Krummvögel - Eva Rossmann - ebook

Krummvögel ebook

Eva Rossmann

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Opis

Anna und Hans ziehen aufs Land, um Krummvögel zu suchen. Die sind fast so groß wie ein Strauß und lange nicht so ausgestorben wie Salondamen. Wahrscheinlich zumindest. Sie haben kein Internet. Das hat damit zu tun, dass Anna dem Bundeskanzler eine Torte ins Gesicht geworfen hat. Ansonsten begegnet ihnen eine ganze Menge: Zum Beispiel ein Großer Brauner aus Libyen, der fest an das Gute im Bauunternehmer glaubt. Das Weinviertel und dazwischen Ölpumpen. Ein gastfreundlicher Zimmerer, der einmal zu oft Heil Hitler geschrien hat und deswegen nur auf einem Auge sieht. Ein seltsamer trauriger Agent, der doppelt sein könnte. Nur dem taubengrauen Sowaswie ist das alles egal, der ist nämlich auf Urlaub von seinem DJ. Und den braucht er auch. Manchmal reicht es, wenn man sucht. Manchmal findet man. Fragt sich nur, was.

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Eva Rossmann

Krummvögel

Roman

1 Fast so groß wie ein Strauß

„Man kann nicht viel mit ihnen sehen“, murmle ich skeptisch. Der ältliche Verkäufer stößt mich mit dem Fernglas auf die Straße. Autos wirbeln Staub auf, die Hitze brät die Passanten und am Fenster schräg vis-à-vis, dem Fenster im dritten Stock, sehe ich durchs Fernglas einen kleinen Buben, der durch ein Fernrohr blickt und mich beobachtet.

„So ein Zufall“, sage ich zum Verkäufer.

„Nein, das ist mein Enkel“, erwidert er.

Hans steigt von einem Bein auf das andere. „Wir wollen Krummvögel suchen“, verkündet er einem Regal mit Handyzubehör.

„Was sind Krummvögel?“, fragt der Verkäufer.

„Wenn sie fast so groß sind wie ein Strauß, dann braucht man keinen Feldstecher“, beharrt Hans, nachdem wir mit zwei gelben Säcken voller Plastik, Pappe, Schaumstoffflocken und Ferngläsern wieder vor der Geschäftstür stehen.

„Wenn sie weit weg sind, schon“, sage ich.

Zuerst wird auf dem Land alles flacher. Die Nachrichten. Die Topmeldung. Eine Kammerschauspielerin ist verblichen. Sie war mehr als ein halbes Jahrhundert am Josefstadttheater. „Salondamen“ seien ihr Fach gewesen.

„Sind die nicht schon lange ausgestorben?“, frage ich.

„Nicht in Österreich“, sagt er. „Und du willst Krummvögel finden.“ Ausgestorbener als Kammerschauspielerinnen und Salondamen seien Krummvögel jedenfalls.

Während wir durch die Steppe gleiten, ventiliere ich die Frage, ob ausgestorben steigerungsfähig ist – ausgestorben, ausgestorbener, am ausgestorbensten. Der Nachrichtensprecher erzählt etwas vom Krieg. „Schlimm“, sagt Hans.

„So ist das eben“, antworte ich kühl und füge hinzu: „Uns geht das Ganze jetzt nichts mehr an.“

„Ja“, sagt Hans. Das Wetter soll schön werden. Gut für Krummvögel.

Dann wird das Land hügelig und man beginnt ans Viertel und seinen Wein zu glauben. Der Kater brüllt. Wir sperren die Hoftür auf. Kaum ist sie offen, schießt er an uns vorbei, hinaus auf die Straße, umkreist den schweren schwarzen Geländewagen unseres Nachbarn, schießt wieder herein und bleibt abrupt vor dem Mistkübel stehen. Warum? Für unseren Kater gibt es kein „Warum“. Ich gehe ins Haus.

Das Fax hat eine seltsame Meldung ausgespuckt. Ist ja inzwischen beinahe so prähistorisch wie Salondamen. Aber momentan eine unserer wenigen Kommunikationsmöglichkeiten. Je mehr das Fax durchs Internet verdrängt wird, desto seltsamere Meldungen scheinen zu kommen, so als ob es noch einmal Aufmerksamkeit erregen wollte, bevor es endgültig ausstirbt. Ausgestorben, ausgestorbener, am ausgestorbensten. Schon wieder.

Gorilla, der erfrischende Bitterdrink, steht auf der ersten Seite. Absender ist die Firma Euro-Pharm-Ex.Pur genossen erzeugt Gorilla einen angenehmen Schwebezustand, lese ich weiter.Sie können Gorilla auch mixen. Gorilla-Cola, Gorilla-Orange, Gorilla-Campari, aber auch Gorilla-Bier bringen erstaunliche Geschmacksvarianten in den Genuss des neuen isotonischen Bitterdrinks. Auf der zweiten Seite ist ein sitzender Gorilla abgebildet, der ein Schild hält, auf demGorilla, der erfrischende Bitter-Drinksteht.

„Der ist nicht echt“, sagt Hans hinter meiner Schulter.

„Der Gorilla? Der Gorilla ist echt, das Fax ist ein Scherz. Vielleicht von irgendeiner Anti-Formel-1-Dosen-Liga“, vermute ich.

„Schweben wäre gar nicht schlecht“, murmelt Hans.

Ich wähle die angegebene Telefonnummer. Es meldet sich die Telefonzentrale einer Firma Euro-Pharm-Ex. Ich bitte um nähere Informationen.

„Wenn das ein Jux ist, dann ist es ein gut vorbereiteter“, sagt Hans.

„Was ist jetzt mit den Krummvögeln?“, frage ich.

Zeit, mit der Recherche zu beginnen. So etwas haben wir gelernt. Vor einiger Zeit habe ich mit dem Verteidigungsminister geredet. Der Verteidigungsminister hat gehört, dass es in unserem Viertel noch einige von diesen Riesenvögeln geben soll. Über Verteidigung wollte mit dem Verteidigungsminister nach der Regierungssitzung niemand reden. Ich auch nicht. Also plauderten wir nahe beim Ausgang des barocken Saals am Ballhausplatz über große Vögel, während eine Fernsehjournalistin den Bundeskanzler zur europäischen Sicherheitsinitiative interviewte. Der Verteidigungsminister ist unruhig geworden, er hat so eine Art von Krächzer von sich gegeben, dabei haben der Kanzler und die Journalistin über diese neuen EU-Vorschriften für Kondome geredet. Aber in der Politik muss man seine Ohren eben überall haben.

„Love and Peace“, habe ich zum Verteidigungsminister gesagt und mich verabschiedet. Viel hat er mir über die großen Vögel nicht erzählt. Vielleicht fallen Details unter die Verschwiegenheitspflicht. Wahrscheinlich aber wusste er bloß nicht mehr darüber. Der Kanzler hat unterdessen seine Nase spitz in die Luft gehalten und auf weitere Fragen gewartet. Eigentlich sieht er ein wenig wie ein Vogel aus, nicht wie ein Krummvogel, eher wie eine etwas zerrupfte Amsel, die auf Rabe macht. In Anzug und Krawatte. Und über seine Stimme möchte ich lieber nichts sagen. Er kann ja nichts dafür. Nicht alle Vögel sind Singvögel.

Der Heurige liegt in einer Kurve der Landesstraße, die die meisten Orte des südlichen Viertels verbindet. Die braunen, schon etwas rissigen Holztische stehen genau im Knie der Kurve, nur geschützt durch eine alte, wurmstichige Weinpresse. Ab und zu, vor allem, wenn im Frühling mehrere schwere Motorräder hintereinander durch die Kurve gebraust kommen, ducken sich viele der weniger routinierten Heurigengäste.

Rosina, die Heurigenwirtin, sieht nicht so aus, als könnten ihr derartige Schrecken etwas anhaben. Ihre Schrecken sind die der Küche. Gibt es noch genug Heurigenschmalz? Noch genug Surbraten? Sind die Brote groß genug und der Erdäpfelsalat und der Krautsalat ausreichend gewürzt? Dick, rosafarben und mit blonden, halblangen Locken, wie sie in den örtlichen Frisiersalons seit fünfzig Jahren entstehen, führt sie das Regiment über ihre dicke, blonde und rosafarbene Tochter, die Großmutter und ihren Mann. Er steht hinter der winzigen Theke und ist trotzdem kaum zu bemerken. Vielleicht hat er sich daran gewöhnt, nicht wahrgenommen zu werden. Es ist nicht so einfach, Rosinas Gedanken von Schinken, Aufstrich und Brot abzulenken.

„Grüß Gott“, sagt die Heurigengesellschaft am Nachbartisch in ihrer Verzweiflung jetzt schon zum vierten Mal. Vermischt mit dem Motorenlärm von der Landesstraße klingt es wie ein modernes Chorwerk, etwas, das sich sogenannte moderne Pfarrer schreiben lassen, um zu versuchen, das Katholische trotzdem mit der Realität in Verbindung zu bringen. „Grüß Gott“, klingt es jetzt endlich auch von Rosina, der rosa Wirtin. Der große gelb-braune Fleck auf ihrer Schürze, Senf, ich tippe auf süßen, lächelt mit ihr um die Wette.

Ich versuche, ihre Aufmerksamkeit umzudirigieren, lächle penetrant zurück und winke. Rosina scheint sich an uns zu erinnern. Jedenfalls aber sehen wir wie gute Esser aus. Gute Esser schätzt sie. Gar nicht so sehr wegen des Geldes, mehr aus Prinzip. „Wer satt ist, gibt a Ruh“, pflegt sie zu sagen. Ihr Mann sieht nicht satt aus, ist aber auch still.

„Nach dem Essen fragen wir nach den komischen Riesenvögeln“, sagt Hans.

Hans und ich trinken unsere Viertellitergläser Gespritzten in einem Zug leer. Respektvolle Blicke vom Nachbartisch. Die sind nicht aus der Gegend, sondern aus der Stadt, das sieht man zehn Meter gegen den feinen Landesstraßenstaub, vor dem keine Weinpresse schützen kann. Das Lebewesen mit den drei fingerdicken Goldketten, das in Ruderleibchen und Boxershorts auf der im Verhältnis filigran wirkenden Bank hockt, fletscht freundlich die Zähne.

„Der Gorilla“, flüstere ich Hans zu und beäuge die Oberschenkel unseres Nachbarn. Die meisten Männer haben weniger Haare am Kopf als der auf den Beinen. Hans sitzt mit dem Rücken zur städtischen Heurigenpartie und sieht sich um. „Also ist er doch echt.“

Das zarte schwarzhaarige Wesen neben dem Gorilla versucht sich offensichtlich durch eine dicke Schicht Farbe im Gesicht vor ihm zu schützen. Ethnologische Vergleichsstudien zwischen dem südlichen Viertel und afrikanischen, vielleicht auch australischen Stämmen – vielleicht wäre das ein beruflicher Ausweg für mich. Das zarte Wesen pickt ab und zu ein Brösel von der inzwischen servierten Brettljause, der Gorilla schiebt ungeheure Fleischbrocken in den Mund und kratzt sich periodisch die befellte Brust. Die anderen vier Menschen der Tischrunde sehen gegen dieses Paar so normal aus, als hätten sie in der Zeitung einen Ausflug zu den Darstellern des schlechtesten Horrorfilms aller Zeiten gewonnen.

„Krummvögel? Was sollen Krummvögel sein?“, fragt Rosina und ihre blauen Augen schauen wachsam auf ihre Tochter. Sie schleppt vom Kellerstöckl gegenüber ein riesiges Brot herbei. Mindestens sechs Kilo, vermute ich. Krummvögel sind schwerer.

„Größer als Fasane sollen sie sein?“, fragt Rosina.

„Viel größer“, antworte ich mit fester Stimme, „und dicker.“

„Wie dick?“

Ich denke an die Kammerschauspielerin und den Kanzler. „Dicker als der Kanzler“, ergänze ich.

„Der“, faucht die Heurigenwirtin abfällig.

Ich nicke. Er sieht nicht wie ein guter Esser aus.

Rosina beobachtet, wie ihre Tochter im Eingang zum Heurigenhaus verschwindet. Dann strahlt sie auf. „Krummetvögel, ja, die kenne ich. Vielleicht sind es Krummetvögel.“ Zu den Truthähnen habe man früher Krummetvögel gesagt.

„Aber Truthähne leben bei uns nicht wild“, widerspreche ich, meiner Erinnerung nach kommen sie ursprünglich aus Amerika, oder bilde ich mir das bloß wegen der Thanksgiving-Viecher ein?

Rosina schüttelt den Kopf, dass ihre Locken nur so fliegen: „Die sind wild, und wie die wild sind.“

„Truthühner haben früher Kapaune geheißen“, sagt Hans und Rosina schüttelt weiter den Kopf: „Truthühner heißen jetzt Puten. Das weiß doch wirklich ein jeder. Putenfleisch, mir ist es ja zu geschmacklos, aber gebacken geht es, da merkt man das nicht so.“ Damit geht sie.

„So schnell geben wir nicht auf“, sagt Hans zu mir und zieht den Pullover aus. Unser Tisch ist in die Sonne gerückt. „Alles eine Frage der Perspektive und der Zeit“, sagt Hans, als ich ihn darauf aufmerksam mache, dass in Wirklichkeit nicht unser Tisch in die Sonne gerückt ist, sondern sich die Erde etwas weitergedreht hat. „Galilei wollte man für solche Ideen verbrennen.“

Ich stelle zufrieden fest, dass Hans die Suche nach den Krummvögeln zu packen beginnt. Er isst das riesige Schmalzbrot – wo bekommt man noch richtiges, hausgemachtes Schmalzbrot, wenn nicht hier – mit vier Bissen, spült es mit annähernd einem Viertelliter Wein hinunter und drängt mich, meinen Wein auszutrinken.

Hans stürmt geradezu die drei Stufen hinab in den kleinen Raum, in dem Ausschank und Buffet untergebracht sind. Rosina ist nicht zu sehen, ihr Mann entweder gänzlich unsichtbar geworden oder auch nicht da. Er bestellt bei der Alten, die wie eine Art überreifer Quargel hinter dem Buffet hervorzukriechen scheint, ein Leberwurstbrot mit Essiggurkerl. Er sieht ihr zu, wie sie das Brot bestreicht und dabei beschwörend vor sich hin murmelt.

„Kennen Sie Krummvögel?“, flüstert er ihr über den Ladentisch zu.

„Was wollen Sie noch?“, kreischt sie.

„Sie ist schwerhörig“, erinnere ich Hans.

„Kennen Sie Krummvögel?“, brüllt er.

„Na, des is heut’ aus“, brüllt sie zurück. Ihr Gesicht verrät: Keine Widerrede, sonst wird mit scharfem Quargel geschossen.

„Kennen Sie Krummvögel?“, schreit Hans noch lauter.

„Pfui“, ruft sie und sieht ihm streng ins Gesicht.

Als ich ihm draußen vor der Tür meine Vermutung mitteile, dass die Alte in erster Linie aus uraltem Quargel zusammengesetzt sei, erwidert er irritiert: „Aber die verkaufen doch gar keinen Quargel.“

„Eben“, sage ich.

Bauch an Bauch im Bett zu liegen kann sehr angenehm sein. Ich versuche träge und zufrieden Arme und Beine durchzuzählen, dahinterzukommen, was zu wem gehört, will es aber gar nicht so genau wissen. Die Sonne scheint durch die naturfarbenen Rollos, und im Schattenriss ist ein Katzenkopf auf dem Fensterbrett zu sehen.

„Der Kater wird nie eine Maus fangen“, murmle ich Hans zu, romantische Liebesworte hätten ihn bloß alarmiert.

„Brumm“, macht Hans.

„Aber der Kater ist ja auch die meiste Zeit über im Haus“, räume ich ein und beobachte den Scherenschnittkopf, langsam bewegt sich ein Ohr.

„Brumm“, macht Hans.

Ich sehe dem Kater zu, wie er auf dem Fensterbrett sitzend beginnt, den Schnittlauch im Blumentopf aufzuessen. Dabei schlafe ich wieder ein.

Im Baumarkt wollen wir für den Kater Futter kaufen. Wer im Großen einkauft, kommt billiger davon, das weiß wirklich jeder, ganz abgesehen davon, was es in so einem Baumarkt alles gibt, von dem man nie gewusst hat, dass man es dringend braucht. Außerdem, so überlege ich, könnten wir im Baumarkt unsere Krummvögel-Such-Ausrüstung ergänzen. Wodurch? Das werden wir im Baumarkt finden.

Hans klammert sich umgehend an einen der überdimensionalen Einkaufswagen. Trotz seiner durchschnittlichen Größe sieht er aus wie ein erschrockener Gnom in einem pervers verwunschenen Schlaraffenland. Wir fahren in der Lampenabteilung vor. Neben den Kristalllustern um 39,99 Euro und den Lampen aus buntem Glas hängen vier Deckenventilatoren. Sie glitzern goldfarben und drehen sich mit rasender Geschwindigkeit. Es ist heiß und sie haben wohl ebenso wie ich den Wunsch, die Halle so bald wie möglich zu verlassen. Für einen Moment verliere ich den Mut und denke mir angesichts der unüberblickbaren Regalreihen, dass ihre Chancen größer sind. Unter den vier Ventilatoren stehen drei Männer mit dunkelgegerbten Gesichtern in geflickten Kunststoffhosen und starren mit offenem Mund nach oben.

„Ist ihnen heiß, oder wollen sie einen Ventilator kaufen?“, frage ich Hans.

„Die rechnen“, erwidert er.

Im Einkaufswagen befinden sich unterdessen siebenunddreißig Dosen Katzenfutter. Sie wirken in dem Metalldrahtungetüm verloren. Hans schiebt den Wagen durch die Abteilung „Baumaterialien“ und hat jenen starren Blick, den er immer bekommt, wenn er sich zu lange in Großmärkten aufhält. Eine Art von Trance, ausgelöst vom verzweifelten Wunsch, woanders zu sein, ohne dass er deswegen imstande wäre, den Weg Richtung Kassa einzuschlagen.

Aus der Abteilung „Kleineisen“ taucht Django auf. Er trägt einen breitkrempigen Lederhut, Cowboystiefel, Jeans und ein enorm großkariertes, überwiegend rotes Flanellhemd. Diese Kostümierung könnte auch jemandem anderen passieren. Aber sein Gang macht mich ganz sicher: Das ist Django. Er schiebt den gigantischen Einkaufswagen mit jener lässigen O-Beinigkeit, die jedem im Baumarkt deutlich zu erkennen gibt, dass ihn das Ungetüm, die Hitze der Halle, selbst die Kunststoffhosen unter den Ventilatoren ganz cool lassen. Mit unendlicher Souveränität legt er ein Paket gefährlich aussehender blaumetallener Schrauben auf den blankgeputzten Kassatisch, zieht aus der rechten Hosentasche eine Handvoll Münzen, packt die Schrauben, lächelt der blassen, blonden Kassiererin zu und geht mit der Gewissheit, wieder ein Abenteuer bewältigt zu haben, durch die sich automatisch öffnende Tür. Jede Tür hätte sich vor ihm automatisch geöffnet. Er verschwindet langsam in der Wildnis des Parkplatzes, über dem sich der Himmel endlos und blau wölbt. Noch gebannt von dem Schauspiel kaufen wir einen Nass- und Trockensauger.

In der Einfahrt liegt ein schon etwas schmutziges Exemplar derGROSSEN Zeitung. Dass sie so schmutzig aussieht, dafür kann sie nichts. Das liegt an unserer Einfahrt. Ich schüttle die Zeitung, befreie sie von zwei vergilbten Blättern und etwas Braunem, das gut von einem Igel stammen könnte, für eingetrocknete Katzenscheiße ist es zu klein. Sie wird nicht sauberer. Ich schlage sie trotzdem auf.

„Warum tust du das?“, fragt Hans.

Entgegnung: Sie schreiben in der ‚GROSSEN Zeitung‘ auf Seite 15: ,Täglich erscheinendes Gratisblatt kann die Gesundheit gefährden.‘

Das ist unwahr. Die Tageszeitung ,IMMER‘ gefährdet die Gesundheit nicht.

Sie schreiben weiter: ,Im Falle dieses gefährlichen Machwerks wird der sogenannte Flexodruck angewandt. Dabei kommen Farben zur Verwendung, die wasserhaltig sind. Zeitungspapiere, die mit wasserhaltigen Farben beschichtet werden, sind jedoch praktisch nicht recyclingfähig. Für die Müllbeseitigung stellt die Entsorgung des verwendeten Papiers ein spezielles Problem dar, weil es sich um Sondermüll handelt.‘

Das ist unwahr. Die Tageszeitung ,IMMER‘ wird mit Farben gedruckt, die nicht wasserhaltig sind. Das Zeitungspapier von ,IMMER‘ ist daher sehr wohl recyclingfähig. Die Entsorgung des von ,IMMER‘ verwendeten Papiers stellt keineswegs ein spezielles Problem dar, weil es sich nicht um Sondermüll handelt.

Ich lese die gerichtliche Entgegnung noch einmal, beim dritten Mal lese ich sie Hans vor.

„Was verstehen die unter Recycling?“, fragt er und erzählt, dass bei seiner Großmutter das Klopapier noch aus zusammengeschnittenen Zeitungsseiten bestanden habe.

„Damals waren die Zeitungen noch nicht farbig“, werfe ich ein. Bleibt nur die Frage offen, obIMMERnicht trotzdem die Gesundheit gefährden könnte.

Hans blättert in derGROSSEN, bläst auf Seite drei einige Taubenfedern weg und betrachtet auf Seite eins das Foto eines älteren Mannes, Typ Luis Trenker, aber nie für den Film entdeckt, daher mit noch tieferen Kerben im Gesicht. Er hält eine kleine Katze im Arm und grinst irgendwie hinterhältig.Der Pascha vom Gailtal: Heinrich Oberschaider (68) aus Kärnten hat zwei Frauen! Seit Jahren lebt er mit Ehefrau Liesl und deren jüngerer Schwester Hanni unter einem Dach. Der Ehe zu dritt entstammen sechs Kinder. (Reportage über das Trio im Blattinneren!)Hans versucht die Seite, auf der die Reportage steht, von einer weiteren Taubenfeder zu befreien. „Dass unser Kater eine Taube erwischt hat“, murmelt er ungläubig.

„Vielleicht kann auch dieGROSSE Zeitungdie Gesundheit gefährden“, sage ich.

„Nein“, murmelt Hans im Kampf mit der Taubenfeder. Er bezieht die Gesundheitsgefährdung noch immer auf den Hintern seiner Großmutter. „DieGROSSE Zeitunghat man nur einmal durchschneiden müssen, diePresseviermal.“

Ich bezweifle, dass seine Großmutter diePressegelesen hat, und Hans ist beleidigt. Ich tröste ihn damit, dass es ohnehin verschiedene Formen der Gesundheitsgefährdung gäbe, nicht nur kleinformatige, und sage etwas über geistige Verengung.

„Geistige Verstopfung ist nicht strafbar, dafür gibt es nicht einmal Gegendarstellungen“, erwidert Hans schon wieder halb versöhnt, er hat ein paar Semester Jus studiert.

Wir nehmen die beiden Hängematten, befestigen eine zwischen Apfel- und Pfirsichbaum, die andere zwischen Zwetschgen- und Apfelbaum, und Hans beginnt denMann ohne Eigenschaftenzu lesen. Ich blinzle in den blauen Himmel. Auf meinem rechten Unterarm kitzelt mich ein kleines Insekt, das wie ein Beistrich aussieht. Ich schnipse es weg und plötzlich kitzelt es mich am rechten Oberschenkel. Drei Beistrich-Tiere. Am Bauch: zwei Beistrich-Tiere, auf der Brust: ein Beistrich-Tier. „Ich bin von Beistrichen überfallen“, schreie ich Hans zu.

„Hör auf, von Zeitungen zu träumen“, sagt er.

Hans trägt eine schwere Tasche, ich trage einen schweren Korb. Achtzig Meter vom Haus entfernt meutert er: „Wie weit sollen wir das Zeug noch schleppen?“

„Glaubst du, dass die Krummvögel an der Hauptstraße nisten?“, frage ich.

Wir kehren um und erleichtern die Tasche um zwei Regenumhänge, einen Feldstecher, einen Fotoapparat, ein Badetuch, zwei Paar Gummistiefel und einen Radioapparat.

„Mit Sumpf ist ohnehin nicht zu rechnen“, meint Hans.

Er könnte recht haben. Es hat zweieinhalb Wochen nicht mehr geregnet, das Gras wechselt bereits von Grün nach Gelb. Generell neigt das Viertel mehr zur Trockenheit als zur topografischen Versumpfung. Das freilich betrifft nur die Oberfläche, wenn man an dieser kratzt und den Wortsinn erweitert, dann kann es im Viertel ganz schön feucht sein, manchmal auch fröhlich, und Versumpfung gibt es jede Menge. Spätestens wenn man am nächsten Morgen in den Spiegel schaut und sonst noch nichts weiß, das weiß man dann.

Wir gehen also noch einmal los. Links und rechts wölben sich Weinhügel. Der Feldweg wird enger.

„Es hat mindestens achtundzwanzig Grad“, sagt Hans und wischt sich die Stirn.

„Ob bei diesen Temperaturen Krummvögel zu sehen sind?“, frage ich.

„Die werden sich verkriechen“, meint Hans missmutig.

Ja, aber wohin verkriecht sich ein Krummvogel, der doch beinahe so groß ist wie ein Strauß? Hier gibt es nur Rebzeilen, Wein, Wein, und dazwischen Erdölpumpen.

„Bei den Erdölpumpen“, sagt Hans. Langsam senkt die Pumpe ihren Pumpschwengel in die Erde, hebt ihn wieder, gleichmäßig und träge, hinein und heraus. Die Bewegung ist von einem ächzenden Geräusch begleitet, Hans konstatiert Asthma, ich ein Stöhnen, das sowohl Lust als auch Last sein könnte.

„Schatten ist da keiner“, sage ich.

„Krummvögel haben nichts übrig für Asthmapumpen“, meint Hans.

Das eiserne Ding hebt und senkt sich weiter, bis hin zum Horizont stöhnende Pumpen. Vor Jahrzehnten hatten sie die Manager eines optimistischen Erdölunternehmens rot, blau und gelb streichen lassen. Längst sind die Farben verblasst. Und die meisten Pumpen einheitlich blau und grün lackiert. Als ob auch die Pumpen wissen müssten, zu welchem Konzern sie gehören. Jedenfalls: Die Pumpen bewegen sich, und das lässt mich Hoffnung schöpfen. Hans hingegen wird angesichts so viel gleichförmiger, stöhnender, vielleicht auch tatsächlich schon etwas asthmatischer Stoßkraft kleinmütig. „Wenn wir die Krummvögel nicht sehen, dann liegt das vielleicht gar nicht an der Hitze, sondern daran, dass sie längst ausgestorben sind.“

Ich parke den Korb im schmalen, langgestreckten Schatten der Pumpe und setze mich. „Wer Krummvögel beobachten will, braucht Geduld“, sage ich.

Das leuchtet Hans ein, vielleicht ist er aber einfach nur müde. Er setzt sich neben mich und zieht denMann ohne Eigenschaftenaus der Tasche. Offenbar hat er sich damit abgefunden, länger zu bleiben. Er ist auf Seite sechsundfünfzig.

Ich sehe über Rebzeilen, die grünen und erdgelben Hügel, das gewellte Land, rieche saures Gras und Blumen, selbst der Staub in der trockenen heißen Luft hat ein Aroma von jungen Erdäpfeln und satter Fruchtbarkeit, ich genieße, ohne viel zu denken.

Krummvögel sehe ich keine.

Dann ist auch der Schatten weg. Im Schweiße seines Angesichts ist Hans auf Seite dreiundsiebzig angelangt. Ich rücke wieder in den Schatten, und ohne aufzusehen rückt Hans mit. Siebzehn Seiten später rücken wir wieder. Siebzehn Seiten später wieder. Ich komme mir vor wie jemand, der eine Sonnenuhr verfolgt.

Als wir das nächste Mal in den Schatten rücken, muss ich Hans stören: „Jetzt hast du nur vierzehn Seiten gelesen.“

„Das war eine Reflexion“, sagt er.

„Und für so etwas brauchst du länger“, erwidere ich mit einem Hauch von Spott.

„Duwolltest doch die Viecher beobachten“, sagt er und hat wieder einmal recht. „Wir hätten uns ein Fachbuch kaufen sollen“, fügt er hinzu.

„Ha“, lache ich. „Ein Buch über Krummvögel, weil es das gibt!“

„Im Internet wäre es eine Sache von fünf Minuten, das herauszufinden. Aber dank dir sind wir ja offline.“

„Von der Leine“, übersetze ich und sage dann nichts mehr.

„Es gibt Bücher über Gorillas, Salondamen, Bundeskanzler und Heurigenlokale, warum soll es keines über Krummvögel geben?“, fährt Hans etwas später fort. Offenbar hat sein Mann momentan nicht die Eigenschaft, ihn zu fesseln.

„Weil sie seltener sind“, murmle ich. Ich sehe, wie sich in einer Rebzeile, ganz weit weg, etwas Braunes bewegt. Wenn ich es recht bedenke, haben wir nie über die Farbe von Krummvögeln geredet. Wahrscheinlich sind sie braun.

„Psst“, flüstere ich Hans zu und deute auf den braunen Fleck.

„Ein Huhn“, flüstert Hans, „ein sehr großes Huhn.“

„So raschelt kein Huhn“, flüstere ich.

„Wie raschelt ein Huhn?“, flüstert Hans zurück.

„Pssst“, mache ich.

Wir schauen gebannt.

„Für ein Huhn ist es zu groß“, flüstere ich.

„Für einen Strauß auch“, wispert er. „Vielleicht ein Elch.“

„Gibt’s keine da.“

„Die haben im Nachbarort einen Elch geschossen und der Jäger hat gesagt, dass er ihn für eine Sau gehalten hat. Ehrlich.“

„Im vorigen Jahrhundert vielleicht.“

„Das meiste war im vorigen Jahrhundert.“

Wir schleichen näher, die Pumpe gibt uns mit ihrem periodischen Stöhnen Schutz. Hans hält seinen Fotoapparat ans Auge, ich habe meinen Feldstecher im Korb vergessen. Ausgerechnet. Und dafür bin ich extra in die Stadt gefahren.

„Das ist wirklich größer als ein Strauß“, wispere ich Hans ins Ohr. Ich denke an eine neue Krummvogel-Sorte oder an eine alte, die bereits seit Jahrhunderten als ausgestorben gilt. Eine Sensation bahnt sich an, man wird den Vogel wahrscheinlich nach uns benennen. Ich habe die Idee gehabt, Krummvögel zu suchen, mein Name wird vorne stehen.

„Er hat sich bewegt“, flüstert Hans und ist wie ich vom Jagdfieber gepackt. DerMann ohne Eigenschaftenliegt in der Sonne neben dem Schatten der Pumpe, niemand liest weiter, niemand rückt das Buch siebzehn oder vierzehn Seiten später wieder in den Schatten.