Kristine - Helene Böhlau - ebook

Kristine ebook

Helene Böhlau

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Opis

Ein Frauenroman, auch bekannt unter dem Titel der Erstausgabe "Das Recht der Mutter".

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Kristine

Helene Böhlau

Inhalt:

Helene Böhlau – Biografie und Bibliografie

Erstes Buch

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Zweites Buch

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Drittes Buch

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Viertes Buch

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Anhang - Das Hohelied Sulamith

Erster Gesang - Sulamiths Sehnsucht

Zweiter Gesang - Sulamiths Inniggeliebter

Dritter Gesang - Sulamiths Leid

Vierter Gesang - Sulamith und Salomo

Fünfter Gesang - Sulamiths Sieg

Kristine, H. Böhlau

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849605636

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Helene Böhlau – Biografie und Bibliografie

Nach ihrer Heirat mit Namen Al Raschid Bey. Deutsche Schriftstellerin, geboren am 22. November 1859 in Weimar, verstorben am 26. März 1940 in Augsburg. Tochter des bekannten Verlagsbuchhändlers Hermann Böhlau in Weimar. Obwohl wegen langer, dauernder Kränklichkeit dem Schulbesuch entzogen, erhielt sie eine äußerst sorgfältige Bildung und Erziehung. Die lebensvollen Erzählungen ihrer Großmutter aus der Goethe-Zeit, »der goldenen Tage von Weimar«, sowie die freundliche Teilnahme, welche Walther von Goethe und Friedrich Preller ihr widmeten, verklärten die Mädchenträume ihrer Kindheit und erfüllten ihre Seele mit Taten. Sie machte Reisen in Deutschland und Italien und vermochte erst durch ihre Erfolge die widerstrebenden Eltern mit ihrem frühzeitig hervortretenden Hang zur Schriftstellerei auszusöhnen. Sie genoss das große Glück, in ihrem späteren Gatten einen Freund und Lehrer zu finden, dem sie die Entwickelung ihrer künstlerischen Lebensauffassung dankt. Sie selbst nennt den tiefsten Charakterzug ihrer Seele, »Sonnensehnsucht«. Die Sonne leuchtete ihr Jahre an ihres Gatten Seite, am Marmarameer in Konstantinopel.

Wichtige Werke:

· Der schöne Valentin, Die alten Leutchen, Zwei Novellen, 1886

· Reines Herzens schuldig, Roman, 1888

· Herzenswahn, Roman, 1888

· Rathsmädelgeschichten, 1888

· In frischem Wasser, Roman, 2 Bde, 1891

· Der Rangierbahnhof, Roman, 1896

· Das Recht der Mutter, Roman, 1896

· Im alten Rödchen bei Weimar, Das ehrbußliche Weibchen, Zwei Novellen, 1897

· Die verspielten Leute, Des Zuckerbäckerlehrlings Johannisnacht, Zwei Novellen, 1897

· Verspielte Leute, Roman, 1898

· Schlimme Flitterwochen, Novellen, 1898

· Glory, Glory Hallelujah, Roman, 1898

· Das Brüller Lager, Roman, 1898

· Halbtier! Roman, 1899

· Philister über dir! Schauspiel, 1900

· Sommerseele, Muttersehnsucht, Zwei Novellen, 1904

· Die Ratsmädchen laufen einem Herzog in die Arme, 1905

· Das Haus zur Flamm, Roman, 1907

· Isebies, Roman, 1911

· Gudrun, 1913

· Der gewürzige Hund, Roman, 1916

· Ein dummer Streich, 1919

· Im Garten der Frau Maria Strom, Roman, 1922

· Die leichtsinnige Eheliebste,Roman, 1925

· Die kleine Goethemutter, Roman, 1928

· Kristine, Roman, 1929

· Böse Flitterwochen, Roman, 1929

· Eine zärtliche Seele, Roman, 1930

· Föhn, Roman, 1931

· Die drei Herrinnen, Roman, 1937

· Goldvogel, Erzählungen, 1939

Erstes Buch

Erstes Kapitel

Noch als grüner Bursche schrieb Ker, das heißt der Student Dmitri Alexándrowitsch Ker-Asowsky in sein Tagebuch:

St. Petersburg, den 2./14. April.    

Ich setze keinen Fuß mehr in die Universität. Was bekomme ich dort zu hören? Es ist wahrlich nicht des Hingehens wert. Tag für Tag entsetzlich wichtige Mienen, aber die Weisheit der Herren fließt tropfenweise. Tagtäglich ein sparsam zugemessenes Tröpfchen, da, wo ich in vollen Zügen trinken möchte. Und wie sie vortragen! wie sie vortragen! Semester für Semester immer dieselben Witze an derselben Stelle, die älteren Studenten kennen die Witze alle im voraus. Man denkt unwillkürlich: morgen kommt es! ja morgen! immer derselbe Quatsch. Und das nennen die Herren Philosophie! Entweder wissen sie nichts mehr zu sagen, oder sie wagen es nicht. Das ist nur bei uns in Rußland möglich. Dazu der ewige Winter, wir haben April. In Deutschland ist es voller Frühling.

Was soll ich hier?

Ich gehe nach Deutschland.

Wenn es mir einmal bestimmt war, über diesen Planeten als Mensch zu wandern, so will ich es nicht getan haben, ohne das Höchste kennenzulernen, was die Erde uns Menschen bietet.

Wanderer sind wir alle; ich will sehend wandern.

11./23. April.    

Mein lieber Schwager und Vormund Sztipann Sztipannowitsch ist ganz einverstanden. Er hat sehr liebenswürdig zugestimmt, hat sofort die nötigen Mittel angewiesen und hat mich lächelnd ermahnt, nicht gar zu sparsam zu sein, und das würde ja wohl die paar Monate bis zu meiner Mündigkeitserklärung reichen; dann könnte ich ja über das Ganze selbst verfügen.

Ich weiß nicht, was ich gegen ihn habe. Er ist immer liebenswürdig und höflich gegen mich, aber ich mag ihn nicht. Man sagt ihm nach, daß er die Bauern schinde. Auch mein Bruder, der General im Kaukasus, ist, solang ich denken kann, mit ihm verzankt.

Meine Schwester Anna Alexándrowna umarmte und küßte mich und konnte sich nicht enthalten zu sagen: »Papa war sehr liebenswürdig gegen dich, obgleich du doch von seiner dritten Frau bist, und kein Mensch dachte daran, daß er sich noch einmal verheiraten würde. Freifräulein von Lützerode-Stefanitz, Stiftsdame aus Waitzenbach ober Hammelburg bei Schweinfurt . . . reichsunmittelbar . . . und allen regierenden Häusern ebenbürtig! Warum hat sie denn nicht einen deutschen König geheiratet, statt unseren armen Papa?«

Aber, liebe Anna, sage ich, das scheint mir doch ganz und gar Papas Sache gewesen zu sein.

»Nun natürlich! Warum bist du denn gleich so empfindlich? Wie ein echter Deutscher; du hast ja eine deutsche Mama und eine deutsche Kindermuhme gehabt. Alles deutsch. Unser armer Papa. Ich sage ja gar nichts, und du bist ja selbst bald mündig. Aber du weißt doch, daß deine Mama gar nichts gehabt hat, nur Diplome, Diplome, Diplome – ich glaube auch gar Gouvernantendiplome. Geh doch lieber nach Paris. Ein junger Mann muß austoben. Aber wie du willst. Wenn du durchaus studieren willst, nun gut, so geh nach Jena oder wie es heißt, und studiere. Offizier willst du ja nicht werden. Adieu, mein lieber Junge! Du kannst dort tun, was du willst, nur bitte, trinke kein Bier – das ist so, wie soll ich sagen – unfein. Man kriegt so eine deutsche Gestalt – so dick. Man hat mir gesagt, alle Deutschen sehen aus wie Kartoffeln. Sie laufen alle herum ohne Taille, wie Billardkugeln. Adieu, mein lieber Dmitri! und kauf' dir ein hübsches Reitpferd. Ich weiß gar nicht, ob es in Deutschland hübsche Pferde gibt, alles Bierfaß!«

Was für frische lebendige Kinder sind doch meine Nichten und Neffen: Daascha, Szaascha, Maascha, Paascha, Jaascha! Sie klettern alle an mir herum. Alle in russischen, weißseidenen Hemden, roten Hosen und roten Gürteln. Jede will etwas haben, ich soll jeder was mitbringen, die Älteste will durchaus noch ein Brüderchen. »Ja, hast du denn noch nicht genug?« »Nein«, sagt sie, »die hauen mich alle.« »So? und da willst du wohl einen haben, den du hauen kannst?« »Ja«, antwortet sie und lacht.

Ich nehme niemand von den Leuten mit, ich gehe ganz allein.

An Bord der »Schönen Luise«.

14./26. April.    

Es ist das erste Schiff, das abgeht. Aber trotz aller Unbequemlichkeiten ist es mir hier lieber als im Waggon. Die Newa ist zwar seit einigen Tagen eisfrei, aber wir haben noch vollen Winter. Alles weiß.

Schöne Geschichten mit Jermák, dem Kutscher!

Sollte er recht haben mit Sztipann Sztipannowitsch? Es wird nicht so schlimm werden!

Auf dem Weg vom Gut hierher lag ich behaglich verwahrt und halb träumend im Schlitten und blinzelte durch die bereiften Augenwimpern, bald nach dem dampfenden Dreigespann, bald rechts und links ins lustige Schneegestöber und dachte an den Frühling in Deutschland.

»Baarin, Herr!« begann der Kutscher.

»Nun?«

»He, du Schimmel, munter, munter!«

»Was willst du?«

»Du gehst ins Ausland, Herr, nicht? Nach Germanien, in das Land, wo sie nicht Russisch sprechen?«

»Freilich, was weiter?«

»He, du Strauchdieb, glaubst wohl, man kennt dich nicht!« und er hieb auf das Handpferd ein.

»Laß nur gut sein, laß sie verschnaufen.«

»Das weiß ich besser, Herr. Der Schimmel da ist ein Gauner, ein Hebräer, eine Hundeseele, blinzelt immer zurück, ob ich vielleicht einmal einnicke. Wartet nur, Brüderchen, ich kenn' euch alle!« Und er hieb von neuem auf die Pferde ein, so daß wir pfeilschnell über die frische Schneebahn hinflogen.

»Geradeso habe ich deine Schwester gefahren, Herr.«

»Wen, sagst du?«

»Je nun, deine älteste Schwester Jekatirina Alexándrowna. Es ist freilich lange her, und ich war noch ein rüstiger Kerl. Du wirst nichts davon wissen, Herr, denn du warst ja kaum auf der Welt. Herrgott, Herrgott, wie die Zeit vergeht! Jekatirina Alexándrowna! – Wo mag sie jetzt sein? Glaub' mir, Herr, das war ein herrliches Mädchen. Eine Schönheit, Herr, glaub' mir, ein Engelsangesicht. Sie hat mir einen Pelz geschenkt, der Pope könnte auf solch einen Pelz stolz sein – und ich Hund, ich habe ihn versoffen.«

»Was erzählst du da für Geschichten? Schweig doch lieber.«

»Wahrheit, Herr!«

»Deine Schwester ging auch ins Ausland wie du, Herr, und hatte ein Bübchen mit, ein Püppchen – so klein – ich sage dir, nicht größer als meine Fausthandschuhe – und ein Gesichtchen! wie von Wachs, das reine Wachs, und das quäkte so jämmerlich – ich habe laut weinen müssen, wie ich deine Schwester fuhr. – – Wir sind nämlich heimlich ausgerissen, mußt du wissen, Herr. In der Nacht. Und dein Bruder hat mich hinterher gehörig prügeln lassen. Ach du lieber Gott, was tun Prügel? Nichts, rein gar nichts. Jekatirina Alexándrowna war fort. Sie hatte es mir befohlen, sie nach Petersburg zu fahren, zum Schiff. Warum ist sie denn nicht wiedergekommen? – Sag' mal, Herr, kennst du deine Schwester Jekatirina Alexándrowna?«

Es war mir höchst peinlich, den Alten so reden zu hören. Er sprach mit bäurischer Offenheit von einer Schmach in unserer Familie. Ich erinnere mich: Ich hatte als Knabe auf dem Boden des Schlosses ein Pastellbild aufgestöbert – ein junges Mädchen in Bauerntracht – verstaubt, mit gebrochenem Rahmen und zersplittertem Glas, unter einem Haufen Gerümpel halb vergraben. Als ich es aber triumphierend der Schwester Anna brachte, befahl sie mir, es augenblicklich wieder dahin zu schaffen, wo ich's herhätte. Aber ich ließ das Bild nicht aus den Augen und erfuhr von den Dienstleuten, daß es meine älteste Schwester sei, Jekatirina, daß sie verstoßen sei, und daß sie in Deutschland wohne. Sie sei dort noch weiter gefallen, hieß es und hätte unter ihrem Stande, einen Herrn Müller geheiratet, worauf sie dann abgefunden worden sei. Was bei uns mit peinlichstem Zartgefühl auch nur mit einer Silbe anzudeuten vermieden wurde – so lange Jahre, wovon ich selbst soviel wie gar nichts wußte, das erfrechte sich der Alte geradeaus mir ins Gesicht zu erzählen. Ich ahnte längst, daß sich an den Namen der ältesten Schwester eine schwere Schmach unserer Familie knüpfte. Jetzt, als ich die Bestätigung aus dem Munde des Alten hörte, durchfuhr es mich wie ein Schlag, und ich rief ihm voll tiefen Verdrusses zu:

»Halt's Maul, Alter!«

Der Alte schwieg – wir flogen nur so über die schneeige Fläche –, dann nach einer Weile zügelte er die Pferde, ließ sie im Schritt verschnaufen, setzte sich bequem zurecht und wandte mir sein bärtiges, weißbereiftes Gesicht zu.

»Sieh mal hin, Herr, dort geht ein Jude.«

Der Jude, ein riesiger Kerl mit buschigen Brauen, zog die Mütze und grüßte demütig. Der Alte schmunzelte über das ganze Gesicht, fuhr mit der Hand herunter, holte die Ecke seines Kaftans hervor, formte in aller Geschwindigkeit aus dem Zipfel ein Ding, das ein Schweinsohr darstellen sollte, und fuchtelte damit gegen den Juden.

»Hebräer!« schrie er, »he Schweinsohr, Schweinsohr, Schweinsohr!« und lenkte die Pferde so plötzlich zur Seite, daß der Jude mit einem jähen Satz vom Wege in den tiefen Schnee ausweichen mußte.

»Laß doch deine Possen«, rief ich dem Alten zu.

»Was willst du, Herr?« entgegnete er gelassen, »ich hab' es immer so gehalten, es war ja ein Jude! Hast du gesehen, Herr, wie er springen mußte? – Wie ein Hase!«

Nach geraumer Weile sprach er weiter:

»So was wäre gewiß nicht bei den Juden geschehen. – Glaubst du nicht, Herr?«

»Was denn?«

»Gewißlich nicht, das sind andere Leute, diese Juden!«

»Was willst du denn mit deinen Juden?«

»Andere Leute als wir. Alle ordentlich, keine Säufer. Und hängen wie Kletten aneinander, und einer verläßt den andern nicht, und verlassen auch ihre Kinder nicht. – Ja, andere Leute als wir.«

»Seit wann lobst du denn die Juden?«

»Alles, was recht ist, Herr. Ich bin ein rechtgläubiger Christ und hab' alle Sonntag meinen Juden verhauen. Ich hab' immer welche erwischt. Jetzt tun es die jungen Burschen, und mein Sohn ist auch dabei. Und der ist doch auch kein Jüngling mehr, und dann werden es meine Enkel tun. Und das muß auch so sein, denn die Juden haben den Erlöser gekreuzigt. – Und meinen Sohn hat doch deine Schwester Jekatirina Alexándrowna aus der Taufe gehoben, und war doch selbst noch ein halbes Kind. Das weißt du doch, gnädiger Herr?«

Ich ließ den Alten schwatzen, er war ja doch nicht zu halten.

»Du lieber Gott, das ist schon lange her, wer will denn das genau wissen, aber dreißig Jahre sind es her. Wie gesagt, Herr, deine Schwester war selbst noch ein halbes Kind, aber klug war sie und schön, wahrhaft ein wahres Engelsangesicht. Und was sie sagte, das blieb gesagt, und was sie tat, das war getan. Sie konnte alles. Du hättest sie nur sehen sollen, wie sie solch ein Dreigespann meisterte! Wie nichts! Und es hatte sie doch niemand gelehrt. Es war ein richtig russisches Kind! Immer lustig und guter Dinge, lachte und sang den ganzen Tag.

So gingen die Jahre hin – auch du wirst es erleben, Dmitri Alexándrowitsch!

Da kam eines Frühjahrs zu Ostern solch ein Petersburger Fant, schnauzbärtig und ein Krauskopf, auch nicht ganz jung, der malte alle die Herrschaften, der malte überhaupt alles, den ganzen Tag, und schrieb alle Häuser und Bäume ab. Nur Heiligenbilder konnte er nicht malen, denn er war ein Jude, so wahr Gott lebt, ein Jude, oder ein Deutscher, oder ein Katholik. Nun hättest du aber die Herrin sehen sollen, die war gleich ganz weg von ihm, und lasen den ganzen Tag, oder malten und ritten, und Jekatirina Alexándrowna war wie umgewandelt, hing an seinem Munde, und allerlei Dummheiten brachte er ihr bei. Sie mußte rings in die Dörfer und mußte die Bauern lesen lehren und Tag und Nacht zu armen Kranken laufen und derlei mehr! Als ob sich das für eine Herrschaft schickte.

Und als er fortging, Herr, da war unsere Jekatirina Alexándrowna wie zusammengebrochen . . . wie hin, das war ein Jammer: Wenn ich spät abends aus der Schenke kam und alles war schon totenstill, da stand meine Herrin am offenen Fenster und weinte und schluchzte, daß mir das Herz im Leibe zerreißen wollte. Oder sie schlich am Wasser auf und ab. Da hab' ich sie nach Hause gebracht und hab' so manche Nacht wie ein Hund vor ihrem Fenster auf bloßer Erde geschlafen.

. . . Na, es kam der Winter und verging . . . Jekatirina Alexándrowna war nach Petersburg gegangen. – So, gegen das Frühjahr – wie heute – kam sie aufs Gut zurück und brachte ein Kindchen mit und sagte, es wäre nicht ihr's, und wollte so friedlich weiterleben, als ob gar nichts geschehen wäre. Ja, wenn dein Vater gelebt hätte, der würde das Kindchen wohl aufgenommen haben, den aber hatten sie gerade in den Sarg gelegt und ihn der Erde und der Auferstehung übergeben. Du, Dmitri Alexándrowitsch, hättest auch nicht geduldet, daß deiner leiblichen Schwester Unrecht geschehe. – Aber du warst selbst kaum geboren, warst selbst noch ein zartes Kind, sechs Wochen alt und noch bei der Amme und der deutschen Kindermuhme. Unerforschliche Wege Gottes! – deine Brüder verstießen die Schwester und sagten sich von ihr los; und es war kein Mitleid bei ihnen zu finden.

Da sind wir denn in der Nacht fort; gerade wie ich dich heute fahre, Herr, so hab' ich deine Schwester und das Kindlein gefahren. Die wollte auch ins Ausland grad' wie du. Da hab' ich ihr zugeredet und gesagt: Jekatirina Alexándrowna, gehe nicht von uns. – ›Ich will fort, dahin, wo bessere Menschen sind.‹ – Gehe nicht, mein Töchterchen, gehe nicht! – ›Ich kann ja nicht anders, Jermák,‹ antwortete sie und weinte, ›hier will mich ja niemand mehr.‹ – Ach, du heilige Mutter Gottes, sie hatte recht. Es hat ihr niemand geholfen und niemand ein gutes Wort gegeben, was konnte sie tun?

Dort im Walde habe ich gehalten, denn das Kindchen schrie. Da haben wir es beide gefüttert. Da sagte die Herrin zu mir: ›Es lacht ja gar nicht, Jermák.‹ Da hab' ich sie getröstet und hab' ihr gesagt: Warte nur ein klein wenig, Jekatirina Alexándrowna, bald wird das Würmchen dich kennen und bald lachen; warte nur ein klein wenig, meine liebe Herrin.

Dann mußte ich sie ans Schiff fahren, am Newaufer, gerade wie ich dich heute hinfahren werde. Damals gab es noch keine Bahnen. Als sie aber ausstieg, da hab' ich mich nochmals vor ihr auf die Erde geworfen, hab' ihr die Füße geküßt und hab' ihr gesagt: Gehe nicht von uns, Jekatirina Alexándrowna, Mütterchen, gehe nicht von uns, mein blaues Täubchen, du wirst Elend erdulden in der Fremde, mein Engel. Bleib bei uns und erzieh das Kind rechtgläubig. Aber sie weinte und sagte nur: ›Ich gehe zu besseren Menschen.‹

So ging sie und hatte nicht einmal einen Pelz mit, nur ein Körbchen – so groß – und nichts mehr. Aber ich habe dem Kinde ein Bildnis der kasanischen Gottesgebärerin mitgegeben.

Acht Tage bin ich nicht nach Hause gekehrt und habe mich mit den Pferden in Petersburg herumgetrieben. Da ist denn der Pelz, den mir Jekatirina Alexándrowna geschenkt hat, draufgegangen, und dein Bruder hat mich prügeln lassen. Herrgott! was sind Prügel?«

Nach einer Weile begann der Alte wieder:

»Es war unrecht von dir, Herr, daß du mir vorhin den Mund verbotst. Solch ein junger Herr, wie du bist, soll gar nicht mitreden über Dinge, die er nicht versteht. Solange wir jung sind, sind wir alle dumm. Erst das Alter macht klug, Herr, und vor Gott sind wir alle gleich, Herren und Diener, Sünder und Gerechte, und es soll sich niemand überheben. Es ist freilich eine große Schande, wenn ein Mädchen ein Kind hat und dazu bei so vornehmen Leuten, wie ihr seid. Aber christlich ist es nicht, die Seinen zu verlassen, wenn sie in Not sind, wie ihr es getan habt mit Jekatirina Alexándrowna.«

Ich sagte kurz:

»Es geschieht jedem, was recht ist und was er verdient.«

»Versündige dich nicht, Dmitri Alexándrowitsch, denn es steht geschrieben: ›der Mensch soll kein Tier sein, und nur das Schwein frißt sein eigenes Fleisch und Blut‹, und darum dürfen auch die Juden kein Schwein anrühren, wir aber, wir Christenmenschen, was tun wir? . . .

Höre mich einmal an, Dmitri Alexándrowitsch:

Gottes Barmherzigkeit ist groß, sonst hätte Gott die Menschen schon alle vom Erdboden vertilgt, weil sie sein Beispiel nicht achten; und verdrehen es und verderben es. Und wenn es ein Gesetz ist, so ist es ein schlechtes Gesetz. Alle Gesetze sind menschlich, sie kommen und gehen und wechseln wie die Menschen. – Der alte Pope stirbt, und es kommt ein neuer, und der predigt anders als der alte. – Gottes Allmacht ruft den Zaren ab, und es kommt ein junger Zar, ein herrlicher Zar, der übt größere Barmherzigkeit und gibt mildere Gesetze, und die alten Gesetze gelten nicht mehr.

Dies alles ist Wahrheit, wahrhaftige Wahrheit – und wenn dies nicht Wahrheit ist, nicht wahrhaftige Wahrheit, so widersprich mir, Herr, und unterrichte mich und belehre mich und berichtige mich.

O Menschen, Menschen, böse Menschen! . . .

Sag' mal an, Herr, wo wohnt denn eigentlich deine Schwester? Lebt sie in Berlin? oder in Paris? oder in Deutschland? oder in Germanien? Nun, du wirst es schon wissen, wo sie lebt, du wirst sie schon finden.

Aber antworte mir, Herr, du wirst doch deine Schwester im Elend aufsuchen?

Wenn du bei ihr bist, so sage zu ihr: der alte Jermák lebt noch und läßt dich demütig grüßen, Herrin; und sieh zu, ob das kleine Würmchen gedeiht, und ob sie es hat taufen lassen, rechtgläubig, und ob es das heilige Gottesbild noch trägt, das ich ihm mitgegeben habe, das Bildnis von der heiligen Mutter Gottes von Kasan! Und bring sie wieder hierher, zu uns nach Rußland. Wir wollen sie empfangen wie eine Zarin und wollen ein Fest im Dorf veranstalten und ein Gelage, da soll keiner nüchtern bleiben! und wollen ihr Wohl trinken nicht in gemeinem Branntwein, nein, in gereinigtem Branntwein, und alt und jung soll dabei sein. Kommt alle beide im Winter wieder zu uns zurück, wenn bei uns in Rußland der Schnee wieder fällt, denn draußen, da sollen sie im Winter keinen Schnee haben. Was ist ein Winter ohne Schnee? Und wie kann das ein Mensch aushalten?

Nun weiß ich aber nicht, ob ich dir trauen soll, Herr, oder nicht. – Wenn du nach deinen Brüdern gerätst, so wirst du auch schlecht und wirst deine Schwester verlassen wie sie; denn ich habe es ihnen allen beiden gesagt, wie ich es dir heute sage, und keiner von den beiden hat Jekatirina Alexándrowna wiedergebracht. Sie waren schlecht, und der eine lebt noch! – Sztipann Sztipannowitsch, dein Vormund, wird dich um Haus und Hof bringen, ehe du mündig bist.

Nun, tu' ferner nach deinem Willen, Herr, der Wille ist dein, und wir Elenden vermögen nichts, und was der Arme redet, ist in den Wind gesprochen, und Gottes Auge ist überall!

Schau einmal hin, Herr, dort über den Nebel hin siehst du schon Petersburg, da blinken schon die Kuppeln des heiligen Tempels Isaak, und die Sonne scheint darauf!

Heda, meine Pferdchen, greift aus!

Herr Gott im Himmel! wie ist doch Rußland so groß und so weit. Viele Tage kannst du fahren, immer geradeaus, oder nach rechts oder nach links, und es hat nie ein Ende. Und immer wechseln ab dunkle Wälder und grüne Wiesen und goldene Roggenfelder, du fährst durch kleine Bäche mitten hindurch und kommst an mächtige Ströme und über weite Ebenen und hohe Berge. Aus einem kleinen Dörfchen fährst du aus, und schon blinken dir in der Ferne goldene Kuppeln. Tausend goldene Kuppeln von Archangelsk bis Kasan und tausend bis Nowgorod, und tausend sind in Moskau, dem Mütterchen, allein! . . . Rings herum draußen, da wohnen die Türken und Schweden und alle die Verworfenen, Ungläubige und Heiden, und auch schwarze Völker, schwarz wie der Teufel. Aber niemand wird dir je etwas anhaben können, du mein heiliges Rußland! Weder die Franzosen, noch die Engländer! Du hast sie alle geschlagen. Vor uns haben Helden gelebt und nach uns werden Helden kommen, dich allezeit zu verteidigen.

Horche hin!

Aus allen Kuppeln, da läuten die Glocken zur Ehre Gottes, des Höchsten! Alles hat Gott Rußland verliehen, Gold und Silber und Roggenfelder, und über alles herrscht ein rechtgläubiger Zar! Gott erhalte ihn!

Hurra, ihr meine russischen Pferdchen!«

1. Mai, 8 Uhr, an Bord der »Schönen Luise«.    

Swinemünde, Deutschland in Sicht!

Zweites Kapitel

Jena, 4. Mai.    

Vier Tage hatte uns die Ostsee geschaukelt, als wir in das enge Fahrwasser der Swine einlenkten und vor Swinemünde anlegten. Ich betrat deutschen Boden. Das Wetter hatte sich in diesen Tagen allmählich freundlicher gestaltet. Am blauen Himmel zogen leichte Wölkchen, und ein milder Wind strich über die in vollem Lenzesschmuck prangende Landschaft. Niedrige bescheidene Häuschen, von wildem Wein umrankt, Obstbäume in voller Blüte, Deutsch redende Menschen. Was mir als Knabe vorgeschwebt, war zur Wirklichkeit geworden. Deutschland! Das Land der Dichter und Denker, der tiefen Liebe und Treue. Das Land des umfassenden Wissens, ehrlicher Arbeit, das Land der Biederkeit und Redlichkeit! Goethes Land! Ich empfand alles wie ein Wunder.

Gegen Abend langten wir in Stettin an, und noch in derselben Nacht war ich in Berlin und sah auf die menschenleere Straße ›Unter den Linden‹. In den Tagen auf der See waren mir die Worte des alten Jermák immer wieder von neuem durch den Kopf gegangen und hatten in mir den Entschluß gezeitigt, die Schwester aufzusuchen. Und zwar gleich. Ehe der Zug mich tags darauf weiter führte, hatte ich nur wenig Zeit, mich umzusehen. So kurz mein Blick war, den ich auf Berlin werfen konnte, er genügte mir, die Überzeugung zu geben, daß ich eine neue Welt betreten hatte, und ich sagte mir mit Verwunderung, daß hier jeder Stein intelligent liege.

Es war meiner Mutter Heimatland, durch das ich fuhr – ich stand ihm nahe.

Jekatirina Alexándrowna, meine älteste Stiefschwester, von der Jermák so wunderlich gesprochen, lebt auch in Deutschland, das wußte ich, aber wo in Deutschland? Man sprach spöttisch von ihr, daß sie ›studierte‹ in einem verlorenen Bauernnest, einer sogenannten Universitätsstadt. Gut! Vielleicht ist es Jena.

Den ersten Abend, als ich in dem winzigen Nest, das so angenehm zwischen sonderbar geformten Bergen liegt, im Gasthof zum Bären saß und es mir wohlsein ließ – das Nest gefiel mir, heimelte mich an – es war so deutsch – genau so wie ich »deutsch« mir vorgestellt hatte – da kam mir ein dünnes, abgegriffenes Heft in die Hand, das auf dem Tisch im Speisezimmer lag, das Adreßbuch, ich sah hinein und erfuhr so, gleich eine halbe Stunde nach meiner Ankunft, am allerersten Abend, daß meine Schwester wirklich hier – gerade hier lebte. – Unter den zwei Dutzend namens Müller war richtig eine Katharina, verwitwete Müller, und jedermann wußte von ihr, daß sie eine russische Fürstin sei.

Jermák, der ernste Jermák würde sagen: »Wunderbare Fügung Gottes.«

Und ich machte mich ohne Zögern auf.

Ich marschierte durch die Sträßchen, schöne alte Bäume, alte Mauern, alte Häuser – alles im Frühlingsschmuck – die Luft weich, das Leben heiter, so etwas wie zwanglos, alles lächerlich richtig »deutsch«. Auf dem Marktplatz saßen Studenten an Tischen im Freien, tranken und sangen.

Meine Schwester wohnte ein Stück draußen vor der Stadt.

Ich fand mich ganz gut zurecht. Das Haus lag in einer Seitenstraße der alten Chaussee nach Weimar.

Bald stand ich vor dem Hause – dies mußte es sein – mitten in einem Garten lag es. Wie ich bei dem sternenhellen Himmel sehen konnte, war es ein einfaches Landhaus mit einem hohen Ziegeldach. An dem Gartentor tastete ich nach einer Glocke.

Aus einem großen Ausbau über dem Dach schimmerte ein Lichtschein.

Es blieb lange alles still. Niemand kam, mir zu öffnen.

Endlich tat sich im ersten Stock ein Fenster auf – und eine harte, angenehme Stimme rief deutsch, doch unverkennbar in unserem russischen Deutsch:

»Wer ist da – bitte zu sagen.«

Mir klopfte das Herz, und ich wußte nicht recht, was ich antworten sollte.

»Nun?« rief es noch einmal.

»Dein Bruder!« rief ich.

»Wessen Bruder?«

»Nun, dein Bruder aus Petersburg.«

»Geh' nur wieder fort, ich hab' keinen Bruder.«

Das Fenster schloß sich heftig, und es währte eine ganze Weile, da hörte ich, wie das Fenster wieder geöffnet wurde.

»Jekatirina Alexándrowna«, rief ich.

»Nun, wer ist es denn?«

»Dmitri.«

»Was für ein Dmitri?«

»Von Papas dritter Frau.«

»Der Deutschen?«

»Ja, der Deutschen.«

»Also das Baby der Stiftsdame?«

»Ja, ja!«

»Das Tier schläft schon.«

»Welches Tier?«

»Ich kann dir das Tor nicht aufmachen!«

»Ich steige über, wart!«

Dabei schwang ich mich auf den Zaun zum Übersteigen und saß rittlings auf dem Torpfosten und schaute sehr bedenklich nach allerlei Spitzen und Stacheln, die das Tor mit teuflischem Raffinement flankierten.

»Dmitri?« rief es noch einmal fragend.

»Jawohl, Dmitri!«

Es folgte ein lange Pause.

»Jekatirina Alexándrowna!« rief ich ungeduldig. »Ich bitte, entschließe dich, ob du mich überhaupt hereinläßt. Ich sitze höchst unbequem auf deinem verdammten Stachelzaun . . . – – Gut also, ich werde morgen in aller Form um eine Audienz nachsuchen. Meine Empfehlung!«

»Nun, so komme ans Haus, ich will aufschließen!«

Ich stieg äußerst behutsam in den Garten herunter.

»Scheußliches Frauenzimmer«, sagte ich halblaut, als ich trotz aller Vorsicht wieder in einen Stachel gegriffen hatte.

Ein Lichtschein fiel durch den Ritz unter der Tür. Der Schlüssel drehte sich langsam im Schloß.

Ich trat ein. In der äußersten Ecke des Vorsaals stand eine mittelhohe Gestalt in schwarzem Kleide und auf dem ergrauten Haar ein schwarzes Spitzentuch, in der Linken einen Stock und in der Rechten ein blitzendes Ding, wahrhaftig! ein Revolver! Sie stand vor der Portiere einer halbgeöffneten Tür, offenbar um sich unter Umständen den Rückzug zu sichern.

Dies sollte nur sehr gefährlich aussehen, aber ein Pudel, ein wunderschönes braungeschecktes Tier, der sich bis dahin ganz still verhalten hatte und wie auf etwas Besonderes gewartet zu haben schien, war offenbar über die Situation ganz anderer Meinung als seine Herrin und nahm alles für einen ganz außerordentlichen Spaß. Er sprang hin und her, wedelte aus Leibeskräften, warf sich auf die Vorderpfoten und bläffte seine Herrin kreuzfidel an.

»Couche-toi, canaille.«

Dann wendete sie sich zu mir mit herrischer Stimme:

»Nimm das Licht und geh die Treppe voran. Geh nur voran!« wiederholte sie hastig, als ich zögerte, »du bist doch auch ein Spitzbube wie alle andern.«

Ich gehorchte lachend, und die Schwester humpelte hinterdrein, bei jedem Schritt den Stock schwer aufsetzend.

»Halt!« rief sie auf halber Treppe und blieb schwer atmend stehen. »Ich habe dich ins Haus gelassen unter der Bedingung, daß ich nichts von dort höre. Ich meine unser Rußland. Keine Silbe! Nichts von den Brüdern – nichts von der Schwester, nichts vom Schwager, nichts von der ganzen Sippschaft! – Ich will nichts von ihnen hören, nichts von Rußland, nichts von Petersburg, nichts vom Gut! – Nichts vom Geld, oder Erbschaft, oder Versöhnung! Will nichts wissen, hören – Kanaille! Alles Kanaille! Ich kann nicht, ich will nicht! Ich hab' genug.« – »Gott sei gelobt,« setzte sie etwas ruhiger hinzu, »ich bin zwanzig Jahr ohne euch ausgekommen.« Auf dem Treppenabsatz stand sie wieder still.

»Warte mal,« sagte sie aufatmend, »du wirst doch gerade solch ein Narr sein wie alle anderen und wissen wollen, wie es mit dem Kinde ist. Gut. So ist es: das Kind ist nicht mein.

Ich sag' das dir, wie ich's deinen Brüdern sagte – es geht niemand etwas an, und wenn ich zehn Kinder hätte. Ob ihr es glaubt oder nicht glaubt – gleichgültig – abgetan.«

Jekatirina tappte die Treppe weiter in die Höhe.

»Wohl aus der Art geschlagen – heh? – Wäre nicht übel – deutsches Blut also – dann nimm dich nur in acht – du – hörst du.«

Ich wendete mich um: »Vor wem in acht? Vor dir in acht?«

»Nein,« sagte Jekatirina, »vor deinen lieben Verwandten in Rußland.«

Wir hatten den ersten Stock erreicht.

»Höher hinauf!« sagte Jekatirina, blieb aber wieder stehen. »Übrigens, um alles abgetan zu haben – das Kind ist schon zwanzig Jahre tot – oder dreißig, ich weiß nicht, Zeit ist nichts, und gehört wirst du haben, daß ich hier in Deutschland verheiratet war – diese Heirat ist wie üblich, das heißt unglücklich, ausgefallen. Gottlob! Ich habe ein schnelles Ende gemacht. – Nun ist auch er längst tot. – Ich bin allein – und das ist gut so – ist mir recht – sehr recht. Ich heiße Frau Müller, nicht wahr, hübsch?«

Jetzt waren wir im zweiten Stock, der mir eine Art ausgebauter Bodenraum zu sein schien.

Meine Schwester öffnete eine Tür, und wir standen in einem hohen turmartigen Raum, mit Bücherregalen an den Wänden, mit Oberlicht, einer großen Öffnung, durch welche die Sterne hereinblickten und die frische Luft einströmte; ein mächtiges Glasfenster war zurückgeschlagen –

Und unter der Öffnung, da stand ein prachtvolles, astronomisches Fernrohr und blinkte und schimmerte und war aufgerichtet und gestellt. –

»Stell' dich so – so – – so – sage ich!« Meine Schwester fuhr mich ungeduldig an. –

»Nicht anrühren – nicht verrücken.«

Und ich beugte mich ein wenig – und sah klar und deutlich auf tiefschwarzem Grunde den blitzenden Jupiter und seine vier Mondchen – zum erstenmal in meinem Leben.

»Dabei hast du mich vorhin gestört«, sagte meine Schwester. »Jetzt setz' dich.« Wir sprachen dann ruhiger miteinander – und ich schaute mich in dem stillen Raume um. Die Sterne blickten zu uns hernieder. Es brannte eine Lampe, dicht verdeckt, mit großem grünem Schirm. Meine Schwester saß zurückgelehnt auf einer Chaiselongue, und ich ging im Raum auf und nieder – und wußte nicht recht, wovon ich reden sollte.

»Du gehörst also zu den Menschen, die im Zimmer hin und her laufen – so – so!« sagte sie.

Sie saß zurückgelehnt, fast liegend, und sah auf mich, Innigkeit, Bedauern und Mitleid im Blicke, dann erhob sie sich schwer, trat an den Tisch, schlug den Deckel eines Buches zurück und wies mit dem Finger auf das vorgeheftete Bildnis eines Mannes mit großer Stirne, von spärlichen Haaren affenartig eingerahmt, mit klugblickenden Augen und riesigem Maul.

»Kennst du den?« fragte sie und sah mich eigentümlich an.

Ich las: »Arthur Schoppenhauer.«

»Nicht Schoppenhauer – Schopenhauer«, sagte sie.

»Nein, ich kenne ihn nicht, was ist's mit dem?«

»Was mit dem ist? nun, wenig und viel, wie man es nimmt. Ein alter Mann, der sich und andern das Leben sauer gemacht hat. Ein deutscher Bär von klassischer Grobheit. Ein Zänker, der in jedermann seinen Feind wittert, immer bereit, um sich zu hauen und jeden zu Boden zu schlagen, der anderer Meinung sein will als er. Immer in Angst und auf der Wehr, halb Hase, halb bissiger Köter. Einer, der sich wie Preiskämpfer zum Faustkampf sein Lebelang zur Philosophie trainiert hat. Weißt du – ein Einsiedler, der die Menschen nicht entbehren kann. Einer, der sehr stolz darauf ist, daß er Spanisch kann, denn Latein und Griechisch – können andere auch; ein Deutscher, der sich scheut, deutsch zu sein, und prahlt, von Niederländern abzustammen, ein Mensch, wie andere auch, der in Ermangelung von etwas Besserem Bücher schreibt, der seine Kapitelchen mit Überschriften aus allen Sprachen versieht, der andere niederdonnert und sich überhebt, der sich krank ärgert, daß ihn alle Welt links liegen läßt und daß sich kaum einer findet, der in ihm, wofür er sich selbst hält, das Licht der Welt erblickt. Ein Menschenfeind, der seinen Pudel höher wert hält als die besten Freunde, der jede Dummheit unbarmherzig an den Pranger stellt, der nur ein Ziel hat, seine Weisheit sicherzustellen, der zu kurz trifft oder übers Ziel hinaus und nur hin und wieder ins Schwarze, groß auf einem Gebiet, auf anderen kleinlich, kurzsichtig, albern bis zur Kinderei.

Auf einen Gedanken versessen, wird er blind und taub gegen alles andere, was ihm nicht in den Kram paßt. Ein Philosoph, der keine Ader eines Weisen an sich hat.«

»Nun und weiter?«

»– Weiter! – Du wirst dich ja schon etwas unter den Alten umgetan haben. Und wenn es dir so ergangen ist wie mir, da wirst du dich erschreckt haben, daß die größten unter ihnen voll sind von schönen Redensarten, voll von Irrtümern, haltlosen Voraussetzungen, falschen Schlüssen, leerem Geschwätz, und daß nur hin und wieder ein Gedanke die Nacht erhellt wie ein Blitz, ein Gedanke, wie von einem Gott eingegeben, der dich im Innersten packt – der dir den Blick öffnet in eine Welt, die nicht die unsere ist – dann kommen wieder andere, die erklären solche Gedanken, loben oder widersprechen, zwängen sie in ein System und treten sie breit und ruhen nicht eher, bis alles Leben daraus gewichen ist. Du siehst mit Staunen, wie dann an solchen Wechselbälgen sich die ganze Menschheit erbaut und Jahrtausende an mißverstandenem, verlogenem Unsinn widerkäut.

Mühselig drängt sich dann hier und dort die Wahrheit ans Tageslicht, und ein neues Körnchen kommt wohl auch dazu. So baut es sich unendlich langsam weiter. Die Quelle fließt unendlich spärlich; wen es nach Weisheit dürstet, der muß sich mit wenig Tropfen begnügen. Was von Plato, Aristoteles bis auf Kant vom tiefsten menschlichen Wissen geschrieben worden, ist – versteh mich recht – vom höchsten Standpunkt – bis auf wenige Ausnahmen nicht der Rede wert. Viele geistreiche Einfälle und viele tiefe Gedanken, viel Grübelei, wenig lichtvolle Klarheit.

Nun sieh mal, dieser Alte hier, Schopenhauer, hat es unternommen, alles Gedachte zusammenzufassen, das Rätsel der Welt zu lösen, ist ihm näher gekommen als irgendein anderer.«

So sprach sie noch vielerlei – aber ich war sehr müde.

Jermák langweilt mich. Wie mag er meine Adresse bekommen haben? Er will durchaus wissen, wie es meiner Schwester Kaatya, dem Engelsangesicht, geht und wie es mit dem Würmchen steht. Nun – das Würmchen ist tot; aber von dem Engelsangesicht will ich ihm schreiben, um ihn loszuwerden.

Meine Schwester, daß ich's sage, hat ganz mein Herz gewonnen. Ich gehe tagtäglich zu ihr, tagtäglich. Sie ist immer von derselben Liebenswürdigkeit, immer von derselben göttlichen Grobheit und Überhebung. Wir werden nicht müde, bald Schopenhauer und Kant, bald einen der alten Philosophen durchzuhecheln und uns gegenseitig zu beweisen, was für dumme Leute, bei aller wunderbaren Tiefe ihrer Gedanken, sie doch im Grunde gewesen. Wo wir beide selbst hingehören, darüber sind wir uns offenbar noch nicht recht klar. Vollends mit unbeschreiblich hoheitsvoller, souveräner Verachtung wird alles Lebende behandelt, Hartmann, Nietzsche usw.Sunt pueri, pueri, pueri, puerilia tractant!Es sind Kinder, Kinder, Kinder und treiben Kindereien.

Das sage nicht ich – meine Schwester.

Im Herbst gehe ich nach Paris.

Nach einem Jahr

Wieder Jena, 1. Mai.    

Wieder mal Frühling. Wieder mal Mai.

Von Paris will ich gar nichts sagen, jeder Esel weiß was Kluges darüber zu schwatzen oder zu schreiben. Aber ich weiß, wenn ich das nächstemal wieder von Jena gehe, so gehe ich weit fort, fort aus Europa! Es ist nichts hier – ich wenigstens finde nichts. Wenn es auf Erden Weisheit gibt, so ist es in Urasien! Buddha, die Veden! Ceylon, Indien, Tibet! Jetzt heißt es: Sanskrit!

2. Mai.    

Ich kam wie gewöhnlich zu Mittag zu ihr – und wie gewöhnlich kam sie mir mit ihrem Stock entgegen geholpert, reichte mir die Hand und sagte: »Dmitri, ich freue mich, dich zu sehen. – Wie steht's? Wann wird sich die Bestialität gar herrlich offenbaren?«

»An wem?«

»Nun an dir!«

»Noch nicht, Kaatya – noch nicht – noch immer nicht.«

Ich kannte ihre Frage schon.

– Und sie fragte nicht aus Scherz. – Sie erwartet Gott weiß was von mir – sie ist verbittert, die Arme – nein, nicht verbittert – es ist etwas anderes – ich bin mir selbst noch immer nicht klar darüber. –

Diesmal setzte sie zu ihrer Frage noch hinzu:

»Höre, Dmitri – wenn du mich zehnmal auf einer Gemeinheit ertappst, so fordere ich von dir so viel Vertrauen, daß du den eigenen Augen weniger traust als meinem Wort – wir werden uns mit der Zeit schon verstehen.«

»Gut,« antwortete ich, »aber ich verstehe dich schon jetzt!«

»So,« – jetzt lachte sie – »du verstehst mich schon? da müßtest du erstaunt sein, wenn du wirklich solch einen Menschen gefunden hättest! Wenn dieser Mensch ein altes Weib wäre – auch dann. – Aber so ist's, mein grüner Dmitri.« (Meine liebe Schwester Jekatirina bleibt bei ihrer mäßigen Grobheit.) »Zwischen dem: ›Ich versteh's schon‹ – dem schulmäßigen ›kapieren‹ und dem Selbsterleben ist eine gewaltige Kluft. Wirst es schon später begreifen.«

Als wir einander bei Tisch gegenübersaßen und die Haushälterin, die sie »das Tier« nennt, servierte, nahm Jekatirina ihren Stock in die Hand, klopfte mit dem breiten silbernen Knopf dreimal auf den Tisch.

»Aufmerken,« sagte sie, »damit du dich morgen nicht irgendwie versagst, morgen gibt's dir zu Ehren ein Fest hier bei mir – da werde ich dich mit der Menagerie, die hier gezüchtet wird, bekannt machen. Es ist so eine Maxime von mir, die Nebenbestien, die mich etwas angehen, des Jahres hin und wieder bei mir essen zu lassen – lieber laß ich sie meine Fasanen fressen, als daß sie mich selbst auffressen – abfüttern nennt man das. Ich hab's den ganzen Winter schon versäumt und muß es nachholen, sonst nehmen sie mir's übel. Man muß das tun, wenn man es irgend kann, um Ruh' zu haben und ästimiert zu werden. Auf seine Krippe ist ein jedes Tier leidlich zu sprechen, und mit gutem Futter kommt man jeder Kreatur bei.«

»Wahrhaftig, Kaatya,« sagte ich ihr, »du solltest dich doch schämen, solche Ansichten zu haben.« – Es entfuhr mir dies so, als ich mir vorstellte, während sie sprach, daß sie trotz ihres Alters und ihres außerordentlich gealterten Aussehens meine Schwester sei, und ich als Bruder das Recht habe, mit ihr familiär zu reden, was wohl meist etwas weniger höflich heißen mag; aber es gab mir eine Befriedigung, dies zu versuchen – es war mir ein nie gekostetes Vergnügen.

»Oho«, sagte sie und sah mich an und lachte wieder so herzlich, wie ich nicht dachte, daß diese verbitterte Frau es zuwege bringen könnte – und da sah ich, wie schön meine alte Schwester war – was für gute Rasse, eine vornehme Person in jeder Bewegung – diese Frau Müller. Ihre starken Redensarten, die sie zu lieben scheint, verunstalten sie nicht, ziehen sie nicht herab. Ich freute mich, als ich dies wahrnahm – denn ich muß gestehen, meine alte Schwester Kaatya steht meinem Herzen nah.

Und wunderbar, auch in ihr mochte bei meiner unhöflichen Anrede ein ähnliches Gefühl auftauchen wie bei mir. Sie lehnte sich in den Stuhl zurück und sagte: »Es ist sonderbar, ich denke jetzt an einen alten Menschen, der sagte, als seine Mutter gestorben war: ›Das ist das traurigste, nun lebt kein Mensch auf Erden mehr, der mich alten Kerl einmal ›Du Esel‹ nennen könnte. – Ja, das Einsamstehen auf Erden will ertragen sein!‹ – – Siehst du, ich erzähl' dir immer so dumme deutsche Anekdoten. Aber was meintest du eigentlich damit, daß ich mich schämen sollte, Dmitri – weil ich die Wahrheit sagte? –

– Das mit dem Fressen? Wie kannst du das ehrenrührig finden – weißt du denn nicht, auf was die ganze Welt beruht? Auf fressen und gefressen werden. – Die Natur hat keine ethischen Momente – alles ist fressen – alles ist gefressen werden.

Eine wunderschöne Welt, Brüderchen! Denkt man an irgendein lebendes Wesen, so muß man denken, was frißt's? von welchen Nebengeschöpfen mästet sich's? und von wem wird's wieder gefressen? und so denke ich auch bei meinen Oberlandesgerichtsräten und den Professoren und dergleichen – was fressen sie? was dinieren sie? was soupieren sie? was für Mitgeschöpfe setze ich ihnen vor? – Das macht mir eben Spaß: Nun möcht' ich doch wissen, hat unsere liebe Erde, unsere gesegnete Natur ein Gott oder ein Teufel geschaffen? Da ist besonders einer unter meiner Gesellschaft, ein berühmter Dichter, der sich bemüht, seine Bärenhaftigkeit abzustreifen, und ein außerordentlich feiner Mensch geworden ist. So etwas, dessen Wäsche englisch ist, allerlei an ihm französisch, das Schuhwerk wieder englisch, Zahnbürste und dergleichen auch englisch – das Ganze ist, glaub' ich, aus Hamburg, aber seine Frau aus Finnland. Die sind hierher zu uns übergesiedelt, als du in Paris warst. Siehst du, das hängt alles so ein bißchen mit Rußland zusammen. Er hat es in Eleganz und Feinheit weiter gebracht als je ein Deutscher vor ihm – ein Mensch, der mir außerordentlich Spaß macht, du wirst ja sehen, so ein – Dichter. Im Auslande sind die Deutschen übrigens viel harmloser als in der Heimat. Die Deutschen im Auslande sind angenehme Leute, sehr angenehme Leute. Das weißt du ja!«

»Aber Kaatya, dein Gast zu sein ist doch eine zweifelhafte Ehre!«

»Freilich,« sagte meine Schwester, »ich lade sie ja auch nur zu meinem Vergnügen ein; dafür bekommen sie ihr Futter – du wirst ja sehen – übrigens mein Tier kocht vorzüglich, man ißt gut bei mir. – Und jetzt geh, lies etwas; ich will mich eine Weile schlafen legen.«