Menschen mit Demenz begleiten, ohne sich zu überfordern - Uli Zeller - ebook

Menschen mit Demenz begleiten, ohne sich zu überfordern ebook

Uli Zeller

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Opis

Wenn ein Familienmitglied dement wird, stellt das den gewohnten Alltag auf den Kopf. In diesem kompakten Ratgeber beantwortet Uli Zeller die wichtigsten Fragen rund um das Thema Demenz und gibt viele wertvolle Tipps aus seiner beruflichen Praxis: Wie lässt sich die gemeinsame Zeit sinnvoll füllen? Wie reagiert man auf herausforderndes Verhalten? Wie kann man mit dementen Menschen beten? Wo gibt es Hilfe und Unterstützung im Alltag? Wie schafft man es, Zeit für sich selbst freizuhalten?

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Uli Zeller

Menschen mit Demenz begleiten,ohne sich zu überfordern

Ein Ratgeber für Angehörige

© 2016 Brunnen Verlag Gießen

Lektorat: Eva-Maria Busch

Umschlagfoto: Pressmaster/shutterstock

Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger

Satz: DTP Brunnen

ISBN Buch 978-3-7655-2062-4

ISBN E-Book 978-3-7655-7447-4

www.brunnen-verlag.de

Inhalt

Vielen Dank!

Drei Anmerkungen

Ansichtssache: Halb voll oder halb leer?

Teil 1

Häufige Fragen über Demenz

     Wie kann ich mir eine Demenz vorstellen?

     Sind Demenz und Alzheimer das Gleiche?

     Wie kann ich einer Demenz vorbeugen und wie erkenne ich eine Demenz?

Teil 2

Umgang mit Menschen mit Demenz

     Vom Umgang mit der Wahrheit: Wo ist denn meine Mutter?“

     Die drei Phasen einer Demenz

     Wie kann ich mit Störungen umgehen?

     Tipps, um die Kommunikation zu erleichtern

Teil 3

Gemeinsame Zeit sinnvoll gestalten

Teil 4

Gute Nachricht für Menschen mit Demenz

     Kann man dementen Menschen noch etwas weitergeben?

     Alle Sinne nutzen

     Mit dementen Menschen beten

     Biblische Geschichten erzählen

Teil 5

Tipps von Angehörigen für Angehörige

     Kolumne „Uli & die Demenz“

     Mit Humor geht alles besser

     Fünf Tipps bei herausforderndem Verhalten

     Drei Tipps bei „Fassadenverhalten“

     Willkommenskultur für Menschen mit Demenz

Nützliche Adressen

Literaturverzeichnis

Vielen Dank!

Ohne die Hilfe vieler Menschen wäre dieses Buch nicht zustande gekommen. Dafür sage ich Danke.

Ich bedanke mich bei den Leitern, Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken und Altenheimen, in denen ich bisher tätig war: Dies ist das Evangelische Altenheim Singen (heute „Haus am Hohentwiel“), das Kreiskrankenhaus Donaueschingen (heute „Kreisklinikum Schwarzwald-Baar“), das ZEDAKAH Altenheim Beth-Elieser für Holocaust-Überlebende in Maalot (Israel), das Psychiatriezentrum Breitenau Schaffhausen (heute Teil der Spitäler Schaffhausen) (Schweiz), das Alterswohnheim Thayngen (Schweiz) – und die AWO-Seniorenfamilien des Emil-Sräga-Hauses in Singen. Außerdem bedanke ich mich bei Ga­briele Glocker vom kommunalen Seniorenbüro der Stadt Singen für Ihre wertvollen Ratschläge und fürs Korrekturlesen des ersten und letzten Kapitels dieses Ratgebers.

Herzlich danke ich meiner Mutter Irmgard Zeller, die mich in den Bibelkreis-Kleingruppen im Emil-Sräga-Haus als ehrenamtliche Helferin tatkräftig unterstützt.

Dieses Buch ist aus mehreren Vorträgen und Seminaren entstanden, die ich zu Themen gehalten habe wie „Umgang mit Demenz“ oder „Demenz und Glaube“. Ein herzliches Dankeschön an alle meine Zuhörer, teilnehmenden Studenten und Angehörige von Menschen mit Demenz für ihre vielen wichtigen Impulse, die in dieses Buch eingeflossen sind. Vielen Dank auch an meine Dozenten an den Theologischen Seminaren St. Chrischona und Adelshofen.

Vor allem bin ich den dementen Menschen dankbar, mit denen ich bisher zu tun hatte. Sie können diese Zeilen nicht mehr verstehen. Aber sie helfen mir, die Welt mit neuen Augen zu sehen.

Drei Anmerkungen

In diesem Ratgeber finden sich viele Beispiele aus der Praxis. Die meisten davon habe ich selber erlebt. Manche Beispiele stammen aus der Erfahrung anderer. Die Episoden wurden so weit verfremdet, dass keine Rückschlüsse auf Betroffene mehr möglich sind. Auch die Namen wurden verändert.Ich spreche unsere Bewohner im Altenheim grundsätzlich per Sie und mit Nachnamen an: „Guten Morgen, Frau Löschmann.“ – „Wie geht es Ihnen, Herr Wagner?“ Dieser Ratgeber ist aber vor allem für Angehörige geschrieben. Daher beschreibe ich die Praxisbeispiele so, wie wenn ich die Bewohner mit Vornamen ansprechen würde. Dies ist ein Ratgeber aus christlicher Sicht. Ich habe ihn für Demenzbegleiter geschrieben, denen der Glaube selbst viel bedeutet. Aber auch wenn das nicht der Fall ist, hilft Ihnen das Buch bei der Betreuung dementer Angehöriger, die in der christlichen Tradition verwurzelt sind.

Ansichtssache: Halb voll oder halb leer?

Viele Angehörige und Freunde von Menschen mit Demenz sind überfordert. Das ist auch kein Wunder. Schließlich kennen sie den Betroffenen schon lange. Vielleicht geht es sogar um die eigene Mutter oder den Vater, zu dem man stets aufgeschaut hat. Und nun kann die betroffene Person so vieles nicht mehr. Sie bringt Abläufe durcheinander. Oder sie zieht mehrere Blusen übereinander an und vergisst, Socken anzuziehen. Vielleicht kann sie sich nicht einmal mehr an die Namen der Familienmitglieder erinnern.

Sie als Angehörige sehen die demente Person, wie sie jetzt ist. Und Sie vergleichen sie mit dem, was sie einmal war. Das Ergebnis ist zwangsläufig frustrierend: Der demente Walter steht mit zerzausten Haaren vor Ihnen. Er sträubt sich dagegen, gewaschen zu werden. An den gepflegten Handelsvertreter, der er früher einmal war, erinnert nichts mehr. Oder die nette Amalie von nebenan: Früher hat sie stets freundlich gegrüßt. Jetzt schaut sie zur Seite. Der begeisterte Fußballspieler Rudolf weiß nicht mehr, was all die Pokale bedeuten, die in seinem Regal stehen.

Menschen mit Demenz wirken wie ein Schatten ihrer früheren Persönlichkeit. Sie kommen einem vor, als würden sie sich selbst karikieren. Das ist sehr traurig; besonders dann, wenn Sie diesen Schatten mit der Person, wie sie früher war, vergleichen. Die Karikatur kann mit dem Wesen von früher nicht mithalten. Kurz gesagt: Wenn jemand seinen dementen Angehörigen beschreibt, hört es sich häufig an, als ob er von einem halb leeren statt einem halb vollen Glas spricht.

Eines Tages lernte ich den Ehepartner einer Frau mit Demenz kennen. Und diese Begegnung war für mich ein Schlüsselerlebnis. Fritz stand mir gegenüber, auf seinen Spazierstock gestützt und mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Neun lange Jahre hatte er seine Frau gepflegt.

Ich fragte ihn: „Wie sind Sie als Partner damit fertiggeworden? Waren Sie nicht zwangsläufig frustriert?“

Einen Augenblick lang lächelte Fritz nicht mehr. Dann erklärte er: „Anfangs ja. Da war ich frustriert und fühlte mich überlastet. Aber dann habe ich beschlossen: Ich will jetzt nicht mehr den Verfall sehen. Ab heute lerne ich einen neuen Menschen kennen. Einen Menschen mit anderen Charaktereigenschaften und einer neuen Persönlichkeit. Diese Entscheidung habe ich neun Jahre lang getroffen. Tag für Tag.“

Ich bin bis heute von Fritz beeindruckt. Denn ich selbst habe ja nur beruflich mit Menschen mit Demenz zu tun. Am eigenen Leib habe ich nie erlebt, wie es ist, einen dementen Angehörigen zu versorgen und dabei womöglich noch im gleichen Haushalt zu leben. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Mutter einen nicht mehr mit Namen kennt. Mit den Betroffenen komme ich häufig erst dann in Kontakt, wenn sie schon dement sind.

Emmi etwa kam nach einem Sturz ins Krankenhaus. Schenkelhalsfraktur. Sie war überfordert, als sie von Untersuchung zu Untersuchung gebracht wurde. Danach wurde sie ins Altenheim überwiesen. Auch hier machte ihr das neue Umfeld zu schaffen. Sie stand häufig nachts auf und huschte durch die Gänge.

Durch meine berufliche Beziehung zu den Betroffenen habe ich den Vorteil, dass ich wirklich neue Menschen kennenlerne – und den Menschen nicht mit früher vergleichen muss. Wir fangen im Altenheim bei null an. Die Erfahrung von Fritz gebe ich darum gerne an Angehörige weiter. Vielleicht wollen Sie mal versuchen, es so zu machen wie er: Lassen Sie sich darauf ein, einen neuen Menschen kennenzulernen. Eine neue Person mit einer anderen Persönlichkeit. Ein Gegenüber, das in einem neuen Rhythmus lebt und die Welt auf eine andere Art beschreibt. Verlieren können Sie nichts. Vergleichen ist die Wurzel allen Übels. Nicht nur das Vergleichen mit anderen Menschen – auch wenn man einen dementen Menschen mit dem vergleicht, was er früher war.

Teil 1

Häufige Fragen über Demenz

Wenn in einer Familie die Diagnose „Demenz“ gestellt wird, tauchen viele Fragen auf. Das weiß ich aus meinen Begegnungen mit betroffenen Angehörigen. Häufig geht es bei diesen Fragen um folgende Themen:

Wie kann ich mir eine Demenz vorstellen?Sind Demenz und Alzheimer das Gleiche?Wie kann ich einer Demenz vorbeugen und wie erkenne ich eine Demenz?

Ausführliche Antworten finden Sie auf verschiedenen Internetseiten, etwa:

www.alzheimer-forschung.de (Alzheimer Forschung Initiative e.V.)

www.wegweiser-demenz.de (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend)

www.deutsche-alzheimer.de (Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V., Selbst­hilfe Demenz)

www.alz.ch (Schweizerische Alzheimervereinigung)

Auf diesen Seiten finden Sie auch weitere hilfreiche Informationen.

In meiner Kolumne „Uli & die Demenz“ auf www.die-pflegebibel.de finden Sie regelmäßig weitere praktische Tipps und Gedanken rund ums Thema Demenz. Sie können die einzelnen Kolumnen dort nicht nur lesen und weiterempfehlen, sondern auch Ihre konkreten Fragen eingeben. Zu Ihren persönlichen Fragen kann ich vielleicht gelegentlich eine eigene Kolumne schreiben. Hier ist kein Platz, detailliert auf diese Fragen einzugehen. Ergänzend zu den Literaturhinweisen möchte ich die oben genannten drei Fragen mit einigen praktischen Beispielen beantworten.

Wie kann ich mir eine Demenz vorstellen?

Amelie weiß nicht mehr, was sie vor einer Stunde gegessen hat. Und das, obwohl es ihr Lieblingsgericht war: Kaiserschmarren. Aber sie kann sich noch daran erinnern, dass sie am Tag ihrer Einschulung – vor über 80 Jahren – rote Strümpfe anhatte. Wie ist das möglich?

Stellen Sie sich einen Stapel Geldscheine vor. Wie auf einem Stapel häufen sich unsere erworbenen Schätze an: Fähigkeiten, Erlebnisse, Bilder, Begegnungen und Beziehungen türmen sich auf. Von unten nach oben. Unten liegen Scheine aus der frühesten Kindheit: Erfahrungen als Kleinkind mit den Eltern. Obendrauf liegt die Muttersprache. Das Schulwissen stapelt sich weiter oben. Dann folgen: Eine Fremdsprache. Kenntnisse aus dem Beruf. Person und Namen des Ehepartners. Dann die Kinder. Obendrauf die Enkel. Der Stapel mit den erworbenen Scheinen wird im Laufe des Lebens immer höher.

Was passiert nun, wenn ein Mensch dement wird? Eine Demenz fegt wie ein Wirbelwind über diesen Stapel hinweg. Er räumt die Scheine ab. Von oben nach unten. Früher Erworbenes bleibt länger erhalten. Später Gelerntes wird schneller fortgefegt.

Zwei Beispiele:

Gisela hatte eben Besuch von ihrem Sohn. Die Türklinke ist noch warm von seiner Hand. Der Geruch seines Rasierwassers hängt noch in der Luft. Frage ich Gisela, ob ihr Sohn heute da war, antwortet sie im Brustton tiefster Überzeugung: „Nein.“ Sie kann jedoch noch detailliert beschreiben, wie die Fensterläden des Hauses aussahen, in dem sie aufgewachsen ist.

Wilhelmine ist in einem Dorf am Kaiserstuhl aufgewachsen. Als Kind redete sie einen urigen alemannischen Dialekt. Danach hat sie studiert. Sie wurde Lehrerin und unterrichtete an einem anderen Ort. Als Erwachsene hat sie nur noch hochdeutsch geredet. Wilhelmine hat später drei Kinder bekommen. Von frühester Kindheit an hat sie mit ihnen nur hochdeutsch gesprochen. Die Kinder – heute zwischen 55 und 65 Jahre alt – können sich nicht erinnern, dass die Mutter jemals ein Wort im Dialekt geredet hat.

Dann wurde Wilhelmine dement. Der Wind fegte über ihre Scheine hinweg. Und irgendwann waren ihre hochdeutschen Sprachkenntnisse fortgeweht. Mit beinahe neunzig Jahren begann sie wieder den Dialekt ihrer Kindheit zu sprechen. Das war für die Kinder verblüffend – denn sie kannten diesen Dialekt gar nicht. Erst mithilfe einer Freundin aus Kindertagen konnte einiges von Wilhelmines Sätzen und Wendungen auf Hochdeutsch übersetzt werden.

Sind Demenz und Alzheimer das Gleiche?

Demenz verhält sich zu Alzheimer wie Europa zu Deutschland. Demenz ist der Überbegriff, ein ganzer Kontinent. Alzheimer ist ein Land davon – eine Form der Demenz. Die Größenverhältnisse stimmen allerdings nicht. Alzheimer als häufigste Form von Demenz wäre auf einer Europakarte wesentlich größer als Deutschland. Der „Kontinent“ Demenz kann in drei Gruppen („Länder“) unterteilt werden:

Bei Alzheimer und verwandten Formen steht der Abbau des Hirngewebes im Vordergrund.Manche Demenzen entstehen durch verschlossene Blutgefäße (sogenannte „vaskuläre“ Demenzen). Im Volksmund sagt man oft salopp: „Der Opa ist verkalkt.“Es gibt auch Demenzen, die auf eine erste andere Erkrankung zurückzuführen sind (sog. „sekundäre“ Demenzen).

Sie können Ihren Hausarzt fragen, welche Form einer Demenz vorliegt. Ist etwa eine zugrunde liegende andere Krankheit bekannt, kann diese behandelt werden. Dadurch lässt sich der Verlauf einer Demenz vielleicht verlangsamen. Außerdem kann der Arzt gezielt Medikamente einsetzen – um die Demenz zu verzögern oder die Begleiterscheinungen zu behandeln.

Wie kann ich einer Demenz vorbeugen und wie erkenne ich eine Demenz?

Einer Demenz können Sie vorbeugen, indem Sie sich geistig fit halten, Beziehungen pflegen, sich gesund ernähren und Sport treiben. Das ist zwar keine Garantie, nicht dement zu werden – aber die Wahrscheinlichkeit ist höher.

Geistige Betätigung

Hilfreich ist, sich für sein Umfeld zu interessieren, Bücher und Zeitungen zu lesen, Hobbys zu pflegen. Wer etwa ein Musikinstrument spielt, schult damit Motorik, Gehör und Konzentration. Beim Tanzen von Standardtänzen trainiert man den Körper und fördert Kommunikation, Gehör und Gleichgewicht. Durch gezieltes Gedächtnistraining lässt sich eine Demenz verzögern.

Einen hilfreichen Ratgeber über Gedächtnistraining hat Roland R. Geisselhardt geschrieben. Sie finden ihn im Literaturverzeichnis. Glück und Freude durch kreative Beschäftigung schiebt eine beginnende Demenz weit fort. Eher schädlich ist es, passiv zu sein – etwa mit hohem Fernsehkonsum.

Christen, die sich für die Bibel interessieren, können Bibelverse auswendig lernen. Vielleicht sogar mit der Stellenangabe. Das ist eine gute Vernetzung zwischen Zahlen und Worten. Dadurch aktivieren Sie verschiedene Regionen im Gehirn. Und Sie steigern so die Allgemeinbildung. Wer sich in der Bibel schon etwas auskennt, für den vernetzt sich dabei sogar noch der Bibelvers mit seinem bisherigen Bibelwissen über das jeweilige biblische Buch.

Weitere Tipps: Sie können viel singen oder Brett- und Gesellschaftsspiele spielen. Am besten tun Sie dies gemeinsam mit anderen Menschen.

Soziale Kontakte

Auch wer Zeit mit anderen Menschen verbringt und sich auf ein Gegenüber einstellt, beugt einer Demenz aktiv vor. Eine Frau fragte: „Soll ich mir jetzt extra einen Lebenspartner suchen, damit ich keine Demenz bekomme?“ Nein, natürlich nicht. Aber es steht nirgends geschrieben, dass ältere Menschen alleine leben müssen und keine Kontakte mehr pflegen dürfen.

Die ideale Lösung wäre, nicht allein zu leben, beispielsweise mit den Kindern zusammenzuziehen. Oder eine Wohngemeinschaft mit anderen Menschen zu gründen – zusammen mit anderen Senioren oder generationsübergreifend. Solche Wohngemeinschaften haben positive Effekte für alle Beteiligten.

Manchmal ist es nicht möglich, mit anderen Menschen in eine Wohnung zu ziehen. Dann brauchen Sie nicht daran zu verbittern, wenn Sie alleine leben. Sie können sich trotzdem bewusst auf andere Menschen einstellen: Sich zu Ausflügen verabreden. Zusammen einen Schrebergarten anlegen. Gemeinsam kochen und essen. Kaffeerunden genießen. Zusammen zum Sport gehen.

Ein gesunder Lebensstil

Natürlich ist grundsätzlich ein gesunder Lebensstil hilfreich: Wer sich gesund ernährt, genügend trinkt und sich ausreichend bewegt, tut sich schon den größten Gefallen. Alkohol sollte nur in kleinen Mengen konsumiert werden. Blutgefäße bleiben geschmeidiger, wenn Sie nicht rauchen und sich salzarm ernähren. Eine Diabeteserkrankung sollte gut eingestellt werden. Wer es dann noch schafft, sein Übergewicht zu reduzieren, ist auf einem guten Weg.

Ein gutes Beispiel:

Im Schwimmbad begegne ich häufig einem Rentner. Er zieht dort seine Bahnen. Eines Tages hat er mir erzählt, wie er dabei vorgeht: Er zählt die Längen, die er zurücklegt. Sind es nun 30 oder 40 Längen? Dann rechnet er aus, wie viele Kilometer das ergibt. Wenn er wieder zu Hause ist, steckt er auf einer Landkarte mit Stecknadeln die Strecke ab, die er zum Beispiel im Rhein geschwommen wäre. Anschließend liest er in Reiseführern in der Bibliothek nach, was es in den jeweiligen Orten und Städten zu sehen gibt. Den Rhein hat er übrigens schon längst geschafft. Neulich schmunzelte er, als er mir erklärte: „Jetzt komme ich schon bald in Moskau an.“

Nach dem Gespräch mit diesem Rentner dachte ich: Das ist eine gute Demenz-Vorbeugung, denn da ist fast alles dabei: Sport, Rechnen, soziale Kontakte im Schwimmbad und in der Bibliothek – und die Bereitschaft, Neues zu lernen.

Schwimmen ist nun nicht jedermanns Lieblingssport. Nicht jeder interessiert sich für Flüsse und Erdkunde. Aber Sie können dieses Beispiel auf Ihre eigenen Vorlieben und Hobbys übertragen. Sie können sich über ein bestimmtes Land informieren. Wer gerne schreibt, kann Leserbriefe an die Zeitung schicken. Oder Sie bauen Kontakt zu Flüchtlingen auf – bringen ihnen unsere Sprache bei und lernen selbst einige Wendungen aus ihrer Sprache.

Die andere Teilfrage lautet: Wie kann ich eine Demenz erkennen? Wenn Sie unsicher sind, empfehle ich auf jeden Fall, den Hausarzt einzubeziehen. Er kann den Betroffenen zu einem Facharzt überweisen. Mit entsprechenden Tests kann dieser eine Demenz ausschließen oder dia­gnostizieren – und gangbare Wege aufzeigen.

Zur ersten Orientierung empfehle ich das Buch „Hilfe, ich werde vergesslich. Was Sie für Ihr Gedächtnis tun können und wie man eine Demenz erkennt“ von Britta Wiegele und Sophia Poulaki. In diesem Buch werden in einem Kapitel auch fernöstliche Methoden wie Yoga empfohlen. Ich rate stattdessen lieber dazu, klassische Gymnastikübungen – am besten an der frischen Luft – zu machen.

Ein angenehmer „Fall“ werden.

Hauptrisikofaktor für eine Demenz ist das Alter. Ein etwas sarkastischer Spruch heißt: Jeder Mensch wird dement – er muss nur alt genug werden. Bei einem Seminar hat mich eine Frau tatsächlich gefragt: „Was kann ich tun, damit ich später einmal ein angenehmer Demenzfall werde?“

Ähnlich wie bei der Vorbeugung einer Demenz gilt auch hier: Ein angenehmes Wesen entwickeln Sie, wenn Sie in Beziehungen leben. Leichter zu pflegen wird auch – im wörtlichen Sinne –, wer sein Übergewicht reduziert.

Sie sind mehr als ein Fall!