könnte ich über Ostern vielleicht hier bei Ihnen jobben? Spülen, Tische abwischen, bedienen und so?«

Da begann der Mann zu lachen. Das war ihr peinlich. Sie wußte, daß ihr Aussehen sie nicht gerade für einen Job empfahl. Aber deswegen gleich ausgelacht zu werden – das war doch wohl der Gipfel!

Eigentlich müßte sie jetzt aufstehen und einfach gehen, aber sie fühlte sich wie gelähmt und brachte nicht einmal eine spöttische Bemerkung über die Lippen.

Als der Mann fertiggelacht hatte, verschwand er hinter der Theke, und Natti stand endlich auf. Doch kaum hatte sie einen Schritt getan, war der Mann schon wieder da, mit einer Tasse dampfendem Espresso, die er auf ihren Platz stellte. Er räumte die alte Tasse weg und deutete mit einer Geste auf ihren Stuhl. Zögernd setzte sie sich wieder hin.

»Ich wollte doch nichts ...«

»Ed lädt ein! Nicht gehen, ohne richtigen Espresso zu probieren!«

Komisch! Zuerst lachte er sie aus, und dann spendierte er einen Espresso! Da blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als es dankend anzunehmen. Sie nahm reichlich Zucker in die kleine Tasse und ließ ein paar Würfel in der Jackentasche verschwinden. Schließlich hatte sie magere Zeiten vor sich.

Der Mann namens Ed mußte sich um zwei neue Gäste kümmern. Natti nahm eine Zeitung vom Nachbarstuhl und las von einem zwölfjährigen Jungen, der eine Million im Lotto gewonnen hatte. So verschieden verteilt das Schicksal seine Gunst ... Bald war es an der Zeit, zu Annette zu gehen.

Beim Gespräch mit ihrer Mutter würde sie ihre Zunge hüten müssen. Sonst kämen bohrende Fragen und Extrakontrollen auf sie zu. Wenn Annette zum Beispiel Papa fragen würde, warum er Natti kein Geld gegeben hatte – das würde eine schöne Bescherung geben! Aber andererseits hatte Natti auch keine Lust, das Problem Teppichreinigung mit Annette zu diskutieren, das würde nämlich garantiert nur dazu führen, daß nach ihr »geschaut« würde.

Vielleicht sollte sie einfach zugeben, daß sie das Geld verpulvert hatte. Bestimmt würde Annette Verständnis dafür haben, daß man manchmal neue Kleider brauchte. Allerdings würde sie natürlich sauer sein, weil Natti die Kleider nicht bei ihr gekauft hatte, wo es doch Rabatt und obendrein gute Ratschläge gab. Die neuen Gäste ließen sich knusprige Hörnchen mit Käse und Schinken schmecken. Natti schaute rasch weg. In den nächsten Tagen würde sie es sich abgewöhnen müssen, an Essen zu denken. Zu Hause war kaum noch etwas Eßbares übrig. Ihre Gäste waren wie ein Heuschreckenschwarm über alles hergefallen. Knäckebrot und ein paar Gläser Marmelade, mehr war bestimmt nicht da. An die Kühltruhe brauchte sie gar nicht zu denken. Die darin eingefrorenen Gerichte hätte man ja kochen müssen, um sie essen zu können! Und jetzt so kurz vor den Osterferien fiel auch das Essen in der Schule aus.

Ach ja! Die Schule. Heute hätte sie eigentlich dort erscheinen müssen, morgen war auch noch Unterricht, aber momentan hatte sie dafür einfach keine Zeit. Wenn ihre Mutter Fragen stellte, würde sie sich eben eine Ausrede einfallen lassen müssen. Studientag war immer gut, besser als Sporttag, der Sporttag verlangte nämlich meistens doch irgendeine Art von Anwesenheit.

Jetzt kam Ed wieder an ihrem Tisch vorbei. Er drehte sich zu ihr um.

»Nein, nein, hier jobben geht nicht. Jetzt sind wir zwei, mehr geht nicht. Mehr hier arbeiten, als wir Gäste haben! Nein, nein, geht nicht.«

Bekümmert schüttelte er den Kopf und breitete bedauernd die Arme aus.

Also hatte er Natti doch ernstgenommen. Jetzt sah sie selbst, daß tatsächlich nicht genügend Arbeit vorhanden war. Vor allem, wenn er noch einen Mitarbeiter hatte. Nur ein paar Tische, und dennoch war es nicht voll. Trotzdem schade. Das wäre sonst eine angenehme Möglichkeit gewesen, ihre Probleme zu lösen. Ein paar Tische abwischen, ab und zu etwas Kaffee in eine Tasse schwappen, Brote streichen. Das hätte sie geschafft. Natti trat an die Theke und legte die Münzen für die erste Tasse Kaffee darauf. Aber Ed schob das Geld wieder zu ihr hin und schüttelte den Kopf.

»Aber wenigstens eine Tasse muß ich doch bezahlen!«

Da nahm er ihren Geldbeutel und machte ihn auf. Mit großen Augen sah sie, wie er die Münzen nahm und wieder in den Geldbeutel zurücksteckte. Dann reichte er ihr den Geldbeutel und zeigte deutlich, daß die Sache für ihn erledigt war.

Natti verzog sich sachte zur Tür. Das Paar mit den Hörnchen starrte ziemlich entgeistert hinter ihr drein. Aber Ed winkte ihr fröhlich zu.

»Du und ich, wir gehen schickes Restaurant, wenn du willst, Süße!« rief er. »Komm irgendwann am Abend, dann gehen wir!« Natti eilte hinaus und schloß die Tür hinter sich. Draußen fiel immer noch Schneeregen vom Himmel. Im Fenster des Cafés sah sie die blassen, höhnisch gleichgültigen Gesichter des Hörnchenpaares und gleichzeitig ihr eigenes verschwommenes Spiegelbild. Das weiße Gesicht, die Stachelhaare, die ausgebeulte Jacke – eine klägliche Erscheinung, ein trauriger Clown. Der Mann im Café hatte wohl die Hörnchenspießer provozieren wollen, denn »Süße« war wirklich nicht das richtige Wort. Aber so schlimm wie jetzt war es sonst eigentlich nie um sie bestellt. Normalerweise sah Natti ziemlich dufte aus, manche ihrer Freunde nannten ihre Erscheinung sogar »dramatisch«. Eine Persönlichkeitsverschlechterung hatte sie heimgesucht! Daran konnte kein Zweifel sein. Ihre Persönlichkeit hatte in letzter Zeit eine ordentliche Macke gekriegt.

Außerdem schrien ihre Eingeweide vor Hunger. Es war schwer zu sagen, was schlimmer war: der körperlich spürbare Hunger oder die körperlich sichtbare Entstellung. Im übrigen hatte sie gerade jetzt ganz andere Sorgen.

4

Dank eines neuentdeckten Coca-Cola-Flecks wurde der Preis für die Teppichreinigung teurer, als Natti berechnet hatte. Die ganze Prozedur würde sechshundert Kronen kosten! Als sie dieses Urteil vernahm, schrumpfte sie um mehrere Zentimeter. Alles, was sie besaß – für einen Teppich!

Die beiden Männer von der Reinigungsfirma tauschten Blicke aus. Schließlich ergriff der ältere das Wort und reduzierte den Preis auf die ursprüngliche Summe, plus siebzehn Kronen fürs Material.

»Bin ja selbst mal jung gewesen«, sagte er, als Natti ihre Dankbarkeit zum Ausdruck brachte. »Aber für so ein Leben bist du doch noch ein wenig zu jung«, fügte er barsch hinzu.

»Das mit dem Teppich, das war aber nicht ich«, sagte Natti mit dünner Stimme.

»Gut, aber man kann sich seine Freunde doch aussuchen, oder nicht? Wie willst du all das andere wieder in Ordnung bringen?« Sein Blick wanderte über die Verwüstung: Bilder, die schief hingen, der Tisch mit seinem neuen Muster aus Ringen, Schallplatten ohne Hüllen und Hüllen ohne Schallplatten, die dahinsiechenden Topfpflanzen, die anstelle von Wasser mit Zigarettenstummeln und Drinks hatten vorlieb nehmen müssen, die leeren Flaschen und Gläser, die überquellenden Aschenbecher und die Überreste von Süßigkeiten, Chips und Hamburgern.

»Nachher kommt eine Freundin vorbei und hilft mir«, sagte Natti und versuchte zuversichtlich zu klingen.

»Hoffentlich kannst du dich auf die verlassen!«

Der Reinigungsmann war wirklich freundlich. Er sah fast etwas mitgenommen drein. Auf dem Weg zur Wohnungstür erblickte er die bedauernswerte verbogene Stehlampe, die ihren Schirm verloren hatte und die jemand als Kleiderständer und später auch als Tanzpartner benützt hatte. Der Reinigungsmann packte sie mit seinen kräftigen Fäusten und bog sie wieder gerade.

»Sieh zu, daß du den Lampenschirm wiederfindest!« sagte er und nickte ihr zum Abschied zu.

Diesen beiden hilfsbereiten Reinigungsmännern hatte sie es zu verdanken, daß sie jetzt achtzig Kronen übrig hatte, statt pleite zu sein. Im Hinblick auf die Summe, die sie benötigte, war es nicht viel, aber immerhin besser als nichts. Vor allem weckte es eine gewisse Zuversicht, und die hatte sie bitter nötig.

Kaum war sie allein, stürzte sie ans Telefon. Jetzt mußte sie versuchen, diese zuverlässige Freundin auch tatsächlich herzuzaubern!

Telefongespräch mit Berit

»Du, Berit! Du mußt herkommen! Auf die Schnelle! Sonst weiß ich nicht, was ich tu ... Hier sieht’s saumäßig aus, wie nach einem Bombenangriff ... Gleich nachdem du weg warst, kam eine ganze Horde von Typen, die ich noch nie im Leben gesehen hatte, und die haben sich hier aufgeführt wie die Wilden ... Was heißt da nein sagen, wie stellst du dir das vor? Eine Bande riesiger Kerls mit Flaschen voll scharfem Zeug. Die sind echt einfach reinmarschiert... War denen doch scheißegal, was ich sagte! Und diese Puppe, die Micke angeschleppt hat, diese Susi, du weißt schon, mit den weißen Haaren und der Lederjacke ... Ja, genau die, also, die war die schlimmste von allen. Die hat den ganzen Teppichboden im Wohnzimmer vollgekotzt. Stark, was? ... Nein, klar kannst du das nicht. Ist schon erledigt, ich hab nämlich eine Firma angerufen, und die sind hergekommen und haben den Teppich mit einer Maschine saubergemacht, mit lauter Schläuchen und Schaum und Dampf ... und ob! Sauteuer ... Meine Mutter ist mit fünfhundert rausgerückt ... Klar hab ich das nicht gesagt, da wär sie doch echt übergeschnappt. Sie ist auch so ziemlich sauer geworden. Ich hab nämlich behauptet, daß ich für das Geld, das ich von meinem Vater bekommen habe, Kleider gekauft hätte, und da mußte ich mir eine lange Predigt anhören, daß ich nicht mit den Moneten umgehen könnte und daß es komisch wäre, daß ich wie ein Besen aussähe, obwohl ich so teure Kleider kaufte, aber schließlich hat sie mir das Geld doch gegeben. Und dann wollte sie mich doch tatsächlich zum Laden begleiten und Lebensmittel dafür einkaufen, aber da bin ich ausgebüchst!

Bestimmt ruft sie jetzt bald an und checkt, ob ich da bin ... Was meinst du, kannst du mir wohl beim Aufräumen helfen? Du bist doch so praktisch. Ich bin ganz durcheinander und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Zu zweit ist das viel einfacher ... Also, dann nach dem Abendessen? ... Die Sendung kannst du dir doch hier anschauen ... Doch, dafür reicht die Zeit bestimmt. Zu zweit schaffen wir das viel schneller. Ach ja, übrigens, erinnerst du dich an die Hose, die hast du doch so super gefunden ... Wenn du willst, verkauf ich sie dir. Für ’nen echten Ausverkaufspreis! Ich hab dreihundertfünfzig dafür bezahlt, und du kannst sie für hundert haben, ich hab sie nur das eine Mal angehabt ... Doch, du wirst echt sagenhaft damit aussehen ... Nein, du bist nicht zu dick!

Also, kommst du? ... Ja, komm, wenn du fertig bist. Du, ich hab auch noch einen echt starken Lidschatten, der zu der Hose paßt, also, wenn du sie nimmst, schenke ich dir den! Spitze, Berit. Du bist ein Engel, aber ehrlich! Die beste Freundin der Welt! Wenn du mal in der Klemme steckst, kannst du mit mir rechnen, das garantier ich dir! Ach ja, kannst du bitte ein Scheuerpulver mitbringen und irgendwas, mit dem man Holz sauberkriegt? Aber sag deinen alten Herrschaften lieber nichts. Versprich es! Denn dann darfst du bestimmt nicht mehr mit mir verkehren! ... Doch, sag, daß wir mein Zimmer umräumen und saubermachen wollen! Das klingt so richtig brav und vorbildlich ... So, jetzt hören wir auf, nur noch eine Sache. Was ganz Scheußliches, mir wird schlecht, wenn ich bloß dran denke. Vorhin, als ich heimkam, lag ein Zettel im Briefkasten, vom Hauswirt!... Hier bei uns sei so ein Wahnsinnslärm gewesen, und das ganze Haus habe sich beklagt, und sie wollten uns bei der Polizei anzeigen und so. Einer der Nachbarn sei »bedroht« worden, als er sich habe beschweren wollen ... Keine Ahnung. Wahrscheinlich, als sie die Stereoanlage auf vollen Touren laufen ließen. Wir sollten mit dem Hauswirt Kontakt aufnehmen, steht da, also muß ich jetzt da raufgehen und mich anbiedern! ... Ja, er hat ’nen superfiesen Sohn, der ist stark wie ein Gorilla. Die hassen mich. Aber ich glaube, eigentlich steckt die alte Frau Persson dahinter, der bin ich schon lang ein Dorn im Auge ... Du weißt schon, die mit dem fetten Dackel ... Wann glaubst du, daß du kommen kannst? ... Also hören wir jetzt lieber auf, dann bist du um so schneller hier. Ich erzähl dir dann alles noch genauer. Ciao!«

Als Berit aufgelegt hatte, blieb Natti eine Zeitlang mit dem Hörer in der Hand sitzen, bevor sie ihn sachte auf die Gabel hinuntergleiten ließ. Am liebsten hätte sie das Gespräch noch ewig fortgesetzt, obwohl sie genau wußte, daß Berit sich beeilen mußte, wenn sie noch kommen wollte. Berits vertraute Stimme und sachliche Kommentare hatten ihr ein Gefühl der Geborgenheit eingeflößt. Jetzt fühlte sie sich wieder verlassen und unwirklich. Widerstrebend stand sie auf. Sie blieb an der Wohnzimmertür stehen und besah sich die Verwüstung. Dort drüben der Plattenspieler mit dem scheußlichen Schmierkram auf dem Plattenteller, einem kaugummiähnlichen Brei aus Asche und Drinks. Die Luft war stickig und roch nach den chemischen Dämpfen von der Teppichreinigung und nach altem Zigarettenrauch. Sie sollte ein Fenster aufmachen, um Luft hereinzulassen, konnte sich aber nicht dazu überwinden.

In ihrem Kopf summte es, als hätte sich ein Bienenschwarm darin niedergelassen. Ihr Magen schrie und knurrte immer wieder vor Hunger, um sich anschließend krampfhaft zusammenzuziehen, und im Mund hatte sie einen bitteren Geschmack. Sie sank auf die Armlehne eines Sessels und versuchte die Situation ganz klar zu durchdenken. Lange blieb sie so sitzen, die Füße auf dem Sesselsitz und den Kopf auf die Knie gestützt. Als sie sich schließlich wieder aufrichtete, sah sie zufällig auf ihre Hände – unmöglich, wie der schwarze Nagellack von den Fingernägeln abblätterte! In ihrem verwirrten Gehirn formte sich langsam eine Idee, wie sie die nächste halbe Stunde verbringen könnte, nämlich im Badezimmer!

Doch das war auch kein Zufluchtsort. Toilette und Waschbekken verbreiteten einen so widerlichen Gestank, daß Natti sich prompt übergeben mußte, allerdings kam nichts als bittere Flüssigkeit heraus, die ihr Sodbrennen nur verstärkte. Sie spülte mehrmals hintereinander und ließ das Waschbecken mit Wasser vollaufen, doch da stellte sich heraus, daß der Abfluß verstopft war. Das ekelte sie so sehr, daß sie immer wieder aufs neue würgen mußte. Sie begann wie wild, Eau de toilette um sich zu spritzen, das half aber auch nichts. Erschöpft schwankte sie aus dem Badezimmer, sank im Flur auf den Boden und schluchzte verzweifelt, ohne daß Tränen kamen.

Nach geraumer Zeit raffte sie sich auf und ging wieder ins Bad. Diesmal richtete sie ihren Blick beharrlich auf die weiße Badewanne, die immer noch sauber und blank war. Sie konzentrierte sich darauf, nur an die saubere Wanne zu denken, an die glänzenden Wasserhähne und das weiße Regal, auf dem eine glatte, gelbe Zitronenseife, ein rosa Badeschwamm und ein paar runde geblümte Flaschen mit Haarwaschmittel in hygienischer Harmonie ruhten.