Knochenwald - Derek Meister - ebook

Knochenwald ebook

Derek Meister

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Opis

Mord und Reliquienhandel, Pilgersehnsucht und Aberglaube

Bayern 1392: Eigentlich will der Lübecker Mörderfänger Rungholt auf Wallfahrt zu den bekannten Reliquien nach München fahren. Doch der Weg zur Absolution ist ihm verwehrt. Kann er sein Seelenheil finden, indem er für einen reichen Goldschmied die vermisste Ehefrau findet? Ein einfacher Auftrag, der sich jedoch als tückisch entpuppt und Rungholt immer tiefer und tiefer in den finsteren Knochenwald um Kloster Andechs führt …



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EPUB
MOBI

Liczba stron: 637




Inhaltsverzeichnis
 
Autor
Widmung
Lob
Inschrift
 
Kapitel 1 – München, Juli 1392
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
 
Epilog
Copyright
Buch
Wie Tausende von anderen Pilgern auch, macht sich 1392 auch der bärbeißige Patrizier Rungholt von Lübeck auf den Weg in den Süden, nach München. Er hofft, bei dem dort ausgestellten Andechser Reliquienschatz endlich Vergebung für seine Sünden zu finden, und freut sich, dabei auch seine Tochter Margot wiederzusehen, die in Bayern mit ihrem Ehemann lebt. Die Reise ist für den schwergewichtigen Rungholt eine Qual und die
Wallfahrt in dem mit Pilgern überfüllten München nicht viel besser. Daher kommt Rungholt ein neuer Fall gerade recht. Auf Bitten seiner Tochter soll er die seit Tagen vermisste Frau eines reichen Goldschmieds finden. Rungholt vermutet ganz weltliche, wahrscheinlich niederträchtige Ursachen für das Verschwinden der Goldschmiedin. Bis ihn seine Suche in die dunklen, unheimlichen Wälder vor die Tore der Stadt führt: Ganz in der Nähe eines unerklärlichen Leichenfundes wird er plötzlich in einen Hinterhalt gelockt. Doch zum Glück bekommt Rungholt bei seinen Erkundungen in der Münchner Umgebung unerwartete Unterstützung aus der Heimat: Sein guter Freund Kapitän Marek wurde von Rungholts Eheweib Alheyd ihrem Mann hinterhergeschickt.
Autor
Derek Meister wurde 1973 in Hannover geboren. Er studierte Film- und Fernsehdramaturgie an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg und schreibt erfolgreich Serien und abendfüllende Spielfilme für das Fernsehen. Nach seinem ersten, für den Glauser-Krimipreis nominierten historischen Kriminalroman »Rungholts Ehre«, folgt nach »Rungholts Sünde« nun der 3. Rungholt-Fall »Knochenwald«. Derek Meister lebt mit seiner Frau in der Nähe des Steinhuder Meers.
 
Mehr Informationen über den Autor und seinen bärbeißigen Ermittler Rungholt finden Sie unter www.rungholt-das-buch.de
Liste lieferbarer Titel
Rungholts Ehre. Roman (36310)
Rungholts Sünde. Roman (36311)
FÜR GERD
 
 
 
Alchemist und bester Abenteurer schon in den Weiten Großburgwedels
Und der Wald fraß an diesem Tage viel mehr Volk, als das Schwert fraß.
2. Samuel 18
Prolog
Verkrüppelte Fichtenstämme schlugen dem Lichtfuchs entgegen. Der Mond wischte mit bleichem Licht hinter den Ästen vorüber, erweckte Schatten zum Leben. Dario hörte Leder reißen und sah seine Kisten vom Pferderücken rutschen und klatschend im Nassen landen. Für einen hektischen Moment befürchtete er, auch sein Weib könne vom Pferd gerissen werden.
»Hast du dich verletzt?«
»Nein. Schneller.«
Dario trat dem schweren Hengst in die Seite. Er spürte, wie das Tier trotz der umgehängten Leinensäcke noch einmal an Geschwindigkeit gewann. Das Pferd schnaubte vor Anstrengung.
»Ist er noch hinter uns?« Dario riss seinen Kopf zur Seite, doch die gedrungenen Bäume versperrten ihm die Sicht.
»Wir müssen im Wald bleiben. Wenn wir es bis zum See schaffen...«
»Da! Siehst du ihn? Dario, rechts!«
Erschrocken blickte Dario zur Seite und erkannte nur einige Lidschläge lang den Schatten eines schlanken Reiters. Der Mann beugte sich im Galopp hinab, um nicht von einem der Äste getroffen zu werden. Keine fünf, sechs Klafter neben ihnen. Als das Gestrüpp lichter wurde, erkannte Dario mehr: Der Unbekannte ritt beinahe mit ihnen gleichauf, er hatte einen Lederpanzer umgeschnallt und steckte soeben sein Schwert zurück in den Gürtel, um mit beiden Händen die Zügel fester greifen zu können. Und plötzlich erschien es Dario, als lächle der Mann ihnen zu, als verhöhne er sie beide mit einem Grinsen. Doch dann wurde Dario bewusst, dass es keine Zähne waren, die er im Mondlicht hatte aufblitzen sehen, sondern der Stahl einer Klinge.
Erneut gab Dario dem Lichtfuchs die Hacken, er konnte spüren, wie sich der Griff seiner Geliebten in seinem Wams verkrampfte, während der Hengst über morsche Baumstämme sprang. Dario wurde nach vorne gerissen, als das Pferd knöcheltief im Morast landete. Verzweifelt klammerte sich Dario an die Mähne und schrie seiner Geliebten zu, nur nicht loszulassen.
»Was tut er?« Dario versuchte, einen Blick auf den Mann zu erhaschen, doch ein Ast peitschte seine Wange und riss sie auf.
»Ich weiß nicht!« Ihre geschriene Antwort vermischte sich mit dem Schnauben des Hengstes und dem Hämmern seines Herzens.
Das Tier galoppierte zwischen Fichten und Erlen hindurch, sprang über ein hüfthohes Gebüsch, und mit einem Mal waren sie nicht mehr im dichten Wald. Schlagartig hatten sich die Bäume gelichtet, und nur noch wenige Birken, gedrungene Weiden und die verfaulten Stämme von umgeknickten Erlen des Bruchwaldes staken aus dem Morast.
Der Hengst preschte hinaus auf die Fläche des Bruchs und hinein in Farne und Riedgräser. Dario spürte, wie das schwere Tier bei jedem Schritt einsank, er riss die Zügel zurück und verhinderte mit knapper Not, dass das Pferd stürzte. Wasser spritzte bei jedem Schritt auf.
»Wir müssen zurück«, rief sie. »Dario, bitte!«
Sie hatte ja recht, aber was sollte er tun? Ihrem Verfolger direkt in die Klinge laufen? Nervös sah Dario sich noch einmal um. Dort hinter den moosbewachsenen Weiden – kaum im blauen Mondlicht vor der dunklen Wand des Waldes zu erkennen – huschte er entlang. Doch der Schatten hielt sich hinter den Bäumen und folgte ihnen aus irgendeinem Grund nicht.
Ein jähes Aufblitzen. War es das Blitzen der Klinge, die bereits …
»Ich weiß, ich weiß! Wir … Ich … Ich versuche, dort rüberzureiten!« Dario hatte eine kleine Insel aus Büschen im Moor ausgemacht und lenkte den Lichtfuchs darauf zu. Fluchend blickte er auf die Beine des Pferdes hinab. Der Hengst hatte Mühe, die Hufe aus dem Schlick zu ziehen.
Etwas traf den Hals des Hengstes und blieb stecken. Das Tier scheute und quiekte wie ein Schwein auf der Schlachtbank. Dario wollte nach dem Ding greifen, es dem Pferd herausziehen, aber der Hengst stieg so stark in die Höhe, dass ihm die Zügel aus der Hand gerissen wurden. Plötzlich spürte Dario einen Stich in seiner Seite. Eine Spitze hatte auch ihn getroffen. Ein Wurfmesser. Er griff danach, brach es aber beim Herausreißen ab und schrie auf. Stark blutend versuchte er panisch, das Gleichgewicht zu halten, doch er rutschte zurück, traf auf seine Geliebte und spürte im selben Moment, wie auch sie den Halt verlor. Schreiend stürzten die beiden über die Kruppe des Pferdes. Dario sah noch, wie seine Frau im Morast aufschlug, dann wurde er nach vorne gerissen. Sein linker Fuß! Er steckte noch immer im Steigbügel. Mit einem Ruck wurde er herumgeschleudert, schleifte einen, zwei, drei Klafter über den schlammigen Untergrund, bis der Hengst sich in Todesschmerzen erneut aufbäumte und fiel. In Darios Richtung! Das Tier drohte ihn zu begraben, so wie es mit einer einzigen Bewegung herabsackte und ihm die Vorderläufe einknickten. Der schwere Bauch des Pferdes stürzte Dario entgegen.
Der Aufprall war gewaltig und brach Dario die Beine. Er schrie vor Schmerz auf, auch weil das Tier im Todeskampf nicht aufhörte, sich zu bewegen, und immer wieder vergeblich versuchte, sich aufzurichten.
Dann erstarb alles Schnauben. Der Lichtfuchs war tot. Lediglich Darios Schreie hallten über die Ebene.
Er wagte erst nicht, sich unter dem Pferd zu bewegen, und langsam wurden die Schmerzen zu einem dumpfen Pochen. Das kalte Nass umschloss seine Beine. Es dauerte lange, bis er sie doch unter dem schweren Pferd hervorgezogen hatte. Er versuchte, voranzurobben zu seiner Geliebten, aber der Morast war zu gierig. Mit dutzender Männer Hände zog er an ihm. Der Moorgriff war unbeugsam. Schmerzverzerrt versuchte er, sich auf die Seite zu rollen, sich abzustützen, doch der Schlick gab unter seinen Händen nach. Er hörte seine Geliebte.
Wo war sie? Panisch sah er sich um, doch sie war bereits im Morast versunken. Nur ihre Schulter und ihr Kopf blickten noch aus dem Dreck. Er wollte rufen, aber nichts drang aus seiner Kehle, denn das Moor presste ihm bereits den Brustkorb zusammen. Panisch versuchte er, sich an einem Moosgeflecht festzuhalten, sich irgendwie herauszuziehen, und versank noch tiefer. Seine letzten Blicke streiften den Waldrand. Der Mond. Die Krüppelfichten. Die Schatten.
Zu dem schlanken Mann, der sie angegriffen hatte, traten drei weitere Gestalten. Sie alle blieben am Waldrand zwischen den Fichten und stakenden Baumleichen stehen und starrten auf das Moor hinaus.
Ich hör die Bächlein rauschen Im Walde her und hin Im Walde in dem Rauschen Ich weiß nicht, wo ich bin.
Joseph v. Eichendorff
1
München, Juli 1392
Ein Meer aus Leibern. Wie ein Fass auf hoher See wurde Rungholt über den Münchner Markt getrieben. In Wellen schoben ihn die Pilger über den sandigen Platz mit Buden und Ständen.
Das Gedränge ließ ihn nach Luft schnappen. Jemand rammte ihm einen Ellbogen in die Seite, und Rungholt fuhr herum, um den Mann zu packen, doch kaum war er aus dem Tritt, stieß ihm ein anderer Pilger die Schulter in den Rücken. Arme rieben an Rungholts Bauch entlang, unangenehmer Atem hauchte in seinen Nacken. In Sorge um seine Geldbeutel strich er unauffällig seinen Dupsing entlang. Sie waren noch alle da.
Ich ersaufe noch in diesem stickigen Gebräu aus Sündern, dachte Rungholt. Verfluchte Pilger! Verdammte Brut. Es sind zu viele Menschen hier. Diese Stadt platzt aus allen Nähten wie das Wams eines gefräßigen Bäckers.
An diesem frühen Morgen des Jubeljahres 1392 glich München einem einzigen Volksfest. Von überall her waren Pilger in die Stadt geströmt, denn nachdem man auf dem Andechser Berg lang verschollene Heiligenreliquien gefunden hatte, war von Papst Bonifaz IX. ein Gnadenjahr ausgerufen worden. Das erste Jubeljahr außerhalb Roms. Der Pilgerweg nach München war dieser Tage gnadenvoller als der beschwerliche Weg über die Alpen nach Rom oder über die Pyrenäen nach Compostela.
Er wischte sich das Gesicht und wurde, dem Strom ausgeliefert, weiter über den Schrannenplatz geschubst. Er stolperte über ein Ferkel, das quiekend durch die Menschen flitzte. Anstatt dass er fiel, schob ihn die Menge jedoch einfach weiter. Wegen der unzähligen Wallfahrer und Marktbesucher konnte er keine zehn Klafter weit sehen, geschweige denn den kleinen Hügel hinauf zur Peterskirche, die er nun besuchen wollte.
 
Die Kirche auf dem Petersbergl erinnerte Rungholt an St. Jakobi, die kleine Kirche auf dem Lübecker Koberg. Auch wenn er zugeben musste, dass Sankt Peter wesentlich beeindruckender war als die kleine Kirche, bei der er zur Schule gegangen war. Mehr als fünfzig Klafter ragte ihr verputzter Turm in den blauen Himmel. Sechs Jahre war es erst her, seitdem man die gotischen Doppeltürme des Westwerks abgeschrägt und zu einem einzigen Turm verbunden hatte. Wie Lübeck hatte auch München ein großer Brand heimgesucht. Er hatte mehr als ein Drittel der Stadt vernichtet und auch vor Sankt Peter mit seinen beiden Türmen nicht Halt gemacht. Noch immer war die Südseite mit einem Holzgerüst versehen, doch auf den schmalen Brettern, die in schwindelnder Höhe um den Turm mit seinen beiden spitzgiebeligen Helmen gebunden worden waren, herrschte Ruhe. Rungholt legte den Kopf in den Nacken und schirmte seine Augen vor dem Licht ab, aber er konnte keine Arbeiter entdecken.
Dafür trat ihm ein Trottel von zahnlosem Knecht auf seinen rechten Schnabelschuh, und bevor Rungholt fluchen konnte, wurde er weiter Richtung Eingang getrieben. Am Eingang der Kirche brüllte eine Vettel ihm Preise für ihre Gänseeier entgegen. Im Durcheinander aus Pilgern, Wachen und Bauern konnte er ihre verdreckte Heuke riechen, die bereits in Fetzen von ihren Schultern fiel.
Er spürte, wie die Streitsucht in ihm aufstieg. Das alles war zu viel für ihn.
Sein Hintern brannte. Das grobe Leinen seiner Bruche, die er als Unterkleid umgeschlungen hatte, scheuerte an seiner Haut, und bei jedem Stoß, bei jedem Schritt schien der Stoff wie splittriges Holz über sein offenes Fleisch zu fahren. Das verfluchte Unterkleid trieb ihm die Tränen in die Augen, so schmerzhaft rieb es an den aufgeplatzten Blasen. Der Lohn für zwei Wochen Fahrt in einem Holzwagen.
Schnaufend wischte er sich den Schweiß vom Gesicht und versuchte, die Bruche von seinem Hintern wegzuzupfen, doch die Menschen ließen kaum eine Bewegung zu, und er war zu fett, um mit seiner Hand an die wunde Stelle zu kommen.
Endlich wurde es kühler. Rungholt war im Tross der Pilgermasse durch das Tor getreten. Schwerer Geruch von Weihrauch umhüllte ihn. Wie klebriger Nebel hing er im Langhaus und in den niedrigen Seitenschiffen der Basilika. Überall knieten Pilger. Einige rutschten auf dem Bauch liegend über den Boden, andere hatten sich in die kleinen Altarnischen zurückgezogen. Der Geruch von Wachs und Feuer vermischte sich mit dem des Weihrauchs. Ein stetes Gemurmel erfüllte den Saal und schallte zwischen Pfeilerreihen hin und her. In den verzierten Durchgängen des Lettners konnte Rungholt eine Schar Kinder sehen, die festlich gekleidet den Hochaltar in der Apsis aus gebührendem Abstand bestaunten. Die meisten Pilger hatten sich indes in einer Schlange an der Seite aufgestellt. Sie wollten spenden und so eine der vielen Stationen abschließen, die sie auf dem Weg zur Absolution zu absolvieren hatten.
Um die Absolution zu erhalten, hatte Rungholt eine Woche in der Stadt zu verweilen und musste mindestens einmal vor den Andechser Reliquien beten. Außerdem musste jeder Pilger dreimal in die vier Kirchen Münchens gehen und dort Almosen geben. Rungholt, der in München fremd war, hatte sich von seiner Tochter Margot erklären lassen, wo die Kirchen waren und wie sie hießen. Rungholt hatte in den letzten zwei Tagen bereits die Jakobskirche und die Frauenkirche besucht.
Rungholts Blick fiel auf Jesu, doch er ruhte nur kurz auf dem bemalten Corpus Christi, der als große Holzfigur an einem mächtigen Triumphkreuz hing. Zu viele Kreuze hatte er in den letzten drei Tagen in München gesehen, zu viele Jesusschnitzereien, Kruzifixe und Wandbilder, als dass der Anblick des gepeinigten Gottessohnes ihn noch hätte berühren können. Nach dem stundenlangen Anstehen und dem Gedränge wollte Rungholt nur eines: ein Bier. Er wollte endlich seine Almosen geben, kurz beten und dann in eines der Brauhäuser, um seinen Durst zu löschen.
Ohne ein weiteres Gebet ging Rungholt zwischen einer Traube Messdiener hindurch und folgte den Pilgern, die sich anstellten, um ihr Almosen abzuliefern.
Unablässig steckten die Wallfahrer Münzen in den bereits völlig abgegriffenen, hüfthohen Eichenstamm, den man an einen Pfeiler des Hauptschiffes gestellt hatte. Er war ausgehöhlt und mit Kreuzen verziert worden. Ein schweres Eisenschloss verriegelte einen armlangen Schieber. Als Rungholt einen weiteren Schritt auf den Gotteskasten zutrat, konnte er erkennen, dass die Priester den Opferstock mit einigen Steinen auf der Rückseite erweitert hatten. Wahrscheinlich wäre der Stamm auch bald übervoll gewesen.
Kaum hatte Rungholt sich angestellt, da ging ein Raunen durch die Menge. Die Wallfahrer kamen in Bewegung. Mägde tuschelten, reiche Patrizierinnen bekreuzigten sich geflissentlich, Kinder wurden festgehalten, und alle wandten ihre Köpfe einer kleinen Prozession zu.
Zwei Ministranten schwenkten Weihrauchfässchen, zwei trugen Holzkreuze. Ihnen folgten ein Bischof und drei Priester. Ihre kostbaren Pluviale leuchteten im Sommerlicht, das durch die Türen fiel und sich im Weihrauch fing. Dann kam Herzog Johann II. Während der alte Mann seine Wallfahrer mit einem Lächeln bedachte, redete ein hochgewachsener Mann, der ihn stützte, leise auf ihn ein. Rungholt fiel es schwer, seinen Blick von den Lippen des hageren Geistlichen zu nehmen, denn der Chorherr aus Andechs, wie Rungholt die Mägde hinter sich tuscheln hörte, schien in diabolischer Sprache zu reden. Es kamen nur Knurrlaute aus seiner Kehle. Ein tierisches Brummen und Schmatzen.
Erst nachdem die Prozession einige Schritte weitergegangen war, bemerkte Rungholt seinen Fehler: Hinter dem Chorherrn führten zwei Männer ein Biest an Eisenketten durch die Menge. Unwillkürlich wich Rungholt einen Schritt zurück. Er hatte ein solches Wesen noch nie gesehen und kannte sie lediglich von Wappen. Aber diese Kreatur lebte. Ruhig trottete das Tier hinter Johann und den Geistlichen her, während sich ihm eine Nachhut aus Ratsmitgliedern anschloss. Der Löwe war schon alt, sein zerzauster Pelzkragen verfilzt, aber dennoch zeichneten sich unter seinem Fell die Muskeln beeindruckend ab.
Rungholt stockte der Atem, als das Tier plötzlich sein riesiges Maul aufriss und daumenlange Reißzähne entblößte. Mägde und Ratsfrauen schrien auf, selbst einige der Wallfahrer wichen erschrocken zurück. Zwei Weiber fielen unweit von Rungholt in Ohnmacht, und es hätte nicht viel gefehlt, und eine Panik wäre unter den Pilgern ausgebrochen. Die zwei Männer hatten das Tier jedoch gut im Griff, und Rungholt bemerkte, dass die Kreatur nicht kämpfen wollte, sondern wohl nur friedlich gegähnt hatte.
Nicht einmal ein Bullenbeißer kann diese Katze töten, dachte Rungholt entsetzt. Hier im Süden herrschen die Katzen über die Hunde. Unfassbar. Der Schurrmurr herrscht in den Gassen und Kirchen Münchens.
Die Prozession erreichte den Lettner. Kaum waren Johann, der Chorherr, die Bischöfe und die Ministranten durch den Bogen getreten und auf der anderen Seite verschwunden, lösten sich erste Pilger aus der Schlange. Neugierig strömten die Massen zum Lettner, bekreuzigten sich und flüsterten Gebete. Selbst die Vikare und Commendisten, die in den Kapellen die Memoria beteten, hatten ihre Arbeit unterbrochen.
Endlich sah Rungholt eine Chance, näher an den Opferstock zu gelangen. Er schob sich an zwei Wallfahrern vorbei, die nur Augen für Johann II. und die Bischöfe an seiner Seite hatten, und erreichte den Eichenstamm. Aber als er nach einem seiner Geldbeutelchen griff, die er am Gürtel trug, spürte er eine fremde Hand unter seiner Heuke. Einen Augenblick war er vor Schreck wie erstarrt, dann riss Rungholt den Kopf herum und blickte in das Gesicht des Zahnlosen, der ihm auf die Stiefel gestiegen war. Als habe man ihm kaltes Wasser über den Kopf gekippt, stand Rungholt einen Moment reglos da, bis er begriff.
Mit einer jähen Bewegung riss der Knecht einen von Rungholts Beuteln vom Gürtel. Er wollte fliehen, doch Rungholt gelang es, dem Mann einen Stoß zu geben. Der Dieb strauchelte, prallte gegen die Gaffer, die noch immer Johann und der Prozession zusahen, und riss einen Mann mit zu Boden. Rungholt lief los, kam aber wegen seiner Leibesfülle nicht recht in Schwung. Er spürte seine Gelenke von der abrupten Bewegung knacken und sah vor sich, wie der Dieb abrollte und wieder auf die Beine kam. Strauchelnd versuchte der Mann, sich zwischen die Pilger zu zwängen, in der Masse aus Wallfahrern und Gesindel unterzutauchen.
Mittlerweile war Rungholt fast hinter ihm. Anstatt sich zwischen den Menschen hindurchzuzwängen, rannte er die Wallfahrer einfach um. Dabei brüllte er vor Zorn und rammte sich mit Ellbogen und Schulter den Weg frei. Keine Armeslänge entfernt kämpfte sich der Dieb durch die Menschen, wie eine Forelle sich gegen den Strom schlängelt.
Rungholt holte auf, packte den Knecht an der Schulter, und ehe der Mann herumfahren und ihn schlagen konnte, hatte Rungholt ihm bereits die Faust in die Seite gerammt. Ein erneuter Schlag. Rippen brachen. Rungholts Faust schmerzte stumpf, doch er hieb ein drittes Mal zu, erwischte beim Ausholen jedoch einen Unbeteiligten mit dem Ellbogen im Gesicht. Der Mann ging mit blutender Nase zu Boden. Auch der Dieb war mittlerweile auf die Knie gesunken und keuchte. Um Rungholt herum kam die Masse in Bewegung. Ein zäher Teig rief nach Hilfe, und unzählige Hände wollten Rungholt packen.
Doch der war nicht zu stoppen. Zwar flog dem Dieb das Säckchen im hohen Bogen aus der Hand, aber Rungholt nahm es nicht wahr. Mit Gewalt entwich die Hitze seiner Wut in einem brüllendem Zischen, einem gewaltvollen Toben. Du bestiehlst mich nicht, zürnte Rungholt. Komm, du! Ich schneid dir die Hand gleich hier ab! Er drosch auf den Mann ein, hielt ihn mittlerweile im Nacken gepackt und ließ seine Faust in dessen Seite fahren. Ein bärtiger Mann wollte Rungholt an der Schulter packen und wegziehen, bekam von Rungholt aber die Stirn vor die Nase geschlagen. Weder erkannte er, dass er einem Priester die Nase gebrochen hatte, noch dass mittlerweile drei, vier Messdiener aufgeregt auf ihn einschrien.
Plötzlich hatte der Dieb ein Messer in der Hand. Sofort hatte auch Rungholt seine Gnippe gezückt; ein Klacken und Rungholts geliebtes Schnappmesser war aufgeklappt. Ohne sich von der Klinge des Fremden ablenken zu lassen, stürzte Rungholt vor. Seine Wangen brannten, er war ein glühendes Stück Zorn. Mit einem Ruck parierte er, packte den Stoßarm des Diebes mit der Linken, holte aus und wollte diesem Strolch die Augen ausstechen. Diesem Räuber ins Gesicht hacken, diesem Frevler, dieser Ausgeburt. Du hast es nicht anders verdient, ich werde …
Hände packten Rungholts Arm, vier Messdiener und der Priester rissen an ihm, und ehe es sich Rungholt versah, hatten sie ihn herumgeschleudert.
»Loslassen«, belferte Rungholt. »Lasst mich, verflucht! Ich …« Langsam drückten sie Rungholt zu Boden. »Der Schweinehund! Der hat... bestohlen!« Jemand kniete sich auf seinen Rücken und Rungholt blieb nichts, als zuzusehen, wie der Dieb humpelnd davonrannte und zwischen den empörten Pilgern verschwand. »Loslassen! Verteufelte Schietbüddel!«
2
Das Blut der zwanzig Männer. Rot ist der Schnee. Leiber vor der Scheune. Und eiskalte Nacht senkt sich über die Lichtung. Und Irena? Was war mit Irena? Sie starrt ihn an. Die Sterne ziehen über ihre Wangen, spiegeln sich auf dem Wasser, und sie ist unter dem Eis.
Das Eis ist dünn. Das Eis ist in seiner Seele, und Irena blickt ihn an. Für immer stumm. Ihr Gesicht wie schwebend unter den Schollen, und er traut sich nicht ins Wasser, um sie aus seinem Leben zu stoßen. Sie wird die Last auf seinen Schultern, sie wird der Albdruck. Und während er zu weinen versucht, wird ihm schon damals klar, dass sie immer bei ihm sein wird. Sie wird seine Hand halten. Sie wird ihn hinabdrücken. Sie wird ihn umklammern und ihn in die Hölle ziehen.
Er liebte sie. Und er...
Ich habe sie entleibt.
Ich habe Irenas Seele zerschlagen.
Ich habe ihrer aller Seelen zerschlagen.
Ich bin... Ich bin ein Mörder.
Während er am Ufer hockt und ihr Gesicht vereisen sieht, gefrieren ihm die Tränen auf den Wangen, und später erwacht er schweißgebadet.
Vom Albtraum, der einst ein alltäglicher Teil seines Lebens war, noch ermattet, wurde Rungholt vollends wach und fand sich unter einem Dach wieder, dessen roh geschlagene Balken er die letzten Nächte bereits angestarrt hatte. Obwohl er sie erkannte, wusste er für einen Moment nicht, wo er sich befand. Die Erinnerung an den Dieb, an die aufgeregte Meute und an die Messdiener kehrte erst zurück, nachdem er die Stimme seiner erwachsenen Tochter gehört hatte. Margot stritt sich mit ihrem Mann, wie sie es seit seiner Ankunft in München oft getan hatte.
Ihre Worte drangen die Stiege herauf und in die mit Stroh ausgelegte, stickige Dachkammer. Er war nicht in Riga, war nicht im Schnee. Er war auch nicht in Lübeck, wie er einen Augenblick lang angenommen hatte, sondern weit fort von der Heimat.
Rungholt schloss die Augen und horchte auf sein Herz. Es schlug gleichmäßig und ruhig. In den letzten zwei Jahren war er des Öfteren ohnmächtig geworden, hatte die Welt einen Moment für ihn innegehalten, bis er sich auf dem Boden oder auf einem Stuhl wiedergefunden hatte. Sein Herz schmerzte die letzten drei, vier Jahren häufig. Es fühlte sich an, als säße ein böser Geist in ihm und umschlösse es mit seiner Faust. Ab und an drückte der Geist mit sanfter Kraft zu, und Rungholt dachte immer öfter, dass es Irena sei. Dieser Geist. Seine Geliebte, die er vor mehr als zwanzig Jahren getötet hatte. Töten musste. Das beklemmende Gefühl, sie hocke in ihm und halte sein Herz umklammert, war von Winter zu Winter stärker geworden. Er würde nicht mehr viele Jahre zu leben haben, das wusste Rungholt.
Niemals würde er so alt werden wie sein Freund Winfried, der sein endlos scheinendes Leben erst vor wenigen Monaten beendet hatte. Zu viele gebratene Enten waren auf dem Biersee in Rungholts Magen gelandet, den er über die Jahre wie ein tödliches Sumpfgebiet angestaut hatte.
Es war der Gedanke an Irena und der Gedanke an einen möglichen Tod, der ihn nach München getrieben hatte, der ihn die wochenlange Reise in den Süden hatte antreten lassen. Das Ahnen um die endliche Zahl der Sonnenaufgänge, die er noch sehen würde.
In der Schwüle des Abends wurde ihm auch bewusst, dass das Ziel seiner Reise, endgültig Seelenfrieden zu finden und die Gewissheit zu erlangen, doch noch seinen Platz im Himmel zu erlangen, wohl durch seinen Zornesausbruch zum Scheitern verurteilt war. Er war zum Beten in die Stadt gekommen und war aus dem Hause Gottes geworfen worden.
Erneut wurde ihm schlecht, und er spürte, wie Irena sein Herz umfasste. Ich blöder Kerl, dachte er, ich habe versagt.
Auf den Sparren konnte er Mäuse quieken hören, bevor eine Männerstimme die kurze Stille zerschnitt: »Dem geht nichts anderes als Geld im Schädel herum. Geld, Geld, Geld! Sollen seine Heringe doch verrotten! Ich will nicht, dass er länger hier wohnt.«
»Vater hat es doch nicht so gemeint, Utz.«
»Natürlich hat er es so gemeint. So und nicht anders. Der denkt doch, ich bin nicht gut genug für seine Tochter. Dem feinen Herrn bin ich nicht reich genug! Ich möchte, dass er auszieht.«
»Aber er ist doch erst seit drei Tagen hier.«
Rungholt rieb sich die Augen und richtete sich auf seinem Strohlager auf. Wer auch immer ihn hergebracht hatte, jemand hatte ihn bis auf die Cotte ausgezogen und seine Kleider säuberlich gefaltet. Sein wunder Hintern war verbunden, die aufgeplatzten Blasen und die offenen Wunden versorgt. Wahrscheinlich war es Margot gewesen, die den Verband aus Hanfwerg um seine Schenkel und seine Hüfte geschlungen hatte. Der Rotwein, mit dem sie den Verband heute Morgen getränkt hatte, war längst verdunstet und der Hanf trocken.
Ein Knurren war von unten zu hören. »Drei Tage... Und er schlägt sich mit unseren Priestern. Er widert mich an, dein Vater. Es ist gotteslästerlich.«
»Utz, bitte. Du weckst ihn noch auf.«
Nach seiner Ankunft in München war er ans Bett gefesselt gewesen. Zwei Tage hatte er mit wundem Hintern auf den harten Strohsäcken verbracht, bevor er sich auf den Marktplatz getraut hatte. Hinein ins Menschenmeer. Es hatte ihn aufgenommen und nun wieder ausgespuckt. Zurück in die kleine Dachkammer.
Rungholt schwang ein Bein über die gefüllten Säcke, und der Schmerz durchfuhr ihn erneut. Er biss die Zähne zusammen. Hatte nicht auch Jesu unsagbare Qualen erlitten? War der Schmerz nicht Gottes Strafe für sein lästerliches Leben? Ihn nicht mehr zu spüren hieße wohl, die Gnade Gottes zu empfangen, doch die hatte Rungholt wahrlich noch nicht verdient.
»Vater ist eben manchmal etwas herrisch.«
»Manchmal? Dein Vater ist nicht herrisch, sondern ein ungenießbarer Loadbatz’n. Was bildet er sich ein? Der feine Hanser. Trägt seinen Wanst vor sich her wie den Bug eines seiner ach so großartigen Schiffe und brüskiert mich vor meiner Frau.«
»Seiner Tochter.«
»Sei’s drum.«
»Utz! Vielleicht ist er wach...«
»Soll dein Vater doch hören, was der Flößer Utz Bacher von ihm hält.«
Ja, Flößer … Ein Tagelöhner bist du. Rungholt schnaubte verächtlich. Nicht mal ein Handwerksmeister oder Händler. Ein Mann, der einem Flößer hilft, sein Holz von Tollentze die Isar hinabzutreiben, der kleine Geschäfte mit den Bauern abschließt und stolz von seinem Krimskrams spricht, den er durch Mittelsmänner aus den herzoglichen Gebieten jenseits der Alpen bezieht. Wahrscheinlich von Dieben und Taugenichtsen. Aus der Lombardei, aus Mailand, vielleicht aus Rom. Weiß Gott, woher Utz seine Kannen, Becher und Bleche bekommt. Ein gutes Geschäft hat er mit seinen mickrigen Fässchen voller Gewürzen und dem anderen Plunder bisher nicht gemacht.
Die harten Strohsäcke, auf denen Rungholt saß, waren aufgeplatzt. Halme staken heraus und pikten. Erschöpft stand er auf. Etwas Stroh hatte sich in die wunde Stelle gelegt und klebte am neuerlich aufgescheuerten Fleisch.
»Er soll ausziehen. Einen frevelhaften Schläger dulde ich nicht in meinem Haus.«
»Utz«, brummte Rungholt verächtlich, während er sich in der stickigen Kammer umsah. »Ich würde dir schon erklären, was passiert ist – meiner Tochter zuliebe. Aber du suchst doch nur einen Vorwand.« Du bist ein Taugenichts, der die ganzen Jahre, die er mit meiner Tochter verheiratet ist, ihr kein Kind schenken konnte. Die ganzen Jahre hast du bei ihr geschlafen, und ich habe keinen Enkel bekommen. Und nicht einen Witten hast du angelegt, geschweige denn rechnen gelernt. Bestimmt kannst du nicht lesen und schreiben. Armselig bist du, im Beutel und im Geiste. Ein Flößer, dem die Mäuse in seinem eigenen Haus auf den Kopf scheißen und der meiner Tochter nicht einmal ein Kleid aus Seide kaufen kann oder die Geschmeide, die sie verdient. Utz Bacher.
Trotz des ungemütlichen Lagers fühlte er sich ausgeruht, nur die Hitze machte ihm zu schaffen. Im Dachzimmer, das Rungholt wie die Räucherkammer auf seinem dritten Dachboden vorkam, stand die Sommerluft. Ein Fenster gab es nicht, aber das Licht schien durch die Ritzen und Löcher der schlecht verlegten Holzbretter, die notdürftig als Dachschindeln dienten.
Margot war es peinlich gewesen, als sie ihm vor drei Tagen dies Lager hergerichtet hatte, nachdem sich Utz geweigert hatte, Rungholt unten in ihrer Schlafecke übernachten zu lassen. Aus Unwissen und Gewohnheit hatte Rungholt nach dem Alkoven des Knechts oder der Magd gefragt, um jedenfalls dort zu nächtigen, da die beiden aber keine Bediensteten hatten, war Margot schamrot angelaufen. Wie damals, als Rungholt sie beim Küssen mit dem Nachbarjungen im Hinterhof seines Hauses in der Lübecker Engelsgrube erwischt hatte. Um seiner Tochter noch mehr Peinlichkeiten zu ersparen, hatte er schließlich so getan, als sei die Dachkammer gut genug, und hatte sich die Stiege hinaufgequält. Die steilen Stufen waren so schmal, dass er befürchtet hatte, mit seinem wohlgenährten Körper stecken zu bleiben.
»Kommt mit einem Wagen angereist, der feine Herr«, hörte er Utz von unten weiterlästern. »Muss herumgefahren werden wie ein Weibsbild und scheuert sich den Arsch wund. Nein, nein, Margot. Weil du seine Tochter bist, habe ich ihm alles durchgehen lassen. Aber bei Gott, wenn mich dein Vater noch einmal beleidigt, dann zieht er aus!«
Umständlich, den Kopf wegen des tiefen Firstbalkens eingezogen, schlüpfte Rungholt in seine Beinlinge. Er musste sich verrenken, um seinen lädierten Hintern nicht gegen einen der Balken stoßen zu lassen.
Unten knallte etwas protestierend auf den Tisch. »Wenn ihm meine Suppe nicht schmeckt, soll er ins Wirtshaus. Da kann er so viel Enten in sich reinstopfen, bis sie aus seinem blutenden Hintern wieder rauskommen! Ich bin beim Florian.«
Leise griff sich Rungholt sein Surcot und trat zur Stiege. Die ausgetretenen Stufen führten hinab ins Erdgeschoss. Er wartete, bis er die Haustür zufallen hörte, dann ging er hinunter.
Margot saß bei einer blakenden Öllampe und nähte Utz’ Beinlinge. Vor ihr auf einem großen, schweren Holztisch stand, obwohl es bereits Abend war, noch immer die Daubenschale von der Morgensuppe. Die Holzschüssel war leer gelöffelt.
Einen Augenblick stand Rungholt an der Stiege und sah seiner Tochter unbemerkt zu, die mit schlanken Fingern einen neuen Faden einfädelte. Mit ihren einundzwanzig Jahren wirkt Margot wie ein altes Weib, schoss es Rungholt besorgt durch den Kopf. Sie sieht so verbraucht aus. Die Hände dreckig, von Falten durchzogen. Als sei ihr das Fleisch über die Knochen gezogen worden, selbst ihre Wangen sind eingefallen. Nicht das Gesicht der Tochter, die ich ziehen ließ.
Rungholt spürte, wie erneut Zorn in ihm aufstieg. Dieser Utz Bacher, dieser Mann brachte es nicht zustande, sein Eheweib zu ernähren. Gewiss, die beiden gaben sich alle Mühe, ihre Armut zu verbergen, doch schon nachdem Rungholt vom Wagen gestiegen war und seine Reisetruhe in die Diele hatte schleppen lassen, war ihm aufgefallen, dass das Haus keine Bodenfliesen hatte. Nur einen gestampften Lehmboden. Gut, dass seine Tochter nicht im Stroh auf nackter Erde sitzen musste, wirkten doch alle Möbel aus alten Brettern zusammengehauen. Die zwei alten Truhen passten nicht zum Geschirr, das kleine Regal an der Feuerstelle nicht zum groben Alkoven, dem Bettschrank, der anstatt in der Mauer eingelassen zu sein, einfach nahe der Feuerstelle zusammengezimmert worden war. Eine beheizte Dornse, eine Schreibkammer, wie Rungholt sie besaß, hatte er vergeblich gesucht.
So hatte er sich die Reise nach München wahrlich nicht vorgestellt. Und Margots Leben im Süden auch nicht. Am liebsten hätte Rungholt seiner Tochter augenblicklich eine Truhe Witten hingestellt, doch der Dieb hatte ein Viertel seines Reisegeldes gestohlen, und er hatte noch mehr als vier Tage vor sich – und eine Rückfahrt von zwei, drei Wochen.
Rungholts Magen knurrte und verriet ihn.
»Vater. Haben wir dich geweckt?« Margot legte die Nadel beiseite und kam zu ihm.
»Nein, nein. Wieso?« Er tat, als habe er den Streit nicht gehört und trat zu ihr an den Tisch. »Wer hat mich hergebracht, Margot?«
»Ein paar Schützen. Die Büttel haben dich gefunden und die Schützen gerufen.« Auf seinen fragenden Blick hin fügte sie hinzu: »Die Männer vom Rat, die während des Jubeljahrs für Ordnung sorgen.« Sie strich ihm über die Wange. »Vater, du hast ganz bleich ausgesehen. Sie haben dich zum Brunnen getragen, da hat Utz dich abgeholt.«
Richtig. Er erinnerte sich schemenhaft an Utz, der ihn untergehakt und fluchend in die Schmalzgasse nahe dem Sendlinger Tor gebracht hatte. Obwohl er still sein wollte, entfuhr ihm ein Knurren. »Kann ich ja froh sein, dass er mich nicht noch ertränkt hat, hm?« Er versuchte angesichts ihres besorgten Blicks zu lächeln.
»Er hat dir doch nichts getan.« Seufzend begann Margot, die Fäden vom Tisch zu räumen. Durch die mit Leinen bespannten Fenster fiel rotes Abendlicht. »Bist du gekommen, um Streit zu suchen, Vater?«
»Ich?«, fragte er ehrlich überrascht. »Nein. Gewiss nicht.« Er sah sich im Wohnraum um. Das Holzhaus, das Utz mit in die Ehe gebracht hatte, stand in einem Stadteil, der passenderweise Elend hieß. Es bestand nur aus einem einzigen Raum und dem Zimmerchen unter dem Dach. Das Schlafgemach war mit einem groben Leinentuch abgehangen. Kruzifixe und Erbärmdebilder hingen an den von Feuchtigkeit fleckigen Wänden, die nur schlecht mit Stroh und Lehm verputzt waren. Die Decke war pechschwarz von Ruß, weil der Rauch einfach ins Gebälk entwich. Und wenn der Wind durch die Ritzen pfiff, wurde er in die Kammer unter dem Dach gedrückt, in der Rungholt die letzten Tage geschlafen hatte. Gegenüber der Stiege konnte Rungholt den Alkoven sehen. Er stand offen. Zwei Katzen schliefen in den Strohbetten. Unweit des Bettschranks waren die Feuerstelle und daneben noch die einstigen Stallungen zu erkennen, in denen wohl einmal Schweine gestanden hatten. Nun diente ein Teil als Lager für Utz’ Handelswaren. Verbeulter und dreckiger Krimskrams. Einer der Verschläge war ausgehoben worden, sodass man durch eine Falltür in einen kühlen Keller für Kartoffeln, Fleisch und Obst gehen konnte. Erneut knurrte Rungholts Magen.
»Ich bin hier, um mich von Sünde reinzuwaschen. Absolution, Margot. Absolution. Der Papst hat sie uns versprochen.«
Rungholt wurde von Margots Lachen überrascht. »Entschuldige, Vater, aber die wirst du wohl so schnell nicht bekommen. Du hast Priester Bonifatius die Nase gebrochen und bist aus der Kirche …«
Er unterbrach sie unwirsch, denn er hatte keine Lust, sich jetzt damit auseinanderzusetzen. Rungholt nahm sich die Öllampe und ging zur zusammengenagelten Falltür, zog sie auf und spähte ins Dunkel. Vier Stufen führten in den Keller hinunter, in dem man nur gebückt stehen konnte. Er würde einfach noch einmal in diese Kirche gehen und seinen Almosenschein bekommen. Dann würde er zu den Reliquien in die Alte Veste pilgern und beten – wie ein jeder Wallfahrer würde er vom Bischof seinen Ablassbrief erhalten. Er würde seine Absolution schon bekommen. Irgendwie.
Rungholt ging hinab in den Keller. Alle Haken zwischen den Regalen waren leer, und als er genauer hinsah, erkannte er, dass sie bereits verstaubt waren. Seit Wochen hatten hier kein Schinken und keine Wurst gehangen. Nur ein Sack Rüben und ein paar Äpfel lagen im Regal. Das Frischeste, argwöhnte Rungholt, sind meine Heringsfässer, die ich aus Lübeck mitgebracht und hier eingelagert habe. Einen Moment lang überlegte er, in die Kneipe zu gehen, ganz so, wie es Margots Mann gewollt hatte, und sich eine Ente zu bestellen. Er verwarf den Gedanken.
»Dieser Utz ist nicht der richtige Mann für dich, Margot.«
»Bitte, Vater, fang nicht wieder damit an. Wenn du schon Gnade in München erfahren willst. Warum kannst du dann nicht selbst etwas mehr Wohlwollen zeigen?«
»Dass ihr Geld braucht, Margot, habe ich wohl schon bemerkt.« Rungholt kam aus dem Keller. »Mach dir keine Sorgen.«
»Nicht dieses Wohlwollen... Du denkst wirklich an nichts anderes«, seufzte sie enttäuscht. »Geld, Geld und abermals …«
Und abermals Geld, dachte Rungholt bitter. Wer denkt an etwas anderes? Er hatte es noch niemandem gesagt, aber diesen Sommer hatte sein einstiger Reichtum zu bröckeln begonnen. Die letzten Wochen hatte Rungholt häufig wach gelegen und sich vorgestellt, der Turm seines Geldes bekomme erst Risse und stürze dann vollends in sich zusammen. Jeden Tag in den letzten Monaten hatte er die Rechnungen sorgenvoller von einer Seite seines Schreibpults zur anderen geschoben und gegrübelt, wie er die wachsenden Ausgaben wieder in den Griff bekommen könne. Sehr viel schneller, als er angenommen und jemals geglaubt hatte, waren seine Rücklagen geschmolzen. Nachdem sich seine Brauerei als ein einziges Fiasko herausgestellt hatte, hatte er versuchte, das marode Gebäude loszuwerden, hatte jedoch selbst unter seinen Freunden niemanden gefunden, der auch nur ein Drittel von dem zahlen wollte, was er vor rund einem Jahr für das Gebäude ausgegeben hatte. Zudem kamen die Kosten für den neuen Sudkessel, die Setzrahmen, die Holzrohre und die Handwerker. Noch immer stapelten sich unbeglichene Rechnungen in seiner Scrivekamere, die er vor gut zwei Wochen seinem Kaufmannsgesellen übergeben hatte, weil Daniel in der Nordsee unterwegs war.
Er unterbrach seine Tochter, indem er die Falltür zufallen ließ. »Geschwätz! Gib es zu, ihr habt nichts zu beißen, und Kinder macht er dir auch keine«, hielt er ihr vor. Brummelnd legte er sich mit dem Bauch zuunterst auf die Bank. »Kannst du mal nachsehen?«
Sorgsam nahm Margot den trockenen Hanfverband von Rungholts Hintern, ging zur Feuerstelle und zog einen Weinkrug hinter einem leeren Butterfass hervor. Sie tränkte den Lappen. »Eine Frau ist verschwunden.«
»Na und? Was geht’s mich an?«
Sie kam zur Bank zurück und tupfte die offene Wunde ab. Das Fleisch seiner Pobacken war geschwollen, Blasen waren aufgeplatzt, und einige Stellen des Wundriebs waren bereits entzündet.
»Nun, sie ist eine gute Freundin von mir, und du... du bist doch gut in so etwas.«
Rungholt brummte abfällig, während sie das feuchte Hanfwerg auflegte, und Rungholt zuckte vor Schmerz zusammen.
»Die Frau eines befreundeten Goldschmieds«, erklärte Margot weiter.
Anstatt auf ihre Ausführung einzugehen, schlang Rungholt die Bruche wieder um seinen Hintern.
»Hat er Geld?«
Margot seufzte. »Es soll auch Männer geben, die lieben ihre Frauen so sehr, dass ihnen Geld egal ist.« Sie ging zurück zu ihrem Weinkrug und schob ihn wieder hinter das Butterfass. »Sie heißt Beatrijs. Oder sagt man hieß? Ihr Mann ist angesehener Goldschmied und hat Geld, doch. Ja. Er würde gewiss sein letztes Hemd geben, um sein Weib wiederzusehen.«
Mit einer abfälligen Geste nahm Rungholt seine Schecke.
»Er heißt Theobald Smidel, und ich glaube, dass er dir mit mehr als mit Geld eine Freude bereiten kann.« Lächelnd reichte Margot ihm einen Kamm aus Knochen. »Du solltest dein Haar richten.«
Fragend sah Rungholt seine Tochter an. Ihm entging das schelmische Blitzen in ihren Augen nicht.
»Er kann dich zu den Reliquien lassen«, erklärte Rungholts Tochter auf seinen fragenden Blick hin. »Dass du deine Absolution bekommst, Vater.«
 
Den ganzen Weg in die Taubenstube, die winzige Kaschemme am schönen Turm, hatte er sich geärgert, dass seine Tochter seine Notlage auszunutzen versuchte. Und während er der Ente die Haut abzog, grübelte er immer noch, ob nicht etwas anderes hinter ihrem Vorschlag steckte, als ihn zu seinem Seelenheil zu führen.
Obwohl Margot ihm erklärt hatte, dass Theobald Smidel im Alten Hof Goldarbeiten am Altar ausbessere und Rungholt sicherlich problemlos zu den Reliquien lassen könnte, hatte Rungholt abgelehnt.
Er hatte Margot seit gut neun Jahren nicht gesehen und bloß einige kurze Briefe von ihr erhalten. Die meisten in dem Jahr, als ihr erster Mann Gottfried Hahnemann an Fieber verstorben war. Rungholt hatte Margot mit zwölf Jahren dem Händler Hahnemann aus der Hansestadt Köln versprochen, aber die beiden hatten lediglich ein knappes Jahr miteinander verbringen können, bevor Gottfried verstarb und es Margot nach München verschlagen hatte, wo sie schließlich Bacher kennenlernte.
Rungholt hatte geweint, als Margot auf den Wagen des Kaufmanns gestiegen und aus seinem Leben verschwunden war. Sie war damals noch ein Kind gewesen, gerade einmal zwölf Jahre alt, und Rungholt hatte sich gute Geschäft mit Hahnemann versprochen, den er als sanftmütig und äußerst korrekt in Erinnerung hatte.
In den neun Jahren war Margot zur Frau und Rungholt fremd geworden. Im Gegensatz zu ihm schien sie sich über Geld und Finanzen keine Gedanken zu machen. Immerhin hatte sie Bacher geheiratet und sich nicht versündigt, indem sie mit ihm in wilder Ehe lebte. Sie liebe ihn, hatte sie in den letzten drei Tagen oft beteuert, wenn Rungholt sich über Bachers Armut abfällig geäußert hatte.
Aber war es wirklich nur Liebe, die hinter ihrem Vorschlag steckte, Smidels Weib zu suchen?
Liebe?
Rungholt musste schmunzeln. Liebe. Ja, auch er wusste, was Liebe hieß. Er hatte für sie getötet.
Es war nur eine sanfte Ahnung, aber er glaubte, dass noch etwas anderes hinter ihrer Bitte steckte.
Jetzt saß er in der Taubenstube, hatte eine Ente mit Mus bestellt und überlegt, wie er die Heringsfässer am schnellsten verkaufen konnte. Weil es ihm sicherer erschienen war, lieber Heringe anstatt allzu viele Taler aus Lübeck mitzuschleppen, hatte er mit seinem Kaufmannslehrling Daniel sechs Fässer aufgeladen. Wie der Vorfall im Alten Peter ihm gezeigt hatte, war es kein Fehler gewesen, argwöhnisch gegenüber den Bayern zu sein.
Wie die Krüge Wein auf seinem Tisch schob Rungholt die Gedanken an Gottfried Hahnemann, an seinen Schwiegersohn Utz Bacher und an seine Tochter umher. So weit ab von seinem gewöhnlichen Leben – den Freunden und Geschäftspartnern und seiner geliebten Frau Alheyd – wurde Rungholt wehmütig. Vom Wein geschwängerte Erinnerungen an seinen alten Freund Winfried kamen in ihm hoch und ließen ihn schließlich an Pater Jakobus’ Worte denken.
Auch du sollst in den Himmel kommen. Schmilz den Schnee. Wann immer du betest, der Himmel wird dich erhören. Verschaffe dir Absolution. Sie wird dir zuteilwerden, denn du bist kein Mörder, Rungholt.
Aber war er das wirklich nicht? Hatte er nicht im Schnee zahlreiche Männer vorsätzlich entleibt? Hatte er Irena nicht gemordet? Grundlos. Es war Blut an seinen Händen, seit über zwanzig Jahren. Er war der Zorn gewesen, der Sturm, der die Männer zerschlagen hatte, obwohl Irena bereits tot gewesen war. Nein, er hatte die Männer gemordet, weil sie tot gewesen war.
Rachsucht. Ira … Irena.
Er hatte für die Liebe getötet, aber hatte er gemordet?
Rungholts Blick fiel auf seine Hände, und er erschrak. Schlagartig spürte er Irena nach seinem Herzen greifen. Seine Hände waren rot. Er rieb sie und stellte fest, dass es nur der Wein war, der sie im Licht der Öllampe rot erscheinen ließ. Erleichtert trank er den Becher in einem Zug und spürte, wie angenehm das Gesöff seine Gedanken vernebelte.
3
Alle Sünden auf einen Schlag.
Beatrijs kniete betend auf der nackten Erde, die kleinen Hände gefaltet, den Blick gen Himmel zu Maria mit ihrem Sohne gerichtet. Unscheinbar, winzig hockte sie neben ihrem Mann Smidel, der beinahe doppelt so groß wie sie selbst war. Während er beinahe lebensgroß gemalt worden war, hatte der Zeichner Beatrijs zu einer hüfthohen Puppe, zu einem kleinen Menschen, einem Spielzeug neben ihrem Mann werden lassen.
Rungholt trat näher. Immerhin hatte der Maler seiner Ausführung viel Zeit gewidmet. Für Rungholt jedenfalls hatte es den Anschein, als habe er diese betende Frau besonders gemocht, oder sich an ihrer Schönheit erfreut. Einige wenige Strähnen ihres blonden Haares lugten unzüchtig unter ihrer Rise hervor, die sie sich um ihr Kinn und ihren langen Hals gelegt hatte. Den Kopf leicht schief gestellt, mischte sich in Beatrijs’ bemüht ernsten Blick eine entrückte Fröhlichkeit. Ihre schlanken Finger lagen ohne Kraft aufeinander. Ein graziles Dach des Gebets. In ihren braunen Augen schimmerte ein zartes Leuchten, und ein frommes Lächeln lag auf ihrem Mund.
Ein Lächeln aus Seide, dachte Rungholt. Wie Gaze liegt es auf ihren schmalen Lippen, kaum sichtbar. Es wirkt so lebendig.
Alle Stifter des Heilig-Geist-Spitals hatten sich mit ihrer Familie verewigen lassen. Das Gemälde war erst in den letzten Monaten fertig geworden, denn die letzten Steine des Spitals nahe dem Rindermarkt waren noch nicht gesetzt worden. Seit ein Stadtbrand vor gut fünfundsechzig Jahren das Spital samt der Katharinenkapelle vernichtete hatte, wurde an der kleinen Hallenkirche gebaut. Anscheinend hatten die Smidels viel Geld gespendet. Selig lächelnd wartete Smidel auf seinen Segen, während Beatrijs’ Augen durch noch frische Farbe blitzten. Auf ihrer Haut lag ein Schimmer.
Aber es bedurfte nur der schmalen Lippen, des Seidenlächelns, um Rungholts Herz schwerer werden zu lassen. Es war, als schmeichle ihm die Seide ihres Lächelns und zöge ihn zu sich. Er meinte die Frau schon lange zu kennen, ohne zu wissen, woher. Sie ähnelte entfernt seiner ersten Frau Johanna, die vor neun Jahren gestorben war, aber Rungholt hätte diese Ähnlichkeit nicht benennen können, er spürte nur eine beunruhigende Sehnsucht.
Das Lächeln nahm Rungholt gefangen. Er trat einen Schritt zurück und musste sich anstrengen, seinen Blick wieder zu weiten. Für einen Moment stellte er sich vor, ihre Augen wären stumpf. Das blasse Gesicht in einem dunklen Acker. Weiße Wangen voller Erde am Weg der Pilger. Die Hände gefesselt, die Rise blutrot. Der lange Hals mit einem Schnitt, und der Tod lächelt durch ihre blauen Lippen.
»Sie ist wunderschön, nicht?«
Rungholt wandte sich um. Margot kniete hinter ihm und betete. Er konnte ihr grobes Leinenhemd riechen, das zu viele Nächte im Feuchten gelegen hatte. Er brummte eine Zustimmung.
»Und er könnte mich wirklich zu den Andechser Reliquien bringen?«, fragte er noch einmal und musste vom Wein aufstoßen.
»Nun, Smidel arbeitet direkt am Altar in der Laurentius-Kapelle. Im Alten Hof. Gewiss könnte er dich in die Kirche lassen.«
»Hm.« Er half ihr auf. Kaum hatten sie die Kapelle betreten und sich durch die Pilger gedrückt, hatte Margot mit Beten begonnen. Beinahe hätte sie sich auf den Boden geworfen und wäre wie die Wallfahrer im Dreck gekrochen.
Margot ließ Rungholts Hand nicht los. »Du musst es nicht tun, ich dachte nur, weil du hier bist und die Geistlichen schon über dich reden...« Sie sprach es kaum aus. Auch so verstand Rungholt, was sie sagen wollte. Sie hatten ihn achtkantig aus der Kirche geworfen. Angeblich tuschelten die Weiber auf dem Markt schon von dem Vorfall: Ein fetter Kaufmann, ein Pfeffersack aus dem Norden, wütet mit einem Messer im Haus Gottes und vergießt Blut vor dem Altar …
»Seit wann ist sie denn fort?«, fragte er und trat näher an das Wandbild. Er konnte dem Drang nicht widerstehen, ihr aufgemaltes Kleid zu berühren. Die Farbe war kalt, auf eigentümliche Art kälter als die Mauer.
»Seit ein paar Tagen, seit Dienstag letzter Woche.«
Das waren gut acht Tage. In seinem Rücken konnte Rungholt die Kranken des Spitals husten und jammern hören, während ein Priester ein Gebet sprach. Er drehte sich um und betrachtete einen Moment die aufgereihten Liegen. Die meisten von ihnen waren von Pilgern besetzt, die eine kostenlose Unterkunft im Spital suchten. Zwei Männer nähten ein Leichentuch über dem versteinerten Gesicht eines Greises zu. Bei jedem ihrer Stiche schwoll die Stimme des Priesters an. Sein Gebet wurde zu einer flammenden Rede über die Qualen der Hölle.
Ein Kaufmann vergießt Blut vor dem Altar des Herrn und lässt den Schnee bluten.
»Man nennt dich doch Bluthund, Vater. Da dachte ich...«, meinte Margot, die sich inzwischen ein paar Schritte neben ihm auf einen Schemel gesetzt hatte. Er sah sie erstaunt an, antwortete aber nur mit einer fahrigen Geste. Ligawyj, dachte er. Bluthund. Woher wusste sie das? Es ist nicht gut, dass sie davon weiß. Für Freund und Feind war er Ligawyj gewesen. In der Kirche von Novgorod, auf den Eisfeldern des Peipussees und später … Auch später. Einen Ruf kann man nicht ablegen wie einen dreckigen Mantel, dachte er. Wahrscheinlich hat sie es mal als kleines Mädchen gehört. Ligawyj.
»Selbst wenn sie... wenn sie tot ist. Sie sollte eine richtige Beerdigung bekommen. Ihre Gebeine sollten in die Erde und ihre Seele in den Himmel fahren. Sie war... ist … ein gutes Weib. Du hast zu Hause doch einige Schandtaten aufgeklärt, Vater. Vielleicht könntest du einmal nachfragen und...« Margot brach ab.
Will sie mir schmeicheln? Rungholt fragte lieber nicht nach, was für Gerüchte auf den Märkten außerhalb Lübecks die Runde machten.
»Lebt dieser Theobald wenigstens seinem Stand entsprechen?«, fragte er stattdessen.
»Jetzt fang bitte nicht wieder mit Geld an. Utz und ich sind glücklich, so wie wir leben. Wir haben nicht viel, aber wir lieben uns.«
»Fühl dich nicht immer angegriffen. Das mag ich nicht bei meiner Tochter«, schnaufte Rungholt. »Lieben … Sag schon, kann dieser Goldschmied meine Nachforschungen bezahlen, wenn ich es tue?«
Rungholt trat zu ihr und fühlte nach einem seiner Geldsäckchen. Er hatte nur noch drei Taler, den Rest hatte dieser Dieb. Mit einer gewohnten Geste zog er das Beutelchen vom Gürtel und eine Münze heraus. »Geh«, sagte er. »Tu ein bisschen was in den Klingelbeutel.« Er nickte zum Priester, der gerade den beiden Männern half, den Leichnam auf eine Bahre zu legen und über die Hurer und Zauberer lästerte, die das goldene Kalb angebetet hatten.
»Er genießt einen ausgezeichneten Ruf unter den Goldschmieden, soweit ich weiß.« Margot nahm das Geld und beeilte sich, es in das kleine Kästchen zu werfen, das am Eingang stand. »Seine Goldschmiedearbeiten sind sehr gefragt – immerhin arbeitet er auch für den Herzog und die Bischöfe … Ach, und er hat ein großes Haus am Rindermarkt und zwei Mägde, die ihm zur Hand gehen. Reicht das?«
Rungholt brummte zustimmend.
»Du könntest bei den Andechser Reliquien beten, ohne dich in der Menge anzustellen... Ganz in Ruhe.«
Indem er sie bei der Schulter fasste, unterbrach er seine Tochter. »Ich bin hergekommen, um Abbitte zu leisten und Absolution zu erlangen, Margot. Nicht, um wen zu suchen. Warum machst du es mir so schmackhaft? Warum soll ich dieses Weibstück wirklich finden? Warum sucht dein Utz sie nicht?«
Sie sah zu Boden, und Rungholt bemerkte, wie schwer es seiner Tochter fiel weiterzusprechen. »Der letzte Winter war schwer. Ich war schwanger, aber wir haben das Kind verloren. Wir sind fast erfroren, Vater. Beatrijs ist nicht nur meine Freundin, sie ist die Frau unseres Geldgebers. Theobald Smidel rüstet Utz’ Fahrten aus, er und seine Geschäftspartner nehmen uns das meiste Holz ab, das Utz nach München bringt und... und... und die kleinen Dinge, die Utz mitbringt.«
»Kleine Dinge?«
»Der Winter steht vor der Tür. Ich will nicht erfrieren«, meinte sie hart. »Manchmal bringt Utz Gold und Edelsteine für Smidel mit. Unter der Hand.« Sie rieb sich die Augen und bekreuzigte sich. »Außerdem tue ich es dir zuliebe.« Er sah sie fragend an. »Ich will, dass du in den Himmel kommst, Vater.«
Einen Moment war er sprachlos, dann erinnerte er sich an ihre blaugeschundenen Knie. Kurz nach seiner Ankunft in München hatte er gesehen, wie sie auf dem dreckigen Boden gehockt und gebetet hatte. Und als sie aufgestanden war, hatte er die Blutergüsse gesehen. Die Stellen vom ewigen Niederknien.
Er strich ihr über Wange. »Ich komme schon in den Himmel, Margot.«
Sie sah ihm in die Augen. Rungholt war sich nicht gewiss, ob sie nach einer Lüge suchte oder wirklich nur ihre Worte wählte. Zwar konnte er in Margots Blick nichts Auffälliges erkennen, und sie wurde auch nicht rot, dennoch hatte Rungholt ein ungutes Gefühl, als sie ihm antwortete. »Auch du hast die Absolution verdient«, flüsterte sie lächelnd, und bevor Rungholt nachfragen konnte, was sie mit auch meinte, fügte sie an: »Wir alle haben sie verdient. Die Lossprechung aller Sünden.«
Rungholt drückte seine Tochter an die Brust. »Gewiss. Das haben wir. Ich spreche mit ihm«, meinte er, und es kam ihm vor, als tröstete er sie. Weil sie zu einer weiteren Erklärung ansetzen wollte, legte er ihr sanft den Finger auf die Lippen.
»
4
Zusammen mit Margot ging Rungholt noch am selben Abend zum Rindermarkt und klopfte an Theobald Smidels Tür. Margot hatte Rungholt nach seiner Zusage so stark geherzt, dass ihm noch immer die Brust wehtat. Er hatte seiner Tochter nichts versprochen, hatte nur eingewilligt, sich ein wenig umzuhorchen. Wenn dieses Weib namens Beatrijs wirklich seit über einer Woche verschwunden war, so gab es kaum Hoffnung. Soweit Rungholt herausgehört hatte, war kein Schreiben mit einer Geldforderung oder gar ein Lebenszeichen bei Smidel eingetroffen.
Beatrijs war einfach verschwunden, und Smidels Versuche, sie zu finden, waren gescheitert. Auch Rungholt glaubte nicht, sie nach über einer Woche wirklich finden zu können. Gewiss war die Frau längst tot, einem Unfall oder einem Raub zum Opfer gefallen. Doch er hoffte, zumindest ihre Leiche zu finden oder Smidel auf andere Weise einen Hinweis zu geben, was mit seiner Frau wirklich geschehen war. Und insgeheim hoffte er, Smidel reiche die Gewissheit, einerlei wie grausam die Wahrheit war – und er ließe ihn zu den Reliquien. Ohne seine Trippen abzuschnallen, trat Rungholt mit seiner Tochter in die Diele.
Jegliche Entschlossenheit war aus Smidels schlanken Fingern gewichen. Ein Händedruck ohne Sonne, dachte Rungholt, ein Händedruck ohne Glück. Er schätzte den Goldschmied mit den weißen Haaren auf Mitte dreißig. Er war schwer zu schätzen, denn Augenringe lagen tief in Smidels Wangen, und seine Haut schimmerte gräulich im Schein der Öllampen, die überall im Haus brannten. Die Blässe verlieh dem hageren Mann etwas Gehetztes, etwas Geisterhaftes. Dieser Mann sieht aus wie einer von Alheyds Kuchen, wenn sie zu früh von der Feuerstelle genommen worden waren, dachte Rungholt. Eingefallen. Als ob der schlanke Mann Rungholts Gedanken bestätigen wolle, ließ Smidel die Haustür kraftlos zufallen.
Einen Moment lang sahen die beiden Männer sich an, bevor Smidel ihn in die Diele bat, und Rungholt konnte feine rote Adern um Smidels stumpfe Iris erkennen. Mit einem Blick wies er Margot an, zuerst einzutreten, und folgte dem Goldschmied in den behaglichen Wohnraum, der mit kostbarem Wandschmuck behängt war. Malereien zierten die Wände und Balken, und Rungholt erkannte am gedrechselten Gestühl und den feinen Glasbechern, dass Margot sich nicht geirrt hatte: Theobald Smidel war gut betucht.
Er ist so vermögend, wie ich es einst war, schoss es Rungholt durch den Kopf, und erneut wollte sich das bittere Gefühl in ihm ausbreiten, das ihm bereits auf der tagelangen Fahrt nach München Bauchgrimmen bereitet hatte. Eine Mischung aus Trauer und Selbstmitleid. Gegen Letzteres kämpfte er stets so gut es ging an, aber dennoch war ihm angesichts der teuren Silberleuchter, bestickten Wandteppiche und des kostbaren Geschirrs zum Seufzen zumute.
»Nehmt Platz. Möchtet Ihr etwas essen? Soll ich Euch etwas bringen lassen?«
»Das wäre nett«, antwortete Rungholt, ohne zu bedenken, dass er damit vielleicht Margot vor den Kopf stieß, die zur Feuerstelle getreten war. Rungholt setzte sich auf die Bank, die unter Butzenfenstern stand. Das rote Abendlicht fiel herein und spielte mit den dicken grünen Scheiben, sodass ein merkwürdiges Violett entstand.
Anstatt selbst etwas für seinen Gast zu holen, wollte Smidel einen schlaksigen Jungen namens Imel zu sich rufen. Doch der Bursche, der etwas abseits am offenen Kamin saß, rührte sich nicht, sondern spielte lieber weiter mit einer Kunkel herum. Er benutzte das Stöckchen, auf dem eine kostbare Faser zum Spinnen gewickelt war, als Schwert und Staubbesen. Ungehorsam wischte er sich damit seine Schnabelschuhe ab und trällert versunken ein Lied. Offensichtlich hatte er kein Interesse, den Worten seines Vaters zu folgen. Verärgert erkannte Rungholt, dass der Junge die kostbare Faser zerstörte. Sie wurde viel zu dreckig, um daraus noch Garn zu spinnen. Der Junge war vielleicht sechs, sieben Jahre alt, und sein Haar stand wie Stroh vom Kopf ab. Seine Hände und Füße wirkten dürr für den sonst recht molligen Körper.
Rungholt benötigte nur einen kurzen Blick, und ihm wurde klar, dass er diesen Knirps nicht ausstehen konnte. Eigentlich mochte er Kinder, aber ungehörige Quälgeister waren ihm ein Graus.
»Imel«, rief Smidel. »Geh und bringe unserem Gast etwas Käse und Brot und etwas von dem Fisch, Kind.«
Endlich kam Bewegung in den Jungen. »Jawohl-jawohl. Brot-Brot«, trällerte er frech und grinste von einem bis zum anderen Ohr. Anstatt loszugehen, wie es sich geziemte, sprang und hüpfte er in Schlangenlinien durch die Diele und sang dabei reichlich schief: »Käse und Brot... Käse und Brot ist ein’ Arznei – pah, mir ist das einerlei.«
Rungholt musste den Kopf schütteln. Wäre sein Sohn jemals so unziemlich bei Besuch durch seine Diele gesprungen, er hätte ihn zu züchtigen gewusst. Gut, dass Rungholt nur Töchter hatte.
»Mein Sohn, er ist ein wenig … Nun, er hat Flausen im Kopf, weil er wohl noch nicht begriffen hat, was mit seiner Mutter geschehen ist«, versuchte Smidel das schlechte Benehmen zu entschuldigen. »Nehmt es ihm nicht übel. Er ist blitzgescheit, aber albert herum wie … »Smidel winkte ab. »Es ist nicht leicht. Für uns alle.«
»Wie ich hörte, habt Ihr mit meiner Tochter bereits gesprochen.«
»Sie hat Euch bereits angekündigt.« Smidel nickte. »Ihr wollt die Reliquien sehen, habe ich recht?«
Rungholt bejahte. »Ich werde sehen, ob ich eine Spur von Eurem Weibe finde«, meinte er. »Aber ich kann Euch nichts versprechen. Sie ist schon sehr lange verschollen.« Er fischte ein Holzetui aus einem Beutelchen, das er neben seinen Geldsäckchen an seinem schweren Ledergürtel trug, und schob es auf. Darin lag seine Lesebrille. Nachdem er ständig seine Brille verlegt hatte, hatte er vor einigen Wochen ein kleines Kästchen mit einer Öse anfertigen lassen. Er hatte es für eine gute Idee gehalten, seine kostbare Brille so zu schützen, aber es hatte nicht geholfen. Verärgert musste Rungholt feststellen, dass eines der kostbaren venezianischen Gläser zerbrochen war. Wahrscheinlich war es geschehen, als die Pfaffen ihn aus der Kirche geworfen hatten. Er untersuchte die Brille mehrmals grimmig, steckte sie sich schließlich trotz des gesprungenen Glases auf die Nase und begann Smidels Aussagen in seine Wachstafeln zu ritzen. »Ihr habt Euer Weib also zu einem Freund geschickt? Letzten Dienstag?«
»Ja. Ich hatte noch in der Kapelle zu tun. Die – die kleine Kirche im Alten Hof, wisst Ihr?«
Rungholt nickte, da ließ ihn ein Aufschrei herumfahren. Margot wischte sich fluchend die Augen, weil Imel sie erschreckt hatte. Der Junge hatte noch immer kein Essen geholt, sondern sich zu Margot an die Feuerstelle gestellt und ihr etwas Asche ins Gesicht gepustet. Gewiss nur Spiel, dennoch hätte Rungholt den Bengel am liebsten geschnappt und ihm eine ordentliche Tracht Prügel geschenkt. Lachend lief Imel um Margot herum und dachte nicht daran, sich bei seinem Besuch zu entschuldigen.