Leben lassen - Eva Rossmann - ebook

Leben lassen ebook

Eva Rossmann

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Opis

Bombendrohung bei der Literaturgala im Wiener Rathaus. Bürgermeister, Autoren und Soubrette fliehen in Panik. Hat der internationale Terror jetzt Wien erreicht? TV-Guru Weis will wie immer die Antwort kennen und hofft, dass sich sein neues Buch so noch besser verkauft. Doch dann verschwindet eine seiner "Jüngerinnen" spurlos. In der Recyclinganlage einer Autobahnbaustelle wird ein Teil ihres Designerturnschuhs gefunden. Hat sie zu viel über die Bombendrohung gewusst? Was ist mit dem schweigenden Philosophen, der angeblich Kontakte zu islamistischen Terrorkreisen pflegt? Ein Mira-Valensky-Krimi über Manipulation und die Suche nach Glück in unsicheren Zeiten. Mira Valensky sollte ja bloß etwas Pep in das neue Buch des Gurus bringen, aber schon steckt sie, gemeinsam mit ihrer bosnischen Freundin und Putzfrau Vesna Krajner, mitten drin in einem neuen Fall. Dabei hat sie eigentlich ganz andere Sorgen. Eine junge Frau behauptet, Oskars Tochter zu sein. Doch einiges an ihrer Biografie scheint nicht zu stimmen. Und dann ist auch sie verschwunden. Wem kann man in Zeiten wie diesen noch glauben? Was, wenn Vertrauen missbraucht wird? Gibt es Heilslehren, die aus der Krise helfen? Und: Wo ist das bisschen mehr, das manche auch Glück nennen?

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Leben lassen

Eva Rossmann

Leben lassen

Ein Mira-Valensky-Krimi

Lektorat: Eva Maria Widmair

© FOLIO Verlag Wien • Bozen 2009

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dall’O & Freunde

Druckvorbereitung: Graphic Line, Bozen

Printed in Austria

ISBN 978-3-85256-496-8

eISBN 978-3-99037-009-4

www.folioverlag.com

[ 1. ]

Da sitzen wir alle im Halbdunkel. Ein paar von den Klugen, mehr von denen, die sich für klug halten, einige von den Prominenten und auch welche, die Erfolg haben. Auf der Bühne ein Moderator, der viel und zu lange und selbstverliebt redet, so als ginge es nur um ihn. Literaturgala im Festsaal des Wiener Rathauses. Kaum ein Unterschied zu anderen Galas. Hier könnten auch abendlich verkleidete Installateure oder Gastronomen sitzen und auf eine Auszeichnung hoffen. Ich versuche dem zu folgen, was auf der Bühne passiert. Preisverleihung für die besten Jungendbücher. Sieben weitere Preiskategorien drohen. Ich nehme noch ein Mini-Salzstangerl aus dem Brotkorb und bestreiche es mit der längst zu weich gewordenen Butter. Ein weiß gedeckter runder Tisch neben dem andern. Acht Menschen um jeden. Mein Nachbar deutet auf die Weinflasche im Kühler. Ich nicke. Er ist Autor, hat er mir zugeflüstert. Selbst wenn ich schon einmal ein Buch von ihm gelesen haben sollte: Schwierig, einen zu erkennen, der sonst als Name auf einem Buchumschlag in Erscheinung tritt. Soll er nur nachschenken, das Beste, was ich momentan tun kann, ist trinken und dösen.

Ich bekomme ja keinen Preis. Ich bin bloß hier, weil ich an einem Buch mitarbeite. „Weis.heiten“. Ausgerechnet. Weis, Fernsehguru und Psychotherapeut mit eigenem Beratungszentrum, will seine gesammelten Weisheiten veröffentlichen. Ich bin keine Freundin von Heilslehren und esoterischen Welterklärungen, aber ich sollte ja ursprünglich auch nur Ungenauigkeiten korrigieren und etwas journalistischen Pep in den Text bringen. Das Ganze ist sehr gut bezahlt. Auch eine Chefreporterin vom „Magazin“ kann ab und zu etwas extra brauchen. Weis sitzt am selben Tisch wie ich. Wie immer ganz in Weiß, zur leichteren Wiedererkennbarkeit wahrscheinlich. Wenigstens trägt er hier keine seiner Roben wie im Weis.Zentrum, sondern einen weißen Leinenanzug. An sich ist er eher unscheinbar: kaum eins achtzig groß, schlank, fliehendes Kinn, Anfang fünfzig. Das Glänzendste an ihm ist seine spiegelblanke Glatze. Hat er wirklich keine Haare mehr oder rasiert er sich täglich gründlich den Kopf, weil es irgendwie zu seinem Image passt? Wo sonst noch ist er rasiert? Will ich eigentlich gar nicht wissen. Ich werde müde und schließe die Augen. Hat der Typ wirklich meditative Kräfte? Meditativ ist nicht gleichbedeutend mit einschläfernd, Mira. Müde machen das Dunkel im großen, festlichen Saal und dieser öde Moderator. Eigentlich managt er ja einen deutschen Privatsender, aber aus irgendeinem Grund glaubt er besser zu sein als die Showmaster und Witzereißer, die er bezahlt. Was ja an sich gar nicht so schwer wäre. Er ist geborener Österreicher. Ich wundere mich immer wieder, dass Leute wie er in Deutschland für charmant und clever gehalten werden. Heute Abend haben wir ihn am Hals. Neben Weis sitzt Ida Moylen. In etwa so alt wie ich, schlank, halblange dunkle Haare, schwarzes Kleid mit etwas zu viel Spitze, große, bunte Ohrgehänge aus Halbedelsteinen. In ihrem Verlag wird Weis’ neues Buch erscheinen. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, die beiden haben etwas miteinander. Dass eine Frau wie sie etwas an diesem weißen Gefühlsschaumschläger finden kann? Andererseits: Ihr Yom-Verlag gibt in erster Linie Lebenshilfebücher und Esoterisches heraus. Das verbindet wohl.

Den Typen am Nebentisch kenne ich. Einer der bekannteren Autoren, so einer, der auch immer wieder im „Magazin“ vorkommt. Mit einem neuen „Erfolgsbuch“, oder auch wenn er mit anderen bekannten Menschen einen Berg erklimmt oder mit einem Starkoch kocht. Promi-Autor eben. Er sieht so betont gelassen drein, dass man seine Anspannung förmlich riechen kann. Er ist für die Hauptkategorie „Literarische Neuerscheinung des Jahres“ nominiert. Pro Kategorie werden zehn Autoren nominiert, drei Preise gibt es und nur der erste zählt. Wer will schon hinter einem Kollegen gereiht sein? Außerdem: Nur beim ersten Preis gibt es Medienecho, noch mehr Bekanntheit und – hoffentlich – noch mehr verkaufte Bücher. Da hängt schon was dran. Und die persönliche Eitelkeit sowieso. Ich hab zu Beginn gleich viele falsche Begrüßungsbussibussis gesehen wie bei anderen Galas, wahrscheinlich haben sie alle von der Oscar-Nacht gelernt, selbst in Klein Wien. Nur dass im Literaturbetrieb auch die meisten Männer einander küssen. Weis lächelt milde. Ich glaube, diesen Gesichtsausdruck hat er sich anoperieren lassen. Er ändert sich so gut wie nie. Ich hätte ihn zu gerne einmal schlafend gesehen. Da drüben zwei Krimiautorinnen in knallrotem Outfit. Formsprengend, lästere ich lautlos. Ich habe die beiden vor einiger Zeit für eine Reportage über Krimis und kriminelle Realität interviewt. Der Busen der einen scheint ihren Nachbarn förmlich anzuspringen. Ein aggressives Doppel-Dings. Am meisten Glamour hat noch der Saal. Hohes Kreuzrippengewölbe mit prächtigen, aber leider viel zu stark gedimmten Leuchtern, hohe Flügeltüren, konservierter Prunk vergangener Tage. Der Bürgermeister ist auch da, immerhin einer der wenigen Politiker, die nachweislich lesen können. An seinem Tisch eine bekannte Soubrette. Sie übt das Gewerbe schon einige Jahrzehnte aus, bekannt ist sie allerdings weniger ihrer Stimme wegen als durch ihre Dauerpräsenz auf Galas jeglicher Art.

Ich spüre einen Blick im Rücken und drehe mich um. Es ist eine Frau, die vom Tisch hinter unserem herüberstarrt. Teuer frisierte blonde Haare, weiße Jacke, die aussieht wie von einem Designer. Sollte ich sie kennen? Dann wird mir klar, dass der Blick nicht mich angeht, sondern Weis. Vielleicht auch Ida Moylen. Weis ist durch seine seltsame TV-Show ziemlich bekannt. Wohl eine Verehrerin. Daher vielleicht auch die weiße Jacke. Weiß, um ihm zu gefallen. Jetzt lobt der Moderator Hans Glück, einen der Autoren, die mein Mann Oskar spöttisch in die Kategorie „Weltberühmt in Österreich“ reiht. Die Lippen des Promi-Autors am Nebentisch werden schmal und schmäler. Er hüstelt und schenkt sich nach. Sollte er gewinnen, wird er schon betrunken sein. Die wichtigste Preiskategorie kommt am Ende der Veranstaltung. Und danach, wenn es wahr ist, endlich etwas zu essen, ich werde bis dahin verhungert sein. Die beiden Krimiautorinnen in Rot sind aufgestanden und wallen Richtung Flügeltüre und von dort wahrscheinlich die Treppe hinunter ins Freie. Nur dort darf noch geraucht werden. Irgendwann einmal werden sie uns die Messer verbieten, murmle ich im Halbdunkel. Sind doch lebensgefährlich, für uns selbst und für andere.

Auch Weis steht auf. Ich spähe zum Tisch hinter unserem und sehe, dass der Hals der Frau mit der weißen Jacke immer länger wird. Sie fummelt an ihrer Tasche herum. Wird sie ihm folgen? Mit einem Mal kommt mir die Gala weniger öd vor. Man muss bloß die Menschen beobachten, da spielt sich immer etwas ab. Ida Moylen war schneller. Sie folgt Weis im Abstand von einigen Metern. Ihr Gesichtsausdruck ist irgendwie angespannt. Wenn Weis tatsächlich so viele Verehrerinnen hat, will sie ihn wohl lieber unter Kontrolle halten. Weder sie noch Weis haben mir zugenickt, als sie den Tisch verlassen haben. Es ist so, als nähmen sie mich gar nicht wahr. Ich höre einen Stuhl hinter mir. Jetzt ist auch die Blonde mit der weißen Jacke aufgestanden. Ich überlege, mich dem Tross anzuschließen und zu beobachten, was da außerhalb des Festsaales passiert. Vielleicht ein Duell um Weis? Geschmäcker sind verschieden. Von mir aus können sie ihn haben. Alle.

Der Moderator verkündet die Preisträger der Kategorie „Kochbuch“. Sieh an, ein Freund von mir hat gewonnen. Eigentlich der einzige Gastronomiejournalist, den ich in Österreich ernst nehmen kann. Ich bleibe sitzen und klatsche. Nur aus dem Augenwinkel sehe ich, dass jetzt auch ein Mann vom Tisch der Frau in Weiß aufgestanden ist. Ihr Mann? Ich grinse. Das wird ja immer besser. Mira, vielleicht geht bloß wieder einmal die Fantasie mit dir durch und die vier plagt nichts anderes als der Druck ihrer Blase. Ich sehe dem Mann nach. Er kommt mir bekannt vor. Auch ein Autor? Schlank, weißhaarig, schwarze Cordjacke, schwarzes Poloshirt. Wo habe ich ihn bloß schon gesehen?

Die zweite Kochbuch-Preisträgerin stammelt etwas von „Genuss ohne Reue“, der „Kraft der Karotte“ und „mens sana in corpus sana“. Ich hab Latein in der Schule nie gemocht, hätte stattdessen viel lieber Italienisch gelernt, aber dass es nicht „corpus sana“, sondern „corpore sano“ heißt, weiß selbst ich. Vielleicht machen zu viele Karotten doch keinen besonders gesunden Geist. Noch immer ist viel verstohlene Bewegung im Saal, wer kann, verschwindet kurz oder steht auf, um mit jemandem an einem anderen Tisch zu flüstern.

Weis ist der Erste, der zurückkommt. Jetzt nickt er mir huldvoll zu. Ich gähne. Als Zweiter kommt der Mann vom Nebentisch. Was ist mit den beiden Frauen? Krieg der Konkurrentinnen? Liegen die beiden erschossen in der Damentoilette, rauchende perlmuttbesetzte Revolver neben sich? Der Moderator kündigt eine kurze Musikbrücke an. Auch das noch. Ich sehe die Verlegerin durch eine der Flügeltüren kommen. Beinahe gleichzeitig tritt die Frau in der weißen Jacke durch eine Tür auf der Schmalseite des Festsaales. Auch ihre Hose ist weiß und ihre Figur, ich muss es zugeben, tadellos. Abstand zwischen den beiden Frauen mindestens dreißig Meter. Der Moderator verlässt die Bühne und nimmt an einem runden Tisch am Bühnenrand Platz. Sein Nachbar klopft ihm anerkennend auf die Schulter. Er gehört zur Wien-Mafia, da kennt jeder jeden, sie verteilen Kontakte und Positionen wie Zuckerl, und keiner, der eine Karriere als Politiker, Beamter, Manager oder Künstler anstrebt, sollte sich gegen sie stellen. Alles ganz legal, natürlich. Jetzt setzt die Musik ein. Jazzstandards, interpretiert von einer finanziell verkraftbaren Formation. Es könnte schlimmer sein. Ich klappe die Augen zu, klappe sie wieder auf und nehme noch einen Schluck Wein. Mir scheint, als würde die Unruhe im Saal steigen. Ich sehe, dass an einem Tisch nahe einer Flügeltür alle aufstehen und rasch aus dem Saal gehen. Die Musik verdient wohl weniger Höflichkeit als der deutschösterreichische Privatfernsehmanagermoderator. Ein Mann eilt nach vorne, kein dezentes Schleichen im Halbdunkel, da ist einer mit einem Ziel und einem Auftrag unterwegs, kurz glaube ich an einen Skandal, an jemanden, der gleich die Bühne erstürmt und protestiert, etwas fordert, vielleicht gar eine literarisch-revolutionäre Aktion startet. Doch dann bremst er ab, beugt sich sichtlich aufgeregt zum Moderator, der schon auf seinen nächsten Auftritt wartet. Tuscheln. Langer Hals bei denen, die mit am Tisch sitzen. Der Moderator ist aufgestanden. Er nickt. Er klettert auf die Bühne, er winkt der Musik. Die setzt abrupter ab, als zu erwarten war. Stille. Jetzt hat der Privatfernsehmanager die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Zum ersten Mal an diesem Abend. Er räuspert sich.

„Ich muss Sie bitten, den Saal und das Gebäude zu verlassen.“

Alle starren ihn an, keiner steht auf.

„Es hat … eine Drohung gegeben. In Zeiten wie diesen darf man nichts unbeachtet lassen, auch wenn es ein … Scherz sein dürfte. Es besteht kein Grund …“

Die ersten Menschen sind aufgesprungen, zwei Sessel fallen um.

„… kein Grund zur Panik, gehen Sie ruhig zu den Ausgängen und verlassen Sie …“

Jetzt ist der ganze Saal in Bewegung. Ich stehe, suche nach der nächsten Türe. Alle Ausgänge scheinen schon jetzt verstopft zu sein. Wie sind die ganzen Menschen so schnell dorthin gekommen? Trampeln wie von einer aufgeschreckten Herde, die ein herannahendes Erdbeben spürt, keiner schreit, kaum einer spricht. Drohung. Was für eine Drohung? Bombe? Wo? Wann? Hier riecht es eigenartig. Ich versuche, flach zu atmen. Giftgas. Mira, behalte die Nerven. Das sind die Brenner für das Buffet. Blitze. Blitzlichter der Fotografen, die im Saal waren.

„… verlassen Sie das Gebäude und halten Sie sich an die Anweisungen der Sicherheitskräfte. Ihnen kann nichts …“

Ein Mann stöhnt auf. Erste Schreie, plötzlich scheinen alle zu schreien, raus hier, oder gibt es kein Entkommen mehr? Ich dränge zu einer der Flügeltüren, bekomme einen Stoß, sehe weiter vorne Menschen fallen, niedergetrampelt vom Kulturbetrieb in Panik.

„… nichts passieren!“ Dann springt auch unser Moderator von der Bühne und rennt.

Ich sehe mich um. Weis steht noch beim Tisch, den Kopf hoch erhoben, wie fasziniert vom Chaos, er lächelt nicht mehr. Der schlanke weißhaarige Mann vom Nebentisch macht einige Schritte nach vorne, stoppt, geht wieder zum Tisch, an dem längst keiner mehr ist. Weis starrt ihn an. Der schlanke Mann starrt zurück. Ein Kamerateam filmt, während es mit den anderen nach draußen drängt. Die Verlegerin Moylen ist schon nahe bei einem der Ausgänge. Bevor die Menschenmenge sie frisst, ruft sie Weis etwas zu, die Arme in seine Richtung gestreckt, Szenen wie auf der Titanic vor dem Untergang.

Der Bürgermeister ist auf die Bühne geklettert. „Ich bitte Sie, ruhig zu bleiben. Drängen Sie nicht. Die Ausgänge sind groß genug. Bleiben Sie bitte eine Sekunde stehen und gehen Sie erst dann weiter.“

Bilde ich mir das Zittern in seiner Stimme bloß ein? Tatsächlich scheint er zu erreichen, dass die meisten kurz innehalten. Dann ein Schrei bei einem der seitlichen Ausgänge und schon hat die Panik wieder gewonnen. Rufen und Stoßen und Rempeln und Fallen. Ich muss raus. Ich bin ohnehin schon bei den Letzten.

„Um zu zeigen, dass keine Gefahr besteht, bleibe ich hier, bis Sie alle den Saal verlassen haben“, sagt der Bürgermeister.

Drei Männer kommen auf die Bühne, er wehrt sich ein wenig, das Mikrofon fällt mit lautem Scheppern und Krachen auf das verwaiste Schlagzeug. Eine Frau in smaragdgrünem Hosenanzug wirft sich zu Boden, glaubt wohl an eine Explosion. Andere drücken noch stärker gegen jene, die vor ihnen stehen und den Weg nach draußen blockieren. Stöhnen. Der Bürgermeister wird von der Bühne gezogen. Kidnapping? Sie nehmen ihn in die Mitte. Securityleute. Sie eilen nicht zu den Flügeltüren, sondern auf das Buffet zu. Vielleicht ist alles nur inszeniert, und wie in einem Slapstickfilm fallen der Bürgermeister und seine Sicherheitsleute nun über das vorbereitete Essen her. Mira, du spinnst. Du musst dich retten. Vielleicht gibt es einen anderen Ausgang, einen, den nur die Leute aus dem Rathaus kennen. Ich renne auf die Bürgermeistertruppe zu, auch ein paar andere sind auf die neue Fluchtmöglichkeit gekommen. „Dort geht es raus“, keucht der Bürgermeister.

Wir rennen durch einen kleinen Saal. Vollkommen leer, kein Mensch, seltsam. Surreale Flucht durch lange, schmale Gänge, Türen, die weit weniger prunkvoll sind als jene des Festsaals, Stiegen hinunter, die denen in durchschnittlichen grauen Amtsgebäuden gleichen, wir stehen vor einer hohen braunen Tür. Gleich sind wir draußen. Die Tür ist versperrt. Die Securitymänner sehen einander gehetzt an.

„Den Schlüssel bitte“, sagt einer zum Bürgermeister.

Der schüttelt den Kopf und schnaubt. „Was bin ich denn? Der Hausmeister?“

Stiegen wieder hinauf, wieder Gänge entlang. Nur unser Keuchen. Unsere Schritte. Noch immer keine Detonation. Giftgas hört man nicht, Mira. Stiegen wieder hinunter. Ich bekomme kaum noch Luft. Pfeile verweisen auf Toiletten und auf Garderoben und auf die Bibliothek im Rathaus, wieder Treppen und wieder eine Tür und die ist offen, und wir sind im Rathaushof. Rennende Menschen in Abendgarderobe, man hat alle Ausgänge geöffnet, wir nehmen den, der von der Feststiege am weitesten entfernt ist, stehen schließlich auf der Straße.

Auch wenn hier nicht viele der Literaturgalaflüchtlinge sind: Ein Kamerateam wartet bereits auf den Bürgermeister, dazu drei Fotografen und ein paar Reporter. Mir fällt ein, dass ja auch ich Journalistin bin, ich hätte den Bürgermeister wohl schon auf unserer Flucht durch die Gänge interviewen sollen. Hätte ich? Jedenfalls hab ich nicht daran gedacht. Basta. Gut so. Der Bürgermeister hat einen roten Kopf. Er keucht. Ist eben kein Spitzensportler. Er sieht sich beunruhigt um, so als würde jetzt, wo alle draußen sind, sein Rathaus jeden Moment in die Luft fliegen. Einer seiner Sekretäre drängt sich zu ihm. Der Bürgermeister schiebt ihn weg.

„Ich muss zu den Leuten“, sagt er und geht, flankiert von Sekretär und Securitymännern, am Rathaus entlang, eilig, die Fotografen neben sich, vor sich.

„Hat es in letzter Zeit öfter Drohungen gegeben?“, ruft eine Reporterin.

„Kennen Sie den Wortlaut der Drohung?“, fragt ein Journalist.

„Handelt es sich um eine Bombe?“, will die Fernsehredakteurin wissen.

Der Bürgermeister beantwortet keine der Fragen, er eilt weiter. „Drüben“, sagt er bloß. Wir hetzen die hintere Längsseite des Rathauses entlang, wieder ums Eck, und da sind sie: die Büchermenschen, die Literaturleute, die Galabesucher. Beschienen vom Licht der Straßenlaternen und einiger Fernsehscheinwerfer. Warum gehen sie nicht heim? Sie stehen und starren hinauf zum Rathaus, als würden sie auf ein lange versprochenes Feuerwerk warten. Die Polizei hält sie in einiger Entfernung vom Eingang, aber hinein will sowieso keiner. Sie füllen auch die angrenzende Bartensteingasse. Ich höre, wie einer sagt: „Es soll Tote geben.“ Ein anderer: „Es soll eine kleine Bombe geben. Die große zünden sie dann unter den Schaulustigen.“ Er sieht sich gehetzt um. „Das machen sie oft.“ Und trotzdem. Auch er geht nicht. Der Bürgermeister steht breitbeinig da, die Journalisten vor sich. Jetzt redet er. Ich renne hin.

„… nicht mehr Informationen als Sie“, höre ich.

„Wo hat der Attentäter angerufen?“

„Bei der Polizei, soviel ich weiß.“

„Werden Sie wieder ins Rathaus zurückgehen?“

„Glauben Sie, dass ich mein Büro auf die Straße verlagere?“

„Jetzt gleich?“

„Natürlich nicht. Ich bin kein Idiot.“

„Haben Sie eine Ahnung, wer die Attentäter sein könnten?“

„Nein. Dann wäre es dazu nicht gekommen.“

„Man spricht von radikalislamischen Terroristen.“

„Von denen redet man immer. Jetzt muss ermittelt werden.“ Der Bürgermeister sieht hinauf zum Rathaus, die Fotografen drücken wie besessen ab.

„Herr Bürgermeister, können Sie bitte noch einmal so hinaufschauen? Ein bisschen weiter nach links bitte, dann haben wir den Eingang noch mit drauf!“

Der Bürgermeister bewegt sich pflichtschuldig nach links, blickt nach oben. Erst als alle Kameras mehrfach geblitzt haben, faucht er: „So ein Blödsinn. Ich hab wirklich Wichtigeres zu tun.“

Einige Krankenwagen kommen mit Blaulicht, sie rasen zum hinteren Ausgang. Ein paar Journalisten sprinten los. Der Bürgermeister zieht sein Mobiltelefon aus der Tasche. Wen ruft er an? Den Polizeipräsidenten? Seine Frau? Dann renne auch ich zu den Krankenwagen. Vielleicht will ich bloß weg von hier, wo die vielen Menschen und die vielen Gerüchte sind. Ich komme zu spät. Die Verletzten wurden in Windeseile verladen, man redet von einigen Toten, man zählt neun Rettungswagen. Die Polizei schirmt, so gut es geht, ab. Ich trabe wieder zurück Richtung Bartensteingasse. Ich habe überlebt. Bisher. Was, wenn die Bombe wirklich erst kommt? Wenn sie in irgendeinem dieser parkenden Autos versteckt ist?

Ein Kamerateam interviewt den Moderator und TV-Manager. Ich schaue genauer hin und grinse. Es ist ein Team seines eigenen Senders. Ein anderes Kamerateam hat Weis vor dem Mikrofon. Ich will nicht hören, was er sagt. Sicher etwas über innere Ruhe und solchen Unsinn. Weis-Punkt-heiten. Idiotische Mode, Wörter durch Punkte zu zerhacken und zu glauben, dass daraus Bedeutsames entsteht. Bomben-Punkt-Leger. Panik-Punkt-Macher. Klug-Punkt-Schwätzer. Welcher Mensch mit halbwegs funktionierendem Instinkt bleibt cool, wenn gleich eine Bombe hochgehen kann? Man muss Weis allerdings zugestehen, dass er im Saal tatsächlich ruhig gewirkt hat. Zumindest war er nicht in offener Panik wie die meisten anderen. Wer war der Mann am Tisch hinter unserem? Ich schaue mich um, entdecke den Autor, der in der Hauptkategorie „Neuerscheinung des Jahres“ nominiert war und so angestrengt entspannt dreingesehen hat. Was fragt man einen, der gerade von einer Literaturgala geflohen ist?

„Glauben Sie, dass die Drohung mit den Literaturpreisen zu tun hat?“

„Sie meinen Rache, weil jemand keinen Preis bekommt? So wichtig ist der Preis nicht. Und noch weiß ja keiner, wer ihn bekommen hätte.“

„Trauen Sie einem Autor eine derartige Drohung zu?“

„Es gibt so gut wie nichts, was Menschen nicht zuzutrauen wäre.“

„Kann es sein, dass man ganz informell doch schon gewusst hat, wer ausgezeichnet wird?“

„Sicher nicht, dann wären weniger Autoren da gewesen.“

„Sie meinen, wer leer ausgeht …“

„… muss ja nicht unbedingt zusehen, wie andere einen Preis bekommen.“ Der Autor blickt zum Rathaus. „Was wäre wohl, wenn es in die Luft flöge …“

„Wir würden um unser Leben rennen“, erwidere ich.

„Und zu viele würden in den nächsten Jahren darüber schreiben.“

Wir grinsen einander an, verhalten, um keinen schlechten Eindruck zu machen. Der Typ ist gar nicht so übel. Ich entdecke einen der Fotografen des „Magazin“, winke ihn her. Der Autor lässt sich ablichten, auch schon egal und jedenfalls gut für seine Medienpräsenz. Die beiden Krimiautorinnen stehen in einer Gruppe von Menschen, zwei rote Feuerbälle, Literaturbomben aus Fleisch. Die eine erklärt gerade, wie Antiterroreinsätze der Polizei funktionieren, sie habe das für ein Buch recherchiert. Ich schnappe mir die andere.

„Hat da die Realität den Kriminalroman überholt?“, frage ich.

Sie sieht mich an. „Das macht sie doch ständig.“

„Gehst du mit essen?“, fragt einer aus der Gruppe meine rote Krimibombe. Sie nickt. Schön langsam verläuft sich die Menge. Den meisten ist nichts passiert. Man hat viel zu erzählen, man kehrt zum Alltag zurück und kann bald kaum noch glauben, dass man gemeinsam mit Hunderten anderen in Panik war. Dass bei der gemeinsamen Flucht Menschen niedergetrampelt, verletzt, getötet wurden. Von der Masse. Von ihnen. Acht Kamerateams zähle ich inzwischen. Und neben den uniformierten Polizisten scheint es jetzt eine Reihe von Beamten in Zivil zu geben. Ich kann auch morgen mit jemandem von der Einsatzleitung sprechen. Das „Magazin“ ist eine Wochenzeitung, die nächste Ausgabe erscheint erst in vier Tagen. Was wird bis dahin passieren? Was werden wir dann wissen? Ich sehe auf die Uhr. Erst halb zehn. Seit dem Alarm ist nicht viel mehr als eine Stunde vergangen. Den Bürgermeister sehe ich nicht mehr. Ob er ins Rathaus zurück ist? Unwahrscheinlich. Irgendwo gibt es eine Krisensitzung, ganz sicher. Die gibt es immer. Und im Rathaus sind wohl noch Bombenexperten am Werk. Was für ein Job. Ein ganzes Rathaus nach einer Bombe zu durchsuchen.

Hinter mir sagt einer: „Da steckt die Al Kaida dahinter. Es gibt heuer gleich ein paar Bücher, die sich mit dem Islam beschäftigen. Das wollen die nicht.“

Oder ein beleidigter Autor. Oder ein Verrückter. Es wird Zeit, dass ich heimgehe. Heim zu Oskar. Ich bin plötzlich sehr müde. Was wäre gewesen, wenn ich versucht hätte, den Saal durch eine der Flügeltüren zu verlassen? Hätten sie dann mich niedergetreten? Wären sie über mich drübergetrampelt? Oder wäre ich bei denen gewesen, die in Panik gedrängt und gestoßen haben?

Seit einigen Monaten wohne ich ständig bei Oskar. Das ewige Hin und Her zwischen unseren beiden Wohnungen ist mir auf die Nerven gegangen. Und seine Wohnung hat jedenfalls Vorteile. Einer davon ist, dass sie im 1. Bezirk liegt. Höchstens zwanzig Minuten zu Fuß vom Rathaus. Mit Dachterrasse, groß, hell. Ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt kann sich so etwas leisten. Trotzdem würde ich mich heute lieber die fünf Stockwerke zu meiner weit weniger noblen Altbauwohnung hinaufschleppen, vertraute Höhle, zur Ruhe kommen, nachdenken, vielleicht auch einige Ideen in den Laptop tippen. – Und allein sein? Ich hätte Gismo bei mir. Meine Schildpattkatze: Mit ihr habe ich die bisher längste Beziehung meines Lebens. Von den Eltern einmal abgesehen. Jetzt steht meine Wohnung leer. Ich will sie nicht verkaufen. Ab und zu übernachten Freunde von außerhalb dort. Und Vesnas Putzunternehmen hält sie sauber. Vesna. Ich sollte meine Freundin anrufen. Nachdem Vesna Krajner die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen hatte, wollte sie eigentlich ein Detektivbüro aufmachen. Nur die verzopfte Detektivordnung hat sie daran gehindert. Jetzt betreibt sie ihre Nachforschungen eben nebenbei. Und offiziell eine Reinigungsfirma. „Sauber! Reinigungsarbeiten aller Art“. Sie wäre wohl nicht aus dem Rathaus gerannt. Sie hätte sich versteckt und die Bombenentschärfer beobachtet. Oder doch nicht? Vesna ist mutig, aber auch vernünftig. Und als in Bosnien Krieg war, ist sie mit ihren zwei kleinen Kindern nach Österreich geflohen.

„Was ist los?“, fragt Vesna anstelle einer Begrüßung.

Ich gehe mit dem Telefon am Ohr am Burgtheater vorbei. Hier sind nur wenige Menschen auf der Straße, aber immer wieder gibt es welche, die tuscheln und zum Rathaus hinüberstarren. Neugotischer Bau, hoch und mächtig und jetzt in der Nacht dezent beleuchtet. Als könnte er durch nichts erschüttert werden.

„Es hat einen Bombenalarm gegeben“, antworte ich.

„Das weiß ich“, kommt es ungeduldig zurück. „War schon in den Nachrichten.“

„Es dürfte sich um falschen Alarm gehandelt haben.“

„Aber um echte Drohung“, erwidert Vesna.

Da ist was dran. „Ist es wahr, dass es in der Panik Tote gegeben hat?“, frage ich.

„Du willst von mir wissen? In Nachrichten haben sie von Verletzten geredet. Die berichten direkt vom Rathaus. Bist du nicht dort?“

„Nicht mehr. Das nächste ‚Magazin‘ kommt erst in vier Tagen heraus, außerdem ist ein Fotograf dort.“

„Bist du in Ordnung, Mira Valensky?“ Das klingt jetzt eindeutig besorgt.

„Ja. Klar.“ Aber vielleicht sitzt der Schock doch tiefer, als ich gedacht habe. Was wäre gewesen, wenn eine Bombe hochgegangen wäre? Was ist, wenn sie noch hochgeht? Ich trabe am Burggarten entlang Richtung Graben. Grüne Büsche hinter hohen Gittern. Was man alles einsperren muss. Ich hätte mit dem „Magazin“ telefonieren müssen. Kann ich ja noch. Der Bereitschaftsredakteur hat sicher mitbekommen, was passiert ist. Niemand kann davon ausgehen, dass ich auf der Gala war.

„Wenn es keine echte Bombe war, dann war es jemand aus der Buchbranche“, überlegt Vesna.

„Warum?“

„Sind Schreibtischtäter, oder?“

„Und wenn es ein Verrückter war?“, will ich wissen.

„Das schließt sich nicht aus. Du musst schon irgendwie verrückt sein, um so was zu machen.“

„Und wenn es wirklich eine Bombe war?“

Vesna seufzt. „Dann wäre Rathaus schon in die Luft geflogen.“

„Sie haben gleich wieder von internationalem Terror geredet“, erzähle ich.

„Das ist auch eine Möglichkeit. Das ist jetzt immer Möglichkeit.“

„Nicht in Wien, nicht im Rathaus“, widerspreche ich.

„Ich habe nichts gegen Moslems, habe ich mit ihnen gelebt in Bosnien, oft hast du gar nicht gewusst, wer zu welcher Religion gehört, die meisten sind nicht mehr gläubig. Ist wie da. Aber Fanatiker gibt es. Ich bin nicht naiv wie du“, antwortet meine Freundin.

Herzlichen Dank auch. „Ich muss noch mit der Redaktion telefonieren.“

„Jetzt bist du beleidigt, wollte ich nicht, glaube ja auch eher an einen Buchmensch.“

„Ich bin nur müde. Ich weiß nicht. Seltsam ist so etwas schon.“ Ich denke an die Schreie und das Drängen, und wie schnell jede Form von Höflichkeit und Rücksichtnahme verschwindet, wenn es ums eigene Leben zu gehen scheint.

„Wir hören uns morgen, Mira Valensky. Trink großen irischen Whiskey und dann schlafe gut.“

Ich telefoniere kurz mit der Redaktion, kein Problem, man habe bereits zwei Leute vor Ort. Ich kann morgen zusammenschreiben, was ich erlebt habe. Nicht schlecht für einen Bericht, live dabei gewesen zu sein. Auch wenn er ein wenig spät erscheint. Meine Kurzinterviews habe ich mit dem Mobiltelefon mitgeschnitten. Ich gehe schneller. Mir ist kalt in meiner dünnen schwarzen Samtjacke, ich zittere. Ist es wirklich die Kälte? Was sonst. Ich sehne mich nach Oskar. Seltsam, dass er sich noch nicht gemeldet hat. Er ist einer, der regelmäßig die Fernsehnachrichten aufdreht. Eigentlich wollte er daheim sein. Ich sollte doch noch heute Abend alles in den Laptop schreiben. Wahrscheinlich die beste Art, mit dem Erlebten umzugehen. Ich schließe die Haustür auf, rufe den Lift. Zu meiner Altbauwohnung gibt es nach wie vor keinen Aufzug. Zu wenige Mieter und Eigentümer, die ihn mitfinanzieren würden. – Der Bürgermeister als Kapitän auf dem sinkenden Schiff. Sie haben ihm das Mikrofon weggenommen. Der Krach, mit dem es zu Boden ging. Wie viele aufgeschrien haben. Ich sperre die Wohnungstür auf und denke erst im Vorzimmer daran, dass ich üblicherweise zur Ankündigung läute. Nicht weil ich hier nicht zu Hause wäre. Oskar tut es auch. Ich hab es von ihm übernommen. Eine subtile Form von Höflichkeit, auch seinen Ehepartner nicht zu überfallen.

Ich trabe in den großen, offenen Raum, Wohnzimmer und Arbeitszimmer und Esszimmer und Küche in einem. Oskar sitzt am Tisch. Er ist nicht allein. Neben ihm sitzt eine junge Frau mit blonden kurz geschnittenen Haaren. Die beiden lachen. Es ist erst etwas nach zehn. Vor Mitternacht hat er mich sicher nicht zurückerwartet. Sie drehen sich ertappt zu mir um.

„Hallo“, sage ich und versuche, souverän zu wirken.

Oskar steht auf und räuspert sich. „Hallo. Das ist Carmen. Meine … Tochter.“

[ 2. ]

Ich sehe irritiert von Oskar zu dieser Carmen und wieder zurück.

„Hallo“, sagt Carmen und versucht ein Lächeln. Sie ist ausgesprochen attraktiv. Schlank und blond, Mitte zwanzig.

„Ich hab’s nicht gewusst“, sagt Oskar und sieht mich seltsam ausdruckslos an.

Irgendwie ist das alles zu viel für mich. Im Hirn ein Vakuum.

„Dann unterhaltet euch mal schön“, sage ich und weiß nicht, was ich glauben soll. Dass Oskar wirklich eine Tochter hat? Plötzlich? Ohne etwas davon gewusst zu haben? Oder hat er bloß nicht gewusst, dass sie auftaucht? Warum hat er mir nie davon erzählt? Was weiß ich sonst noch nicht über ihn? Ich trotte zum Schlafzimmer. Ich hab für heute einfach genug. Keine Kraft mehr. Bombe daheim. Wann kennt man jemanden wirklich? Mein Oskar hat eine Tochter. Wenn es stimmt. Und was, wenn ihm in der Sekunde nur nichts Besseres eingefallen ist? Vielleicht ist sie eine neue Konzipientin? Ich stelle mich unter die Dusche. Es nützt nichts. Gedanken wie in Zeitlupe. Bilder. Weis, wie er mitten im Chaos steht und ausnahmsweise nicht lächelt. Der erste Schrei. Tier in Todesnot. Getrampel. Carmens „Hallo“. Die blutroten Krimiautorinnen. Das beleuchtete Rathaus vom Burgtheater aus. Hundert Meter ist es hoch. Carmen ist groß. Größer als ich. Oskar ist eins fünfundneunzig. Die Butter auf den runden Tischen im Rathaussaal ist inzwischen sicher zur Gänze geschmolzen. Butterfettpfützen. Was passiert mit dem Buffet? Es wird alles stehen geblieben sein wie nach einem Giftgasangriff. Wie heißt die Bombe, die nur Leben, aber keine Materie vernichtet? Ich steige aus der Dusche, will mich abtrocknen. Ich bemerke, dass ich noch meinen Hosenanzug anhabe. Ich kichere. Ich kann nicht aufhören zu lachen. Ich lebe, was soll’s? Oskar wird gleich kommen und mir alles erklären. Ich werfe die nassen Sachen in die Waschmaschine. Sie werden den Schleudergang schon überleben. Jeden schleudert es einmal. Und was, wenn es wirklich ein Giftgasangriff war? So etwas ist lautlos. Nichts dringt nach außen. Außerirdische. Oder doch international gelenkte Terroristen? Ich klettere ins Bett. In unser gutes breites Bett, ziehe die Decke bis zum Kopf. Ich werde schlafen. Ich hab keinen Whiskey getrunken, ich hab Vesna versprochen, einen irischen Whiskey zu trinken, Jameson, meinen Lieblingswhiskey. Im Schlafzimmer gibt es keinen. Ich will nicht nach draußen. Ich bin nicht schön und nicht Mitte zwanzig. Ich bin nicht einmal blond. Ich bin einem Bombenangriff entgangen. Nein. Ich bin einer Drohung entgangen. Kann man einer Drohung entgehen? Kann man eben nicht, das ist ja das Problem. Gleich wird Oskar da sein und mich trösten. Mir ist kalt.

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