Lincoln im Bardo - George Saunders - ebook

Lincoln im Bardo ebook

George Saunders

0,0
45,29 zł

Opis

Während des amerikanischen Bürgerkriegs stirbt Präsident Lincolns geliebter Sohn Willie mit elf Jahren. Laut Zeitungsberichten suchte der trauernde Vater allein das Grabmal auf, um seinen Sohn noch einmal in den Armen zu halten. Bei George Saunders wird daraus eine allumfassende Geschichte über Liebe und Verlust, wie sie origineller, faszinierender und grandioser nicht sein könnte.

Im Laufe dieser Nacht, in der Abraham Lincoln von seinem Sohn Abschied nimmt, werden die Gespenster wach, die Geister der Toten auf dem Friedhof, aber auch die der Geschichte und der Literatur, reale wie erfundene, und mischen sich ein. Denn Willie Lincoln befindet sich im Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits, in tibetischer Tradition Bardo genannt, und auf dem Friedhof in Georgetown entbrennt ein furioser Streit um die Seele des Jungen, ein vielstimmiger Chor, der in die eine große Frage mündet: Warum lieben wir überhaupt, wenn wir doch wissen, dass alles zu Ende gehen muss?



Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi lub dowolnej aplikacji obsługującej format:

EPUB
MOBI

Liczba stron: 326




Zum Buch

Der Meister der Kurzgeschichte legt seinen ersten Roman vor, der – wie nicht anders zu erwarten – origineller, faszinierender, grandioser und erhellender nicht sein könnte.

Während des amerikanischen Bürgerkriegs stirbt Präsident Lincolns geliebter Sohn Willie mit elf Jahren. Laut Zeitungsberichten suchte der trauernde Vater allein das Grabmal auf, um seinen Sohn noch einmal in den Armen zu halten. Aus der historischen Tatsache entfaltet sich bei Saunders eine allumfassende Geschichte über Liebe und Verlust, die jede bisher bekannte Form des Romans sprengt: Im Laufe dieser einen Nacht, in der Abraham Lincoln von seinem Sohn Abschied zu nehmen versucht, werden die Gespenster wach, die Geister der Toten auf dem Friedhof, aber auch die der Geschichte und der Literatur, reale wie erfundene, und mischen sich ein. Denn Willie Lincoln befindet sich im Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits, in tibetischer Tradition Bardo genannt, und auf dem Friedhof in Georgetown entbrennt ein furioser Streit um die Seele des Jungen, ein vielstimmiger Chor, der in die eine große Frage mündet: Warum lieben wir überhaupt, wenn wir doch wissen, dass alles zu Ende gehen muss?

»Saunders zu lesen heißt, schwindlig zu werden vor lauter Genialität, Phantasie und beißendem Witz. Ein literarischer Star.« The Sunday Times

Zum Autor

George Saunders wurde 1958 in Amarillo, Texas, geboren, lebt heute mit seiner Frau und zwei Töchtern in Oneonta, New York, und ist Dozent an der Syracuse University. Er hat mehrere Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht, wurde u. a. 2013 mit dem PEN/Malamud Award und 2014 mit dem Folio Prize ausgezeichnet. Sein Roman »Lincoln im Bardo« wurde in den USA als literarische Sensation gefeiert, war ein NewYork Times-Nr. 1-Bestseller und wurde 2017 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet.

Zum Übersetzer

Frank Heibert, geb. 1960 in Essen, lebt in Berlin, ist Literaturkritiker, Autor und Übersetzer, vor allem aus dem Englischen und Französischen. Er erhielt diverse Auszeichnungen, für die Übersetzung der Erzählungen »Zehnter Dezember« von George Saunders wurde er mit dem Helmut-M.-Braem-Preis ausgezeichnet. Er übersetzte Werke von u. a. Don De-Lillo, Richard Ford, William Faulkner, Lorrie Moore, Tobias Wolff, Boris Vian und, zusammen mit Hinrich Schmidt-Henkel, Raymond Queneau und Yasmina Reza.

George Saunders

Lincoln im Bardo

Roman

Aus dem amerikanischen Englischvon Frank Heibert

Luchterhand

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel Lincoln in the Bardo bei Random House, New York.

Der Übersetzer dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für die großzügige Förderung seiner Arbeit an dieser Übersetzung.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2017 George Saunders

Die Veröffentlichung der Übersetzung wurde vereinbart mit Random House, einem Imprint von Penguin Random House LLC.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 Luchterhand Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: buxdesign/München

Covermotiv: Landschaft mit Abraham und Isaak, Kupferstich von John Pye und E. Webb nach Gaspard Dughet (mit der freundlichen Erlaubnis von © nicolas-poussin.com)

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-21195-0V001

www.luchterhand-literaturverlag.de

facebook.com/luchterhandverlag

Für Caitlin und Alena

EINS

I

Als wir heirateten, war ich sechsundvierzig und sie achtzehn. Ich weiß natürlich, was Ihr jetzt denkt: älterer Mann (nicht dünn, praktisch kahl, ein steifes Bein, Holzzähne) übt sein eheliches Recht aus und erniedrigt solcherart die arme junge –

Aber das stimmt nicht.

Denn versteht Ihr, genau so wollte ich es nicht machen.

In unserer Hochzeitsnacht trapste ich die Treppe hoch, vor lauter Trinken und Tanzen hochrot im Gesicht, und traf sie in so einem dünnen Fähnchen an, das ihr eine Tante aufgezwungen hatte, sie zitterte dermaßen, dass der Seidenkragen bebte – ich konnte es nicht.

Und so sprach ich ganz offen mit ihr, ganz sanft: Sie war wunderschön; ich war alt, hässlich, verbraucht; wir waren ein seltsames Paar, nicht aus Liebe verbunden, sondern aus Zweckdienlichkeit; ihr Vater war arm, ihre Mutter krank. Deshalb saß sie jetzt hier. Ich wusste all das nur zu gut. Und würde nicht im Traum daran denken, sie anzurühren, sagte ich zu ihr, sah ich doch ihre Angst und ihr – ich benutzte das Wort »Widerstreben«.

»Widerstreben« empfinde sie nicht, versicherte sie mir, aber ihr (reizendes, errötendes) Gesicht verzog sich – ich sah es genau – bei dieser Lüge.

Ich schlug ihr vor, wir könnten … Freunde werden. Uns nach außen in jeder Weise so verhalten, als hätten wir unsere Verbindung vollzogen. Sie solle zwanglos und glücklich in meinem Zuhause leben und versuchen, es zu dem ihren zu machen. Mehr würde ich nicht von ihr erwarten.

Und so hielten wir es. Wir wurden Freunde. Enge Freunde. Das war alles. Und dabei war es so viel. Wir lachten miteinander, trafen gemeinsame Entscheidungen im Haushalt; sie half mir, mehr auf die Dienstboten zu achten, weniger desinteressiert mit ihnen zu sprechen. Sie hatte einen guten Blick und sorgte für eine gelungene Renovierung der Zimmer zu einem Bruchteil der erwarteten Kosten. Wenn ich hereinkam, hellten ihre Züge sich auf, wenn wir Haushaltsbelange besprachen, lehnte sie sich an mich; das zu erleben machte mein Leben so viel besser, ich kann es gar nicht sagen.

Ich war glücklich gewesen, durchaus glücklich, aber jetzt ertappte ich mich öfter dabei, ein schlichtes Dankgebet gen Himmel zu schicken: Sie ist da, immer noch da. Es war, als hätte ein rauschender Fluss seinen Weg durch mein Haus genommen, und mit einem Mal duftete es nach frischem Wasser, eine natürliche, atemberaubende Fülle war zu spüren, immer gegenwärtig, immer in Bewegung.

Eines Abends, als wir mit Freunden beim Essen saßen, stimmte sie aus freien Stücken mein Loblied an – sagte, ich sei ein guter Mensch, rücksichtsvoll, klug, gütig.

Unsere Blicke trafen sich, und ich erkannte, dass sie es ernst meinte.

Am nächsten Tag legte sie mir einen Zettel auf den Schreibtisch. Zwar hindere ihre Scheu sie daran, ihre Empfindungen in Worten oder Taten auszudrücken, stand da geschrieben, aber die Güte, die ich ihr erwiesen, habe etwas sehr Wünschenswertes hervorgebracht: Sie fühle sich wohl, ja glücklich in unserem Zuhause und wünsche sich, wie sie es formulierte, »die Grenzen unseres Glücks in jener trauten Weise zu erweitern, die mir bis dato fremd geblieben ist«. Sie bat mich, sie hierin anzuleiten, wie ich sie »in so vielen anderen Belangen des Erwachsenwerdens« angeleitet hätte.

Ich las den Zettel und ging zum Abendessen – strahlend erwartete sie mich. Vor dem Personal wechselten wir offene Blicke, beglückt, dass wir es irgendwie geschafft hatten, uns aus so misslichem Ausgangsmaterial etwas Derartiges aufzubauen.

In jener Nacht, in ihrem Bett, achtete ich darauf, mich genauso zu verhalten wie bislang: behutsam, respektvoll, rücksichtsvoll. Wir machten nicht viel – küssten uns, hielten uns –, aber versetzt Euch doch nur einmal in diesen jähen, schwelgerischen Luxus. Beide verspürten wir die aufbrandende Lust (ja, natürlich), jedoch unterfüttert von der tiefen Zuneigung, die wir ganz allmählich aufgebaut hatten: ein verlässliches, stetiges, wahrhaftes Band. Ich war als Mann nicht unerfahren – hatte eine wilde Jugend hinter mir, war oft genug (ich schäme mich dafür) durch die zwielichtige Marble Alley zur Hutschachtel geschlendert, zu dem grässlichen Wolfsbau, war schon einmal verheiratet gewesen (und es war eine gesunde Ehe) –, aber die Macht dieses Gefühls war etwas vollkommen Neues für mich.

In dem stillen Einvernehmen, dass wir in der nächsten Nacht diesen »neuen Kontinent« weiter erforschen würden, begab ich mich, gegen die Schwerkraft ankämpfend, die mich im Haus halten wollte, am Morgen in die Druckerei.

Und dieser Tag war – leider Gottes – der Tag des Balkens.

Ja, ja, was für ein Pech!

Als ich am Schreibtisch saß, kam ein Balken von der Decke herunter und traf mich genau hier. Und so mussten wir unseren Plan verschieben, bis ich genesen wäre. Auf Rat meines Arztes hütete ich –

Eine Art Kranken-Kiste, befand er – befand er, sei –

hans vollman

Das Mittel der Wahl.

roger bevins iii

Das Mittel der Wahl, genau. Danke, mein Freund.

hans vollman

Immer gern.

roger bevins iii

Da lag ich nun in meiner Kranken-Kiste im Salon und kam mir albern vor, in demselben Salon, den wir eben noch (kichernd, verstohlen, Hand in Hand) auf dem Weg in ihr Schlafzimmer durchquert hatten. Dann kam der Arzt zurück, seine Helfer trugen meine Kranken-Kiste zu seinem Kranken-Wagen, und ich begriff, dass – ich begriff, dass wir unseren Plan auf unbestimmte Zeit vertagen mussten. Was für eine Enttäuschung! Wann würden mir denn nun sämtliche Freuden des ehelichen Bettes zuteilwerden; wann würde ich ihren nackten Leib erblicken; wann würde sie sich in jenem gewissen Zustand zu mir wenden, mit hungrigem Mund und geröteten Wangen; wann endlich würde ihr Haar, mit wollüstiger Geste gelöst, um uns herabfallen?

So wie es aussah, würden wir wohl warten müssen, bis ich wieder völlig genesen wäre.

Wirklich eine ärgerliche Entwicklung.

hans vollman

Und doch lässt sich alles ertragen.

roger bevins iii

Gewiss.

Ich muss allerdings gestehen, damals war ich nicht so gestimmt.

Damals, dort auf dem Kranken-Wagen, als ich noch … ungebunden war, fand ich heraus, dass ich meine Kranken-Kiste kurzzeitig verlassen konnte, schnell hinaussausen, eine kleine Staubwolke hinter mir aufwirbeln, ich zerbrach sogar eine Vase, auf der Veranda. Aber meine Frau und dieser Arzt merkten nichts, sie waren in ein Gespräch über meine Verletzungen vertieft. Das ertrug ich nicht. Und bekam einen regelrechten Wutanfall, muss ich sagen, und brachte die Hunde zum Kläffen, indem ich durch sie hindurchfuhr und jeden einzelnen von einem Bären träumen ließ. Damals konnte ich so was! Das waren noch Zeiten! Jetzt könnte ich keinen Hund mehr von einem Bären träumen lassen, genauso wenig wie unseren stummen jungen Freund hier zum Essen einladen.

(Er wirkt jung, oder, Mr. Bevins? Bei seiner Statur? Seiner Haltung?)

Jedenfalls kehrte ich weinend in meine Kranken-Kiste zurück, mit diesem Weinen, das wir haben – habt Ihr das schon kennengelernt, junger Knabe? Wenn wir gerade erst auf diesem Kranken-Hof angekommen sind, junger Herr, und uns nach Weinen zumute wird, dann kommt es zu gewissen Vorgängen, zu einem ganz sachten Anspannen, einem leichten Vergiftungsgefühl in den Gelenken, und in uns zerplatzt hie und da irgendetwas Kleines. Manchmal kacken wir auch ein bisschen, wenn wir noch frisch sind.

Genau wie ich, da draußen auf dem Wagen an jenem Tage: Ich kackte ein bisschen, solange ich noch frisch war, in meine Kranken-Kiste, aus lauter Wut, und was hatte ich davon? Diese Kacke habe ich seitdem an mir, die ganze Zeit, und wisst Ihr, was – ich hoffe, das findet Ihr nicht ungehörig, junger Herr, oder abstoßend, ich hoffe, das belastet unsere beginnende Freundschaft nicht –, diese Kacke ist auch jetzt noch da unten in meiner Kranken-Kiste, allerdings viel trockener!

Himmel, bist du ein Kind?

Das ist er, stimmt’s?

hans vollman

Ich glaube schon. Jetzt, wo Ihr es sagt.

Da kommt er.

Schon fast völlig ausgeprägt.

roger bevins iii

Bitte um Verzeihung. Gute Güte. Als Kind in eine Kranken-Kiste gesperrt zu sein – und dann einem Erwachsenen zuhören müssen, der haarklein von einem getrockneten Stück Kacke in seiner eigenen Kranken-Kiste erzählt – das ist ja nicht gerade der, äh, ideale Weg, um seine ersten Schritte in eine ganz neue, äh –

Ein Junge. Ein Knäblein nur. Oje.

Bitte vielmals um Verzeihung.

hans vollman

II

»Weißt du«, sagte Mrs. Lincoln zu mir, »der Präsident soll jeden Winter eine Reihe Staatsbankette geben, und diese Bankette sind sehr kostspielig. Wenn ich zu drei großen Empfängen lade, kann man die Staatsbankette von der Liste streichen. Wenn es mir gelingt, Mr. Lincoln von dieser Sicht der Dinge zu überzeugen, werde ich nicht säumen und die Idee in die Tat umsetzen.«

»Ich glaube, Ihr habt recht«, sagte der Präsident. »Ihr begründet Eure Meinung gut. Wir werden über die Empfänge entscheiden müssen.«

Es wurde entschieden, und man traf Vorkehrungen für den ersten Empfang.

In: »Hinter den Kulissen oder Dreißig Jahre als Sklavin und vier Jahre im Weißen Haus«, von Elizabeth Keckley

Es gab Kritik an den Lustbarkeiten im Weißen Haus von Seiten der Sklavereigegner, viele mochten nicht teilnehmen. Der schroffe Ton von Ben Wades Absage machte die Runde. »Ist dem Präsidenten und Mrs. Lincoln bewusst, dass gerade ein Bürgerkrieg stattfindet? Mr. und Mrs. Wade jedenfalls ist es bewusst, daher schlagen sie die Einladung zu Festmahl und Tanz aus.«

In: »Reveille in Washington, 1860–1865«, von Margaret Leech

Die Kinder, Tad und Willie, erhielten ständig Geschenke. Willie hatte ein kleines Pony bekommen und war so begeistert davon, dass er unbedingt jeden Tag darauf reiten wollte. Das Wetter war wechselhaft, das ständige Draußensein führte zu einer schweren Erkältung, die alsbald hohes Fieber nach sich zog.

Keckley, ebda.

In der Nacht auf den 6., als seine Mutter sich für das Fest ankleidete, glühte Willie vor Fieber. Er bekam kaum Luft. Sein rasselnder Atem klang nach Lungenstauung, und sie hatte Angst um ihn.

In: »Zwanzig Tage«, von Dorothy Meserve Kunhardt und Philip B. Kunhardt jr.

III

Der Empfang [der Lincolns] war zwar heftig kritisiert worden, aber alle wichtigen Leute waren gekommen.

Leech, ebda.

Es war unmöglich, sich in dem Gedränge einen Überblick zu verschaffen; man trudelte durch einen veritablen Basar der Düfte, Kölnischwasser, Parfums, Fächer, Haarteile, Hüte, Grimassen und in plötzlichem Kreischen aufgerissenen Münder, schwer zu sagen, ob vor Begeisterung oder Entsetzen.

In: »All dies habe ich gesehen. Erinnerungen an eine schlimme Zeit«, von Mrs. Margaret Garrett

Alle paar Meter stand eine Vase mit exotischen Blumen aus dem Treibhaus des Präsidenten.

Kunhardt und Kunhardt, ebda.

Das diplomatische Corps gab eine fabelhafte Gruppe ab – Lord Lyons, M. Mercier, M. Stoeckl, M. von Limburg, Señor Tassara, Count Piper, Chevalier Bertinatti und alle anderen.

Leech, ebda.

Mehrstufige Lüster erleuchteten den East Room mit seinen meerschaumgrünen Teppichen.

In: »Aufstieg zur Größe«, von David Von Drehle

Im Blue Room prasselten die Sprachen nur so, und General McDowell, der in perfektem Französisch parlierte, wurde von den Europäern in den höchsten Tönen gepriesen.

Leech, ebda.

Alle Nationen, Rassen, Ränge, Altersgruppen, Größen, Umfänge, Stimmlagen, Frisuren, Haltungen und Düfte schienen vertreten zu sein: ein zum Leben erwachter Regenbogen, der sich in mannigfaltigem Zungenschlag zu Wort meldete.

Garrett, ebda.

Zu den Gästen zählten Kabinettsmitglieder, Senatoren, Abgeordnete, dekorierte Bürger und schöne Frauen aus fast jedem Staat der Union. Von den anwesenden Offizieren bekleideten nur wenige einen Rang unterhalb vom Divisionskommandeur. Die französischen Prinzen waren gekommen, ebenso Prinz Felix Salm-Salm, ein preußischer Adliger und Kavallerieoffizier, der zu General Blenkers Stab gehörte …

Leech, ebda.

… der schneidige Deutsche, Salum-Salum; die Brüder Whitney (Zwillinge und nicht voneinander zu unterscheiden, nur dass der eine die Bandschnalle eines Hauptmanns trug und der andere die eines Lieutenant); Botschafter Thorn-Tooley; Mr. & Mrs. Fessenden; der Romancier E. D. E. N. Southworth; George Francis Train und seine wunderschöne Frau (»halb so alt, doppelt so groß«, lautete ein damals populäres Bonmot).

Garrett, ebda.

Ein Klüngel gebeugter alter Männer, fast völlig verdeckt von einem riesenhaften Blumenarrangement, steckte in hitziger Debatte die Köpfe zusammen. Das waren Abernathy, Seville und Kord, die allesamt binnen einem Jahr tot sein würden. Die erschreckend großen und blassen Casten-Schwestern, in leichter Schräglage wie alabasterne Staubgefäße, die sich zum Licht strecken, hielten sich in der Nähe auf und versuchten dem Gespräch zu folgen.

In: »Die Festung der Union. Erinnerungen und Eindrücke«, von Jo Brunt

Eine Stunde vor Mitternacht führte Mrs. Lincoln am Arm des Präsidenten vor aller Augen das Defilee durch den East Room an.

Leech, ebda.

Während wir vorwärts drängten, führte ein mir unbekannter Mann einen neuen Tanz vor, den »Fröhlichen Jim«. Auf Drängen der Versammelten wiederholte er die Vorführung, unter Applaus.

Garrett, ebda.

Es gab großes Gelächter, als der Speisesaal abgeschlossen war und der verantwortliche Dienstbote den Schlüssel nicht fand. »Ich bin für eine Frontalattacke!«, schrie einer. »Nur durch den Schwachsinn von Feldherren kann der Vormarsch an die Front verzögert werden«, sagte ein anderer, eine kürzlich im Kongress gehaltene Rede parodierend.

Leech, ebda.

Dies war die undisziplinierte menschliche Gesellschaft, so ging mir durch den Kopf, die, angefeuert von ihrem dumpfen Gemeingeist, nunmehr die aufgerüstete Nation auf werweißwelche epische Kriegskatastrophe zutrieb: ein massiger, fuchtelnder Organismus mit all der Rechtschaffenheit und Weitsicht eines unerzogenen Welpen.

Aus den privaten Briefen von Albert Sloane, mit freundlicher Genehmigung der Familie Sloane

Der Krieg war nicht einmal ein Jahr alt. Wir konnten ihn noch nicht einschätzen.

In: »Eine aufregende Jugend. Heranwachsen im Bürgerkrieg«, von E. G. Frame

Als der Schlüssel endlich auftauchte und die fröhlichen Gäste hineinströmten, konnte Mrs. Lincoln auf das prächtige Festmahl stolz sein.

Leech, ebda.

Der Saal war zwölf Meter lang und neun Meter breit und so farbenfroh, dass er schon voll zu sein schien, bevor ihn jemand betreten hatte.

In: »Die Lincolns. Porträt einer Ehe«,

von Daniel Mark Epstein

Teure Weine und Spirituosen im Überfluss, und die gigantische japanische Punsch-Schale enthielt vierzig Liter Champagnerpunsch.

Leech, ebda.

Mrs. Lincoln hatte den angesehenen New Yorker Lieferanten C. Heerdt engagiert. Angeblich beliefen sich die Kosten auf über zehntausend Dollar. Kein Detail war übersehen worden; Blumengirlanden zierten die Kronleuchter, die Serviertische waren dekoriert mit rechteckig geschnittenen Spiegelstücken und darübergestreuten Rosenblättern.

Brunt, ebda.

Ein säuisches, maßloses Protzen in Zeiten des Krieges.

Sloane, ebda.

Elsa war sprachlos und drückte immer wieder meine Hand. Genau so musste in der Antike getafelt worden sein, war unser Gefühl. Wie großzügig! Und wie freundlich von unseren lieben Gastgebern!

In: »Unsere Hauptstadt in Zeiten des Krieges«, von Petersen Wickett

Im Speisesaal stand ein langer Tisch mit einer riesigen Spiegelplatte, darauf Unmengen Zuckerwerk. Am deutlichsten zu erkennen Fort Sumter, ein Kriegsschiff, ein Tempel der Freiheit, eine chinesische Pagode, ein Schweizer Chalet …

Kunhardt und Kunhardt, ebda.

… süßliche Nachbildungen eines Tempels, umgeben von der Göttin der Freiheit, chinesischen Pagoden, Füllhörnern, Brunnen mit Fontänen aus Zuckerwatte und Sternen drum herum …

In: »Mr. Lincolns Washington«, von Stanley Kimmel

Bienenkörbe voller Charlotte Russe, um die es von naturgetreuen Bienen wimmelte. Auf den Krieg verwies ein sachter Wink in Gestalt eines Helms mit wehenden Federn aus Zuckerwatte. Der guten alten US-Fregatte »Union«, vierzig Kanonen, alle Segel gesetzt, standen Cherubim im Sternenbanner zur Seite …

Leech, ebda.

Auch Fort Pickens ragte in Zucker auf einem Beistelltisch empor, umgeben von etwas Essbarerem als Geschützbänken in Gestalt eines köstlichen Hühnchens mit Beilagen …

Kimmel, ebda.

Das wallende Zuckergewand von Lady Liberty fiel wie Draperie über eine chinesische Pagode, in deren Innerem lauter winzige Schokoladenfische in einem Teich aus gesponnenem Zucker schwammen. Nahebei wedelten appetitliche Kuchenengel Bienen fort, die an hauchdünnen Tortengussfäden hingen.

Wickett, ebda.

Die Süßwaren-Metropolis, anfangs delikat und vollkommen, erlitt im Verlauf der Nacht diverse Verheerungen, einzelne Festgäste nahmen ganze Stadtviertel mit, in den Händen, in Taschen, um sie mit den Lieben daheim zu teilen. Später am Abend konnte man, als der Glastisch im Gedränge wackelte, einige der kandierten Gebäude einstürzen sehen.

Garrett, ebda.

Sie verspeisten zarten Fasan, fettes Rebhuhn, Wildsteaks und Virginia-Schinken; sie schlugen sich mit Riesentafelente und frischer Pute den Bauch voll und mit Tausenden Lagunen-Austern, die eine Stunde zuvor geöffnet und auf Eis gelegt worden waren, roh geschlürft, in Butter und geriebener Semmel überbacken oder in Milch gekocht.

Epstein, ebda.

Diese und andere Leckerbissen wurden in solchem Übermaß aufgetischt, dass selbst der kollektive Ansturm der tausend oder mehr Gäste nicht ausreichte, um das Angebot zu erschöpfen.

Kimmel, ebda.

Und doch fanden die mechanisch lächelnde Gastgeberin und ihr Gatte keine Freude an diesem Abend. Immer wieder stiegen sie die Treppe hoch, um nachzuschauen, wie es Willie ging, und es ging ihm gar nicht gut.

Kunhardt und Kunhardt, ebda.

IV

Die vollen Klänge der Marinekapelle aus den unteren Räumlichkeiten drangen als weiches, gedämpftes Gemurmel ins Krankenzimmer, wie das wilde, schwache Schluchzen weit entfernter Geister.

Keckley, ebda.

Willie lag im »Prince of Wales«-Schlafzimmer unter Wandbehängen in Dunkellila und goldenen Quasten.

Epstein, ebda.

Die Wangen in seinem hübschen runden Gesicht brannten vor Fieber. Unter der braunen Bettdecke strampelte er ruhelos mit den Füßen.

In: »Geschichte zum Greifen nah«, hrsg. von Renard Kent, Bericht von Mrs. Kate O’Brien

Das Entsetzen und die Bestürzung des Präsidentenpaares wird sich ein jeder vorstellen können, der jemals ein Kind geliebt und unter der allen Eltern gemeinen, schrecklichen Furcht gelitten hat, dass das Schicksal womöglich dieses eine Leben für gar nicht so wertvoll halten und nach Gutdünken mit ihm verfahren könnte.

In: »Ausgewählte Briefe aus dem Bürgerkrieg von Edwine Willow«, hrsg. von Constance Mays

Während die Angst ihre Herzen umklammert hielt, begaben sie sich wieder nach unten, um den Sängern des Abends, der Familie Hutchinson, zu lauschen, die das Lied »Das brennende Schiff« furchterregend realistisch vortrugen, wozu sie ein heftiges Gewitter über dem Meer ebenso nachzuahmen hatten wie die Schreckensschreie der in der Falle sitzenden Passagiere und eine Mutter, die ihr Baby an ihren schneeweißen Busen drückt, »trampelnde Meute, lautes Gebrüll – ›Feuer! Feuer!‹«

Das geht den Matrosen durch

Mark und Bein – in den Augen flackert der

Widerschein – und der Rauch quillt empor, wie

ungeheuer – das Bangen, o Gott, vor dem Tode im Feuer!

Kunhardt und Kunhardt, ebda.

Es herrschte ein solches Lärmen und Klappern, dass man schreien musste, um sich verständlich zu machen. Unablässig fuhren weitere Kutschen vor. Fenster wurden aufgerissen, und in der Hoffnung auf einen Schwall frischer Nachtluft sammelten sich davor kleine Gruppen. Fröhliche Panik erfasste den Raum. Mir wurde leicht flau, und ich glaube, da war ich nicht der Einzige. Hie und da hatten sich ältere Damen in Fauteuils fallen lassen, und betrunkene Männer starrten etwas zu durchdringend auf die Gemälde.

Garrett, ebda.

Wilde Schreie erschollen.

Sloane, ebda.

Ein Kerl stand vollkommen selig da in seiner orangen Hose und der blauen, offenstehenden Jacke und schlemmte gleich an Ort und Stelle, am Serviertisch, prachtvoll wie Ambrussi an der Heimstatt seiner Träume.

Wickett, ebda.

Die Blumenarrangements schrieben Geschichte. Turmhohe Farbexplosionen – welch Üppigkeit, nur um im Müll zu landen, unter der trüben Februarsonne zu verblassen und zu vertrocknen. Die Tierkadaver – das »Fleisch« – auf teuren Servierplatten, warm, von Kräuterzweiglein bedeckt, dampfend, saftig: weggeschafft werweißwohin, eindeutig Abfall jetzt, wieder Leichenteile, unbeschönigt, nach ihrer kurzen Erhebung in den Stand genussbringenden Essens! Die tausend Kleider, noch am Nachmittag ehrfürchtig bereitgelegt, auf der Türschwelle sorgfältig von letzten Stäubchen befreit, die Röcke gerafft für die Kutschfahrt: wo sind sie jetzt? Ist ein einziges von ihnen irgendwo im Museum ausgestellt? Gibt es noch ein paar davon, auf Dachböden aufbewahrt? Die meisten sind zu Staub zerfallen. Wie die Frauen, die sie voller Stolz in jenem flüchtigen Moment des Glanzes trugen.

In: »Das gesellschaftliche Leben im Bürgerkrieg. Faxen, Metzelei, Verwüstung« (unveröff. Manuskr.), von Melvin Carter

V

Viele Gäste behielten den wunderschönen Mond, der an diesem Abend schien, ganz besonders in Erinnerung.

In: »Ein Jahr voll Krieg und Verlust«, von Ann Brighney

In mehreren Berichten über diesen Abend wird angemerkt, wie hell der Mond strahlte.

In: »Langer Weg zum Ruhm«, von Edward Holt

Wiederkehrendes Merkmal dieser Schilderungen ist der goldene Mond, der pittoresk über der Szenerie hängt.

In: »Soirees im Weißen Haus. Eine Anthologie«, von Bernadette Evon

In jener Nacht schien kein Mond, und der Himmel war wolkenverhangen.

Wickett, ebda.

Eine fette grüne Mondsichel hing über dem Irrsinn wie ein sturer Richter, immun gegen alle menschliche Torheit.

In: »Mein Leben«, von Dolores P. Leventrop

In jener Nacht schien der Vollmond gelbrot, als reflektierte er das Flackern eines irdischen Feuers.

Sloane, ebda.

Während ich durch den Raum ging, traf ich mal an diesem, mal an jenem Fenster auf den silbernen Mondkeil, als wär’s ein alter Bettler, der gern hereingebeten würde.

Carter, ebda.

Um die Zeit, als das Abendessen serviert wurde, stand der Mond hoch und klein und blau am Himmel, immer noch hell, aber doch etwas schwächer.

In: »Eine dahingegangene Zeit« (unveröff. Memoiren), von I. B. Brigg III

Die Nacht blieb dunkel und mondlos; ein Unwetter zog auf.

In: »Jene freudvollsten Jahre«, von Albert Trundle

Der Aufbruch der Gäste setzte ein, als der gelbe Vollmond zwischen den Sternen des Morgens hing.

In: »Die Mächte Washingtons«, von D. V. Featherly

Die Wolken, von einem stumpfen rosigen Ton, hingen tief und bleischwer am Himmel, kein Mond war zu sehen. Mein Gemahl und ich hielten inne und blickten zu dem Zimmer empor, in dem der junge Lincoln siechte. Ich sprach ein stummes Gebet für die Gesundheit des armen Kerls. Wir begaben uns zu unserer Kutsche und fuhren heimwärts, wo unsere Kinder, dem gnädigen Gott sei Dank, friedlich schlummerten.

In: »Erinnerungen einer Mutter«, von Abigail Service

VI

Die letzten Gäste blieben fast bis zum Morgengrauen. Im Keller war das Personal die ganze Nacht damit beschäftigt, alles aufzuräumen, und bediente sich während der Plackerei am übrig gebliebenen Wein. Schweißgebadet, müde und betrunken fingen einige der Angestellten Streit an, was zu einer Schlägerei in der Küche ausartete.

Von Drehle, ebda.

Ich habe es mehrfach im Flüstertone gehört: Solche Lustbarkeiten waren ein Fehler, nachdem schon der Tod selbst an die Tür geklopft hatte, und vielleicht wäre ein bescheideneres öffentliches Leben zu diesem Zeitpunkt schicklicher gewesen.

In: »Gesammelte Briefe aus dem Kriege von Barbara Smith-Hill«, hrsg. v. Thomas Schofield und Edward Moran

Die Nacht verging langsam; der Morgen kam, und Willie ging es schlechter.

Keckley, ebda.

VII

Gestern gegen drei kam eine beachtliche Prozession daher – vielleicht zwanzig Kutschen und nicht genug Stellplätze – Sie hielten auf den Rasenflächen vor den Häusern und standen schief auf dem Friedhofsgelände, am Zaun – Und wer stieg da wohl aus dem Leichenwagen, Mr. L. höchstselbst, er sah seinem Konterfei erkennbar ähnlich – Aber schmerzgebeugt und traurig, zurückhaltend, fast als müsste man ihn schieben, als scheue er davor zurück, diesen düsteren Ort zu betreten – Ich hatte von dem Trauerfall noch nichts gehört & war kurz verblüfft, aber sobald die Situation geklärt war, betete ich sogleich für den Knaben & Familie – das mit seiner Krankheit hat ja viel in der Zeitung gestanden, und nun ist es unglücklich ausgegangen – Die Kutschen kamen in der nächsten Std unablässig weiter, bis kein Durchkommen mehr auf der Straße war.

Die Menschenmenge verschwand in der Kapelle, und durch mein offenes Fenster konnte ich hören, was drinnen vor sich ging: Musik, eine Predigt, Weinen. Dann zerstreute sich die Versammlung & die Kutschen zogen ab, wobei einige sich festfuhren & flottgemacht werden mussten, die Straßen & Rasenflächen waren danach übel zugerichtet.

Dann kam heute, wieder so ein nasskalter Tag, gegen zwei eine einzelne kleine Kutsche an & hielt am Friedhofstor & wieder stieg der Präsident aus, diesmal von drei Herren begleitet: einem jungen & zwei ALTEN – sie wurden am Tor von Mr. Weston & seinem jungen Assistenten begrüßt & alle gingen in die Kapelle.

Nicht lange, und eine Hilfskraft kam dazu, und man sah sie und den Assistenten, wie sie einen kleinen Sarg auf einen Handwagen bugsierten & dann zog das traurige Grüppchen los, Karren voraus, Präsident & Begleitung stapften hinterdrein – ihr Ziel schien in der nordwestlichen Ecke des Friedhofs zu liegen. Da der Hügel dort steil war und der Regen nicht aufhören wollte, fügten sich düstere Melancholie & lustiges Ungeschick aufs Kurioseste zusammen, die Helfer hatten ihre Mühe, den kleinen Sarg auf dem Karren zu halten – & gleichzeitig tänzelten auch alle anderen, selbst Mr. L., eifrig herum, um nicht im regennassen Grase auszurutschen.

Jedenfalls wird wohl der arme Lincoln-Junge für immer da drüben auf der anderen Straßenseite bleiben, anders als es in den Zeitungen stand, wo vermutet wurde, er kehre unverzüglich nach Illinois zurück. Sie haben einen Platz in der Gruft von Richter Carroll angemietet & stell dir mal vor, Andrew, was für ein Schmerz, wenn du deinen Augenstern in dieses kalte Gemäuer wirfst wie einen verreckten Vogel & weiter geht’s.

Still heute Abend & selbst der Bach scheint leiser vorbeizumurmeln als sonst, teurer Bruder. Gerade kam der Mond heraus & beschien die Steine auf dem Friedhof – einen Moment lang sah es aus, als hätten Engel aller Größen und Gestalten das Gelände überrannt: dicke Engel, Engel in Hundegröße, Engel auf Pferden usw.

Ich habe mich daran gewöhnt, dass mir diese Toten Gesellschaft leisten, da drüben in ihrer Erde & den Steinkalten Häusern, sie sind angenehme Gefährten.

In: »Washington zu Kriegszeiten. Die Bürgerkriegsbriefe der Isabelle Perkins«, zusammengestellt und herausgegeben von Nash Perkins III; Eintrag vom 25. Februar 1862

VIII

Also ließ der Präsident seinen Jungen in einem gemieteten Grab liegen und kehrte zurück an seine Arbeit für das Land.

In: »Lincoln. Eine Geschichte für Jungs«, von Maxwell Flagg

Nichts konnte friedlicher oder schöner sein als die Lage dieses Grabes, der zufällige Friedhofsbesucher hätte es unmöglich entdecken können, da es das allerletzte Grab links war, ganz oben auf einem Hügel, der am äußersten Ende des Geländes fast senkrecht zum Rock Creek dahinter abfiel. Das schnell fließende Wasser rauschte lieblich, und die Waldbäume reckten sich kahl und stark dem Himmel entgegen.

Kunhardt und Kunhardt, ebda.

IX

Schon früh in meiner Jugend habe ich eine gewisse Vorliebe bei mir festgestellt, die mir ganz natürlich, ja wunderbar vorkam, anderen aber – Vater, Mutter, Brüdern, Freunden, Lehrern, Kirchenmännern, Großeltern – erschien sie ganz und gar nicht natürlich oder wunderbar, sondern pervers und schändlich, und das setzte mir zu: Sollte ich meine Vorliebe verleugnen und heiraten und mich zu einem sicheren, sagen wir, Aushungern der Erfüllung verdammen? Ich wollte gern glücklich sein (so wie alle Menschen, denke ich), und so begann ich eine unschuldige – nun ja, eine ziemlich unschuldige – Freundschaft mit einem Burschen von meiner Schule. Doch bald erkannten wir, dass es für uns keine Hoffnung gab, und daher nahm ich an einem bestimmten Nachmittag (übergehen wir einige Einzelheiten und das Holpern und Stocken und die Neuanläufe und die tiefempfundenen Vorsätze und den Verrat dieser Vorsätze in, da, einer Ecke des, äh, Kutschenhauses und so weiter), ungefähr einen Tag nachdem Gilbert bei einem besonders offenen Gespräch verkündet hatte, er wolle von nun an »anständig leben«, nahm ich also ein Fleischermesser mit auf mein Zimmer, schrieb einen Brief an meine Eltern (Motto: Es tut mir leid) und einen an Gilbert (Ich habe geliebt und kann nun erfüllt abtreten) und schlitzte mir ziemlich grob über einem Porzellanbottich die Handgelenke auf.

Da mir angesichts der Menge Blut und seiner jäh prasselnden Röte auf dem weißen Porzellan schlecht wurde, ließ ich mich benommen am Boden nieder, was auch der Moment war, da ich – hach, das ist jetzt ein bisschen peinlich, aber ich sag es trotzdem: Ich überlegte es mir anders. Erst jetzt (wo ich schon fast durch die Tür war, sozusagen) wurde mir klar, wie unsagbar schön alles war, wie akkurat zu unserem Vergnügen eingerichtet, ich begriff, dass ich kurz davorstand, ein wundersames Geschenk zu verschleudern, das Geschenk, jeden Tag von neuem durch dieses riesige, sinnenfrohe Paradies zu schlendern, über diesen großen Marktplatz, der liebevoll jegliche Köstlichkeit darbot: Insektenschwärme, die durch die schrägen Strahlen der Augustsonne tanzen; ein Trio schwarzer Pferde, die Kopf an Kopf haxentief in einem Schneefeld stehen; ein duftender Schwaden Rindsbrühe auf den Schwingen der Brise aus einem orange getönten Fenster an einem kühlen Herbst –

roger bevins iii

Mein Herr. Freund.

hans vollman

Mach ich – mach ich’s grad wieder?

roger bevins iii

Und wie.

Holt tief Luft. Alles ist gut.

Ihr verstört unseren Neuankömmling gerade etwas, fürchte ich.

hans vollman

Bitte vielmals um Verzeihung, junger Herr. Ich wollte Euch nur, auf meine Weise, willkommen heißen.

roger bevins iii

Da Euch also »angesichts der Menge Blut schlecht wurde«, ließet Ihr Euch »benommen am Boden nieder« und überlegtet es Euch »anders«.

hans vollman

Genau.

Da mir angesichts der Menge Blut und seiner jäh prasselnden Röte auf dem weißen Porzellan schlecht wurde, ließ ich mich benommen am Boden nieder. Das war der Moment, als ich es mir anders überlegte.

Meine einzige Hoffnung bestand darin, von einem der Dienstboten gefunden zu werden, das wusste ich, also taumelte ich zur Treppe und stürzte mich hinunter. Von dort schaffte ich es, in die Küche zu kriechen –

Und da bleibe ich liegen.

Ich warte darauf, gefunden zu werden (am Boden zur Ruhe gekommen, Kopf beim Ofen, umgekippter Stuhl neben mir, ein Stück Orangenschale an meiner Wange), auf dass man mich wiederbelebe und ich auferstehen könne, um den furchtbaren Schlamassel aufzuräumen, den ich angerichtet habe (das wird Mutter gar nicht gefallen), und dann hinauszugehen in diese wunderschöne Welt, als neuer, mutigerer Mann, und endlich zu leben! Werde ich meiner Vorliebe nachgehen? Und ob! Und wie! Ich war nahe dran, alles zu verlieren, und deshalb bin ich jetzt frei von aller Angst, Zögerlichkeit und Scheu. Wenn ich erst wiederbelebt bin, werde ich andächtig auf Erden wandeln und dabei aufsaugen, riechen, kosten, lieben, wen ich möchte; berühren, probieren, ganz still stehen inmitten aller Schönheiten dieser Welt, wie zum Beispiel: ein schlafender, traumstrampelnder Hund im dreieckigen Baumschatten; eine Zuckerpyramide auf einem schwarzhölzernen Tisch, Kristall um Kristall von einem unmerklichen Lufthauch umgestaltet; eine ziehende Wolke, wie ein Schiff über einer grünen Hügelkuppe, wo bunte Hemden ungestüm an einer Wäscheleine im Wind tanzen, während sich unten in der Stadt ein blauvioletter Tag entfaltet (die leibhaftige Muse des Frühlings), wo jeder feuchtgrasige, blütenbesteckte Garten dem absoluten Irrsinn verfällt vor lauter –

roger bevins iii

Freund.

Bevins.

hans vollman

»Bevins« hatte mehrere Augenpaare  Die alle hin und her zuckten  Mehrere Nasen  Seine Hände (er hatte auch mehrere Paar Hände, oder seine Hände waren so flink, dass es viele zu sein schienen) fuchtelten nach hier und nach dort, ergriffen irgendetwas und hoben es empor zu seinem Gesicht und dessen sehr neugieriger

Bisschen gruselig

Während er seine Geschichte erzählte, waren ihm so viele zusätzliche Augen und Nasen und Hände gewachsen, dass sein Körper fast darunter verschwand  Augen wie Traubenbüschel  Hände, die die Augen betasteten  Nasen, die an den Händen schnüffelten

Beide Handgelenke aufgeschlitzt.

willie lincoln

Der Neuankömmling saß auf dem Dach seines Kranken-Häuschens und starrte verblüfft auf Mr. Bevins hinunter.

hans vollman

Und lugte ab und zu erstaunt zu Euch, mein Herr. Zu Eurem beachtlichen –

roger bevins iii

Ach, kommt, jetzt müssen wir doch nicht vertiefen, dass –

hans vollman

Der andere Mann (vom Balken erschlagen)  Ganz schön nackt  Glied angeschwollen auf die Größe von  Konnte gar nicht woandershin gucken

Hüpfte auf und nieder während er

Körper wie ein Knödel  Breite flache Nase wie von einem Schaf

Wirklich ganz schön nackt

Schlimmes Loch im Kopf  Wie kann er bloß herumlaufen und reden wenn er so einen schlimmen –

willie lincoln

Sodann gesellte sich der Reverend Everly Thomas zu uns.

hans vollman

Der herbeieilte, wie er immer herbeieilt, hektisch humpelnd, mit hochgezogenen Augenbrauen und in alle Richtungen abstehendem Haar, panische Blicke über die Schulter werfend, den Mund zu einem perfekten O des Entsetzens geformt. Und doch sprach er, wie er immer spricht, absolut ruhig und vernünftig.

roger bevins iii

Ein Neuling?, fragte der Reverend.

Ich glaube, wir haben die Ehre, einen jungen Herrn der Familie Carroll begrüßen zu dürfen, sagte Mr. Bevins.

Der Knabe sah uns nur verständnislos an.

hans vollman

Der Neuling war ein Junge von vielleicht zehn oder elf Jahren. Ein hübscher Knabe, der blinzelte und sich vorsichtig umsah.

reverend everly thomas

Wie ein Fisch, der angespült wurde und nun reglos und wachsam daliegt, wohl wissend, wie verletzlich er ist.

hans vollman

Erinnerte mich an einen Neffen, der einmal auf dem zugefrorenen Fluss durchs Eis gebrochen und völlig durchgefroren nach Hause gekommen war. Aus Angst vor der Bestrafung wagte er nicht einzutreten; er lehnte an der Tür, auf der Suche nach dem geringsten bisschen Wärme, betäubt, schuldbewusst, vor Kälte fast fühllos, so fand ich ihn vor.

roger bevins iii

Sicher hast du das Gefühl, dass es dich irgendwo hinzieht?, fragte Mr. Vollman. Einen Drang? An irgendeinen Ort? Zu gehen? Wo es angenehmer ist?

Ich habe das Gefühl, dass ich warten soll, sagte der Junge.

Es kann sprechen!, sagte Mr. Bevins.

reverend everly thomas

Warten? Worauf?, sagte Mr. Knödelschaf.

Meine Mutter, sagte ich. Meinen Vater. Sie kommen bald. Um mich abzuholen  Mr. Knödelschaf schüttelte betrübt den Kopf  Sein Glied schüttelte sich betrübt mit

Vielleicht kommen sie, sagte der vieläugige Mann. Aber dass sie dich abholen, bezweifle ich.

Dann lachten sie alle drei  Die vielen Hände des vieläugigen Mannes klatschten dazu  Und das geschwollene Glied von Mr. Knödelschaf wedelte  Sogar der Reverend lachte   Obwohl, sogar lachend sah er noch verschreckt aus

Jedenfalls werden sie nicht lange bleiben, sagte Mr. Knödelschaf.

Und sich die ganze Zeit woandershin wünschen, sagte der vieläugige Mann.

Nur ans Mittagessen denken, sagte der Reverend.

Bald wird es Frühling  Die Weihnachtsspielzeuge, mit denen ich kaum gespielt habe  Mein Glassoldat mit dem drehbaren Kopf  Und den auswechselbaren Epauletten  Bald blühen die Blumen  Lawrence vom Gartenschuppen wird jedem von uns eine Tasse Blumensamen geben

Ich soll warten  sagte ich

willie lincoln

X

Ich warf Mr. Bevins einen Blick zu.

hans vollman

Die Jungen sollten nicht verweilen.

roger bevins iii

Matthison, Neun Jahre alt? Verweilte nicht mal eine halbe Stunde. Und löste sich dann mit einem kleinen furzartigen Knall auf. Dwyer, 6 J. & 3 Mon.? Lag bei seiner Ankunft nicht in der Kranken-Kiste. Hatte sie offenbar schon unterwegs geräumt. Sullivan, Kleinkind, verweilte zwölf oder dreizehn Minuten, ein krabbelnder kreischender Ball, geformt aus dem Licht der Vergeblichkeit. Russo, Fortgerissen in ihrem sechsten Jahr & Augenstern ihrer Mutter? Verweilte bloße vier Minuten. In denen sie hinter jedem Stein suchte. »Ich stelle Nachforschungen über mein Schulbuch an.«

hans vollman

Arme Kleine.

reverend everly thomas

Die Evans-Zwillinge, Verließen gemeinsam dieses Jammertal mit 15 Jahren, 8 Monaten, verweilten neun Minuten und gingen dann im exakt selben Augenblick (Zwillinge bis zum Schluss). Percival Strout, Siebzehn Jahre alt, verweilte vierzig Minuten. Sally Burgess, 12 Jahre & Von allen geliebt, verweilte siebzehn Minuten.

hans vollman

Belinda French, Säugling. Wisst Ihr noch?

roger bevins iii

Nicht größer als ein Laib Brot, lag einfach da, gab ein mattes weißes Licht von sich und dieses schrille Wehklagen.

reverend everly thomas

Siebenundfünfzig geschlagene Minuten lang.

hans vollman

Lange nachdem ihre Mutter Amanda French, Verschieden, als sie ein holdes & doch unglückliches Kindlein zur Welt gebracht, dahingegangen war.

roger bevins iii

Sie lagen zusammen in einer Kranken-Kiste.

hans vollman

Ein zutiefst berührender Anblick.

reverend everly thomas

Aber mit der Zeit ging auch sie.

roger bevins iii

Wie es die Jungen tun sollten.

reverend everly thomas

Wie es die meisten ganz natürlich tun.

roger bevins iii

Sonst.

reverend everly thomas

Man stelle sich also unsere Überraschung vor, als wir etwa eine Stunde später im Vorüberkommen den Knaben immer noch auf dem Dach vorfanden, wo er sich erwartungsvoll umschaute, als harrte er einer Kutsche, die vorfahren und ihn flugs fortbringen würde.

hans vollman

Und, Verzeihung, wenn ich das so sage – aber der typische Gestank nach wilden Zwiebeln, den die Jungen verströmen, wenn sie verweilen? War schon ganz schön stark.

roger bevins iii

Etwas musste geschehen.

reverend everly thomas

XI

Geh ein Stück mit uns, Junge, sagte Mr. Knödelschaf. Wir möchten dich gern jemandem vorstellen.

Kannst du gehen?, fragte der vieläugige Mann.

Ich merkte, dass ich es konnte

Gehen konnte  Schweben konnte  Sogar gehschweben konnte

Ein Stückchen Gehschweben konnte ich prima  Irgendwas lag ungefügig unter uns, in einer Kiste in dem Häuschen da

Ungefügig  lag

Darf ich mal was sagen?

Es hatte das Gesicht von einem Wurm

Ein Wurm, also wirklich!  Ein Wurm von der Größe eines Jungen  Der meinen Anzug anhatte

Schrecklich.

willie lincoln

Der Knabe schien meine Hand nehmen zu wollen, überlegte es sich dann aber anders, vielleicht sollte ich ihn nicht für ein kleines Kind halten.

hans vollman

Und wir setzten uns in Bewegung, gen Osten.

roger bevins iii

XII

Halloh, guetige Herren. Wenn Ihr es wuenscht, kann ich Euch einige Bluhmen des Waldes benamsen?