Kletterdrache - Heribert Wolf - ebook

Kletterdrache ebook

Heribert Wolf

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Opis

Kerstin lebt zurückgezogen am Rande einer Großstadt in einem Hochhaus. In ihrer Freizeit hat sie ausschließlich Kontakt zu ihrer Mutter und zu ihrem Vater im Pflegeheim. Der Umgang mit ihren Kollegen in einem Büro für Landschaftsplanung beschränkt sich aufs Notwendigste. Von dem neuen Mitarbeiter, der am Arbeitsplatz ihr gegenüber sitzt, fühlt sie sich belästigt und beschließt ihm nachzustellen. Hierbei geht sie ungeschickt vor und wird Zeuge eines Verbrechens dessen Folgen sie sich nicht entziehen kann.

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EPUB

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Heribert Wolf

Kletterdrache

Engelsdorfer Verlag

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

978-3-86901-784-6

Copyright (2010) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Das Gras am Rande des Rasens...
Das anstehende Wochenende...
Der Besuch bei ihrer Mutter spulte sich...

Das Gras am Rande des Rasens griff zunehmend auf die Spielplatzfläche über und wurde dort vom Pflegeschnitt nicht mehr erfasst. Die Kleinkinder, die sich in dem großen Sandkasten oder in einem auf Holzstützen errichteten Spielhaus tummelten, schien das wenig zu stören. Eine Drachenfigur aus Holz mit seitlich eingelassenen Schwingflügeln, die man aus Kunststoff gefertigt hatte, wurde von ihnen nur selten genutzt und fristete ihr Dasein mehr oder weniger unbeachtet.

Kerstin saß auf der Bank am Rande des Spielplatzes unmittelbar vor dem Ungetüm und blickte auf den Baum, der links vor ihr stand. Junge Triebe, die schon unterhalb der ersten Astgabelung hervor kamen, schienen dem Stamm folgend senkrecht in den Himmel zu wachsen. Gedanklich führte sie eine Heckenschere in der Hand und schnitt die Triebe ab, weil sie ihrem Ordnungssinn widersprachen. Die wilden Grasbüschel auf der Spielplatzfläche, die sanft ihre Knöchel streichelten, zog sie im Geiste aus dem Boden und zauberte so ihre Vorstellung eines ordentlich gepflegten Platzes.

Sie blickte in die Weite und sah die ihr vertrauten Bäume, die in unterschiedlichen Entfernungen den Eindruck einer unendlichen Parklandschaft vermittelten. So träumte sie, so ergänzte sie die Fortsetzung des Horizontes mit eigenen Bildern, ja sie stellte sich bisweilen vor, der Park würde durch das Meer begrenzt – ein Meer, das sie von der Bank aus nicht sehen konnte.

Der Park war ein Teil ihres Lebensraumes. Sie kannte ihn in all seinen Nischen und verschlungenen Wegen schon lange. Sie konnte sich eine ruhige Mittagspause außerhalb des Parks nicht vorstellen. Hierher kam sie immer um diese Tageszeit und setzte sich, wenn das Wetter es erlaubte, auf diese Bank – auf ihre Bank.

Zwei Mütter mit ihren beiden kleinen Kindern näherten sich dem Spielplatz und machten es sich auf einer gegenüberliegenden Bank bequem, während die Kinder auf den Sandkasten zustürmten. Für Kerstin war es immer die gleiche Szenerie, meistens Mütter mit Kindern, manchmal ein Vater darunter, oder eine Großmutter, deren Weisungen das ihr anvertraute Enkelkind nicht hören wollte.

Schon lange empfand sie beim Anblick von Kindern keine Sehnsüchte mehr, wie etwa, als sie noch Mitte dreißig war. Jetzt dachte sie nicht mehr darüber nach und nahm die Kinder in ihrem Umfeld als selbstverständlich hin, ohne Hoffnung, jemals eigene zu bekommen. Mit Anfang vierzig hatte sie sich damit abgefunden.

Trotzdem träumte sie noch immer vom Leben zu zweit, von einem Mann, der sie begleiten würde, und gab sich auch mit der Vorstellung versöhnt, dass er bereits Kinder mit in die Ehe bringen könnte.

Sie blinzelte auf und schaute in die Sonne, die ihre Strahlen nur spärlich zwischen den Bäumen auf ihr Gesicht fallen ließ. So saß sie im Halbschatten und wurde von der Realität geweckt, nachdem sie sich von der Uhrzeit überzeugt hatte. Sie stand auf und streifte ihren Herbstmantel glatt, schritt gemächlich auf den Weg zu, der den Park in seiner gesamten Länge durchquerte, und ging ins Büro zurück.

Es war bereits zwei Uhr mittags und Kerstin nahm sich vor, das Büro schon um sechzehn Uhr zu verlassen. Der Tag versprach, bis in die Abendstunden von hellem Sonnenschein beseelt zu sein. Sie wollte ihn nutzen und nach dem Abendbrot spazieren gehen.

Der Nachmittag im Büro verlief wenig ereignisreich, kaum ein Telefonanruf, die Kollegen sprachen sie nicht an und ihr Chef, Benjamin Wegner, ließ sich auch nicht blicken. So leise, wie sie morgens das Büro betrat – ohne überschwänglichen Gruß und nur mit leichtem Nicken, wenn ihr jemand im Aufzug oder im Flur begegnete – so leise verließ sie es wieder. Bis zu ihrer Straßenbahnhaltestelle brauchte sie nur eine Viertelstunde. Sie fuhr fünf Stationen und ging anschließend sieben Minuten bis zu ihrer kleinen Dreizimmerwohnung.

Das Hochhaus, indem sie wohnte, stand am Rande eines Parks, eines weit größeren Parks als der in der Nähe ihrer Arbeitsstätte. Sie holte ihren Hausschlüssel aus der Manteltasche und öffnete die schwergängige, im unteren Bereich verkratzte Aluminiumtür bis zum Anschlag. Die Wand dahinter hatte schon deutliche Spuren davon. Dann öffnete sie ihren Briefkasten – einer von vielen – an der Wand, die den Weg zum Fahrstuhl wies. Sie entnahm die übliche Werbepost und fuhr zu ihrer Wohnung im siebzehnten Stock.

Nachdem sie den Mantel und die Schuhe ausgezogen hatte, öffnete sie die Balkontür und ließ ihre Blicke gedankenverloren über die den Park säumende Häuserfront schweifen.

Hinter ihr klingelte das Telefon. Sie ging durchs Wohnzimmer auf die Kommode im Flur zu, wo der Apparat stand, und nahm den Hörer ab.

„Ja?“, fragte sie.

„Hallo!“

„Ach du bist es!“

„Wer soll denn sonst anrufen. Ich konnte dich heute Mittag im Büro nicht erreichen“, entgegnete die tiefe Frauenstimme am anderen Ende.

„Ich war heute Mittag etwas länger im Park, Mutter!“

„Du weißt doch, wenn ich dich mittags nicht erreichen kann, mach ich mir Sorgen!“

„Du hättest mich danach erreichen können.“

„Dass ich nach zwei Uhr meinen Mittagsschlaf mache, wirst du doch nicht vergessen haben?“

„Ja, Mutter – ich meine, nein!“

„Ist alles in Ordnung bei dir?“

„Hier ist alles in Ordnung, mir geht es gut. Und dir?“

„Mein Rheuma hat mich heute Morgen besonders geplagt. Und dann die Bieresch von nebenan mit ihrem Staubsauger – hat die genervt. Den ganzen Morgen über war das Ding an.“ Die Stimme ihrer Mutter klang gereizt.

„Warum gehst du nicht einfach aus dem Haus, wenn deine Nachbarin Staub saugt?“

„Soweit käm’s noch. Ich lass mich doch nicht von der vertreiben!“

„Mutter, ich will das gute Wetter heute noch genießen und gehe gleich spazieren. Ich komme dich, wie immer am, Samstag besuchen.“

„Damit rechne ich sowieso. Oder hältst du mich schon für vergesslich? Mir scheint, du willst mich los werden. Wenn du mich morgen nicht anrufst, werde ich dich anrufen. Du solltest dich mehr um mich kümmern!“

„Ja, Mutter, da hast du sicherlich Recht. Also dann bis morgen“, verabschiedete sich Kerstin und bemerkte, dass ihre Mutter den Hörer bereits aufgelegt hatte.

Sie ging in die Küche, holte ein Holzbrett aus dem Schrank und legte drei Brotscheiben darauf, die sie aus dem Brotkasten genommen hatte. Aus dem Kühlschrank nahm sie Margarine, Fleischwurst und Käseaufschnitt und legte alles auf einen Teller. Dann wusch sie eine Tomate, schnitt sie in Scheiben und gab Salz und Pfeffer darauf. Eine Flasche Wasser ohne Kohlensäure holte sie aus der Vorratskammer und stellte sie zum Abendbrot dazu. Dann schaltete sie das kleine Radio an, das an der Unterseite des Hängeschranks angebracht war, und setzte sich an den Küchentisch.

Auf die gleiche einfache Weise nahm sie jeden Abend ihr Essen ein; Warmes gönnte sie sich nur am Wochenende zu Mittag. Während der Mittagspause im Büro aß sie meistens nur eine Banane und einen Apfel nach einem mit Aufschnitt belegten Brot. Morgens griff sie regelmäßig zu Müsli mit Milch und Kakao. Sie glaubte, sich damit gesund zu ernähren und schaffte es ohne Sport – wozu ihr der Antrieb und das Interesse fehlten – ihr Gewicht zu halten. Ab und zu hinterging sie sich und griff besonders in der Nacht, wenn sie Hunger verspürte, zu Schokolade, die sie in einem CD-Ständer neben dem Bett liegen hatte.

Zum Abendessen gönnte sie sich ab und zu ein Glas Wein, aber heute verzichtete sie darauf, da sie noch spazieren gehen wollte.

Nach dem Essen putzte sie sich die Zähne, zog die Lippen mit einem Fettstift nach und streifte sich den Mantel über. Die Lederstiefel, die sie im Büro anhatte, tauschte sie mit bequemeren Schuhen. Nachdem sie die Wohnung sorgfältig verschlossen hatte, fuhr sie mit dem Aufzug wieder nach unten. Am Hauseingang kamen ihr drei lärmende Kinder entgegen, die auf eine Wohnungstür im Erdgeschoss zustürmten und daran förmlich kleben blieben, bis ihnen nach unaufhörlichem Klingeln geöffnet wurde. Kerstin blickte den Kindern gütig nach, blieb aber von ihnen unbeachtet.

Sie überquerte die Straße und schaute auf der anderen Seite zu ihrer Wohnung hoch. Das machte sie aus Gewohnheit; am Anfang noch, um sich zu vergewissern, dass sie das Licht ausgeschaltet hatte, nachdem sie im November vor fünf Jahren dort eingezogen war.

Sie folgte einem Weg, der zu einem kleinen See führte, den sie umrunden wollte. Auch in diesem Park hatte sie ihre angestammte Sitzbank. Sie stand am gegenüberliegenden Ufer des Gewässers und war besetzt. Ein Herr las dort eine Zeitung und blickte auf, als er sie kommen hörte. Sie schritt mit verstohlenem Blick an ihm vorbei und steuerte die nächste freie Bank an. Im Park ging sie den Menschen aus dem Weg, sie wollte mit ihren Gedanken allein sein und die Ruhe genießen, die nur durch schnatternde Stockenten und entferntem Kindergeschrei unterbrochen wurde.

Einmal wurde sie, als sie auf ihrer Bank saß, von einem älteren Herrn angesprochen, ob er sich neben sie setzen dürfe. Sie wollte nicht unhöflich sein und rückte zur Seite. Er mochte vielleicht zwanzig Jahre älter gewesen sein als sie. Er verstand es, sie in ein Gespräch einzubeziehen, das er aber nach einer Weile beendete, wieder aufstand und sich verabschiedete. Sie glaubte, etwas Falsches gesagt zu haben und war danach enttäuscht, aber zugleich auch erleichtert, die eingetretene Anspannung wieder zu verlieren.

Sie fand sich nicht so attraktiv, wie andere Frauen in ihrem Alter, und stellte deshalb keine hohen Ansprüche an einen Partner – wenn es sich denn einmal ergeben sollte. Doch den älteren Herrn hatte sie ganz nett gefunden und wäre ihm gern einmal wieder begegnet.

Verstohlen sah sie sich um, ob er vielleicht vorbeilaufen würde. Natürlich machte sie sich keine besonderen Hoffnungen, da er offenbar nicht zu den regelmäßigen Besuchern des Parks gehörte.

Ein Entenpaar näherte sich dem Ufer, geradewegs auf sie zu. Es schien, als beobachteten sie Kerstin genau, um dann zu entscheiden, dass sich ein Landgang nicht lohne.

Meistens hatte sie Brotreste mit, um Enten zu füttern. Heute dachte sie nicht daran und beobachtete, wie das gefiederte Paar auf dichtes Schilf zuschwamm.

Im nächsten Moment waren ihre Gedanken im Büro, bei ihrem Chef, Ben Wegner. Erst jetzt wurde ihr so richtig bewusst, dass er ihr heute noch nicht begegnet war. Fast täglich suchte er sie in ihrem Bürozimmer auf, um Aufgaben zu besprechen oder ihr neue Projekte zu geben.

Kerstin war Gartenbauingenieurin und arbeitete in einem mittelgroßen Büro mit wechselnder Belegschaftszahl. Die meisten Kollegen waren freie Mitarbeiter oder hatten befristete Arbeitsverträge. Kerstin hingegen gehörte zu den wenigen, die eine Festanstellung besaßen. Sie hatte das überwiegend ihrem Vater zu verdanken, der im selben Büro gearbeitet hatte und mit dem schon verstorbenen Seniorchef gut befreundet war. Kerstin gehörte sozusagen zum vererbten Inventar und genoss damit eine Sonderstellung.

Ihre Mutter hatte sich vom Vater, der jetzt an Demenz erkrankt in einem Pflegeheim lebt, vor circa fünfundzwanzig Jahren scheiden lassen. Kerstin wollte nicht daran denken, denn die wöchentlichen Besuche bei ihrer Mutter, die eineinhalb Stunden Autofahrt entfernt wohnte, und die Besuche beim Vater belasteten sie sehr.

Die Arbeit machte ihr im Grunde Spaß, allerdings wusste sie auch, dass ihr Chef mit ihren Leistungen nicht immer zufrieden war. Dennoch ging sie gerne ins Büro. Es befriedigte sie, unter Menschen zu sein, auch wenn sie eher zurückhaltend war und die Mitarbeiter nicht gerade den Kontakt zu ihr suchten.

Es begann kühler zu werden. Kerstin schlug den Kragen des Mantels hoch. Sie stand auf und umrundete den See, um auf dem gleichen Weg in die Wohnung zurück zu gelangen.

Das Planungsbüro für Landschaftsgartenbau lag im vierten Stock eines Geschäftshauses am Rande der Innenstadt. Im Erdgeschoss waren drei Läden untergebracht, eine Reinigung, ein Stehimbiss sowie eine Boutique, die an eine Passage grenzte und von dort aus die meisten Kunden anzog. Im ersten Obergeschoss arbeiteten ein Allgemeinmediziner und ein Rechtsanwalt. Im zweiten Geschoss gab es eine kleine Privatklinik für Schönheitsoperationen. Das dritte Obergeschoss stand zurzeit leer. Eine Firma, die dort Webdesign entwickelte, expandierte und war in größere Räumlichkeiten umgezogen.

Am Donnerstagmorgen war Kerstin bereits eine Stunde im Büro, als ihr Chef das Zimmer betrat.

„Guten Morgen, Frau Topfler.“

„Guten Morgen.“

Er gab ihr kurz die Hand, während sie zu ihm aufschaute.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte er.

„Danke gut.“ Sie lächelte ihn mit glänzenden Augen an.

„Leider habe ich gestern keine Zeit gehabt, mich um Sie zu kümmern.“

Sie lächelte weiter und schwieg.

„Soweit ich das überblicke, haben Sie das Zimmermann-Projekt abgerechnet. Sind Sie für eine neue Aufgabe gewappnet?“

Kerstin lächelte nun nicht mehr und blickte ihn mit ernster Miene an. „Eigentlich schon, aber es sind noch Mängel zu beseitigen. Ich habe die Schlussrechnung der Firma Petzold deshalb noch zurückgehalten.“

„Können Sie mir bitte die Schlussrechnung zeigen?“

„Ja, gerne!“ Sie zog einen Ordner aus dem Schrank, klappte den Aktendeckel auf und drehte sie Herr Wegner hin, so dass er das darin geheftete Schriftstück lesen konnte.

„Die Arbeiten sind doch alle ausgeführt.“ Herr Wegner sah auf das Schriftstück. „Um welche Mängel handelt es sich denn?“

„Die Kantensteine eines Weges“, entgegnete sie leise, „sie haben sich gesetzt. Das kann man so nicht lassen. Das sieht nicht gut aus.“

„Sonst nichts?“

„Nein, sonst ist alles ok!“

„Deshalb behalten Sie die gesamte Schlussrechnung ein? So, wie ich das abschätze, sind mindestens 99 % der Arbeiten ordnungsgemäß ausgeführt!“

„Ja, das ist richtig, aber wenn ich die Schlussrechnung jetzt freigebe, dann wird die Firma den Mangel so schnell nicht beheben. – Vielleicht überhaupt nicht.“

„Frau Topfler, Sie sollten eigentlich wissen, dass die Firma auf den überwiegenden Anteil der Summe Anspruch hat. Behalten Sie meinetwegen 20 % ein! Auf die wird sie sicherlich nicht verzichten wollen und den Mangel beseitigen, um auch den Rest bezahlt zu bekommen!“

„Ja, Herr Wegner. Das mach ich!“ Schuldbewusst schaute sie zu ihm auf.

„Gut! – Und halten Sie sich ran! Kommen Sie bitte Morgen um neun Uhr in mein Büro, wir sprechen dann den nächsten Auftrag durch.“

Anschließend fuhr Ben Wegner zu einer Großbaustelle. Eine Schlossparkanlage sollte neu gestaltet werden. Das Schloss gehörte der Landesregierung und war an ein Wirtschaftsinstitut vermietet, das dort Führungskräfte deutscher Unternehmen weiterbildete.

Der Auftrag war sehr lukrativ. Das Planungsbüro Wegner war mit der Maßnahme schon seit einem Jahr befasst. Die Bauarbeiten selbst begannen vor drei Monaten. Zuvor hatte es ausführliche Abstimmungsgespräche mit dem Landesamt für Denkmalschutz, der Wasserbehörde und der Landschaftsschutzbehörde gegeben.

Ben Wegner hatte die Aufgabe Torsten Kuhn übertragen, eines seiner besten Mitarbeiter, der gerade mit der Bauleitung des Projekts beschäftigt war. Wegner ließ sich mindestens einmal in der Woche an Ort und Stelle blicken – zu wichtig war das Projekt, letztlich auch für das Image seines Büros.

Als er dort eintraf, sah er Kuhns Geländewagen und parkte daneben. Er ging einen neu angelegten Weg entlang, auf die Stelle zu, wo mit einem Raupenbagger ein Weiher von Schlick und Algen befreit wurde. Torsten Kuhn stand am Rande und sprach mit dem örtlichen Vorarbeiter des Gartenbauunternehmens. Ben Wegner stellte sich neben sie und hörte eine Weile dem Gespräch zu.

Nachdem der Dialog zum Abschluss kam, fragte er seinen Mitarbeiter: „Wie geht’s voran?“

„Sie sehen ja, was los ist! In diesem Teil des Parks hätte die Firma nach Zeitplan schon vor zwei Wochen fertig sein müssen!“

„Und? – Wie begründet sie den Rückstand?“

Der Vorarbeiter sprach bereits mit dem Raupenführer, um Anweisungen zu erteilen, als Kuhn antwortete: „Angeblich war der Raupenführer eine Zeitlang auf einer anderen Baustelle eingesetzt. – Ausreden! Man hat mit der Firma Hartmann nur Ärger. Die Gruppe der Rotbuchen, die sie hinter der Orangerie neu gepflanzt haben, steht auch nicht exakt an vorgesehener Stelle. Ich hoffe die Landschaftsbehörde probt deswegen keinen Aufstand.“

„Hm.“

„Lassen Sie mich nur machen, Chef! Ich hab nur eine Bitte: Halten Sie mir den Rücken frei! Wenn es irgendwelche Probleme gibt, die Sie wissen müssen, werde ich Sie schon informieren. Sie müssen nicht jede Woche hier auftauchen!“

„Herr Kuhn, es geht mir nicht darum, Sie zu kontrollieren; ich möchte ein Bild vor Augen haben, wenn ich zum Beispiel von der Landesregierung nach dem Baufortschritt befragt werde. Das können Sie doch verstehen!?“

Torsten Kuhn winkte ab. „Tun Sie, was Sie meinen. Ich werde Ihnen ein zufriedenstellendes Ergebnis präsentieren. Kümmern Sie sich lieber um die Topfler!“

Torsten Kuhn stapfte mit seinen Gummistiefeln in Richtung Vorarbeiter, der seine Hände in die Hüften gestemmt, dem Raupenführer bei seiner Arbeit nun zuschaute.

So von seinem Mitarbeiter allein gelassen, ging Ben Wegner zurück zu seinen Wagen, wechselte die Schuhe und fuhr um das Schloss herum, um die Arbeiten auf der anderen Seite des Gebäudes zu begutachten.

Die Zusammenarbeit mit seinem Mitarbeiter Torsten Kuhn war nicht ganz leicht. Er kannte ihn schon seit Jahren und war von dessen Qualitäten überzeugt. Seinen Launen ließ er freien Lauf und ermahnte ihn nur, wenn sich ein Kunde oder eine Firma über ihn beschwerte, weil sein ungehobeltes Auftreten zu Unstimmigkeiten führte.

Als er das Büro betreten wollte, war Kerstin gerade dabei es zu verlassen.

„Na, Frau Topfler, schon Feierabend heute?“

„Ja – Sie noch nicht?“

„Haben Sie mich schon mal um diese Zeit nach Hause gehen sehen?“

„Nicht, dass ich mich erinnere.“ Sie lächelte ihn an und blickte nur kurz in seine Augen. „Wie geht’s denn mit den Arbeiten im Schlosspark weiter?“ Sie war sichtlich bemüht, das Gespräch nicht abbrechen zu lassen – nur eine andere Richtung sollte es bekommen.

„Na, Sie wissen doch, Frau Topfler, der Kuhn macht das schon richtig. – Ja, ich weiß, Sie mögen ihn nicht besonders.“

„Ja, wenn Sie das so sagen, dann muss ich das schon zugeben. Aber Sie haben es auch nicht immer leicht mit ihm.“

Ben Wegner blickte sie nachdenklich an. „Machen Sie sich keine Gedanken darüber. Gehen Sie nach Hause und gönnen sich einen schönen Abend. – Bis Morgen!“

Sie war bereits auf der zweiten Treppenstufe, als er ihr nachrief: „Frau Topfler?“

„Ja?“

„Nicht vergessen – Morgen, neun Uhr!“

Sie drehte sich um und antwortete ihm mit leuchtenden Augen: „Ja – sicher!“

Sie hatte sich noch nicht von ihm abgewandt, als er bereits hinter der Tür verschwand.

Nachdem Kerstin das Gebäude verlassen hatte, ging sie einen Umweg bis zur Straßenbahnhaltestelle, um an einem Bankautomaten das nötige Geld für den Rest des Monats abzuheben. Neben einem Strauß Blumen für ihre Mutter, den sie ihr immer mitbrachte, wenn sie sie am Wochenende besuchte, wollte sie ihr einen kleinen Fußschemel kaufen, damit sie es noch bequemer in ihrem Sessel hat. Ein Wunsch, den ihre Mutter letzte Woche geäußert hatte. In einem Möbelladen in der Nähe der Haltestelle wurde sie fündig.

Nach dem Abendessen ging sie wieder im Park spazieren. Währenddessen dachte sie an ihren Chef und musste sich gestehen, nicht in einem anderen Büro arbeiten zu wollen. Ja, es war ihr schon lange klar, dass sie eine gewisse Zuneigung zu Ben Wegner entwickelte. Vielleicht war es sogar Liebe. So genau wusste sie das nicht, denn wirkliche Liebe hatte sie noch nie empfunden. Das war für sie ein echtes Problem. Sie kannte die Ursachen – ihr zurückhaltendes Wesen und ihre Hemmungen, die sie nicht ablegen konnte und die ihr in jeder Hinsicht hinderlich waren auf andere Menschen zuzugehen, Bekanntschaften zu schließen oder sogar einen Mann kennenzulernen.

Eigentlich wollte sie es auch nicht anders, aber es gab Momente in ihrem Leben, wo sie das zutiefst bekümmerte. Auch gab es solche Momente, in denen sie sich zu dem bekannte, wie sie war und sich dabei wohl fühlte. An solchen Tagen – meistens Wochenenden – blieb sie am liebsten zu Hause, las ein Buch und lag dabei vorwiegend im Bett.

Im Büro war Ben Wegner noch damit beschäftigt, in einer Akte zu blättern. Es handelte sich um ein Klageverfahren zwischen seiner Firma und einem Auftraggeber, der die Honorarrechnung nicht vollständig bezahlen wollte, wahrscheinlich erhielt er keinen Bankkredit mehr.

Frau Maren Schimpf, das Mädchen für alles, so nannte sie sich selbst, obwohl sie nahezu schon sechzig war, kam auf ihn zu und legte noch zwei neue Aufträge auf den Tisch.

„Machen Sie nicht mehr so lange, Chef!“

„Keine Sorge, Maren.“

„Na, die Topfler hat Sie heute wieder angehimmelt!“

„Wann sollte das gewesen sein?“

„Ach tun Sie doch nicht so, als ob Sie das nicht bemerken.“

„Na, Frau Schimpf, Sie werden doch nicht etwa eifersüchtig sein?“

„Eifersüchtig? Auf die?“

„Eben“, sagte er und wollte sich wieder in die Akte vertiefen.

Sie schaute ihn mit einem amüsant mitleidigen Blick an: „Sie können mir wirklich manchmal leidtun Chef. Die saugt Sie ja mit ihren Augen förmlich auf.“

„Na, wissen Sie Maren, eigentlich ist sie ein armes Ding!“

„Und ein Erbstück! – Was wollen Sie mit einem Erbstück ... zum Beispiel mit einer Kommode, wenn sie nicht in Ihre Wohnung passt?“

Ben legte seinen Kugelschreiber aus der Hand und lächelte sie an: „Ich wünsche Ihnen einen schönen Feierabend, Frau Schimpf! Und wenn Sie nicht aufpassen, dann mach ich aus Ihnen eine Wäschetruhe. Die kann ich ganz bestimmt in meiner Wohnung gebrauchen.“

Sie lachte und verschwand aus dem Zimmer.

Ben Wegner verstand sich, wie die meisten seiner Mitarbeiter, mit Maren Schimpf, und er wusste, dass der gepflegte Umgang mit ihr zur guten Stimmung im Büro beitrug. Einige übertrieben sogar und behaupteten – nicht er, sondern die Schimpf hätte heimlich das Zepter in der Hand.

Am nächsten Morgen klopfte Kerstin um neun Uhr dezent an die Bürotür ihres Chefs.

„Kommen Sie herein!“

Sie öffnete die Tür so leise, als fürchtete sie, ihn zu stören. Auf dieselbe Weise schloss sie die Tür hinter sich wieder.

„Guten Morgen, Frau Topfler, nehmen Sie Platz!“ Ein kurzer Blick genügte ihm, um festzustellen, dass etwas Make-up ihre Attraktivität durchaus steigern würde, während ihre Kleidung stets angemessen, nur ein Tick zu konservativ war.

„Guten Morgen.“

„So, Frau Topfler, setzen Sie sich! Folgendes: hier habe ich die Unterlagen. Es handelt sich um die Neugestaltung eines Grundschulhofs. Wie Sie sich denken können, hat die konjunkturelle Spritze der Regierung den Gemeinden unerwarteten Geldsegen eingebracht. Nun müssen sie ihn fristgerecht ausgeben. Das heißt, das Projekt muss spätestens in vier Monaten fertiggestellt sein.“ Er schaute sie besorgt aber nicht unfreundlich an. Natürlich hatte er Zweifel, ob sie das in dieser Zeit schaffen würde. Das Projekt war ihm zu wichtig, um es aus den Augen zu lassen. Deshalb beschloss er, ihr regelmäßig über die Schultern zu schauen.

„Das werde wir schon schaffen“, entgegnete Kerstin und lächelte ihm ergeben entgegen.

„Vor allem müssen Sie das schaffen, Frau Topfler! Unterstützung werden Sie nicht bekommen. Sie wissen, wir haben zurzeit genug Projekte zu bearbeiten.“

„Ja, Herr Wegner.“ Sie hielt ihre Hände im Schoss vergraben und blickte auf einen Lageplan des Schulgeländes, den er ihr entgegen schob. Er erläuterte ihr die Aufgabenstellung und anhand eines Bestandsplanes, die Teilflächen, die sie in Angriff nehmen sollte. Im Wesentlichen war eine Pausenhoffläche zu gestalten, die die Kinder zum Spielen animieren sollte, um die unterrichtsfreie Zeit mit ausgleichender Bewegung auszufüllen. Eigentlich handelte es sich um das übliche Programm. Die alte Teerdecke musste abgetragen werden, um dem Ganzen mit Pflastersteinen, Rasen, Bäumen und Spielgeräten ein attraktiveres Bild zu geben. Das Büro hatte eine solche Aufgabe nicht zum ersten Mal im Programm, und sie stellte somit keine besondere Herausforderung dar.

Für Kerstin allerdings schon, wie jede Aufgabe, die sie zu bearbeiten hatte. Das wusste Ben Wegner und blickte ihr zweifelnd hinterher, nachdem sie die Unterlagen genommen hatte und den Raum verlassen wollte.

„Ach, Frau Topfler!“

„Ja?“ Sie drehte sich um und schaute ihn erwartungsvoll an.

„Noch etwas. Nehmen Sie bitte noch mal Platz! Ich hoffe Sie sind damit einverstanden: Sie wissen, dass wir momentan eine Menge Aufträge haben. Ab nächster Woche bekommen wir Hilfe. Ein Herr Richter wird uns unter die Arme greifen – zunächst für ein Jahr. Er hat letzte Woche einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Tut mir Leid, Frau Topfler, aber in ihrem Zimmer ist noch Platz für einen zweiten Schreibtisch. Ich kann Ihnen nicht länger das Privileg zugestehen, allein zu residieren. Der Schreibtisch und die Hardwareausrüstung wird heute Nachmittag geliefert. Sie müssen sich den Raum mit dem neuen Kollegen teilen!“

Sie nickte und schaute ihn, den Kopf seitlich zu ihm gerichtet, mit gerunzelter Stirn an: „Ja, wenn es nicht anders geht!? – Das ist schon in Ordnung!“

Ben Wegner konnte an ihrem Gesichtsausdruck ablesen, dass ihr die Neuigkeit nicht besonders gefiel.

„Sie werden sich schon aneinander gewöhnen. Herr Richter ist schon Ende fünfzig und macht einen sehr erfahrenen Eindruck. Eigentlich auch ganz nett. Sie werden bestimmt mit ihm gut auskommen. Er wird übrigens die Neugestaltung eines Sportparks übernehmen.“

„Gut.“ Sie nickte ihm zustimmend entgegen. „Da bin ich ja mal gespannt!“ Sie behielt den auf ihn gerichteten Blick bei, als erwartete sie weitere Neuigkeiten. Sie stand erst auf, als sich Ben Wegner in seinem Stuhl zurücklehnte, und blickte dann noch mal zu ihm zurück, bevor sie die Tür erreichte und das Zimmer verließ. Ben Wegner kannte ihre gewundene, verlegene Art und achtete deshalb nicht weiter auf sie, nachdem er den Telefonhörer in die Hand genommen hatte und eine Nummer wählte.

Kerstin saß eine Weile in ihrem Zimmer und blickte sich nachdenklich um. Sie würde ihren Schreibtisch etwas näher zu sich rücken müssen, damit der Tisch und der Stuhl ihres Gegenüber davor gestellt werden konnte. Einige ihrer Pflanzen, unter anderem ein Gummibaum und eine Fette Henne, wollte sie mit nach Hause nehmen – womöglich würde der Neue das Fenster aufreißen. Zugluft wollte sie ihren Lieblingspflanzen nicht zumuten.

Begeistert war sie jedenfalls nicht über diese Neuigkeit – der Arbeitsplatz hätte auch in einem anderen Bürozimmer eingerichtet werden können. Sie würde aber ihrem Chef niemals widersprechen. Im Gegenteil, für ihn würde sie alles tun. Und so nahm sie die Veränderung hin, nicht ohne Unbehagen im Hinblick auf die nächste Woche.

Kerstin gehörte zu den Menschen, die morgens nur schwerlich aus den Federn kamen. Am Wochenende gönnte sie sich meistens ein paar Stunden länger im Bett. An diesem Samstag war sie deshalb wie gewohnt erst gegen neun Uhr auf den Beinen. Sie wollte zu ihrem Vater ins Pflegeheim, anschließend ihre Mutter besuchen und dort über Nacht bleiben.

Sie besaß einen älteren Ford. Er war hellblau und mit reichlich kleinen Dellen und Kratzern verziert – Blessuren von Begegnungen mit Betonstützen in der Tiefgarage der Wohnanlage, in der der Wagen meistens unbenutzt auf gemieteter Fläche stand.

Kerstin war im Grunde keine leidenschaftliche Autofahrerin und ließ ihren Wagen lieber unberührt. Ins Büro fuhr sie mit der Straßenbahn. Und wenn sie zu einer Baustelle musste, nahm sie den Kleinwagen, der den Mitarbeitern des Ingenieurbüros zu Verfügung stand. Mit dem eigenen Wagen unternahm sie nur die regelmäßigen Wochenendfahrten zu ihrem Vater und ihrer Mutter.

Gegen zehn Uhr dreißig verließ sie die Wohnung und steuerte ihren Wagen auf den Parkplatz eines in der Nähe gelegenen Verbrauchermarktes. Dort kaufte sie für sich und ihre Mutter, bevor sie ihre Wochenendtour unternahm, regelmäßig Lebensmittel und fuhr dann zunächst nach Hause, um ihren Teil in der Küche abzulegen.

Ihre Kleider für die eine Nacht hatte sie meistens schon einen Tag zuvor in eine Tasche gepackt, die sie nun an sich nahm und zu ihrem Fahrzeug ging, um im Pflegeheim zunächst ihren Vater zu besuchen. Geschenke oder irgendwelche Lebensmittel brachte sie ihm nur selten mit, da er nicht mehr in der Lage war, die Dinge zu erkennen. Vor nicht allzu langer Zeit freute er sich noch, wenn sie ihm ein Körbchen Mirabellen mitbrachte, die er immer schon gerne gegessen hatte, und ab und zu fütterte sie ihn noch damit, weil sie glaubte, in seinem Gesichtsausdruck eine anerkennende Regung festzustellen. Ihre Besuche wurden mit der Zeit aber immer kürzer, da eine Unterhaltung mit ihm nicht mehr möglich war, obwohl er sie ab und zu noch erkannte.

Sie half der Pflegerin, ihren Vater aufrecht zu halten, damit sie ihm den Rücken waschen konnte, und fuhr ihn im Rollstuhl, nachdem er wieder angekleidet war, für einen kurzen Moment auf den Balkon des Speiseraumes, damit er gut zugedeckt frische Luft einatmen konnte. Danach gab sie ihn wieder in die Obhut der Schwester und verschwand.