Männerfallen - Eva Rossmann - ebook

Männerfallen ebook

Eva Rossmann

0,0

Opis

Gewinner des Leo-Perutz-Preis der Stadt Wien für Kriminalliteratur 2014 Männer werden unterdrückt und müssen sich endlich in jeder Beziehung wieder durchsetzen! Mit dieser provokanten These und der Unterstützung seiner ehrgeizigen Verlegerin gelingt Thomas Pauer ein Weltbestseller. Paris, Wien, Rom: "Sei ein MANN!" begeistert auch viele Frauen. Kann das damit zusammenhängen, dass der ehemalige Sportmoderator eines kleinen Berliner Privatsenders ziemlich attraktiv ist und eine Menge markiger Sprüche über guten Sex drauf hat? Doch dann behauptet eine Wiener Studentin, dass Pauer versucht habe, sie zu vergewaltigen. Wenig später ist sie verschwunden. Feministinnen sind empört, die Boulevardpresse hingegen schwingt sich zum Anwalt des Autors auf. Und in den USA erhöht man die Startauflage des Buches um ein Vielfaches. Mira Valensky und ihre Freundin Vesna Krajner tappen im Dickicht der Vorurteile. Ist das Ganze vielleicht nur ein PR-Gag des Verlags? Welche Rolle spielt die Leiterin eines Frauenclubs? Und warum ist die Studentin untergetaucht? Die Suche nach der Wahrheit führt Mira Valensky zu einem Literaturfestival nach Sardinien. Dort überschlagen sich die Ereignisse und die Fallstricke des Geschlechterkampfs werden mörderisch.

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Männerfallen

Eva RossmannMännerfallen

Der 15. Mira-Valensky-Krimi

Lektorat: Joe Rabl

© Folio Verlag Wien • Bozen 2013Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dall’O & FreundeDruckvorbereitung: Typoplus, FrangartPrinted in Austria

ISBN 978-3-85256-629-0eISBN 978-3-99037-035-3

www.folioverlag.com

[ 1. ]

Lassen Sie mich durch!“

„Au, das war mein Bein!“

„Sorry, aber wenn Sie so drängen …“

„Also das geht jetzt wirklich nicht. Ich warte schon viel länger!“

„Ich bin von der Presse.“

„Und? Stell dich gefälligst hinten an!“

„Noch einmal: Ich hab einen Termin mit ihm, kann ich jetzt endlich vorbei?“ Ich bekomme einen Stoß in den Rücken und drehe mich gereizt um. Hysterische Frauen. Und das wegen eines Typen, der ein Buch über die angeblich ach so notwendige Befreiung der Männer geschrieben hat. Samt der dazugehörigen Portion Sex. „Sei ein MANN!“ Weil die Frauen längst das Sagen hätten. Vielleicht war auch er einmal eingekeilt. Aber das ist wohl keine Entschuldigung. Blonder Affe aus Berlin. Und ich soll ihn interviewen. Vorausgesetzt, ich komme durch.

Die Menschenschlange vor der Halle F des Wiener Museumsquartiers ist lang und aufgeregt und wild entschlossen, keine Bevorzugungen zuzulassen. Ein kollektives Lebewesen, getrieben von Bewunderung, Neugier, pseudoerotischen Fantasien, genährt durch üppige Medienberichte über den neuen Superstar, mit einem schlichten Ziel: IHN zu sehen, IHM zuzuhören, vielleicht sogar ein Autogramm von IHM zu bekommen, einen Blick, einen Händedruck, wenn nicht mehr …

Mir reicht’s. Ich muss raus aus dem Pulk. Ich werde die Managerin von Thomas Pauer anrufen. Die vom Verlag sollen mich abholen. Und wenn sie nicht wollen, dann eben nicht. Dann gibt es keine Geschichte im „Magazin“. Ich drehe mich um. Aber auch da will man nicht weichen. Eine Frau in rosafarbener Modetracht tritt mir auf die Zehen. Ich hole Luft und ramme ihr meinen Ellbogen so unauffällig wie möglich in die Seite. Ein spitzer Schrei, der im Massengemurmel untergeht. Sie kippt ein wenig zur Seite, ich drängle, merke, wie mir Schweiß in die Augen tropft. Wien im Sommer. An sich liebe ich das. Wenn ich nicht mit anderen um jeden Quadratzentimeter Boden kämpfen muss. Ich winde mich an einigen jungen Mädchen vorbei, stoße auf ein Paar in meinem Alter, Mann Typ Oberbuchhalter, Frau Typ Frisch-gestrichen-und-aufpoliert. Er scheint zu überlegen, ob sie Platz gewinnen, wenn sie mich durchlassen, oder ob es dann die Menschen auf der Seite leichter haben, etwas weiter nach vorne zu kommen.

„Mira Valensky“, sage ich. „Vom ‚Magazin‘. Ich schreibe eine Story über den Männer-Pauer. – Warum sind Sie hier?“

Die Frischgestrichene sieht mich misstrauisch an. Ihr Oberbuchhalter kommt näher, flüstert mir ins Ohr: „Wenn wir Ihnen ein Interview geben, bringen Sie uns dann rein? Kriegen wir einen Platz im Saal?“

Ich ziehe meinen Kopf zurück. „Kein Interview. Ich habe bloß gefragt, warum Sie da sind, und ich hab keine Ahnung, wer wie reinkommt.“

„Weil Sie ja einen privilegierten Platz haben. Wahrscheinlich in der ersten Reihe“, faucht er.

Schon eigenartig. Die hören auf jeden Unsinn, den die Medien groß berichten. Sonst wären sie jetzt auch nicht hier. Aber Journalisten mögen sie nicht besonders gern. – Oder bloß Journalistinnen? Ich versuche ein Lächeln. „Ich brauche meinen Platz nicht, Sie können ihn haben. Lassen Sie mich bitte einfach vorbei.“

„Wir kriegen also Ihren Platz?“

„Klar. Wenn Sie mich durchlassen.“

„Dann kriegen Sie auch ein Interview mit uns.“

„Ich brauche kein …“

Er nickt. „Okay, wir sind da, weil dieser Thomas Pauer endlich die Wahrheit schreibt. Nämlich dass wir Männer längst unterdrückt werden, dass wir uns auf die Beine stellen müssen. In jeder Beziehung.“

Die Frischgestrichene nickt. „Ich brauche keinen Waschlappen. Da ist mir ein richtiger Mann schon lieber. Der es mir …“

Oberbuchhalter nickt, ich nütze die Sekunde, in der sie enger zusammenrücken, fädle mich zwischen ihnen und weiteren Männer-Pauer-Liebhaberinnen durch, höre noch ein „He, was ist jetzt mit dem Platz?“, habe endlich etwas mehr Luft und Raum, mache einige schnelle Schritte Richtung Eingangshalle und ziehe mein Mobiltelefon aus der Tasche. Farah Seifried. Die Verlagschefin. Seine persönliche Managerin. Es gibt auch noch eine Pressefrau, aber unsere Chefredaktion hat mit der Verlagschefin direkt verhandelt. – Wunderbar! Da muss man verhandeln, um ein Interview mit einem gehypten Hohlkopf zu kriegen. Und das Ganze wird dann im „Magazin“ auch noch quasi zur Chefsache erklärt. Und mir, als Chefreporterin, umgehängt. Unsere Sekretärin, das heißt natürlich die Chefsekretärin, hat mir die Nummer von dieser Seifried geschickt. Der Gipfel des Glücks. Die direkte Nummer der Verlagschefin. Mehr werde ich heute nicht zu erwarten haben. Ich wähle. Niemand geht ran. Wunderbar und tschüss. Da kann man eben nichts machen, Schicksal. Vielleicht habe ich doch mehr Glück als gedacht.

„Seifried?“

So viel dazu. „Mira Valensky. Ich stehe unter dem Plakat vor der Halle im Museumsquartier und komm nicht rein. Die Fans lassen mich nicht durch.“

„Tja, es werden täglich mehr. In Berlin hatten die Veranstalter einen Sicherheitsdienst. Aber das scheint man in Wien verabsäumt zu haben.“

„Also: Wie komme ich zu Thomas Pauer?“

„Ich schicke Ihnen eine Mitarbeiterin raus. Ich kann Ihnen leider nur mehr dreißig Minuten geben. Aber das ‚Magazin‘ ist uns natürlich wichtig.“

Klar, wir sind die größte Wochenzeitung in unserem kleinen Land. Daher wichtig, daher reichen aber auch dreißig Minuten. Mal schauen, ob sich Frau Verlagschefin freut, wenn sie unsere Story liest. Sie scheint gar nicht auf die Idee zu kommen, dass jemand auch kritisch über den deutschen Wundermann berichten könnte. – Oder ist ihr das egal? Motto: Hauptsache, er ist im Gespräch? Das jedenfalls scheint ihr bisher sehr gut gelungen zu sein. Ich gebe ihr meine genauen Koordinaten, lehne mich an die Wand der Eingangshalle. Vis-à-vis von mir ein riesiges Ankündigungsplakat. Thomas Pauer, blond, muskulös, mit blauen Augen und siegessicherem Grinsen und dahinter das Cover seines Mega-Bestsellers: „Sei ein MANN!“ Riesige hellrote Buchstaben auf blauem Grund. Immer noch kommen Menschen, höchstens ein Drittel davon sind übrigens Männer, und drängen Richtung Halleneingang.

Etwas abseits eine Gruppe Frauen, die Transparente hochhalten. Wahrscheinlich mit Texten wie: „Pauer, wir lieben dich!“, „Thomas, ich will einen Sohn von dir!“, „Mann, mach’s mir!“ Ich kneife die Augen zusammen, versuche die Buchstaben zu entziffern. Klar, ich brauche eine Brille, bräuchte ich schon seit fünfundzwanzig Jahren, aber wer muss schon alles total scharf sehen? Bessere Idee. Ich krame meinen Fotoapparat aus der Tasche, zoome hin: „Kampf dem Patriarchat!“, „Die Hälfte der Macht den Frauen, die Hälfte der Hausarbeit den Männern!“, „Pauer-Männchen verzieh dich!“

Sieh an. Nicht alle lieben den neuen Glücksbringer. Fünf der Frauen sind eher älter als ich, zwei dafür deutlich jünger. „Kampf dem Patriarchat!“ klingt ziemlich vorgestrig. Na ja. Vielleicht ist es bloß zeitlos. Ich drücke ein paarmal ab. Eine aus der Gruppe löst sich und kommt direkt auf mich zu. Hat sie gesehen, dass ich fotografiert habe? Ist das nicht erlaubt? Aber sie nimmt mich gar nicht wahr, eilt bloß Richtung Ausgang. Ich stelle mich ihr in den Weg.

„Mira Valensky vom ‚Magazin‘. Ich habe ein paar Fotos von Ihren Transparenten gemacht. – Ich würde in meiner Reportage auch gerne die Kritikerinnen von Thomas Pauer zu Wort kommen lassen. Was ist das für eine Gruppe?“

Die Frau sieht mich misstrauisch an. Sie ist zirka so groß wie ich, nicht dick, aber breitschultrig und massiv. Vielleicht trägt auch die dunkelbraune, weit geschnittene Jacke dazu bei. Viel zu warm für dieses Wetter. Hornbrille. So was ist inzwischen ja ziemlich modern, bei ihr wirkt sie irgendwie bedrohlich. Als wollte sie sich verstecken, aber dafür alles sehen. Sie muss so Mitte fünfzig sein, schätze ich. Durch das Kamerazoom hat sie älter gewirkt. Das „Magazin“ ist nicht eben ein linksfeministisches Kampfblatt. Immer auf der Suche nach Quote, hie und da mit Einsprengseln von seriösem Journalismus. Der wird allerdings in erster Linie von meinem Freund Droch, dem Leiter der Politik-Redaktion, abgedeckt. Aber ich bemühe mich auch, wirklich. Bloß, wie soll ich das meinem Gegenüber klarmachen? Muss ich?

„Maggy Körmer“, sagt sie nach einer Nachdenkpause. „Es handelt sich um einen freien Zusammenschluss freier Frauen. Wir haben keinen Namen. Wir spielen das Spiel männlicher Vereinsmeier nicht mit. Was wir sagen wollen, ist allerdings klar: Wir lehnen jede Form der männergesteuerten Gesellschaft ab.“ Sie fährt sich durch ihre etwas zu rot gefärbten Haare.

„Und was sagen Sie zu den vielen Frauen, die das, was Pauer schreibt, offenbar großartig finden?“

Maggy Körmer schnaubt. „Man hat ihnen das selbstständige Denken abgewöhnt. Sie sind von den Männern verobjektiviert worden, wenn Sie verstehen, was ich meine, nicht Subjekt ihres Handelns. Was erwarten Sie von solchen?“

„Man muss sie befreien, oder?“ Ich erinnere mich dunkel an derartige Schlagworte. Als Kind habe ich eine Zeit lang geglaubt, man habe Frauen irgendwo in ein Gatter gesperrt. So wie in einem Zoo. Ich war sehr dafür, dass sie rausdürfen. Und ich hab mich darüber gewundert, dass mein Vater das für Unsinn gehalten hat.

„Selbstverständlich ist es die Aufgabe aller demokratisch denkenden Frauen, ihre Geschlechtsgenossinnen zum selbstständigen Sein zu ermächtigen.“

Ich sehe mein Gegenüber an. Kein Lächeln, kämpferischer Blick. Vielleicht gibt’s da auch nichts zu lachen und ich bin einfach oberflächlich. „Und wenn sie sich nicht befreien lassen wollen?“

Maggy Körmer sieht auf die Uhr. „Ich muss zu einem Vortrag.“

„Sie lassen Ihre Mitkämpferinnen allein?“

„Sie sind es gewohnt, auf eigenen Beinen zu stehen.“ Und damit ist Maggy Körmer weg. Kann ich schreiben, was sie mir gesagt hat? Will ich es? Und: Wo bleibt mein Fotograf? War er früher, also rechtzeitig, da und ist schon drin? Hat ihn die Menschenmasse geschluckt? Ich arbeite am liebsten mit Regina aus der Fotoredaktion, sie hat nicht nur einen Sinn für gute Bilder, sondern auch journalistisches Gespür. Aber: Weil das da eben alles offenbar Chefsache ist, wollte der Chef der Fotoredaktion selbst dabei sein. Wahrscheinlich ist er einfach neugierig auf den Typ, der diesen Mega-Macho-Bestseller geschrieben hat. Und überlegt, ob er sich was abschauen könnte.

„Traust du dich nicht hin?“

Ich fahre herum. Der Leiter der Fotoredaktion grinst mich an. „Scheint ziemlich was los zu sein hier.“

„Ich dachte, du bist schon drin“, antworte ich.

„Hast du nicht gecheckt, wie wir reinkommen?“

Ich sehe ihn ein wenig spöttisch an. „Das haben wir Frauen schon drauf. Wir werden von einer Mitarbeiterin der Verlagschefin abgeholt.“

„Höre ich da diesen Wir-Frauen-machen-es-jedenfalls-besser-Ton raus?“

„Mit denen da hab ich jedenfalls wenig gemeinsam“, antworte ich und deute auf die Fangemeinde im Hof.

„Klar, die sind eben keine Chefreporterinnen. Nicht alle haben Haare auf den Zähnen.“

„Fotografier lieber. Dafür wirst du bezahlt.“

„Sagt er ja: So weit ist es mit uns gekommen. Uns wird bloß befohlen und wir müssen springen.“ Er grinst.

„Sag nicht, dass du das Buch schon gelesen hast.“

„Nein, aber über das Buch konnte man ja jede Menge lesen.“

„Und es gefällt dir.“

„Sorry, Mira. Ich weiß, du willst das nicht hören, aber: ja. Es gefällt mir. Warum bitte müssen wir uns ständig dafür entschuldigen, Männer zu sein?“

„Ach, ist das so?“ Ich schenke ihm ein mitleidiges Lächeln. „Und warum bist du dann Chef der Fotoredaktion und nicht Regina?“

„Weil sie kürzer da ist, weil ich mehr Erfahrung habe. – Und außerdem: Warum bist du Chefreporterin und nicht … zum Beispiel Christof?“

„Du willst mich wirklich mit Christof vergleichen? Ich packe es nicht. Der schaut bei jeder Geschichte, ob sie den Freunden in seiner Studentenverbindung passt. Ganz abgesehen davon, dass ich eben bewiesen habe, dass ich gute Storys liefere.“

„Also ist auch die angeblich ach so mächtige Studentenverbindung nicht imstande, ihm diesen Job zu besorgen.“

Schön langsam werde ich wütend. Wie der die Realität verdreht … „Und was ist mit dem Umstand, dass Frauen um die Hälfte weniger verdienen?“

„Bleib cool, Mira. Ist ja kein Angriff auf dich. Du bist echt gut, ich gestehe Frauen so was zu. Nur dass sie es uns nicht zugestehen, nervt mich. Und: Du hast als Chefreporterin einen ziemlich guten Vertrag.“

„Du bist angestellt. Ich nicht. Du verdienst mehr.“

„Das kann man nicht vergleichen. Außerdem: Seit wann willst du angestellt sein?“

Ach Mist, das ist heute nicht mein Tag. Es stimmt, ich arbeite gern mit einem fixen freien Vertrag. Macht mich irgendwie unabhängiger, zumindest mag ich das Gefühl, dass das so sein könnte.

„Und dass Frauen nicht die Hälfte verdienen, weißt du ganz genau“, fährt mein Fotograf fort. „Sie arbeiten einfach weniger lang. Und in den falschen Branchen. Das ist alles.“

„Ach ja, so wie deine Frau: Die arbeitet nur halbtags, weil ihr zwei kleine Kinder habt und weil der Herr Fotograf natürlich keine Zeit für die hat.“

Er schluckt. Jetzt ist auch er wütend. Gut so. „Sissi ist total zufrieden so, das kannst du als kinderlose Emanze nicht begreifen. Es geht eben nicht allen Frauen um den Egotrip!“

Ich atme durch. Ich muss mich auf so einen Schwachsinn nicht einlassen. Möglichst ruhig sage ich: „Sei so gut und fotografier einfach. Okay? Mach deinen Job. Sonst muss ich dich bitten zu gehen.“

„Ist doch typisch! Genau so, wie er schreibt: Frauen glauben, alles bestimmen zu können, und sind dabei auch noch wehleidig.“ Er grinst. „Kann es sein, dass du zu wenig Sex hast?“

Ich hole tief Luft. „Ich fürchte, du hast Wichtigeres zu tun, als mit einer kinderlosen Emanze hier auf den neuen Messias zu warten. Also: Tut mir leid, ich brauche dich nicht bei diesem Interview.“

Der Chef der Fotoredaktion starrt mich fassungslos an, Mund halb offen, jetzt muss ich mir ein Grinsen verkneifen. Ist schon ganz schön, manchmal ein wenig Macht auszuüben.

„Das hat ein Nachspiel“, sagt er dann. „Ich bin der Leiter der Fotoredaktion …“

„Und das ist meine Reportage.“ Ich sage es ganz ruhig, sehe mich um. Wo ist die Verlagsfrau? Wäre dumm, wenn man mich hängen ließe. Ganz besonders nach diesem Auftritt. Als ich mich wieder zum Fotografen umdrehe, ist er verschwunden. Auch recht. Zu wenig Sex. Kinderlose Emanze. Man packt es nicht. Ist es jetzt schon ein Makel, keine Kinder zu haben? Ich habe Gismo, meine Katze. Schon ziemlich betagt inzwischen, aber gut drauf. Lässt sich nicht vergleichen, klar. Und ich habe Oskar. Samt Liebesleben. Keine Klagen diesbezüglich. Auch wenn wir natürlich älter werden und nicht immer so viel Zeit ist. Und überhaupt: Kann es nicht einfach so sein, dass wir alle leben dürfen, wie es uns passt?

Jemand tippt mir auf die Schulter. Ich zucke zusammen. Dieser idiotische Fotograf … ich werde ihm … aber es ist eine junge Frau, die mich ansieht: mehr als eins achtzig groß, schlank, mit kurzen dunklen Haaren und einem ärmellosen Kleid, das bei ihr wirkt, als wäre es ein Designerstück. Ist es ja vielleicht auch.

„Frau Valensky? Frau Seifried hat gesagt, ich soll Sie abholen, ich bin aus der Presseabteilung von Alpha Books.“

Ein Bodyguard, den der Verlag offenbar zum Schutz seines Bestsellerautors angeheuert hat, lotst uns an den Fans vorbei. Die paar Kritikerinnen mit ihren Transparenten stehen noch immer etwas abseits, niemand nimmt Notiz von ihnen. Scheint allerdings so, als wären sie daran gewöhnt. Wir folgen dem muskelbepackten Mannsbild, er ist gegen zwei Meter. Offenbar stehen sie in diesem Verlag auf Größe. Mein Oskar hätte mit seinen eins dreiundneunzig gute Chancen, als ihr Anwalt anzuheuern. Freilich würde er niemals ein T-Shirt tragen, auf dem „Sei ein MANN!“ steht. Außer im Fasching. Hat er nicht notwendig. – Oder täusche ich mich? Haben Männer wirklich das Gefühl, endlich wieder Stärke zeigen zu müssen? Oskar ist stark. Wenn auch anders. Zum Glück. – Reicht ihm das?

Hintereingang. Backstage. Eine Reihe von schmucklosen Türen. Die Pressefrau klopft an eine von ihnen, öffnet sie, ohne auf Antwort zu warten, bittet mich, einzutreten. Der Bodyguard bleibt draußen. Muskeln allein sind eben doch zu wenig, um mitreden zu können.

Künstlergarderobe, der obligate Spiegel mit Lampen und einem Stuhl davor. Bitte? Thomas Pauer ist Autor und kein Schauspieler. Na gut. Eigens gestylte Autorengarderoben dürfte es nicht geben. Er sitzt ohnehin nicht vor dem Spiegel, sondern in einer kleinen Besprechungsecke. Drei Ledersessel, in der Mitte ein Tischchen. Wohlerzogen steht er auf. Er ist kleiner, als ich gedacht habe. Auf den Pressebildern wirkt er wie ein Hüne, aber er dürfte nicht viel größer sein als ich. Die Frau neben ihm sieht kurz auf, nickt mir zu und tippt weiter in ihren Laptop.

Die schicke junge Frau aus der Presseabteilung stellt uns einander vor und entschuldigt sich dann, es gäbe eine Reihe von Terminen und Anfragen zu koordinieren. Natürlich ist Thomas Pauer ein Typ, den viele attraktiv finden. Ende vierzig, muskulös, blonde, nicht ganz kurz geschnittene Haare, blaue Augen, voller Mund, kantiges Gesicht, leicht gebräunt. Mir ist er irgendwie zu hübsch. Erinnert mich an die Typen aus der Fernsehwerbung. – Würde ich diesem Mann einen Gebrauchtwagen abkaufen? Vielleicht eine Tube Zahnpasta. Seine Zähne sind wirklich weiß, fast etwas zu weiß und ebenmäßig. Er lächelt und ich lächle zurück. Das also ist der neue Retter der Männlichkeit. Knistern tut da gar nichts. Null Sexappeal, stelle ich fest. Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.

„Guten Tag, Frau Valensky, wir haben leider nur mehr zwanzig Minuten“, sagt die Verlagschefin und klappt ihren Laptop zu. Dann Stirnrunzeln. „Haben Sie keinen Fotografen mit?“

Ich setze mich. „Ich fotografiere lieber selbst.“

„Sie sind wirklich Frau Valensky vom ‚Magazin‘?“, fragt die Verlegerin.

„Meistens habe ich den Eindruck“, erwidere ich einigermaßen spöttisch.

„Können Sie sich bitte ausweisen?“

Ich versuche mein spöttisches Lächeln zu behalten.

„Ihre Mitarbeiterin hat mich abgeholt.“

„Sie hat eine Frau abgeholt, die unter dem Plakat stand.“

Was glaubt die eigentlich? „Reicht Ihnen ein Presseausweis oder brauchen Sie Zeugen? In Österreich kennt mich die eine oder der andere. Oder Sie googeln mich einfach.“ Ich deute auf ihren Laptop.

Sie sieht mich forschend an. „Es gibt eine Menge Frauen, die so nahe wie möglich an Thomas Pauer heranwollen. Manche sind da ziemlich erfindungsreich.“

Ich krame nach meinem Presseausweis, er ist in meiner Geldbörse, das weiß ich. Nur dass ich die momentan in der großen Handtasche nicht finden kann. Oder habe ich sie etwa gar zu Hause auf dem Schreibtisch vergessen, als ich noch rasch nach dem Ersatzakku für den Fotoapparat gesucht habe?

„Ich glaube ihr“, sagt Thomas Pauer in die Richtung seiner Managerin. Ich habe recherchiert, wer sie ist: stammt aus Bonn, ist neununddreißig, also genau zehn Jahre jünger als ich. Vor einem Jahr aufgestiegen zur Verlagsleiterin von Alpha Books, deutschsprachiger Teil eines der größten internationalen Medienkonzerne. Perfekt frisierte schulterlange blonde Haare, dunkelblaue Hose aus leichtem, feinem und jedenfalls teurem Material, extrem gut sitzende weiße Bluse. Natürlich schlank.

Die Verlagschefin wirft ihrem Autor einen kurzen Blick zu, lächelt. Sagt nichts.

Ich krame weiter. Fotoapparat. Ich lege ihn auf den Tisch. Will sie mich nervös machen? Was steckt da für eine Strategie dahinter? Sie weiß ja nicht, dass ich ihren Star bloß „mittel-klasse“ finde. Mittelklasse. Passt zu ihm. Hat sie mitbekommen, dass ich meinen Fotografen heimgeschickt habe? Und warum? Unsinn, wie hätte sie können? Wäre er da, mir wäre diese peinliche Situation erspart geblieben. Mein Aufnahmegerät. Auch da. Ich stecke es in die Hosentasche. Endlich. Geldbörse. Presseausweis. Ich halte ihn hoch. „Reicht das?“ Spott in der Stimme. Gut so. Aber Schweißperlen auf der Oberlippe. Ganz schlecht.

Sie deutet mir, mich zu setzen. Thomas Pauer nimmt auch wieder Platz.

„Wir können Ihnen auf alle Fälle Pressefotos zur Verfügung stellen. Und ein ausführliches Interview, das Sie verwenden können. Es deckt die gängigsten Fragen ab“, gibt mir die Verlagschefin zu verstehen.

Ich frage lieber selbst. Ich schalte mein Aufnahmegerät ein, lege den Fotoapparat bereit und sehe Thomas Pauer an. Immerhin geht’s hier um ihn. Hab ich zumindest bisher gedacht. „Wie erklären Sie sich, dass Sie auch in Österreich so viele weibliche Fans haben? Ich bin kaum durchgekommen, als ich in die Halle wollte.“

Thomas Pauer runzelt die Stirn und lächelt dann. „Es gefällt ihnen, was ich schreibe, denke ich. Es gibt eine Menge Frauen, die mit dieser verordneten Gleichmacherei nichts am Hut haben.“

„Glauben Sie, dass die Ihr Buch schon gelesen haben? Heute ist Ihr erster Auftritt in Österreich.“

„Das Buch ist, wie auch in Deutschland, seit zwei Wochen auf dem Markt“, mischt sich die Verlagschefin ein. Ich versuche sie zu ignorieren.

Thomas Pauer lächelt immer noch. „Ich denke, dass es ein Teil wohl schon gelesen hat. Und die anderen konnten ja einiges in den Medien darüber erfahren. Ich habe eindeutig einen wichtigen Punkt getroffen.“

„Die Verkaufszahlen sprechen Bände“, ergänzt Farah Seifried. „Wir stehen mit der deutschsprachigen Ausgabe momentan bei hundertfünfzigtausend verkauften Exemplaren, in Italien und Spanien, wo das Buch zeitgleich erschienen ist, sind jeweils um die hunderttausend Exemplare verkauft worden, in Schweden wurden bisher sechzigtausend Bücher verkauft, ähnlich ist es in Frankreich.“

„Haben Sie sich jemals benachteiligt gefühlt?“ Das frage ich jetzt ganz bewusst die Verlagschefin. Sie starrt mich kurz an und nickt dann Thomas Pauer zu.

„Ja“, antwortet er. „Es ist ja bekannt, dass ich beim Privatsender ‚All-24‘ in Berlin gearbeitet habe. Als es um die Moderation des Hauptmagazins ging, bin ich abgeblitzt. Weil ich ein Mann bin. Man wollte dem Sender ein ‚modernes‘ Image verpassen und hat mir daher eine Kollegin vorgezogen.“

„Sie durften die Sportnachrichten moderieren“, ergänze ich. Schon interessant, dass die Verlagschefin nicht antworten wollte. Aber eigentlich auch bloß professionell.

„Und das Wochenendwetter“, ergänzt die jetzt mit ausdruckslosem Gesicht. – Wie war das? Die Prinzessin hat den Frosch an die Wand geworfen und dann ist ein Prinz daraus geworden.

„Die überwiegende Zahl von Führungsjobs ist in Männerhand, ganz abgesehen davon, dass Männer deutlich mehr verdienen als Frauen. – Wie kommt es da, dass Sie die Männer für benachteiligt halten?“ Jana, die Tochter meiner besten Freundin, hat mir eingeschärft, mich ja nicht durch Phrasen und Sexsprüche von den Fakten abbringen zu lassen. Als ob ich das täte. Ich blinzle auf die Uhr. Jana. Wir sind verabredet. Eigentlich genau jetzt. Sorry, hat sich alles verzögert.

Der Bestsellerautor lehnt sich zurück. Diese Frage hat man ihm schon öfter gestellt, das merke ich an seiner entspannten Reaktion. Womit könnte ich die beiden überraschen?

„Natürlich gibt es zurückgebliebene Weltgegenden, ich setze mich selbstverständlich dafür ein, dass Frauen nicht unterdrückt werden. Aber im Westen ist das längst anders. Die Zahlen der letzten zehn Jahre belegen, dass Frauen auf der Überholspur sind. Und dass wir Männer in vielerlei Beziehung zurückgestellt werden. Frauen bekommen die besseren Jobs, weil es ‚in‘ ist, Frauen in den Führungsetagen zu haben. Männern wird vorgeworfen, sich zu wenig an der Kindererziehung zu beteiligen. Aber in Wirklichkeit hindern die Frauen sie daran. Sie wollen Herrin über die Familie und das Haus bleiben, aber sie wollen auch gleich viel verdienen wie Männer und Karriere machen. Und dann beklagen sie sich über die Mehrfachbelastung. Und es ist Tatsache, dass Frauen in der gesamten westlichen Welt um einige Jahre älter werden als Männer.“

„Kann das nicht damit zu tun haben, dass sich Frauen mehr um ihre Gesundheit kümmern?“

„Tja, aber warum ist das so? Vielleicht haben Männer nicht genug Zeit dafür?“

Das ist ein Randthema, Mira, du musst anderes heimbringen. Saftigeres.

„Sie schreiben, dass Frauen keine Softies mögen, keine Männer, die immer bloß diskutieren, sie wollen, dass Männer zur Sache kommen. – Waren Sie selbst so ein Softie?“

Jetzt stutzt er wenigstes für einen Augenblick, runzelt die gebräunte Stirn und wirft seiner Managerin einen kurzen Seitenblick zu.

„Um das zu wissen, muss man kein abgeblitzter Softie sein“, nimmt sie auch sofort den Ball auf. „Herr Pauer schreibt, worüber seit Jahren in Deutschland nie laut geredet wurde. Weil es die heilige Political Correctness nicht duldet. Weil man für diese – sorry für den Ausdruck, das ist natürlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt, Sie führen das Interview ausschließlich mit Herrn Pauer – Weicheier ewig lang Stimmung gemacht hat. Vor allem in intellektuellen Kreisen. Als ob ein denkender Mann kein richtiger Mann sein dürfte.“

„So ist es“, ergänzt der Bestsellerautor. „Frauen finden es doch schön, wenn ein Mann zeigt, dass er sie attraktiv findet, dass er mehr will als bloß quatschen.“ Er grinst mich an. „Wissen Sie, was eine Frau im Bett am wenigsten mag? Dauernd gefragt zu werden: ‚Wie hättest du es denn gern?‘ ‚Ist es recht so?‘ ‚Möchtest du etwas anderes?‘ Das ist doch der totale Lustkiller. Sie soll sich nehmen, was sie will. Oder sie soll dankbar sein für das, was sie kriegt.“

Farah Seifried lächelt und sieht auf ihre perfekt farblos lackierten Fingernägel. Das Thema gefällt ihr. Klar, es macht Quote. Sex zieht immer.

„Oder dankbar sein für das, was sie kriegt?“, wiederhole ich. „Wie viel Nachdruck darf ein Mann hinter seine … Aktivitäten legen?“

Die Verlagschefin fällt mir ins Wort. „Herr Pauer verabscheut jede Gewalt gegen Frauen, das schreibt er auch ganz deutlich.“

„Selbstverständlich“, assistiert der Autor.

„Und Ihre Frau: Ist sie eine starke Frau, die sich nimmt, was sie will?“

Rascher Blick zwischen Seifried und Pauer. Seifried nickt, Pauer antwortet: „Meine Frau ist eine richtig starke Frau. Sie traut sich sogar, bei den Kindern daheimzubleiben.“

Klippe geschickt umschifft. Sein Image als Super-Mann bleibt unangetastet und wir haben uns vom Sex zur Kinderbetreuung bewegt. Wie nett.

Die Verlagschefin sieht auf die Uhr. „In einer halben Stunde beginnt die Lesung. Wir haben vorher noch ein Live-Interview mit Radio Berlin. Tut mir leid …“

Ich nicke, lasse mein Aufnahmegerät laufen und mache noch rasch einige Fotos.

„Haben Sie eigentlich was dagegen, wenn man Sie als Macho bezeichnet?“, frage ich ganz nebenbei, während ich versuche, Pauer mit Seifried im Hintergrund aufs Bild zu bringen.

„Stört es Sie, als Emanze bezeichnet zu werden?“, fragt er zurück. Der Typ ist in den letzten Wochen durch sämtliche Talkshows getourt. Der hat auch mit Frauen zu tun gehabt, die ihn nicht von vornherein lieben.

Ich lächle. „Momentan finde ich es richtig toll. – Und wie ist das bei Ihnen?“

Er grinst. „Mir würde es gar nichts ausmachen, Sie später an der Hotelbar zu treffen.“

Was war das jetzt? Anmache, wie Frauen sie mögen? Träum schön, Kleiner! Aber das sage ich natürlich nicht. Ich grinse bloß zurück.

Wahrscheinlich gehört das alles ohnehin nur zu seinem Public-Relations-Programm, überlege ich, als ich in der U-Bahn, eingekeilt zwischen zwei lautstark telefonierenden Männern, Richtung Praterstern fahre. Wobei ich mir sicher bin, dass diese Seifried da einiges mitzureden hat. Ob er das Buch überhaupt selbst geschrieben hat? Das wird schon stimmen. Er war ja immerhin so eine Art von Journalist. Wenn auch bei einem ziemlich kleinen Privatsender in Berlin. Hat offenbar sogar ein Jahr in Wien Publizistik studiert. Habe ich zumindest der Pressemappe entnommen. Ob es, wenn er in Italien unterwegs ist, eine Pressemappe gibt, in der steht, dass er die Universität von Bologna besucht hat? Habe ich auch. Für eine halbe Stunde. Letztes Jahr. Als ich mit Oskar auf einem wunderschönen Italientrip war. Die Verlagschefin versteht sicher eine Menge von Marketing. Muss sie auch, wenn sie bei Alpha Books Karriere gemacht hat. Dafür reicht es nicht, Bücher zu mögen und vielleicht etwas Einschlägiges studiert zu haben. Bei „Alpha“ geht es um Bestseller: Die drucken mystische Geschichten über versunkene Reiche mit edlen starken Männern und wunderschönen Frauen. Knallharte Weltverschwörungsthriller, gewürzt mit jeder Menge Erotik. Oder was sie eben dafür halten. Und eben „Sei ein MANN!“. Das Buch zur Rettung der Männerwelt.

Mein Telefon läutet. Ich ignoriere es. Mir reichen die beiden neben mir, die noch immer lautstark in ihre Handys quatschen. Ich bin wieder einmal viel zu spät dran. Ich habe Jana versprochen, bei „frauen. com“ vorbeizuschauen, quasi als Gegenprogramm zum blonden Liebling der Massen. Ich hätte vor fast einer Stunde dort sein sollen.

Ein interkultureller Frauenclub in einem Haus gleich beim Praterstern. „Nicht nur für Junge“, hat mir Jana versichert. So als ob ich mich das fragen würde. Farah Seifried ist zehn Jahre jünger als ich und Chefin eines Großverlags. Thomas Pauer ist Mega-Bestsellerautor und zwei Jahre jünger als ich. Und? Ich habe keinen besonderen Bezug zu Zahlen. Oskar hat mich gestern gefragt, wie ich meinen fünfzigsten Geburtstag feiern möchte. Ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Vielleicht fahren wir ins Veneto. Oder wir feiern, wie auch sonst, mit meiner Freundin Vesna, ihren Zwillingen und vielleicht ein paar guten Freunden. „Willst du nichts Besonderes machen?“, hat er gefragt.

„An diesem Tag werde ich bloß um einen weiteren Tag älter“, habe ich ihm versichert und er hat mich angesehen, als würde er es nicht glauben.

Ich renne die Stufen von der U-Bahn nach oben, vielleicht erwische ich Jana ja noch. Mein Telefon läutet schon wieder. Diesmal schaue ich zumindest aufs Display. Vesna.

„Hat dich Grinse-Autor gekidnappt?“, fragt sie anstelle einer Begrüßung.

„Warum Grinse-Autor? Warum gekidnappt?“

„Du siehst nicht, wie der auf den Plakaten schaut? Wie Grinse-Katze mit blauen Augen. Oder besser: Kater. Sonst er wäre beleidigt. Will ja richtiger Mann sein. Und gekidnappt, weil du bist verschollen. Jana hat gefragt, was passiert ist. Du gehst nicht ans Telefon. Du bist nicht zu Treffen gekommen.“

„Da waren Hunderte von hysterischen Pauer-Fans, das hat einfach länger gedauert.“

„Und wie ist er?“

„Das willst du wirklich wissen?“

„Alle wollen wissen.“

„Alle sind nicht du.“

„Jetzt redest du schon wie Jana. Die ärgert sich, wenn man über sein Buch überhaupt redet. Sagt, man darf so Unsinn keine Bühne geben.“

„Also: Er ist der Typ Skilehrer auf Deutsch.“

„Darunter ich kann mir nichts vorstellen.“

„Pseudoschmäh, frisch frisiert.“

Vesna kichert. „Das verstehe ich, ich glaube. – Ich muss aufhören, hab ich keine Zeit mehr, auch wenn Autor sagt, Frauen haben in Wirklichkeit viel Zeit. Kennt nicht Reinigungsunternehmen mit Spezialangebot für Nachforschungen. Soll froh sein, dass Frauen Zeit haben oder nehmen. Sonst lesen viel weniger sein Buch. Du hast eines von ihm bekommen?“

„Willst du es auch lesen?“

„Vielleicht. Wenn man will mitreden, es ist besser, man weiß, über was.“

„Worüber.“

„Natürlich. Worüber. Ich nehme an, du hast es vor Interview gelesen.“

„Sie haben mir eines geschickt.“

„Du hast oder du hast nicht?“

„Ich hab keine Zeit gehabt“, murmle ich. Na gut, nicht etwa deswegen, weil ich so im Stress gewesen wäre, sondern weil ich am Wochenende gemeinsam mit Oskar im Weinviertel war. Bei unserer Freundin Eva. Sie könnte ich auch zum Geburtstag einladen. Sie betreibt ein sehr erfolgreiches Weingut. – Ob das diesem Pauer gefallen würde? Wen interessiert es? Ihr Mann ist vor einigen Jahren ums Leben gekommen. Erschossen worden. Beim Joggen. Aber das ist eine andere Geschichte.

„Du bist noch dran?“, fragt Vesna ungeduldig.

„Klar. Ist Jana noch in diesem Frauenclub?“

„Du nennst ihn ja nicht Frauenclub, das mag sie nicht. Sie ist da etwas angerührt.“

„Bist du eine Emanze?“, will ich von meiner besten Freundin wissen.

„Als ich jung war in Bosnien, alle waren gleich, man hat verordnet. Und das war große Lüge. Jetzt ist alles angeblich frei. Aber Medien sagen, was man soll denken. Und wer lenkt Medien? Ich glaube nicht, es sind viele Frauen. Und wenn, dann keine, die Putzfrauen sind, wie ich.“

„Du bist keine Putzfrau, du bist Unternehmerin.“

„Bin ich Putzfrau und bleibe ich. Mache ich Dreck anderer Leute weg oder lasse wegmachen. Wo viel Macht ist, ist auch viel Schmutz. Und wenig Freiheit für die, die unten sind.“

„Du solltest ein Buch schreiben.“

Vesna kichert. „Ich glaube nicht, ‚Alpha‘ würde das drucken. Das macht nur kleiner Verlag. Ohne viel Geld und Werbung. Dumme Sache. Aber kein Problem. Will ich nicht Welt retten. Zumindest nicht große. Auch wenn Jana das sehr kritisiert.“

O du liebe Güte. Jana.

[ 2. ]

Ich renne ins Haus. Bis vor einiger Zeit war im Parterre eine Bezirksparteiorganisation der Sozialdemokraten untergebracht, ich weiß es von diversen Pressekonferenzen. Jetzt sind die Räume offenbar zu schäbig geworden und man hat sie dieser „frauen.com“ gegeben.

In der Eingangshalle zucke ich zurück. Frauen. Überall. Schon wieder. Nur ganz anders. An den Wänden. Gesichter, Hände, Beine, Rücken, alles durcheinander. Schwarz und weiß und alt und jung und lachend und schreiend gleiten sie vorbei. Eine Video-Installation, die den schmucklosen Raum füllt. Und wie. Fast zu intensiv. Ich blinzle und sehe mich um. Niemand da. Niemand Real-Dreidimensionaler. Zwei Gänge, drei Türen. Was ist dahinter? Noch mehr Frauenkunst?

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