Mond aus Glas - Christine Spindler - ebook

Mond aus Glas ebook

Christine Spindler

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16,99 zł

Opis

Ein Roman - so berührend, schön und traurig wie das Leben selbst. Die sechzehnjährige Luna hat sich immer an ihrer Zwillingsschwester Stella orientiert. Seit Stellas Tod fühlt sie sich verloren. Dann lernt sie Finn kennen. Er ist Bluter, wird von seiner Mutter überbehütet und tut sich schwer damit, die Trennung seiner Eltern zu verkraften. Luna und Finn spüren sofort eine tiefe Verbundenheit und in Luna erwacht eine geheimnisvolle Kraft.

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MOBI

Liczba stron: 310




Mond aus Glas

Christine Spindler

 

Roman

 

Über dieses Buch

Sie sind beide Außenseiter

... Die sechzehnjährige Luna, die sich immer an ihrer Zwillingsschwester Stella orientiert hat und seit Stellas Tod einen neuen Halt im Leben sucht.

... Der achtzehnjährige Finn, der von seiner Mutter überbehütet wird, weil er Bluter ist.

Als Luna und Finn sich begegnen, fühlen sie sofort eine tiefe Verbundenheit. Doch bald kommen Lügen und Geheimnisse an den Tag und nichts ist mehr so, wie es war.

Ist ihre Liebe stark genug, um die beiden Familien aus ihrer Trauer, ihrer Starre zu befreien?

 

4. Auflage

Copyright © 2014 26|books, Auenwald

Christine Spindler

Bert-Brecht-Weg 13

71549 Auenwald

[email protected]

 

Coverfoto: © adrenalinapura, Fotolia.de

Covergestaltung: Natalie Spindler

 

ISBN 978-3-945932-05-6

 

Copyright der broschierten Ausgabe © 2010 Renate Götz Verlag, A-2731 Dörfles

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten. Die Handlung und handelnden Personen, sowie deren Namen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden und/oder realen Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

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Inhaltsverzeichnis

Mond aus Glas

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Nachwort der Autorin

Kapitel 1

Ach säßest du noch hier

auf deinem Stein

auf unsrem Stein

auf dem gedankenschweren Fels

und tränkte uns die Flut

mit Salz

und über uns läg’ sanft

der Duft von hellen Dünen

 

Luna Jannik hockte in Mantel und Stiefeln auf der Holztreppe im Windfang und schaute ohne Eile zu, wie Tante Evi den Reißverschluss ihres taubenblauen Anoraks einfädelte und dabei Amazing Grace summte, ihr Anziehlied.

Häschen, der grau getigerte Kater, kam durch die Katzenklappe in der Haustür herein und brachte den Wetterbericht mit: nasse Fellspitzen und dreckige Pfoten. Er rieb seinen Kopf an Lunas Hosenbeinen und schnurrte sich warm.

Evi unterbrach ihr Summen. „Dein Futter steht schon bereit“, sagte sie zu Häschen, der daraufhin in die Küche lief. Sie fuhr fort, sich anzuziehen. Jetzt waren die Druckknöpfe dran, einer nach dem anderen, bedächtig und konzentriert.

Mit ähnlicher Geduld, wie Luna sie jetzt zeigte, hatte Evi früher Morgen für Morgen gewartet, während die Zwillinge Luna und Stella sich für den Kindergarten fertigmachten. Sie hatte ihnen die Taschen mit den Pausenbroten umgehängt und ihnen viel Spaß gewünscht. Dann hatte sie ihnen nachgewinkt, bis sie um die Straßenecke verschwunden waren.

Luna, die stille Momente gern zum Nachdenken nutzte, überlegte, dass Geduld keine große Anstrengung erforderte, da man ja genau wusste, was vor einem lag. Man musste bloß darauf warten. Ganz anders verhielt es sich, wenn man nicht wusste, was die Zukunft brachte; wenn man bangte, während die Zeit immer langsamer zu vergehen schien, so wie an dem entsetzlichen Tag, als Stella operiert worden war.

„Kennst du den Unterschied zwischen Geduld und Hoffnung?“, fragte Luna, als Evi den letzten Knopf geschlossen hatte und wieder aufnahmefähig war.

Evi schüttelte langsam den Kopf. „Nein, ich glaube nicht.“

„Geduld beruht auf Gewissheit“, sagte Luna. „Hoffnung auf Ungewissheit.“

Evi sagte „Aha“ und ließ die Worte auf sich wirken. Luna liebte es, dabei zuzusehen, wie Evi in ihren Gedanken aufging. Sie fand Evi wunderschön mit ihrem Gesicht, das an eine Sonnenblume erinnerte: offen und warm. Ihr langer, blonder Zopf, den sie jeden Morgen so oft neu flocht, bis er symmetrisch war, hing bis zur Rückenmitte, von einer ordentlichen Samtschleife gehalten.

Viele Menschen fanden, dass man Evi ihre geistige Behinderung ansah, aber Luna konnte keinerlei Anzeichen dafür entdecken. Nur wenn sie redete, mit einer Stimme, die jedes Wort durch nassen Sand zu schleifen schien, wurde ihr Problem offenbar. Doch selbst diese Eigenart war Luna so vertraut, dass sie sie nur noch selten bewusst registrierte. Sie kannte Evi schließlich, seit sie denken konnte. Dass sie anders tickte als die meisten Menschen, war Luna erst recht spät bewusst geworden, als sie sich einmal darüber gewundert hatte, dass Evi immer nur in Begleitung eines Erwachsenen das Haus verließ.

Vor knapp zwei Jahren, nach ihrem vierzehnten Geburtstag, war Luna von ihrer Mutter Vera für verantwortungsbewusst genug befunden worden, diese Aufgabe zu übernehmen. Wohl auch aus schierer Not, denn seit Stellas Tod war Vera dem Alltag kaum noch gewachsen und vollauf damit beschäftigt, nicht vor Trauer ganz in sich selbst zu verschwinden.

Evi holte den rechten Fingerhandschuh aus der rechten Anoraktasche und streifte ihn über. Nun war der linke Handschuh aus der linken Tasche dran. Bei Evi hatte alles seinen festen Platz und seine feste Zeit. Jeden Freitagnachmittag um drei Uhr gingen sie gemeinsam zum Friedhof, weil Evi Stellas Grab mit derselben Hingabe in Ordnung hielt wie das Haus.

Vera und Urban waren nie dabei, wenn Evi und Luna das Grab besuchten. Sie kamen immer alleine her, jeder für sich. Nur ein einziges Mal, bei der Beerdigung, war die ganze Familie dort versammelt gewesen. Es hatte geschneit und die aufgeworfene Erde war eine klaffende Wunde in der Schneedecke gewesen.

Trotz dieser bitteren Erinnerung liebte Luna den Schnee nach wie vor. Übermorgen war bereits der erste Advent und immer noch war keine einzige Schneeflocke gefallen. Luna sehnte sich nach Schnee. Dann verschwand die Welt unter einer behutsamen Decke und die Zeit verging langsamer, sodass die kurzen Wintertage sich in aller Ruhe auf die Nächte vorbereiten konnten.

„Ich bin fertig“, sagte Evi, nachdem sie ihre Mütze aufgesetzt und gerade gerückt hatte.

Luna stand von der Treppe auf, nahm den größten Schirm aus dem Ständer und ging mit Evi in den Regen hinaus. Es war ein wütender Regen, von eiligen Wolken auf der Flucht vor dem Wind abgeworfen wie Ballast.

Am Ende der Sackgasse, in der die Janniks wohnten, stand in einem parkähnlichen Garten mit Laubengängen und Hochbeeten die architektonische Sensation des Dorfes – ein Haus mit rundem Grundriss, einem Kuppeldach und zwei Türmchen. Die Besitzer waren vor einem halben Jahr in ein Seniorenstift gezogen. Seitdem stand das Rundhaus zum Verkauf. Luna, die es zu gern besichtigt hätte, hatte mehrfach vergeblich versucht, den Makler zu überreden, sie einmal bei einer Hausführung teilnehmen zu lassen.

Obwohl der Wind ihr fast den Schirm aus den Händen riss, blieb Luna auch heute stehen und ließ den Blick einen Moment lang auf dem Haus verweilen. Es war so rund wie der Mond ihrer Träume. Wie sah dieser Mond von innen aus?

Sie wollte sich gerade abwenden, als die Haustür geöffnet wurde und eine untersetzte Gestalt den langen Weg zum Gartentor hinuntereilte. Es war Trudi, die ehemalige Haushälterin der Besitzer.

Evi, die vor Fremden immer etwas Angst hatte, wippte unruhig von einem Fuß auf den anderen.

„Hallo“, rief Luna gegen das Wetter an, als Trudi die Gartenpforte hinter sich geschlossen hatte. „Ist wieder jemand eingezogen?“

„Die Drostenhagens kommen morgen an“, gab Trudi bereitwillig Auskunft. „Ich habe alles vorbereitet. Zum Glück brauchen sie eine Haushaltshilfe, so kann ich wieder hier arbeiten.“

„Es muss für Sie so sein, als würde jemand in Ihr Haus einziehen.“

„Ja, es ist seltsam, wie man sein Herz an einen Ort hängen kann. Ich muss weiter.“ Trudi winkte, stieg in ihren alten Polo und wendete.

Luna und Evi gingen den Fußweg hinunter, der zur Parallelstraße führte, und dann weiter zur großen Dorfstraße, von der man zum Friedhof abbog. Als sie zwischen den Grabreihen hindurchliefen, ließ der Regen endlich nach.

Stellas Grab lag am hinteren Ende, wo der Friedhof an den Wald grenzte. Luna legte eine Hand auf den weißen Marmor. Wenn es nach Vera gegangen wäre, stünde darauf: „Unser Stern hat für immer aufgehört zu leuchten.“

Doch Urban, Lunas Vater, hatte den Spruch zu endgültig gefunden, denn er drückte nur das düstere Gefühl des Verlustes aus. Wo blieb die Dankbarkeit, dass es Stella überhaupt jemals gegeben hatte? Wo die Erinnerungen an dieses sonnige Geschöpf?

Luna hatte ihm zugestimmt. In ihrem Herzen lebte Stella weiter. Und Evi hatte etwas gesagt, das Luna bis heute verwirrte, aber auch mit Hoffnung erfüllte: „Sie ist nicht fort. Sie ist immer noch da, nur heller als vorher, darum können wir sie nicht sehen.“

Evi trat unter dem Schirm hervor und sah zu den grauen Wolken hoch, um ihr Friedhofslied anzustimmen. Es war das einzige Lied, dessen Text sie auswendig konnte, zumindest den Refrain. Stella hatte ihn ihr beigebracht.

„Über den Wolken“, sang sie mit leiser, klarer Stimme, aber undeutlicher Aussprache, „muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen, und dann, würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“

Als sie geendet hatte, wischte Evi sich den Regen aus dem Gesicht, bückte sich, summte ihr Gartenlied und sammelte Laub auf. Da sie sich dabei nicht helfen ließ, war Luna wieder mit ihren Gedanken allein.

Auf ihrem eigenen Grabstein würde einmal dasselbe Geburtsdatum stehen, überlegte sie, aber ein anderer Todestag. Jede Stunde, die sie länger lebte als ihre Schwester, war eine Stunde, die sie gern mit ihr geteilt hätte.

Während ihre Hand über den kalten, nassen Marmor strich, erinnerte sie sich an eine Winternacht vor sieben oder acht Jahren, in der Urban mit ihr und Stella auf die große Wiese gegangen war, die sich an das Wohngebiet anschloss. Juchzend waren sie durch den frisch gefallenen Schnee gerannt und hatten sich schließlich erschöpft fallen lassen. Über sich den Himmel, unter sich den Schnee, hatte Luna sich völlig geborgen gefühlt. „Schau mal, wie viele Spuren wir gemacht haben“, hatte Stella sich auf dem Heimweg gefreut.

Einen Gedankensprung weiter fand Luna sich am Meer wieder. Über Dünen waren sie gelaufen, wo man keine Spuren hinterlässt, sondern nur den Sand neu mischt.

Dann waren sie im Herbstwald und fegten mit den Stiefelspitzen die Blätter hin und her.

Zuletzt liefen sie barfuß durch Frühlingspfützen und hinterließen nasse Abdrücke auf der Straße, die mit jedem klatschenden Schritt kleiner wurden.

Luna wartete, bis Eva die eingesammelten Blätter zum Komposthaufen brachte, dann schloss sie den Schirm und sah zwischen den kahlen Ästen einer Eiche zum Himmel hinauf.

„Meine Spuren“, sagte sie, „werden immer auch deine Spuren sein.“

 

* * *

 

Der Wochenendeinkauf stellte für Vera Jannik eine besondere Herausforderung dar.

Früher hatte sie sich über so alltägliche Dinge aufregen können wie die Anzahl der Gänge, die in diesem Laden ungerade war. Darum musste man, um am Ende zur Kasse zu kommen, einen Gang zurückgehen, den man schon abgearbeitet hatte.

Auch ihre Einkaufszettel hatten sie genervt. Warum schrieb sie immer alles so auf, wie es ihr einfiel? Wäre es nicht sinnvoller, es in der Reihenfolge zu notieren, in der sie daran vorbeikommen würde? Oder wenigstens einen Stift mitzunehmen, um die Sachen durchzustreichen, die sie schon in den Einkaufswagen gepackt hatte?

Heute waren die Gänge für sie endlose Schluchten, in denen sie sich zu verlieren drohte. Den Einkaufszettel zerknüllte und glättete sie immer wieder, um ihre Anspannung abzubauen.

Sie schaffte den ersten Gang ohne Zwischenfall. Sie meisterte die Käsetheke und dachte sogar an Zucker, obwohl sie vergessen hatte, ihn zu notieren. Doch dann kam sie bei den Getränkepulvern ins Stocken. Wieso druckte jemand Wolken auf eine Kakaopackung? Wolken ließen sie sofort an Stella denken.

Vera hatte ihre Töchter in ihrem Atelier immer gern um sich gehabt. Während sie selbst ausschließlich mit Acrylfarben malte, bekamen Luna und Stella alles, was das Kinderherz begehrte, um sich kreativ auszutoben. Aber ob mit Wasserfarben oder Buntstiften – Stella malte am liebsten Wolken. Einmal hatte sie Vera zum Muttertag ein Blumenbild geschenkt, mit Tulpen, die auf Wolken wuchsen. Nach einem Strandurlaub hatte sie aus den gesammelten Muscheln Wolkencollagen geklebt. Stellas Werke schmückten heute noch das Zimmer, das Luna jetzt allein bewohnte.

Vera zwang sich weiterzugehen, auch wenn sie sich immer wieder umdrehte und sich vorstellte, wie Stella sich gefreut hätte, wenn sie ihr den Kakao mit der Wolkenverpackung gekauft hätte.

Am Kühlregal griff sie nach einem Becher mit Sahne-Joghurt Pfirsich-Maracuja, Stellas Lieblingssorte. Vera begann zu zittern und stellte den Joghurt tapfer zurück. Sie gestattete sich immerhin noch einen Blick aufs Verfallsdatum.

So eine banale Handlung, so ein simples, alltägliches Ritual, etwas, das sie tausendfach achtlos getan hatte, und nun ließ es sie fast zusammenbrechen. Wäre das nicht überhaupt die beste Lösung? Hier, vor den sauber aufgereihten und gestapelten Fruchtjoghurts und Molkedrinks zusammenzuklappen? Den Muskeln zu sagen: „Danke, dass ihr so lange durchgehalten habt, aber jetzt ist Feierabend. Lasst einfach los.“

Besser noch: den Verstand verlieren. Alle Erinnerungen ausklinken und sie aus dem fahrenden Ballon werfen. Woran merkte man überhaupt, dass man den Verstand verloren hatte? Und wo bekam man ihn wieder? Auf dem Fundbüro? „Guten Tag, ich habe gestern im Supermarkt meinen Verstand verloren. Wurde er vielleicht gefunden und abgegeben?“

„Können Sie ihn beschreiben?“

„Ach du je, wie beschreibt man seinen Verstand? Er ist vierzig Jahre alt, wurde aber wenig benutzt. Ich habe mich immer mehr auf meine Intuition und meine Kreativität verlassen. Bauchmensch, wissen Sie.“

„Das ist mir noch zu unpräzise. Hat Ihr Verstand denn keine hervorstechenden Merkmale?“

„Er machte in letzter Zeit unangenehme Geräusche, bis zu dem Moment, wo er ungebremst auf dem Boden aufschlug.“

„Sind Sie sicher, dass Sie diesen Totalschaden überhaupt wiederhaben wollen?“

Eine Hand griff nach ihrer. „Vera! Hallo, komm zu dir! Was machst du denn da, meine Süße?“

Ein Ruck ging durch Veras Gedanken, vor ihren Augen flimmerte es kurz, dann warf sie sich in die Arme ihrer Freundin. „Jackie!“

Jacqueline Klier war das Beste, was Vera aus fünf stressigen Berufsjahren geblieben war. Ihren Eltern zuliebe hatte Vera etwas Anständiges gelernt, doch als Sekretärin war sie kreuzunglücklich gewesen und hatte auch noch laufend alles falsch gemacht. Jackie hatte die Sachen, die Vera damals verbockte, klammheimlich ausgebügelt, bevor der Chef davon Wind bekam. Sie war eine absolut loyale Kollegin gewesen.

Darum blieben sie auch befreundet, als Vera mit den Zwillingen schwanger wurde und ihrem Beruf für immer den Rücken kehrte. Dabei waren sie in jeder Hinsicht grundverschieden. Vera war eine Künstlerin mit unregelmäßigen Lebensgewohnheiten, die planlos Karriere gemacht hatte. Jackie war eine zielstrebige Erfolgsfrau, die nichts dem Zufall überließ. Vera war sicher, dass Jackies Chef sich täglich fragte, wie er jemals ohne dieses Organisationsgenie im Vorzimmer ausgekommen war. Sollte Jackie ihren Verstand verlieren, würde niemand in der Lage sein, das sperrige, tonnenschwere Teil bis zum Fundbüro zu schleppen.

Vera fühlte sich schwach vor Dankbarkeit, Jackie zu treffen. Selbst an einem Freitagabend, nach einer langen, anstrengenden Woche, sah Jackie so frisch aus, als käme sie gerade von einem Wellness-Urlaub zurück. Sie roch nach fernen Inseln und nach Kaffee mit Karamellaroma.

Jackie löste sich behutsam aus Veras Umklammerung. „Gib mir deinen Einkaufszettel. So, jetzt schaffen wir erst mal Platz.“

Betreten sah Vera zu, wie Jackie die Sahne-Joghurts, die sie geistesabwesend in den Wagen gestapelt hatte, wieder ins Regal zurückstellte. Zwei Einkaufswagen schiebend und mit zwei Einkaufszetteln hantierend, ging Jackie weiter. Vera folgte ihr wie ein Streuner, der endlich ein wohlwollendes Herrchen gefunden hat.

Bei den Gemüsekonserven angelangt, meinte Vera: „Ich weiß, was du jetzt wieder sagen wirst.“ Jackie hatte Vera immer wieder geraten, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen, weil sie in ihrer Trauerarbeit nicht vorankam.

„Heute sage ich es nicht.“

„Du hast ja im Grunde vollkommen recht.“ Vera nahm eine Dose Mais aus dem Regal, weil sie knallgelb war. Farben wirkten auf sie magnetisch. Sie konnte darin eintauchen und vergessen, dass es auch eine Welt aus Gedanken und Gefühlen gab. „Es ist nur, weil der Name mich abschreckt. Verwaiste Eltern, das klingt so endgültig. Ich halte mich lieber an dich.“

Jackie nahm ihr die Maisdose ab und überprüfte, ob sie auf Veras verkrumpelter Einkaufsliste stand. „Ich bin aber keine Therapeutin. Bei dir muss etwas in Bewegung kommen und dich aus der Lethargie reißen.“

„Schocktherapie?“

„Doch kein Schock! Eher etwas Überraschendes. Eine neue Aufgabe.“

„Nein, nein“, wehrte Vera ab. „Bloß keine Veränderung. Du wirst sehen, wenn Stellas Todestag vorbei ist und wir Weihnachten hinter uns haben, wird es besser.“

Sie waren an der Kasse angelangt. Jackie schob Veras Wagen vor ihren und bedeutete ihr, sich anzustellen. „Das Schicksal hat die Tendenz, einem genau das zu geben, was man gerade braucht.“

Obwohl Jackie es in einem aufmunternden Tonfall gesagt hatte, ängstigte die Bemerkung Vera. Vielleicht sollte sie doch zu den Verwaisten Eltern gehen, um das Schicksal davon abzuhalten, sie zu überraschen.

 

Kapitel 2

Im Fortgehen

ungewiss

vom Gegenwind berührt

der sich auswachsen mag

zum Sturm

Noch einmal

aufzubrechen

dazu fehlt mir die Kraft

Seltsame Gedanken gingen Marianne Drostenhagen durch den Kopf, als sie mit ihrer Familie beim letzten gemeinsamen Abendbrot zu viert um den kleinen, quadratischen Küchentisch saß, weil der große Tisch aus dem Esszimmer bereits mit Schutzfolie umhüllt zum Abtransport bereit stand.

Sie haderte mit dem Muttersein. In grauer Vorzeit, überlegte sie, musste die Natur beschlossen haben, ein Wesen zu erschaffen, das nur aus Widersprüchen bestand. Das alles richtig machen wollte und nicht die geringste Chance dazu hatte. Das andere nur respektieren konnte, indem es sich selbst verleugnete. Das für seine Opfer Vorwürfe erntete, während man von ihm Dankbarkeit dafür erwartete, dass es sie bringen durfte. Dessen Strenge getadelt, dessen Sanftmut belächelt wurde. Ein unverstandenes, gedemütigtes Wesen, das doch nicht anders konnte, als genau so zu sein und so zu handeln, und das sich von den wenigen stillen Glücksmomenten nährte, die es allen Widrigkeiten zum Trotze hin und wieder erlebte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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